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Die Liegestühle schon besetzt, das Essen schmeckt nicht und die kostbaren Tage rinnen dahin wie das immer häufiger konsumierte Bier. Der gemeinsame Familienurlaub auf Kreta droht an zu hohen Erwartungen zu scheitern, bietet aber genügend Zeit für wechselseitige Sticheleien zwischen Markus und Monika Gramlinger. Mit der Unentrinnbarkeit einer griechischen Tragödie steuern die beiden auf ihr Unglück zu. 107 Tage Kreta bietet keine pastellfarbene Aussteiger-Romantik, sondern eine Geschichte über Selbstfindung, neu gewonnene Freiheit durch Verlust und männliche Kommunikationsdefizite.
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Seitenzahl: 284
Veröffentlichungsjahr: 2022
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„Einander kennen lernen heißt lernen, wie fremd man einander ist.“ – Christian Morgenstern
Schon wieder Dill. Er konnte den Geschmack von Dill nicht ausstehen. Doch hier im Hotel musste ein Küchenchef am Werk sein, der eine geradezu obsessive Zuneigung zu Dill hatte.
Beim späten Abendessen gestern nach der Ankunft hatte er sich noch nichts gedacht. Gegrillter Schwertfisch, na gut, da kann man es noch verstehen. Für den Dill auf den Hühnerfilets zu Mittag gab es bereits keinen erkennbaren Grund mehr.
Und nun beim Abendessen die Fisolen, die Karotten und auch noch das Schweinefleisch mit Dill zu würzen, war einfach krankhaft. Das Essen selbst war ja hübsch angerichtet in diesem gesichtslosen Speisesaal, dem nur ein paar Fischernetze an der Wand mit ihren aufgeklebten Muscheln Hinweise auf die Gegend an der Küste Kretas entlockten.
Wären da nur nicht bei näherem Blick diese stark gefiederten, fadenförmigen Blätter. Einer Eingebung folgend ging Markus Gramlinger hinüber zu den Desserts. Fast hätte er hämisch aufgelacht. Die Baklava waren zwar ohne diese widerlichen grünen Blätter gebacken, aber am Kopf jedes verchromten Tabletts thronte geradezu ein mächtiger Dillzweig. Falls Pflanzen sardonisch grinsen könnten, hätten es diese Zweige jetzt sicherlich gemacht. Anethum graveolens, so hieß das eklige Kraut auf lateinisch. Nicht dass Gramlinger Latein konnte, aber in diesem Fall lautete die Devise „Know your enemy“.
Seine einzige Hoffnung war nun, dass im Inneren des Moussakas keine Dillblätter versteckt waren. Diesem Koch traute Gramlinger mittlerweile alles zu und nur mit Misstrauen schnitt er eine kleine Portion Moussaka ab.
Der Urlaub begann wirklich nicht, wie sich Markus Gramlinger das in den vergangenen Wochen der Vorfreude ausgemalt hatte. Und seine Fantasie hatte – für ihn völlig untypisch – fast das Werk eines Malers verrichtet: Von den überladenen Buffets, auf denen alles glänzte wie farblos lackiert, über den zauberhaften Blick aus seinem Strandliegestuhl, in dem die farbigen Bikinihöschen einen Kontrapunkt zum Blau des Himmels und zum Türkis des Meeres bildeten, bis zum abschließenden pfirsichfarbenen Sonnenuntergang, der das Innere seines Metaxaglases goldbraun zum Leuchten brachte.
Stattdessen suchte er in der Realität nun mit zunehmendem Widerwillen dillfreie Speisen, die Liegestühle standen alle am Innenhof-Pool, aber keine am Strand, und die Sonne ging nicht über dem Meer unter, da er übersehen hatte, dass sie ein Hotel an der Nordküste Kretas gebucht hatten. Selbst für seine Fantasien war er letztlich zu dumm.
Den Flug hierher hatte er noch als Missgeschick getaggt und schnell in den Papierkorb verschoben. Natürlich hätten sie den Online-Check-in früher erledigen können, aber er hatte sich auf seine Frau verlassen und sie sich auf ihn. Dabei hatte er wirklich in den Tagen vor dem Abflug kaum frei verfügbare Zeit gehabt, wie ein Irrer im Büro seine Task-Liste abgearbeitet. Also saßen Monika und Florian, ihr neunjähriger Sohn, mit Fensterplatz in Reihe 16, und er am Gangsitz in Reihe 25.
Für den freien Raum am Gang war Gramlinger jedoch rasch dankbar, da sein Nachbar mehr als 100 Kilogramm wog und die Armlehne zwischen ihnen hochklappte, um sein Hinterteil und seinen rechten Arm zu ihm herüberfließen zu lassen. Er war nicht klaustrophobisch veranlagt, aber als praktisch zeitgleich mit dem „Ping“ für das Erreichen der Reiseflughöhe der Sitz vor ihm auf ihn zu kam und erst kurz vor seiner Brust abbremste, wurde sein Atem automatisch sehr flach.
Seine Dankbarkeit für den freien Raum am Gang ließ nur kurz nach, als ihm die Stewardess den Getränkewagen in sein Knie stieß. Also versuchte er für den Rest der Flugzeit, seine schlaksigen 186 Zentimeter zusammenzufalten und in dem kleinen verbliebenen Hohlraum, der ungerechtfertigterweise Sitzplatz hieß, unterzubringen. Glücklicherweise war er nur lang, in der Breite hingegen brauchte er weniger Platz als die meisten anderen Männer, und so gelang sein Ganzkörper-Origami einigermaßen. Auf sein Gratis-Getränk zur kleinen Packung Salzbrezel als spätes Mittagessen verzichtete er, denn er hätte nicht gewusst, wie er das kleine Tischchen noch hätte herunterklappen können.
Doch seine Vorfreude, sein fast körperliches Verlangen nach dem Urlaub war so groß, dass er den Flug schon auf der Gangway wieder abhakte, und sich nichts daraus machte, dass seine Familie gerade noch mit dem ersten Flughafenbus abfuhr, der ihm die Tür vor der Nase zumachte, als er zwei Meter vor dem Einstieg seinen Kabinentrolley hob.
Er wusste, spätestens am Gepäckband würde seine Frau nach ihm suchen, denn ihr neuer Koffer entsprach der letzten noch legal käuflichen Größe. Genau genommen handelte es sich eher um ein Hybrid-Modell aus einem Koffer und einem Kleiderkasten, nur dass er aus Polycarbonat und nicht aus Holz hergestellt war. Aus diesem Grund gingen sich auf diesem Urlaub 32 Kilogramm Fluggewicht aus, die neben einem saftigen Übergewicht-Aufpreis auch bedingten, dass sie den Koffer nicht allein vom Gepäckband wuchten konnte. Tatsächlich erwartete sie ihn mit Florian schon nach der ersten Schiebetür im Flughafengebäude.
Das luxuriöse Hotelfoyer mit dem hellgrauen Marmorboden, den freundlichen Sitzgruppen und den kleinen Palmen vor der Tür war für ihn die Bestätigung, dass die bestellten 14 Tage sorglose Erholung warteten. Deshalb nahm er auch stoisch zur Kenntnis, dass das dritte Bett im kleinen Abteil, das die gebuchte „Familiensuite” ergab, nur ein Klappgestell mit Matratze war. Er enthielt sich des Kommentars, dass im Badezimmer keine Ablagemöglichkeiten für die Toilettetaschen vorhanden waren. Diese kleine Kritik konnte er getrost seiner Frau überlassen.
Der erste Hauch von echter Skepsis schlich sich dann auf Zehenspitzen herein, als er auf dem Balkon den gebuchten „seitlichen Meerblick“ suchte. Zuerst sah er aus ihrem vierten Stock nur auf die Rückseite des gegenüber liegenden Hotels „Sunny Beach“. Lediglich durch Vorbeugen über das Balkongeländer konnte er den blauen Streifen zwischen ihrem und dem Nachbarhotel identifizieren, der wohl die Unendlichkeit des Meeres symbolisieren sollte, und den Gegenwert für 420 Euro Aufpreis bildete.
Diese erste Schliere über seinem Urlaubsbild erhielt in der Nacht wirksame Verstärkung, als er trotz schlimmer Müdigkeit viermal von heimkehrenden Betrunkenen und einmal von den Bewohnern über ihnen, die offensichtlich lange nächtliche Séancen mit Tischerlrücken praktizierten, geweckt wurde.
Es half wenig, dass 50 Prozent der Betrunkenen österreichische Landsleute waren, wie er problemlos an deren Dialekt feststellen konnte. Die Akustik im Hotel „Palace Athene“ musste an das berühmte Theater von Epidauros heranreichen. Wie beruhigend für die nächsten 13 Nächte.
Bei Dill im Essen hörte sich allerdings für Markus Gramlinger der Spaß völlig auf. Schlafprobleme konnte er zuhause ebenso haben, die waren vertraut, aber von Dill blieb er dafür in Wels weitgehend verschont.
Am Weg zum Tisch zapfte er sich ein Glas Rotwein aus einem Zehn-Liter-Plastikfass. Es war ja Urlaub, und er wollte eine bewusste Geste setzen, um sich vom Alltag abzusetzen.
Dann setzte er sich mit dem Moussaka zu seiner Familie. Florian mit seinen neun Jahren hatte den Teller vollgeladen, als wäre er schon in der Pubertät. Ein Blick zur Seite zeigte, wer hier in der Familie als Vorbild diente, auch wenn seine Frau als frisch angelernte Vegetarierin zusehen musste, wie sie zu ihren Kalorien kam.
„Hast du dir schon wieder nichts gefunden?“, fragte Monika mit einem Blick auf seine Testportion Moussaka, und er wunderte sich, wie sie es schaffen konnte, in sieben simplen Worten Mitleid und Vorwurf so gleichmäßig zu verteilen. Aber sie war eine Meisterin der unterschwelligen Botschaften und er war nunmehr über elf Jahre lang ihr interessierter, aber gänzlich untalentierter Schüler.
„Sie haben den Dill sogar über den Nachspeisen drapiert“, versuchte er als Erklärung nachzuschieben, aber die spontane Antwort waren zwei hochgezogene Augenbrauen. Mitfühlende Zustimmung drückte sich vermutlich anders aus.
„Ach, du mit deinem Dill, schmeckt doch alles gut“, lautete einen Bissen später der Abschluss der Diskussion. Die Gabel mit den Dillfisolen, die sie dann zum Mund führte, schien ihm besonders schwer beladen.
Er versuchte sich selbst abzulenken und nahm einen Schluck Rotwein. Sein Kollege Riedl hatte ihn noch vor dem Wein in All-inclusive-Hotels gewarnt. Er hatte das abgetan, weil er selbst kaum etwas von Wein verstand. Am Geschmack konnte er noch Rot- und Weißwein unterscheiden, aber mit Begriffen wie Blume oder Bouquet konnte er nichts anfangen. Das gehörte zu einem Floristen, aber nicht in ein Weinglas. Bei diesem Rotwein genügte jedoch selbst sein primitiver Geschmackssinn, um zweifelsfrei festzustellen, dass Riedl nicht übertrieben hatte.
„Und der Wein passt dir also auch nicht, wenn ich mir dein Gesicht so ansehe. Aber du bist ja der große Weinkenner.“
Dabei hatte er extra den Mund gehalten, um bei Monika nicht noch weitere Bemerkungen zu provozieren. Künftig musste er also auch seine Mimik kontrollieren, wenn er etwas in den Mund steckte oder leerte.
„Wirst du morgen mit mir spielen?“, versuchte sein Sohn einen Themenwechsel herbeizuführen. Für unterschwellige Spannungen zwischen den Eltern hatten Kinder ein Sensorium, das schon bei 0,5 auf der nach oben offenen Monika-Markus-Skala anschlug.
„Ja, sicher, Flori. Was möchtest du morgen spielen?“ antwortete Gramlinger und hoffte, dass der innerliche Seufzer für seinen Sohn unhörbar blieb. Seine Frage war ohnehin nur rhetorisch gewesen, denn die Antwort war so vorhersehbar wie der Meistertitel für Red Bull Salzburg in der kommenden Saison.
„Fußball“, kam es binnen Sekundenbruchteilen zurück. Gramlinger kannte dieses Spiel sehr gut. Sein Sohn und er, mangels anderer Mitspieler etwa fünf Meter auseinander, im Grundsatz zwischen ihnen ein Ball. Der Grundsatz blieb meistens aufrecht, wenn er den Ball kickte. Trat sein Sohn hingegen auf den Ball, übernahm ein kleiner Ödipus den Körper seines Sohnes, und im Ergebnis musste Gramlinger meist den Ball von irgendwo hinten wieder ins Spiel bringen.
Gramlinger mochte Fußball eigentlich, aber in dieser spezifischen Variante war die Freude an dem Spiel doch sehr unterschiedlich verteilt. Dieses Ungleichgewicht – Florian drosch drauf, er holte den Ball zurück – bildete auch die Erklärung für die enorme Ausdauer, die Florian bei diesem Spiel entwickeln konnte. Und Gramlinger hatte sich schon mit einem Bier an der Poolbar gesehen. Vielleicht auch mit zwei oder drei, um dann im Liegestuhl einzuschlafen.
„Flori, was ist eigentlich mit dem Miniclub? Sollen wir dich nicht morgen anmelden?“ Einen letzten Versuch unternahm er noch.
„Och nein, ich habe es doch schon erklärt. Der ist von drei bis zehn Jahre, und dann bin ich mit lauter Babys zusammen. Das ist voll langweilig.“
„Hat er dir wirklich schon erklärt. Und du könntest dich ruhig ein wenig um Florian kümmern. Zuhause hast du ohnehin zu wenig Zeit für ihn“, kam sofort der mütterliche Beistand.
Als ob seine 55-Stunden-Wochen einfach das Ergebnis einer bewussten Weigerung gegenüber mehr Familienleben wären und nicht die einzig mögliche Reaktion auf den Ergebnisdruck im Job.
Er brauchte diesen Urlaub wirklich. 21 Prozent hatte seine Chefin als Zielwert für das Umsatzplus in diesem zweiten Corona-Jahr festgelegt. 4,44 Millionen Euro neue Aufträge für ihn, weil das „eine schöne Zahl“ war. Jetzt, Ende August, lag er bei drei Prozent plus. Und dabei hatte er alles versucht. Was konnte er dafür, wenn sie im Unternehmen seit Jahren zu wenig Developer und Coder hatten, um die Aufträge verlässlich und ohne große Bugs abzuarbeiten? Einer seiner Stammkunden war schon richtig verärgert und vergab im ersten Halbjahr Neuaufträge an die Konkurrenz. Manchmal musste Gramlinger selbst einspringen und Teile fertigprogrammieren, um Termine zu halten.
Das wusste Magdalena, seine Chefin, nur zu gut, aber sie würde natürlich nicht von ihrem Prinzip abgehen, denjenigen in der Vertriebsmannschaft mit dem schwächsten Ergebnis beim Mitarbeitergespräch im Jänner zu feuern. Und er lag auf Platz vier von fünf Kollegen. Maderspacher lag nur zwei Prozentpunkte hinter ihm und falls er hinter ihm blieb, würde sicher die Nummer mit dem Alleinerzieher und drei Kindern kommen. Auch wenn sich Maderspachers Mutter gerne die ganze Zeit um die Kinder kümmerte und sie an den Wochentagen bei ihr schliefen.
Beim früheren Teamleiter war das einmal hineingegangen, als alle ein deutliches Plus im Jahresergebnis hatten und Maderspacher minus elf Prozent, aber bei der neuen Chefin? Die wollte zwar von allen geduzt werden, war aber beinhart und hatte das Reise-nach-Jerusalem-Prinzip eingeführt, wie sie die jährliche Kündigungsquote von 20 Prozent unter ihren Mitarbeitern nannte. Sogar die einzige Frau, die sie im Vertriebsteam hatten, war im Vorjahr abserviert worden – von wegen weiblicher Solidarität. 0,7 Prozentpunkte lag sie am Ende des Jahres hinter Gramlinger. Damals hatte er tief durchgeatmet und am 30. Dezember trotz Corona-Krise eine Magnumflasche Sekt gekauft, aber ob er nochmals so viel Glück haben würde?
Jetzt musste er jedenfalls Kräfte tanken, um im vierten Quartal seinen knappen Vorsprung gegenüber Maderspacher zu halten oder besser noch auszubauen. Eine Kündigung wäre fatal für ihn und die Familie. Zu knapp war die Kalkulation mit den monatlichen Raten für die vor drei Jahren gekaufte Eigentumswohnung und den geleasten BMW. Mehr als drei Monate lang würde er vom kleinen Sparbuch nicht zuschießen können, um allein vom Arbeitslosengeld die Raten bedienen zu können, dann wären sie zahlungsunfähig.
„Könntest du dich freundlicherweise auch am Gespräch beteiligen? Du hörst schon wieder nicht zu.“
Gramlinger zweifelte manchmal, ob sie an seinen Gesprächsbeiträgen interessiert war, aber eines wusste er gewiss: Solche Warnungen sollte er besser ernst nehmen.
„Ja, mein Schatz. Um was es auch immer ging, du hast sicher Recht.“ Mit solchen Sätzen, das wusste er mittlerweile trotz aller Defizite in zwischenmenschlicher Kommunikation, konnte er sich auch als rhetorisch permanent Unterlegener ein wenig rächen. Das waren Wirkungstreffer.
„Ok, Flori, morgen nach dem Frühstück Fußball. Aber nicht länger als bis elf Uhr – dann wird es zu heiß.“
Wenigstens sein Sohn wirkte nun zufrieden.
Es war kaum zu glauben. 8:40 Uhr und am Pool keine einzige Liege mehr frei. Sechs an seniler Bettflucht leidende Pensionisten und Legionen an ausgebreiteten Badetüchern hatten alles in Besitz genommen. Dabei war Gramlinger auf Monikas Wunsch extra vor dem Frühstück nach unten geeilt, um ihre drei Badetücher auszulegen. Die Deutschen stellten sich vermutlich den Wecker dafür.
Manche Badetücher waren professionell mit Taschen, Büchern und Zeitschriften abgesichert. „Bunte“, „Spiegel“, „Neue Post“ und „Auto Bild“. Ja, es war eindeutig, dass nicht die wenigen Franzosen und Russen im Hotel zu nachtschlafender Zeit ausgerückt waren, um ihre vermeintlichen Besitzansprüche zu sichern.
Aber da rechts waren auf drei Liegen nur Badetücher ohne Zeitschriften drapiert. Er hatte doch irgendwo am Eingang zum Innenhof ein Schild in vier Sprachen entdeckt: „Es ist verboten Liegen zu reservieren“ und „Badetücher werden vom Personal entfernt“ oder so ähnlich. Und schon hatte er sich selbst kurzfristig als Volontär beim Hotelpersonal eingestellt. Badetücher mit aufgemalten Sonnenaufgängen waren ohnehin optische Umweltverschmutzung, also war dies ein Dienst an der Gemeinschaft.
Er raffte sie an sich und überlegte noch kurz, wo er seine Last deponieren sollte, als hinter ihm eine dünne Männerstimme maulte: „Momentchen, mein Freund. Das sind ja wohl unsere.“
Gramlinger drehte sich um und war überrascht: Die dünne Stimme kam aus einem Kopf in seiner Höhe, der von einem deutlich, ja sogar sehr deutlich muskulöseren Körper als seinem getragen wurde. Gramlinger blickte auf eine lebendige Hügellandschaft, wo bei ihm ausschließlich Ebenen zu finden waren. Darüber fand sich ein kleiner Kopf mit einem blondierten Undercut im Gegensatz zu seinem eigenen mausbraunen „Bitte wieder etwas kürzer“- Haarschnitt. Dazu noch zwei glitzernde Ohrstecker, alles taugliche Zutaten, um bei Gramlinger spontane Antipathie auszulösen.
„Wat soll dat denn werden?“, lautete der Nachsatz.
„Ich erledige aufgrund von Krankheitsfällen die Rolle des Personals und entferne die Badetücher.“ Gramlinger war überaus stolz auf seine unübliche Schlagfertigkeit.
„Also wenn Dirk eins nich‘ leiden kann, dann sind das freche Ösis. Ihr Schluchtenscheißer solltet dort bleiben, wo ihr hingehört. Auf den Bergen.“
Gramlinger konnte wiederum Menschen, die von sich in der dritten Person sprachen, nicht leiden, aber hier musste er diese Einstufung gar nicht mehr bemühen. Das war ein „Saupreiß“ in Reinkultur. Allerdings einer mit 300 Prozent mehr Muskelmasse als er selbst. Innerhalb einer Sekunde kalkulierte er knapp seine Optionen: eine aufs Maul kriegen oder sich entschuldigen.
Er entschied sich für etwas, das hoffentlich ein Mittelweg war: „Mit besten Grüßen von der Hotelverwaltung“, antwortete er und warf die fremden Badetücher in die Arme seines Gegenübers.
Er hatte richtig spekuliert. Der Reflex lautete „Fangen“ und nicht „Zuschlagen“. Gramlinger drehte sich um, nahm auf dem Weg die Badetasche mit den eigenen Tüchern wieder auf und ging, ohne zurückzusehen, in Richtung Frühstücksraum.
„Warum bringst du die Badetücher wieder mit?“, empfing ihn seine Frau.
„Alles besetzt“, entgegnete er knapp, um seine Scham zu verbergen. Als er jedoch kurz darauf am Rande seines Blickfeldes bemerkte, dass Dirk den Frühstücksraum betrat, erzählte er seiner Frau doch die ganze Geschichte. Er deutete zu Beginn verstohlen auf seinen Widersacher und übertrieb in weiterer Folge nicht einmal. Das war auch nicht notwendig.
Statt einer Mitleidsbekundung, schon eine zarte hätte für ihn ausgereicht, stand sie vom Tisch auf und durchquerte den Raum. Sie suchte jedoch nicht Nachschub am Buffet, sondern blieb einige Zeit am Tisch von Dirk stehen, der dort mit zwei weiteren blondierten Männern saß.
Gramlinger empfing sie beglückt mit einem „Hast du ihm ordentlich die Meinung gesagt?“
„Ich habe mich natürlich für dein Benehmen entschuldigt. Und er war Gentleman genug, die Entschuldigung anzunehmen.“
Zusammenhalten in guten wie in schlechten Zeiten sah für ihn anders aus.
„Es ist also schlechtes Benehmen, wenn ich versuche, meiner Familie noch Liegestühle zu besorgen.“
„Du wolltest seine Badetücher entfernen. Stell dich nicht absichtlich dumm. Schlechte Manieren reichen völlig.“
Das konnte ja noch nett werden. Gut, dass er mit Flori Fußball vereinbart hatte. In den zwei Stunden sollte sich die Laune seiner Frau wieder normalisiert haben. Der Hunger auf ein ausgedehntes Frühstück war ihm gerade vergangen und sein Sohn schlang im Normalfall ohnehin nur rasch eine Schale Cornflakes oder Frosties hinunter, was er dann in den Folgemahlzeiten kompensierte.
„Was meinst du, Flori? Gleich kicken, bevor es heiß wird?“ Das war, um in der Fußballersprache zu bleiben, ein Sitzer. Genauso gut hätte er einen Knopf drücken können.
Er sah zu, wie schnell ein Neunjähriger eine halbe Schale Cereals in sich hineinschaufeln konnte, und verabschiedete sich mit einem knappen „Bis später“ von seiner wenig amüsiert blickenden Frau, die noch vor einem kleinen Käseteller, gemischtem Gemüse und zwei Scheiben Vollkornbrot saß.
Komisch, gestern am Abend hieß es noch, er solle mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen. Manchmal wusste sie einfach nicht, was sie wollte. Mühsam verzichtete er darauf, ihr das auch zu sagen.
Andererseits musste er ihr zugutehalten, dass sie in diesen Momenten absichtlich die Kontrolle über Florian abgab. Beim Fußball öffnete sie ein Fenster für ihre beiden Männer, durch das sie selbst nicht einmal durchsah, bei dem aber alle drei wussten, dass es sich bald wieder schließen würde.
Zu seiner Überraschung machte ihm das Kicken Spaß. Die Sonne stand noch relativ niedrig, die Wellen glitzerten und sie hatten ein passendes Stück Sandstrand gefunden, das eben genug war, damit der Ball nicht dauernd ins Meer rollte.
Sein Sohn war so gut gelaunt, dass es erstens abfärbte, und zweitens machte es Florian so generös, dass Gramlinger nur etwa jeden vierten Ball von hinten holen oder aus dem Wasser fischen musste. Natürlich war das Spiel monoton, aber das machte nichts. Sein Sohn war glücklich, und er war maßgeblich daran beteiligt.
Sie waren im Flow und manchmal warf sich sogar einer wie ein Tormann ungeschickt nach dem Ball in den Sand. Das Ergebnis war aus seiner Höhe nahe am Schmerz, aber Floris Lachen war Ausgleich genug. Fußball zählte eben zu den Dingen, die ein Vater mit seinem Sohn teilen konnte, ohne übermächtige Konkurrenz im eigenen Haus zu haben. Für seine eigene Vorliebe, Boxkämpfe, hatte er Florian bisher nicht interessieren können. Autos waren daher das zweite Thema, bei dem sich seine Frau nicht beteiligte, aber sonst ließ ihm die Übermutter als Elternteil nicht viel Platz.
Keiner von beiden konnte etwas dafür, dass es mit dem Kinderkriegen ein steiniger Weg geworden war. Zweimal verloren sie im zweiten Monat ihr Kind, und sie näherten sich schon der Verzweiflung. Bei der dritten Schwangerschaft war dann endlich alles in Ordnung.
Doch es wurde nicht das von seiner Frau heiß ersehnte Mädchen, sondern ein 4,20 Kilogramm schwerer Junge. Monika kämpfte acht Stunden lang bei der Geburt, ohne ein einziges Mal laut zu schreien. Hilflos hatte er fast die ganze Zeit ihre Hand gehalten, unglücklich darüber, ihr nicht wenigstens ein kleines Stück Schmerz abnehmen zu können. Nach mehr als fünf Stunden wollte er sich einen Becher Kaffee aus dem Automaten holen, da presste sie ein „Du bleibst hier!“ heraus. Ab diesem Moment wusste er, dass er doch nicht ganz unnütz gewesen war.
Monika behielt diese Haltung als Mutter bei. Ein Sohn war nicht ihr Wunschkind, aber Gramlinger vermutete, sie kompensierte dies mit noch mehr Zuwendung. Er hatte einmal vom Begriff „Helicopter Mum“ gelesen, aber seine Frau war eine ganze Hubschrauber-Staffel im Schichtdienst. Mit einem Verbal-MG am Bug, falls ein anderes Kind einmal unfreundlich zu ihrem Kleinen wurde.
Er hatte die Vermutung, dass es seinem Sohn langsam dämmerte, wie beschützt er aufwuchs, und in manchen Momenten hatte er Mitleid mit Florian. Ernsthafte Einmischung von seiner Seite in ihre Erziehungsmethoden würde aber Harakiri mit Anlauf gleichkommen. Soviel verstand sogar er als besonders unsensibler Mann.
Doch Fußball gehört nur ihnen beiden – egal ob es im Fernsehen lief oder am Rasen gespielt wurde.
Zumindest bis er von hinten ein „Ya khochu igrat“ oder etwas Ähnliches hörte.
Gramlinger drehte sich um und sah einen beleibten Glatzkopf mit Goldkette um den Hals, der zu gestikulieren begann und auf den Ball deutete. Wollte er den Ball haben? Dann klopfte sich der Mann auf die Brust. Er wollte doch nicht etwa mitspielen? Doch, der Glatzkopf wackelte ein wenig vom Ufer weg, sodass sich ein Dreieck bildete, und rief: „Poydem!“
Gramlinger versuchte auf Englisch zu kommunizieren, erhielt aber nur ein „No English“ als Antwort. Also kickte Florian den Ball vorsichtig in Richtung Russland, und bei dessen Versuch, den Ball zu stoppen, begriff Gramlinger, dass der Mann betrunken sein musste. Dabei war es höchstens elf Uhr, wahrscheinlich noch früher. Die Strandbar öffnete um neun Uhr, da hatte der Russe nicht viel Zeit vergeudet. Vielleicht baute er aber auf bereits auf einem soliden Grundstock aus der vergangenen Nacht auf.
Sie schoben einander geschätzte 15 Minuten lang den Ball zu, aber ihr Vater-Sohn-Moment und Floris Freude am Spiel waren vorbei. Als der Russe wieder einmal einen Ball nicht stoppen konnte, lief sein Sohn nach hinten, um den Ball zu holen, und legte ihn dem Mann wieder vor die Füße. Dafür bekam er beim Aufrichten die rotblonden Haare getätschelt.
Flori drehte sich zu ihm um und sagte gepresst: „Papa, ich mag das nicht.“
Gramlinger musste nicht mühsam den „Helicopter Dad“ in sich suchen. Zuerst deutete er in Richtung Sonne und dann machte er die „Trinken“-Geste. Der Glatzkopf lachte kurz auf und rief: „Da, da.“ Gemeinsam stapften sie zurück in Richtung Pool, und Gramlinger war froh, dass keine drei Hocker nebeneinander frei waren. Er atmete durch und bestellte ein kleines Bier. Das hatte er sich verdient.
Flori fragte: „Darf ich ein Cola?“
„Na gut, ausnahmsweise, aber erzähle es ja nicht Mama. Sonst sind wir beide dran.“
Sein Sohn lächelte ihn verschwörerisch an.
Als die Getränke kamen, hörten sie von links ein „Wascho sdarowje“, und der Glatzkopf prostete ihnen mit einem großen Glas Bier zu. Glücklich, die Episode beendet zu haben, erwiderten sie beide lächelnd die Geste.
Florian raunte seinem Vater abschließend noch zu: „Gell, Papa, der Mann war betrunken, oder?“
Gramlinger nickte und sein Sohn befand: „Ich mag keine Betrunkenen.“
Gramlinger sah seinen Sohn kurz prüfend an, entdeckte aber zu seiner Erleichterung keine doppelte Botschaft in dessen Miene.
Ein kleines Bier später wandte er sich auf seinem Hocker herum und musterte den Pool. Weiter hinten entdeckte er die markante Gestalt Dirks, der neben einem Liegestuhl stand. Er stand kurz vom Hocker auf, um besser sehen zu können, und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Was ist denn, Papa?“
„Der unfreundliche Piefke mit den reservierten Liegen steht ausgerechnet bei deiner Mutter.“
Schön, dass sie doch einen Platz am Pool gefunden hatte, aber vielleicht wollte Dirk sie auch von dort wieder vertreiben. Dem war das ohne Weiteres zuzutrauen.
Der Deutsche gestikulierte lebhaft, schien aber dazwischen kurz aufzulachen.
„Das reicht jetzt“, murmelte Gramlinger und setzte lauter hinzu: „Komm, Flori.“ Er nahm rasch den letzten Schluck Bier und zog seinen Sohn an der Hand vom Hocker.
Mit „Gibt es ein Problem?“ platzte er in die angeregte Unterhaltung am Pool.
„Bis jetz‘ nich‘ “, antwortete ihm Dirk, drehte sich zu ihm, legte beide Hände auf die Hüften und streckte den Brustkorb nach vorne.
„Ich würde gerne mit meiner Frau sprechen. Alleine!“
Der Piefke sah ihn kurz musternd an, drehte sich dann zu Monika und sagte gut gelaunt: „Tschüssi. Bis später dann.“
Als er ein paar Schritte weg war, kam vom Liegestuhl ein weniger gut gelauntes „Was ist mit dir? Musst du dich so benehmen?“
„Was muss der hier herumlungern?“
„Er lungert nicht herum, sondern hat mir netterweise vom Bademeister zwei neue Liegen besorgt. Was dir im Übrigen nicht gelungen ist.“
„Aber er macht sich über Österreicher lustig.“
„Als ob du das noch nie mit Deutschen gemacht hättest.“
„Aber das ist doch etwas anderes.“ Selbst Gramlinger wusste, dass ihm nun argumentativ das Wasser bis zum Hals stand.
„Komm, Spatzerl, leg dich hin, und wärm dich ein wenig auf, dann geht Mama mit dir schwimmen. Dein Vater ist ja damit beschäftigt, unfreundlich zu sein.“
„Der Typ spricht von sich in der dritten Person“, sagte Gramlinger in einem letzten, verzweifelten Versuch.
„Na, und? Er ist aber ganz nett und direkt amüsant. Und er schafft es, Liegestühle zu organisieren.“
Das war zu viel für Gramlinger. Er hatte verloren und war gedemütigt worden. Mit einem „Viel Spaß beim Schwimmen. Vielleicht macht Dirk ja mit“ stapfte er zurück zur Strandbar und bestellte ein neues Bier. Diesmal ein großes.
Was lief nur schief in diesem Urlaub? Wochenlang hatte er sich so darauf gefreut, vertraut, dass in der Familie wieder alles ein wenig ins Lot kommen würde. Er nahm einen tiefen Schluck.
Gut, wenn er ehrlich war, hatten sie schon deutlich harmonischere Zeiten erlebt. Diese lagen allerdings bereits weiter zurück.
Monika warf ihm regelmäßig vor, zu viel zu arbeiten. Und wenn er am Samstagabend in sein Stammlokal gehen wollte, hörte er meist ziemlich Unfreundliches.
Dabei bemühte er sich trotz seiner generellen Hilflosigkeit in der letzten Zeit wieder einmal vermehrt um die Beziehung. Er warf ihr kaum mehr vor, dass sie Florian verziehen würde. Und im Mai hatte er ihr sogar Blumen mitgebracht, ohne dass sie Geburtstag hatte. Einfach so. Er dachte, Frauen würden sich über so eine Geste der Zuneigung freuen, aber am nächsten Abend, als er – zugegeben nicht ganz nüchtern – gegen zehn Uhr nach Hause kam, war gar nichts davon zu merken. Das sollte noch einer verstehen. Die sieben Euro hätte er sich jedenfalls sparen können.
Dabei konnten sie jeden Groschen brauchen bei den 1.800 Euro monatlicher Belastung allein für Wohnung und Auto. Monika wollte ja partout ihre 18 Wochenstunden nicht erhöhen, um ihnen etwas Luft zu verschaffen. Obwohl das Übersetzungsinstitut, in dem sie arbeitete, schon angefragt hatte, ob sie mehr machen wolle. Florians Wohl gehe vor, erklärte sie ihm immer, wenn es auf dieses Thema kam. Natürlich, sie hatte studiert – im Gegensatz zu ihm, wie er in jenen sehr seltenen Momenten zu hören bekam, wenn sie in der Defensive war. Als ob ein Sprachstudium in Spanisch und Italienisch die großen Weisheiten in Kinderpsychologie vermitteln würde. Aber ein akademischer Grad hob automatisch alle Behauptungen von ihr zu Wahrheiten empor, wenn er widersprach. Sie war wie der Papst. Wenn sie es brauchte, dann sprach sie „ex cathedra“, wie er einmal über die Hierarchie im Vatikan gelesen hatte, und dann durfte es keinen Widerspruch mehr geben.
Das Bier war auch schon wieder aus. Nein, besser nur mehr ein kleines, sonst würde er noch beschwipst zurückkommen, und auf das reagierte sie bereits am Abend allergisch. Die entsprechende Reaktion beim Mittagessen wollte er sich gar nicht ausmalen.
Dieser Urlaub durfte nicht so schiefgehen wie der letzte. Gut, hier gab es keine Seeigelstacheln, auf die Flori steigen konnte, aber das war nur mehr die Krönung der kleinen Katastrophen gewesen.
Sie brauchten jetzt alle zusammen einige harmonische und entspannte Tage. Schöne Momente, die sie gemeinsam erlebten und an die man sich erinnern konnte, wenn man wieder im Alltag steckte. Etwas, von dem sich dann einige Monate zehren ließ – in der Familie und im Büro.
Ausflug! Genau. Die ganze Zeit in diesem gesichtslosen Hotel-Innenhof mit Dirk festzustecken war keine gute Aussicht. Kreta – die Insel der Götter, hieß es doch in den Reiseunterlagen. Hier wurde Zeus vor seinem Vater, dem Titan, versteckt. Es gab sicher mehr zu sehen als bloß den Sandstrand hundert Meter vor ihrem Hotel.
Er dachte noch mehrmals an diesem Tag an den Ausflug, während er mit seinem Badetuch direkt auf den Steinplatten lag, und vergeblich darauf wartete, dass ein Hotelangestellter Notiz davon nahm und ihm eine Liege brachte. So lange, bis er in der Hotellobby das Auto bestellte, und dann den restlichen Nachmittag auf einem Hocker an der Poolbar verbrachte. Einmal trank er sogar Kaffee.
Sie waren früh aufgestanden, um den Tag ordentlich nutzen zu können. Monika war bereitwillig auf seinen Vorschlag eingegangen und ließ sich sogar überreden, nicht nach Knossos zu fahren, dieser Ansammlung aus alten Steinen. So etwas hatten sie im Vorjahr bereits in Pula gesehen. Da gab es noch Reste eines römischen Amphitheaters, aber verglichen mit einem funktionierenden Gebäude ziemlich desolat. So etwas sahen sich die Leute nur an, weil es zweitausend Jahre alt war. Als ob es nach zwei Jahrtausenden besser aussehen würde. Und Knossos war noch älter, also noch baufälliger. Wahrscheinlich standen irgendwo ein paar Säulen herum, und dazwischen lagen Trümmer.
Flori war sofort auf seiner Seite gewesen, der hatte sich schon in Pula tödlich gelangweilt. „Voll öd hier, können wir wieder an den Strand?“, hatte er damals nach zehn Minuten ausgerufen, und Gramlinger konnte ihm nur zustimmen. Monika wollte ein wenig die Akademikerin raushängen lassen und „Kultur“ sehen. Was daran denn Kultur war? Das war nur baufällig.
Diesmal wollte sie nicht in den vorprogrammierten Konflikt mit ihren beiden Männern hineinlaufen, und Knossos wurde von der Karte gestrichen. Außerdem gab es sicher genügend Sehenswürdigkeiten, für die man keinen Eintritt bezahlen musste.
Voller Vorfreude saßen sie beim Frühstück. Er hatte einen kleinen Fiat Panda für einen Tag gemietet. Kreta war, wie er jetzt wusste, nur maximal 60 Kilometer breit und die 250 Kilometer Länge mussten ja nicht komplett befahren werden.
Ihr Hotel lag in der Nähe von Skaleta an der Nordküste, aber relativ in der Mitte der Insel. Der nächste größere Ort war Rethymnon, damit würden sie anfangen. Dort gab es eine alte Festung, damit Monika auch ein wenig Kultur sehen konnte, ohne dass extra Eintritt zu bezahlen wäre. Dann Richtung Chania und bei Vrisses abbiegen in den Süden, die Passstraße hinauf auf die Hochebene und dann mit schönen Ausblicken wieder hinunter ans Meer, nach Chora Sfakion. An der Südküste konnten sie sich einen Kaffee oder vielleicht einen kleinen Ouzo gönnen und dann weiter nach Matala, wo die Hippies in Felshöhlen gehaust hatten oder vielleicht noch immer hausten. Dort gehörten sie Gramlingers Meinung nach auch hin, aber das würde er heute nicht laut sagen, denn Monika hatte viel Sympathie für „Peace, Love and Understanding“, für Yoga und Absagen an den Materialismus.
In Matala sollte es auch einen schönen Sandstrand geben; diese Karotte konnte man dem Sohnemann vor die Nase halten, falls der Esel zwischendurch störrisch wurde. Soll ja schon vorgekommen sein. Falls noch Zeit war, konnten sie über die Lassithi-Hochebene mit vielen alten Windmühlen zurückfahren. Das würde Flori vermutlich auch gefallen.
Apropos Karotte. „Komm, Florian, iss ausnahmsweise ordentlich was zum Frühstück. Es gibt kein All-inclusive unterwegs. Das müssen wir dann alles selber zahlen.“
„Lass ihn doch in Ruhe. Er soll nicht mehr essen, als er selbst möchte.“
„Doch nur, weil wir heute einen Ausflug machen.“
„Na gut, ich esse was, wenn ihr zu streiten aufhört. Was soll ich denn essen?“
Flori war ausnahmsweise nachgiebig. Das würde Gramlinger nicht ungenutzt lassen.
„Ein Spiegelei vielleicht oder zwei. Und etwas Speck dazu. Das hält lange im Magen an.“
Tatsächlich kam ihr Sohn mit zwei Spiegeleiern, knusprigem Speck und etwas Weißbrot zurück.
„Passt das jetzt?“
„Ja, natürlich. Ich möchte nur nicht, dass du wie üblich in zwei Stunden wieder hungrig wirst. Unterwegs gibt es kein Langschläfer-Frühstück, von dem du dir noch was holen kannst. Wirst sehen, das wird heute ein wunderschöner Tag. Keine Wolke am Himmel, wir haben einen kleinen, roten Fiat und sehen die Insel der Götter. Klingt doch gut, oder?“
„Ja, cool. Wenn ihr nur nicht wieder streitet.“
„Nein, versprochen. Was, Schatzi, kein Streit heute?“
„Wenn du dich dran hältst, dann wird das schon was“, kam es von gegenüber.
Uh, erste leichte Rutschgefahr, aber heute würde er aufpassen. Sonst würde er in einen verbalen Uppercut hineinlaufen.
Keine Replik. Nur Lächeln.
Rethymnon war hübsch. Ein Leuchtturm am Hafen, nette überschaubare Altstadt, ein wenig alte venezianische Mauer, die gleich „Fortezza“ genannt wurde, und außerhalb noch ein schönes, altes Kloster. Alles lag in strahlendem Sonnenschein. Das hatte gepasst. Sie waren alle gut gelaunt und hatten sich, weil es schon ziemlich heiß war, zwei Cola geteilt. Flori durfte heute mit mütterlicher Billigung Verbotenes trinken, so gut war die Stimmung.
Nun bogen sie von der Schnellstraße der Nordküste ab in den Süden. Sie durchfuhren Vrisses und bald wurde es ziemlich kurvig. Die Straße wand sich in Serpentinen den Berg hinauf und in Gramlinger erwachte die Lust, den kleinen, wendigen Fiat ein wenig zu testen. Der Motor war schwach, aber die engen Kurven machten dennoch Spaß. Links, rechts, links, rechts in schneller Folge.
„Fahr bitte nicht so schnell.“
„Ist doch nicht so schnell. Dazu ist der Motor zu lahm. Und wir müssen über einen Pass. Das dauert lange in den Süden, wenn wir nur dahinzockeln. Unser Navi sagt noch 53 Minuten nach Chora Sfakion. Das muss doch schneller zu schaffen sein.“
„Bitte sei wenigstens in den Kurven vorsichtig. Wenn da ein Campingbus oder ein Lkw kommt, wird das eng.“
„Ich passe auf. Versprochen. Und wenn wir oben sind, kommt eine Hochebene.“
Links, links, rechts, links. Der Fiat war wirklich wendig. Es musste eigentlich ein Vorderradantrieb sein, aber er schob in der Kurve kaum über die Vorderachse hinaus, auch wenn man ihn nahe an die Haftgrenze der Reifen brachte. Natürlich nicht zu vergleichen mit seinem 3er- BMW, aber so ein Winzling konnte auch Spaß machen. Den beiden entgegenkommenden Lkw und dem Bus war er problemlos ausgewichen.
„Papi, mir ist schlecht.“
Nicht jetzt. Es lagen noch 34 Minuten kurvige Straße vor ihnen. Und er hatte gerade zwei Minuten Vorsprung gegenüber dem Navi-Sollwert erreicht – auf nur 17 Fahrminuten und mit 69 PS. Er ging dennoch etwas vom Gas.
„Nicht mehr lang, Flori, dann sind wir an der anderen Küste. Mach dein Fenster auf.“
„Hier ist kein Fensterheber.“
„Vielleicht eine Kurbel.“
Wusste sein Sohn überhaupt, was das war? Möglicherweise war das ein Begriff wie Walkman oder Tastentelefon.
Ach ja, der Fiat war ein Zweitürer. Deshalb auch keine Kurbel. Gramlinger öffnete das eigene Fenster. Bei diesem Tempo zog es ohnehin nicht stark herein.
„Mir ist wirklich schlecht.“
„Ja, Flori, halte durch.“ Er fuhr die Kurven mittlerweile mit dem Tempo eines Holländers.
„Siehst du, das hast du von deiner Fahrweise. Und du musstest ihm ja noch Spiegeleier reinstopfen“, warf ihm Monika vor und drehte sich zu ihrem Sohn nach hinten.
Sekunden später kam ein sehr unerfreuliches Geräusch von der Rückbank, begleitet von einem lauten „Scheiße!“ seiner Frau. Das war im Moment zwar nah dran, sprach aber dennoch den falschen Ausgang des Körpers an.
Gramlinger hielt in der übernächsten Kurve, wo die Fahrbahn für die Aussicht erweitert war. Aus den Lauten seines Sohns und der Schimpftirade seiner Frau hatte er bereits ein ziemlich präzises Bild des Geschehens. Er drehte sich dennoch um und sah sich das Schlammassel selbst an.
Die beiden Spiegeleier und der Speck waren nicht mehr klar erkennbar, aber – in diesem Punkt musste er Monika unerfreulicherweise Recht geben – sie waren wohl kausal für den Zustand der Rückbank.
„Hier!“, und zusätzlich zu den ungezählten Rufzeichen hinter diesen vier Buchstaben zog Monika an dem unteren linken Rand ihres schwarzen T-Shirts und – er musste es vor sich selbst zugeben – er konnte kleine Eiweißbröckchen erkennen. Florian musste sich auch nach vorne übergeben haben.
„Ja, und was soll ich jetzt machen?“, war alles, was ihm gerade einfiel. Er war eindeutig in der Defensive.
„Das hättest du dir früher überlegen sollen!“
Wirklich ein konstruktiver Einwand, danke, aber er war wieder einmal klug genug, das nicht laut auszusprechen.
„Komm, Flori, steig einmal aus. Wir haben eine große Mineralwasserflasche im Kofferraum. Damit können wir dich wenigstens ein Stück sauber kriegen.“
Was sie mit dem Auto machen sollten, würde er sich später überlegen. Außerdem begann es leicht säuerlich zu stinken.
Begleitet von einem süffisanten „Vielen Dank“ seiner Frau wendete er den Wagen, um an der näheren Nordküste Wasser für eine oberflächliche Säuberung finden zu können.
Nach einem knappen Drittel der Strecke zurück nach Vrisses hupte erstmals einer aus der Schlange hinter ihm, aber Gramlinger blieb die ganze Zeit ungerührt.
Jetzt fing Markus schon wieder an, sich von Kleinigkeiten wie einem dummen Gewürz den Urlaub verderben zu lassen. Er könnte das ruhig etwas lockerer sehen: Es gab ja genug Anderes am Buffet, und außerdem schmeckte Dill wirklich vorzüglich zum Fisch oder zu Fisolen.
Er hatte diesen seltsam ausgestatteten Hang zum Selbstmitleid, und so soff er stattdessen die halbe Zeit, als ob er damit einen gelungenen Urlaub aus seinem Glas zaubern könnte.
Sie kannte den Mechanismus bereits: Er schraubte die eigenen Erwartungen an seinen Urlaub unrealistisch hoch und rieb sich dann solange an den Kleinigkeiten, die nicht passten, bis allen die Stimmung vermiest wurde. Wenn dann alle drei im Loch steckten, hatte er wenigstens sein Ersatzziel erreicht und er konnte sich ordentlich selbst leidtun.
Sie hätte besser selbst den Urlaub aussuchen und diesmal nicht nachgeben sollen. Wenn sie gegenüber Markus nachgab, kam meistens nichts Gutes für die Familie heraus. So wie im Vorjahr, als Markus unbedingt mit Florian von einem Felsen ins Meer hüpfen wollte, und sich Florian prompt einen Seeigelstachel eintrat.
In einer Destination und einem Hotel ihrer Wahl gäbe es ein breiteres Freizeitangebot mit sinnvolleren Tätigkeiten als nur Fußballspielen und Saufen. Markus könnte dann ein wenig zu seiner Kreativität finden oder endlich einmal lernen, sich mit Yoga zu entspannen.
