10 Tage im Herzen der Ferne - Nico Mateew - E-Book

10 Tage im Herzen der Ferne E-Book

Nico Mateew

0,0

Beschreibung

Wie aus der Idee, in nur zehn Tagen einen Film über Albanien zu drehen, ein wilder Roadtrip voll wunderschöner Landschaften und inspirierender Begegnungen wurde, erzählt Nico Mateew in diesem Buch nach eigenen Erlebnissen.Ein Ökonom mit Karriere, eigenem Haus und einer gesunden Familie beginnt am gewählten Weg zu zweifeln. Immer mehr hinterfragt er seine Arbeit in einem großen Unternehmen. Ein Urlaub in der bulgarischen Heimat seines Vaters führt ihm vor Augen, dass sein Leben auch ganz anders aussehen könnte. Zurück im Alltag plant er die nächste Reise. Diesmal will er das ihm unbekannte Albanien erkunden und einen Dokumentarfilm drehen über die Menschen, die Küche und die Seele des kleinen Landes.Ohne festes Drehbuch und mit einem Zwei Mann Drehteam macht er sich mitten im Dezember auf zu einer Reise voller Überraschungen. Zehn Tage später weiß er, dass Kopfschütteln ja und Nicken nein bedeutet, welche kulinarischen Raffinessen und Exportschlager es hier gibt und wie Berat zur Stadt der 1000 Fenster wurde. Er hat eine Kochschule und ein Galadinner im Präsidentenpalast besucht sowie den Humor und die Herzlichkeit der Menschen kennengelernt. Nun will er nichts lieber, als bald mit seiner Frau und den Töchtern in das kleine Balkanland zurückzukehren.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Luca, Raja und Nora

Inhalt

Vorwort

Teil 1: Werdegang

Bei meiner Großmutter

Die Zeit des Laufenlassens

Ausbildung

Start ins Berufsleben

Die erste Woche im Unternehmen

Herr Stefanov, der Zimmerkollege

Das erste Jahr

Die ersten zehn Jahre

Ging es anderen anders?

Beurkundung und andere Auszeichnungen

Produktbereichsstrategie

Eine Taxifahrt in New York

Das 11. Jahr

Jugendweihe und das Buch: Sinn des Lebens

Interne Alternativen

Externe Alternativen

Frührente

Bulgarien

Das MRT als Wachrüttler

Vorbereitungen

Teil 2: Albanien

Timing

Was sollte man über Albanien wissen?

Es geht los

Unser erster Drehtermin

Die Farm von Egzon

Fundim im Boutique Hotel

Ein Besuch im Kindergarten Nr. 34

Leutrim

Kochschule

Auf dem Weg nach Berat

Grab mit Seeblick

Berat – Stadt der 1000 Fenster

Kuchen an der Tankstelle

Zamir

Das Galadinner

Buntes Tirana

Erion und sein kleines feines Restaurant

Lake Koman

Das Bunker Hotel

Hashims Welt

Lange Fahrt zurück nach Tirana

Chef Avni aus Vlora

Polizeikontrolle

Kochen mit Großmutter Domenika

Nachwort

Vorwort

„Der Sinn des Lebens ist es, unsere Gabe zu finden. Das Ziel des Lebens ist es, sie zu verschenken.“ Pablo Picasso

Was macht man, wenn man seine Gabe, seine eigentliche Berufung oder wie auch immer man es bezeichnet möchte, auch nach Jahren der Arbeit noch nicht finden konnte und somit auch nichts verschenken kann? Orientiert man sich langsam um, zieht man die Notbremse oder macht man sich auf die Suche nach sich selbst? Wenn Letzteres die beste Entscheidung ist, wo findet man diesen Weg zu sich selbst? Und warum ist es eigentlich so, dass man seine Gabe und auch Teile von sich selbst nicht finden kann? Ist es die Zeit, in der wir leben, mit den vermeintlich vielen Alternativen, die uns verwirren und das Bild auf unser eigenes Ich verschwimmen lassen?

Teil 1

Werdegang

Bei meiner Großmutter

Die Tage in den Sommerferien bei meiner Großmutter waren ruhig und entspannt, die Zeit schien grenzenlos und die Tage endlos. Die Ferien begleitete immer eine gewisse Grundlangeweile und erst als das Ende der Ferien nahte, wusste ich, wie schön dieses gewisse Maß an Nichtstun sein konnte, und wie viel Raum es einem zum Nachdenken gab.

Meine Großmutter hatte wenig zu tun, aber auch wenig Zeit oder Interesse, sich mit mir zu beschäftigen, was ich weder hinterfragte noch mich störte. Alles folgte einem geordneten ruhigen Rhythmus. Wesentliche Säulen dieser angenehmen Lethargie waren das Nichtvorhandensein elektro nischer Versuchungen sowie zwei Uhren im Wohnzimmer. Eine große dunkle, hölzerne Standuhr tat ehrwürdig und irgendwie auch einschüchternd ihre Arbeit. Ticktack, ticktack … wie eine Handsäge, die sich langsam, aber sicher Stück für Stück in eine riesige Eiche hineinfrisst, mit der grausamen Gewissheit, dass dieser wundervolle, starke und im Sommer lebensfrohe Baum nun zu Fall kommt. Ich mochte diese Uhr nicht, da sie neben den vollen Stunden auch noch die vergangenen halben Stunden, wenn auch sehr leise und kurz, mit einer scheinbar gemeinen Freude erklingen ließ.

Trotz dieser mahnenden Erinnerung, dass Zeit etwas Wertvolles und leider auch Begrenztes ist, hatte diese Uhr auch irgendetwas Beruhigendes.

Einmal hielt ich ihr Pendel an, einfach so. Es war ein schönes Gefühl und der Glaube daran, dieses zeitfressende Monster für einen Augenblick gestoppt zu haben. Aus Ehrfurcht und Sorge über den möglichen Zorn der Uhr, sie in ihrer unaufhaltsamen Arbeit gestoppt zu haben, beließ ich es bei diesem kurzen Moment des Anhaltens der Zeit und entließ sie wieder auf ihren Weg, obgleich ich nun das Gefühl hatte, die Uhr liefe schneller, um die verloren gegangene Zeit wieder einzuholen. Seitdem wagte ich keinen weiteren Versuch, die Zeit anzuhalten.

Die zweite Uhr, und weitere Säule dieser angenehmen Lethargie bei meiner Großmutter, war anders, obwohl sie das gleiche Werk verrichtete. Sie war klein und silbern und ließ eine kleine Platte am Boden mit sechs darauf befestigten Kugeln von links nach rechts drehen. Wie ein kleines fröhliches Kinderkarussell eine Runde nach links und dann ein Runde nach rechts dreht, ohne jemals zu stoppen. Sie schien ein deutlich fröhlicher wirkender Zeitmesser zu sein, der darauf aufmerksam machte, dass Zeit nicht nur vergeht, sondern auch Chancen bietet.

Beide Uhren waren zwei ungleiche Partner, jedoch mit demselben Auftrag, auf die Vergänglichkeit der Zeit hinzuweisen, mit allen Facetten, die sich daraus ergeben.

Eingebettet in dieser angenehmen Lethargie entstand oft Langeweile, aus der ich mich mit aller Kraft und Ruhe herausträumen und in mich hineinschauen konnte.

Jahre später als Soldat beim Wachestehen fand ich in einem Schlagbaum den Spruch „Ein Reh springt hoch, ein Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit“ eingeritzt, der mich an die Zeit der Sommerferien bei meiner Großmutter erinnerte.

In der Küche meiner Großmutter hing am Fenster ein kleiner Tageskalender mit abzureißenden Tagen und je einem Kalenderspruch pro Tag. Als Kind war der Abriss eines alten Tages nichts Trauriges. Es gab einem sogar das gute Gefühl, einen Tag näher in Richtung Erwachsensein gekommen zu sein. Der Reiz der Kalendersprüche bestand für mich darin, herauszufinden, ob ich geistig schon etwas gewachsen war und diese komprimierten Lebensweisheiten verstand. Darüber hinaus empfand ich es aber auch als eine kleine Denkaufgabe, über das nachzudenken, was anderen im Leben bereits widerfahren war und sie zu solchen Weisheiten bewegt hat. Bis heute sind mir drei dieser Kalenderweisheiten in besonderer Erinnerung geblieben.

„Schnitze das Leben aus Holz, das du hast“ vom russischen Schriftsteller Leo Tolstoi.

Als Kind fragte ich mich, welches Holz gemeint sei, da ich kaum über eigenes Holz verfügte und dazu angehalten war, erst einmal draußen in der weiten Welt nach Holz zu suchen.

„Versuche herauszufinden, was in dir steckt, grabe in dir selbst, nur dort kannst du deinen Weg finden.“

Diese Weisheit schien mir im ersten Moment etwas weniger bedeutungsvoll, da sie nicht auf der Lebenserfahrung einer bekannten Persönlichkeit oder gar des scheinbar allwissenden Konfuzius beruhte. Bewegt hat sie dennoch. Ich hielt sie für eine einfache Anleitung auf der Suche nach dem Glück und der eigenen Persönlichkeit.

„Wer wenig braucht, ist frei.“

Eine Weisheit in fünf Wörtern zu fassen, ist bereits Grund genug, darüber nachzudenken. Warum ist mir diese Weisheit so sehr in Erinnerung geblieben? Wohl, weil ich sie damals nicht verstand. Wie kann weniger mehr sein? Mit viel Mühe versuchte ich mir vorzustellen, auf wen diese Weisheit, und in gewisser Weise der Aufruf zum Verzicht, wohl zutreffen könnte. Als Kind gelang es mir nicht, das herauszufinden, sodass der Spruch sich wahrscheinlich in meinem Unterbewusstsein auf Wiedervorlage für einen späteren Lebensabschnitt gespeichert hat.

Die Zeit des Laufenlassens

Schule, Ausbildung und der Beginn der Arbeit, das war die Roadmap und der Rahmen meines weiteren Weges. Die Gestaltung der einzelnen Abschnitte sind die Variablen. Durch Hinweise meiner Eltern und Verwandten sowie meiner eigenen Erfahrungen wusste ich, dass es teilweise in meiner Hand liegt, diese Variablen zu definieren. Ohne Fleiß kein Preis. Die Etappen sind bekannt, die Gestaltung liegt teilweise bei einem selbst. Aber weiß wirklich jemand, was er tut? Sicher hängt es von einem selbst ab. Der eine legt, ohne zu wissen, was er tut, voller Fleiß und Tatendrang los. Der andere schmiedet klug und in voller Konzentration an etwas, von dem er weiß, was es wird. Wiederum ein anderer verpasst gar den Gang in die Werkstatt.

Die Tage nach Beendigung der Schule und vor dem Beginn des nächsten Lebensabschnittes waren wunderbar. Etwas wurde abgeschlossen und das Nächste hatte noch nicht begonnen. Es war ein gutes Gefühl, sich noch nicht entschieden zu haben, wie die Reise weitergeht. Aber trotzdem hatte ich das Gefühl, dass viele verschiedene Wege und Möglichkeiten noch vor einem liegen.

Das letzte Zusammensein mit meinen Schulfreunden und das Philosophieren darüber, in welcher Konstellation man sich nach 20 Jahren wiedersehen würde, war etwas Besonderes. Im Kern schien dieser Moment ehrlich und wahrsagerisch zu sein, da jeder Mitschüler zu wissen meinte, was den anderen ausmachte, was seine Stärken und seine Schwächen waren und wo sie denjenigen hinführen können.

Es vermittelte den Eindruck, als ob dieser Moment Großmutters Kalenderspruch „Versuche herauszufinden, was in dir steckt, grabe in dir selbst, nur dort kannst du deinen Weg finden“ nicht nötig hatte, da Freunde einen besser kannten als man sich selbst.

Ausbildung

Für mich begann der nächste Schritt mit einem Studium der Ökonomie. Warum Ökonomie? Weil ich beim Überblick über mögliche Berufe nicht mit Leidenschaft bei einem hängen geblieben bin. Weil mir meine Eltern keine Vorgaben auferlegt haben, eine Tradition fortzuführen, etwas zu lernen, was von einem erwartet würde oder sonst irgendwelcher Zwänge, die mir vielleicht die Wahl erleichtert hätten. Einzig mein Großvater äußerte einen Ratschlag, den ich leider nicht verinnerlichte. Er empfahl mir, vor dem Studium einen echten Beruf zu lernen, ein Handwerk, das mich strukturiert, diszipliniert und mir im Fall einer wie auch immer gearteten schwierigen Zeit die Chance gibt, durch meiner Hände Arbeit Werte zu schaffen. Im Grunde hatte er vollkommen recht, nur hörte ich ihm nicht wirklich zu. Wenn man jung ist, lässt man sich von einem so plausiblen Ratschlag ungern beeinflussen. Interessanterweise habe ich den Ratschlag meines Großvaters aber oft an andere weitergereicht, da es mir ein sehr guter Ratschlag schien. Je öfter ich ihn anderen empfahl, umso gerechter meinte ich meinem Großvater zu werden, dass ich seine Weisheit weitertrug, wenn auch nicht durch mich selbst.

Etwas später las ich einen Artikel über einen jungen Japaner, der mit seinem hervorragenden Schulabschluss alles und überall studieren konnte. Jedoch entschied er sich erst einmal für eine Lehre zum Dashi-Koch. Dashi ist ein japanischer Fisch-Sud, der als Art Grundwürze sehr oft und in vielen Gerichten verwendet wird. Er hat einen festen Platz in den meisten japanischen Küchen und Gerichten. Das Grund-Dashi wird, einfach klingend, aus Bonito-Flocken und braunem Seetang gewonnen.

Auf der Liste der Berufe, die ich für mich prüfte, war kein japanischer Fisch-Sud-Koch, und selbst wenn er dabei gewesen wäre, wäre ich daran nicht hängen geblieben.

In dem Artikel beschrieb der junge Mann seine Beweggründe, warum er erst einmal den Beruf des Dashi-Kochs lernen wollte. Neben einer Reihe von anderen Argumenten ging es ihm um die volle Fokussierung auf ein im ersten Moment wenig komplex scheinendes Thema. Die Zeit der Lehre dieses Berufs betrug für mich unglaubliche sechs Jahre. Gereift im Geist würde er sich dann nach dieser Zeit entscheiden können, ob er noch weitere drei Jahre arbeitet, um eine Meisterausbildung in diesem Beruf zu machen, oder ob er ein akademisches Studium aufnimmt. Damals konnte ich die Gedanken des jungen Mannes nicht nachvollziehen, beeindruckt haben sie mich dennoch.

Da mich aber weder die Worte meines Großvaters noch die Geschichte des Dashi-Schülers zu einer Änderung meiner eigenen Richtung bewegen konnten, studierte ich vier Jahre Ökonomie. Diese vier Jahre bedeuteten für mich im Nachhinein ein Studium von Allem und Nichts. Alles, weil man in jeden Bereich der Ökonomie einen Einblick bekam, und Nichts, weil man in keinem Bereich wirklich etwas konnte.

Start ins Berufsleben

Bei Abschluss des Studiums gab es wieder diesen kurzen Augenblick wie am Ende meiner Schulzeit, die einem einen Ausblick darauf gab, wo man in 30 Jahren stehen könnte.

Jedoch funktionierte an dem Abend das Vorhersagen nicht. Vielleicht weil alle dasselbe studiert hatten und ähnliche Wege vor sich hatten.

Ähnliche Wege, die alle nur ein Ziel kannten: den Erfolg. Erfolg im Sinne von Geld und des zu erwartenden Levels in einer Hierarchie. Keiner dachte an Selbstverwirklichung, Glück, Familie, Kinder oder überhaupt etwas Wesentliches fürs Leben, da diese Arten der Skalierung nicht in unseren Köpfen vorhanden war. Diese Erkenntnis machte mich einen Moment lang nachdenklich. War es das, was ich im nächsten Lebensabschnitt zu erwarten hatte, eine Vorschau darauf, wie man gemessen wird, oder die Erkenntnis, dass man vielleicht lieber etwas anderes hätte studieren sollen, was andere Aussichten bieten würde?

Kurz musste ich wieder an den Dashi-Koch denken, und was nun nach Beendigung seiner Lehrzeit wohl seine Aussichten und auch Sorgen waren.

Ein Kommilitone von mir half mir indirekt bei der Entscheidung für ein Unternehmen, bei dem ich in die Arbeitswelt starten würde. Er hatte bereits im Studium viel Zeit in die Suche nach einem passenden Arbeitgeber investiert und ein großes internationales Chemieunternehmen gefunden, das alle Voraussetzungen für eine vermeintlich gute Karriere bot. Als Ökonom in einem Chemie-Unternehmen, so dachten wir, würden die Wissenslücken unseres Studiums weniger auffallen.

Das erste Gehalt war aus Sicht eines Studenten sehr hoch, und auch sonst bot das Unternehmen mit Fördermöglichkeiten, Arbeiten im Ausland und vielen anderen Bausteinen alles, was ich mir wünschen konnte. Eigentlich bietet ein solches Unternehmen einem zum Start ins Berufsleben sehr viel mehr, als man verdient hat. Daher konzentrierte ich mich wohl auch nicht auf Dinge, die anfänglich befremdlich wirken. Ich verbuchte sie als Erfahrung, lachte darüber und gab ihnen keine weitere Bedeutung. Ich hatte ja große Ziele und den Weg nach oben fest im Blick. Sollen sich doch andere, die schon lange dort waren, mit dem auseinandersetzen, was mir eigenartig vorkam. Dass ich eines Tages, nach einigen Jahren, selbst ein Teil und Ursache dieser befremdenden Punkte werden könnte, kam mir zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise nicht in den Sinn.

Die erste Woche im Unternehmen

Vor dem Beginn der Arbeit in einem Unternehmen war ich mir darüber im Klaren, dass dieses neue Leben mit einer Vielzahl von Einschränkungen einhergehen wird. Eines hatte ich dabei jedoch übersehen: das gemeinsame Mittagessen mit Kollegen oder die Geschäftsessen mit Kunden. Ich saß nun beim Essen mit Personen zusammen, die durch die Situation vorgegeben waren. Gemeinsam mit denen zu essen, mit denen ich es wollte und die ich mochte, das gab es so nicht mehr.

Bei einer dieser ersten erzwungenen Tischrunden in der Kantine sprachen mich einige Kollegen darauf an, dass ich doch aus versicherungsmathematischen Gründen so schnell wie möglich die vom Unternehmen angebotene Sterbeversicherung abschließen sollte. Was ist eine Sterbeversicherung? Will man als junger Mensch am ersten Tag seines noch schier unendlichen Arbeitslebens eine Sterbeversicherung abschließen oder überhaupt darüber sprechen und nachdenken? Nein. Warum sprachen sie dann mit mir über so etwas? Aus gut gemeinten rationalen Gründen. Das Unternehmen bezahlt einem den größten Teil seiner eigenen Beerdigung und darüber hinaus sieht das Finanzamt darin keinen geldwerten Vorteil, weil man ja gerade gestorben ist, quasi ein letzter Bonus des Finanzamtes. Der Logik nach sind es drei Fliegen, die mit einer Klappe geschlagen werden: Vom Unternehmen gibt es etwas umsonst, der Staat profitiert nicht davon und die Verwandten werden es einem danken.

Welch ein grauenvoller Gedanke, dachte ich, zumal ich zu der Zeit noch keine eigene Familie hatte, die mir für den Abschluss meiner Sterbeversicherung eines Tages hätten danken können. Der weise Mensch erkennt seine Chancen schon weit vor der Zeit oder eben vor seinem Tod. Das hätte hier als Sprichwort gepasst. Einerseits wiegte ich mich in der glücklichen Lage, dass, wenn alles planmäßig läuft, rein rechnerisch mein Tod von allen hier am Tisch Anwesenden am spätesten eintreten würde. Andererseits war der Gedanke grausam, dass diese Etappe meines Lebens sich schon jetzt mit meinem Ende beschäftigt.

In einem großen Unternehmen ist es wie auf einem Bahnhof, Züge fahren ein und aus, nur dass es hier Menschen, ihre Arbeitswege, Karrieren und Leben sind. Nachdem ich das Thema der Sterbeversicherung verdrängt hatte, lernte ich am Nachmittag mit der Verabschiedung von Herrn Weber in die Rente eine weitere Eigenart eines Großunternehmens kennen. Ohne Herrn Weber wirklich gekannt zu haben, war es schön, einen auf den ersten Blick so emotionalen Moment mitzuerleben, mit vielen lobenden, erinnernden und gut meinenden Worten, inklusive Kaffee und Kuchen.

Jedoch war am nächsten Morgen nichts mehr davon zu spüren, das Zimmer leergeräumt, keine Worte mehr über Herrn Weber. So wie ein Patient, der das Krankenhaus verlassen hat. Ich fand es etwas eigenartig, aber mein Chef, der gestern noch so viele Worte für Herrn Weber fand, beruhigte mich, er erklärte, dass Herr Weber ja kein Familienmitglied gewesen sei. Theoretisch hatte er recht, aber in gewisser Weise ist die Familie ja eine Art Zwangsgemeinschaft per Geburt, und hier im Unternehmen war es eine ähnliche Zwangsgemeinschaft, wenn auch nicht durch Geburt. Man verbringt auf der Arbeit sogar viel mehr Zeit, als mit seiner Familie. Für meine Wahrnehmung hatte die Verabschiedung von Herrn Weber aber auch etwas Gutes, dadurch erschien mir die Zeit bis zu meiner Pensionierung noch ewig. Obwohl ich mich inzwischen fragte, ob es eigentlich einen Unterschied gemacht hätte, wenn ich hier erst ein Jahr später begonnen hätte?

Von Anfang an fiel mir der Umgang mit den Fassaden der Kollegen sehr schwer. Oberflächlich sah ich sie auf den ersten Blick nur in ihren Anzügen und Kostümen. Bei vielen Kolleginnen und Kollegen konnte ich dahinter keinen Charakter erkennen, etwas, was auf ihre eigentliche Persönlichkeit und nicht nur auf die Rolle im Unternehmen hinwies. Oft hatte ich das Gefühl, dass die Pflicht zum Dresscode von vielen dankend angenommen wurde und der Anzug oder das Kostüm ihnen ein dankbares Schutzschild gab. Aber warum musste das so sein, warum traute man sich nicht, mit offenem Visier zur Arbeit zu gehen und seine Persönlichkeit erkennen zu lassen? Mein Chef meinte, dadurch könnten Schwächen für andere erkenntlich werden, die dann gegen einen verwendet werden könnten. Im ersten Moment klang das wie ein Kommentar aus einem Naturfilm oder einem Mafiafilm. Aber vielleicht hatte er recht. Mich machte es eher noch nachdenklicher, hier von Menschen umgeben zu sein, die ihre Persönlichkeit schützen wollten oder mussten, beides befremdlich und aus meiner Sicht menschlich schade.

Mitarbeiter, die nicht in den Bürogebäuden arbeiteten, brauchten so einen Schutzschirm für ihre Persönlichkeit anscheinend nicht. Sie zeigten sich mir mit allem, was Menschen auszeichnet: Ecken, Kanten, Stärken, Schwächen, Persönlichkeiten … eben allem, was zum Menschsein dazugehört. Warum gab es hier so einen großen Unterschied zwischen den Menschen in den Bürogebäuden und beispielsweise denen in der Produktion, ich verstand es anfangs nicht. Mein Chef, der selbst zu denen gehörte, dem sein Anzug mehr Autorität und Kraft zu verleihen schien, erklärte es mir überraschend gut, auch wenn das Ergebnis seiner Analyse genau auf ihn zutraf.

Die Kollegen in der Produktion haben eine klar definierte Aufgabe, die einen wichtigen Beitrag in der gesamten Funktionsfähigkeit des Unternehmens leistet, egal wie klein oder unbedeutend sie ist. Aus dieser Erkenntnis heraus, dass ihre Art der Arbeit eine Relevanz hat, und Fehler direkte Konsequenzen nach sich ziehen, entsteht ein gesundes Selbstvertrauen, weil man eben diese wichtige Aufgabe erfüllt. Ein Mitarbeiter, der in der Tankzug-Reinigung arbeitet, muss wissen, mit welchem Reinigungsmittel und welchen Techniken er den Tankzug reinigt, und welche Stellen er nochmals prüfen muss, bevor er diesen zur Befüllung mit einer anderen Chemikalie freigibt. Würden noch Spuren der vorhergehenden Chemikalie im Tankzug sein, könnte das gravierende Auswirkungen haben. Solange er seinen Job verantwortungsvoll und gewissenhaft erledigt, ist das das Wichtigste. Seine Persönlichkeit, seine vermeintlichen Schwächen spielen dabei keine Rolle, da man diese Schwächen ja nicht gegen ihn und die Reinigung des Tankzugs verwenden kann. Somit braucht er auch keinen Anzug oder Kostüm als Schutzschild und kann sich unter den Kollegen so verhalten, wie er es in seiner Freizeit unter Freunden oder in der Familie tut. Das war lang, aber gut von meinem Chef erklärt. Warum das jedoch im Widerspruch zu dem Verhalten der Kollegen aus den Bürogebäuden stehen sollte, konnte er mir nicht wirklich überzeugend darlegen.

Von meinem Bürofenster aus sah ich auf das Gebäude der Vorstände des Unternehmens. Menschen also, die scheinbar alle Hürden hinter sich gelassen hatten und am Zenit dessen angekommen waren, was wir uns als Studenten am letzten Abend als Wünschenswertes für unsere eigene Zukunft vorgestellt hatten: die Spitze der Karriereleiter. Was alle Vorstände zu einen schien, war der erwähnte gleiche Habitus der Uniformität und Eloquenz, der jedoch bei ihnen noch viel stärker ausgeprägt war. In einer Form, die den Anzug und das Kostüm nicht nur zu einer Uniform, sondern zu einem stählernen Schutzschild mit versteckter Flammenwerfer-Funktion werden ließ. Daraus ergab sich irgendwann die Frage, ob ich wirklich eines Tages so werden wollte?

Herr Stefanov, der Zimmerkollege

Herr Stefanov, mein Bürokollege, war kein Ökonom, sondern hatte einen technischen Hintergrund. Nachdem er ein paar Tage meinen ersten Arbeitseifer beobachtet hatte, wandte er sich zu mir und fragte: „Ich frage mich und nun auch Sie, was machen Sie da eigentlich den ganzen Tag. Ich sehe Sie nur immer in den Computer schauen und irgendetwas eingeben?“

Im ersten Moment verstand ich seine Frage nicht, da ich ja den ganzen Tag beschäftigt war. Erklären, was ich da eigentlich mache, konnte ich es aber auch nicht. Da ich keine richtige Erklärung fand und ihn nur ansah, fragte er nach: „Ist Ihre Arbeit beziehungsweise das auf Stunden aufsummierte Starren in den Bildschirm wenigstens relevant für unser Unternehmen?“ „Natürlich!“, entgegnete ich, was blieb mir auch anderes übrig.

Dann fragte er nach der Art der Relevanz. „An welcher Stelle im Unternehmen wird es sichtbar oder spürbar, wenn Sie heute einmal nicht die aufsummierten Stunden in den Bildschirm gestarrt hätten?“ Welch eine dumme Frage, dachte ich im ersten Moment, konnte ihm jedoch trotz Überlegung keine direkte Antwort geben. Seine Frage beschäftigte mich noch lange, irgendwie empfand ich sie als respektlos gegenüber meiner Arbeit. Ich war aber auch ernüchtert, weil ich ihm keine Antwort geben konnte. In den folgenden Jahren ließen mich seine Fragen immer wieder nachdenklich werden.

Das erste Jahr

Jeder Tag begann für mich mit der Parkplatzsuche im Parkhaus, mit sieben Etagen und einem Ausgang pro Etage. Der logisch denkende Mensch wählt den Parkplatz mit dem kürzesten Fußweg vom Auto zum Ausgang. Sind beispielsweise zwei Etagen voll belegt und die dritte nur zur Hälfte, würde man die noch leere vierte Etage und einen Parkplatz direkt am Treppenausgang wählen, wegen dem kürzesten Weg. Der karrierebewusste Büromitarbeiter hingegen folgt hier einer anderen Logik. Er wählt den am weitesten vom Ausgang entfernten Platz in der dritten Etage. Ist das Parkhaus am späten Vormittag voll, könnte der neidende Kollege oder unterstellende Chef zur falschen Schlussfolgerung kommen, dass ein Auto und somit auch ein Mitarbeiter in der vierten Etage mindestens 20 Minuten später eingetroffen sein musste als das Auto und somit der Kollege in Etage drei. Klingt paradox, aber so sind die Menschen im Unternehmen.

Mitarbeiter höherer Hierarchiestufen bekamen eine limitierte Einfahrt-Genehmigung auf das Werksgelände, sodass sie direkt in der Nähe des Bürogebäudes parken konnten. Das ersparte ihnen den 15-minütigen Fußweg vom und zum Parkhaus. Den Besitzern dieser Genehmigung war der Stolz darüber und die damit deutliche Abgrenzung vom Rest der Kolleginnen und Kollegen im Gebäude deutlich anzumerken. Aus Mitleid, Stolz oder Freude über den erreichten Besitz so einer Karte fuhren sie stolz mit ihren Autos an denen vorbei, die zu Fuß vom Parkhaus zum Büro unterwegs waren. Dabei sahen oder grüßten die Fahrenden ihre Kolleginnen und Kollegen nicht. Dieses Verhalten blieb mir immer ein Rätsel.

Ein so großes Unternehmen muss seine Mitarbeiter zu immer neuen Ideen anregen. Auf die Frage meines Chefs – der Besitzer einer solchen Genehmigung war –, welche verbesserungswürdigen Ideen mir denn als junges Mitglied des Unternehmens bereits in den Sinn gekommen seien, fiel mir spontan nur die Vergaberegel der limitierten Einfahrt-Genehmigungen auf Basis der erreichten Hierarchiestufen ein. Warum passte man diese nicht an und stattete die Kolleginnen, denen das Laufen aus gesundheitlichen Gründen schwerer fiel, egal aus welcher Hierarchiestufe, mit so einer Karte aus? Ich wunderte mich nur, warum vor mir noch keiner darauf gekommen war. Eine Antwort meines Chefs erhielt ich nie. Keine Antwort kann auch ein Statement sein.

Die Systematik im Parkhaus, das ignorierende Vorbeifahren und die fehlende Bereitschaft, nur ein Stück seines Besitztums abzugeben, belächelte ich anfangs, aber nach einem Jahr beginnt man zu überlegen, ob man es sich weitere Jahre täglich vor Augen führen möchte.

Die ersten zehn Jahre

Wie irrelevant nach außen hin wichtige Arbeit sein kann, wurde mir nach ein paar Jahren deutlich vor Augen geführt. Mein Chef fragte mich eines Tages, ob ich Zeit für eine weitere besondere Aufgabe hätte, was ich schlecht ablehnen konnte. Es ging um die Analyse und die Verwaltung irgendwelcher Vorgänge. Am nächsten Tag brachte er mir einen Karton mit mehreren Ordnern, die Dokumente zu internen Verrechnungen oder was auch immer enthielten. Ich sollte die Daten prüfen. Ich nahm den Karton entgegen und bestätigte ihm die Aufgabe. Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, sah ich mir den ersten Ordner in Ruhe an. Leider verstand ich von den Dokumenten und Zusammenhängen auch nach mehrmaligem Durchblättern nichts. Was tut man in so einer Situation? Ich hätte mit einem exemplarischen Ordner zu meinem Chef ins Büro gehen können, um ihn zu fragen, worum es hier eigentlich geht. Jedoch vermutete ich, dass das auch mein Chef nicht wusste.

So entschied ich mich für die zweite Variante – den Karton erst einmal in der Ecke stehen zu lassen. Mein Chef sah ja sehr froh aus, die Ordner, woher auch immer sie kamen oder wer auch immer ihn mit der Analyse beauftragt hatte, bei mir losgeworden zu sein. Auch erkannte ich bei der Aufgabe keine terminliche Eile. So ließ ich die Ordner erst einmal in einer Ecke stehen. Natürlich etwas versetzt von dem Ort, an dem mein Chef sie abgestellt hatte, damit der Eindruck entstand, sie seien in Bearbeitung.

Die Geschichte erinnerte mich an eine andere in meiner Kindheit, als ich eines Tages von meinem Vater beauftragte wurde, auf dem Rückweg von der Schule seine Schuhe vom Schuster abzuholen. Er fragte mich jeden Abend, ob seine Schuhe schon fertig seien, und ich trug diese Frage am kommenden Nachmittag zum Schuster. Sind die die Schuhe fertig?, was er verneinte, und das gab ich am Abend an meinen Vater weiter. Bis dieser eines Tages meinte, es müsse doch etwas geschehen, damit die Schuhe bald fertig sind. So fragte ich den Schuster am nächsten Tag nach dem Stand der Reparatur. Er meinte sehr überzeugend, sie seien in Arbeit, was zumindest zuversichtlicher klang. Mit der Antwort, sie seien in Arbeit – faktisch keine Lüge, da sie ja gedanklich schon in Arbeit sein konnten –, fühlten sich alle wohler, obwohl praktisch nichts geschehen war. Der Schuster machte nur den Fehler, dass er die Schuhe am gleichen Ort liegen ließ. Ich lernte daraus und verschob den Aktenkarton immer etwas, sodass es nach Bearbeitung aussah, wenn es denn jemanden interessieren würde.

Wenn mich mein Chef in den nächsten Tagen im Büro besuchte, sprach er nicht mehr über die Ordner, sondern tat, was er immer tat. Er beschwerte sich über das, was man ihm von oben angetragen hatte, dass eine Umsetzung illusorisch sei und die über ihn kein Gefühl mehr für die Realitäten hätten. Einen Atemzug später delegierte er mir irgendeine Aufgabe weiter. Glücklich ist in so einer Situation derjenige, der die an ihn herangetragene Aufgabe nochmals weiterdelegieren kann. Die Sonderaufgabe erwähnte mein Chef nicht mehr und sah beruhigt auf die Ordner, die durch das Wandern im Zimmer in Arbeit schienen.

Als ich von einer Dienstreise zurückkam, war der Karton mit den Ordnern plötzlich verschwunden. Im ersten Moment war es ein gutes Gefühl, dass sie einfach nicht mehr da waren. Dann aber dachte ich, dass sie vielleicht jemand vermissen würde, und fand heraus, dass der Hausmeister sie fälschlicherweise, zusammen mit einem anderen Karton voller Akten, mit ins Archiv genommen hatte. Prompt trat an diesem Tag mein Chef wieder mit einem Karton solcher Spezialakten unter dem Arm in mein Büro. Erschreckt sah ich auf, ich fühlte mich ertappt, was, wenn er sich jetzt nach dem Stand des ersten Kartons erkundigen würde. Zum Glück stockte mir der Atem, sodass ich nicht vorauseilend von den verschwundenen Akten erzählte, was unnötig gewesen wäre. Mein Chef stellte den Karton ab und erklärte mir, dass es die nächsten zu bearbeitenden Akten seien. Nach den ersten Akten erkundigte er sich nicht. Froh, jemanden gefunden zu haben, der für ihn diese nicht nachvollziehbare Arbeit ohne Fragen erledigen würde, verließ er mein Büro. Wahrscheinlich hatte er diese Akten zuvor von seinem Chef bekommen. Wie auch immer, da stand er nun, der neue Karton mit den neuen, weiterhin für mich nicht nachvollziehbaren Unterlagen. Eine Woche später kam der Hausmeister mit seinem Wagen an meinem Büro vorbei, sah den Karton an und fragte, ob er den auch wieder mit ins Archiv nehmen könne. Ich nickte nur, vielleicht in der Hoffnung, dass, wenn jemand die Akten einmal suchen würde, ich das Nicken zum Verschwindenlassen der Akten als Missverständnis zwischen mir und dem Hausmeister interpretieren könnte. Dieser Algorithmus setzte sich fort. Einmal im Monat kam mein Chef mit einem Karton und eine Woche später nahm der Hausmeister diesen, zwischenzeitlich sogar ohne mich zu fragen, mit ins Archiv. Alle waren zufrieden, keiner fragte nach und nichts war erreicht.

Dieser Kreislauf der Irrelevanz, einer vermeintlich wichtigen Aufgabe für das Unternehmen, wurde mir oft zum Symbol meiner eigenen Arbeit. Wie notwendig, wie wichtig und wie zukunftsentscheidend ist meine Arbeit?

Ging es anderen anders?

Mit der Zeit kam mir immer öfter der Gedanke, welche Relevanz meine Arbeit überhaupt hat. Ich begann mich öfter mit Herrn Hartmann zu vergleichen. Herr Hartmann war ein Meister im Unternehmen, mit dem ich beruflich des Öfteren zu tun hatte. Er war für die technische Betreuung einer Produktionsanlage verantwortlich, also etwas sehr Konkretes. Ihm bereitete seine Tätigkeit Freude, da sie klar definiert, nachvollziehbar und wichtig für das Unternehmen war. Es gab für ihn keinen vergleichbaren oder erstrebenswerteren Job. Sein Gehalt war durch die Einstufung als Meister begrenzt und eine weitere Karrierestufe war ihm nicht möglich. Seine Welt schien mir klar. Er brauchte sich meiner Meinung nach keine Gedanken darüber zu machen, wie er sich positioniert oder wohin ihn sein beruflicher Weg noch führen würde. Auch war er damit gesegnet, sich am Ende des Arbeitstages, der kaum Überstunden hatte, sich gedanklich aus dem Unternehmen verabschieden zu können. Ihm mussten keine eventuell falschen Andeutungen des Chefs, falsch interpretierte Blicke, Aussagen oder was auch immer die Kollegen dachten, beunruhigen.