13 ist eine gute Zahl - Inez Schwalbe - E-Book
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13 ist eine gute Zahl E-Book

Inez Schwalbe

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Beschreibung

13 ist eine Unglückszahl. Aber nicht, wenn man sie ins Gegenteil verkehrt. Das Buch enthält neue Kurzgechichten zum Thema Liebe, Tod, Sehnsucht, Glück, Habgier, die das Leben leicht machen. Sie sind mystisch und besitzen schwarzen Humor. Alle enden mit einem Lichtblick.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inez Schwalbe

13 ist eine gute Zahl

Fantasien und Märchen

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Vorwort

Ursprünglich sollte das Buch 13 mystische Geschichten umfassen, zurückgehend auf die Unglückszahl ins Positive gewendet. Tatsächlich hatte ich noch vier weitere Geschichten in petto, die das Thema gut ergänzten und zwei Ideen, die mir frei dazu im Kopf rumschwirrten. Nun umfasst das Buch 20 Geschichten. Das heißt 13 bleibt eine gute Zahl. 20 ist vielleicht die beste Wahl? Der Leser entscheidet.

Das Leben ist ein einziges Kommen und Gehen. Aus diesem Grund sind hier ein paar Geschichten zum Verweilen.

1 Die silberne Truhe

Ein König hatte Angst davor in ein paar Jahren arm zu sein. Er hatte mehr als die Hälfte seines Reichtums verbraucht. Nach Hochrechnungen seines Schatzkammerdieners reichte all das Geld und Gold in der Kammer kaum noch aus, um große Feiern auszurichten oder den Hofstaat des Königs davon zu bezahlen. Es sei denn er hielt Maß. Der König war darüber wütend. Er ignorierte den Hinweis des Schatzkammerdieners und wies ihn auf ein Erbstück seiner Familie hin, das seit Jahren in der Kammer neben anderen Schätzen verweilte. Es war eine große silberne Truhe mit Gravur. Der König besaß keinen Schlüssel, um sie zu öffnen. Sie war fest verschlossen. Seit Jahren hatten sie in der Kammer ohne Gebrauch gestanden. Nie hatte einer an sie gedacht, aber jetzt, als der König kurz davor war all sein Reichtum zu verlieren, erinnerte er sich an sie. Irgendeinen Grund musste es ja geben, dass seine Familie sie über Generationen hinweg aufbewahrt hatte. Er ließ sie hochbringen vom Schatzkammerdiener persönlich. Zwei weiterer Diener mussten mit anpacken und ihm beim Tragen der Truhe helfen, so schwer war sie. Der König freute sich bereits auf ihren Inhalt. Wenn sie so schwer war, würde sich die Befreiung des Inhalts sicherlich lohnen. Der König ließ nach dem Schlüssel suchen. Da dieser nicht auftauchte, verlangte er nach einer Zange, womit er das Schloss der Truhe aufbrechen wollte. Das gelang ihm aber nicht. Auch nicht den kräftigsten Männern im Schloss. Der König griff zur Axt. Sie kriegte die Truhe nicht gespalten.

Die Truhe bekam davon nur eine Beule. „Wieso“, fragte der Schatzkammerdiener, „holst du nicht einen Handaufleger. Er kann Menschen mit Problemen durch Handauflegen heilen, auch Tiere. Vielleicht schafft er durch seine Hände das Schloss der Truhe zu öffnen.“ Der König überlegte. „Einen Versuch ist das vielleicht wert.“ Er ließ den Handaufleger kommen und zahlte ihm ein wenig von seinem Reichtum, um das Schloss zu öffnen. Der Handaufleger gab sich die größte Mühe. Bevor er seine Hände auf dem Schloss ruhen ließ, führte er sie an sein eigenes Herz heran, atmete tief ein und schloss dabei die Augen. Er sammelte seine innere Kraft. Dann legte er die Hände auf das Schloss. Es geschah nichts. Man hörte das Schloss weder aufknacken noch brechen. Der Handaufleger wiederholte sein Ritual, doch das Schloss blieb verschlossen. „Nanu“, sagte er, „mir ist noch nie etwas missglückt.“ Dass die Truhe sich nicht öffnen ließ, wollte er nicht glaube. Das musste er letzten Endes aber, denn die Truhe blieb verschlossen. Der König war enttäuscht. Er brauchte dringend mehr Geld, keinen Hokuspokus. Er forderte den Schatzkammerdiener auf einen Handwerker zu holen oder einen Schweißer. Also fuhr der Diener in die Stadt und holte diesen. Der Schweißer bekam seinen üblichen Tageslohn gezahlt und ordentlich etwas drauf aus der Schatzkammer des Königs. Dann setzte sich der Schweißer seinen Gesichtsschutz vor und entfachte Feuer zum Schmelzen des Schlosses der Truhe. Alle atmeten auf.

Das Schloss der Truhe schmolz. Doch sobald der Schweißer den Bunsenbrenner vom Schloss entfernte, weil er meinte mit der Arbeit fertig zu sein, formte sich das Schloss neu und war ganz. „Das gibt es doch nicht.“ Der König staunte.  Der Schweißer versuchte es erneut. Er legte den Bunsenbrenner an, doch das Schloss schmolz erst weg und war wenige Sekunden später wieder ganz. „Geh“, schrie der König. Er war enttäuscht, schickte den Schweißer weg und wollte niemanden mehr sehen. Sobald der Tag um war, kam der nächste Tag dank Sonne und die Kammer des Königs wurde ohne menschliche Hilfe an Schätzen nicht reicher. Auf dem Tisch des Königs lag zum Frühstück einsam eine Pampelmuse. Einen Tag davor hatte es noch eine reich gedeckte Tafel mit allem, was das Herz begehrte, gegeben. Er aß die Pampelmuse. Sein Magen knurrte trotzdem. Deswegen rief er seinen Diener und bat ihn einen Aushang außerhalb des Schlosses zu machen. Dieser rief alle Menschen, die um das Schloss des Königs herum wohnten dazu auf die Truhe zu öffnen. Als Lohn versprach er Gegenstände aus seinem Schloss, die er nie gemocht hatte zu vergeben oder ein Viertel vom Inhalt der Truhe. Die meisten Helfer forderten nichts, außer einen geringen Lohn. Der König verlor täglich an Geld. Umso mehr er davon verlor, umso mehr dachte er an den Inhalt der Truhe. Als alle Menschen, die um das Königreich hausten, bereits ihr Bestes gegeben hatten, um die Truhe zu öffnen, doch daran gescheitert waren, machte sich der König selbst den Weg, um den Richtigen zu finden, der die Kraft hatte die Truhe zu knacken. In der Schatzkammer des Schlosses lag eh kaum noch Geld.

Alle Hofdiener und Mätressen sowie seine nahestehenden Verwandten waren bereits gegangen. Er hatte nichts mehr zu verlieren außer sein großes leerstehendes Schloss. Es wirkte gespenstisch. Ihm fiel es nicht schwer zu verschwinden. Er wollte zurückkehren, wenn der Inhalt seiner Truhe befreit war. Jetzt jedoch ging er erstmal auf Reise mit seiner Krone auf dem Kopf im Königsgewand. Menschen, denen er begegnete, erzählte er, dass in seiner Truhe ein großer Schatz lag, von denen sie etwas abhaben könnten. Sie lachten ihn aus und hielten den König für einen kostümierten Schwindler. Es dauerte nicht lang und man stahl ihm nachts die Krone und seine Kleider. Seine Haare begannen zu wachsen. Er war nackt und wirkte verwildert. Jemand mit Mitgefühl schenkte ihm Lumpen, in denen er tags wie nachts über die Truhe wachte. Mit der Zeit bekam sie Rost, der porös wurde, blätterte und das Schloss löste. Zu diesem Zeitpunkt war der König schon tot. In der Truhe fand man nichts, außer einen Zettel mit der Bitte Füll mich. Ein Antik Händler berücksichtigte sie. Er schätzte die Truhe vom Wert her gering ein. Aus Glauben an die Botschaft behielt er sie aber als Spardose.

2Die Rosenmörderin

In einem kleinen Dorf liegt eine eiserne Truhe vergraben. Gerüchten zu folge gehörte die Truhe einer Frau, die sie nutzte, um darin ihre Rente aufzubewahren. Aus Angst jemand könnte es der Truhe entwenden, bewahrte die Frau die Truhe im Keller ihres Gartenhäuschens auf. Das Geld gab die alte Dame für das aus, was sie brauchte, um einen schön angelegten Rosengarten in Stand zu halten. Die Rosen des Gartens hatte den Ruf die Schönsten im Dorf zu sein, in dem die Frau lebte. Sie war über achtzig Jahre alt, doch die Menschen der Dorfgemeinschaft bewunderten sie gerade deshalb umso mehr für den Ehrgeiz und die körperliche Kraft, die sie aufbrachte, um den Garten zu pflegen und instand zu halten. Anscheinend war der Garten und die Arbeit daran das Lebenselixier der Alten. An einem Tag, als die Frau gut gelaunt war, fuhr sie in eine nahe gelegene Stadt außerhalb des Dorfes, um spazieren zu gehen. Sie kam an einigen extra angelegten Vorgärten vorbei, doch keiner konnte mit ihrem mithalten. Sie fand die Gärten der Stadt lieblos, da sie meist nicht mehr als runter geschnittene Tannengewächse und Stiefmütterchen für die Augen zu bieten hatten. Enttäuscht schlenderte die alte Dame an grauen Häuserfronten und den einfallslosen Gärten vorbei. Da kam ihr ein Mann entgegen, der sich wie sie in der Stadt umschaute. Sie fragte den Mann, ob sie ihn auf seinem Weg durch die Stadt begleiten dürfe.

Sie fand nichts so abwechslungsreich wie ein Gespräch mit jungen, interessanten Leuten, und so unterhielten sich beide, um sich gegenseitig von der hässliche Stadtkulisse abzulenken. Zur Überraschung der Frau stellte sich beim Smalltalk heraus, dass der Mann frisch zugezogen war im Dorf der Alten. Da das Dorf ruhig und verträumt war, besaß der Mann hier noch keine Bekannten oder Freunde. Er wohnte zur Untermiete bei jemandem, der im Dorf nicht als sehr gesellig galt. Die schweigsame Aura des Vermieters trieb den jungen Mann für jeden möglichen Moment raus aus der Wohnung. Vor den Augen der Dame ahmte er die stumme, meist gelähmte Mimik seines Vermieters nach. Sie staunte nicht schlecht, wie gut der junge Mann sein Gesicht jetzt schon in Falten legen konnte. Er wirkte gleich zehn Jahre älter. Sie empfand Sympathie für ihn. Mehr als genug, um ihn zu Besuch bei sich einzuladen. Sie machte ihm das Angebot, wann immer er vor der schweigsamen Miene seines Vermieters entkommen wollte, sie in ihrem Garten zu besuchen. Über den Sommer entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Sie bestand aus dem Genuss von Sonne, angenehmen Rosenduft und einer täglich aufgebrühten Tasse Schwarztees mit dem Aroma frisch gezupfter Rosenblätter. Die Rosenzüchterin hatte sich lange nicht mehr so wohl in Gesellschaft eines anderen Menschen gefühlt. Seit dem Tag als sie den jungen Mann kennengelernt hatte, fühlte sie sich noch viel jünger als sonst.

Der einzige Nachteil an der Freundschaft zum jungen Mann war der, dass die alte Dame langsam begann die Gartenarbeit zu vernachlässigen. Sie kam mit der Pflege der englischen Rosen nicht mehr so gut hinterher wie sonst. Das kümmerte sie zu Gunsten der neuen Freundschaft jedoch nicht. Zu lange war es her, dass sie einen Menschen in ihrem Garten begrüßt hatte. Mit dem Spätsommer des Jahres beschloss die Alte wieder ein bisschen mehr Zeit auf die Pflege des Gartens zu verwenden. Sie wollte Herbstblumen setzen. Um hierfür Geld zusammenzukratzen, stieg sie runter in den Keller ihres Gartenhäuschens. Sie öffnete den Deckel der eisernen Truhe. Sie war leer. In der Truhe lag kein einziger Cent. Nicht lange musste sie überlegen, wer das Geld aus der Truhe wohl gestohlen hatte. Es konnte kein anderer sein, als der junge Mann, mit dem sie Freundschaft geschlossen hatte. Er war der Einzige, dem sie Zutritt zu ihrem Garten gewährte. Keinen anderen hatte sie diesen Sommer zu sich gebeten. Kein anderer konnte gesehen haben, dass sich die Truhe in ihrem Keller befand. Sie war empört. Der junge Mann wollte sie diesen Nachmittag besuchen. Also zwang sie sich bis dahin die Zeit abzuwarten, sich zu beruhigen und eine Tasse Schwarztee mit Rosenaroma zu trinken. Mit dem Tee in der Hand setze sie sich auf die Veranda ihres Häuschens, bis der Nachmittag kam. Als die Sonne zum ersten Mal an diesem Tag tief stand, trat ihr Freund durch das Tor des Gartens ein. Es war kurz nach halb fünf. Die Alte stellte ihn wie zur Rede.

Ohne ihn zu Unrecht beschuldigen zu wollen, bat sie ihn in ihr Haus reinzukommen. Sie sagte, dass jemand in ihr Haus eingedrungen war, um ihr Geld zu stehlen. All das Geld, das sie als ihre Rente zusammenhielt. Der Mann sah den erschütterten Blick der Frau. Das Wertvollste, das sie besaß, um sich selber und anderen die Freude mit dem Rosengarten zu machen, war absichtlich beschädigt worden. Dabei hatte sie schon mehrfach Preise für die Anlage ihres Sommergartens bekommen. „Alles, was mir im Leben lieb und teuer ist, ist weg“, sagte sie. Vor den Augen des Freundes brach sie in Tränen aus. Sie war kaum zu trösten, auch nicht als der junge Mann ihr ein Taschentuch anbot. Offen heraus sagte sie, dass sie ihn für den Dieb hielt. „Hast du mich bestohlen?“ Die Stimme der Alten klang gebrochen wie die Schatulle. Der junge Mann wagte kaum der Alten in die Augen zu schauen, doch gestand, dass er das Geld genommen hatte. Grund war eine neue Bekanntschaft aus der Stadt mit der er Aktivitäten durchführen konnte, für die die Dame zu alt war. Gerade wollte er einräumen, dass er das Geld nur mit schlechtem Gewissen genommen hatte. Er wollte ihr jeden einzelnen Cent zurückzahlen. Da traf ihn etwas am Kopf. Das war die Truhe der Alten. Sie brachte ihn zur Strecke, als er anbot, die Pflege für ihren Garten zu übernehmen, zumindest so lange bis er der Dame das Geld ganz zurückzahlen konnte. Das Angebot machte sie wütend, denn es ließ sie alt dastehen und gebrechlich. Kein Tag, an dem sie die Rosen schnitt oder goss war ihr lästig. Sie liebte jeden Rosenstrauch, den sie züchtete.

Wie konnte der Freund da von Arbeit sprechen? Ihren Knochen ging es nach dem Wurf der Truhe automatisch besser. Sie betrachtete den ehemaligen Freund wie er am Boden lag. Dank der Kraft ihrer Hände hatte ein einziger Wurf mit der Schatulle gegen seinen Kopf genügt, um ihn zur Strecke zu bringen. Reglos lag er da. Die Alte ging in die Hocke und hörte sein Herz ab. Es pochte nicht mehr. Auch als die Alte eine Herzmassage anwandte, regte er sich nicht. Sein Körper lag stumm da. Sie ließ ab von ihm und ging vor die Tür des Hauses, um ganz tief frische Luft zu holen. Draußen war alles friedlich, still und verträumt. Kein Bewohner im Dorf schien mitbekommen zu haben, was geschehen war in ihrem Garten. Die Alte beruhigte sich. Alles, was jetzt zählte, war die Leiche unter die Erde zu bringen. Und das schnell, damit niemand im Dorf mitbekam, was sie getan hatte. Die Tat der Polizei gestehen wollte sie auf keinen Fall. Sie stellte es sich grausam vor den Rest ihres Lebens hinter farblosen Gittern zu verbringen, wo zu dieser Zeit doch noch die Blumen so schön und bunt blühten. Stattdessen gönnte sie sich lieber eine zweite Tasse Tee. Ruhig saß sie eine Weile auf ihrer Veranda, um in Ruhe nachzudenken, wo sie die Leiche am besten verschwinden lassen sollte. Um eine Antwort darauf zu finden, ließ sie den Abend kommen. Die Leiche lag im Keller. Sobald es draußen dunkel war holte sie einen Spaten, um unter dem Rosenbeet ihres Gartens, dort, wo sie eigentlich bald Herbstblumen setzen wollte, die Leiche zu vergraben. Als sie damit fertig war, war der Abend zur Nacht geworden.

Niemand hatte mitbekommen, wie die Alte den Mann unter ihren Preis gekrönten Rosen im Garten vergraben hatte. Die meisten Menschen hatten den Abend wohl in ihren Häusern verbracht. Die Alte wollte sich erschöpft schlafen legen. So als sei nichts geschehen. Müde wischte sie sich den Schweiß von der Stirn, der sich auf Grund körperlicher Anstrengung darauf angesammelt hatte. Da es kurz vor halb zwölf war, legte sie sich schlafen und stand erst auf, als die Sonne des nächsten Tages wieder hoch am Himmel stand. Um jeglichen Verdacht zu ersticken, dass eine Leiche bei ihr vergraben lag, versammelte sie die Dorfbewohner um sich, um ihnen zu erzählen, dass sie gestern ausgeraubt worden war. Der Geschichte zufolge, hatte die Dame den jungen Mann während des Diebstahls gestellt. Anstatt ihr den Inhalt zurückzugeben, sei er über den Zaun ihres Gartens hinweg geflüchtet. Spurlos, dass die Alte nicht hinterherkam. Die Dorfbewohner glaubten ihr. Um ihr Geld wieder zu besorgen, sandte die Polizei Ermittler nach dem jungen Mann aus. Die ganze Dorfgemeinde schüttelte den Kopf über das, was er ihr angetan hatte. Letzten Endes waren sie froh, dass er verschwunden war. Niemand im Dorf zweifelte die Geschichte an. Sie zweifelte nur selbst an dem, was sie getan hatte. Ihr Gewissen machte ihr zu schaffen. Obgleich ihr Garten wieder einer Jury als schönster Spätsommergarten vorgeschlagen wurde, konnte die Alte kaum mehr Freude daran finden. Sie konnte kaum eine Nacht friedlich schlafen und wälzte sich in ihrem Bett unruhig hin und her. Sie hatte Angst die Polizei würde ihr auf die Schliche kommen.

Die Zeit verging. Kein Polizist klingelte an ihrer Tür. Niemand wollte ihren frisch angelegten Garten auf der Suche nach dem Mann verwüsten. Trotzdem ereignete sich in einer Nacht Sonderbares. Gerade als die Alte sich hingelegt hatte, hörte sie aus der Mitte ihres Gartens Stimmen. „Mörderin“, riefen diese zum offenstehenden Fenster hinein. „Du Alte bist eine Mörderin.“ Sie drehte sich um in ihrem Bett. Sie wollte nicht glauben, was sie hörte und schob ein Kopfkissen fest über ihre Ohren. Doch die Stille hielt nicht lange vor. Wieder riefen die Stimmen: „Mörderin, Mörderin. Du bist eine Mörderin.“ Die Alte stand auf, schaute raus auf ihr Blumenbeet. Sie befürchtete dort einen Erpresser zu sehen, der Geld von ihr kassieren wollte, damit niemand erfuhr, was sie getan hatte. Doch keine menschliche Seele war weit und breit zu sehen. Also legte sie sich wieder hin. Langsam werde ich verrückt, dachte sie. Bei den Stimmen, die sie hörte, konnte es sich nur um Sinnestäuschung handeln. Doch sobald sie wieder lag und schlief, weckten sie die Stimmen erneut. Vergebens versuchte sie Schlaf zu finden. Die ganze Nacht lang riefen die Stimmen: „Mörderin.“ Sie wollten nicht aufhören zu sprechen. Munter plapperten sie weiter auf die Alte ein, bis die Nacht vorbei war. Den neuen Tag begann sie, indem sie aus einem Schrank Kopfschmerztabletten einnahm. Sie hielt die Stimmen für einen schrecklichen Alptraum. Die Tabletten wirkten vorerst. Doch nur bis zur nächsten Nacht. Pünktlich zur Geisterstunde riefen die Stimmen wieder: „Mörderin. Du Alte bist eine Mörderin“.

Die Stimmen waren so laut, dass sie trotz Schwerhörigkeit zu Ohrstöpseln griff, um die Stimmen zu töten. Sie drehte sie fest in ihre Ohren hinein. Sie legte sogar Ohrschützer an und stellte einen Radiosender laut ein, der die ganze Nacht laufen sollte, um sie von den Stimmen fernzuhalten. Trotzdem waren sie nicht stumm. Deshalb ging sie auf Nachtwanderung durch, um herauszufinden, wo die Stimmen, die sie hörte, herkamen. Ihr war mulmig zumute als sie durch ihren eigenen Garten bei Nacht stieg. Noch mulmiger wurde ihr, als sie herausfand, dass es die mehrfach preisgekrönten Rosen waren, die ihr den Mord vorwarfen. Die Alte hielt eines ihrer Ohren direkt an die Blüten der Blumen. Die Stimmen sprachen zu ihr aus jedem der Blütenkelche heraus. Sie nahm ihr Ohr von den Rosen weg, schüttelte mit dem Kopf und versuchte zumindest wieder zu schlafen.

---ENDE DER LESEPROBE---