12 Briefe und ein Wunder - Kerstin Ax - E-Book

12 Briefe und ein Wunder E-Book

Kerstin Ax

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Beschreibung

Nach einem Streit mit ihrer besten Freundin Luise entschließt sich Emma am Silvesterabend ganz alleine zu der großen Party am Brandenburger Tor zu gehen. Dort lernt sie Arndt kennen, es ist Liebe auf den ersten Blick, aber die beiden verbringen nur wenige Stunden miteinander. Emma fühlt sich vor den Kopf gestoßen als Arndt ihr eröffnet, dass sie sich in nächster Zeit nicht sehen können. Doch noch mehr verstört es sie, als Arndt ihr den Vorschlag macht über Briefe in Kontakt zu bleiben. Emma willigt zögernd ein und sie verabreden sich dazu die Briefe an einem stillen Briefkasten zu hinterlegen. Welches Geheimnis verbirgt Arndt? Wird sie es herausfinden?

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Kerstin Ax

12 Briefe und ein Wunder

 

 

 

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- gekürzte Vorschau -

Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Rache des alten Jahres

Ein kleines und ein großes Feuerwerk

Impressum tolino

Die Rache des alten Jahres

Ich sitze in der Badewanne. Unter meinen Nacken habe ich ein zusammengerolltes Handtuch gelegt und meine Augen sind geschlossen. Ich möchte einfach nur entspannen, wenigstens für ein paar Minuten.

„Autsch!“

Kochend heißes Wasser schießt aus dem Hahn, direkt auf mein linkes Bein. Vom Schmerz erfüllt, schrecke ich hoch und die Handtuchrolle platscht ins Wasser. Schnell drehe ich den Regler nach rechts.

„Wwwuuuaaahhh!“

Eiskaltes Wasser schießt auf das misshandelte Bein. Es sieht jetzt aus wie ein gekochter Igel der abgeschreckt wurde. Rot und mit stacheligen Haarstümpfen übersät. Bei dem Anblick fällt mir ein, dass ich mir die Beine mal wieder rasieren sollte. Mit einem festen Handschlag ist das Wasser abgestellt. Keuchend und nach vorne gebeugt puste ich Löcher in den Schaumberg auf der Wasseroberfläche. Das alte Jahr hat es sich anscheinend zum Ziel gesetzt, es mir in den letzten paar Stunden noch mal so richtig zu zeigen. Der Rachefeldzug begann bereits gestern Abend.

Wie jeden Freitag bereitete ich alles für den Filmabend vor. Eine Schüssel Popcorn und eine größere mit Kartoffelchips gefüllt. Doch ich muss anmerken, dass ich neben die Schüssel mit den Chips immer eine angebrochene Tüte fettfreie hinlege. Alles nur Tarnung, denn in der Schüssel befinden sich goldgelbe Kartoffelscheiben, die in triefendem Fett geröstet wurden. Die anderen beiden bekommen es nicht einmal mit und mein Gewissen lässt mich auch in Ruhe. Die Täuschung klappt, solange ich durch den Film abgelenkt werde. Ich habe es wirklich mit diesem ganzen Diätzeug probiert, aber anstelle dieser Diät-Chips könnte ich mir auch ein Stück Pappkarton nehmen und mit Paprikagewürz bestreuen. Das hätte den gleichen Effekt. Mit „den anderen beiden“ sind meine zwei besten Freundinnen gemeint. Da ist zum einen Luise. Sie ist eine Mischung aus Schneewittchen und der bösen Stiefmutter. Sie hat schulterlange, teerschwarze Haare und einen Teint wie diese Gothic-Typen. Nur dass ihr dieses Aussehen von der Natur gegeben wurde und sie nicht mit Haartönung und Schminke nachhelfen muss. Und um das Gesamtbild abzurunden: Ihre Lippen sind feuerrot. Die sind aber nicht natürlich, sondern angemalt. Jede halbe Stunde zieht sie akribisch den Lippenstift nach. Ihre monatlichen Ausgaben dafür liegen wahrscheinlich im dreistelligen Bereich. Ihre stahlblauen Augen hingegen sind naturbelassen, hier ist keine Kosmetik nötig, denn sie kann damit die Männer auch ohne Hilfsmittel geradezu hypnotisieren. Gut, äußerlich sieht sie einfach nur schön und unschuldig aus. Aber innerlich gibt es da doch kleine Defizite. Sie glaubt allen Ernstes, dass sie die schönste Frau in der ganzen Stadt ist. In Berlin. In einer Kleinstadt oder einem Dorf hätte man diesen Glauben ja vielleicht noch ansatzweise verstehen können. Aber bei einer Millionenstadt wie Berlin? Wo Models und Schauspielerinnen ihr Unwesen treiben? Wenn ihr Selbstbewusstsein ein Berg wäre, dann der Mount Everest. Meines wäre dagegen dann eher der Feldberg. Neben ihren ganzen anderen kleinen Störungen hat sie aber auch gute Seiten. Wenn ich nichts Gutes an ihr finden könnte, wäre sie ja wohl kaum meine beste Freundin. Sie ist eine exzellente Problemlöserin. Ist das Problem auch noch so klein, sie hört einem gut zu und findet meistens schnell eine Lösung. Das schätze ich wirklich am meisten an ihr. Bei der anderen handelt es sich um Julia. Julia ist ein Engel mit güldenem Haar. Diese Bezeichnung passt meiner Meinung nach perfekt zu ihr. Sie ist das komplette Gegenteil von Luise. Sie schminkt sich kaum und ist die Art nettes Mädchen von nebenan. Eigentlich ist sie recht hübsch. Das einzige Manko an ihr ist ihr stets ein wenig offen stehender Mund. Damit erinnert sie mich an diese Babypuppen und sie schaut auch meistens etwas wässrig aus den Augen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass sie ein wenig beschränkt ist. Ach ja, bevor ich es vergesse: Da gibt es noch mich. Emma. Ich bin wie eine Mischung aus den beiden. Straßenköterblondes Haar, blaugraue Augen, nicht dick, nicht dünn, schminke mich nur zu Anlässen (aber dann richtig), charakterlich weder eine Zicke noch ein liebes Mädchen. Meistens bekomme ich den Mund nicht auf. Nur in gewohnter Umgebung, wenn ich wütend werde, kann ich rumbrüllen wie ein Pavian auf Ecstasy. Ich werde nicht gerne wütend. Denn ich steigere mich dann so in diese Wut hinein, dass ich mich am Ende übergeben muss. Deswegen versuche ich, mich in der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Man stelle sich mal vor, dass ich mich über einen Strafzettel aufrege und dem Polizisten anschließend direkt vor die Füße kübele. Was sollte ich in einem solchen Moment sagen?

„Entschuldigung, Sie haben mich gereizt.

Da haben Sie jetzt die Bescherung.“

Ich würde wahrscheinlich auf direktem Weg in die Geschlossene gebracht.

Aber jetzt komme ich wieder auf den gestrigen Abend zurück. Ich hatte alles vorbereitet. Diesmal würden wir uns einen älteren Film ansehen: "Grüne Tomaten" (ich liebe den Film und es ist mir auch egal, dass ich ihn zum gefühlten zweihundertsten Mal ansah). Die obligatorische Flasche Rotwein stand entkorkt auf dem Couchtisch und ich erwartete nur noch die Ankunft der beiden.

„Ding, dang, dong, dong.“

Kurz nach sieben, es klingelte an der Tür. Ich zog mir gerade noch meine kuschelige, babyrosa Sweatjacke über und trottete zur Tür. Um von bösen Überraschungen verschont zu bleiben, es könnte ja auch der gut aussehende Nachbar sein, der sich Zucker von mir ausleihen möchte, schielte ich durch den Spion. Aber da stand sie, Luise. Ungeduldig trat sie von einem Bein aufs andere.

„Jetzt mach schon auf!“

Jetzt wartete ich absichtlich ein paar Sekunden, um sie zu ärgern.

„Bumm.“

Ein kräftiger Schlag erschütterte das Türblatt. Schnell öffnete ich die Tür, bevor Luise sie noch aus den Angeln trat.

„Was sollte das?“, zischte sie mich gereizt an. Noch bevor ich antworten konnte, stakste sie mit hämmernden Absätzen auf die Garderobe in der Diele zu.

„Ich dachte, wir wollten uns heute einen Film ansehen?“, fragte ich und musterte sie. Sie trug ein rückenfreies, schwarzes Minikleid. Dazu ein Paar Wadenbrecher, deren Absätze sich in den Laminatboden bohrten.

„Etwas overdressed für so einen Abend in trauter Runde. Oder hast du dich für uns aufgehübscht?“, fragte ich mit sarkastischem Unterton.

„Natürlich. Ich bin neuerdings bi und wollte mal austesten, ob ihr darauf anspringt.“

Sie ließ eine kurze Pause.

„Quatsch, ich geh nachher noch etwas trinken. Muss ich dich neuerdings um Erlaubnis fragen?“, antwortete sie genervt. Nachdem sie ihren Mantel an die Garderobe gehängt hatte, stolzierte sie an mir vorbei ins Wohnzimmer.

„Hast du noch etwas Spritzigeres zum Vorglühen?“, fragte sie und flätzte sich auf das schokobraune Bigsofa, das jetzt, bei genauerer Betrachtung, fast das ganze Wohnzimmer ausfüllte. Abschätzig begutachtete sie die Weinflasche.

„Sonst reicht der dir auch“, antwortete ich trotzig. „Außerdem, warum musst du dir einen vorglühen?“ Sie verdrehte die Augen und sah die Zimmerdecke an.

„Wo bleibt eigentlich unser kleiner Heiligenschein?“, fragte sie, weder auf meine Frage eingehend noch mich ansehend. Ich setzte mich auf den, gegenüber dem Sofa ziemlich mickrig wirkenden, mit rotem Samt bezogenen Ohrenbackensessel.

„Sie wird wohl gleich kommen.“

Kaum hatte ich den Satz beendet, klingelte es erneut an der Tür. Ich warf Luise noch einen warnenden Blick zu, die jetzt den Kopf wieder gesenkt hatte, und hievte mich auf. Nachdem ich Julia in die Wohnung gelassen hatte, hielt ich es für das Beste, sie vorzuwarnen.

„Madame ist heute mal wieder ziemlich gereizt“, flüsterte ich ihr zu. Julia holte tief Luft und folgte mir vorsichtig. Kaum hatten wir uns hingesetzt, fing Luise an, weitere Tiraden auf ihre zwei Opfer herabrieseln zu lassen.

„Ihr zwei seid echt lahme Gestalten“, sagte Luise so beiläufig, als ob es ein Kommentar über das Wetter wäre. Der Wein, den ich gerade herunterschluckte, blieb mir fast im Hals stecken. Julias Hand blieb erstarrt in der Popcornschüssel stecken. Langsam wandte sie ihren Blick Luise zu, die neben ihr auf dem Sofa saß.

„Was ist dir heute Abend eigentlich über die Leber gelaufen?“

Ich stellte mein Weinglas ab und wartete auf eine Antwort. Eine endlose Minute lang erfüllte eine Totenstille den Raum. Bis auf das Surren des Kühlschranks, das aus der offenen Küche kam, war kein einziger Ton vernehmbar.

„Mir ist nichts über die Leber gelaufen. Warte, oder vielleicht doch? Ihr zwei Langweilerinnen. Ja, genau.“

Sie hielt kurz inne und kippte den Rest ihres Weins mit einem Schluck hinunter.

„Jeden verdammten Freitagabend seht ihr euch irgendwelche Uraltfilme an und schüttet euch mit Wein zu. Wie zwei Omis, die sich das fröhliche Musikantenstadel anschauen. Das Highlight des Wochenendes. Kein Wunder, dass ihr keinen Kerl abbekommt.“

Ich konnte förmlich spüren, wie meine Haut von der Gesichtsmitte ausgehend immer heißer wurde. Die Röte breitete sich langsam über mein ganzes Gesicht aus. Ein untrügerisches Zeichen dafür, dass ich gleich vor Wut platzen würde. Luise sah mich provozierend an.

„Es kann ja nicht jeder eine verhinderte Nutte sein!“, platzte es aus mir heraus. In der gleichen Sekunde bereute ich meine Worte. Erschrocken hielt sich Julia die Hände vor ihr Gesicht. Aber Luise? Sie schnalzte nur abfällig mit der Zunge und setzte ein diabolisches Lächeln auf. Damit hatte ich die Kobra dazu gebracht, Gift zu spucken - das dachte ich jedenfalls. Denn kein Wort kam über ihre Lippen und sie lächelte einfach nur weiter. Dieses Verhalten brachte meine Wut immer mehr zum Brennen. Sie brannte wie Dutzende Habanero Chilischoten in meinem Bauch. Kurz vor einem weiteren Wutausbruch meinerseits mischte sich Julia mit zitternder Stimme ein.

„Sie hat es nicht so gemeint.“

Nervös sah sie mich an.

„Sie meinte damit nur … naja … du bist vielleicht ein wenig triebhafter als andere, normale Frauen.“

Fast hätte ich losgelacht. Das Bild war zu komisch. Die Zwei auf dem Sofa sahen aus wie ein Kaninchen und eine Speikobra. Todesmutig stellte sich das Kaninchen zwischen mich, das Opfer, und zwischen Luise, die Kobra. Das war keine gute Idee. Denn Luises Lächeln erstarrte. Die Kobra ging zum Angriff über und spuckte Giftworte auf uns hinab.

„Ach ja? Ich bin also eine triebhafte Schlampe?“, sagte sie mit schriller Stimme, sprang auf und stellte sich uns gegenüber vor dem Fernseher auf.

„Ihr zwei seid doch echt das Letzte! Ich möchte gar nicht wissen, was ihr hinter meinem Rücken schon gelästert habt.“

Diese Anschuldigung wollte ich nicht auf mir sitzen lassen.

„Wir haben nie schlecht über dich oder deine sexuellen Eskapaden geredet, bis zum heutigen Tag. Aber meinst du nicht, es wäre mal an der Zeit, sich auf andere Sachen als auf Sex and Rock’n’ Roll zu konzentrieren? Auf wichtigere Dinge im Leben?“

Julia saß eingeschüchtert auf dem Sofa. Von ihr war keine weitere Hilfe zu erwarten. Luise verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und schluckte auffällig oft. Nicht mehr lange und Tränen würden über ihre Porzellanhaut perlen. Ich hatte es geschafft. Ich hatte mich zu einem Mungo gemausert und hatte einen Gegenangriff gewagt.

„Es kann ja nicht jeder so eine schrullige Teetante sein wie du. Irgendwann werde ich auch wieder einen richtigen Job finden. Verlasst euch drauf“, antwortete sie trotzig. Sie nannte mich Teetante, weil ich seit zwei Monaten stolze Besitzerin eines kleinen Teeladens war. Einer meiner Träume war damit in Erfüllung gegangen. Sie hingegen hüpfte von einem schlecht bezahlten Kellnerinnen-Job zum nächsten. Das Schlimme an der ganzen Situation war, dass sie eigentlich viel mehr Potenzial hatte, aber es durch ihren ausgeprägten Freiheitsdrang nirgendwo länger als ein Jahr aushielt. Nach der Schule, die sie wenigstens noch ein bisschen ernst genommen hatte, ließ sie alles schleifen. Warf die hart erkämpfte Lehrstelle zur Inneneinrichterin hin und begnügte sich mit verschiedenen Aushilfsjobs. Zwar hatte ich auch keine grandiose Laufbahn hinter mir, aber wenigstens hatte ich mir eine kleine Existenz aufgebaut. Auch wenn es sich nur um einen kleinen Teeladen handelte.

„Ich habe mich damit nicht allein auf deine Jobsituation bezogen. Dein allgemeiner Lebenswandel könnte bei einer 26-jährigen Frau anders aussehen …“

Ich stand auf, ging auf sie zu und wollte beschwichtigend meine Hand auf ihre Schulter legen. Doch sie drehte sich zur Seite weg.

„Was ist denn heute nur mit dir los?“, sagte ich so versöhnlich, wie ich konnte.

„Nichts“, antwortete sie abweisend.

„Ich glaube, dass es besser ist, wenn ich jetzt gehe“, sagte sie. Wieder hämmerten ihre Absätze auf dem Laminat. Im Türrahmen blieb sie kurz stehen und drehte sich schwungvoll um.

„Es wird wohl das Beste sein, wenn wir uns eine Weile nicht sehen“, fügte sie noch mit eisiger Stimme hinzu. Wie erstarrt stand ich da und sah ihr nach. Sie ging zur Garderobe und riss mit einem Ruck ihre Jacke davon herunter. Dabei beförderte sie alle anderen Kleidungsstücke, die sich an den Haken der Garderobe befanden, auf den Boden. Ohne darauf zu achten, riss sie die Eingangstür auf und verließ meine Wohnung. Die Tür vibrierte wie eine Gitarrensaite, nachdem sie sie schwungvoll hinter sich zuschlagen lassen hatte. Langsam drehte ich mich zu Julia um. Sie saß mit offenem Mund und weit aufgerissenem, fragendem Blick da.

„Die hat sie doch nicht mehr alle“, murmelte ich vor mich hin und ließ mich in den Sessel fallen.

„Das war dann unser letzter gemeinsamer Abend im alten Jahr“, sagte sie und sah mich traurig an. Wie jedes Jahr fuhr sie einen Tag vor Silvester nach Hause und blieb nicht in Berlin. Stumm saßen wir eine Weile da. Jede musste mit dem eben Geschehenen fertig werden. So einen Streit hatte es noch nie gegeben und wir drei kannten uns immerhin schon ein halbes Leben.

„Du, ich muss dann jetzt auch mal los.“

Julia stand auf.

„Dann feiere schön. Nächstes Jahr wird bestimmt wieder alles gut.“

Das hoffte ich wenigstens.

„Mach ich und du lass dir bitte auch was Schönes Einfallen.“

Sie zog sich den Mantel über.

„Also dann, bis zum nächsten Jahr.“

„Bis zum nächsten Jahr“, antwortete ich.

Tja, und wegen dieser scheußlichen Sache sitze ich hier am Silvesterabend in der Badewanne und weiß nicht, ob ich heute überhaupt ansatzweise in Feierstimmung kommen werde oder mich einfach nur unter der Bettdecke verkrieche.

Ein kleines und ein großes Feuerwerk

Das Ertönen einer Melodie erweckt mich aus meinen selbstmitleidigen Träumen. Vibrierend tänzelt mein Handy über den Waschbeckenrand. Bevor es herunterfällt, springe ich mit einem Satz aus der Badewanne und verteile gleichmäßig Wasserlachen und Schaumtupfer auf den grauen Fliesen. Ein Blick auf das Handydisplay genügt, um meine Hoffnung wie eine Seifenblase davonfliegen zu lassen. Meine Mutter ist die Anruferin und nicht, wie ich gehofft hatte, Luise.

„Hallo?“ Ein kurzes Räuspern am anderen Ende der Leitung.

„Ich wollte dir nur schon einmal einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen“, trällert meine Mutter, anscheinend schon leicht angeheitert, in mein Ohr.

„Ähm, ja danke. Wünsche ich euch natürlich auch.“

Eine kurze Pause.

„Stimmt etwas nicht?“

Die mütterlichen Antennen nehmen jeden noch so kleinen missmutigen Unterton wahr. Jetzt nur nichts anmerken lassen.

„Es ist alles in Ordnung, ich bin nur etwas müde. Und wie ich Luise kenne, kann es eine lange Nacht werden.“

Ich hoffe, sie hat es geschluckt.

„Ach Kindchen, dann leg dich doch besser noch ein Stündchen aufs Sofa. Ich habe erst gestern in einer Zeitschrift gelesen, dass solche kurzen Nickerchen die Akkus wieder ganz gut aufladen sollen.“

Na, wer sagts denn, sie hat es geschluckt.

„Werde ich mal probieren. Vielen Dank für den Tipp. Ich werde dich morgen noch mal anrufen. Tschüß Mama und bestell Papa noch schöne Grüße.“

„Bis morgen, Liebes.“

Ich schaue aus wie ein nasser, gedroschener Hund. Das ist der schlimmste Abend seit Langem. Sollte ich mich vielleicht bei Luise entschuldigen? Aber warum sollte ich? Sie hat doch angefangen und alles nur wegen ihrer miesen Laune. Ich werde nicht ihren Allerwertesten mit der Zunge benässen! Nein! Auf keinen Fall! Gereizt nehme ich ein Handtuch vom Regal neben dem Waschbecken. Nachdem ich die noch nassen Stellen an meinem Körper trocken gerubbelt habe, sehe ich erneut in den Spiegel. Warum nicht einfach mal etwas anderes tun? Warum nicht mal keine graue Maus sein, die sich ohne Begleitung nicht unter die Menschen traut?

Und da schleicht sich eine wunderbare Idee in meine Gedanken. Ich lebe in Berlin. Heute Abend wird es am Brandenburger Tor eine der größten Silvesterparties des Landes geben. Tausende Menschen werden da sein. Vielleicht wird es ein ganz toller Abend. Vielleicht werde ich für meinen Mut belohnt? Ich muss nicht auf Luise aufpassen, denn sonst halte ich sie meistens davon ab, sich dem nächstbesten Typen im Delirium an den Hals zu werfen. Heute könnte ich entspannt mit ein paar netten, fremden Menschen feiern. Ich sehe mir selbst fest in die Augen und tippe mit dem Zeigefinger auf die Stirn meines Spiegelbildes.

„Genau das wirst du heute Abend tun“, murmele ich vor mich hin.

Mir fällt dieses tolle Kleid ein, dieses Kleid, das ich nicht anziehen konnte, weil Luise es ausgerechnet an genau demselben Abend anziehen musste. Es war die Party eines guten Bekannten und ich hätte bestimmt toll darin ausgesehen. Aber jetzt ist keine Luise da und nur ich werde dieses Kleid heute trage, das hoffe ich wenigstens. Ich rasiere mir die Beine, lege ein wenig Make-up auf und husche ins Schlafzimmer.

Der Traum aus dunkelblauer Wolle, der meine Figur so schön betont und in kalten Silvesternächten warmhält, schmiegt sich an meinen Körper. Ein paar schwarze blickdichte Strumpfhosen, dazu passende kniehohe Stiefel und ich fühle mich perfekt gestylt. Im Bad lege ich noch ein paar letzte Griffe an meinem Haar an und schon bin ich startklar. In der Diele sehe ich noch kurz in den Spiegel.

„Gar nicht so schlecht, los geht’s“, sage ich laut, um mir selbst Mut zuzusprechen. Nachdem die Tür hinter mir ins Schloss gefallen ist, überkommt mich erneut ein kleiner Anflug von Unsicherheit.

„Geh schon“, murmele ich. Meine Beine bewegen sich von selbst die Treppen hinunter. Mein Herz wummert, meine Hände zittern. Vor dem Haus empfängt mich eine eisige Bö. Schnell knöpfe ich meinen schwarzen, knielangen Mantel bis oben zu. Ich hätte doch besser eine Hose anziehen sollen. Egal, vielleicht passiert heute Abend ja etwas, das mir die vorhersehbare Blasenentzündung versüßt. Ich sehe die Straße hinunter. Einige Hundert Meter weiter befindet sich mein Teeladen. Sollte ich dort kurz nach dem Rechten sehen? Keine sonderlich gute Idee. Zuviel Zeit um nachzudenken und am Ende wieder in meiner Wohnung zu landen. Also gehe ich schnurstracks auf die S-Bahn-Station zu.

Nach einigen Minuten fährt die Bahn ein. Das Abteil ist brechend voll. Eine Mischung aus Alkohol, Parfüm und festsitzendem Rauch aus Kleidungstücken umspielt meine Nase. Eine Gruppe Jugendlicher sitzt da und albert herum. Im Sekundentakt ploppen Verschlüsse von Alcopops und Bierflaschen auf. Mir gegenüber steht ein Pärchen. Der Mann hält sich mit einer Hand an der Schlaufe fest, die von der Decke des Waggons hängt. Mit dem anderen Arm umschlingt er die Taille der Frau.

Bei dem Anblick muss ich fest schlucken. Das letzte Mal, dass ich so von einem Mann festgehalten wurde, ist gefühlte hundert Jahre her. Ich wende traurig den Blick ab und sehe drei Frauen in meinem Alter. Tuschelnd unterhalten sie sich, ab und zu ertönt ein verhaltenes Gelächter.

Ich muss an Luise und Julia denken. Wäre es nicht doch schön, wenn sie jetzt da wären? Wenigstens Luise? Ich werde sie morgen anrufen oder vielleicht gleich, wenn ich in der Stadt bin? Nein, dumme Idee. Diesmal ist sie dran. Ich höre auf, weiter darüber nachzudenken und konzentriere mich wieder auf die anderen Fahrgäste.

Nach fünf weiteren Stationen bin ich endlich da. Menschenmassen strömen aus der Bahn und auf den Pariser Platz zu. Ich lasse mich einfach von der Herde leiten und bewege mich mit ihr. Mein Blick fällt auf die Lichter der Scheinwerfer, die in das Schwarz der Nacht einschneiden. Sie zeigen den Weg zur Hauptbühne vor dem Brandenburger Tor. Auf der Partymeile reihen sich Getränke- und Imbissstände aneinander. Musik dröhnt von der Bühne am kleinen Stern. Das Gedränge wird immer enger und unerträglicher.

Mein Hals brennt und ich flüchte mich in die Schlange vor einem Getränkestand. 20 Minuten später nippe ich an einer Cola. Ein Gläschen Sekt werde ich mir später gönnen. Immerhin sind es noch zwei Stunden bis Mitternacht und leider bin ich nicht so trinkfest, weil ich heute noch nichts gegessen habe. Also begnüge ich mich vorerst mit der Brause.

Nachdem ich ausgetrunken habe, setze ich meinen Weg weiter fort, husche wie ein junger Barrakuda wieder zurück in den Schwarm.

„Uuufff“

Ein mächtiger Stoß von hinten. Ich fuchtele wild mit den Armen herum und versuche das Gleichgewicht zu halten. Zu spät, mein Oberkörper hat sich für die Erdanziehungskraft entschieden und ich kippe vornüber.

„Mist“, brülle ich laut, während ich mich mit den Handballen auffange. Keuchend manövriere ich mich auf meinen Po.

„Oh, nein!“

Auf Höhe der Knie befinden sich klaffende Löcher in der Strumpfhose und ich kann ein wenig Blut erkennen. Meine Knie pochen. Meine Handballen brennen so, als hätte ich aus Spaß ein paar frische Brennnesseln zwischen den Handflächen verrieben. Literweise Tränen sammeln sich in meinen Augen und im nächsten Moment kullert auch schon die erste über meine Wange. Ein Zeichen. Ich wäre besser daheimgeblieben.

„Sie sollten besser nicht da sitzen bleiben“, sagt eine fremde Stimme.

„Darf ich ihnen aufhelfen?“

Ohne den Blick von meinen Knien abzuwenden, nicke ich. Zwei Hände packen mich sanft in den Armbeugen und bringen mich in eine vertikale Position.

„Danke“, murmele ich schluchzend.

„Der Typ ist einfach weitergegangen“, sagt die, wie ich erst jetzt registriere, männliche Stimme.

„War bestimmt betrunken“, krächze ich, ohne den Mann anzusehen. Eigentlich konnte ich ja nichts für den Unfall, aber diese Situation ist mir trotzdem sehr unangenehm. Verlegen starre ich durch den Tränenschleier auf den verschwommenen Boden.

„Hier.“

Seine Hand schiebt sich in mein Blickfeld und wedelt mit einem Papiertaschentuch. Jetzt hebe ich den Kopf und sehe in …

„Uuuiii“, schießt es durch meinen Kopf.

Ein paar besorgte, moosgrüne Augen sehen mich an. Meine Tränen werden von der aufsteigenden Röte getrocknet. Zwischen seinen Augen befindet sich eine römische Nase, die von einem schmalen und kantigen Gesicht eingerahmt ist.

- Ende der Buchvorschau -

Impressum

Texte © Copyright by Kerstin Ax Eschenweg 8 35708 Haiger [email protected]

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