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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Daisy Summer

100 Tage

Der Fluch

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

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21

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Es war einmal eine kleine britische Stadt, weit entfernt von der nächsten, aber dieser und allen anderen Städten der Erde sehr ähnlich: Im Stadtkern lebte der Bürgermeister, badend in Geld und Wohlstand, und um seinen prunkvollen Palast herum standen Häuser, für die keine Baukosten gespart worden waren. Dafür gab es jedoch eine wesentlich größere Bevölkerungsgruppe, wie ein Ring umkreisten ihre heruntergekommen Häuser die der Reichen und Gebildeten, die bitter arm waren und in solch schlechten Verhältnissen lebten, wie man sie sich überhaupt nicht vorstellen mochte.

Man könnte meinen, betrachtete man die Erde im heutigen Zustand, sie hätte eine Rückentwicklung gemacht, sehr zu vieler Menschen Ungunsten. Zwar waren viele, viele Jahre seit dem dunklen Zeitalter vergangen und tatsächlich hatte es auch eine rasante Weiterentwicklung gegeben, doch nur auf Seiten der Wohlhabenden, denn die Lebensstandards der Armen waren in den letzten Jahrzehnten wieder mächtig gesunken.

Während es den Einen gut ging, sie hatten eine gute, eigentlich faszinierend fortgeschrittene medizinische Versorgung und es mangelte ihnen an nichts, hatte der Großteil der Bevölkerung kaum etwas. Wegen mangelnder Hygiene wurden sie schnell krank und bekamen keinen Arzt. Denn dieser kostete Geld, so viel, dass sie es sich nicht leisten konnten und somit war ein Mediziner zu ihrer Heilung ausgeschlossen.

Alles kostete Geld, nichts wurde aus Mitleid oder Hilfsbereitschaft gegeben. Wuchs man in einer armen Familie auf, hatte man nicht die Chance, aus der Armut heraus zu kommen.

Die, denen es gut ging, interessierten sich nicht für ihre Mitbürger. Es war ihnen egal, wie schlecht es einige hatten, solange es ihnen selbst gut ging. Hilfe boten sie nicht an, die jedoch dringend notwendig gewesen wäre.

Es herrschte eine düstere Stimmung in den Städten, sowohl im Armenviertel, wie zwischen den Menschen. Die Wohlhabenden verachteten die armen Leute und andersherum war es genau so.

Dreckig und dumm wären die Menschen in Armut, gewaltsam und diebisch.

Ein Zaun zog sich um den Bezirk der Reichen, denn die Armen wären nicht nur gefährlich, sondern würden auch schlimme Krankheiten übertragen. Anstatt ihnen also zu helfen, verschlossen sie ihre Türen und ließen das Volk dahinter an ihren Krankheiten verenden.

Dieser Zaun machte den Menschen, wegen denen er errichtet war, auch deutlich, dass nicht die geringste, auch nur winzig kleine Chance auf Besserung bestand. Sagte man ihnen vielleicht, es sei bloß, weil sie kein Geld hätten, war es doch eigentlich nur, um ihre Hoffnungen zu zerstören und jedem von ihnen klar zu machen, dass sie dort geboren wurden, dort hingehörten und es nicht anders verdienten.

Noch schlimmer als die Reichen behandelten die Bürgermeister das zweitrangige Volk. Einer von ihnen war schlimmer und grausamer als der andere. Sie hatten kein Interesse an Geld, wovon die Menschen des Armenviertels sowieso kaum mehr als ein paar Münzen hatten, und um eben diese paar Groschen kümmerten sich die Bürgermeister nicht.

Ihr Interesse galt den Leben.

Wer ein Verbrechen beging, von dem der Herr mitbekam, und seine Polizisten waren überall, bezahlte mit seinem Leben oder wurde furchtbar bestraft. Schmerz und Leid sahen die Bürgermeister am Liebsten. Das Leben eines dreckigen Bürgers war in ihren Augen nichts wert und sie, die mächtigen Herrscher, hatten alles Recht, das sie sich nur nahmen.

Corvinei hieß die kleine Stadt im Norden der Insel, benannt nach Corvin, dem Bürgermeister. Die Städte bekamen die Namen nach ihren Herrn, denn diese Macht und Ehre hatten sich die hohen Herren auch genehmigt.

Corvin war ein besonders schrecklicher Herrscher. Er fand nicht nur Gefallen an der Todesstrafe, sondern hatte neben seinem weißen Palast eine Arena erbauen lassen, in der für schuldig gesprochene Männer und Frauen aus der Unterschicht gegeneinander kämpften, bis einer den anderen überwältigte. Den Sieger ließ Corvin erneut antreten, bis dieser von einem Stärkeren oder Geschickteren geschlagen wurde.

Nie kam jemand aus diesem Teufelskreis heraus.

In einem Haus, das nur zwei Räume hatte, undichte Fenster und ein hartes, unbequemes Bett, lebten eine Frau und ihr Mann mit ihrem Sohn, einem kleinen, fröhlichen Jungen, noch keine fünf Jahre alt. Er war gesund und das war den jungen Eltern das Wichtigste. Ihr Kind war ihre ganze Freude. Der Junge ging erstaunlich gut mit der Situation, in der sie lebten, um. Trotz des heruntergekommenen Hauses, des wenigen Essens, gerade so viel, das sein Bauch nicht mehr knurrte, und der wenigen Zeit, die sein Vater für ihn hatte, weil dieser lange und schwer arbeiten musste, um die Familie zu ernähren, denn die Mutter war krank. Sie hatte eine Krankheit, die sich schleichend verschlimmerte und lebte nun schon mehrere Jahre damit, doch Anfang diesen Jahres hatte sich ihr Zustand verschlechtert. Alles war für sie furchtbar anstrengend geworden.

Ihre Lunge wäre schwach, sagte sie ihrem kleinen Sohn.

„Dann müssen wir sie aufpäppeln.“, sagte er. „Was essen denn Lungen gerne?“

Die Mutter lachte und verlor eine Träne, die sie schnell fort wischte, bevor er sie entdeckte.

Sie war so glücklich, dass ihr Sohn unbeschwert war und den Ernst des Lebens noch nicht verstand. Sie wünschte, er müsste es niemals. Denn dieses Leben hatte sie einem Kind nie zumuten wollen. Doch dann war sie schwanger geworden und wollte das kleine Wunder, das in ihr heranwuchs, nicht mehr her geben. Jetzt war sie unendlich froh, dass sie ihn hatte. Er war das Licht ihres Lebens.

Sie war schwach und krank und wusste, dass sie früher scheiden musste, als es ihr möglich gewesen wäre, doch in dieser Zeit schenkte ihr ihr Sohn Kraft. Durch sein Lachen, das seine hellblauen Augen zum Strahlen brachte und eine Röte auf seine Wangen trieb, und seine Fröhlichkeit, die sie immer wieder bewunderte.

Sie hatten ihn William genannt.

Damals wussten sie und ihr Mann nicht, zu welch großem, starkem Mann er heran wachsen würde.

Der kleine William war vor ein paar Wochen fünf geworden. Eine nette Frau aus der Straße, die ihn sehr mochte und seine Mutter manchmal pflegte, hatte ihm einen Kuchen gebacken. Es war ein toller Kuchen! Er schmeckte nach Schokolade und war etwas Besonderes, denn selten gab es etwas so Gutes bei ihnen zu essen.

Kurz darauf bekam seine Mutter starken Husten, der nicht aufhören wollte. Den ganzen Tag verbrachte sie ihm Bett und William machte sich große Sorgen um sie. Er wusste nicht was sie hatte und konnte sich nicht ausmalen, wie stark ihre Schmerzen waren. Sie versuchte es nicht nach außen zu tragen. Sie wollte ihn nicht sehen lassen, welche Qualen ihr die Krankheit bereitete.

„Du wirst doch wieder gesund, Mama?“, fragte er sie, als er ihr eine Tasse warmen Tee ans Bett brachte.

Sie nahm sie dankend in die zitternden Hände. Dann sah sie ihren Sohn an und in seinen Augen leuchtete Hoffnung, aber auch Angst erkannte sie darin. Sie brachte es nicht über sich, ihm die Wahrheit zu sagen, ihrem kleinen, fröhlichen Sohn, der immer an das Gute glaubte und das Böse in der Welt nicht erkannte. Sie konnte es einfach nicht tun.

Also lächelte sie, doch es kam ihr so schrecklich falsch vor. Sie unterdrückte die Tränen, denn sie wollte, nein, sie musste stark sein. Für ihren Sohn.

„Ja.“, antwortete sie ihm mit leiser, heiserer Stimme.

Sie hatte in den letzten Tagen selten gesprochen. Sie war so schwach. Nie in ihrem jungen Leben war es ihr so schwer gefallen sich zu beherrschen.

Als William wieder lächelte und es war ein überzeugtes, wahres Lächeln, drückte die Last ein wenig leichter auf ihre zarten Schultern.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen.

Darin stand die Bäckerin, die William den Kuchen gebacken hatte. Es war noch gar nicht lange her.

Doch diesmal hatte sie keinen Kuchen dabei und sah auch nicht aus, als käme sie wegen solcher Dinge. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ein Ausdruck der Panik lag auf ihrem blassen Gesicht und sie atmete schwer, als hätte sie sich abgehetzt.

„Er wurde festgenommen!“, rief sie außer Atem.

Sie kam in den Raum und ließ die Tür hinter sich offen.

William sah verwirrt seine Mutter an, deren Gesicht eine ungesund graue Farbe angenommen hatte. Sie stützte sich auf einen Arm und blickte die Bäckerin entsetzt an. Diese kam ans Bett, auf einmal völlig aufgelöst, und streichelte erst William über den Kopf, dann nahm sie die schlaffe Hand seiner Mutter in die ihre.

Ihre Lippe zitterte, als sie weitersprach.

„Er ist über den Zaun gestiegen, ich habe die Kisten gesehen, die er auf dieser Seite gestapelt hat. Der Herr Lehrer erzählte mir, wo er hin ist. Oh, es tut mir so leid!“

Sie brach in Tränen aus und verbarg das Gesicht in den Händen. Ihr Körper bebte. William wusste nicht, wie er sich in dieser Situation verhalten sollte. Wenn seine Mutter geweint hatte, sollte er es nicht beachten, doch die Bäckerin sah aus, als könnte sie jemanden gebrauchen, der sie tröstete. Also tätschelte er ihren Arm.

Sie sah auf, das Gesicht ganz rot, die Augen geschwollen und lächelte dankbar.

„Danke, mein Junge.“, schluchzte sie.

Sie brauchte eine Weile, bis sie sich gefasst hatte und erneut zu erzählen begann.

„Er wurde gesehen mit zwei Polizisten. Sie haben ihn an den Armen gepackt und neben sich her geführt. Sie kamen aus dem Krankenhaus. Er hat gerufen, seine Frau sei krank, wie könnten sie einer Sterbenskranken nur Hilfe verweigern? Doch die Männer schoben und zerrten ihn weg.“

Es wurde still im Raum und diese Stille war unerträglich.

William musste die Dinge erst verarbeiten. Er war noch so jung und er verstand erst nicht, was es hieß, sterbenskrank zu sein oder was mit seinem Vater geschehen war. Er war weg, das wusste er, aber wohin hatten sie ihn gebracht? Und überhaupt, was hatte sein Vater denn getan? Hat er etwas Böses gemacht? Polizisten fangen böse Leute. Aber sein Vater war nicht so einer. Ganz bestimmt nicht. Da war William sich sicher.

„Mama, was heißt das?“

Seine Mutter sah ihn an.

Sie wusste, dass sie ihm nun die Wahrheit sagen musste. Jetzt war es noch viel schlimmer. Wenn sie nicht mehr da wäre und ihr Mann war abgeführt worden, wer sollte sich um das Kind kümmern? Er hätte keinen mehr. Sie hatte plötzlich solche Angst. Hoffentlich würde der Bürgermeister ihren Mann wieder gehen lassen. Mit Schlägen käme er noch gut davon. Aber wenn er kämpfen musste oder direkt ermordet wurde? Welcher Laune würde der Herr nachgehen?

Sie hoffte so sehr, er hätte heute einen guten, gnädigen Tag. Sie wollte sich nicht eingestehen, dass dies ein dummer, naiver Gedanke war. Sie wusste, wie der Herrscher war und doch wollte sie nicht an seine Grausamkeit glauben.

Ihr Mann musste überleben. Für ihren Sohn. Ihren Liam, der ein lieber, herzensguter kleiner Junge war.

Sie merkte, dass sie ihn hatte lange Warten lassen. Er schaute sie an, unsicher, ungeduldig.

„Es...es heißt, dass Papa erst mal nicht nach Hause kommt.“

„Wann kommt er wieder?“, fragte William.

Sie schluckte.

Die Bäckerin wich ihrem Blick aus und schlug die Augen zu Boden. Es war die schwerste aller Aufgaben, einem Kind die gnadenlose Wahrheit zu sagen. Es brach ihr das Herz in tausend Stücke.

Sie hob die Hand, aber sie hatte keine Kraft, sie bis an Williams Gesicht zu führen, um über seine Wange zu streichen. Sie wollte ihren Kleinen trösten. Er war so jung. Zu jung, um solch schreckliche Dinge zu erfahren und sie zu verstehen. Doch bald musste er damit klarkommen, dann wäre er kein kleiner Junge mehr, sondern musste stark sein. Seine Kindheit wäre vorüber. Viel zu früh.

„Vielleicht kommt Papa gar nicht mehr nach Hause.“

William starrte sie an.

In seinen großen blauen Augen sammelten sich Tränen. Er schniefte und strich sich mit dem Handrücken über die Nase. Er fragte nicht Warum, was ein Kind in seinem Alter getan hätte. Er blieb einfach ganz still und sah seine Mutter an.

„Und du, musst du auch sterben?“

Seine dünne Stimme zerschnitt die Luft und seine Worte trafen sie dort, wo sie am Verletzlichsten war.

Sie holte tief Luft. Sie hustete und hustete, bis ihre Augen feucht waren und sie geschwächt ins Kissen sank. Ihre Lunge brannte wie Feuer.

Sie schloss die Augen und wünschte sich, sie könnte für ihn da sein, wie es eine Mutter sein sollte. Vor ihren geschlossenen Augen erschien er und er stand vor ihr, sah sie an. Doch er entfernte sich immer weiter von ihr. Sie rief in ihrem Kopf nach ihm, streckte die Hand nach ihm aus, aber ihr Sohn war unerreichbar. Sie weinte und schluchzte seinen Namen, bis ihre Stimme nur noch ein flehendes Winseln war, wie das eines Hundes.

„Komm, Liam.“, hörte sie die Stimme der Bäckerin.

Die Bäckerin nahm William an den Schultern, sodass er sie ansehen musste. Er war steif wie ein Brett, sein Blick war noch immer starr geradeaus gerichtet.

Sie zog ihn zu dem alten Schaukelstuhl, der schon mehrere Generationen in diesem Haus überdauert hatte, und setzte ihn auf ihren Schoß. Dann wiegte sie mit ihm vor und zurück. Der kleine, magere Junge krümmte seinen Rücken. Die braunen Haare fielen ihm in sein blasses, ausdrucksloses Gesicht. Er schloss hinter seinem Vorhang aus dichten Haaren die Augen und leise kullerten ihm Tränen die Wangen hinab und tropften auf seine verdreckte, löcherige Hose.

Eine tiefe Schwärze umhüllte ihn und er dachte, nie wieder die Augen öffnen zu können. Die Lider waren ihm so schwer und er sah kein Licht in der Dunkelheit.

Es war der Moment gekommen, in dem er verstanden hatte, was mit seiner Mutter war und wo sein Vater hingebracht wurde. Beide würden nicht mehr zurück kehren. Von da, wo sie hingingen, gab es keinen Weg zurück. Das wusste er.

Denn als seine Großeltern gestorben waren, kaum ein Jahr war es her, hatten es ihm seine Eltern erklärt.

Er war ein kluger Junge und jetzt wünschte er sich, es nicht zu sein. Er wollte das alles nicht verstehen. Mama und Papa konnten nicht einfach gehen. Er brauchte sie doch. Was sollte er nur ohne sie machen?

Er wehrte sich, doch die Hände, die seine beiden Oberarme umklammerten, waren wie Schraubstöcke. Er selbst war kräftig, weil er jeden Tag schwere Kisten mit Ernteprodukten schleppte, aber gegen zwei Polizisten konnte er nicht ankommen. Sie redeten kein Wort mit ihm oder untereinander, während sie ihn abführten. Auch, als er geschrien hatte, hatten sie ihm nicht das Schweigen befohlen. Sie hatten ihn einfach weiter gedrängt.

Seine Versuche, sie irgendwo zu treffen, parierten sie mühelos. Trotzdem gab er nicht auf.

Er wusste natürlich, wo sie ihn hin brachten und das konnte er nicht zulassen. Schließlich hatte er nichts getan, außer im Krankenhaus um Hilfe gebeten.

Er hatte die Frau hinter der Rezeption angefleht, einen Arzt zu schicken, doch sie war regungslos geblieben und hatte gesagt, er sollte verschwinden, da es ihm nicht erlaubt wäre, hier zu sein, auf der anderen Seite des Zauns und er kein Geld für die Behandlung hätte.

„Ist das alles, wonach Sie trachten?“, hatte er sie angeschrien, als er seine Beherrschung aus purer Verzweiflung und Wut verlor.

„Geld? Ist es das Einzige? Was ist mit Ihrem Gewissen? Da drüben sterben Leute, nur weil Sie ihnen ihre Hilfe verwehren. Sie könnten so viele Leben retten! Sie haben die Mittel dazu! Warum tun sie es dann nicht?“

Für einen Moment hatte sie überrascht gewirkt und blinzelte mehrmals, doch dann wurde sie ärgerlich und verzog den geschminkten Mund.

„Wir sind nicht für euch verantwortlich.“, hatte sie leise, aber überzeugt gesagt.

Ihre Stimme und ihr Blick waren eiskalt. Dann tippte sie auf den Bildschirm zu ihrer Rechten. Er hatte sie bitterböse an gefunkelt.

Ihr ordentlich zurück genommenes blondiertes Haar, ihr perfektes Make-up, die künstliche graue Iris, in der silberne Partikelchen schimmerten und ihre weiße Kleidung; alles an ihr präsentierte, dass sie wohlhabend war, dass sie das Geld zu solch unnötigen Dingen besaß. Kümmerte sie es wirklich nicht, wie es drüben aussah, oder schaute sie nie hinüber, durch den Maschendrahtzaun, der zwei verschiedenen Welten voneinander abtrennte?

Sie noch weiter anzuschreien, hatte er keine Gelegenheit gehabt, denn Sekunden später hatten ihn die kräftigen Hände von hinten gepackt, die ihn immer noch im Griff hatten und ihn von dem Schalter weg gezerrt. Er war überrumpelt worden, hatte nicht darüber nach gedacht, was die Frau in ihren Bildschirm eingegeben hatte und sich dafür selbst verflucht. Er hatte gerufen, dass seine Frau todkrank wäre und sein Stimme hatte verzweifelt geklungen.

In diesem Moment meinte er, hätte er in dem strengen Gesicht der Frau etwas zucken sehen, eine Regung von Mitgefühl. Doch dann hatte sie die Lippen fest aufeinander gepresst und sich von ihm abgewandt.

Er hatte weiter geschrien, bis sein Hals heiser war.

Was er damit bezwecken wollte, wusste er nun selbst nicht mehr, denn die Frau hatte ihm ihre Hilfe verweigert und ihm war klar, dass sie ihre Meinung durch seinen Protest nicht geändert hätte. Doch er hatte schreien müssen, wie ein Verrückter, dessen Leben davon abhing, denn er war so weit vorgedrungen, ohne gefasst zu werden, war unbemerkt über den Zaun gekommen und ins Krankenhaus und hatte die Chance gehabt, die Leute umzustimmen.

Er hatte wirklich geglaubt, sie würden weich werden und ihm helfen. Doch was hinter dem Zaun geschah, interessierte sie offensichtlich nicht. Das konnte er einfach nicht verstehen. Wie in Gottes Namen konnten die, denen es so gut ging, nicht ihre Fähigkeiten teilen?

Er verlangte nicht einmal Geld oder sonstige Güter. Er verlangte doch nur Hilfe, war das denn nicht menschlich? Und war es nicht auch menschlich, den Bedürftigen zu helfen?

Unter den Reichen und Gebildeten waren so viele Ärzte, ein Kinderspiel wäre es für sie, eine Grippe zu heilen oder die Symptome seiner armen Frau zu lindern.

Er hatte um sein Leben geschrien, denn ihres hing von seinem Erfolg ab. Doch er war gescheitert und wurde sich nun bewusst, was dies bedeutete. Sie musste sterben.

Er blieb stehen, was die beiden Polizisten überraschte.

Er schnappte nach Luft und hielt sie an, dann blies er sie langsam aus. Nicht nur sie war nun auf der Schwelle des Todes, er war es höchstwahrscheinlich auch. Der Bürgermeister würde sich über eine neue Spielfigur für seine barbarischen Spiele teuflisch freuen.

Er lachte verbittert.

Die Polizisten in ihren dunkelblauen Anzügen guckten ihn komisch an und packten seine Arme fester. Sie glaubten, der Mann wäre verrückt geworden. Erst wagte er sich über den Zaun, eine gefährliche Kletterpartie, dann in eine öffentliche Einrichtung, was regelrecht lebensmüde war, schrie wie ein Durchgedrehter und brach nun in eine gruselige Heiterkeit aus. Diese verflog so schnell wie sie gekommen war.

Der Mann brach völlig unerwartet zusammen. Er sackte auf den Boden und sie konnten ihn nicht aufrecht halten. Also gingen sie mit ihm in die Hocke und warteten, ob er wieder aufstehen würde. Diese Gefühle passten besser zu dem, was ihm bevor stand. Natürlich wusste er es und fing an zu verzweifeln. Er musste sterben, Corvin würde ihn sicherlich nicht am Leben lassen.

Während die beiden Polizisten sich also fragten, was in dem Mann vorging, dachte er nicht über seinen eigenen Tod nach, so wie sie es vermuteten.

Er erinnerte sich seines Sohnes, der ein Waise wäre, wenn seine Mutter schied und er nicht zurückkehrte. Sein Sohn hätte weder Vater noch Mutter. Es war genug, dass er seine geliebte Frau verlor, doch seinen Sohn ließ er auch im Stich. Er hatte die Verantwortung für beide.

Die Polizisten verloren die Geduld und zogen den unglücklichen Mann an den Armen hoch. Er wehrte sich nicht und ließ sich widerstandslos weiterziehen.

Er hatte aufgegeben. Alles war verloren, nichts war mehr zu retten. Jetzt konnte er sich auch abführen lassen, denn er hatte begriffen, dass er machtlos war. Er wollte für die kämpfen, die er über alle Maßen liebte, aber es machte doch keinen Sinn. Seine Frau würde sterben und er konnte seinen Tod genauso wenig verhindern, denn er konnte den Polizisten nicht entkommen.

Sie waren zufrieden, dass der Mann sich nicht mehr wehrte. Sie dachten, sie hätten gewonnen, ihn endlich still bekommen.

Doch wer den Mann besiegt hatte, war die Verzweiflung. Die Erkenntnis der bitteren Realität.

In die Menschen auf dieser Seite des Zauns hatte er jegliche Hoffnung verloren. Sie hatten die Macht über die Leute auf der anderen Seite, weil sie über deren Tod und Leben entscheiden konnten. Sie hatten sich für den Tod entschieden.

Der Palast war gewaltig. Er stand im Herzen der Stadt und die armen Menschen sahen davon nur die goldene Spitze der Kuppel, was ihnen gemeinerweise den Reichtum des Bürgermeisters vor Augen führte.

Es war ein riesiges weißes Gebilde. Zu beiden Seiten eines Zylinders, auf der die Kuppel saß und in die das mächtige, prunkvoll verzierte Tor eingelassen war, gingen rechteckige Steinbauten ab, in die hunderte Fenster mit gelben Rahmen eingesetzt waren. Zum Palast führte ein langer, sandiger, breiter Weg. Am Tor, auch der Palast war abgetrennt von seinem umhüllenden Häuserring, aber mit einer hellen Sandsteinmauer in einer Höhe von fast zwei Metern, standen mehrere Wachen, die es von innen öffneten und die Polizisten mit ihrem Gefangenen reinließen.

„Das wird den Herrn freuen!“, sagte einer der Männer mit einem ekelhaften Grinsen.

Er schob das Tor hinter ihnen wieder zu und stellte enttäuscht fest, dass der Gefangene keine Anstalten machte, zu fliehen oder schwierig zu werden, geschweige denn, auf seine provokanten Worte wütend zu reagieren.

Der Mann wurde am Palast vorbei auf den Hinterhof geführt. Dort stand ein Gebäude, das von außen mit seiner hellblau angestrichenen Fassade ganz und gar nicht den Eindruck machte, als halte man dort Männer und Frauen gefangen, die meisten wegen Kleinigkeiten verurteilt wurden, weil sie etwas gesagt oder getan hatten, dass dem Bürgermeister nicht gefiel oder weil sie geklaut oder handgreiflich geworden waren. Nur die Wenigsten unter ihnen waren ernsthafte Verbrecher, wie Mörder oder Vergewaltiger.

Mit Grauen entdeckte der Mann den Klotz, der aus der Erde ragte, als er seinen schlaff herunter hängenden Kopf hob. Er war quadratisch, der Lack glänzte und die Sonne spiegelte sich darauf. Sie brannte auf die Arena. Angst durchfuhr ihn und er zuckte zusammen. Die Polizisten spürten seine plötzliche Aufgebrachtheit und einer von ihnen machte endlich den Mund auf. Der Mann erschrak, er hatte nicht geglaubt, das diese Männer tatsächlich mit ihm sprechen würden.

„Zwei Drittel sind in die Erde versenkt. Unterirdische Gänge führen von dort“, er zeigte auf das Gefängnis, das dem Mann so harmlos vorkam, „in die Arena.“

Dann sagte er nichts mehr, tauschte mit seinem Partner einen Blick aus und sie zogen den Mann weiter.

Sie brachten ihn in einen Raum im blauen Haus. Von innen strahlten ihm weiße Wände entgegen, in die Türen in geringem Abstand eingelassen waren. Er dachte daran, dass hinter einer dieser Türen der Gärtner, den sie vor drei Tagen erst festgenommen hatten, sitzen könnte oder der Junge, der noch nicht mal achtzehn Jahre alt war und einen Leib Brot gestohlen hatte.

Die Polizisten drückten den Mann in einem kleinen Raum auf einen Stuhl.

Er sah sich um. Das Fenster war ausbruchsicher vergittert, es standen noch drei weitere Stühle da und sonst war der Raum leer. Er kam sich unbehaglich vor.

Die Polizisten hatten ihn losgelassen und beobachteten ihn aus dem Stand, statt sich ebenfalls zu setzen. Warteten sie auf etwas? War das hier der Verhörraum, der Entscheidungsraum, was man nun mit ihm anstellte?

Er räusperte sich.

„Es sieht nicht aus wie ein Gefängnis hier.“, sagte er und meinte die blaue Fassade und die hellen Flure, sowie auch dieses Zimmer weiß war.

Es kam ihm merkwürdig vor, denn warum sollte ein so schrecklicher Ort, ein Gefängnis, einladend für die Leute aussehen? Das passte nicht. Irgendwas stimmte damit nicht.

Der Polizist, den er noch nicht reden gehört hatte, antwortete ihm. Er hatte ein hartes, unfreundliches Gesicht und stechende Augen, erkannte der Mann, jetzt, wo er ihn ansehen konnte und sie ihn nicht festhielten.

„Das ist eine gute Vorbereitung auf den Tod.“, sagte der Polizist völlig ungerührt.

Der Mann hätte ihn wütend angeschrien, doch er hatte keine Kraft dazu und war so ruhig geworden, dass es ihn selbst fast erschreckte. Er hatte aufgegeben und er hatte es akzeptiert.

„Es ist grausam.“, murmelte er.

Die Polizisten lachten beide auf, als hätte er einen guten Witz gerissen. Er sah sie nicht an, sondern aus dem Fenster, durch das er die Arena im Blick hatte. Darin spielten sich schlimme Dinge ab, die er sich lieber nicht vorstellen mochte, bevor es für ihn so weit war, dort hinein zu gehen. Er hoffte, der Bürgermeister würde ihm einen anderen Tod gewähren, ihn an den Galgen hängen oder einfach erschießen. Er wollte nicht zum Mörder werden. Er hatte Angst davor.

„Wenn sie sterben, wollen sie es dunkel um sich herum, das quält sie weniger. Aber diesen Luxus gönnt Herr Corvin ihnen nicht. Du wirst es schon verstehen, sehr bald, sehr bald sogar.“, sagte der Polizist mit den harten Zügen, die letzten Worte nur noch murmelnd.

Er war dem Mann nicht geheuer, nichts war ihm hier geheuer. Obwohl die Sonne durchs Fenster schien und niemand eine Waffe auf ihn richtete.

Einer seiner Diener überbrachte ihm die freudige Botschaft.

Er klatschte in die Hände und rief durch den Saal: „Fein, fein!“

Dann schlug er die Beine auf seinem ledernen Thron übereinander und setzte ein zufriedenes Lächeln auf.

„Ein neuer Häftling.“, murmelte er zu sich selbst.

Er rieb sich die Hände und nickte seinem Diener zu, er könnte wieder gehen. Dieser verließ den Saal und schloss die Tür hinter sich, sodass Corvin alleine war.

Es war ein langer, schmaler Saal mit hoher Decke, an die der Himmel gemalt war. Ein blauer, wolkenloser Himmel, an dem pechschwarze Raben ihre Kreise zogen.

Drei Stufen führten zu Corvins Thron, obwohl er kein Monarch war, verhielt er sich wie ein König und sah sich selbst auch insgeheim als solch einer an.

Er war der Mächtigste, der Herrscher über sein Volk. Er konnte sie bestrafen oder verschonen. Aber warum sollte er ihnen Gnade erweisen? Sie hatten sie doch nicht verdient.

Dieses erbärmliche Volk lebte im Dreck und war faul, sich genug Geld zu verdienen. Geld musste man sich erarbeiten. Macht erhielt man durch Reichtum.

Corvin stand auf und zog sein Hemd zurecht, legte sich seinen langen, schweren Mantel um, der mit Goldperlen bestickt war und stieg die Stufen hinab.

Er wollte den Gefangenen besuchen, sich ihn ansehen, entscheiden, was mit ihm geschehen sollte. Er brauchte neue Kämpfer, er würde ihn wohl antreten lassen. Denn dieser eine, besonders starke, blutrünstige Kerl, ließ sich einfach nicht besiegen. Vielleicht aber diesmal schon, wenn ihm seine Polizisten einen guten Kämpfer mit Muskeln und Köpfchen, davon hatte der Starke nicht sonderlich viel, mitgebracht hatten.

Er ging auf die Tür zu. Seine Schritte hallten von den hohen Wänden wider, auf dem blankgeputzten Boden spiegelte er sich. Er fuhr sich über die schwarzen Haare und die Wange, dessen Haut so straff war, wie in seiner Jugend. Jemand wie er, von so hohem Ansehen, konnte es sich nicht leisten, älter zu werden. Trotz seiner siebzig Lebensjahre sah er jugendlich und schön aus, mehrere Operationen hatten ihm zu diesem Aussehen verholfen.

Er war nicht nur unglaublich mächtig, sondern auch noch gut aussehend. Er lächelte zufrieden.

1

Es waren so viele Kartoffeln, dass sie für einen ganzen Monat reichen würden, um jeden satt zu machen.

Die Bauern waren unglaublich stolz auf ihre reiche Ernte und versprachen sich einen hohen Ertrag, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Ladefläche des Trucks war voll gestapelt mit Holzkisten, jede bis zum Rand gefüllt. Es brauchte viele starke Männer, die die Kartoffeln ausluden und zum Marktstand trugen. Die Kartoffelbauern standen neben ihrem Stand und verkauften eifrig, immer wieder kamen Käufer und drängelten, um bei einem der Bauern zu bezahlen und im Gegenzug Kartoffeln zu bekommen. Der Preis war auch so niedrig, wie lange nicht mehr und es war für alle eine Freude zu kaufen und verkaufen.

Dieser Tag war einfach ein guter Tag.

Ein junger Mann stellte eine Kiste auf dem Boden ab und wischte sich lächelnd den Schweiß von der Stirn. Er beobachtete das Gedrängel an dem Stand, der viel zu klein für die gesamte Ernte war. Doch die Kartoffeln waren so schnell weg, wie er und die anderen Männer neue Kisten anschleppten. Er war schon völlig außer Puste und sein T-Shirt war schweißdurchtränkt, es war allerdings auch ein sehr warmer Sommertag, doch er ging immer wieder zum Truck, nahm eine Kiste und brachte sie zum Verkaufsstand, während die anderen sich eine Pause genehmigten.

„Liam.“, hörte er seinen Namen und drehte sich nach der Stimme um.

Es war sein Kindheitsfreund Jonas. Er warf ihm eine Wasserflasche zu. Er fing sie auf und bedankte sich. In wenigen Schlücken trank er die Flasche leer.

„Übernimm dich nicht.“, meinte Jonas.

Er runzelte fast ein wenig besorgt die Stirn. Jonas war ein Jahr jünger als William und kam erst mit zehn Jahren ins Waisenhaus, wo man ihn mit seinem seit nun acht Jahren besten Freund in ein Zimmer steckte. Beide Jungen hatten schreckliche Dinge erlebt, die man ihnen nie gewünscht hätte. Doch es war geschehen und nicht zu ändern. Wäre es anders gekommen, wären sie beide heute ganz andere Menschen und hätten sich vielleicht gar nicht kennen gelernt. Dann wäre zwischen ihnen auch keine dicke Freundschaft entstanden.

Liam hatte dem Schicksal vergeben und sich zu einem jungen Mann mit einer guten Seele entwickelt. Er war hilfsbereit, fleißig und ein kluger Kopf. Man könnte sich nun fragen, warum er auf dem Markt arbeitete und Kisten schleppte, statt in der Universität zu sitzen und Klausuren zu schreiben. Die Antwort war einfach, aber ungerecht. Ihm fehlte das Geld zum Studieren.

Unumstritten war er klüger als viele anderen in seinem Alter, die ein Studium begannen, doch er konnte noch so schlau sein, wenn er kein Geld hatte, brachte ihm das gar nichts.

Für seinen achtzehnten Geburtstag hatten die Betreuer und Arbeiter im Waisenhaus eine beachtliche Summe zusammen gespart und es hätte wunderlicherweise gereicht, sein erstes Studienjahr zu finanzieren, doch er hatte, so selbstlos und bescheiden wie er war, es nicht annehmen können und blieb auf dieser Seite des Zauns, obgleich es seine einmalige Chance gewesen wäre, der Armut zu entkommen und sich eine großartige Zukunft aufzubauen.

Wenn er studiert hätte, wäre es Medizin gewesen. Er verstand sich mit der Heilkunst und hatte schon einige Leute vor Schlimmerem bewahrt. Sie wollten ihn dafür mit Geld belohnen, doch mehr als ein paar Münzen nahm er nie und diese auch nur aus reiner Höflichkeit, weil die Menschen ihn regelrecht anbettelten, etwas von ihnen anzunehmen.

Auch für seinen Job auf dem Markt bekam er kaum Geld und hätte sich damit nicht mal eine Wohnung finanzieren können, aber das wollte er auch gar nicht.

Denn er hing sehr an dem Waisenhaus, in dem er aufgewachsen war und hatte nicht die Absicht, es in absehbarer Zeit zu verlassen. Es war sein Zuhause geworden und alle, die dort arbeiteten und wohnten, besonders die Kinder, waren ihm ans Herz gewachsen und gehörten zu seiner Familie. Er schätzte sich glücklich, eine so große Familie gefunden zu haben.

Jonas war vor einem Jahr ausgezogen und lebte mit seiner Freundin in einer winzigen Wohnung. Er besuchte das Waisenhaus so oft er konnte. Die beiden Männer halfen, wo sie konnten, doch es war Liam, der nie ruhte, denn erst, kurz bevor er sich schlafen legte, hörte er auf zu arbeiten. Er war der Meinung, dass es immer etwas zu tun gab.

Jonas sagte ihm nicht zum Ersten mal, er solle sich nicht übernehmen. Liam hörte allerdings selten auf seinen Freund; auch jetzt ging er wieder zum Wagen und packte eine Kiste. Jonas kam ihm hinter her, seufzte und hievte selbst eine Kiste hoch.

„Denkst du, für uns springt heute auch mehr raus?“, fragte er und sah Liam mit rotem Kopf an.

Er schnaufte, als er den ersten Schritt mit der schweren Last tat. Es war ein guter, aber anstrengender Tag und dafür erhoffte sich Jonas auch einen besseren Lohn.

Liams Gesichtsfarbe war noch normal, doch seine Armmuskeln zitterten.

„Du kannst von meinem Lohn einen Teil ab haben. Schließlich musst du eine Wohnung bezahlen, die nicht billig ist. Ich habe ein kostenloses Dach überm Kopf.“

Er grinste.

Jonas schüttelte bestimmt den Kopf. Er wollte seinen Freund nicht um seine letzten Münzen bringen. Alles, was er verdiente kam in die Kasse des Waisenhauses. Für sich behielt Liam nie etwas zurück.

„Wann hast du dir das letzte Mal etwas für dich gekauft?“, fragte Jonas.

Er ließ die Kartoffelkiste unsanft auf den Boden fallen. Sofort schrie ihn ein Bauer an, der eben noch lachend mit einem Kunden verhandelt hatte.

„Pass doch auf!“

Jonas entschuldigte sich schnell und hob die Kartoffeln auf, die hinaus gefallen waren. Liam bückte sich und half ihm beim Auflesen.

„Mir mangelt es an nichts.“, sagte er.

Jonas hielt inne, richtete sich auf, zog zweifelnd die Augenbrauen in die Höhe und seufzte. Sein Blick fiel auf den großen Fleck auf Liams T-Shirt, der nicht auszuwaschen war und wanderte hinunter zu den ausgefransten, zu kurzen Hosenbeinen.

„In dem Aufzug ist es kein Wunder, dass du keinem Mädchen auffällst. Die Hose ist mindestens drei Jahre alt, das T-Shirt habe ich schon mal an einem der Jungs im Heim gesehen.“

Liam verzog den Mund und machte kehrt, die nächste Kiste holen, doch Jonas packte ihn am Handgelenk und zwang ihn, sich ihm wieder zuzuwenden.

„Das war keine Beleidigung.“

Liam schüttelte den Kopf. „Nein, bloß ein gutgemeinter Ratschlag meines besten Freundes. Ich schätze deine Ratschläge sehr, aber es ist nun mal nicht, worauf ich aus bin. Warum sollte ich mir neue Sachen kaufen, wenn diese noch ihren Zweck erfüllen? Und was Mädchen angeht...“

„Willst du eine, der es egal ist, was du trägst.“

Liam nickte.

„Du bist viel zu beschäftigt. Dir würde es gar nicht auffallen, wenn dir eine hinterher gucken würde.“

Darauf zuckte er die Schultern. „Solange es kein Mädchen gibt, dass mich von der Arbeit ablenkt, lasse ich mich auch von keiner ablenken.“

Jonas verdrehte die Augen, lächelte aber. „Du bist der pragmatischste Mensch, den ich kenne.“

Liam erwiderte nichts und ging erneut zum Truck.

Es dämmerte, als die beiden Freunde sich auf der Straße trennten und sich in die entgegengesetzten Richtung davon machten. Liam schlenderte in den letzten warmen Sonnenstrahlen nach Hause und ließ sich von ihnen sein Gesicht wärmen. Seine Haut hatte eine gesunde Bräune, weil sie an den Tagen, an denen Markt war, permanent der Sonne ausgesetzt war, die schon relativ stark strahlte.

Seine Muskeln schmerzten, aber es störte ihn nicht, denn der Schmerz war nur vorübergehend und machte ihn stärker.

Er hatte einen weiten Weg bis zum Waisenhaus, den er jeden zweiten Tag ging. Zu dieser Uhrzeit aßen die meisten zu Abend und die Straßen waren leer gefegt, bis auf ein paar streunende Katzen, die sich auf Essenssuche begaben.

Ein weißes Tier, dessen Fell allerdings so schmutzig war, dass es grau wirkte, kam auf Liam zu und setzte sich einen Meter vor ihm auf den Boden. Es reckte den Kopf zu ihm in die Höhe und sah ihn hungrig an.

Er blieb stehen und kramte in seiner Hosentasche. Ganz unten ertastete er einen Rest Futter, den er für die Tiere immer dabei hatte. Das Waisenhaus nannte sich stolzer Besitzer von drei gefräßigen Katzen, aus deren Näpfen er ab und zu etwas raus nahm. Die Katzen auf den Straßen hatten das Futter viel dringender nötig.

Er bückte sich und öffnete die Hand. Die Katze sprang mit einem Satz auf ihn zu und verschlang gierig das Futter von seiner Handfläche. Er kraulte ihr den Kopf, kam aus der Hocke wieder in den Stand und setzte seinen Weg weiter fort.

Das Abendessen war nahezu beendet, als Liam in den Speiseraum kam, wo alle an den Tischen saßen und sich lautstark unterhielten.

Er setzte sich mit einem Teller Suppe an einen Tisch zu Amanda, die so alt wie er war und keine Arbeit hatte, weswegen sie sich auch keine eigene Wohnung leisten konnte.

Aber eigentlich war sie noch genauso wenig bereit, das Heim zu verlassen, wie Liam. Den ganzen Tag war sie damit beschäftigt, den Kinder essen zu machen und sie zu betreuen.

„Guten Abend.“, sagte er.

Er ließ sich auf dem freien Stuhl nieder und schaute sich am Tisch um.

Danny war noch so klein, dass seine Nase unter dem Tisch verschwand und er den Löffel nur umständlich in seinen Mund bekam. Er rief fröhlich Liams Namen und verschüttete die Suppe auf seinem Löffel. Amanda wischte mit einer Serviette über den Tisch und Dannys Pullover. Dabei warf sie einen Blick zu Liam rüber und lächelte. Er lächelte zurück.

Sie war eine sehr kinderliebe Frau. Jedes Mal, wenn er sah, wie sie mit einem der Kleinen spielte oder sie bemutterte, dachte er sich, was für eine gute Mutter sie wäre. Natürlich war sie noch sehr jung, doch ihr Umgang mit Kindern war besonders. Es gab diese Leute, die sich veränderten, wenn sie Kinder um sich hatten. Kinder konnten das Beste aus einem Menschen heraus holen. Das sah Liam am Besten an Amanda.

Sie war schon länger hier als er und war wie eine Schwester für ihn, sowie alle Kinder und junge Erwachsene die in diesem Heim lebten.

Es war nicht immer ein friedliches Zusammenleben.

Häufig begann jemand Streit. Einige Jungen konnten ihre Aggressionen nicht kontrollieren und es gab Mädchen, die sich beleidigten, bis beide in Tränen ausbrachen. Es waren nun mal viele Leute auf engem Raum zusammen. Liam kannte diese Komplikationen.

Er selbst war nie ein schwieriges Kind gewesen und hatte Streitereien immer geschickt umgangen. Er war ein ruhiger Junge gewesen, sehr in sich gekehrt und nach Vermutungen der Heimmutter Amelie stark traumatisiert. Doch alle Sorgen, die sie sich um seine Entwicklung gemacht hatte, waren grundlos gewesen, denn er war ein junger, selbstständiger Mann geworden, dessen Psyche durchaus belastbar war.

Dennoch mied er noch heute Auseinandersetzungen und hatte ein erstaunlich gutes Gespür dafür, wann sich etwas anbahnte, und entschärfte es, bevor ein Streit ausbrach.

Charlie war ein unberechenbarer Junge, am Anfang der Jugend, der oft einen Wutausbruch bekam. Er war leicht zu provozieren und gefährlich wie ein Bombe, die jeden Moment in die Luft gehen konnte. Liam war der Einzige, der Charlie im Griff hatte. Um so weit zu kommen, hatte er sich schon mehrere Schläge von dem Jungen eingehandelt, bis er das Vertrauen geweckt und die Blockade gebrochen hatte. Außerdem erriet nur Liam, was in Charlie wirklich vorging und hatte eine Methode entwickelt, ihn zu beruhigen.

Es war bloß ein umgekippter Becher, dessen Inhalt sich auf Charlies Hose ergoss, der ihn aufspringen ließ und aggressiv machte. „Du Idiot!“, klaffte er den Jungen an, der den Becher aus Versehen um geschmissen hatte.

Shane rutschte ängstlich von ihm ab und starrte auf den nassen Fleck in Charlies Schoß. Charlies Ohren liefen blitzschnell rot an, ein gefährliches Warnsignal.

Liam wurde augenblicklich aufmerksam. Er kannte die Zeichen eines ausbrechenden Wutanfalls gut, denn er hatte viel Zeit mit dem Jungen verbracht. Er wollte ihm helfen, seine Aggressionen in den Griff zu bekommen.

Im nächsten Moment war er an dem Tisch, wo der Streit drohte auszubrechen.

Shane entschuldigte sich bereits eilig und Charlie warf ihm Verfluchungen an den Kopf.

Liam redete auf Charlie ein, hielt aber Abstand, weil er entdeckt hatte, was diesen provozierte und in die Enge trieb. Er wusste, wie bedrängt Charlie sich in Wirklichkeit fühlte und jeder Reiz konnte zu viel für ihn werden.

„Das war keine Absicht. Du brauchst ihn dafür nicht beschimpfen. Hör doch mal, er entschuldigt sich aufrichtig.“, flößte Liam ihm ein.

Er konzentrierte sich vollständig auf den Jungen, um ihn unter Kontrolle zu haben und zu behalten. Er starrte ihn mit eindringlichem Blick an, den Charlie nicht erwiderte. Er mied jeden Blickkontakt und ballte die Hände zu Fäusten.

Dann wurde er auf das Gekicher aufmerksam, das von den Tischen kam und die Kinder versuchten, unter hervor gehaltener Hand zu verdecken. Er schnaubte wütend.

Liam wusste, dass es ihn innerlich verletzte, obwohl es nach außen nicht so wirkte. Aber Charlie war viel verletzlicher als andere. Er konnte diese Verletzlichkeit nur nicht ausdrücken, wie es die anderen taten. Deswegen erkannten sie auch nicht, was hinter seiner Fassade vor sich ging.

„Haltet die Klappen!“, schrie Charlie in den Raum.

All seine Wut kam mit diesen Worten heraus und fast jeder zuckte erschrocken zusammen. Liam trat immer noch nicht näher an den Jungen heran. Er nannte nur mit vollkommen ruhiger Stimme seinen Namen. Charlie drehte sich ihm ruckartig zu, funkelte ihn böse an, reckte das Kinn in die Höhe, um Liams Körpergröße zu imponieren, was lächerlich war, denn Liam war sehr groß gewachsen, und fauchte ihn an wie eine wilde Raubkatze.

„Du bist nicht mein Vater. Führ dich also nicht so auf.“

In Liams Gesicht trat etwas Verletzliches und sein Blick wurde leer. Er sah durch den Jungen hindurch.

In seinem Kopf spielten sich Bilder ab. Die Erinnerung an seinen Vater kehrte zurück. Charlie hatte einen wunden Punkt getroffen. Liam brachte so schnell keiner aus der Fassung.

Charlie rannte aus dem Raum. Liam zögerte, schüttelte dann den Kopf, als befreite er sich von seinen Gedanken, und stürmte ihm hinter her.

Charlie schlug die Tür seines Zimmer Liam vor der Nase zu. Anstatt sie wieder aufzureißen, stellte sich Liam davor und horchte.

Eine ganze Weile blieb es still im Raum.

„Ich weiß, dass du da draußen stehst.“, drang Charlies Stimme nach mehreren Minuten durch die Tür.

Liam antwortete nicht. Charlie wurde ungeduldig und öffnete schließlich doch seufzend. Genervt verdrehte er die Augen.

„Willst du mir jetzt wieder sagen, dass ich nicht bei dem kleinsten Mist ausrasten darf, dann kannst du gleich gehen. Ich will das nicht mehr hören. Ich...“

„Ich bin stolz auf dich.“, unterbrach ihn Liam.

Charlie starrte ihn perplex an. Sein Mund öffnete sich einen Spalt breit, doch er sagte nichts. Dann trat er in sein Zimmer, ließ die Tür offen stehen und setzte sich auf sein Bett. Er legte den Kopf in die Hände und krümmte die Schultern.

Liam setzte sich auf einen Stuhl und faltete die Hände im Schoß. Er betrachtete den Jungen, der sich selbst am Meisten dafür hasste, immer wieder die Beherrschung zu verlieren und er tat ihm leid.

Dann stand er auf und ging zum Bett. Charlie hob den Kopf und folgte mit den Augen jeder Liams Bewegungen, bis dieser sich neben ihm nieder ließ. Er wehrte sich auch nicht, als Liam ihm eine Hand auf den Rücken legte und sie dort ruhen ließ.

Charlie sah ihm in die Augen und erkannte darin keine Abneigung oder Angst, die er bei den anderen bemerkte. Liam war ehrlich mit ihm und mochte ihn. Da war er wohl der Einzige. Er hatte gesagt, er wäre stolz auf ihn, das hatte, so weit er sich erinnern konnte, noch nie jemand zu ihm gesagt.

„Meinst du das ernst?“, fragte Charlie unsicher.

Liam lächelte. Es war ein warmes, herzliches Lächeln, das seine Augen erreichte.

„Klar.“

Charlie wich verlegen seinem Blick aus und musterte den Teppich. Er rang nach Worten, dann räusperte er sich und sagte: „Es tut mir leid.“

„Was?“, fragte Liam.

Charlie sah ihn noch immer nicht an. Im Entschuldigen war er nie gut gewesen und hatte es möglichst vermieden, die Leute dabei anzusehen oder ihnen womöglich auch noch die Hand zu geben.

„Was ich gesagt habe. Das du dich nicht wie mein Vater aufführen sollst. Ich bin froh, dass du es tust. Du hilfst mir damit.“

Charlie war selbst überrascht, solch ein Geständnis abgelegt zu haben. Er linste zu Liam hinüber, der nicht aufgehört hatte zu lächeln.

„Wir müssen alle gegen etwas kämpfen. Du bist stark geworden.“, sagt er.

Charlie sah ihn an und verstand erst da, was er meinte. Er führte einen Kampf mit sich selbst aus und er konnte siegen. Liam glaubte an ihn.

Ohne großartig darüber nachzudenken, umarmte Charlie seinen großen, klugen Freund.

Wenn er sich einen neuen Vater aussuchen könnte, würde er sich für ihn entscheiden.

2

Sie verhielten sich wie wilde, unbändige Tiere.

Sie machten vor nichts halt, ihre Wut war rasend. Sie metzelten jeden Mann, jede Frau und jedes noch so kleine Kind nieder, ohne einen einzigen Funken Mitleid in ihren unkontrollierten Körpern zu spüren. Sie hatten völlig die Kontrolle verloren. Das Böse war mit ihnen durchgegangen. In ihren Augen war nichts Menschliches zu erkennen, nur ein unheimliches Glühen. Dieses Glühen ließ sich nicht löschen. Es würde erst verlöschen, wenn sie ihre Wut gestillt hatten und alles Leben, das sie fanden, ausgelöscht hatten.

Was waren das für Wesen?

Aus den Menschen waren Bestien geworden.

„Was geht in ihren Seelen vor?“, fragte Caspar.

Er wandte seinen Kopf von den furchtbaren Bildern ab, die ihm der steinerne Torbogen zeigte und sogleich wich ihnen ein wolkenverhangener, blauer Himmel.

Sie sind schwarz und nackt, antwortete Daya.

Ihre Augen waren noch immer auf das Tor gerichtet. Ausdruckslos blickte sie hinein, als sähe sie mehr, als die vorbei ziehenden Wolken vor dem blassen Blau.

Ihre Gefühle sind eingefroren. Nichts regt sich. Ihre Seelen sterben.

Daya sah traurig aus. Sie legte die Hände auf den Bauch und verzog das Gesicht, als habe sie schmerzhafte Krämpfe.

Goldblonde Locken fielen ihr über den Rücken und reichten ihr bis zur Hüfte. Sie trug ein bodenlanges Kleid von der Farbe einer zarten rosa Rose. Sie war so feinfühlig und fragil, dass Caspar Angst hatte, sie könnte innerlich wie äußerlich zerbrechen.

Ihre Gedanken verdeckte sie vor ihm. Was immer sie bewegte, und er wusste, es war eine ganze Menge, wollte sie nicht mit ihm teilen. Sie schwieg, wie sie es so oft tat. Gesprächig war sie nicht. Es machte ihr nichts aus, keine Stimme zu haben, hatte sie ihm einmal erzählt und auch, warum sie nicht gern ihre Gedanken in Worten teilte. Worte waren leere Hüllen. Die wahre Bedeutung lag in der Seele. Sie konnte sie lesen. Das war ihre Gabe.

In diesem Moment hätte er sich für sie gewünscht, dass sie es nicht konnte, denn es setzte ihr mächtig zu. Er konnte es kaum ertragen sie so leiden zu sehen.

„Mein Kind.“, murmelte er.

Er wollte ihr beistehen, doch direkt, nachdem er die Worte ausgesprochen hatte, wurde ihm klar, dass er ihr am wenigsten mit Worten helfen konnte. Sie schätze sie nicht.

Also stellte er sich vor seine junge, schöne Tochter und nahm ihre Hände in seine. Sie waren kalt und seine waren warm. Sie sah ihn aus traurigen, hellgrünen Augen an.

Sie verletzen sie, dachte er, die Menschen richten bei ihr tiefe Wunden an.

Er konnte das nicht länger zulassen. Er konnte nicht mit ansehen, wie sein geliebtes Kind mit jedem Tag stiller und trauriger wurde.

Er führte sie ins Schloss.

Sie gingen in sein Wohnzimmer, ein großer, aber gemütlicher Raum, und setzten sich gemeinsam auf das Sofa.

„Was kann ich tun, um dich glücklicher zu machen?“

Er sah sie an, doch sie erwiderte seinen Blick nicht und schüttelte den Kopf.

Du kannst nichts tun.

„Ich sehe, was es dir antut. Ich mache mir schon um Dilara große Sorgen, nun habe ich ebenfalls Bedenken um dich. Sag mir, was ich tun kann. Bitte. Mein Kind.“

Sie blieb still und er dachte, sie würde nicht mehr antworten. Dann sah sie auf und lächelte. Es war ein leichtes, schwaches Lächeln, doch ihm wurde sofort leichter ums Herz. Sie lächelte so selten.

Es ehrt mich und ich weiß deine Sorgen zu schätzen. Doch sie sind unbegründet. Mir geht es gut.

Die Erleichterung fiel von ihm ab, als er merkte, dass ihr Lächeln nicht echt war, sondern nur dazu diente, ihm seine Bedenken zu nehmen. Er mochte es nicht, wenn man ihm etwas vor spielte.

Er stand impulsiv auf und Daya erschrak.

Schnellen Schrittes verließ er den Raum, durchquerte den langen Flur und trat in ein anderes Zimmer ein. Es war beleuchtet durch abertausende Kerzen, deren Flammen flackerten und Schatten auf den Boden warfen. Er schloss die Türflügel leise hinter sich.

„Mord, grausamer Mord.“, murmelte Caspar.

Er dachte an das Tor, das ihm die Erde gezeigt hatte. Es artete aus. Die Menschen hatten sich verändert. Was war aus ihnen geworden? Er erkannte die einst guten Seelen nicht wieder.