115 Tage an Tisch 10 - Brina Stein - E-Book

115 Tage an Tisch 10 E-Book

Brina Stein

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Beschreibung

Völlig unterschiedliche Charaktere erfüllen sich den Traum von einer Kreuzfahrt um die Welt. Viel gemeinsam haben sie nicht, aber allabendlich sitzen sie an dem selben Tisch des Kreuzfahrtschiffes Kosta Onda. Zunächst sehr distanziert, lernen sie sich und fast nebenbei die Welt kennen. Ihre Reise führt sie von Italien rund um Südamerika, durch die Südsee, Australien und um Südafrika herum wieder nach Italien. Nach und nach entwickeln sich Freundschaften und ihre Leben scheinen für 115 Tage ineinander zu verschmelzen. Neben lustigen Anekdoten, die auf wahren Erlebnissen beruhen, beschreibt und vermittelt Autorin Brina Stein aber auch Wissenswertes über Land und Leute. Zudem nimmt sie ihre Leser mit zu den schönsten Plätzen, die sie selbst auf ihrer Weltreise entdeckte. Und das waren einige, in 115 Tagen. Das Buch endet mit der Beschreibung des letzten Abends an Bord, der schließlich zeigt, dass die zusammengewürfelte Gruppe an Tisch 10 in der Welt zusammengewachsen ist und sogar schon ein Wiedersehen plant, was zu Beginn der Kreuzfahrt sicher niemand gedacht hätte.

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Seitenzahl: 428

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buchbeschreibung:

Völlig unterschiedliche Charaktere erfüllen sich den Traum von einer Kreuzfahrt um die Welt. Viel gemeinsam haben sie nicht, aber allabendlich sitzen sie an dem selben Tisch des Kreuzfahrtschiffes Kosta Onda. Zunächst sehr distanziert, lernen sie sich und fast nebenbei die Welt kennen. Ihre Reise führt sie von Italien rund um Südamerika, durch die Südsee, Australien und um Südafrika herum wieder nach Italien. Nach und nach entwickeln sich Freundschaften und ihre Leben scheinen für 115 Tage ineinander zu verschmelzen. Neben lustigen Anekdoten, die auf wahren Erlebnissen beruhen, beschreibt und vermittelt Autorin Brina Stein aber auch Wissenswertes über Land und Leute. Zudem nimmt sie ihre Leser mit zu den schönsten Plätzen, die sie selbst auf ihrer Weltreise entdeckte. Und das waren einige, in 115 Tagen. Das Buch endet mit der Beschreibung des letzten Abends an Bord, der schließlich zeigt, dass die zusammengewürfelte Gruppe an Tisch 10 in der Welt zusammengewachsen ist und sogar schon ein Wiedersehen plant, was zu Beginn der Kreuzfahrt sicher niemand gedacht hätte.

Über den Autor:

Sabrina Reulecke schreibt unter dem Pseudonym Brina Stein. Sie wurde in Berlin geboren, ist in Lübeck aufgewachsen und lebt heute mit ihrem Mann im Taunus. Vor über zwanzig Jahren hat sie die Kreuzfahrt für sich entdeckt. Auf weit über 50 Kreuzfahrten war sie fasziniert von den Möglichkeiten, in einem Urlaub verschiedene Länder zu entdecken und begann, das Reisen mit dem Schreiben zu verbinden. Ihre Reiseerlebnisse wurden so zur Vorlage ihrer Kreuzfahrtgeschichten.

Seit ihrem Debüt im Jahre 2012 hat sie insgesamt zwölf Bücher in Verlagen veröffentlicht. Darunter waren auch zwei Anthologien als Herausgeberin mit anderen Autoren.

Mit dem Krimi "Mord im Schatten des Turms" erschloss sich für die Autorin 2020 ein zweites Genre, der cosy Regionalkrimi. Aufgrund seines großen Erfolges erschien in 2022 die Fortsetzung "Mord ohne Reue". Beide Krimis spielen in Eppstein und Umgebung und sind geprägt von vielen Schauplätzen, die die Autorin auch gern aufsucht. Den Leser erwartet außerdem ein großer Schuss Humor!

Nummer 13 folgte nun am 13.03. 23: "Die Familienreederei - Stürmische Zeiten" ist ein Familienroman, in dessen Mittelpunkt die 38 Jahre alten Zwillinge Lara und Lars stehen. Die Handlung spielt sowohl auf einem Kreuzfahrtschiff, als auch im Ostseebad Travemünde, was die Autorin stets liebevoll ihren "Heimathafen" nennt.

Mehr auf:

www.brina-stein.de

Brinas Reiseblog: www.kreuzfahrtautorin.de

Besuchen Sie uns im Internet:

www.brina-stein.de

Für Dirk in Liebe, zur Erinnerung an unsere Kreuzfahrt um die Welt!

Vorwort

06.07.2014

Es ist der Wahnsinn! Heute ist der 6. Juli 2014. Ich sitze bei lauen 25 Grad um 19:30 Uhr auf meinem großen Balkon mit Blick über den wunderschönen Taunus. Wie schon so oft beschäftigt mich auch heute Abend die Reise meines Lebens, die in sechs Monaten starten wird. Wie mag ich mich nächstes Jahr um diese Zeit fühlen, wenn alles vorbei ist? Mich erwartet eine Kreuzfahrt, die 115 Tage dauern wird und einmal um die südliche Erdhalbkugel führen soll. Momentan läuft die Fußball-WM in Brasilien, auch ein Ziel dieser Reise. Jedes Mal, wenn ich den legendären Zuckerhut im Fernsehen sehe, durchfährt es mich. Dort soll ich hinauffahren? Bei meiner Höhenangst? Fünfzehn Landausflüge sind bei der Weltreise inklusive und einer geht eben auch auf den hohen Berg. Mein Mann hat mir schon deutlich zu verstehen gegeben, dass da nicht gekniffen wird.

Irgendwie ist das erste Halbjahr 2014 sehr schnell vergangen. Die Zeit bis zum Beginn der Reise rückt schnell, manchmal zu schnell für mich, näher. Im Job ist alles längst geklärt. Morgen besuche ich meinen Fotografen Ulrich, neue Passbilder müssen her, denn sowohl der Personalausweis als auch der Reisepass müssen eine Gültigkeit von mehr als einem halben Jahr nach Reiseende haben. Doch was darüber hinaus noch alles zu erledigen ist – manchmal wache ich nachts auf und bekomme Panik. Wieder zähle ich die reinen Seetage, 68 sind es und ich bekomme Respekt. Mein Agent Hubert Quirbach ist ganz relaxed. An diesen Tagen hätte ich Zeit zum Schreiben, meint er. Südamerika, Australien und Südafrika warten auf mich, ich kann es kaum glauben, dass mein Traum von einer Weltreise so kurz bevorsteht. Ich wünsche mir so sehr, sie zu machen und habe manchmal Angst, dass etwas dazwischenkommt. Das sei total normal, hat mir ein Autorenkollege verraten, der auch einmal mit einem Schiff um die Welt gereist ist. Wie mag man sich am 30. Seetag fühlen? Ich habe keine Vorstellung. 115 Tage, auf meiner letzten Kreuzfahrt habe ich in 12 Tagen 2 Kilo zugenommen, das möchte ich jetzt nicht wirklich hochrechnen. Was sind das bloß für Leute, die mit uns reisen werden? Als wir vor einem Jahr (!) buchten, waren gut 60% der Kabinen schon weg. Alles solche Fälle von ‚einmal um die Welt‘ wie wir? Ich weiß es nicht, und darauf freue ich mich, denn als Autor ist man immer sehr neugierig. Ich werde es erfahren, im wahrsten Sinne des Wortes, hoffentlich.

06.11.2014

Vier Monate später. Es ist einer dieser typisch grauen Novembertage, und wenn ich von unserem kleinen Berg ins Tal schaue, sehe ich nur Nebel. Die Panik steigt ins Unermessliche. Inzwischen befinden sich mein Mann und ich mitten in Checks durch verschiedene Ärzte. Da kommt es auch mal zu unerfreulichen Diagnosen, die einem fast die Luft zum Atmen nehmen. Eine ganze Reihe von Impfungen liegt hinter uns, die gegen Gelbfieber steht noch bevor, sie ist die letzte und wir haben lange überlegt, ob wir sie machen. Aber Sicherheit geht vor. Vor sechs Tagen ist mein drittes Buch ‚Jahresausklang auf Madeira – Wellengeflüster in Portugal‘ erfolgreich erschienen. Nach dem Abschlusslektorat hat mein Agent Hubert mir deutlich klargemacht, dass er erwartet, dass ich von der großen Reise meinen ersten Roman mitbringe. Also habe ich mich an einen Plot gewagt und bin ganz erstaunt, wie viel mir vorab eingefallen ist.

Ich habe nun auch die ersten Ausflüge reserviert. Unglaublich, einige waren bereits ausgebucht! In einem Internetforum habe ich eine Rubrik gefunden, in der ich mich mit Mitreisenden austauschen kann. Natürlich alle mit lustigen Decknamen. Ich hieß dort Brido (ein Mix aus Brina und Dirk-Olaf). Mit Erstaunen habe ich gelesen, dass es für einige sogar schon die zweite oder dritte Weltreise ist. In solchen Momenten wächst wieder meine Neugier als Autorin. Was mögen das alles für Leute sein? Ich werde sie hoffentlich alle in den 115 Tage sehen. Jeden Tag stellen sich die Weichen weiter auf Abfahrt. Ich muss gestehen, dass ich im Büro besser organisiert vorarbeite als im privaten Bereich. Es fühlt sich immer noch sehr seltsam an zu wissen, dass man bald ganz lange weg ist. Die Koffer gehen noch eben zur Reparatur, letzte Instruktionen für den Sicherheitsdienst, auch die Eltern benötigen eine besondere Ansprache. Habe ich alles erledigt? Nein, noch lange nicht! Wie wird sich das bloß anfühlen, wenn man das erste Mal vor dem Schiff steht, auf dem man 115 Tage verbringen wird? Ich werde es erfahren, im wahrsten Sinne des Wortes, hoffentlich.

06.01.2015

Es ist 8 Uhr morgens, ich stehe auf dem Balkon unserer geräumigen Suite des NH Hotels Savona und sehe unser Schiff das erste Mal. Tränen schießen mir in die Augen, denn ich finde es schön. Unser neues Heim für 115 Tage, die ‚Costa Deliziosa‘. 2.000 Passagiere werden mit uns um die Welt reisen. Ich bin froh, es bis hierhin schon einmal geschafft zu haben und wünsche mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als genau hier in 115 Tagen wieder gesund einzutreffen. Vor lauter Aufregung kann ich kaum etwas frühstücken. Unser Check-in ist für 13 Uhr vorgesehen, wir können aber bereits die Koffer abgeben und bummeln noch ein wenig durch den zauberhaften kleinen Hafen von Savona. Wir genießen einen Weißwein und können trotz Januar draußen in der Sonne sitzen. Dann betreten wir das Schiff gegen 13 Uhr 30 zum ersten Mal und das Abenteuer beginnt ...

Übrigens jetzt auch für Sie, liebe Leser, denn ich darf Sie nun einladen, mit wundervollen, interessanten Charakteren in meinem ersten großen Roman einmal um die Welt zu reisen. Ich bin inzwischen seit sechs Wochen wieder zu Hause und entgegen aller Erwartungen habe ich an diesem Roman gar nicht an Bord gearbeitet. Schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass die vielen Eindrücke zunächst ruhen und sich dadurch festigen müssen. Aber meinen Agenten habe ich trotzdem nicht enttäuscht, denn ich habe meinen ‚Jahresausklang 2015‘ an Bord geschrieben. ‚Jahresausklang auf Sylt–Wellengeflüster in Westerland‘ erschien am 20.11.2015. Vielleicht interessiert Sie im Nachgang ja auch, was vor dieser Reise auf der schönen Insel Sylt, wo das Buch spielt, passierte. Nun aber Leinen los und auf in die Welt, Ihre Brina Stein

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Die Anreise oder sind ‚Weltreisende‘ ganz normal?

Kapitel 2: Tisch 10 und die Straße von Bonifacio

Kapitel 3: Wiedersehen mit Madeira und die Überquerung des Atlantiks

Kapitel 4: Gefährliches Brasilien und melancholisches Argentinien

Kapitel 5: Panik pur in Patagonien

Kapitel 6: Chile ist scheiße!

Kapitel 7: Das Salz der Südsee

Kapitel 8: Down Under bringt alles durcheinander

Kapitel 9: 3672 Seemeilen und ganz schön Sturm im Wasserglas

Kapitel 10: Abschied im tierischen Südafrika

Kapitel 11: Westlich von Afrika kommt unangemeldeter Besuch

Kapitel 12: Überraschende Wendungen und das große Finale an Tisch 10

Kapitel 1

Die Anreise oder sind ‚Weltreisende‘ ganz normal?

Als Thomas mit seinem modernen gelben Reisebus in Hamburg um die Ecke am Hauptbahnhof bog, standen natürlich einige Menschen am vereinbarten Treffpunkt. Er sah auf seine Uhr. Er war mehr als pünktlich, es war noch vor 6 Uhr morgens. Kaum war er ausgestiegen, schoss auch schon ein kleiner, untersetzter Mann mit Brille auf ihn zu, den er auf Mitte bis Ende 60 schätzte.

„Na endlich, da sind Sie ja, hier sind meine zwei Koffer zum einladen. Ich setze mich mal rein, bin ja ganz durchgefroren.“ Thomas schüttelte mit dem Kopf. Es war nicht sein erster Bus, den er nach Savona fuhr, um Passagiere zum Starthafen ihrer Kreuzfahrt zu bringen. Jedoch war es sein erster Transfer zu einer Weltreise, die 115 Tage dauern sollte. Insgeheim hatte er sich ohnehin seit Tagen gefragt, was das wohl für Menschen sein würden, die Zeit und Geld hatten, sich diesen Luxus zu gönnen. Die erste Begegnung mit einem Weltreisenden machte ihn nun mehr als nachdenklich. Auch die anderen Gäste, deren Koffer er nach und nach einlud, waren bestimmt weit über 60 Jahre alt.

Ob das ein schwimmendes Altersheim wird?, fragte er sich. Artig stiegen alle nacheinander in den Bus ein. Der kleine Mann hatte sich bereits großzügig in den Sesseln der ersten Reihe ausgebreitet. Er war sehr intensiv mit seinem Smartphone beschäftigt. Thomas sah auf seine Passagierliste und fragte ihn nach seinem Namen.

„Bahn, Bruno“, erwiderte er, sah aber nicht auf.

„Herr Bahn, Sie sitzen leider falsch, die ersten zwei Reihen sind vorab reserviert worden, bitte nehmen Sie in der dritten Reihe Platz“, gab Thomas zur Antwort.

„Was?“, fuhr dieser hoch, „das kann doch nicht sein, vor zwei Jahren waren Platzreservierungen im Bus noch nicht möglich.“

„Diese Möglichkeit gibt es seit einem Jahr“, wusste Thomas.

Widerwillig raffte Bruno seine Sachen zusammen und setzte sich in die ihm zugewiesene Reihe. Thomas hörte nicht mehr, dass Bruno leise über den wohl noch schlechteren Service als bei der letzten Weltreise motzte. Dafür kicherte es in einer der letzten Reihen im Bus und Bruno hörte, wie jemand sagte: „Bruno Bahn, warum fährt der denn nicht mit der Bundesbahn, da kann er reservieren.“

Nun blickte Bruno noch finsterer drein, denn er hasste diese Anspielungen auf das Verkehrsmittel Bahn. Stetig und immer bekam er es zu hören, wenn er seinen Nachnamen nannte.

Nachdem Thomas alle Tickets kontrolliert hatte, fuhr er den Bus langsam durch das neblige Hamburg. Heute war der 5. Januar und es versprach, ein grauer, trüber Tag zu werden. Als er auf die Autobahn fuhr, blickte er das erste Mal in seinen Innenspiegel. Die meisten Gäste waren schon eingeschlafen, nur Bruno nicht. Voller Verwunderung sah er, dass dieser eine überdimensional große Landkarte aufgeklappt hatte, die er innig zu studieren schien - jedenfalls war von ihm nichts mehr zu sehen. Ab und an griff er zu seinem Telefon und tippte etwas ein.

Der kontrolliert doch nicht wirklich, wo ich jetzt lang fahre?, überlegte Thomas.

Doch es schien so. Sie waren gerade mitten in der Heide, auf der Straße war nur wenig Verkehr, als Bruno plötzlich rief: „Sagen Sie mal, Herr Busfahrer, wo ist eigentlich ihre Hostess? Bei meiner letzten Weltreise wurde zu dieser Zeit auch mal ein Kaffee angeboten.“

„Ich heiße Thomas“, antwortete der Fahrer und fuhr fort, „ja, diesen Service gibt es leider nicht mehr, aber wir halten dafür alle zwei Stunden an und dann bekommen Sie den Kaffee von mir.“

„Wirklich noch weniger Service als letztes Mal, man sollte zu Hause bleiben“, grunzte Bruno und vertiefte sich wieder in seine Karte.

Kurz nach 8 Uhr bog Thomas auf die Raststätte Hannover-Wülferode West ab. Im Spiegel sah er Brunos anklagenden Blick und sagte rasch über sein Mikrofon: „Wir haben hier den ersten Halt und weitere Zustiege, in 20 Minuten fahren wir weiter, also genau um 8 Uhr 30.“

Als er den Bus geparkt hatte, blickte er auf seine Liste. Drei Frauen sollten hier zusteigen. Als er ausstieg, sah er diese auch schon wild winken. Begleitet wurden sie von einem jungen Paar. Bruno sprang nach ihm sofort aus dem Bus heraus und eilte in Richtung Raststätte. Thomas begrüßte die Frauen.

„Wir heißen Rita, Rosi und Ute“, stellte eine sie gleich gesammelt vor.

Thomas lächelte und stellte sich ebenfalls vor.

„Passen Sie mir bloß gut auf die Mädels auf“, meinte die jüngere Frau, die, wie er bemerkte, schwanger war, denn trotz der dicken Daunenjacke wölbte sich ihr Bauch bereits beträchtlich.

„Bis Savona verspreche ich das“, gab Thomas zurück.

„Inaaaaaaa“, kreischte Rita los, „pass du mal auf unser Baby auf“, dann streichelte sie erstaunlich sanft im Vergleich zu ihrer Stimme über den Bauch.

„Na, eben“, meinte Ute, „wir werden am anderen Ende der Welt sein, wenn es geboren wird.“

Ina lächelte und ihr Mann drückte liebevoll ihre Hand.

„Keine Angst, wir schaffen das“, gab er zur Antwort.

Thomas hatte inzwischen die Koffer der Frauen eingeladen und sah erneut auf seine Liste. „Sie haben die Plätze in der ersten Reihe.“

„Klaro“, kommentierte Rita, „die hat unsere Ina ja auch für uns reserviert. Ach, ich muss noch eine rauchen.“ Schnell zog sie ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Tasche. Sie zündete sich die Zigarette an und blies hektisch den Rauch aus. In diesem Moment traten drei Männer zu den Frauen, die Thomas in diesem Augenblick erst bemerkte. Sie schienen ein paar Jahre älter als die Frauen zu sein. Fragend sah er sie an.

„Keine Sorge, wir wollen nicht mit, wir verabschieden nur unsere Frauen“, sagte einer von ihnen, der eine gelbe Jacke, bedruckt mit dem Logo der Deutschen Post, trug. Liebevoll legte er seinen Arm um die Frau, die Thomas als Ute vorgestellt worden war. „Genau“, sagte der Zweite, der trotz der Kälte nur einen Anzug trug, „wir sind das Abschiedskomitee für unsere… äh, Freundinnen.“

„Gefährtinnen würde es auch beschreiben“, meinte der Dritte, der auf Thomas einen schüchternen Eindruck machte. Die junge, schwangere Frau begann herzhaft zu lachen und meinte: „Na, über die genauen Bezeichnungen könnt ihr Jungs ja nun 115 Tage nachdenken.“ Ihr Mann grinste.

In diesem Moment trat Bruno wieder an den Bus. In seiner Hand hielt er einen dampfenden Becher Kaffee. Er zog die Augenbraue hoch, als er Rita sah und meinte: „Ich bin allergisch gegen jede Form von Rauch.“ Wie zur Bestätigung begann er zu husten.

„Im Bus rauche ich ja nicht“, konterte Rita und trat demonstrativ ihre fertig gerauchte Zigarette auf dem Boden aus. Bruno schüttelte mit dem Kopf. Es war Zeit einzusteigen. Eine tränenreiche Verabschiedung folgte. Am meisten weinte Ute. Als Bruno sah, dass die Frauen die vordersten Busplätze einnahmen, konnte er sich natürlich einen Kommentar nicht verkneifen: „Ach, Sie sind das.“

„Ja, unsere Ina hat nämlich ein tolles Reisebüro mit einem super Service“, gab Rita zur Antwort.

Bruno stellte seinen Kaffee ab und stieg wieder aus dem Bus. Er begann diesen von allen Seiten zu fotografieren. Vor dem Fahrzeug begann das große Winken. Die Frauen, die übrigens Landfrauen waren, riefen den Männern und dem jungen Paar letzte Wortfetzen zu. Man versprach sich gegenseitig, in Kontakt zu bleiben. Ina versicherte, dass sie die Fortschritte ihrer Schwangerschaft regelmäßig per Fax schicken würde. In ungefähr drei Monaten wäre es so weit. Das Baby würde geboren werden. Ina rief den Frauen noch zu: „Und bitte ermittelt nicht wieder in irgendwelchen Sachen, macht mal Urlaub. Außerdem wünsche ich euch eine ruhige See auf den Meeren dieser Welt und nur ganz wenig Wellengeflüster.“

Rita machte eine wegwerfende Handbewegung und meinte leise zu den zwei anderen Frauen: „Das wird sich zeigen, wenn es nötig ist und mein kriminalistischer Spürsinn etwas entdeckt, dann werden eventuelle Fälle auch aufgedeckt. Mit dem Seegang werden wir auch klarkommen, das Schiff hat ja schließlich Stabilisatoren!“

Ute und Rosi nickten. Bruno hatte genug Aufnahmen von dem Bus gemacht, und als er wieder einstieg, meinte er mit einem gehässigen Unterton zu den Frauen in der ersten Reihe: „Sie hätten sich besser auch noch einen Kaffee mitgenommen, der Service im Bus ist nämlich Mangelware.“

Thomas zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Kaffee können doch wir machen“, warf Ute ein, „der Tommi muss ja fahren und schließlich wollen wir nicht unser Schiff wegen so was verpassen.“ Die anderen zwei Frauen applaudierten begeistert. Thomas strahlte. Ina begriff, dass ihre ‚Mädels‘ angekommen waren. Eine letzte Kusshand und dann rollte der Bus von der Raststätte.

„Ich möchte nicht wissen, was sie wieder alles anstellen werden“, meinte Ina zu ihrem Mann, der übrigens Basti hieß, als sie dem Bus hinterherblickten.

„Das wird schon werden“, meinte dieser optimistisch und gab Ina einen langen Kuss. Kalli vergoss ein paar Tränen und freute sich sichtlich über die Umarmung von Hans-Hugo, dem vornehmen Anzugträger. Josef, der Pastor im Ruhestand war, faltete die Hände und betete stumm und andächtig für eine glückliche Heimkehr der Frauen.

„Männer“, fand Hans-Hugo als Erster die Worte wieder und klopfte auf seine Uhr, „wir müssen los, der Weg nach Sylt ist noch weit.“

„Was wollt ihr da denn bloß wieder?“, hakte Ina nach.

„Nach dem Rechten sehen“, antwortete Hans mit geheimnisvoller Stimme.

Sie verabschiedeten sich von dem jungen Paar, verbunden mit zahlreichen guten Ratschlägen. Über Skype würden sich Ina und Hans-Hugo immer über den genauen Reisestand der Frauen austauschen.

„Was wollen die Männer nur wieder auf Sylt, wir sind doch gerade erst vom Jahresausklang, den wir alle gemeinsam dort verbracht haben, zurückgekommen?“, fragte Ina erneut.

Basti zuckte ratlos mit den Schultern. Dann meinte er gut gelaunt: „Vielleicht haben sie ein Date mit den Geistern.“

Ina kicherte.

„Lass jetzt mal los“, meinte ihr Mann, „ab sofort geht es nur noch um uns. Und außerdem wartet zu Hause Herr Schmitt auf einen Spaziergang.“

Ina nickte. Basti hatte ihr zu Weihnachten einen Jack-Russell-Terrier geschenkt, den sie auf den Namen ‚Herr Schmitt‘ getauft hatten. Ihn hatte sie in den letzten bewegenden Stunden ganz vergessen. Rasch stiegen sie ins Auto ein.

Thomas fuhr den Bus wieder auf die Autobahn. Die Landfrauen benötigten einige Zeit, um sich einzurichten. Rita saß direkt hinter Thomas und der Platz neben ihr war frei geblieben, Ute und Rosi saßen auf der anderen Seite. Bereits nach den ersten zehn Kilometern hatten sie kleine Delikatessen, wie selbst gemachte Frikadellen, kleine Schnitzelchen und den berühmten Kartoffelsalat von Rosi ausgepackt. Natürlich gab es dazu Sekt. Bruno beäugte den Imbiss leicht neidisch aus Reihe drei. Er vernachlässigte sogar sein Kartenmaterial und auch sein Smartphone blieb dunkel. Als Rita meinte, Thomas auch mal ein ‚Frikadellchen‘ in den Mund schieben zu müssen, mitten in einer Baustelle, rastete Bruno aus.

„Nun lenken Sie nicht den Fahrer ab, das ist ja unverantwortlich“, donnerte er los.

„Was haben Sie denn für Probleme?“, fuhr Ute ihn an und Rita ergänzte: „Der Tommi fährt korrekt, ich sehe doch immer auf seinen Tacho.“

Bruno brummelte etwas Unverständliches, verschanzte sich wieder hinter seiner Landkarte und weckte sein Telefon auf. Dass Rita den Tacho überwachte, beruhigte ihn, aber nie im Leben hätte er das offen zugegeben.

„Komischer Kauz“, wisperte Rita über den Gang zu Rosi und Ute.

Diese nickten kauend. Thomas grinste auf seinem Fahrersitz, die drei älteren Frauen waren ganz nach seinem Geschmack. Er war sich sicher, dass sie das Kreuzfahrtschiff ziemlich aufmischen würden. Schade, dass er nicht selbst mitfahren durfte. Gegen 9 Uhr 30 gab er bekannt, dass man als Nächstes an der Raststätte Northeim-Nord anhalten würde, um eine halbe Stunde Pause einzulegen. Er versprach, dass es frischen Kaffee geben würde.

„Prima“, klatschte Rita in die Hände, „wir helfen dir.“

Als der Bus stoppte, sprang Ute jedoch sofort aus dem Bus und entschuldigte sich, sie müsste zunächst auf die Toilette. Thomas sah, dass sie genau in die andere Richtung lief, dort wo die örtlichen Telefonzellen standen. Er dachte sich nichts dabei. Rita und Rosi dagegen hielten Wort und halfen ihm, die Mitreisenden mit Kaffee und Tee zu versorgen. Thomas erfuhr, dass sie seit vielen Jahren in einer Lottotippgemeinschaft spielten und die stolze Summe von 66.666 Euro gewonnen hatten. Diese mussten natürlich gemeinsam verprasst werden. Sie konnten sich jedoch zunächst nicht über ein gemeinsames Reiseziel einigen. Rosi wollte einmal im Leben Pinguine in Patagonien sehen, Rita, als bekennender Fan des ‚Dschungelcamps‘, die australische Wildnis erleben, und Utes Traum war eine Safari in Südafrika. Sie erzählten, dass ihre Ina, die ein Reisebüro führte, diese Kreuzfahrt gefunden hatte, die alle Wünsche in einem vereinte. Der Gewinn ließ eine Dreibettinnenkabine für die nächsten vier Monate ihr Heim werden, das Getränkepaket, die Landausflüge und ein kleines Taschengeld waren auch abgesichert. Thomas war beeindruckt.

„Was haben denn eure Männer dazu gesagt?“, fragte er nach. „Das sind ja nicht richtig unsere Männer“, gab Rita preis.

„Doch“, meinte Rosi, „Utes Kalli schon.“

„Na, die sind ja nicht verheiratet und führen eine Fernbeziehung zwischen Travemünde und Hannover“, meinte Rita und wertete: „Das zählt nicht.“

Bruno, der gerade seinen Becher Kaffee von Rita in Empfang nahm, dachte: Typische Landeier, das Niveau der Passagiere auf dieser Weltreise ist noch um ein Vielfaches schlechter als letztes Mal.

Ute kehrte zurück und half auch noch schnell mit, die letzten Kaffeebecher zu verteilen.

„Himmel, das hat aber lange gedauert“, zischte Rita ihr zu.

„Eine lange Schlange“, zuckte Ute entschuldigend mit den Schultern.

Nachdem alle Gäste versorgt waren, entschuldigte sich Thomas kurz, er wollte noch schnell eine Currywurst essen gehen, die an dieser Raststätte legendär wäre. Ute, die Currywurst über alles liebte, begleitete ihn. Nach der Bestellung eilte sie schnell zur Damentoilette. Thomas tat, als würde er nichts bemerken. Als sie sich gegenüber an einem kleinen Stehtisch wiederfanden, sagte sie: „Vorhin war ich gar nicht zur Toilette, ich habe meinen Freund Kalli angerufen und auf seinem Anrufbeantworter einen letzten Gruß hinterlassen, er fehlt mir jetzt schon, aber das müssen die anderen nicht wissen.“

Thomas nickte und versprach zu schweigen. Liebevoll drückte die Landfrau seine Hand. Der Busfahrer dachte an Ritas Worte, anscheinend hatte zumindest eine Landfrau doch eine feste Beziehung. Pünktlich um 10 Uhr setzte er seine Fahrt gen Süden fort. Die Landfrauen vertrieben sich die Zeit und diskutierten ausgiebig das bevorstehende Landausflugsprogramm der großen Reise. Irgendwann meldete sich Bruno zu Wort: „Wenn Sie bis heute noch nicht über das Internet Ihre Ausflüge gebucht haben, sind die schönsten Ausflüge ohnehin längst ausgebucht, da brauchen Sie gar nicht groß zu diskutieren. Stellen Sie sich an Bord einfach in der langen Schlange an und Sie werden erfahren, was Sie noch bekommen oder eben auch nicht“, sagte er im belehrenden Tonfall.

„Was?“, rief Rita ungläubig, „wie kommen Sie denn darauf?“

„Selbst im Internet stand doch bereits neben vielen Ausflügen ‚ausgebucht‘“, gab Bruno mit seelenruhiger Stimme zurück.

Ute drehte sich zu ihm um und meinte: „Ist meine Safari in Südafrika denn auch schon ausgebucht?“

Bruno seufzte und gab zur Antwort: „Also, gnädige Frau, ich habe nicht alle 567 Ausflüge der Reise im Kopf, aber meine sind durchgängig gebucht und bestätigt.“

Rosi kicherte albern und kassierte einen Ellenbogenhieb von Ute.

Rita schenkte Sekt nach und sagte: „Prost, Mädels“, nicht ohne Bruno einen bösen Blick zuzuwerfen.

Gegen 12 Uhr erreichten sie die Wetterau und Thomas fuhr einen Rastplatz an. Rita sprang als Erste aus dem Bus und zündete sich hektisch eine Zigarette an. So wenig rauchen zu können, war sie nicht gewohnt.

„Wir nehmen weitere Mitreisende auf und machen eine Stunde Mittagspause“, informierte Thomas gut gelaunt über das Mikro. Er fuhr fort: „Heute gibt es Weißwurst mit süßem Senf und einer Brezel.“

Bruno schüttelte entgeistert mit dem Kopf. Diese Verpflegungsleistung empfand er als Zumutung und suchte daher lieber die Raststätte auf.

„Das ist aber auch ein komischer Kauz“, meinte Rita zu Thomas beim Aussteigen.

Dieser grinste.

„Tommi, fährst du auch mit um die Welt?“, wollte Rosi schüchtern wissen.

„Nein“, meinte dieser, „aber ich hole euch wieder in Savona ab.“

„Oh, fein“, freute sich Ute ehrlich.

Nach einiger Zeit trat ein deutlich jüngeres Paar an den Bus. „Jessica und Tim Regner“, stellte sich die Frau dem Busfahrer vor.

„Hallo, ich bin der Thomas“, gab dieser zurück, „einen kleinen Moment, ich lade euer Gepäck sofort ein.“

„Oh, Weißwürstchen“, meinte der Mann. Er liebte diese. Jessica lachte.

„Kommt mal hier rüber, es sind noch welche da“, meinte Rita. Die zwei waren ihr sofort sympathisch.

„Wir heißen Jessica und Tim“, gab die Frau kurze Zeit später kauend preis.

„Das sind Rosi und Ute, ich heiße Rita, ist das auch eure erste Kreuzfahrt um die Welt?“

Jessica bejahte.

Pünktlich nach einer Stunde ging die Fahrt weiter. Jessica hatte sich bereits mit den Landfrauen angefreundet, Tim beobachtete diese ein wenig skeptisch, wie es so seine Art war. Noch bevor der ‚komische Kauz‘ aus der Raststätte zurückgekehrt war, wusste sie bereits alles über ihn. Bruno nickte zur Begrüßung eher verhalten und Jessica und Tim setzten sich in die zweite Reihe auf ihre reservierten Plätze hinter Rosi und Ute. Der komische Kauz murmelte etwas wie „Reihenreservierer“ vor sich hin, da drehte sich Tim zu ihm um und fragte: „Sprechen Sie mit uns?“

„Nein“, gab Bruno knurrend zurück.

„Typ Hofhund“, flüsterte Jessi ihrem Mann zu.

„Der spricht nicht mit euch, sondern über euch“, grölte Rita los, Rosi und Ute schüttelten sich vor Lachen.

„Bei welchem Reisebüro haben Sie denn gebucht?“, versuchte Bruno nun doch, ein wenig Kommunikation mit den Neuzugängen zu machen.

„Ich habe mein eigenes Reisebüro“, antwortete Jessica stolz.

„Oh“, fand Rosi, „wie aufregend, unsere Ina hat ja auch ein Reisebüro.“

„Da haben Sie die Reise bestimmt günstiger bekommen, was?“, schlussfolgerte Bruno.

Tim schüttelte nur mit dem Kopf und meinte: „Klar, die Reederei hat uns quasi angefleht, 115 Tage auf das Schiff zu kommen und Taschengeld gab es auch noch oben drauf.“

Jessi grinste, die Landfrauen glucksten und Thomas freute sich über diese interessante Fahrt nach Italien. Daraufhin herrschte erst mal Schweigen im Bus. Tim blickte Jessica genervt an und wackelte ein wenig mit dem Bein, wie immer, wenn er sich über etwas ärgerte. „Musste ja die Busanreise sein“, raunte er ihr zu und fuhr fort: „ ... und das alles nur wegen der Klamotten.“

Jessica gab keine Antwort, sondern blickte aus dem Fenster.

„In circa 15 Minuten halten wir an der Raststätte Lorsch West“, verkündete Thomas derweil munter über sein Mikrofon.

„Schon wieder anhalten?“, rief Bruno, „wenn das so weitergeht, kommen wir niemals pünktlich in Savona an.“

„Wir sind gut im Zeitplan“, gab Thomas zurück, „wir haben hier die letzten Zustiege und wir halten auch nur ganz kurz, allerdings muss ich das Gepäck umsortieren. Ihr habt alle ein wenig mehr Koffer, als angegeben, mitgenommen.“

„Wie soll das erst auf der Rückfahrt werden“, flüsterte Rosi, „da haben wir doch sicher noch mehr Gepäck?“ Rita kommentierte dies mit einer wegwerfenden Handbewegung. Himmel, dachte sie, wir wollen doch erst mal hinaus in die Welt. Da denkt die Erste schon an die Heimkehr!

Als der Bus zum Halten gekommen war und die Türen sich öffneten, sprang Bruno wieder als Erster aus dem Bus und fotografierte den erneuten Halt. Es stieg eine Familie mit einem kleinen Jungen zu. In seiner Hand hielt er fest ein kleines, blaues Kuscheltier, das eine weiße Mütze auf hatte.

„Hallo, wie heißt denn du?“, fragte Thomas.

„Ich bin Jan und das ist mein Freund Cruisy, er ist ein Schlumpf.“

Thomas lächelte und erledigte mit den Eltern rasch die Formalitäten.

Rita fragte: „Wie alt bist du denn? Musst du gar nicht in die Schule in den nächsten Monaten?“

Der Kleine schüttelte den Kopf und meinte: „Nee, erst nächstes Jahr, ich bin doch erst fünf.“

„Dein Cruisy ist ja süß, war der schon mal auf einem Kreuzfahrtschiff?“, wollte Rita wissen.

„Klar“, meinte Jan, „deshalb heißt er doch so, er ist ein berühmter Schlumpf im Internet, der immer Kreuzfahrten macht.“

Die Landfrauen und Jessica lächelten, Tim tat, als hätte er nichts gehört. Nachdem die Familie Platz genommen und Rita zwei Zigaretten vor dem Bus quasi inhaliert hatte, setzte Thomas die Reise gen Süden fort. Am Nachmittag legten sie eine Kaffee- und Kuchenpause in Höhe von Freiburg ein. Die Landfrauen, die wieder eifrig bei der Versorgung halfen, wollten von Thomas wissen, wo sie denn heute die Nacht verbringen würden. Er begann daraufhin sofort, von dem kleinen, schönen Hotel in St. Gallen zu schwärmen. Es läge ganz idyllisch auf einem Berg und am heutigen Abend würde sie ein echter Schweizer Abend erwarten. Rita klatschte vor Freude in die Hände.

„St. Gallen?“, hakte Bruno nach. „Vor zwei Jahren waren wir am schönen Bodensee, 5-Sterne-Haus, das war noch was.“

Dann wandte er sich wieder seinem Smartphone zu, das wie festgewachsen in seiner Hand schien.

Thomas begann von dem tollen Käsefondue zu schwärmen, das heute Abend im Hotel serviert werden würde. Tim stöhnte genervt auf, er hasste Käse.

„Es gibt sicher auch was anderes“, versuchte Jessica sofort einzulenken.

„Klar“, meinte Thomas und zwinkerte Tim zu, „sie haben auch fantastische Steaks.“

„Siehste“, meinte Jessi versöhnlich.

„Tommmiii“, säuselte Rita, „isst du heute mit uns gemeinsam zu Abend?“

Dieser nickte.

„Prima“, freute sich Ute, „dann trinken wir einen Schweizer Schnaps zusammen.“

„Oh ja“, freute sich Rosi.

„Da bin ich auch dabei“, meinte Jessi.

Bruno schüttelte nur den Kopf, diese Reisegesellschaft ging ihm jetzt bereits auf die Nerven, außerdem verstand er nicht, warum diese Landfrauen so ein Theater um einen einfachen Busfahrer veranstalteten. Er hoffte insgeheim, sie an den 115 Tagen an Bord möglichst wenig zu sehen.

„Der Thomas muss uns morgen noch nach Savona fahren, meine Damen, bitte berücksichtigen Sie das bei Ihrem geplanten Gelage“, meinte er genervt.

Thomas lächelte Bruno im Rückspiegel an und sagte: „Keine Sorge, ich bin mir meiner Verantwortung bewusst.“

Jessica war inzwischen mit den Eltern von Jan ins Gespräch gekommen. Sie erfuhr, dass sie Silvia und Jochen hießen und dass diese große Reise eine einmalige Erfahrung für Jan werden sollte, bevor er nächstes Jahr zur Schule musste. Jessi nahm Cruisy und begann mit ihm zu sprechen. Seine Antworten sprach sie mit verstellter Stimme. Nach Stunden grinste Tim wieder. Seine Frau hatte so einen Hang zu Kuscheltieren, und wenn sie diese in die Hand nahm, begannen sie zu leben. Jan strahlte und ging sofort auf das Spiel ein.

„Habt ihr keine Kinder?“, wollte Silvia wissen.

„Nein, das ist nicht unsere Bestimmung“, meinte Jessi, „aber wir haben eine sehr liebe Nichte, sie schreibt im Mai ihr Abitur.“

Silvia nickte. Nachdem der Bus weitergefahren war, begannen die Landfrauen, ihr Lieblingskartenspiel ‚Asse raus‘ zu spielen. Sie überzeugten Jessica mitzumachen, Tim winkte nur entsetzt ab. Die vier unterhielten damit den kompletten Bus. Als sie die Schweizer Grenze passierten, erklang im Radio das altbekannte „Heidi-Lied“. Die Landfrauen stimmten sofort ein und Thomas drehte das Radio lauter.

„Unterirdisch“, kommentierte Bruno.

„Da gebe ich Ihnen ausnahmsweise mal recht“, meinte Tim und sah entgeistert, dass auch Jessica mitsang.

Über 1.000 Kilometer entfernt, auf der schönen Insel Sylt, machten sich auch zwei alte Männer Gedanken über ihre bevorstehende Weltreise. Erwin und Paul würden am nächsten Tag mit dem Zug bis Hamburg fahren und von dort mit dem Flugzeug nach Savona reisen. Wie immer, wenn es auf Reisen ging, war Paul nervös.

„Du, Erwin?“, fragte er.

„Ja, Paul?“, gab dieser zurück.

„Meinst du, wir haben das richtig entschieden mit dieser Weltreise?“

Es war nicht das erste Mal in den letzten Tagen, dass Paul Erwin diese Frage gestellt hatte und so sagte dieser sehr bestimmt: „Paul, du wolltest die Welt sehen, hast mir monatelang damit in den Ohren gelegen. Nun ist aber mal gut.“

Paul seufzte, er war eben so, wenn eine große Sache kurz bevorstand, dann zweifelte er, ob der Schritt richtig war. Er nahm einen alten Atlas zur Hand, wie so oft in den letzten Wochen, und schlug die Seite mit der großen Weltkarte auf. Fasziniert starrte er den Bereich der Südsee an, den sie besuchen würden. Seine Augen begannen zu leuchten. Erwin beobachtete ihn genau von der Seite und lächelte.

Gegen 18 Uhr erreichte der Bus das Städtchen St. Gallen. Die Passagiere erhaschten nur einen kurzen Blick auf die schöne Altstadt mit ihren Fachwerkhäuschen und dem Wahrzeichen, der Stiftskirche. Geübt und sicher lenkte Thomas den Bus den Freudenberg hinauf. Er hielt schließlich vor einem kleinen Hotel, das ganz aus dunklem Holz bestand, bestückt mit zahlreichen Balkonen und auf der Dachspitze wehte die Schweizer Fahne.

„Hammer“, fand Rita.

„Bruchbude trifft es wohl eher“, gab Bruno zurück und begann nach dem Ausstieg umfangreich, Fotos zu machen. Inzwischen war es freilich fast dunkel geworden. Die Tür des Hotels öffnete sich und ein älterer Mann mit einem langen, grauen Bart trat an den Bus heran. „Guete Tag, Urs“, grüßte Thomas professionell. Es folgte eine liebevolle Umarmung.

„Vermutlich kriegt der Tommi hier Prozente“, mutmaßte Bruno.

„Der sieht ja aus wie der Alm-Öhi von Heidi“, kreischte Ute los.

Nun lachte bis auf Bruno erstmals der komplette Bus.

„Eine luschtige Gesellschaft hast du da mitgebracht“, meinte Urs.

„Die sind ein wenig speziell“, flüsterte Thomas, „sie alle gehen für 115 Tage mit der Kosta Onda auf Weltreise, aber es wird sicher ein grandioser Abend werden.“

Thomas’ Prophezeiungen erfüllten sich voll und ganz. Nachdem die Weltreisenden ihre Zimmer bezogen hatten, die behaglich in warmen Holztönen eingerichtet und deren Betten mit rot-weiß karierter Bettwäsche bezogen waren, traf man sich in der guten Stube und nahm auf rustikalen Holzbänken Platz. Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuer. Auf den Holztischen dampften bereits kleine Kessel mit einer sahnigen Käsemasse. Urs reichte einen typischen Apéro und dazu kleine Köstlichkeiten wie Käsewürfel und Bündnerfleisch herum. Die Landfrauen konnten sich vor lauter Begeisterung mal wieder kaum einkriegen. Schon aufgrund der Busfahrt durch die Schweiz, die ein wenig wie eine Miniatureisenbahnlandschaft auf sie gewirkt hatte, waren sie begeistert und nun praktisch mittendrin.

„Wenn das Kalli sehen könnte“, meinte Ute sehnsuchtsvoll.

„Ich brauche unbedingt das Rezept von diesem Getränk“, befand Rosi. Tim und Jessica tranken den Apéro gleich in einem Zug leer, Urs schenkte sofort nach. Er fragte ab, wer denn statt Käse ein Steak bevorzuge. Bruno, Tim und Jochen meldeten sich. Der Rest begann, die klein geschnittenen Weißbrotwürfel in die Käsemasse zu tauchen.

„Wow, ist das lecker“, befand Rita kauend. Auch die Steaks, die auf den Punkt gebraten aus der Küche kamen, medium und es trat kaum Fleischsaft aus, stießen auf große Begeisterung. Jan bekam eine riesengroße Portion Spaghetti Bolognese und wirkte ebenfalls sehr zufrieden. Cruisy saß artig vor ihm auf dem Tisch und gab keinen Mucks von sich. Nach dem Essen genoss Busfahrer Thomas zwar noch einen guten Schwiizer Kirsch mit den Landfrauen, verabschiedete sich dann aber doch recht früh in Richtung Bett. Bruno war darüber sehr erleichtert. Rita, Rosi und Ute waren richtig in Stimmung und tranken mit Jessica um die Wette. Jochen und Silvia waren mit Jan gleich nach dem Essen auf ihr Zimmer verschwunden. Als Urs nach dem Essen ein Akkordeon herausholte, ging es erst richtig los. Nach einigen Liedern wie „Deine Heimat ist das Meer“, baten die Landfrauen um das Heidi-Lied. Interessanterweise berichtete Urs, dass er früher als Kapitän eines Ausflugsschiffes auf dem Comer See gefahren war und erst im Alter dieses Hotel übernommen hatte. Schließlich spielte er das ersehnte Lied und die Landfrauen entwickelten einen neuen Text dazu:

Rosi, Ute, unsere Welt sind die Meere, Rita, Rosi, auf Deck 12

da sind wir zu Haus,

dunkle Schnäpse, bunte Cocktails bei Sonnenschein, Ute, Rita,

brauchen wir zum Glücklichsein.

Rosi, Rita wir fahrn hinaus, finden das Glück

und dann kommen wir wieder zurück!

Bruno war so entgeistert, dass er sich nun auch ins Bett empfahl. Tim gefiel diese Wendung des Abends ebenfalls nicht wirklich, aber er konnte Jessi nicht von den Landfrauen loseisen. Sie sang laut mit und vollführte auch noch ausgerechnet mit der schüchternen Rosi ein Tänzchen.

Urs lächelte glücklich und meinte: „Ich freue mich schon heute auf eure Wiederkehr im Mai.“

„Wir auch“, meinte Rita, „wo ist eigentlich Ute?“

„Bestimmt auf dem Klo“, sagte Rosi schnaufend nach dem Tanz.

„Sie ist aber sehr lang weg“, gab Rita zu bedenken, da betrat Ute die Gaststube und grölte: „Fahr hinaus, find das Glück und dann kommen wir wieder zurück.“

Die anderen Landfrauen nebst Jessica klatschten dazu im Takt. Irgendwann endete der Abend. Jessi plapperte noch ein wenig im Bett vor sich hin, ein deutliches Zeichen des übermäßigen Alkoholgenusses. Tim hörte es nicht mehr, denn er war sofort eingeschlafen.

Gegen 3 Uhr nachts wachte Jessica auf. Ihr war unendlich übel. Leise stand sie auf und ging in Richtung Bad. Dort erbrach sie sich mehrfach. Als sie zurück ins Bett schlich, meinte Tim: „Na, wohl ein wenig zu viel gestern getrunken, oder?“

„Hm“, machte sie. Er drückte kurz ihre Hand und sagte mit müder Stimme: „Halt dich mal von den Mädels fern, die sind ja gnadenlos, in jeder Hinsicht, nicht nur beim Trinken.“

Sie versprach es und kuschelte sich sanft an seine Schulter. Morgens ging es ihr leider nicht viel besser. Der Kaffee, den sie zum Frühstück trank, landete noch vor Abfahrt des Busses in der Toilette des Gasthofes, an feste Nahrung war erst recht nicht zu denken. Tim war das alles sehr peinlich und er brummelte herum. Die Landfrauen waren bester Stimmung, bedauerten Jessica und verteilten jede Menge gute Kater-Tipps. Außerdem begeisterte sie der grandiose Ausblick auf das Säntismassiv. Die Gipfel bedeckten Schneemassen und im ersten Morgenlicht schimmerten die Berge wunderbar blau. Rosi nahm Jessica in den Arm, die nicht wirklich einen Blick für diese Naturschönheit hatte.

„Jetzt macht der Tommi dir einen schwarzen Tee und dann wird das schon“, sprach sie.

Tim schüttelte nur den Kopf. Thomas hatte Mitleid mit seiner Passagierin und begab sich sofort in die Küche des Busses.

„Wenn Ihre Frau keinen Alkohol verträgt, dann sollten Sie besser auf sie aufpassen. Womöglich verpassen wir noch das Schiff. Verstehe sowieso nicht, was dieser Umweg hier in die Einöde sollte“, knurrte Bruno und setzte sich anklagend in seine dritte Reihe im Bus, um sofort sein Smartphone herauszuholen.

Tim stieg ebenfalls ein und blickte noch finsterer drein.

„U-t-e … komm sofort her“, schrie Rita, die in der Tür des Hotels stand.

Ute fuhr erschrocken zusammen und trottete in Richtung Eingang.

„Hier“, bellte Rita, „die Telefonabrechnung der letzten Nacht unseres Zimmers. 104 Schweizer Franken! Das sind umgerechnet 100 Euro, die zahlst du jetzt, aber sofort!“

Schuldbewusst senkte diese den Blick und meinte: „Ich habe doch nur kurz mit Kalli gesprochen.“

„Kurz“, meinte Rita, „nee, ist klar.“

Thomas hupte, der Bus war für die Reise bereit. Natürlich verabschiedeten sich die Landfrauen überschwänglich von Urs und man freute sich gegenseitig schon auf den Mai, wenn sie zurückkehren würden.

„Uf Widerluege“, rief er dem Bus noch hinterher.

Die Stimmung in diesem war allerdings verhalten. Ute schämte sich über die hohe Telefonrechnung und sagte keinen Pieps. Jessica war es trotz des schwarzen Tees immer noch schlecht und Tim schwieg beharrlich. Thomas, dem die schlechte Stimmung nicht verborgen blieb, informierte bewusst munter über sein Mikrofon, dass die restliche Fahrzeit bis Savona nun nur noch rund sechs Stunden betragen würde. In Lugano direkt am See würde er die Mittagspause einlegen und pünktlich zum Check-in am Kreuzfahrtterminal eintreffen. Anstatt begeisterter Zurufe erhielt er aus dem Bus nur Schweigen, lediglich Bruno merkte an: „Hoffe, es geht nicht wieder in dieses Lokal, in dem sie angeblich ihre Nudeln selbst machen, war alles nur weiche Pampe letztes Mal.“

„Oh ja, Nudeln mit Ketchup“, rief Jan begeistert aus und sagte zu seiner Mutter: „Cruisy liebt Nudeln.“

Sie strich ihm lächelnd über den Kopf und antwortete: „Na, er hatte doch erst gestern Abend welche, vielleicht mag er heute ja auch mal Pommes?“

Bruno schüttelte nur mit dem Kopf, damit waren auch diese Leute inakzeptabel vom Niveau her für ihn.

Wie können sie sich nur diese Reise leisten, wenn das arme Kind daheim nur Nudeln mit Ketchup oder alternativ dazu Pommes bekommt?, dachte er.

„Nein, nein“, kommentierte Thomas, „wir haben drei Menüs zur Auswahl.“

Allein bei dem Gedanken an Essen wurde Jessica übel, sie würgte leise. Tim blickte sie genervt von der Seite an. Inzwischen strahlte die Sonne vom Himmel und die Schweiz zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Hohe Berge mit schneebedeckten Gipfeln und grüne Wiesen. Gut gelaunt fuhr Thomas später auf die Raststätte und geleitete seine Passagiere in das Lokal. Lange Tische waren bereits eingedeckt und die Bedienung sagte: „Willkommen in Lugano.“

Allgemeines Gemurmel war die Antwort. Die Frau war in Schweizer Tracht gekleidet, hatte die Pfunde an den richtigen Stellen und einen Ausschnitt, der ihre prallen Brüste sehr gut präsentierte.

„Hallo, schönes Kind“, flirtete ausgerechnet Bruno und fotografierte die Kellnerin sogleich mit der Kamera seines Smartphones. Sie schenkte ihm ein Lächeln und verteilte munter die Menükarten. Danach nahm sie erste Getränkewünsche auf. Folgende Gerichte standen zur Auswahl:

Chindsbettisuppe Lummelbraten an Ofeguck

oder

Chretzer mit Gwschelti

oder

Fleischvögel mit Hörnli

und

Tünne mit Trübeli

Rita schlug die Menükarte als Erste auf und bekam einen Lachanfall, der nicht mehr zu stoppen war. Ute und Rosi stimmten ein. Auch Jessica vergaß eine kurze Zeit ihre Übelkeit und selbst Tim grinste. Thomas, der mit der Wirtin am Tresen noch letzte, zeitliche Absprachen traf, sah verständnislos zu seiner Gruppe hinüber. Auch Bruno freute sich nach einem ersten, kurzen Schock und rief quer durch das Lokal zu der feschen Bedienung: „Ich nehme den Fummelbraten an Ofeguck.“

Da begriff Thomas, dass sie Schweizer Speisekarten bekommen hatten, schnell ließ er sich von der Wirtin die deutschen geben. Rita, die nicht nur bildlich auf dem Tisch lag, grölte: „Fleischvögel, ich will Fleischvögel.“

„Ja“, schrie Ute, „und zum Nachtisch ‚Tünne mit Trübeli‘.“ Als Thomas die Karten tauschen wollte, bestanden die Landfrauen darauf, die alten behalten zu wollen, ja, sie wollten sie sogar mit nach Hause nehmen. In keinem Fall wollten sie die Übersetzung wissen, sondern nach Namen bestellen. Sie gaben ihre Bestellung auf und verließen das Lokal, damit sie nicht hörten, was die anderen bestellten. Die Suppe entpuppte sich später als eine Rinderkraftbrühe.

„Die wird dir guttun“, meinte Rosi liebevoll zu Jessi, die ihr gegenübersaß.

Tim zog nur die Augenbraue hoch. Dass die Fleischvögel Rouladen waren, war Rita ganz recht. Doch dass der Lummelbraten an Ofeguck Rosi als Rinderfilet mit Kartoffelgratin serviert wurde, machte sie neidisch. Sie hatte schließlich zu Hause eine eigene Rinderzucht und probierte daher eigentlich immer und überall die Produkte der Konkurrenz. Rosi bemerkte den neidischen Blick von Rita, der auf dem Filet ruhte, und schnitt ihr ein Stück ab.

„Hervorragende Qualität“, murmelte diese mit vollem Mund und trank einen großen Schluck Weißwein.

„Ich hab zu Hause nämlich eine Rinderzucht, damit kenne ich mich aus“, protzte sie quer und ungefragt über den Tisch hinweg.

„Ach“, meinte Jessi, und bevor sie fortfahren konnte, schüttelte Tim mit dem Kopf. Er hatte nämlich auch eine Rinderzucht, die er neben seinem stressigen Managerleben im Bereich Marketing als Hobby betrieb. Jessica verdrehte genervt die Augen, als sie verstand, dass er nicht wollte, dass sie das erzählte. Chretzer mit Gwschelti wurde als Letztes serviert und Ute war froh, dass es sich um Flussbarsch mit Pellkartoffeln handelte.

„Kalli und ich essen immer ganz viel Fisch, wenn wir in Travemünde sind“, sprach sie glücklich. Rita brummte nur dazu. Der Nachtisch, Johannisbeerkuchen, enttäuschte nur Jan, er hatte auf ein Eis gehofft und es dauerte eine Weile, bis Silvia und Jochen ihn beruhigen konnten.

„Cruisy findet den Nachtisch total lecker“, sagte Jessi.

„Echt?“, fragte Jan, „na, dann probiere ich ihn doch.“

„Im Gegensatz zu dir, was?“, meinte Tim mit sarkastischem Unterton, denn sie hatte außer der Suppe nur ein wenig von dem Gratin gegessen und das Rind und den Kuchen komplett verschmäht.

„Ich gehe mal raus“, meinte sie. Tim nickte.

Vor der Tür zündete sie sich eine Zigarette an, doch schon nach dem zweiten Zug wurde ihr speiübel, sie schaffte es gerade noch in die Toilettenanlage der Raststätte. Während sich der hochmoderne Toilettensitz vor ihr drehte und sich selbst reinigte, spuckte sie die komplette Suppe wieder aus. Erschöpft ließ sie sich danach auf der Toilettenbrille nieder. Ihr Kopf dröhnte, der Schweiß lief ihr über den Rücken und Tränen kullerten ihre Wangen hinunter.

Warum verhielt Tim sich ihr gegenüber nur so sarkastisch und gefühllos? Er hatte überhaupt kein Mitleid! Sie waren hier auf der Anreise zu ihrer Weltreise und nicht auf einer Kaffeefahrt.

Zum ersten Mal wurde Jessica deutlich ihre Krise bewusst. Sie dachte daran, wie sie ihn damals auf diesem Kreuzfahrtschiff mit dem roten Kussmund kennen- und lieben gelernt hatte. Nach der Reise blieben sie zusammen und sie zog aus ihrem geliebten Berlin zu ihm in den Rheingau. Er finanzierte ihr den Traum eines eigenen Reisebüros in Frankfurt und als er ihr bei der feierlichen Eröffnung einen Heiratsantrag machte, war ihr Glück vollkommen gewesen. Mit den Jahren verlor sich die Liebe ein wenig im stressigen Alltag, doch das war normal. Beim Jahresausklang auf Madeira vor einem Jahr hatten sie dies bemerkt und Tim hatte vorgeschlagen, eine gemeinsame Auszeit in Form einer Weltreise zu machen. Dass er dafür eine Kreuzfahrt gewählt hatte, freute Jessica sehr, sie liebte das Reisen auf dem Meer.

Und nun das, dachte sie weiter, schon auf der Hinreise ist er total genervt, nur weil ich einen Kater habe.

Schließlich spülte sie und trat im Vorraum an das Waschbecken. Hinter sich sah sie Rosi im Spiegel. Diese streichelte kurz ihren Rücken, fasste kurz an ihre Stirn und meinte: „Nicht viel besser, oder?“

„Nee“, gab Jessica zu und trocknete sich die Hände ab.

Dann verließ sie den Waschraum. Rosi sah ihr nachdenklich hinterher. Sie war gelernte Arzthelferin, bevor sie damals den Landwirt geheiratet hatte. Sie überlegte für einen Moment, ob Jessica schwanger sein könnte. Den Gedanken verwarf sie jedoch gleich wieder, denn eine Frau, die ein Baby erwartet, würde kaum auf eine so lange Kreuzfahrt gehen und auf jeden Fall auch keinen Alkohol trinken. Vor der Toilettenanlage wartete Tim. Er zog Jessica zur Seite und es gab einen energischen Wortwechsel. Deutlich brachte er zum Ausdruck, dass sie sich mit privaten Angelegenheiten, die sie von ihnen preisgab, zurückhalten sollte. Außerdem hätte er auch keine Lust, seinen Urlaub mit drei absolut chaotischen Landfrauen zu verbringen. Ihre Unpässlichkeit war ihm obendrein unangenehm. Jessica stand nur da und weinte.

Der Alarmknopf von Amor leuchtete dunkelrot auf. Der Liebesengel erschrak, denn er hatte sich wie jeden Tag ein kleines Schläfchen nach dem Mittagessen gegönnt. Wunderbar geträumt hatte er, von einem kleinen, ruhigen Wölkchen im Himmel, auf dem er sein Dasein genoss, ohne Aufträge und Druck. In die Jahre gekommen dachte er in letzter Zeit öfter darüber nach, mit dem großen Chef mal das Thema Vorruhestand anzusprechen. Mit einem Klick erweckte er seinen allwissenden PC zum Leben. Was er sah, schockierte ihn zutiefst. Er drückte Leitung zwei.

„Amors Gehilfe soll sich sofort bei mir einfinden“, bellte er in die Sprechanlage. Seine Sekretärin, die sich gerade sorgsam die Nägel lackierte, verschüttete den Lack vor Schreck quer über den Schreibtisch. Der schläft doch sonst immer um die Zeit, befand sie kopfschüttelnd, doch eilig wählte sie die Nummer des kleinen Engels.

Keine fünf Minuten später flog Amors Gehilfe in das Vorzimmer seines Chefs.

„Darf es ein Kaffee sein?“, flötete die Sekretärin, der Lack war inzwischen getrocknet.

„Nö“, meinte dieser, begab sich durch die Zwischentür und schaute in das Gesicht seines Chefs, das absolut nicht entspannt aussah.

Kaum war die Tür zu, da drehte Amor den Bildschirm und sagte: „Da, schau dir das an.“

Der Gehilfe erblickte Jessica und Tim. Sie standen auf irgendeinem Parkplatz, anscheinend hinter einer Sanitäranlage, und stritten sich! Als der Gehilfe sah, dass seine Jessi weinte, kullerte auch ihm eine Träne die Wange hinunter. Vor Jahren hatte er dieses Paar mittels eines Liebespfeils zusammengebracht. Gut, im ersten Anlauf hatte er versagt, aber auf ihrer zweiten Kreuzfahrt hatte er mit nur einem Pfeil getroffen. Schließlich war er ein Liebesengel und Amors treuer Gehilfe. Tim und Jessica waren seine Klienten und er selbst – der Boss hatte es anscheinend doch nicht bemerkt – war ein wenig verliebt in Jessica. Zuletzt hatte er im letzten Jahr während des Jahresausklangs auf Madeira eine Beziehungskrise zwischen ihnen gelöst. Mit nur einem einzigen Pfeil. Er musste lernen, dass Beziehungen zwischen Liebespaaren sich durch den Alltag verändern. Doch als er Jessi und Tim damals verließ, sie planten bereits die Weltreise, war er sich ihrer sicher. Und nun das! Amor googelte kurz, dann sagte er: „Sie sind auf der Anreise zu ihrer geplanten Kreuzfahrt um die Welt, aber das schaut nicht gut aus.“

„Nö“, quetschte der Engel unter Tränen hervor.

„Kannst du auch noch was anderes außer ‚nö‘ sagen?“, donnerte der Boss los.

Entschuldigend hob der Engel seine Flügel.

„Schau dir mal den gestrigen Abend an“, meinte Amor.

Der Gehilfe kicherte beim Betrachten des Abends im Schweizer Gasthof. Amor ließ ihn gewähren.

„Jessi schaut aber gut aus an dem Abend, oder?“, meinte er. „Ja, nur heute Morgen nicht, odr“, versuchte Amor das Schweizerdeutsch nachzuahmen.

„Soll ich zu ihr reisen?“, wollte der Gehilfe wissen.

„Noch nicht“, meinte Amor, „wir müssen das erst noch genau prüfen. Du weißt ja, wie sensibel der Vorstand mit der Genehmigung von Langstreckenflügen umgeht.“

Amors Gehilfe nickte ergeben, Jessicas Glück lag ihm wie kein anderes der Welt am Herzen.

Der Bus erreichte pünktlich das Cruise-Terminal von Savona. Als Thomas langsam am Hafen um die Ecke bog, stockte allen Passagieren der Atem. Stolz lag sie da, die Kosta Onda. Sie war weiß und hatte einen knallgelben Schornstein. Rita fand als Erste die Sprache wieder: „Da ist sie, unsere kleine Ondi.“

„Ist die schön“, trompetete Ute los.

„115 Tage, was für ein Wahnsinn“, sagte Rosi mit leiser Stimme.

Jessica blickte Tim an, er erwiderte ihren Blick, nahm sanft ihre Hand und drückte sie.

„Ich fass es nicht“, rief Bruno aus, „die haben die Roststellen auf Deck 4 an den Kabinen mit den Bullaugen immer noch nicht beseitigt.“

Silvia suchte über den Gang des Busses Kontakt zu Jochen, dieser bemerkte es aber nicht und sah sehr nachdenklich auf das Schiff zum Fenster hinaus.

„Guck mal, Cruisy, jetzt geht es los“, brabbelte Jan.

Thomas lud die Koffer aus und dann hieß es Abschied nehmen. Herzlichst und mit vielen Küsschen verabschiedeten sich die Landfrauen von ihrem Tommi. Brav versprach er, sie genau hier in 115 Tagen wieder abzuholen. Als er der Weltreisendentruppe hinterher sah, die in Richtung Check- in trottete, über und über beladen mit Koffern, überkam ihn ein wenig Wehmut, aber auch grenzenlose Freude, wenn er daran dachte, wie er sie hier nach ihrem großen Abenteuer wieder in Empfang nehmen würde. Vor 37 Stunden hatte er sich noch gefragt, was das für Menschen wären, die auf so eine große Reise gingen. Nun wusste er es. Im Prinzip waren sie ganz normal. Na gut, er lachte leise, als er an die Landfrauen dachte, die mit Sicherheit das komplette Schiff auf den Kopf stellen würden. Aber er erkannte auch, dass viele dieser Passagiere ihre Probleme aus dem Alltag mit auf das Schiff nehmen würden, wenn er an Jessica und Tim oder auch an die