10 Tage Freiheit - Friedrich Buchmann - E-Book

10 Tage Freiheit E-Book

Friedrich Buchmann

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Beschreibung

In dem Buch "Zehn Tage Freiheit" bekommt Friedrich Buchmann zu DDR-Zeiten eine Einladung zu einer Hochzeit in den Westteil Deutschlands. anschaulich und tief ins Detail gehend beschreibt der Autor die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Wird er diese zehn Tage Freiheit antreten dürfen und wird er sie genießen können? In dem Buch "Zehn Tage Freiheit" bekommt Friedrich Buchmann zu DDR-Zeiten eine Einladung zu einer Hochzeit in den Westteil Deutschlands. anschaulich und tief ins Detail gehend beschreibt der Autor die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Wird er diese zehn Tage Freiheit antreten dürfen und wird er sie genießen können? Zum 13. August 2021, dem 60sten Jahrestag der Befestigung der Staatsgrenze der DDR, präsentiert der Autor Peter Boge diese Erzählung in Erinnerung an die Opfer der Deutschen Teilung.

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Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Siehst du den Vogel dort,

dort am Horizont,

er fliegt ganz einfach fort,

zu diesem ersehnten Ort.

Über die Grenze, wo ich nie war,

doch der Vogel war schon tausendmal da.

Inhaltsangabe:

Diese Buch erzählt eine wahrende Begebenheit über einen BRD-Besuch zur DDR-Zeit, 1988 zu einem Hochzeitfest im Ruhrgebiet. Es schildert, die genaue Beantragung der Reisedokumente, den Grenzüberfahrt mit dem Zug, die Hochzeitsfeier, den Aufenthalt im Ruhrgebiet, lustige Episoden über die gesamte Zeit des Besuches und die Rück-Fahrt mit Grenzkontrollen

Friedrich Buchmannn

wurde am 17.09. 1946 in Nachterstedt Sachsen-Anhalt geboren. Nach Abschluss der 10–klassigen polytechnischen Oberschule und der Lehre als Elektromonteur studierte er an der Ingenieurschule für Bergbau und Energie Senftenberg Elektroingenieur. 1971 nahm er eine Tätigkeit als Elektrotechnologe in der WEMA Aschersleben auf. Ab 1973 arbeitete er als Energetiker und Abteilungsleiter für Grundfondwirtschaft im VEB Kindermoden Ascherleben.Nach der Wende 1989 wechselte er in die Kreisverwaltung Aschersleben als Leiter der Abteilung Wirtschaftsförderung. Im November 1998 beendete ein Hirninfarkt sein berufliches Leben.

1999 erlernte er autodidaktisch mit dem PC zu arbeiten, um diesen therapeutisch zu nutzen. Er begann kleine Texte und Gedichte zu schreiben, um seine durch den Infarkt verlorene Sprache wieder zu erlernen und sein Gehirn zu trainieren.

In den weiteren Jahren schrieb er etliche Kindergeschichten und viele neue Märchen. Doch diese Geschichte ist kein Märchen, es ist die reinste Wahrheit. Er ist bis heute seinem Geburtsort treu geblieben und lebt dort immer noch mit seiner Frau Karin.

Ich sitze auf dem Stuhl in meinem Büro und es war Dienstagnachmittag kurz vor Feierabend.

Wir alle warteten auf das Klingelzeichen, das den Arbeitstag beendete. Ich arbeitete in einem Konfektionsbetrieb und war dort Abteilungsleiter für Grundfondsmittel. Mit Grundfondsmittel kann wohl keiner etwas anfangen. Grundfonds sind alle Maschinen und Ausrüstungen, sowie bauliche Einrichtungen, kurz gesagt, für deren Instandhaltung, Erneuerung, und Abschreibung war ich verantwortlich. Ich bewirtschaftete sie.

Dafür hatte ich einen russischen PC. Dieser war fast so größer, als ein Schreibtisch. Er wurde in Russland, ehemalige SU (Sowjetunion), hergestellt. Man kann es gar nicht glauben, dass die SU Raketen in den Weltraum schickten. Nun weiß ich auch warum die Raketen so schwer waren und damit prallten sie noch gegen die USA.

Gekauft hatte den PC von einem Betrieb aus einer Kleinstadt am Rande des Harzes, den sein Leiter mit einem selbstgebastelten Fluggefährt, nach der BRD fliegen wollte, um dort zu bleiben. Auch war ich für die Ersatzteilbeschaffung zuständig. In meinem Büro arbeitete meine Sekretärin, eine Disponentin, der Hauptmechaniker. Er war gleichzeitig Meister der Reparaturwerkstatt des Betriebes. Wir waren einer der größten Betriebe, der Oberbekleidung für Mädchen in der DDR herstellt. Bei uns im Stammwerk arbeiten ca. 400 Frauen und 40 Männer. Da kamen auf jeden Mann zehn Frauen. Wir hatten noch 6 Werke und 10 Außenstellen. In den Werken arbeiteten nochmals ca. 1500 Frauen. Unser Betrieb war also ein Großbetrieb in der DDR. Auch in den Außenwerken war ich für die Grundfonds zuständig, mir wurde also bei meiner Arbeit nicht langweilig und ich musste Öfter dort hinfahren. Wie gesagt, es war an einem Dienstag Ende April 1987. Es war kein schöner Tag, da es nach der Arbeit zum Gartengraben in diesen ging. Das Ende der Arbeit wird akustisch mit dem Klingeln angezeigt, wir verlassen dann die Arbeitsstelle.

Endlich Feierabend, denn es war ein aufregender Tag, eigentlich waren alle Tage aufregend und spannend. Ich fuhr mit dem Zug der Deutschen Reichsbahn nach Hause. Die Wagen des Zuges waren ziemlich herunter gekommen. Und sehr unrein. Meiner Meinung wird hier nur alle drei Tage sauber gemacht.

Auch ein guter Name, Deutsche Reichsbahn, in der DDR ein seltsamer Name. Eigentlich wollte die DDR nichts mehr mit der früheren Zeit zu tun haben. Und warum dann der Name Reichsbahn? Ich wusste es nicht, bis heute nicht. Unser Betrieb lag in einer Kreisstadt irgendwo in der DDR. Sie hatte circa Fünfunddreißigtausend Einwohner. Durch meine Kreisstadt verliefen drei Landstraßen Eine führte fast bis zu unserem Haus.

Dort wohnte ich in einem kleineren Ort, irgendwo in der DDR, der circa zwölf Kilometer von der Kreisstadt entfernt lag.

Mein Heimatdorf war eine Bergarbeitersiedlung. Kurz nach vier war ich zu Hause.

Mein Dorf wurde 961 in einer Urkunde Ottos II. erstmals erwähnt. Der Ort wurde dem Markgrafen Gero geschenkt. Es wird jedoch eine um etwa 500 Jahre frühere altsächsische Besiedelung des Gebietes vermutet. Wie auf dem Wappen angedeutet (Schwan und Fisch), lebten die früheren Bewohner vom Fischfang, nach der Trockenlegung Sees teilweise vom Torfstechen und in der Folgezeit von der Landwirtschaft wegen der guten Böden auf in diesem Gebiet.

Wir, meine Frau und meine zwei Söhne, wohnen noch heute dort in einem eigenen Haus. Für die Behörden und die Wohnungskommission zählte das Haus als Zweifamilienhaus.

Es hatte aber keine zwei abgeschlossenen Wohnungen. Die Oma meiner Frau wohnte auch noch im Haus mit. Wie jeden Tag leerte ich den Briefkasten. Nahm die Zeitung heraus und noch zwei Briefe.

Ein Brief war für meine Frau. Ihre Freundin aus Berlin hatte geschrieben. Der andere Brief war aus Essen, also aus dem Westen, Absender des Briefes war meine Cousine.

Es war ein ziemlich dicker Brief. Ich ging in die Küche, packte zuerst meine Tasche weg, zog Jacke und Schuhe aus, setzte mich an den Küchentisch und machte den Brief auf. Mir fielen sehr viele Schriftstücke entgegen. Urkunden von meinen Großeltern und von meiner Tante, ein Aufgebot von der Tochter meiner Cousine und eine Einladung zur Hochzeit. Ich war ganz verwirrt, denn die Tochter hatte meines Wissens nach vor einem Jahr in Italien geheiratet. Nun überlegte ich, warum heiratete sie noch einmal? War sie schon wieder geschieden?

Die Einladung zeigte eine kirchliche Trauung an. Daraus leitete ich ab, dass sie in Deutschland kirchlich heiraten wollten. Laut Aufgebot hieß der Bräutigams Franko Graschetti, eigentlich ein wohlklingender Name. Die Küchentür ging auf, meine Frau und unser kleiner Sohn standen in der Küche, wir begrüßten uns wie immer, mit einem Küsschen. Meine Frau wollte wissen, von wem wir Post hatten und was ich gerade las? Ich erklärte ihr, dass der Brief aus Essen von meiner Cousine kommt. Sie möchte mich zur Hochzeit ihrer Tochter einladen und hat mir dazu die nötigen Unterlagen geschickt. Meine Frau lachte und meinte: „Glaubst du wirklich, dass die ausgerechnet dich in den Westen fahren lassen? Der Verwandtschaftsgrad zu der Tochter deiner Cousine ist doch schon so weit entfernt. Das wird nichts! Glaube mir, den Antrag und die Wege kannst du dir sparen. Meines Wissens hat sie vor einem Jahr schon geheiratet.“

Ich erwiderte: „Ja, vor einem Jahr haben sie standesamtlich in Italien geheiratet und in 8 Wochen wollen sie sich noch kirchlich in Deutschland trauen lassen. Du weißt doch, dass Italiener sehr religiös sind. Dort zählt eine Ehe erst, wenn sie vor Gott vollzogen wird.“

„Ich glaube nicht an Gott, ich bin nicht so erzogen“, meinte meine Frau. Ich bin nicht religiös und habe keine kirchliche Hochzeit gefeiert. Wir wollten, aber ich hätte gerne. Dafür musste ich meine Konfirmation nachholen. So religiös war ich nun auch nicht, darum haben wir es gelassen. Wäre aber bestimmt feierlicher gewesen. Dann nahm sie den anderen Brief und öffnete ihn. Zum Vorschein kamen Bilder vom letzten Besuch ihrer Freundin bei uns. Ich legte die Einladung mit den Unterlagen zusammen und packte sie in den Wohnzimmerschrank.

Dann schaute ich mir die Bilder an.

„Fotogen bin ich nun wirklich nicht“, sagte ich zur meiner Frau. „Du bist zu fett“, meinte sie.

Sie hatte natürlich recht. Aber ich wollte es nur nicht so richtig wahrhaben. Irgendwie war ich innerlich sehr aufgeregt. Mir kam die Einladung nicht aus dem Kopf, deshalb ging ich wieder in das Wohnzimmer und suchte das Stammbuch meiner Eltern. Dort war auch der Verwandtschaftsgrad von meiner Mutter gegenüber meiner Tante und zu meiner Cousine nachweisbar, meine Mutter und meine Tante waren leibliche Geschwister. Wenn ich aber so nachdachte, war das Blut der Tochter meiner Cousine zu mir wirklich sehr, sehr dünn. Also hatte meine Frau vielleicht doch recht, wenn sie sagte, die lassen mich nicht in den Westen fahren. Aber im Hinterkopf hatte ich so ein Gefühl, Wilhelm versuche es doch mal. Und wer nicht wagt, der gewinnt auch nicht. Ich legte unser Stammbuch mit zu dem Brief mit den Unterlagen in den Wohnzimmerschrank. Dann ging ich in die Küche, dort waren meine Frau mit unserem jüngsten Sohn, sie machten zusammen Schulaufgaben Er musste Lesen üben. Als er die Seite fertig gelesen hatte, meinte ich zu meiner Frau: „Ich werde morgen auf das Polizeiamt fahren und mal nachfragen.“ Meine Frau antwortete: „Tu, was du nicht lassen kannst, du wirst doch kein Glück haben“.

„Wir werden ja sehen“. Ich ging dann in den Keller, um mal nach unserem Heizkessel zu schauen. Wir hatten zum Glück in unserem Haus eine Zentralheizung. Mein Schwiegervater installierte nach seiner eigentlichen Arbeit, Heizungen. Er hatte uns eine Heizung besorgt. Zwar waren in jedem Zimmer verschiedenartige Heizkörper, aber wir hatten eine Zentralheizung und dadurch war jeder Raum warm. Ich hatte beim Rat des Kreises einen Bilanzschein für eine Heizung beantragt. Diesen Schein nach fünf Jahren bekommen und die Heizung, 8 Heizkörper mit jeweils 10 Rippen und einen Kessel GK 25 gekauft. Die Heizung stand im Keller, um sie günstig verkaufen zu können, oder gegen etwas anderem dafür zu tauschen. Jahre später hatte ich sie dann meinen Schwager verkauft, für das gleiche Geld, was ich dafür ausgegeben hatte. Er hat sie aber auch für dasselbe Geld weiter verkauft, plus einer Trabi-Autoanmeldung. Wo gleich der Trabi zur Auslieferung kam. So bekam er nach vier Wochen seinen nagelneuen Trabi. Ohne diese Anmeldung hätte er sonst 8 bis 12 Jahre warten müssen. Seine eigene Anmeldung war damals erst 2 Jahre alt. Jeder in der DDR ab 18 Jahren, hatte sich, auf ein Auto anmeldet. Es war vollkommen egal, ob es Vater, Mutter, Oma oder Opa waren, Hauptsache, man hatte eine Anmeldung. Mit dieser konnte man, wenn sie reif für die Zuteilung war, man das Fahrzeug nicht selbst brauchte oder das Geld für das Fahrzeug nicht hatte, gute Geschäfte machen. In der DDR musste jedes neue Fahrzeug in bar bezahlt werden. Allein die Autoanmeldungen wurden zwischen 1000 und 3000 DDR-Mark gehandelt.

Es war Mittwochmorgen, heute war ich mit dem Auto, natürlich auch einem Trabi, zur Arbeit gefahren. Wenn ich mit dem Trabi zur Arbeit fahre, dann konnte ich immer eine Stunde länger schlafen. Mein Zug fuhr sonst schon früh und ich war dann circa in eine halbe Stunde auf meiner Arbeitsstelle. Die Arbeit fing erst um sechs Uhr an. Wenn ich mit dem Zug fuhr, hatte ich jedes Mal eine Dreiviertelstunde verlorene Zeit. Aber mit dem Trabi konnte man auch nicht jeden Tag fahren. Das war einfach zu teuer, der Liter Benzin kostete 1,60 DDR-Mark. Ich hatte zwar eine gute Stellung in unserem Betrieb, aber so gut war die Bezahlung auch nicht.

Und so wie im Westen, wo man seine Fahrten mit dem Auto zur Arbeit von der Steuer absetzen konnte, das gab es bei uns nicht. Bei uns gab es keine Steuererklärung, mit den monatlichen Abzügen vom Gehalt war alles erledigt. Um fünf vor sechs überfuhr ich die Werksgrenze, man vermisste mich schon. Sonst war ich ja immer der Erste und kochte für alle im Büro immer Kaffee, Moccafix. Die Krönung oder andere Sorten gab es nur im Intershop. Westgeld hatte ich leider nicht. Heute war das anders. Mein Kollege, der Kurze, hatte schon Kaffee angesetzt. Er dachte, ich hätte den Zug verpasst, oder ich sei krank. Dass ich mit dem Auto kommen konnte, daran dachte er nicht. Natürlich war seine erste Frage, was los sei, oder ob ich heute einen dringenden Termin hätte? „Natürlich“, sagte ich und erzähle ihm von dem Brief und der Einladung. Der Kurze war vor einem halben Jahr auch im Westen. Auch er sagte: „Ob sie dich fahren lassen, zu der Tochter deiner Cousine. Da ist die Blutverwandtschaft schon weit entfernt. Wenn es deine Cousine wäre, dann vielleicht.“

„Wir werden sehen“, meinte ich. Dann sagte er: „Heute ist Mittwoch, da haben sie auf dem Polizeiamt nur bis Mittag um 12.00 Uhr auf, das heißt, du musst also heute Vormittag dorthin“. Der Kurze beschrieb mir den Ablauf der Antragsstellung. Schön zu wissen, was auf mich zu kommen wird. Mittlerweile waren auch die Sekretärin und Toni gekommen. Wir trinken jeder eine Tasse Kaffee und machten dabei unsere morgendliche Dienstbesprechung. Mein Kollege ging danach meistens runter in die Werkstatt und teilte die Handwerker (Schlosser, Elektriker und Mechaniker) ein. Diese Arbeit wird routinemäßig früh ab Arbeitsbeginn durchgeführt. Auch meine Tasse Kaffee war leer und darum ging ich zu meinem Chef. Ich war dem technischen Direktor unterstellt, dieser hatte sein Büro im Verwaltungsgebäude. Zuvor ging ich noch kurz in den Fuhrpark, hier musste ich die zu erledigenden Fahranträge gegenzeichnen. Eine Kontrolle war angemeldet worden, die Fahrten sollten gut geplant werden. Nicht sinnlos Benzin verfahren werden, damit wir den vorgegebenen Bilanzanteil für Benzin vom Kombinat nicht überschritten.

Wir bekamen von unserem Kombinat jeden Monat Bilanzanteile über Benzin, Diesel, Kohle, Gas, eigentlich alle Energieträger. Und wehe, wir hielten die nicht ein, dann drohten empfindliche Vertragsstrafen.

Aus diesem Grunde hatten wir auch einen Energiebeauftragten, der musste dies alles kontrollieren, besonders mit Elektroenergie war es in unserem Staat sehr enge. Hier war man nicht dem Kombinat verpflichtet, sondern der Energieversorgung. Die Energieversorgung ließ wöchentlich Kontrollen in unserem Betrieb durchführen. Wir durften uns nicht erwischen lassen. Unsere Pforte wusste Bescheid und rief uns an, sodass wir immer noch Zeit hatten die Werte zu korrigieren.

Unser Betrieb hatte sogenannte Spitzenzeiten. Die waren von der Energieversorgung vorgegeben, alle größeren Betriebe hatten sie. In den Spitzenzeiten musste man das vorgegebene Limit an Elektroenergie pro Stunde einhalten. Die Energieversorgung machte unangekündigt Kontrollen. Wir hatten ein Zählerbuch, dort musste man stündlich den Zähler ablesen und den Verbrauch dokumentieren. Falls der Verbrauch wirklich einmal höher war, hatte man auch schon mal geschummelt und dann energieintensive Maschinen ausgeschaltet. Besonders im Winter kam das vor. Aus diesem Grunde wurde der Zuschnitt unseres Betriebes schon zweischichtig gefahren. Die Spitzenzeiten lagen im Sommer zwischen 7.00 bis 10.00 Uhr und abends von 20.00 bis 22.00 Uhr, im Winter aber lagen diese von 6.00. bis 11.00. Uhr und 16.00. bis 22.00. Uhr.

Ich zeichnete die vom Fuhrparkleiter vorgelegten Fahranträge ab und machte mich dann auf den Weg zu meinem Chef. Mein Chef war ein Diplomingenieur für Maschinenbau. Er wurde in unseren Betrieb als technischer Direktor von der Kreisparteileitung der SED eingesetzt.

Unser langjähriger technischer Direktor hatte einen Schlaganfall und war daran verstorben, er war nur 55 Jahre alt geworden. Er war ein perfekter Schneidermeister, verstand sein Fach, kannte jeden Typ von den Maschinen gut. Und wir hatten so ca. 600 Nähmaschinen in unserem Werk, davon waren ca. 100 Spezialmaschinen, darunter auch sehr viele Maschinen aus dem NSW (aus nicht sozialistischen Ländern).

Mein jetziger Chef hatte überhaupt keine Ahnung von der Näherei und von den Nähmaschinen. Technisch konnte er die Maschinen schon verstehen, aber wofür sie technologisch eingesetzt werden sollten, da verlangte es auch Wissen um den Nähprozess. Ich hatte sehr viel von meinem alten Chef gelernt. Seit Februar 1972 arbeitete ich im Betrieb, damals als Energiebeauftragter, was bedeutete, ich konnte auch nicht nähen, auch jetzt noch nicht, aber technologisch hatte ich in meiner langjährigen Tätigkeit viel dazu gelernt.

Ich war jetzt über 15 Jahre im Betrieb und kannte den technologischen Ablauf in der Produktion. Mein jetziger Chef war sehr wissensdurstig, bestimmt nicht dumm, aber Nähen und Maschinenbau, das ist ein himmelweiter Unterschied. Er meinte nur immer, die Linie müsse stimmen. Was er damit andeutete, war mir unklar. Ansonsten kam ich gut mit ihm aus. Als ich sein Zimmer betrat, rief er gleich nach einer Tasse Kaffee für mich, doch ich verneinte. Er saß hinter seinem Schreibtisch und blätterte in einer Fachzeitschrift. Natürlich keine für unsere Branche, nein für Maschinenbau. Ich erzählte ihm von meiner Einladung in die BRD zur Hochzeit und fragte gleichzeitig, ob ich heute mal 2 Stunden zum Kreispolizeiamt fahren durfte. Er hatte nichts dagegen und meinte dann:

„Du musst, aber aus dem Westen wiederkommen, sonst gebe ich dir die zwei Stunden nicht frei“.

Die Vorstellung, im Westen zu bleiben hatte ich keinen Augenblick gehabt. Der Gedanke meine Familie in Stich zulassen, war mir absurd. Das eigene Haus aufzugeben, konnte ich mir nicht vorstellen, es ging mir den Umständen entsprechend eigentlich gut. Ich liebte meine Familie und mochte ohne sie nicht sein. Also antwortete ich ihm dementsprechend.

Um 10.00. Uhr machte ich mich auf die Socken, bzw., fuhr mit dem Trabi zum Polizeikreisamt. Das lag etwas außerhalb von der kleinen Kreisstadt. Ich war als Kind das letzte Mal hier gewesen, das muss so vor 40 Jahren gewesen sein. Da war ich mit meiner Mutter hier, wir waren damals auch nach Duisburg gefahren. Das letzte Mal vor dem Mauerbau, Weihnachten 1960/61. Ich weiß es noch wie heute, meine Großeltern lebten da noch, leider waren sie sehr früh gestorben.

Ich stellte meinen Trabi auf den Parkplatz neben dem Polizeikreisamt ab. Der Parkplatz war eingezäunt, aber nicht befestigt. Ich ging dann zur Pforte, das ganze Polizeikreisamt war eingezäunt, auf dem eisernen Zaun war Stacheldraht angebracht. Innerlich dachte ich, die müssen Angst haben. Ungefähr 10 m von der Pforte stand ein hölzernes Wachgebäude, das hat mal gerade einen Grundriss 1,50 m x 1,50 m und hoch vielleicht 2 m.

Es sah aus, als sei es eine zu groß geratene Hundehütte. Ein Schäferhund saß angekettet neben dem Wachhäuschen.

Mein Sohn war etwa acht Jahre alt und er wünschte sich einen Hund. Oma und Opa erfüllten ihm den Wunsch und brachten ihm einen sechs Wochen alten Terrier mit bräunlichem Fell. Ein schönes Tier. Es war zwar kein Wachhund, wie die Polizei einen hatte. Aber er schlug auch an, wenn jemand unseren Hof betrat. Wir hatten ein eigenes Grundstück und darum waren wir einverstanden, wenn er den Hund selber füttert. Mein Sohn war einverstanden. Wir wussten, dass die Fütterung bei uns hängen blieb, da es am Anfang immer eine Kinderfreude war und die mit der Zeit nachlässt.

Auf unserem Hof fühlte sich der Hund richtig wohl und am Anfang kümmerte sich unser Sohn auch um den Hund. Mit der Zeit wurde das etwas weniger. Wir tauften den Hund auf dem Namen, Flores vom Bahndamm-, da wir an der Bahnlinie wohnten und Flores, weil im Fernsehen grade eine Serie mit dem Hauptdarsteller in der Serie diesen Namen trug.

Ich baute dem Hund eine Hundehütte, die wir in einen Schuppen ohne Tor platzierten. Der Hund fühlte sich sehr wohl und wir erzogen ihm, sodass er auf das erste Wort hörte. Er kam zu uns, sprang uns an und freute sich immer sehr.

Als er dann größer wurde und das Tor zum Grundstück offen war, da wollte der Terrier seine Freiheit und lief fort, kam aber immer abends wieder. In der ersten Zeit dieser Freiheit suchte ich ihm und holte ihn zurück, doch er wollte ein freies Leben.

Mittlerweile wurde Flores immer größer und dicker. Er passte nicht mehr durch das Eingangsloch seiner Hundehütte. Der Terrier half sich, in dem er das Loch größer knabberte.

Dann musste ich zum Reservistendienst für ein viertel Jahr. Eines Tages machte der Hund einen Heiden Radau und weckte mit seinem Gebelle meine Frau. Flores stand auf der Terrasse mit der Kette und der halben Hundehütte in der Nacht haben wir Flores immer an die Hundehütte fest gekettet, da wir ein größeres Grundstück hatten und er nicht dort demolieren konnte.

Der Opa reparierte die Hütte, da ich ja nicht da war. Flores fühlte sich wohl und freute sich seines Lebens. Eines Tages stand die Hoftür offen und Flores war von der Kette. Er stand in der Hoftür und eine Nachbarin fuhr mit ihrem Fahrrad vorbei.

Flores kannte sie, weil er manchmal von ihr ein Leckerli bekam. Als er sie sah, nahm er Anlauf und sprang ihr vor Freude in das Rad. Die Nachbarin stürzte und Flores beleckte sie. Zum Glück ist der Nachbarin ins passiert.

Zwei Wochen später kam ein anderer Nachbar zu uns. Flores war mal wieder ausgerückt und der Nachbar ließ auf seinem Hof immer seine Hühner laufen. Auch er hatte aus Versehen seine Hoftür offen. Als Flores die Hühner sah, kam der Jagdtrieb Terrier zum Vorschein und riss zwei Hühner.

Ich ersetze den Nachbarn die Hühner. Nun kam bei uns der Gedanke auf den Hund wieder abzuschaffen. Aber diesen liebenswerten Hund zu töten, kam mir nicht in den Sinn. Wir mussten besser auf ihm aufpassen.

Eines Tages kam die Oma zu uns und sagte, das ein Bauer im Nachbarort einen Hofhund sucht. Wir boten unseren Flores als Hofhund an. Der Bauer war einverstanden und freute sich!

Es war grade Winter und der Umzug des Hundes konnte beginnen. Es lag Schnee und wir stellte die Hundehütte auf dem Schlitten. Flores spannten wir vor den Schlitten und abging es zu Fuß zum Nachbarort. Es klappte alles. Der Braunweiße hat den Umzug gut überstanden. Als ich beim Bauer den Hund ablieferte, sah ich auf dem Hof etliche Hühner herumlaufen. Ich dachte dann so bei mir: „Der Terrier war hier richtig.

“Ein halbes Jahr später traf ich den Bauern und er war mit dem Hund zufrieden und er durfte dort frei herumlaufen. Der Hund schaute sich täglich die Ortschaft an. Auch hat er keine Hühner mehr gerissen. Ich traf bei Besuchen der Schwiegereltern Flores öfter. Dann kam voller Freude auf mich zu und windelte. Damit war das Kapitel Hund für uns abgeschlossen. Ende gut alles gut.

In dem Häuschen saß ein Polizist, vor ihm nur ein Buch und ein Telefon. Ich blieb vor dem Wachhäuschen stehen und begrüßte den Polizisten.

Dieser fragte mich, wohin ich möchte? Ich beantwortete, die Frage und er fragte nach meinem Personalausweis. Ich reichte ihn rüber, er schaut den Personalausweis sehr genau an.

Dann schaute er mir in die Augen und schrieb meine Daten aus dem Ausweis in das Wachbuch, füllte einen Passierschein für mich aus, reichte ihn mir zurück und erklärte mir:

„Den müssen sie, wenn sie fertig sind, hier wieder abgeben. Lassen Sie den Passierschein von dem jeweiligen Sachbearbeiter unterschreiben. Visa-Angelegenheiten werden im Zimmer 3 bearbeitet“.

Ich ging die Treppe hoch zur Eingangstür. Das Polizeiamt war eine ehemalige Villa, die vielleicht einem Unternehmer gehört hatte, der dann 1945 enteignet worden war. Ich machte die große schwere Eichenholztür auf, auffallend an ihr die unzähligen Eisenbeschläge. Dann musste ich eine breite Treppe hoch, dort war wieder eine große Tür. An den Wänden hingen Fotos, wahrscheinlich von Polizeieinheiten aus dem Kreis. Ich öffnete die Tür und stand im Treppenhaus der 1. Etage. Gleich links war das Zimmer 3, ich klopfte und trat in das Zimmer ein. Es war das Wartezimmer, in der Mitte stand ein Tisch mit 4 Stühlen. An der linken Wand standen noch ein paar Stühle, die Wände waren weiß gestrichen. An der rechten Wand befand sich eine Holzwand, dort waren Fenster und Luken eingebracht und ein Pult war an der Wand befestigt.

Auf dem Pult stand ein Kasten und links daneben baumelte ein Kugelschreiber an einem Bindfaden. Über dem Pult war ein Schlitz in die Holzwand eingearbeitet, dieser Schlitz wurde von einer Briefkastenklappe überdeckt. Über dem Schlitz ein Schild, auf dem stand:

„Bitte entnehmen Sie dem Kasten die entsprechende Karte mit ihrer Angelegenheit und werfen sie diesen zusammen mit Ihrem Personalausweis in den Schlitz! “

Ich ging also zum Pult, suchte die entsprechende Karte heraus, legte sie in meinen Ausweis und warf beides in den Schlitz.

Im Raum saßen 6 Leute, ein älteres Ehepaar, eine jüngere Frau, eine ältere Frau, ein älterer Mann und ein Kind. Das Kind gehörte wahrscheinlich zu der jüngeren Frau.

Ich setzte mich auf einen Stuhl, der an der linken Wand steht und schaute mir die Wände an. Dort hingen Poster von der Polizei, an der Holzwand hing ein Bild von Erich Honecker.

Auf den Tisch lagen Zeitungen, natürlich waren es Polizeizeitungen, auch Werbeprospekte für die Polizei und Armee. Werbeprospekte gab es in der DDR sonst fast gar nicht. Ich nahm mir eine Polizeizeitung, blätterte sie durch, las aber nur die Überschriften und schaute mir die Bilder an. Das reichte mir, an den Überschriften merkte ich, alles was dort stand, war nur politischer Schrott.

Das ältere Ehepaar, ich schätzte sie auf Ende 50, wurden von einer Polizistin abgeholt, sie verließen mit ihr das Zimmer. Dann plötzlich erklang eine quäkende, verzerrte Stimme aus einem Lautsprecher.

„Frau Müller zum Zimmer 6! “

Ich hatte an der Holzwand den angebrachten Lautsprecher übersehen. Der Klang der Stimme im Lautsprecher ging durch Mark und Bein. Die jüngere Frau stand auf und nahm das Kind an die Hand und ging aus dem Wartezimmer. Nun saßen nur noch der ältere Mann und die ältere Frau mit mir im Wartezimmer.

Wir warten so ca. 15 Minuten, als wieder die Tür zum Wartezimmer aufging. Ein Polizist mit einem 14- jährigen Jungen kam hinein. Der Polizist befahl dem Jungen, sich auf einen Stuhl zu setzen. Der Junge, er kam mir ganz verstört vor, setzte sich zaghaft hin. Wahrscheinlich hatte er etwas ausgefressen und musste mit zur Polizei.

Da kam wieder die quälende Stimme aus dem Lautsprecher. Sie rief den Namen des älteren Mannes. Auch er musste ins Zimmer 6. Fünf Minuten später wurde der Junge von dem gleichen Polizisten abgeholt, der ihn gebracht hat. Nun saß ich mit der älteren Frau nur noch allein im Wartezimmer, ich schaute zu ihr rüber und bemerkte Tränen in den Augen. Sie bemerkte meinen Blick und schaute mich an. Dann machte sie eine abwinkende Handbewegung und drehte Ihren Kopf ruckartig weg.

Ich glaubte an der Bewegung zu erkennen, dass siegroßen Ärger mit der Polizei hatte. Da ging wiederum die Tür auf und dieselbe Polizistin, die das ältere Ehepaar abgeholt hat, rief den Namen der älteren Frau, forderte sie zum Mitkommen auf.

Nun saß ich allein im Wartezimmer. Nach 3 Minuten öffnete sich die Tür und in der Tür stand eine sehr stattliche Polizistin, sie trug eine weiße Bluse und einen weinroten Rock an, auf dem Kopf eine weinrote Kappe, die mit 4 Klemmen an ihren gut frisierten Haaren befestigt war. Mit ihrem sehr großen Busen sah sie aus, wie die Kompanieamme. „Herr Buchner, bitte ins Zimmer 7!“

Ich stand auf und folgte Ihr, im Zimmer bot sie mir einen Platz an.

Das Zimmer war nicht groß, war wie ein Büro eingerichtet. In der Mitte ein Schreibtisch, hinter dem sie Platz nahm und vor dem Schreibtisch standen zwei Stühle. Auf einen dieser Stühle durfte ich Platz nehmen. Sie fragte dann, mit welchem Anliegen ich heute hier erscheinen. Die Frage empfand ich schon als eine Provokation. Hatte ich doch im Wartezimmer meinen Personalausweis, mit der von der Polizei vorgegebenen Grundkarte, abgegeben. Ich ließ mich aber nicht provozieren, holte meine Unterlagen hervor, reichte sie ihr und nannte mein Anliegen.

Ich begann zu erzählen, dass meine Mutter aus Essen stammte und dass sie 1944 ausgebombt und mit ihrer Mutter und 3 Geschwistern in den Nachbarort meines heutigen Wohnortes evakuiert worden war. Dort lernte sie meinen Vater kennen und heiratete ihn. Ihre Mutter ist nach dem Krieg wieder mit den 3 Geschwistern nach Duisburg zurückgegangen. Meine Eltern hatten sich in meinem Wohnort sesshaft gemacht. Beide Elternteile seien schon verstorben. Auch meine Tante in, die Mutter meiner Cousine, von der ich die Einladung erhalten habe, sei schon verstorben. Ich hätte zu meiner Cousine ein gutes Verhältnis, sie würden fast jedes Jahr zu Besuch zu uns kommen.

Nach meinen Reden herrschte erst einmal Ruhe im Büro. Die Polizistin wälzte in meinen Unterlagen. Mein Blick ist auf sie gerichtet.

Bei mir dachte ich, sie ist kein schlechtes Weib, richtig für diese Funktion hier geschaffen, eine Art Flintenweib. Ohne Uniform, mit einem schönen Kleid, würde ich sie auch nicht von der Bettkante schubsen. Sie ließ sich Zeit, mein Blick fiel auf den Panzerschrank, der hinter ihr stand. Daneben standen noch 2 Blechschränke, diese waren in einem schlichten Armee - Grün gespritzt. Auch ich hatte solch einen Schrank im Büro stehen, wegen des Brandschutzes. Links im Raum war das Fenster, natürlich vergittert. Rechts stand ein kleiner runder Tisch, auf dem Tisch standen zwei benutzte Kaffeetassen. Über dem Tisch hingen zwei Bilder, von einem schaute wieder Erich Honecker auf mich herab und die Person des anderen Bildes ließ mich erahnen, dass es der Innenminister Friedrich Dickel war.

Die Polizistin meldete sich wieder. „So, so“, meinte sie. „Sie wollen also in die BRD fahren. Von den Unterlagen her ist alles vorhanden, aber der Besuchsgrund ist sehr schwach. Das Blut der Blutverwandtschaft ist schon ziemlich verdünnt. Eigentlich müsste ich ihnen ihre Unterlagen zurückgeben und das war es dann“.

Ich dachte, sie ist zwar sehr locker, aber resolut und fing wieder an zu reden. Sie unterbrach mich sofort, wollte wissen, ob ich verheiratet sei, ob ich Kinder hätte. Ich bejahte und sie fragte weiter:

„Haben sie Besitzstand, Auto oder Haus?“ Ich erklärte ihr stolz, dass ich einen Trabi, das größte Umweltauto der Welt. Es besteht voll aus Plaste und fahre und seit 1972 ein eigenes Umwelthaus mit Garten und keiner schlechten Luft dort besitze. Sie war eigentlich sichtlich zufrieden mit meinen Antworten. Weil mein Haus viel Grün hatte und alle Vögel noch da waren. Warum macht man das Nicht in Bitterfeld.

„Nun gut“, meinte sie: „Wir können es ja einmal versuchen. Hier haben sie die Anträge, für den Reisepass und für das Visum. Dann benötigen sie noch 2 Passbilder, kommen am Freitag wieder her und bringen die korrekt ausgefüllten Anträge, die Passbilder und eine Beurteilung von Betrieb mit.“ Ich war erstaunt, dass alles eigentlich reibungslos und schnell gegangen war, nahm die mir gegebenen Unterlagen und sie legte meine Unterlagen in eine Mappe, die sie dann in den Panzerschrank tat. „Also, bis Freitag“, sagte sie.

Ich ließ noch meinen Passierschein unterschreiben, verabschiedete mich höflich und ging los. Den Passierschein gab ich dem Polizisten in dem hölzernen Wachhäuschen. Er schaute genau darauf, ob der Passierschein ja unterschrieben war und fragte sogar noch mal nach.

Es wird alles gut, wenn man nur das Richtige tut. Mein Weg führte mich zum Parkplatz, ich setzte mich in meinen Trabi und fuhr los. Als ich vom Parkplatz herunterfahren wollte, bemerkte ich die ältere Dame aus dem Wartezimmer, die geweint hatte. Im Vorbeifahren sah ich, dass sie immer noch weinte. Natürlich musste ich anhalten, öffnete das Fenster, bot ihr an, sie in die Stadt mitzunehmen. Und plötzlich schlich sich so etwas wie ein erstes Lächeln auf ihr Gesicht, sie stieg ein. Es war ein ganz schön langer Weg bis in die Innenstadt, da kamen locker 2 Kilometer zusammen. Die Frau konnte ihre Tränen aber immer noch nicht verbergen und ich fragte sie

„Ist wohl nicht so gut gelaufen?“

„Nein“, meinte sie. Ich merkte ihr an, dass sie darüber mit irgend jemanden reden musste.

„Meine Schwester ist gestorben und sie wird am nächsten Sonnabend beigesetzt. Es wird eine Urnenbestattung. Ich möchte zur Beerdigung fahren, da ich aber nicht nachweisen kann, dass sie meine Schwester ist, lassen sie mich nicht fahren“. Ich frage, wie alt sie sei, eigentlich macht man das ja nicht bei Frauen.

„59 Jahre, wir mussten im Krieg aus Pommern flüchten. Unser Städtchen wurde angegriffen und unsere Wohnung, mit all unseren Unterlagen und Bilder ist verbrannt. Auch das Standesamt und die Kirche sind niedergebrannt und so habe ich von meiner Schwester und ich keine Geburtsurkunde und keinen Taufschein, geschweige noch Bilder und andere Unterlagen. Ohne all diese Unterlagen kann ich nicht nachweisen, dass sie meine Schwester ist. Ich habe schon nach Polen geschrieben, dass der jetzige Pfarrer aus dem Städtchen mir den Brand beglaubigen soll. Das wäre dann meine letzte Chance“.

Sie Tat auch das Richtige. Kompromisse.

Ich erzählte ihr, dass mein Opa 1970 im Oktober gestorben war und dass meine Mutter auch nicht zur Beerdigung fahren durfte. So etwas war in meinen Augen einfach unmenschlich. An diesen Beispielen sah man, das dieses Regime keine Achtung vor seinen Bürgern hatte, noch nicht mal vor den Toten. Sie schissen sich vor Angst in die Hose. Denk daran wie alles begann.

Die ältere Frau meinte dann zu mir: „Wenn ich wirklich fahren darf, bleibe ich drüben, dort geht es mir besser. Mein Mann ist vor 2 Jahren gestorben. Unsere Kinder sind groß, die brauchen mich nicht mehr und kümmern sich auch nicht so richtig um mich. Was soll ich denn noch hier? Drüben habe ich wenigstens noch meine Schwester“. Innerlich dachte ich, die Frau ist aber mutig, mir dies zu erzählen, einer wildfremden Person, aber das zeigte doch genau Frust auf die Polizei und auf den Staat. Auch jetzt zu unseren Bundespräsidenten. Er kann aber nichts dafür er denkt nicht zu Ende. ansonsten ist er gut.

Mittlerweile waren wir in der Innenstadt angekommen, ich wünschte ihr noch viel Glück, das man sie fahren ließ und sie stieg aus. Dann fuhr ich wieder zur Arbeit, es waren etwas mehr als 2 Stunden geworden. Mir kam die Zeit eigentlich nicht so lang vor.

Es war inzwischen Mittagspause und ich ging gleich vom Parkplatz aus zum Essen in unseren Speisesaal. Der Kurze und meine Sekretärin saßen schon im Speisesaal, ich holte meine Bohnensuppe und setzte mich zu den beiden. Meine Sekretärin fragte gleich: „Na, Wilhelm, wie ist es gelaufen?“ Auch der Kurze legt seinen Löffel bei Seite.

Ach eigentlich ganz gut. Ich habe die Anträge bekommen und soll übermorgen die Anträge mit Passbildern und der Beurteilung vom Betrieb wieder abgeben. Hoffnung hat mir die Polizistin nicht viel gemacht. Sie hatte aber gemeint, dass ich es versuchen könnte.

Der Kurze meinte: „Versuch macht klug“, nahm seinen Löffel wieder auf und aß die Suppe weiter. Ich fragte sie: „War was los in der Zeit, als ich weg war?“ „Na ja“, meinte meine Sekretärin Birgit, „Otto hat verrückt gespielt.“

Otto war unser Fahrstuhlführer. Da unsere Produktionslinie auf 3 Etagen verteilt war, brachte Otto aus dem Zuschnitt, die einzelnen Zuschnitte an die Nähbänder. Otto war eigentlich das Herz des Betriebes, war Otto mal nicht ganz in Ordnung, dann stockte der Betrieb. Er war der Mann für alles, er fegte noch den Hof und unsere Straße vor dem Betrieb, räumte die Papphülsen der Stoffballen weg. Das letztgenannte war eine wichtige Arbeit.

Denn die Papphülsen mussten wir immer wieder zur Stofffabrik zurückliefern. Wenn wir nicht genügend zurückliefern, konnte es vorkommen, dass wir nicht die volle Lieferung Gewebe von der Fabrik bekamen.

Otto war leicht behindert an den Füßen und im Kopf.

Ich war mittlerweile mit meiner Suppe fertig, auch der Kurze und Birgit. Heute hatte die Suppe nicht so gut geschmeckt, aber was konnte man für 60 Pfennige schon erwarten. Sie war auf jeden Fall heiß und füllte den Magen.

Wir verließen gemeinsam den Speisesaal, doch als wir zur Werkstatttür hereinkommen, hörten wir schon jemanden schimpfen. Es war Otto und er schimpfte in einer Tour:

„Konnte tot sein, konnte tot sein! Wenn ich den kriege, aber dann. Konnte tot sein!“

Die Werkstatt war leer. Kein Schlosser, Elektriker oder Mechaniker waren zu sehen. Sie spielten sonst hier in der Mittagspause immer Skat. Nur Otto war da und schimpfte.

Ich fragte: „Warum schimpfst du?“ „Konnte tot sein!“ „Was ist denn passiert?“ „Konnte tot sein“, bekam ich wieder zur Antwort. „Nun erzähle mal! Was ist passiert?“ Wiederum brachte Otto nur die drei Worte heraus. „Konnte tot sein“ und ging los.

Man konnte sich eigentlich nicht über Otto beschweren. Darum verstand ich auch seine Reaktion nicht, der Kurze klärte mich schließlich auf. Unsere Elektriker hatten in der Telefonzentrale die Mutteruhr unserer Uhranlage gewechselt. Diese Uhr stammte noch von 1950 und hatte in den letzten drei Jahren eine Macke. Wir hatten erst vorige Woche eine neue Mutteruhr bekommen, sie war ausgetauscht worden. Ich selbst hatte diese neue Uhr vor 5 Jahren bestellt und nun war sie geliefert. So war das eben in der sozialistischen Planwirtschaft. Der Kurze erzählte mir, dass die Elektriker gestern nach dem Austausch die defekte Uhr auf dem Aschenwagen entsorgt hatten. Doch Otto nahm sie dort nicht nur runter, sondern nahm sie sogar mit nach Hause.

Er hatte ganz normal Feierabend gemacht und sei mit der Uhr unter dem Arm, mit seinem Fahrrad nach Hause gefahren. Zu Hause angekommen, hatte er sogar Kaffee und Kuchen stehen gelassen und sich gleich sich an die Arbeit gemacht. Er holte zwei Strippen, machte an jede Strippe einen „Pannanenstecker“, wie Otto sagte, dran. Die anderen Enden der Strippen nahm er in seine Hand und drückte sie mit den Fingern auf die zwei Kontakte der Uhr. Otto dachte, es wäre doch nur Schwachstrom. Aber nur die Uhranlage lief über Schwachstrom. Das hatte er irgendwie mitbekommen. Dann sagte er zur seiner Frau: „Stecke die beiden ‚Pannanenstecker‘ in die Steckdose“. Es gab einen Knall, Otto zitterte. Dann holte Otto aus und knallte seiner Frau rechts und links.e Ohrfeige ins Gesicht.

Seitdem ging das, „Konnte tot sein“, dies war der Satz, den Otto nun immer sagte. Wenigstens schon 100 mal hatte er den Satz ausgesprochen. Dem Kurzen hatte Otto das Ereignis schon bei Dienstantritt kurz nach 6.00. Uhr erzählt, auf seinem speziellen Plattdeutsch.

„Da hab ich eine gewischt bekommen, die Zehennägel haben sich nach oben gebogen. Konnte tot sein“. Er machte nun die Elektriker für den Stromschlag verantwortlich. Otto dieses klarzumachen, dass er daran selbst schuld ist, war nicht ganz einfach.

Mir tat Otto leid, er war zur Nazizeit im Konzentrationslager Buchenwald, hatte dort den Todesmarsch mit gemacht. Da Otto aber nicht politisch in Buchwald saß, hatte in der DDR niemand großes Interesse an Ottos Geschichte, er bekam auch keine Rente für diese Zeit. Persönlich fand ich das sehr schofelig und meiner Meinung nach erkannte man daran die politische Einstellung der DDR. Wenn Otto politisch gesessen hätte, dann hätte er bestimmt ein Denkmal gesetzt bekommen und eine Rente als Opfer des Faschismus. Aber so bekam er nichts. Na, in einem Jahr würde er in Rente gehen.

Wir wollten uns bis dahin noch etwas für Otto ausdenken, damit er diesen Tag nicht vergisst. Wenn Otto irgendwann nicht mehr da sein würde, würden wir alle ein großes Problem bekommen. Wer sollte dann Ottos Arbeit machen? Trotzdem das Otto manchmal nicht klar im Kopf war, konnte man nichts Negatives über seine Arbeit sagen. Otto würde uns fehlen und vor allem die vielen Geschichten um seine Person.

Ich konnte mich noch genau an die Story vor ca. 5 Jahren erinnern. Es war Februar und es gab Jahresendprämie, alle sehnten diesen Tag herbei. Denn wenn der Betrieb gut gearbeitet und das Planziel erreicht hatte, was in jedem Jahr der Fall war, gab es ein gutes Monatsgehalt extra. Alle Kollegen warteten schon sehnsüchtig darauf. Ich hatte alle Arbeitskollegen nach dem Mittag zu mir bestellt und hatte dann die Jahresendprämie ausgezahlt. Immer zwei Kollegen bestellte ich in mein Büro bestellt, musste meinen Dankesvers für die hervorragende Arbeit herbeten und überreichte dann jedem Kollegen die Prämie.

Bis Otto dran war, bei Otto war alles ganz anders. Als Otto kam, legte ich die Prämie auf dem Schreibtisch. „Otto, hier hast du deine Jahresendprämie, 567,- DDR Mark. Da kannst du dir ein neues Fahrrad von kaufen.“

Otto verblüffte mich und meine Sekretärin Birgit, die bei der Auszahlung die Spendenliste führte. Es war Pflicht, 5 % musste jeder Kollege für die Solidarität spenden. Otto meinte:

„Du kannst die ganze Prämie spenden, für Vietnam“.

Meine Antwort:

„Otto, da brauchst du doch nur 5 % zu geben“.

Ich wollte ihn beruhigen, doch Otto sagte wieder:

„Die Prämie kannst du im Ganzen für Vietnam spenden. Zahlt mir lieber jeden Monat ein besseres Gehalt, das wäre für mich besser. Ich kann dann auch einmal in den Delikat – Laden gehen“.

Ich versuchte auf Otto einzugehen:

„Na Otto, hier hast du dein Geld und gehe heute mit deiner Frau in den „Deli“ (so wurde der Delikat - Laden abgekürzt) und kauft euch was Schönes“.

„Nein ich will das Geld nicht, du kannst es für Vietnam spenden“.

Dann ging Otto die Treppe herunter und wurde den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Birgit und ich schauten uns ganz verblüfft an und sie fragte mich: „Was war das denn?“ Meine Gehirnzellen fingen an zu arbeiten.Ich sagte zu ihr:

„Kein Wort zu den anderen. Nimm 5,- Mark für die Spendenliste und ich schließe das Geld erst mal in meinen Schreibtisch“, hier gab es ein Wertfach. „Ich werde es morgen wieder bei Otto versuchen.“ Wenn ich heute darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass Otto doch nicht so dumm war, wie man dachte. Eigentlich hatte Otto recht, 500,-Mark waren wirklich sehr wenig Geld. Damit konnte er nicht in den Delikat gehen. Die 500,- Mark waren für ihn und seine Frau zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Er hätte ganz gerne ein paar Mark im Monat mehr gehabt. Ich versuchte es 4 Wochen lang Otto das Geld zu geben, bekam aber immer dieselbe Antwort von Otto. Auch der Kurze hatte bei Otto kein Erfolg.

Da kam mir eine Idee, ich meldete mich bei meiner großen Chefin an, erzählte ihr von dem Ereignis mit Otto. Sie schmunzelte, begriff, aber gleich was ich wollte.

„Wilhelm“, sagte sie zu mir.

„Ich werde der Gehaltsstelle anweisen, Otto ab diesem Monat 100,- Mark mehr zu zahlen.“

Meine Freude war groß und ich bedanke mich recht herzlich bei ihr. Als ich ihr Büro verließ, sagte sie zu mir:

„Otto hat es verdient, denn er ist das Herz der Produktion, wenn das Herz krank ist, ist auch der Betrieb krank. Man muss ein solches Herz stärken. Was sind in unserer Planwirtschaft schon 100,- Mark. Noch nicht einmal ein Tautropfen.“ Wie recht hatte sie.

Übrigens nach einem viertel Jahr, saß Otto plötzlich in meinem Büro und wartete auf mich. Ich fragte Otto, was los sei, dachte nicht mehr an die Prämie. Otto fragte mich:

„Hast du noch das Geld von der Jahresprämie?“ Ich bejahte. „Kann ich es haben?“

„Aber natürlich“ und ich gab Otto sein Geld. Ottos Augen wurden feucht, er freute sich. Dann sagt er beim Rausgehen: „Ich muss doch im Kopf ein bisschen dumm gewesen sein.“

„Warst du auch Otto“, rief Birgit aus dem Nachbarbüro, sie hatte alles mitgehört. Ich sagte zu ihr: „Er war nicht dumm, sondern besonders schlau. “ Sie begriff, aber den Zusammenhang nichts, da ich von Ottos Lohnerhöhung keinem etwas erzählt habe, um keine Unruhe in das Kollektiv zu bringen. Einen Tag später kam Otto und brachte uns eine Flasche Sekt aus dem Deli, Kostenpunkt ca. 25,- Mark. Als ich sie nicht wollte, meinte der Kurze nur, denke mal an die Jahresendprämie. Ich nahm die Flasche, wir holten Gläser und tranken auf Otto, denn es gab etwas zu feiern. Das Thema zu Ottos Jahresendprämie war gelöst.

Drei Tage, nach dem Otto nun endlich seine Jahresendprämie abgeholt hat, gab es ein neues Ereignis mit Otto. Die Polizei war bei uns und überbrachten uns die Nachricht, dass Otto im Krankenhaus in Magdeburg lag. Seine Frau hatte sie zu uns geschickt. Otto wollte sich in der Nachbar Kreisstadt von der Jahresendprämie ein neues Fahrrad kaufen. In der Stadt gab es ein sehr schönes Fahrradgeschäft. Otto setzte sich auf sein altes Fahrrad und wollte dort hinfahren. Bis zur anderen Kreisstadt waren es so ca. fünfundzwanzig Kilometer. Für Otto kein Pappenstiel. Er fuhr los und an einer Kreuzung in Richtung der anliegenden Nachbarkreisstadt, hatte er sich verfahren und ist falsch abgebogen. Er war jetzt drei Stunden unterwegs. Kurz vor unserer Bezirkshauptstadt, die so ungefähr fünfzig Kilometer von unserer Kreisstadt weck lag, wurde der Verkehr mit Autos größer. Fahrradwege gab es damals nicht und Otto fuhr mit seinen 64 Jahren auf der Fernverkehrsstraße. Otto kannte wahrscheinlich die Straßenverkehrsordnung nicht richtig und hatte einen Zusammenstoß mit einem Auto. Er musste ins Krankenhaus. Es war zwar nicht ganz so schlimm und Blieb bei Verstauchungen und einem blauen Auge, diese kann man wörtlich nehmen, er hatte ein blaues Auge. Da unsere Abteilung, die Patenschaft über Otto übernommen hatte, holten wir in aus der Bezirksstadt mit kaputtem Fahrrad ab und brachten ihn nach Hause, wo ihn seine kleine Frau pflegte. Vierzehntage später ist sein Meister mit ihm in die angrenzende Kreisstadt gefahren und er hat sich ein neues Fahrrad gekauft.