12 fette Frauen - Cathrin Sumfleth - E-Book

12 fette Frauen E-Book

Cathrin Sumfleth

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Beschreibung

Nachdem Paula erfährt, dass ihr Partner bereits verheiratet ist und nicht nur ihr Goldfisch Waldi, sondern auch die Mutter ihrer besten Freundin tragisch ums Leben kommt, gerät Paulas Leben komplett aus den Fugen. Sie verliert nicht nur ihren Job in einer Werbeagentur und erhält, entgegen ihrer Prinzipien, versehentlich eine Premium-Mitgliedschaft im Fitnessstudio, sondern wird auch noch unerwartet vom schwergewichtigen Hamburger Morddezernatsbeamten Clausen mit in die Ermittlungen im Mordfall um die Mutter ihrer Freundin verstrickt. Können sie gemeinsam mit Clausens charismatischem Sohn Claas, der plötzlich auf der Spielfläche auftaucht, den Täter fassen? Wird jemals ein anderes Haustier Waldi ersetzen? Und was stimmt nicht mit Paulas neuem Fitnesstrainer Sven, der eigentlich Alex heißt?

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Seitenzahl: 617

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Cathrin Sumfleth

12 fette Frauen

Eine Krimödie

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Ich glaube nicht an Dinge, die für immer halten

Die Kartoffeln der letzten Nacht

Leute wie ich können auch anders

Zwölf fette Frauen

Erste Ermittlungen

Fuckface

Eindeutig ein echter Mensch und keine Alien Invasion

"So eine Familie ist schon etwas Gutes"

Das Problem bin eigentlich ich

"Wir hätten einige Fragen an Sie ..."

Irgendwie total auf einer Wellenlänge

Veränderung ist die einzige Konstante

Übergewicht schweißt zusammen

Yono!

Ich verschwende mein Potenzial---

... eine von diesen komplizierten Frauen

Villa Clausen

Liebesbeziehung

Dans op de Deel

Knollnase

Schmetterlingsjunge

Grenzüberschreitungen

In Zeiten der Krise ist es zuhause immer am schönsten

Mitbewohnerin

Ich wollte keine Problemerweiterung

Dächer

Der schlimmste und schönste Tag meines Lebens

Familienkonstellationen

Die Invasion

So ein Kind macht nur Probleme

One-Way Ticket nach Hinterpommern

Impressum neobooks

Widmung

Für meine Brüder

Ich glaube nicht an Dinge, die für immer halten

Manchmal frage ich mich, warum man Kaffee nicht direkt kalt trinken kann. Es ist doch immer wieder aufs Neue sinnlos: Die Maschine lässt sich jeden Morgen gefühlt etwas mehr Zeit, ich schmachte und mein rechtes Augenlid zuckt regelmäßig aber unrhythmisch, während ich auf den Kaffee warte. Und auch wenn ich gerne zum Kaffee rauche, rauche ich schon, während der Kaffee kocht. Nur um etwas zu tun, während ich warte. Und dann, wenn die Zigarette zu Ende und der Kaffee fertig ist, ertränke ich ihn zur Hälfte in fettarmer Milch aus dem Kühlschrank und ruiniere sein natürliches Aroma mit drei Stückchen Würfelzucker. Ein Trauerspiel! Aber der Gedanke, dass man selbst für Eiskaffee den Kaffee abkühlen lassen muss, beruhigt mich. Eiswürfel reichen in so einem Fall nicht aus. Reichen sie eigentlich nie. Sie ergänzen eigentlich nur ein bereits kaltes Getränk. Im Stillen nicke ich mir selbst zu und setze mich raus auf den Balkon. Mit meinem halb kalten Kaffee, wobei es eigentlich auch nicht schlimm ist, wenn er komplett kalt wird.
Viele Menschen haben ein Problem mit kaltem Kaffee. Viele Menschen haben viele Probleme. Ich nicht: Als die Tasse halb leer ist, geht es meinem Auge besser und die zweite Zigarette glüht. Zigarette zum Kaffee, nackter Mann unter meiner Dusche, Sonnenschein, wohlgenährte singende Spatzen in den Bäumen, überhaupt Bäume vor dem Balkon in einer Großstadt wie Hamburg – perfekter könnte es nicht sein!
Also, mal abgesehen von meinem Outfit. Meine Mutter ist ein Fan von Nachhaltigkeit und damit meine ich nicht das Ablaufdatum von Lebensmitteln, das ist eher nicht ihr Metier. Sie kauft gern Dinge, die für immer halten. Ich persönlich glaube nicht an Dinge, die für immer halten. So wie sogar Dosenobst abläuft, das ich mir nur kaufe um selbst zu glauben, ich sei irgendwo doch ernährungsbewusst, wird alles irgendwann ungenießbar – sogar Basics. Auch wenn ich kein Fan von Basics bin. Ich kaufe permanent unkombinierbare Dinge. Aber gegen die alten Birkenstocklatschen, die meine Mutter mir vor zehn Jahren gekauft hat, kommt selbst mein Satin-negligee zur lila Jogginghose nicht an: sie sind die Steigerung von furchtbar. Aber wie es bei allem so ist, soll man ja Raum nach oben lassen. Ich beschließe, dass mein Outfit ein klassisches Beispiel dafür ist. Kleidung ist ein Gestaltungselement und das Packaging ist eben noch nicht perfekt ausgefeilt. Wobei man am Inhalt auch arbeiten könnte. Im Kopf höre ich noch meine gertenschlanke und vielfachgebärende Nachbarin sagen: „Und die Lotti, die ist jetzt schon einen Meter zehn groß!”, und ich sage: „Mensch, Mandy, toll, ja klasse!” und denke: „Scheiße, mein Hüftumfang ist ein kleiner Mensch!” 
Im Badezimmer höre ich noch immer das Wasser laufen. Ich finde es prinzipiell eigentlich nicht so gut, wenn Männer länger duschen als ich selbst. Aber was soll’s, die Sache ist ja noch recht frisch und es ist doch besser, er duscht lange als gar nicht. Und ich habe gehört, dass bei manchen Paaren dieser Fall früh genug eintritt. Ich rieche instinktiv an meiner Achsel und beschließe, es auf das Satin zu schieben. Wieso finden Menschen Satin eigentlich sexy? Klar, es ist glatt und glänzend, aber das ist irgendwie auch schon alles. Wobei das Argument „glatt” mitunter eigentlich auch gegen Satin spricht. Wem ist es noch nicht passiert, dass die eigene Satinbettdecke nachts erst vom Körper und dann vom Bett gerutscht ist? Und wenn man Satinbettwäsche im Winter benutzt, dann wärmt sie nicht. Benutzt man sie im Sommer, tut sie nichts anderes, als den eigenen Schweiß darunter zu speichern. Beides unsexy. Genauso ist es mit diesem Negligee: das Einzige, was daran schön ist, ist der Ausschnitt. Und dass ich es in meiner Größe gefunden habe. Und dass es ein Sonderangebot war. Aber das ist das Problem, wenn man nicht für Nachhaltigkeit ist. Man kauft sich nicht eine qualitativ hochwertige Sache für viel Geld, sondern 20 Sachen, die im Prinzip billiger Schrott sind, nicht lange halten und meistens auch noch Handwäsche bedeuten. Das heißt im Klartext, dass meine Maschine sie nach dem dritten Mal auf 30 Grad Waschen ohnehin zerstört. Aber da ich ja nicht für  Nachhaltigkeit bin, kaufe ich mir dann relativ unbeeindruckt eine neue Billigklamotte und trage sie circa dreimal – so habe ich genügend Abwechslung und muss mich wenigstens modisch nicht langweilen. Ich bin nämlich ziemlich schnell gelangweilt. Leider äußert sich das nie in Form von körperlicher Aktion. Ich bin mehr der Typ gelangweilter Sitzer.
Bei diesem Gedanken zünde ich mir eine weitere Zigarette an. Aber dann fällt mir auf, dass ich dringend mehr Kaffee brauche. Und Deo, für den Fall, dass ich noch mal Sex haben möchte. Und eventuell ein anderes Outfit. Zumindest sollte ich diese Latschen loswerden – sie unter dem Bett verstecken oder irgendwo vergraben. Ich möchte nämlich genaugenommen nicht mal, dass der Müllmann mich mit ihnen in Verbindung bringt. Und was sollen die Nachbarn sagen? Denn hier ist es anders als in der Provinz. Hier habe ich Nachbarn. 
Während ich vor meinem geistigen Auge meiner Mutter wegen meiner Kritik an den Latschen und auch meines hohen Zigarettenkonsums mahnend den Kopf schütteln sehe, denke ich gleichzeitig an den nackten, gut gebauten Exoten unter meiner Dusche und grinse in mich hinein. Auf einmal klingelt mein Handy. Geistesabwesend flöte ich ein etwas zu sehr erotisch klingendes „Hallooo” in den Hörer.
Auf einmal, Stille. Dann eine weibliche Stimme, die ich nicht kenne. Die aufgeregt in einer Sprache spricht, die ich nicht kenne. Doch! Ich kenne sie! Das ist … das ist seine Sprache. Arabisch. Ich blicke auf mein Handy, das unangerührt auf dem Tisch liegt. Und realisiere, dass ich sein Handy am Ohr habe. Schnell lege ich auf.
Eine Frau. Seine Frau! Eine Stimme in meinem Kopf sagt: „Du bist jetzt ganz rational. Du bist eine intelligente Frau Mitte, na ja, Ende zwanzig, deine Synapsen schalten gut und schnell. In deinem Leben hat bis jetzt immer alles irgendwie geklappt, und es ist wirklich, also wirklich, sehr, also sehr, sehr wahrscheinlich, dass dieser marokkanische Mann aus einer großen Familie stammt. Und Schwestern hat. Die haben immer Schwestern. Mindestens drei. Oder es ist die Frau seines Bruders. Oder seine Nichte. Ganz bestimmt. Ihr habt zwar nie darüber gesprochen. Nicht ein Wort, aber wieso auch, er spricht kaum Deutsch, dein Französisch ist eher mittelmäßig und dein Arabisch nicht vorhanden. Aber wären Dinge erwähnenswert gewesen, dann hätte er sie erwähnt. Und man lernt sich ohnehin besser langsam kennen, man muss ja nichts überstürzen. Wenn er fertig geduscht hat, dann wirst du mit ihm reden. Rational. Ganz rational.” 
Und während die Stimme weiter spricht, merke ich, dass ich nicht rational, sondern eher emotional anfange zu schwitzen. Ich schiebe es aufs Satin. Satin ist wirklich nicht sexy. Ich sollte mich umziehen. Fest entschlossen will ich aufstehen und greife stattdessen intuitiv zu meinem Handy. Ich rufe sie jetzt an, diese Nummer von dieser Verwandten. Ich erinnere mich an meine studentische Zeit im Callcenter, unterdrücke die Rufnummernübermittlung und verstelle meine Stimme. Tiefer, viel tiefer. Probesatz. Geglückt. Zug an einer weiteren Zigarette. Husten. Gut! Husten ist gut für eine tiefe Stimme. Wählen. Die Frau meldet sich. Mit seinem Nachnamen. Alles klar, geklärt, seine Schwester. Oder? Ich mache den Test. 
„Schröööder hier, Kundenberaterin der deutschen Telekom, schönen guten Morgen Frau Akesbi!” - “Kkönne Zie bite aufhören immer mich anzurufe?” - “Frau Akesbi, es geht um Ihre Telefonverbindung, gern hätte ich dazu Ihren Mann gesprochen, Herrn Saïd Akesbi, ist der zufällig erreichbar?” - „Sssaïd nicht da, ist Montage. Lassen Zie mich in Ruhe jetzt, muss kummern um Kinder. Tschus.” 
Schlecht gelaunt legt Frau Akesbi auf. Vielleicht weil Kundenberater der Telekom mitunter extrem lästig sind? Vielleicht aber auch, weil vor wenigen Minuten eine andere Frau an das Handy ihres Mannes gegangen war … Stolz auf mein Kundenberatergeschick hatten meine Synapsen doch eher langsam geschaltet: Frau Akesbi ist tatsächlich Frau Saïd Akesbi. Zigarette. Ziehen. Mehrfach. Atmen. Emotional schwitzen.
Die Dusche ist aus. Auf einmal – ein halbnackter Mann in meinem pinken Frotteehandtuch. Also, in meinem Haarhandtuch. Das ihm locker um die Hüften passt. Auf meinem Balkon. „Sschöne Frau”, sagt er auf miserabel ausgesprochenem, man könnte auch sagen, ausgesprochen miserabel ausgesprochenem Deutsch. Dann wechselt er zu Französisch: „Sollen wir nicht rübergehen ins Schlafzimmer, ein bisschen Liebe machen?”
Und ich höre mich sagen „Ja, mon amour.” …
Er hebt mich rum und wirbelt mich in die Küche, reißt mir fast zeitgleich die Sachen vom Leib und zieht sich das Handtuch von den Lenden. Ich denke, Abschiedssex wäre sicher nett, bevor ich ihn endgültig rauswerfe. Aber mein Stolz kommt mir dabei gerade ganz ungemein in die Quere. Ich, die Geliebte. Sie, die Frau. Die Kinder! Ich transpiriere, selbst ohne Satin. Und Tränen steigen mir in die Augen. Wir wissen ja alle, wie das ist: Vor der Trauer kommt die Wut – und nach dem Hochmut der Fall. Und so passiert es letztendlich, dass ich Saïds sexuelles Vorgehen ausbremse. Aber leider mit der Sensibilität einer Furie: Der auf einmal schmächtig wirkende Mann fliegt in einem recht rasanten Tempo rückwärts gegen meine Kaffeemaschine. Die Kaffeemaschine schwankt. Ich schreie ihn an: „Du bist verheiratet!” 
Total überrumpelt schaut er mich aus seinen schwarzen Augen an, deren Ausdruck sich ziemlich schnell von erregt zu verängstigt wandelt und dann von verängstigt zu wütend. „Woher weißt du das?” Er läuft auf mich zu und packt mich bei den Schultern. „Von deiner verdammten Frau.” - „Verdamme nicht meine Frau!” - „Ich verdamme dich!” Ich stoße ihn weg, diesmal seitwärts gegen das Regal, auf dem mein Aquarium steht. Das war ein Fehler. Das Aquarium fällt – und zwar ziemlich tief. Es landet zuerst seitlich an Saïd und dann auf dem Boden. Auf den Holzdielen, um genau zu sein. Scherben, überall. Und Algen. Und mein Goldfisch Waldi. 
„Du hättest es mir sagen müssen!”, schreie ich, vollkommen unbeeindruckt von den Scherben. Und Algen. Und Waldi. „Aber du fandest es doch schön?” - er schaut irritiert und verunsichert, so mitten im Chaos. „Schön?! Schön fand ich es, als ich dachte, du würdest mich lieben.” - „Aber ich liebe dich, Amour, dich und deine Kurven.” Hundeblick. Ich werde immer wütender. „Vielleicht kann man als schlechter Mann zwei Frauen lieben! Aber nicht so! Nicht mit mir!” - Jetzt schreit er auch: „Gut, dann gibt es eben keinen Sex mehr für dich.” - Und ich schreie zurück: „Es ging dir also nur um den scheiß Sex, ja? Jetzt sag ich dir was. Vorurteile beiseite, aber dafür, dass du Afrikaner bist, ist dein Penis ziemlich klein! Und jetzt raus hier!” Ich schubse ihn in Richtung Tür. Er tritt nicht in die Scherben, dafür auf Waldi. Waldi ist sofort tot. Saïd schafft es gerade noch, sich mein pinkes Frotteehandtuch zu greifen, bevor ich ihn komplett vor die Tür stoße habe. „Melde dich nie, nie mehr bei mir.” 
Er rennt im Handtuch die Treppe hinunter.
Ich ziehe mein Negligee wieder an und werfe all seine Sachen aus dem Fenster. Und ich wohne im dritten Stock. Sie fliegen, fliegen herab auf den Mann im Frotteehandtuch, der zugegeben ziemlich niedergeschmettert vor meinem Haus auf der Straße steht.
Ich kehre die Scherben zusammen. „Zum Glück war es das Aquarium und nicht die Kaffeemaschine”, denke ich mir. Ich entsorge die Algen. Und Waldi. Zumindest lege ich ihn vorerst in die Spüle, bis ich weiß, wie ich mit einem toten Fisch verfahre. Er ist dick, vielleicht zu dick fürs Klo. Und in den Müll? Irgendwie auch entwürdigend und unpassend für einen Fisch wie ihn. Dazu muss ich ins Detail gehen:
Vor einigen Jahren hat meine kleine Schwester zu ihrem Geburtstag eben dieses Aquarium, das jetzt nicht mehr ist, bekommen. Darin schwammen zwei Welse und acht Goldfische. Den dicksten tauften wir Waldi. Er machte einen friedlichen Eindruck. Nach und nach verstarben alle anderen Fische um ihn herum. Aber da es sich um Goldfische handelte, zu denen weder meine Schwester noch ich je einen persönlichen Bezug herstellen konnten, machten wir uns keine Gedanken darum. Eines Tages aber beobachteten wir etwas Seltsames: Es handelte sich nicht um ein natürliches Sterben der Fische – es war Mord. Genau genommen eigentlich sogar Kannibalismus. Waldi hat im Laufe der Jahre all seine Freunde getötet und danach (teilweise) gefressen. Deswegen war er der einzige Goldfisch im Aquarium. Die Welse mochte er anscheinend geschmacklich nicht besonders, deswegen wurden sie geduldet. Aber seit vor ein paar Wochen der letzte Wels an Altersschwäche von uns gegangen war, war Waldi allein. So wie ich jetzt. Dick und allein. Und ohne jemanden, der für ihn putzt. Er tut mir schon ein wenig leid, so tot da in meiner Spüle. Zertrampelt von einem treulosen Marokkaner. Genau wie mein Ego.
„Wieso hat er ihn nicht gleich gegessen, meinen kannibalistischen Fisch? Das hätte wenigstens noch ein bisschen Stil gehabt”, denke ich. Und da kommt mir auch schon spontan eine wunderbare Idee: die Katzenfrau!
Komplett durcheinander, sowohl optisch als auch mental, laufe ich mit dem toten Waldi in den Händen ins Treppenhaus. Im Negligee und mit den hässlichen Latschen an den Füßen. Und während ich den obersten Stock erklimme, fällt mir auf, dass ich noch nie so weit oben war. Dass ich generell noch nie bei der Katzenfrau war. Ich kenne sie seit Jahren, manchmal klingelt sie an meiner Tür, mit einer Katze auf der Schulter und einem penetranten Geruch, der genauso an ihr haftet, und lässt sich von mir einen Kaffee servieren. Dann erzählt sie von übernatürlichen Dingen, die irgendwie spirituell und seltsam klingen, von verrückten Vorahnungen und vor allem von Katzen. Es ist ja nicht so, dass ich keine Katzen mag aber die Dimensionen ihrer Erzählungen sind einfach so unerträglich, dass ich die Treppen zu ihrer Wohnung tatsächlich noch nie zuvor hinaufgestiegen bin. Etwas läuft mir die Wangen hinunter und ich ärgere mich so lange über meine beschissene Kondition, bis ich merke, dass es Tränen sind. Ich weiß nicht so richtig, was mit mir los ist. Ich merke nur, dass ich mit der rechten Hand gegen die Tür der Katzenfrau hämmere, als hätte es nie Türklingeln gegeben. 
Barfuß und komplett zerzaust öffnet sie mir die Tür. Um ihre nackten Füße scharwenzeln drei Katzen, im Hintergrund läuft keltische Musik und es riecht nach einer Mischung aus Räucherstäbchen, indischem Essen und Katzenpisse. 
„Paula!“, sagt sie und blickt dabei auf den toten Goldfisch in meiner Hand. „Ich habe dich schon erwartet. Komm rein.“ Ich betrete den bunten, mit Batiktüchern tapezierten Flur und bin doppelt irritiert: Nie hätte ich bei dieser Frau eine Art Wohnstil vermutet – und warum erwartet sie mich? Das frage ich sie auch direkt, als wir uns auf runden, orientalischen Sitzkissen in der Küche niederlassen. Die Katzenfrau streicht der schwarzen Katze, die sonst auf ihrer Schulter sitzt, liebevoll über den Rücken und sagt: „Karl hat es mir ins Ohr geflüstert.“ Karl – so heißt ihr schwarzer Kater. Ich habe das Gefühl, dass er mich mit einem bestätigenden Blick ansieht, während sie das sagt, aber ich bin mir nicht sicher. Ich frage, ob sie Alkohol im Haus hat – Waldi immer noch in meiner Hand. Sie steht tatsächlich auf und kommt mit einer Flasche Ouzo und einem Glas zurück. „Trink, so viel du willst“, sagt sie. „Du brauchst es in so einer schweren Zeit.“ Ich trinke zwei Gläser auf ex. Dann sammle ich mich kurz und sage „Ulla, ich wollte dir eigentlich nur den Fisch bringen, für deine Katzen. Ich gehe auch gleich wieder.“
Mittlerweile schnuppert Karl sehr interessiert an Waldi und ich befürchte, er hat gerade eine mächtige kosmische Eingebung: Hunger. Ulla schüttelt den Kopf. „Liebes“, sagt sie, „Liebes, meine Katzen werden deinen Fisch nicht anrühren. So kann seine Seele nicht wandern, verstehst du. Er braucht eine Beisetzung.“
Der Alkohol ist mittlerweile in meinem Hirn angekommen und ich sage, was ich denke: „Ulla – er ist ein Goldfisch.“ Sie versteht den sarkastischen Unterton in meiner Stimme nicht und entgegnet nur: „Oh ja, und was für einer! Er wird dir sicher fehlen. Genau wie der Mann.“
„Der Mann?!“ Ich spucke einen Schluck Ouzo aus. „Waren wir … waren wir so laut?“
„Nein“, lächelt sie. „Ich wusste, dass es nicht halten würde. Er war nicht aufrichtig.“
Gut, denke ich, wir waren schon laut. „Aber er wird kommen, der richtige Mann“, spricht sie weiter. Sie schwebt kurz in ihrem grünen Gewand zur Küchenablage und macht sich einen Tee. „Weißt du, ich hatte neulich eine Vision.“
Ich kippe noch ein paar Schlucke Ouzo in mich hinein und frage mich, warum mein Leben so verkorkst ist. Wie konnte es nur soweit kommen? Ich hatte doch immer gute Noten in der Schule. Ich habe mir Mühe gegeben. Auch mit dem Studium. Mit den Männern. Und nun sitze ich bei einer Verrückten, weil ich will, dass ihre Katzen meinen Goldfisch fressen. Weil mein Goldfisch sterben musste. Weil mein Freund mich betrogen hat und zwar mit seiner eigenen Ehefrau. Anscheinend war er nicht mal mein Freund. Es ist ja auch immer alles Definitionssache heutzutage. Und ich hasse Definitionssachen. Definitionen von Gefühlen sind doch total unpassend. Man versucht etwas in ein Wort zu übersetzen, wofür es eigentlich gar kein Wort gibt. Und dann ist man in einer Beziehung, verlobt, verheiratet, geschieden und unglücklich. Oder man ist total glücklich und denkt, es wäre nicht nötig den Gefühlen einen Namen zu geben – und findet heraus, dass man an eine eigentlich total stupide Sexaffäre sein Herz verloren hat. 
Ich spüre, wie Ulla mich in ihre esoterischen Arme nimmt und sagt: „Lass es einfach raus.“ Und ich schluchze wie ein Teenager nach der Trennung einer Boygroup. Nun wird nichts mehr sein wie es mal war. 
Nach einer Weile habe ich mich in etwa wieder unter Kontrolle und nippe an einer Tasse von Ullas Tee. Ich bin mir nicht sicher, was genau ich überhaupt trinke, aber ziemlich sicher, dass es kein gewöhnlicher Tee ist. Ich bin allerdings zu geschafft um nachzufragen. Waldi liegt mittlerweile auf einer silbernen Platte auf der Küchenablage, als würde er zum Dinner serviert werden, und um ihn herum brennen mindestens zehn Kerzen. Ulla hat klassische Musik dazu aufgelegt, ich tippe auf einen russischen Komponisten. Aber auch das ist mir eigentlich relativ egal. Sie hat ihre Hände gefaltet und murmelt etwas vor sich hin. Es erinnert ein wenig an Beten, wirkt aber eher so, als beschwöre sie sämtliche Geister herauf. Die Katzen sitzen dabei wie in Trance um sie herum. „So,“ sagt sie abrupt und dreht sich zu mir um, „es ist soweit, die Beisetzung kann jetzt beginnen.“ 
Ich trage Waldi auf dem Silbertablett, Ulla die schwarze Katze auf der Schulter und in jeder Hand eine Kerze. In dieser merkwürdigen Konstellation (toter Fisch auf Platte, dicke verlassene Frau im Negligee, durchgeknallte Hellseherin, übernatürliche Katze mit Appetit auf Fisch) schreiten wir erst durchs Treppenhaus und dann in den Vorgarten. Überraschenderweise treffen wir dabei absolut niemanden. Als könne Ulla meine Gedanken hören, sagt sie zu mir: „Ich habe uns einen günstigen Zeitpunkt ausgesucht.“ Dann kniet sie sich hin, platziert eine Kerze links, eine rechts und beginnt genau in der Mitte ein Loch zu graben. Mit bloßen Händen. Ich stehe einfach nur da. Ungläubig. Verwirrt. Und irgendwie auch in tiefer Trauer. Ich blicke auf Waldi hinunter und muss weinen. Wir hatten schon schöne Momente. Er war ein guter Fisch. Nicht zu anderen Fischen, aber zu mir. Was mache ich nur mit all meinem auf Vorrat gekauften Fischfutter? Und mit dem ganzen Couscous? Und all diesen merkwürdigen arabischen Gewürzen? Warum nur habe ich so unglaublich viel Geld in Unterwäsche investiert, die ich nun vermutlich nie wieder tragen werde, weil sie mir selbst nicht mal gefällt? Wie geblendet ich war. Wie … verstrahlt. Ich knie mich nieder und berühre Waldis toten Fischkörper mit der Fingerspitze. Seine leeren Augen glubschen mich an, als wolle er mir sagen: „Selber schuld, ich hab’s kommen sehen. All die Jahre, die ich allein und glücklich in deinem Aquarium geschwommen bin, hast du alle möglichen Männer ausprobiert: groß, klein, dick, dünn, schlau, dumm, reich, arm, deutsch, marokkanisch. Und immer wieder waren wir am Ende zu zweit. Nur mit dem Unterschied, dass ich zufrieden war. Und du, du warst unglücklich. Jedes verdammte Mal. Und nun, nun bin ich tot. Wegen deines bescheuerten Optimismus. Nun bist du ganz allein. Allein, allein, allein.“
„Paula?“. Zum Glück befreit Ulla mich von einer Sekunde auf die andere aus meinem inneren Dialog mit einem toten Goldfisch. „Du kannst ihn nun niederlassen.“ Ich knie mich hin und versenke Waldi in dem von Ulla gegrabenen Loch im Vorgarten. Als die Beisetzung erfolgt und das Grab mit Erde versiegelt ist, sagt Ulla noch ein paar Worte, die meinen Fisch sehr ehren und gießt parallel mit Kerzenwachs ein mir unbekanntes Symbol auf die über ihm festgeklopfte Erde. 
„Er wird dich nie vergessen.“, sagt sie. Und ich hoffe innerlich, dass ich vergessen kann. Aber erst mal brauche ich was zu essen. 
Ulla bietet mir an, auf eine gute Portion Indisch mit hochzukommen, als hätte sie ebenfalls Kontakt zu meinem Magen aufgenommen. Ich lehne dankend ab, schließlich hatte ich heute bereits eine halbe Portion Marokkanisch und möchte mich erst mal von Länderküchen und Nationalitäten jeglicher Art distanzieren. Und ehrlich gesagt auch von Ulla.
Ich schließe die Tür und atme tief durch. Meine Küche sieht nach wie vor chaotisch aus: Scherben und Algen – nur ohne Waldi. Ich trample mit meinen uneleganten Latschen mittendurch und bin begeistert, dass sie mit ihren festen Sohlen wenigstens praktisch sind. Ich schiebe eine Tiefkühlpizza in den Ofen und schalte das Radio an: Nachrichten. Tote, vergewaltigte, in Klimakatastrophen umgekommene, politisch verfolgte Menschen mit Behinderung und ohne Obdach, die ihre eigenen Säuglinge ermorden. Wer nur, wer, frage ich in die Welt hinaus, – will das bitte wissen? Wer verliert seinen Lover, seinen Goldfisch, seinen Stolz bei einer Beisetzung im Vorgarten und kann all das auch noch ertragen? Ich stelle das Radio aus und gehe unter die Dusche. Kein Satin, kein Birkenstock. Nur das Geräusch von Wasser und Tränen – als Wasser getarnt. Ich wasche mir Schweiß und Gefühle herunter. Es wird schon gehen, irgendwann. Ich wünschte nur, es würde etwas Gutes passieren. Etwas fürs Ego, fürs Herz, für meinen verlorenen Stolz. Für die Kinder, die ich nicht habe, weil er sie schon hatte. Für den Job, den ich zum Glück behalten habe, weil er sowieso nie genügend verdient hätte. Für meine Eltern, die seit fast 30 Jahren verheiratet sind und nie streiten. Hier bin ich, Paula Groß, 29 Jahre alt und Single. Eigentlich bin ich schon längst wieder auf dem Markt, denn die Beziehung, die ich hatte, war nur eine billige Sexaffäre. Also, Universum, hab Mitleid und schicke mir ein Zeichen, aber bitte nicht auf spirituellem, sondern auf irdischem Wege.
Oh, „Can’t touch this, nänä nä nä”. Klingelt mein Handy? Ich sprinte unbekleidet und nass, so schnell man nass und unbekleidet eben sprinten kann, aus der Dusche in Richtung Handy. Wo ist es denn? Unelegant glitsche ich aus, fange mich aber schnell wieder. Auf dem Balkon! Es ist tatsächlich noch auf dem Tisch auf meinem verdammten Balkon. Ich muss an all den Scherben und Algen vorbei. Aber es hört glücklicherweise nicht auf zu klingeln. Jemand meint es ernst. Ich hoffe, dass es nicht meine Mutter ist. Autsch. Für diesen Gedanken trete ich direkt in eine Scherbe. „Der Liebe Gott bestraft die kleinen Sünden immer sofort”, höre ich die Stimme meiner Großmutter in meinem Kopf, während ich die Scherbe schnell rausziehe und meinen Weg fortsetze. Ich will dieses Zeichen des Universums entgegennehmen, verdammt! Mit dem Arm fische ich mein Handy seitlich vom Balkontisch und reiße dabei meine Kaffeetasse runter. Was soll’s, ich brauche sowieso eine Putzfrau oder eine neue Wohnung. „Ja?”, schnaufe ich in den Hörer. 
Schluchzen, Schniefen, Schnaufen, auch auf der anderen Seite der Leitung. Saïd? Er weint ja wie eine Frau um mich, denke ich kurz und bin für eine Sekunde glücklich. 
„Pauuuuuulaaaa-haa-aaah.” Schniefen. Okay, es ist tatsächlich eine Frau in der Leitung. 
„Carmen? Carmen, was ist los?” 
Carmen ist meine beste Freundin. Meine dickste, dicke Freundin. Und sie weint hemmungslos. 
„Carmen?” 
„Pauuula.”
„Was ist denn los?” Ich bringe mich schnell aus der unabsichtlichen Sichtweite anderer Mieter, indem ich den Vorhang zuziehe.
„Es ist … Mama”, schnieft Carmen.
„Was ist mit ihr?”, frage ich.
„Sie ist tot, Paula.”
Meine Gedanken überschlagen sich. Ich realisiere überhaupt nicht, was ich da höre. Ich kenne Carmens Mutter seit Jahren. Sie gehört quasi zur Familie.
„Bleib wo du bist, Carmen!”, schreie ich in den Hörer. „Ich komme zu dir!“ Moment.
 „… Wo bist du?”
„In ihrer Wohnung.”
Also auf in die Plattensiedlung. Auf nach Steilshoop. Schlimmer geht’s immer war ohnehin das einzige Motto, an das ich je geglaubt habe. Ein Zeichen des Universums, wie konnte ich nur so naiv sein? Da war sicher etwas im Tee.
„Ich nehme ein Taxi, bin in etwa einer halben Stunde bei dir."

Die Kartoffeln der letzten Nacht

In der Wohnung von Carmens Mutter, die sich im 12. Stock eines Steilshooper Plattenbaus befindet, herrscht ein regelrechter Menschenauflauf. Während ich das denke, denke ich auch an meine Pizza im Backofen, die ich gerade noch rechtzeitig abgeschaltet habe. Mein Magen knurrt, aber ich schenke ihm keine Beachtung, sondern versuche Carmen in der Menge zu entdecken. Da ist sie. Mit Pandaaugen von der verschmierten Wimperntusche rennt sie mir entgegen, ihre sonst so gestylte Löwenmähne hängt schlapp herunter. Sie schluchzt „Paulaaaa" und drückt sich an mich. Ihr Freund Rami kommt ebenfalls auf mich zu, so blass, wie man als Halb-Inder nur sein kann. „Was ist denn nur passiert?", frage ich. Die anwesenden Polizisten debattieren laut mit einer Nachbarin, die in absolute Hysterie ausgebrochen ist, und irgendein trainierter Schnösel macht Fotos. Was genau fotografisch festgehalten wird, ist mir nicht klar. Denn eine Leiche sehe ich nicht. Genau das verwirrt mich. All der Lärm und keine Erklärung, kein Anhaltspunkt.

Carmen versucht sich zu fassen. „Sie ... sie hat sich vom Balkon gestürzt:" 

„Wie bitte?!" - "Ja. Mama hat sich ... sie hat", Carmen muss eine Pause machen. „Sie hat sich das Leben genommen". Sie löst sich aus unserer Umarmung, um sich die Augen zu reiben. Rami streichelt ihr liebevoll über die Schulter. Er sieht total schockiert aus. Genau wie ich. „Aber Carmen, deine Mutter war der optimistischste Mensch der Welt! Und wir haben doch gerade am ... am Dienstag, genau, am Dienstag zusammen zu Abend gegessen! Und dann hat sie uns die Karten gelegt, wie sie es bei Astro TV gelernt hat. Und sie hat nur Gutes kommen sehen. Wie ... wie kann denn das sein?!" Ich verstehe es nicht. Carmen beginnt erneut zu weinen. Rami setzt sich für eine Weile mit ihr aufs Sofa. Der offene Wohnbereich lässt auf nichts Besonderes schließen. Es ist alles sauber und ordentlich. Auf dem Tisch stehen ein paar Kartoffelchips, die Schüssel ist fast halb voll. Eine Illustrierte liegt aufgeschlagen daneben. Klatschpresse. Irgendwas über den königlichen Spross von William und Kate. Das Leben der anderen hat Maria schon immer interessiert. Aber genau das ist es ja: vieles hat sie so sehr interessiert, dass sie sich niemals umgebracht hätte. Ich sehe keinen Abschiedsbrief. Keine Weinflasche, keine Pillen, nichts, was irgendwie auch nur in der leichtesten Form das Thema Selbstmord anskizzieren würde. Ich betrachte erneut den königlichen Spross. Gut, kleine Kinder sind, wie ich finde, nur selten ein ästhetischer Anblick. Bitte verzeih, William, ich reagiere da eher auf Hundewelpen. Aber auf keinen Fall ist der royale Nachwuchs so eine Gesichtsentgleisung, dass man sich aufgrund dieses Artikels vom Balkon stürzen müsste.

Ich bahne mir den Weg durch all die Menschen, von denen ich keinen einzigen kenne, bis hin zum Balkon. Ein dicker Mann und ich sind die einzigen hier. Gedankenverloren zieht er an seinem Zigarillo, die andere Hand tief vergraben in der Tasche seines Trenchcoats. Eine Halbglatze schmückt seinen dicklichen Kopf, die spärlichen Haarsträhnen wehen im Wind und er wirkt selbst beim Ausatmen konzentriert.

„Sie erfüllen aber auch jegliches Klischee eines Ermittlers!", höre ich mich sagen, ganz unbewusst. Er zieht eine Augenbraue hoch und lacht mit tiefer Stimme. Dann streckt er mir die Hand, die zuvor in der Tasche war, entgegen

„Clausen. Und Sie sind?"

„Paula Groß. Eine Freundin der Familie."

„Eine Freundin von Maria?"

„Ja. Und von Carmen. Und von Carmens Freund Rami."

„Aus mehr Leuten besteht die Familie nicht?"

„Nein." Ich schüttle den Kopf.

„Wo ist Carmens Vater?"

„Durchgebrannt, mit einer Jüngeren. Aber schon vor 20 Jahren. Warten Sie, es gibt noch einen Onkel. Jürgen, Marias älterer Bruder. Der lebt in St. Pauli. Er besitzt dort eine Kneipe, das Nachtlicht."

„Löblich, gut informiert." Herr Clausen schmunzelt zufrieden

„Vielleicht", sage ich. „Ein paar Dinge weiß ich nur ungefähr. Carmen hatte mal eine Schwester, Jennifer. Sie ist verschwunden, vor über 15 Jahren. Aber sprechen Sie das bloß nicht an.“

Clausen nickt. „Jede Familie hat so ihre Geheimnisse."

Als ich das Geländer des Balkons berühre, trifft es mich wie ein Schlag.

„Herr Clausen ...", ich beginne meinen Satz langsam, kann ihn aber eigentlich kaum zurück halten. „Sie wissen, Carmens Mutter war sehr dick."

„Ja?"

„Ja. Also, wirklich dick. Sie hat ganz bestimmt über 150 kg gewogen."

„So etwas vermuteten die Leute von der Gerichtsmedizin, also, nach dem Aufprall … "

Ich verziehe kurz das Gesicht, rede aber weiter. „Ich wiege auch einiges."

Er sieht mich prüfend an. „Wollen wir jetzt über die Tricks und Kniffe der Weight Watchers debattieren – oder warum sprechen Sie diese Thematik an?"

Trocken. Und ein bisschen verbittert. Herr Clausen gefällt mir. „Gern ein anderes Mal. Worauf eigentlich hinaus will: Sehen Sie das Geländer, an dem wir stehen? Ich bin etwa 1,70 m groß. Das Geländer geht mir bis über die Taille, fast bis zur Brust. Ich müsste mich sehr anstrengen, darüber zu klettern. Für einen spontanen Selbstmord ohne Aufputschmittel, Hocker, Komplizen ... sehe ich da anatomisch keine Chance. Es würde mir zumindest schwerfallen. Und Maria war nicht mal 1,60 m groß."

Clausen verschluckt sich am Rauch seines Zigarillos. Dann fasst er sich und sieht mich ernsten Blickes an: „Paula Groß. Bis vor zwei Sekunden war ich noch chronisch gelangweilt von allem. So chronisch gelangweilt, dass ich das Offensichtliche ... übersehen habe." Er schüttelt den Kopf. Seufzt. Schüttelt erneut den Kopf. Dann reicht er mir seinen Zigarillo: „Nehmen Sie einen Zug. Wir haben einen Mordfall zu lösen."

Spät am Abend in Bahrenfeld: Carmen, Rami, ich und meine kalt gewordene, halb fertige Pizza sitzen auf dem Sofa in der Wohnküche. Niemand redet, ich nippe an meinem vierten Weinglas. Vielleicht auch am fünften. Carmen trinkt mittlerweile aus der Flasche. Gut, dass ich immer einen Vorrat da habe. Das ist vermutlich das Einzige, das sich an meinem Leben seit der Studentenzeit grundlegend geändert hat. Alkoholhaltige Getränke sind immer im Haus. Alles andere lasse ich regelmäßig ausgehen, aber bei Wein verstehe ich keinen Spaß mehr, so kurz vor der 30. Vielleicht ist das auch nur ein Anzeichen der Ende-Zwanzig-Krise von der jetzt alle Welt spricht.

„Wusstet ihr, dass die meisten Deutschen so erbärmlich sind wie wir und nur billigen Wein trinken?" frage ich in die Runde. „Der Anteil der wirklichen Weinkenner in der Bevölkerung liegt bei unter fünf Prozent. Alle anderen kaufen, ich sag mal, preiswert. Billigwein eben. Ich dachte immer, mein Vier-Euro-Wein sei schon stark am Rande der Asozialität, aber ich habe mich geirrt", beende ich meinen Monolog und frage mich kurz, ob es das Wort Asozialität überhaupt gibt. Carmen, die zwischen Rami und mir sitzt, nimmt thematisch passend noch einen ordentlichen Schluck. „Warum weißt du so was?", fragt Rami. Angetrunken lache ich in mich hinein. „Also, Rami. Wie du weißt, ach, was sag ich, wie allgemein bekannt ist, habe ich in meinem Leben so unglaublich erfolglos Männer aller Nationalitäten gedated. Carmen, erinnerst du dich an den Italiener?" Carmen nickt. „Jedenfalls, der Italiener: Paulo, ein Mann der großen Worte und vor allem Freund blumiger Adjektive, hat mich bei unserem ersten Date eine Weinverkostung machen lassen. Und gezahlt hat er auch. Was mein Glück war. Er hat mir das erzählt. Der kannte sich aus, mit Wein zumindest. Und das Lustige ...", diese eigentlich so tragische Situation, der Wein und die Geschichte lassen mich unkontrolliert laut auflachen, „das Lustige ist, dass mein Lieblingswein bei der Verkostung ein italienischer Primitivo war. Ein italienischer Primitivo. Haha! Genau wie der Typ! Der war auch ein italienischer Primitivo! Alle Männer, an die ich gerate, sind Primitivos."

Jetzt muss Carmen auch lachen. Das erste Mal heute. Sie schüttelt sich.

Rami schaut irritiert und sagt nur: „Gut, dass Inder nicht für Wein bekannt sind, das hätte alles negativ auf mich zurückfallen können."

Carmen dreht sich zu ihm und lacht: „Gut, dass ihr Inder generell nichts habt, das euch irgendwie negativ anhaftet. Und jetzt fahr mich bitte schnell mit deiner Rikscha nach Hause, Schatz. Meine Mutter ist tot und ich bin betrunken und müde."

Carmen und Rami, oder kurz „Carmi" (die Bezeichnung hassen sie, zu Recht) schwanken aus meiner Wohnung Richtung Taxi. Wobei eigentlich nur Carmen schwankt – und meine Wahrnehmung von Rami. Der trinkt nämlich keinen Wein und erträgt fleißig alles, was uns mit Wein passiert. Aus dem Fenster sehe ich sie zum Taxistand laufen und probiere in meinem betrunkenen Gehirn, den Tag Revue passieren zu lassen. Aber irgendwie ist alles mächtig verschwommen. Mein Prachtgoldfisch. Mein Exfreund, der nie mein Freund war. Und wer sagt schon Ex-Liebhaber? Gibt es dieses Wort überhaupt im täglichen Sprachgebrauch? Und wievielen Menschen passiert so etwas täglich? Und was, wenn deine Mutter stirbt? Und es ist Mord! Hat Ulla die Schwingungen gespürt? Und hat der Clausen mal Punkte gezählt bei den Weight Watchers, aber am Ende nur sein Gewicht gehalten? Was stimmt denn nur nicht mit dem Universum? Was läuft denn nur schief? Ich leere mein Weinglas, mache noch kurz ein dümmliches Lachgeräusch wegen des italienischen Primitivos, falle in mein Bett und kurz darauf in einen tiefen Schlaf.

Mitten in der Nacht werde ich wach. Ein komischer Traum von einer der Erzieherinnen aus der Kita, in der ich meine erste Berufsausbildung gemacht habe, hat mich aus dem Schlaf gerissen. Beate. Beate war zwei Meter groß und zwei Meter breit. Beate war bei den Weight Watchers. Ich war nie ein Fan von Kartoffeln, aber Kartoffeln scheinen wenige WW Punkte zu haben. Beate aß sehr häufig Kartoffeln, das weiß ich noch. In meinem Traum sitzt sie am Tisch mit einer riesigen Schüssel voller Kartoffeln, die sie nur so in sich hinein schaufelt. 20 Kartoffeln, 21 Kartoffeln, 22 Kartoffeln. Essgeräusche, Kartoffelreste an ihrem Mund, einzelne Klumpen die beim Schlingen zurück in die Schüssel fallen. Ich bin schweißgebadet und mir ist etwas übel. Ich verfluche mein Unterbewusstsein, das den gestrigen Tag anscheinend nicht gut weggesteckt hat und hole mir ein Glas Wasser aus der Küche. Bei dem Blick auf die Uhr fällt mir auf, dass es schon sechs Uhr dreißig ist. Ich überlege kurz, wach zu bleiben, einen Kaffee zu trinken, einen Spaziergang zu machen, entspannt zu frühstücken und mit etwas Obst und Quark vital in die Woche zu starten.

Dann lege ich mich wieder hin.

Um 9 Uhr werde ich erneut wach. Ich habe wohl meinen Wecker nicht gehört – vielleicht habe ich ihn aber auch nie gestellt. Ich muss an Beate und die Kartoffeln der letzten Nacht denken und lachen. „Die Kartoffeln der letzten Nacht" wäre auch ein herrlicher Romantitel. Offenbar bin ich noch betrunken.

Ich komme viel zu spät in die Agentur, auch wenn ich mich heute mit allem sehr beeile. Ein Abdruck meines Kopfkissens ziert noch meine Wange, nicht mal Make-up konnte ihn kaschieren.

„Paula! Auch schon da?" Nico, der Geschäftsführer, kommt mir mit seiner üblichen aufgesetzt guten Laune entgegen, in seinem Blick erkennt man aber deutlich, dass er meine einstündige Verspätung nicht gerade charmant findet und auch generell verstimmt zu sein scheint.

„Kümmerst du dich bitte heute allein um die Pitch-Präsentation für die Fit Shake-Kampagne?", fängt er mich ab. „Es scheint ein Virus umzugehen. Ferdinand kümmert sich in der Beratung heute allein um das Tagesgeschäft und in der Kreation habe ich zwar noch nicht von allen Nachricht erhalten, aber bis jetzt bist du allein. Bianca hat letzte Woche schon einiges an Bildmaterial vorbereitet, ansonsten sind wir relativ schlecht aufgestellt, da das verantwortliche Team anscheinend schon am Wochenende krank war und einfach nicht gearbeitet hat ... Samstag und Sonntag war niemand hier, auch wenn wir es so besprochen hatten. Herrgott!", er schüttelt grantig den Kopf. „Das ist ein großer Kunde der uns viel Geld ins Haus bringen würde. Also gib dir bitte Mühe, wir brauchen dringend Neugeschäft. Ach, und schreib bitte auch die Texte der Powerpoint-Präsentation. Und ein paar Headlines fehlen auch. Vermutlich sogar alle. Vielleicht hat Ferdinand heute Abend Zeit, das Ganze einmal mit dir durchzugehen. Er wird nämlich morgen die Präsentation halten. Wir können es uns nicht leisten, dich als Arter vor diese Horde Fitness-Freaks zu stellen.", er mustert mich kritischen Blickes. „Du hast sicher ohnehin nicht das richtige Outfit parat und gehst mit dem USP nicht konform, da brauche ich Ferdi, um die Tonality zu treffen. Also, bereite alles bitte so vor, dass Ferdi und ich es morgen präsentieren können. Ich meine, ich werde der Präsentation beiwohnen, Ferdinand wird präsentieren, wenn du Fragen haben solltest ... dann frag auf keinen Fall mich, ich bin heute sehr beschäftigt, klärt das also bitte untereinander. Danke."

Und weg ist er. Bevor ich überhaupt ein Wort sagen konnte. „Du gehst mit dem USP nicht konform" – Wie bitte?! Seitdem Nico und ich nach einer Firmenfeierlichkeit gemeinsam auf der Reeperbahn versackt und später bei ihm erwacht sind, begegnet er mir immer häufiger mit total überspitzter Verachtung. Als hätte ich ihn betrunken gemacht und zum Akt gezwungen. Dabei war es eher andersherum – und eigentlich sogar fast ganz schön. Nachdem einige Mexikaner (die Schnäpse, nicht die Zentralamerikaner) den Stock in seinem Arsch und seine Lippen endgültig gelockert hatten, hat er mich mit Komplimenten zu meinen Kurven geradezu überhäuft. Aber vor allen Leuten zugeben, dass man auf eine Korpulente steht? Daran ist nicht zu denken, nicht für Nico jedenfalls. Das passt nicht zu seinem Image, seinem Sportwagen und seinem Penthouse. Auch wenn es zu ihm passen würde, zu seinem kleinen zart besaiteten Inneren, das niemand kennt. Schade eigentlich, mit Ende 30 noch so ein Versteckspiel spielen zu müssen. Aber das Ganze ist mittlerweile circa ein Jahr her, ich begegne ihm ganz normal (denke ich jedenfalls), eben auf professioneller Ebene. Aber er, als mein Chef, konnte es ganz offensichtlich nie komplett verwinden. Jetzt behandelt er mich wie eine Praktikantin, obwohl ich als Art Director eingestellt bin und sogar Führungsverantwortung habe. Wenn kein Virus umhergeht, jedenfalls. Ich mache mir und Ferdi einen Kaffee (Praktikanten-Style!) und gehe in die Beratung, wo er ganz allein im Tunnel der 1000 unbeantworteten E-Mails festhängt. Ferdi ist seit über einem Jahr Volontär bei NordMedia - übrigens eine inhabergeführte Werbeagentur, die mal als Medienagentur begonnen hat, nicht so hip wie die Hamburger Erstligisten, aber durch die kontinuierliche Ausbeutung ihrer Mitarbeiter dennoch sehr solide aufgestellt. Auch wenn Nico, Nicolas Nord (mein Chef heißt wie eine Ü-Ei-Figur), gern weitere Kunden begeistern würde. Natürlich gefiele ihm das, denn er verlässt nach all seinen mysteriösen Außer-Haus-Terminen (wir vermuten, er geht ins Fitnessstudio, macht seinen Motorbootführerschein, geht golfen, zum Barbier o.Ä.) ja auch um 18 Uhr das Büro und bekommt die geleisteten Überstunden der Belegschaft kaum mit. Jedenfalls, Ferdi, ehrgeiziges Kind aus reichem Hause, der auf eine Eliteuniversität ging und sein BWL-Studium mit eins abgeschlossen hat, ist ausgerechnet hier gelandet. In der Kundenberatung bei NordMedia und hat innerhalb von zwei Jahren gerade mal den Sprung vom Praktikanten zum Volontär geschafft, auch wenn er hier eigentlich das beste und wohl auch attraktivste Pferd im Stall ist. Wenn ich er wäre, dann würde ich den Job einfach schmeißen und mit Papas Yacht im Mittelmeer rumtreiben, Mädels aufreißen, Cocktails schlürfen, was man so macht als junge maskuline Elite.

Ich reiche ihm seinen Kaffee. „Paula!", erst jetzt bemerkt er mich. „Ich bin ja doch nicht allein hier." Er freut sich. „Danke für den Kaffee! Hat Nico dir schon von der Präse erzählt?"

Ich nicke. „Ja, das hat er."

„Sag mal, hast du eine Fahne?"

„Möglich."

Er lacht. „Ich könnte mir auch direkt wieder ein Bier aufmachen. Ich habe bestimmt schon zehn Telefonate geführt, die meisten in Vertretung. Alle Kunden wollen heute was, viele kommen sogar mit neuen Projekten an. Und wir können ohnehin keine einzige Deadline einhalten, denn die Kreation ist leer. Also, du bist die Kreation. Und dieser behämmerte Fit Shake hat Prio eins. Mal im Ernst – wer trinkt denn bitte so einen Scheiß? Wenn ich Proteine will, dann brate ich mir ein Stück Fleisch. Vielleicht ist so was maximal eine Ernährungsergänzung, okay. Aber nur noch Shakes trinken?" Er schüttelt den Kopf und seufzt. „Apropos trinken – haben wir Bier im Kühlschrank? Spätestens um 16 Uhr mach ich mir eins auf."

Ich grinse. „Da bin ich dabei. Gib mir ein Zeichen. Ich werde wahrscheinlich vor 16 Uhr meinen Blick nicht vom Monitor abwenden. Aber den Pegel konstant zu halten scheint mir sinnvoll."

Er nickt. Ich gehe in die Kreation, schalte meinen Rechner ein und bin der Fit Shake. Nur irgendwie besoffen und müde. Und etwas hasserfüllt auch. „Du gehst mit dem USP nicht konform.“ Ganz im Ernst, Nico: Wenn der USP ist, dass man von nun an aufs Essen verzichten kann, dann gehe ich damit auf keinen Fall konform. Ich gehe mit dem ganzen Produkt nicht konform. Ich verstehe Biancas Bildmotive nicht, auf denen ohnehin schon schlanke Menschen hysterisch lachen, während sie ihren Protein-Drink schlürfen. So viel Spaß hat man also mit Fit Shake. So viel Spaß hat man, wenn man das Essen einfach weg lässt. So viel Spaß und auch einfach ... so viel mehr Zeit. Man kann drei Minuten ohne Sauerstoff auskommen, drei Tage ohne Wasser und dreißig Tage ohne Nahrung. Wie wäre es aber, wenn man für immer auf Nahrung verzichten könnte? Nehmen wir an, wir ersetzen jede Mahlzeit kontinuierlich durch einen Shake. Essen dauert im Durchschnitt, wenn man bedacht kaut und so, zwanzig Minuten pro Mahlzeit. Einen Shake zu trinken dauert vielleicht drei. Das heißt, wir sparen drei mal siebzehn Minuten am Tag. Das sind 51 Minuten – runden wir also großzügig auf eine Stunde auf. Das ist also wie ... eine Stunde früher Feierabend. Eine Stunde mehr Zeit für die Familie. Für Hobbys und Interessen. Freiheit! Wir wären alle so frei, wenn wir endlich dieses lästige Essen weglassen würden. Wir hätten auch die komplette Mittagspause für uns und könnten endlich Dinge machen, die wirklich Spaß bringen. Ich überlege kurz, was ich in der Mittagspause lieber machen würde als, nun ja, zu Mittag essen. Mir fällt nichts ein. Ich schaue mir die Menschen an, die beim Fit Shake trinken total Spaß haben. Das sind dieselben Menschen, die man regelmäßig auf Plakaten oder in Zeitschriften über einem Salat lachen sieht. Als hätte der Salat einen total lustigen Witz erzählt. Keine gute Geschichte der Welt beginnt jemals mit einem Salat. Und mit einem Protein-Shake? Was machen diese Leute, wenn sie endlich nicht mehr essen müssen? Ich sehe sie manisch um die Alster joggen. Ins Fitnessstudio gehen, sechzig Minuten Rudermaschine, Beinpresse, Bauchpresse (gibt es das?) oder ... im Yoga-Kurs! Entspannung pur, die Auszeit vom Büroalltag. Man hat auch mehr Zeit für die Karriere: Kundenmeetings sind produktiver, die Ideenfindung ist umfangreicher. Aber natürlich ist der Freizeitausgleich ohne Nahrungsaufnahme der schönere Effekt. Zurück zum Yoga, Pilates, Yogates, ... man könnte auch eine neue Sportart für sich entdecken. Eine weitere Fremdsprache lernen und mit all der gewonnen Zeit eine Reise planen, ein Buch schreiben, ... aber energetische Tätigkeiten sind am besten. Eine Organisation oder ein Sozialprojekt unterstützen. Irgendwas founden, heute ist doch jeder Founder. Oder man wird zum Fashionblogger, jetzt sitzt ja auch alles besser, man hat ja abgenommen durch die Shakes. Man eröffnet einen Youtube-Kanal, dort kann man dann natürlich keine Kochtipps mehr geben, aber es gibt vermutlich auch andere Themen. Ich habe Hunger. Ich beschließe, dass mein Ansatz für die Präsentation ein provokanter Testimonial-Ansatz wird. Menschen, die davon berichten, was sich in ihrem Leben alles zum Positiven gewandelt hat, seit sie mit dem Essen aufgehört haben. So ähnlich wie eine Nichtraucher-Kampagne, nur absurder. Denn darum geht es Fit Shake ja: Niemand auf diesem Planeten muss mehr essen müssen! Wir werden soviel mehr Spaß haben. Soviel mehr Spaß habe ich auch, als ich laut lachend die Lines für die Testimonials verfasse. "Fit Shake hat mein Leben verändert! Seitdem ich nicht mehr essen muss, ..."

So eine gequirlte Scheiße. Ich bin so drin, dass ich manche Motive in der Präse sogar mit selbst eingesprochenen Audiospuren unterlege. Punkt 16 Uhr steht Ferdi neben mir, mit zwei kalten Flaschen Bier in der Hand. Für eine Sekunde kann ich mir tatsächlich vorstellen, am heutigen Tag nur noch zu trinken.

„Seitdem ich nicht mehr esse, habe ich soviel mehr Zeit für Bier. Ich habe zwar nichts abgenommen, dafür aber endlich meine Karriere beendet. Nachdem ich meine Wohnung verlor, fand ich unter einer Brücke neue Freunde mit ähnlichen Interessen. Wir haben sehr viel Zeit füreinander. Es ist wie das Paradies auf Erden, nur etwas kälter."

Ferdi und ich trinken unser Bier vor dem Gebäude, um etwas frische Luft zu schnappen. Ich rauche eine Zigarette und erzähle ihm dabei von meiner Fit Shake Idee. Er muss laut lachen. Dann sagt er: „Findest du es nicht etwas übertrieben?"

Ich nicke. „In der Tat, ja. Es ist fast schon bösartig. Nico wird es vermutlich hassen. Schaffst du es trotzdem, das Ganze ernsthaft zu präsentieren?"

„Klar", er ist überzeugt. Ich glaube ihm aufs Wort. Ferdinand, der Star am Powerpoint-Himmel. Ich kann ihn mir nur zu gut auf Feierlichkeiten der Eltern vorstellen, bei denen er ältlichen Ekeltanten die Hand küssen, trockene Dialoge über Weltgeschehen und Finanzen führen und dabei die ganze Zeit nett und professionell bleiben muss. Er hat dieses Lächeln, das eigentlich kein Lächeln ist. Es ist ein Reflex. Außerdem könnte er mit der richtigen Betonung die Gebrauchsanleitung eines Toasters vortragen und am Ende wäre einfach jeder vom Produkt überzeugt. Selbst wenn der Kunde sich eigentlich ein Waffeleisen gewünscht hätte. Um welche Kundenpräsentation es auch geht, Ferdi ist NordMedias Geheimwaffe. Und das als Volontär mit einem Bruttolohn von 1200 Euro. 

Um 21.30 Uhr ist die 30-seitige Präsentation endlich fertig. Ich habe nicht nur eine Printkampagne, sondern auch ein Spotkonzept eingefügt. Außerdem habe ich mir noch ein paar Guerilla-Maßnahmen einfallen lassen, so on top. Kuriose Aktionen wie z.B. den „Shake Day" an dem sich alle Fit Shake-Anhänger an einem öffentlichen Platz (zum Beispiel auf dem Hamburger Rathausmarkt) treffen, wo Power-Plates bereitstehen und 51 Minuten (die Zeit, die man am Tag spart) kollektiv geshakt, also, gewackelt wird. Zuerst dachte ich an Tanzen, aber das war mir dann doch zu altmodisch. Außerdem soll es ein Gewinnspiel geben, bei dem jeder einreichen kann, was er mit einer zusätzlichen Stunde am Tag alles anfangen würde. Die Person mit der originellsten Antwort wird Fit Shake-Testimonial und somit Teil der Kampagne. Ansonsten werden Shakes, Sportkleidung und Fitnessstudio-Abos verlost.

Ich gehe alle Punkte mit Ferdi durch, er findet die Präsentation schlüssig, hält sich aber mit seiner inhaltlichen Meinung zurück. Gegen 23 Uhr schalten wir den Rechner aus. Ferdi fühlt sich gut vorbereitet für den Kundentermin, der schon um 8.30 Uhr stattfinden soll und ich bin unglaublich verwundert darüber, dass noch immer kein schlechtes Gewissen bei mir einsetzt. Nico wird außer sich sein, aber was setzt er auch jemanden an das Fit Shake-Projekt, der mit dem USP nicht konform geht?

Ich nehme mir noch ein Bier aus dem Agenturkühlschrank für den Heimweg mit und falle zuhause direkt ins Bett. „Essen! Keine Zeit für den Scheiß." Ich bin Single, fast 30, meine beste Freundin hat ihre Mutter verloren und ich, allem Anschein nach, meinen Verstand. 

Leute wie ich können auch anders

Manchmal bewegt mich ein Lied so sehr, dass ich ganz unbewusst anfange, eine Performance dazu zu starten. Meistens passiert das, wenn ich mit Kopfhörern auf den Ohren in der Öffentlichkeit unterwegs bin. Ich habe ein außerordentlich gutes Gedächtnis für Songtexte, also sind meine Lippenbewegungen immer synchron. Meine Tanzbewegungen hingegen sind vermutlich eher aus dem Takt, aber besonders dramatische Textstellen betone ich dafür zusätzlich mit Mimik und Gestik. Ich bin dann wirklich drin. Manchmal so sehr, dass ich vergesse, dass Menschen, die mir entgegen kommen, ja überhaupt nicht wissen, zu welchem Lied ich performe und meinen stummen Auftritt mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit merkwürdig finden. Deshalb versuche ich auch meistens, mich so gut es geht zusammenzureißen. Aber an Tagen wie heute, an denen ich schon mit guter Laune erwache, kann ich mich einfach nicht bremsen. Passend dazu, dass es noch recht früh ist, habe ich Bobby Darins „Early in the morning" laut aufgedreht und laufe zu Fuß zu Arbeit, in der Hand einen großen Coffee To Go und auf den Ohren Folgendes:

We-he-he-ll... You're gonna miss meEarly in the morningOne of these daysOh yeah!

Well, you're gonna want meEarly in the morningWhen I'm awa-he-heyDon'cha know?

Yes, you'll be sorry (aaaah)For the times I cried (aaah)You'll be sorry (aaah) For the times you lied (aaah)

Well, you gonna miss meEarly in the morning (Early in the morning)Während ich mich also quasi auf offener Straße in den Song hineinsteigere, hoffe ich einfach stark, dass mir niemand entgegen kommt. Als ich die Agentur erreiche, setze ich die Kopfhörer ab. Bianca steht schon vom Eingang und raucht. „Hiii, Paula! Bist du heute aber früh!", begrüßt sie mich. „Bianca! Hattest du auch diesen Virus, wie alle anderen? Geht es dir besser?", frage ich sie. „Ja", sagt sie, „geht schon wieder. Bist du mit meinen Motiven für Fit Shake zurecht gekommen?Ohje, Fit Shake. Das hatte ich ja komplett verdrängt. Genau genommen fühle ich mich heute, als wären meine Trennung, der Tod Carmens Mutter und das Erstellen dieser schlimmen Präsentation einfach nur ein Traum gewesen. Und heute, heute wäre ich einfach mit super Laune aufgewacht, denn mein Unterbewusstsein hatte mir nur des nachts einen Streich gespielt. Aber dem ist nicht so: das alles ist wirklich passiert. „Ja, äh, ja! Danke, Bianca. Die Motive waren super. Ich saß gestern noch bis 23 Uhr mit Ferdi an der Präsentation. Die sind jetzt sicher schon beim Kunden."„Ah, da wart ihr ja noch recht früh fertig, schön. Ja, genau, die sind schon los", sagt Bianca und kichert doof. Was will sie damit andeuten? Sie fährt sich ein bisschen nervös durch ihre blonden langen Haare. „Nico ist heute schon sehr früh raus", plaudert sie weiter. „Weißt du, also, wir ... wir sind jetzt so was wie ein Paar, aber pssst." Es trifft mich wie eine Ohrfeige, aber zum Glück nur eine leichte. Passt ja auch, denke ich. Mit Bianca kann man sich sehen lassen, so lange sie nicht den Mund aufmacht. Nico redet nicht gern. Perfect Match. „Ach was!", sage ich und versuche, nicht zu kritisch zu gucken. „Ja, also, äh, dann mal Glückwunsch!" Sie grinst, kichert wieder wie eine 16jährige und wirkt tatsächlich verliebt. „Arme Bianca", denke ich. Wir gehen hinein, ich schmeiße meinen Coffee To Go-Becher weg und mache mir in der Agenturküche einen weiteren Kaffee, um mit meinem wiedererlangten Bewusstsein weiterhin am Leben teilnehmen zu können. Dann setze ich mich an meinen Rechner und surfe im Internet. Mehr bringe ich gerade nicht zustande.Yes, you'll be sorryFor the times I cried

You'll be sorryFor the times you lied

Well, you gonna miss meEarly in the morningOb Saïd mich bis jetzt überhaupt eine Sekunde vermisst hat? Und wie es Carmen wohl geht? Nach und nach füllt sie die Kreation mit meinen Kollegen, die anscheinend wie durch ein Wunder von diesem Supervirus geheilt wurden, und ich überlege, ob ich heute vielleicht einfach früher gehe. Eventuell kann ich auch ein paar Tage Urlaub einreichen. Bestimmt brauchen Carmen und Rami Hilfe im Laden. Arme Carmen, in dem Zustand arbeiten zu müssen. Aber den Kiosk auch nur einen Tag lang zu schließen, macht sich finanziell ziemlich bemerkbar – und jetzt, durch die Gentrifizierung ... Ich überlege, ob ich den beiden nicht einfach anbiete, ihnen eine Weile lang auszuhelfen. Es gibt auch deutlich Schlimmeres, als im Klönschnack Altona Kippen, Bier und Schnäpse zu verkaufen. Gerade als ich den Plan in meinem Kopf besiegelt und mir selbst darauf ein emotionales High-Five gegeben habe, kommt Nico um die Ecke geschossen. Er ist ganz offensichtlich in Rage. „Paula!", schreit er. „Was bildest du dir eigentlich ein? Verdammt noch mal!" Er steht jetzt vor meinem Schreibtisch. Ich habe kaum eine Chance, meine Konzentrationskopfhörer abzunehmen und fühle mich für eine Sekunde wie der Typ aus der Deezer-Werbung, nur dass Nico so laut schreit, dass ich trotzdem jedes Wort verstehe. Hör, was du hören willst ist da nicht drin. Er macht gnadenlos weiter: „Es war mir klar, dass nur etwas Mittelmäßiges dabei rauskommenkann, wenn ich dich allein an dieses Projekt setze, ... das war mir ganz bewusst. Und ich bin das Risiko eingegangen. Ich Idiot! Ich habe dir vertraut, Paula. Vertraut habe ich dir! Und du wagst es, mich und die ganze Agentur, aber vor allem mich, so was von bloß zu stellen! Ich fasse es nicht - mir war klar, dass du mit dem USP nicht konform gehst, das sagte ich ja bereits. Aber dassLeute wie dusich niemals für die Thematik sensibilisieren können ... das hätte mir einfach klar sein müssen." Er schnappt nach Luft.Leute wie DU. Ich spüre, wie ich nicht nur aufstehe, sondern auch meine Stimme erhebe. Ich erhebe meine Stimme, gegen meinen Chef. Was ist nur los mit mir?„Leute wie ICH?!", schießt es aus mir hervor. „Es reicht, Nico! Es reicht endgültig. Ich arbeite hier für zwei Leute, genau genommen als Texter UND Arter – und das seit fast 4 Jahren. Überstunde um Überstunde sitze ich hier, nachts und am Wochenende, ich bekomme weder ein Danke dafür, noch ein angemessenes Gehalt, an manchen Tagen nicht mal ein Taxi oder ein Abendessen, obwohl auch Leute wie ich essen müssen, wenn sie bis in die Morgenstunden durchackern. Überraschung! Mir ist nämlich klar, dass du mit „Leute wie du" übergewichtige Leute meinst! Dicke Leute. Aber so dick ich auch sein mag und so unangenehm es dir jetzt ist, dass du trotzdem mit mir geschlafen hast, ein gottverdammter Fit Shake ist auf gar keinen Fall eine Alternative. Für NIEMANDEN!"Er sieht auf einmal blass aus. Vielleicht hätte ich nicht vor allen Kollegen in die Runde werfen, bzw. schreien sollen, dass er mit mir geschlafen hat. Das war unprofessionell. Aber eigentlich auch unprofessionell von ihm, mit Leuten wie mir zu schlafen.„Du bist gefeuert", sagt er ausdruckslos. „Das passt mir hervorragend in meinen Tagesplan", sage ich schnippisch, greife nach meiner Tasche und meinen Kopfhörern und gehe. Was das Vorgesetztenverhalten angeht, hätte ich auch in der Kita bleiben können, denke ich, als ich die Treppen hinunter steige. Ach, nicht mal nur das Vorgesetztenverhalten – die ganze Branche, so ein riesiger Kindergarten. Noch 3 Stockwerke bis in die Freiheit. Im ersten Stock höre ich eilige Absätze über mir im Treppenhaus, kurz vorm Ausgang haben sie mich eingeholt. Es ist Bianca. Sie hat Tränen in den Augen. Ich blende sie aus, zünde mir eine Zigarette an. „Du hast mit Nico geschlafen!", schreit sie mich an.Oh mein Gott. Auch das noch. Ich hab mich vom Chef demütigen und feuern lassen und nun muss ich mir auch noch die Eifersuchtsattacke einer Frau mit einem IQ von knapp über 85 gefallen lassen. „Warum hast du das gemahahaaacht?", schnauft sie. „Das ist echt lange her, Bianca.", sage ich. Anstatt sich zu beruhigen, steigert sie sich immer weiter rein. „Ich bin so verliehiehiebt in ihn und ich ... ihihiiich weiß nicht, warum er so etwas tun würde, mich zu betrügen mit ... mit ausgerechnet diiiir", sie schnappt unter all den Schluchzern nach Luft. Ich auch. 'Mit ausgerechnet dir'.Heute ist wirklich mehr als nur Tag es Arschlochs. Ich fasse den spontanen Entschluss, dass es einfach nichts bringt, ihr auf eine nette Art und Weise zu erklären, dass das mit Nico und mir längst vorbei ist. Ich werde heute keine Unverschämtheiten mehr runter schlucken, das Fass ist voll. Was schläft er auch ausgerechnet mit mir. Das wird Folgen haben – zumindest ab genau dieser Sekunde. Ich zupfe an meinem ohnehin unvorteilhaften Babydoll-Top, strecke meinen Bauch heraus und sage: "Acht Monate ist es her, Bianca. Zumindest fast acht Monate. Dein toller Nico ist nicht, was er vorgibt zu sein. Er hat mich betrunken gemacht und dann hat er mich geschwängert." Endlich ist mein Übergewicht zu etwas gut. Leute wie ich können auch anders. Ich lasse sie allein und sich vor Elend krümmend vor der Agentur stehen und stolziere von dannen. Zwar ohne Job und ohne tatsächliche Schwangerschaft, dafür aber mit einem unerwartet guten Gefühl.Ich mache einen längeren Spaziergang, bevor ich bei Carmen und Rami im Laden vorbeischaue. An der Elbe entlang, ein Stück über den Kiez und schließlich durch den Walter-Möller-Park. Hier setze ich mich kurz mit Musik auf den Ohren auf eine Bank und versuche, über die jüngsten Geschehnisse nachzudenken. Aber mein Kopf ist leer und ich fühle nichts. Das muss der Schock sein, denke ich, während ich in den Zweigen eines Baumes zwei Vögel beobachte, die sich mit den Schnäbeln zu einem merkwürdigen Klumpen verformt haben. Wenn das die Balz ist, dann tut es mir leid. Und irgendwie, und das tut mir auch leid, fällt mir dieser total beschissene Spruch ein: „Menschen sind Engel mit nur einem Flügel: um fliegen zu können, müssen sie sich umarmen." Schwachsinn, denke ich. Zwei Vögel haben gemeinsam sogar vier Flügel. Und sie können zusammen absolut gar nichts.Wenn ich mich jemals auf dem Boden der Tatsachen befunden habe, dann heute. Ich hätte es mir immer irgendwie schlimmer vorgestellt. Hätte mir jemand vor einer Woche erzählt, was passieren würde, dann hätte ich nicht für möglich gehalten, hier heute auf dieser Bank zu sitzen und eigentlich absolut gefasst zu sein. Irgendwie desillusioniert aber gleichzeitig so ... frei. Während mich Anas „Whiskey" musikalisch beschallt, setze ich meinen Weg fort. Dabei beschleicht mich das Gefühl, dass ich dringend einen Drink brauche.

Could it be that this is not my time And what I need is a place somewhere deep in my mindSo I drink my dreams on the rocks Whiskey is my only friend, the only one who holds my hand

Ich bin nicht mal ein besonderer Fan von Whiskey, aber Carmen hat noch eine Flasche Jim Beam im Laden. Ohne überhaupt nach einem Grund zu fragen, schenkt sie uns zwei Coffee To Go-Becher voll. Pur, ungekühlt und ohne Eis. „Prost, Paula", sagt sie. „Auf meine Mutter! Sie war wundervoll!"„Sie war wundervoll", wiederhole ich und trinke. Huste. Trinke.Rami kommt mit einer Kiste Bier aus dem Lager um einen der Kühlschränke aufzufüllen.„Was ist hier denn los?", fragt er. „Whiskey", sagt Carmen.„Seit wann trinkt ihr denn Whiskey?", fragt er.„Seit jetzt!", sagt Carmen und prostet ihm zu. Er befüllt achselzuckend und wenig überrascht den Kühlschrank, dann stellt er sich zu uns. „Wie geht es dir, Paula? Was machst du hier? Hast du frei?"„Mein Chef hat mich gefeuert."Carmen, die gerade einen weiteren Schluck Whiskey genommen hatte, verschluckt sich und prustet. „Wie bitte?!"„Ja.", ich nippe an meinem Becher.„Warum?!", Carmen ist aufgebracht. Aufgebrachter als ich. Dabei habe ich nur meinen Job verloren und sie ihre Mutter. Ich bin von mir selbst überrascht, einen Gedanken zu haben, der überhaupt in die Richtung „nur ein Job" geht. Ich glaube, ich bin besessen von meinem Job. War besessen. Bis gestern. Bis Fit Shake. Und auf einmal, keine Stunde nach meiner Kündigung, ist es nur ein Job. Komisch. Ich muss unter Schock stehen. Zu meiner eigenen Überraschung lache ich.