13.November - Monika Brenneis - E-Book

13.November E-Book

Monika Brenneis

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Beschreibung

Als Neonazi wird niemand geboren, doch wie wird ein sensibler, junger Mensch dazu? Wie wird man Mutter oder Vater eines gewaltbereiten, hasserfüllten Jugendlichen, wenn man dem Kind doch jede Liebe gibt? Und wie kommt man da wieder raus? Es ist nicht leicht, auf diese Fragen eine Antwort zu finden und es gibt auch sicher nicht eine Ursache, nicht eine Lösung, nicht eine Geschichte. "13.November" berichtet anhand eines Tages in jedem Jahr aus dem Leben eines dieser Menschen, der sensibel und doch brutal, unschuldig und schuldig, voller Liebe und Hass ist. Die Geschichte beginnt am 13.November 1995, am Tag von Peters Geburt, und endet am 13.November 2014, an seinem 19.Geburtstag. Dazwischen erfahren wir in Rückblenden und durch die Schilderung des vermeintlich glücklichsten Tages im Jahr, wie sein Leben in einer österreichischen Kleinstadt verläuft, was ihn und seine Eltern bewegt. Aber es soll kein einseitiges Bild entstehen. Es gibt keine objektive Wahrheit, sondern nur subjektive Wahrnehmung. Daher wird nicht aus der Sicht einer der beteiligten Personen berichtet, sondern alle beteiligten Hauptpersonen sollen zu Wort kommen, auch wenn ein Erzähler die Schilderung übernimmt. Im ersten Jahr erleben wir die Geschichte aus der Sicht von Eva, Peters Mutter, dann aus der Sicht seines Vaters Hans und schließlich aus der Perspektive des kleinen Peters usf. Wie die Geschichte endet, bleibt jedem selbst überlassen. Das Schicksal entscheidet sich meist aufgrund von Kleinigkeiten und doch haben wir es selbst in der Hand.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Monika Brenneis

13.November

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

13.November 1995

13.November 1996

13.November 1997

13.November 1998

13.November 1999

13.November 2000

13.November 2001

13.November 2002

13.November 2003

13.November 2004

13.November 2005

13.November 2006

13.November 2007

13.November 2008

13.November 2009

13.November 2010

13.November 2011

13.November 2012

13.November 2013

13.November 2014

13.November 2014

13.November 2014

Impressum neobooks

13.November 1995

Es war ein grauer Novemberabend. Genauso wie am Tag zuvor und die ganzen vergangenen Wochen. Seit langer Zeit hatte Peters Mutter keine Sonne mehr gesehen, aber sie hatte sich bereits daran gewöhnt. Sie hatte ohnehin keine große Lust mehr das Haus zu verlassen, seit ihr Bauch solche Ausmaße angenommen hatte und jeder Schritt einen dumpfen Stich in der Wirbelsäule erzeugte. Besonders glücklich war ihr Angetrauter nicht darüber, dass sie den Haushalt zunehmend vernachlässigte, aber die Hoffnung auf einen männlichen Stammhalter stimmte ihn wieder versöhnlicher, wenn sie sich zu sehr gehen ließ. Er wäre auch nie auf die Idee gekommen, sie auf den Bauch zu schlagen,wie es ja in anderen Familien schon vorkommen konnte. Sie war schon sehr froh, dass sie ihren Mann hatte und nicht alleine geblieben war. Nur wäre es ihr wichtig gewesen, dass er abends öfter bei ihr gewesen wäre, jetzt, so kurz vor der Geburt, doch musste er auch den Kontakt zu seinen Freunden pflegen, sie wollte ihn ja auch nicht einengen, nach allem, was er für sie getan hatte.

Zwei Tage hatte ihr der Arzt noch gegeben, dann sollte ihr kleiner Peter aus der Wärme ihres Körpers in die Geborgenheit ihrer Arme kommen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als dieses kleine Bündel in den Armen zu wiegen, na ja, vielleicht doch noch etwas. Ein Heißhunger auf schwarze Oliven in Kombination mit zarter weißer Schokolade machte sich immer stärker in ihr breit. Aber die letzten Oliven hatte sie gestern Abend verspeist und das neue Glas stand ganz oben im Abstellraum und der Arzt hatte ihr davon abgeraten auf Leitern zu steigen. Schokolade schmeckte ja gut, es war nur das Problem, dass sie ohne schwarze Oliven einfach nicht dasselbe Geschmackserlebnis bot, wie mit, und Peter verlangte einfach danach. Also musste sie doch die kleine Stehleiter aus der Ecke holen und sich zaghaft, langsam, Schritt für Schritt, Stufe für Stufe hinauf kämpfen. Dabei hielt sie sich sorgsam fest, zuerst an der Leiter, dann am Regal und als sie endlich das Glas mit den schwarzen Oliven in der Hand hielt, war sie überglücklich. Wie leicht war das noch vor einem Jahr gegangen, als sie noch nicht mit diesem dicken Bauch gesegnet war. Fast hätte sie vor lauter Freude den Halt verloren, aber sie fing sich schnell wieder und kletterte langsam und vorsichtig mit ihrem Schatz die Stufen hinab. Wäre ihr Liebster dagewesen, hätte er geschimpft, dass sie die Gesundheit ihres kleinen Bewohners so sinnlos riskiert hätte, aber wäre er dagewesen, hätte auch er das Glas holen können. Jetzt brauchte sie nur noch die Schokolade, die sie schon sorgfältig neben dem Kühlschrank bereitgelegt hatte. Gemütlich machte sie es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer bequem, öffnete die silbern funkelnde Verpackung der Weißen Schokolade und drehte am Verschluss des Olivenglases, doch nichts bewegte sich. Nochmals versuchte sie es mit etwas mehr Kraft, aber nichts tat sich. Na ja, nichts ist nicht ganz richtig. Das Sofa fühlte sich plötzlich etwas feucht und immer feuchter an. Sofort wusste sie, was das bedeutete. Wann sollte Hans nach Hause kommen? Er hatte schon längst Feierabend und immerhin hatte er gestern den Großteil des Tages mit seinen Freunden vom Schützenverein verbracht und er hatte versprochen heute nach der Arbeit nur kurz auf ein Bier zu gehen. Gut, es war zu spät. Länger konnte sie wirklich nicht warten. Gott sei Dank hatte sie in weiser Voraussicht schon alles für die Klinik gepackt und wenn sie ihre Nachbarin anrief, würde die sofort kommen und sie mit dem Auto in die Klinik fahren, die ja ohnehin ganz in der Nähe war. Die Schmerzen wurden schlimmer, aber sie schaffte es trotzdem problemlos zum Telefon, wählte die Nummer, wartete, legte auf, wählte erneut, wartete erneut und wollte schon wieder fast auflegen, als sich die kleine Tochter der Nachbarin meldete. "Julia, ist deine Mama da?" fragte sie leicht verzweifelt und das Mädchen meinte nur ruhig, "Ja, ist im Gartenhäuschen, putzt, darf ihr nicht helfen, obwohl ich dann ganz brav war. Hab heute..." Ungeduldig unterbrach Eva die Kleine mit schmerzverzerrter Stimme. "Bitte, ich muss mit deiner Mama reden, es ist ganz ganz wichtig!!!" "Darf sie nicht stören. Sonst darf ich nachher nicht 'Heidi' sehen." "Julia, es ist wirklich ganz wichtig!!!" brachte Eva zwischen zwei lauten Seufzern hervor. Fast hätte sie Julia angeschrien, aber da kam gerade ihr Vater und nahm ihr den Hörer aus der Hand. Schnell hatte er die Situation erfasst und wenige Minuten später stand er mit dem Auto vor dem Gartentürchen, trug zuerst den Koffer ins Auto und umfasste dann Eva vorsichtig und ging langsam mit ihr zum Wagen.

Die anfängliche Nervosität, die Peters Mutter und den Nachbarn erfasst hatte, wich erst langsam als sich Eva wohlbehütet in den Händen der Hebamme fand. Peter hatte es wahnsinnig eilig, in diese unbekannte, neonbeleuchtete, sterile Realität zu schlüpfen. Als die anfänglichen Schmerzen immer schlimmer geworden waren, war seine Mutter irgendwann in einen tranceartigen Zustand verfallen. Noch immer ein bisschen benebelt hielt sie Peter in den Händen, als Josef, Julias Papa, eintrat und ihr wie durch einen Schleier berichtete, dass er ihren Mann leider noch nicht erreicht hätte, aber ihn, wenn sie wüsste, wo er sei, holen könnte. Da Eva keine Ahnung hatte, wo er war und auch wenig Lust verspürte, lange nachzudenken, bat sie lieber Josef bei ihr zu bleiben. Die Schwestern versorgten Peter gut und so sehr sie ihn auch liebte und gern die ganze Zeit bei sich gehabt hätte, war sie doch froh, als sie ihn nach dem Trinken nahmen und sie endlich schlafen konnte. Irgendwann in der Nacht musste Josef gegangen und Peters Papa gekommen sein. Sie wusste, dass er ihr Vorwürfe machen würde, dass sie nicht auf ihn gewartet hatte, dass Josef bei der Geburt im Krankenhaus war und nicht er, aber was hätte sie machen sollen? Hätte sie wirklich noch warten können? Wohl kaum. Er hatte ja irgendwie recht, es war sein Recht bei der Geburt seines Erstgeborenen dabei zu sein, aber was hätte sie tun können? Sie war ihm ja unendlich dankbar für alles, was er für sie getan hatte, vor allem nach jenem Tag im November vor zwei Jahren.

Bis dahin hatten sie sich nur wenig gekannt. Hans war ein Nachbar wie viele andere, zehn Jahre älter als sie, der lange vor ihr in die Schule gegangen war, den sie höflich grüßte, wenn sie ihm zufällig auf der Straße begegnete, den sie ansonsten aber kaum beachtete. Ja, bis zu jenem Tag, der so alltäglich begonnen hatte, wie eben ein normaler Schultag im November beginnt. In weniger als zwei Wochen sollte der Maturaball sein und sie hatte noch immer keine passenden Schuhe zu ihrem neuen, schönen Ballkleid, das ihrer Mutter überhaupt nicht gefiel, das sie aber über alles liebte. Ihr Vater schimpfte wieder einmal, weil sie wie immer zu spät dran war und er sie nicht in die Schule mitnehmen wollte. Als er ihr dann echt davonfuhr, obwohl sie nur mehr schnell ihren Tee trinken und ihre Jacke und Schuhe anziehen musste, war sie unendlich sauer auf ihn und ihre Mutter meinte nur lapidar, sie müsse sich halt nächstes Mal mehr beeilen. Maulend machte sie sich auf den Weg zum Bus ohne noch ein Wort mit ihrer Mutter zu sprechen. Natürlich kam sie zu spät in die Schule und der Mathelehrer musste sich wiedereinmal aufspielen, als wäre er der Größte und Mathematik das Wichtigste im Leben und sie überhaupt ein dummes, nichtsnutziges Ding, das immer zu spät kam, obwohl sie das nur ganz selten tat. Zumindest mit ihrer besten Freundin hatte sie an diesem besch... Tag Spaß und die anderen konnten ihr ohnehin gestohlen bleiben, auch Max, der in letzter Zeit nur mehr blöd hinter Silvia herdackelte. Früher hatte man ja mit ihm noch normal reden können, aber seitdem ihn Silvia einmal angelächelt hatte, hatte er nur mehr Augen für sie. Er war eben auch nur ein hormongesteuerter Idiot ohne Rückgrat.

In der Mittagspause ging sie mit ein paar Freundinnen Pizza essen, weil das Essen in der Schule einfach nur zum Kotzen war und dann hatte sie noch zwei Stunden Wahlpflichtfach Psychologie. Das war zumindest echt interessant, was in der Schule ja nicht so oft vorkam. Die Lehrerin war jung und cool, sie kam gerade erst von der Uni und bemühte sich noch immer etwas Neues zu bieten. Vermutlich würde Eva nach der Matura ein "Freiwilliges Soziales Jahr" machen und dann Psychologie studieren. Das war lässig und sie würde in einer richtigen Stadt wohnen können, nicht mehr in so einem kleinen Kaff, das den Namen Stadt nur pro forma trug, weil nicht alles in einem Land als Dorf bezeichnet werden kann. Auf das Leben in der Stadt freute sie sich schon riesig. Mit ihrer besten Freundin würde sie sich eine Wohnung teilen und eventuell nebenbei abends noch ein bisschen jobben. In der Stadt gab es sicher auch coole Jungs, nicht solche Luschen. Dann würde sie viel fortgehen, lernen und das Leben ohne das Gemecker ihrer Eltern genießen, endlich selbständig und erwachsen. Dummerweise musste sie vorher noch die Matura machen und dafür galt es nicht nur Psychologie sondern auch Mathematik und Französisch zu pauken. Der Rest war ja kein Problem, aber diese sinnlose Aneinanderreihung von Zahlen und Buchstaben und anderen seltsamen Zeichen und diese absolut unverständliche Sprache, die man grundsätzlich anders aussprach als man sie schrieb, war ein Horror.

Gut, jetzt einmal Psychologie. Wenn sie nicht Unterricht gehabt hätte, hätte sie mit ihren Eltern ihre Großmutter im Altersheim besucht, aber das war ziemlich uninteressant. Die war dement und erkannte Eva schon lange nicht mehr. Immer wenn sie etwas erzählte, war das die gleiche alte Geschichte, die Eva schon seit Jahren auswendig kannte und obwohl, wie gesagt, Schule nicht unbedingt Evas Lieblingsbeschäftigung war, zog sie die Zeit mit ihrer Freundin diesem Besuch eindeutig vor. Wie immer verging die Zeit sehr rasch, da sie gerade Referate vorbereiteten und dafür in der Bibliothek recherchierten, sich überlegten, wie sie das ganze präsentieren könnten und Eva hatte richtig Spaß mit ihrer Freundin. Immerhin kannte sie Elke schon aus dem Kindergarten und seit damals waren sie unzertrennlich, beendeten oft die Sätze der jeweils anderen und konnten stundenlang quatschen oder einfach nur sitzen und Musik hören. Jetzt hatten sie das Referatsthema "Das Kind auf dem Weg zur Selbständigkeit - vom Frühkindalter bis zur Pubertät" gewählt. Sie hatten viel gelesen über Konflikte, Grenzen setzen und loslassen können und hatten auch schon einiges ausgearbeitet. Nur beim Präsentationsstil waren sie sich nicht einig. Mit Powerpoint kannte sich Eva nicht aus, außerdem wussten sie nicht, wie sie das gezeigt hätten, Flipcharts waren schon so abgedroschen und Overheadfolien auch langweilig und sooooo viel Arbeit.

Gerade als sie beschlossen, vielleicht das Ganze mit dramatischen Einlagen lebendiger zu gestalten, kamen zwei Polizisten in Uniform in die Bibliothek und suchten die Psychologielehrerin. Eva konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen; hatte die Lehrerin vielleicht etwas ausgefressen? War sie bei Rot über die Ampel gefahren oder war sie unter Umständen eine gefährliche Verbrecherin, die sich bei ihnen eingeschleust hatte. Auch Elke brach in unterdrücktes Gelächter aus, als Eva ihre Ahnungen teilte. Doch anscheinend wollten die Herren gar nichts von der Lehrerin, denn die machte zwar ein ganz betroffenes Gesicht, zeigte aber auf Eva. Der blieb das Lachen im Hals stecken. Was hatte sie angestellt, sie war sich echt keiner Schuld bewusst!? Langsam kamen die Polizisten mit der Lehrerin auf sie zu und baten sie, sie nach draußen zu begleiten. Völlig verunsichert folgte ihnen Eva und die ganze Klasse starrte ihnen verdutzt hinterher. Die Lehrerin brachte sie ins Sprechzimmer und da setzten sich die Polizisten auf die eine Seite des Tisches und Eva saß, noch immer von einem ungeklärten Schuldbewusstsein geplagt, auf der anderen Seite neben ihrer Lehrerin. Mit ernster Mine begann der ältere der Polizisten zu fragen, ob sie wüsste, was ihre Eltern heute Nachmittag vorgehabt hätten und sie erzählte ihm irritiert, was sie wusste; das vom Besuch bei der Großmutter eben. Da meinte er, dass sie nicht bis zur Großmutter gekommen seien. Bei der großen Kreuzung, wo seit Jahren immer wieder Unfälle passierten, wollten sie anscheinend links abbiegen, wurden aber von einem LKW übersehen, erfasst und ihr Auto überschlug sich mehrmals. Evas Mutter war sofort tot und ihr Vater starb am Weg ins Krankenhaus. Der LKW-Fahrer... Der Polizist redete noch länger weiter, aber das bekam Eva nicht mehr mit. Sie dachte an ihren Vater und ihre Mutter, dass das alles nicht möglich war, dass das nur ein kranker Scherz sein konnte, dass sie ihre Eltern doch nie einfach so alleine auf der Welt lassen würden. Das ging einfach nicht. Der Raum begann sich zu drehen, aber der Mann redete weiter und weiter. Die Lehrerin versuchte auf sie einzureden, mit leiser, zittriger Stimme, doch sie drang nicht durch. Irgendwann erhoben sich die beiden Männer und Eva erkannte, dass sie sie erwartungsvoll anstarrten. "Wie bitte?" brachte sie verwirrt hervor und ihre Stimme klang wie aus einer anderen Welt. Sie kam von irgendwo außerhalb ihres Körpers, aus einer Welt, in der noch alles in Ordnung war, in der ihre Mutter zu Hause wartete und ihr Vater in der Arbeit war und abends nach Hause kam.

Die Polizisten wollten, dass sie sie begleitete. Sie brachten sie in einen Raum mit hellblauen Neonröhren, in dem alles so unwirklich war. Alles erschien wie in einem seltsamen Raumschiff, entrückt und doch real, kalt und tot und doch lagen da ihr Vater und ihre Mutter Seite an Seite. Keiner sagte ein Wort, ihre Eltern hatten die Augen geschlossen, aber Eva spürte, dass sie angestarrt wurde. Was erwartete man von ihr? Sollte sie heulen? Sollte sie sie umarmen, schütteln, anschreien? Lange musste sie dort reglos gestanden sein, als ihr eine junge Polizistin die Hand auf die Schulter legte und sie fragte: "Sind das deine Eltern? Nur fürs Protokoll." Was hätte sie anderes sagen sollen als "Ja." Was für eine dumme Frage, das wussten sie ja schon lange und dafür hatten sie sie dorthin gebracht? "Hast du jemanden, zu dem du gehen kannst? Großeltern, Tanten, Onkel, ältere Geschwister...?" wollte die Frau noch wissen. Eva überlegte. Bisher war ihr nie aufgefallen, dass sie niemanden außer ihren Eltern hatte. Als sie noch klein war, hatte sie sich immer Geschwister zum Spielen gewünscht, aber als sich ihre Freundinnen mit den kleinen Geschwistern herumärgern mussten, war sie glücklich als Einzelkind aufzuwachsen. Von ihren Großeltern lebte nur mehr die eine Großmutter und die erkannte sie eben schon lange nicht mehr. Die konnte nicht einmal für sich selbst geschweige denn für jemand anderen sorgen. Die Schwester von ihrem Vater lebte irgendwo in Australien. Vor zehn Jahren hatte sie die vermutlich das letzte Mal gesehen, als sie mit ihrem Mann und zwei nervenden, nörgelnden Schreihälsen für zwei Wochen das Haus vereinnahmte. Zu der wollte sie auf keinen Fall, auch wenn Australien vielleicht durchaus interessant gewesen wäre, aber sicher nicht mit diesen Kreaturen, die sie in den Wahnsinn trieben. Da Evas Mutter auch ein Einzelkind war, gab es tatsächlich niemanden, der ihr geholfen hätte, zu dem sie gehen hätte können. Die Polizistin starrte sie noch immer erwartungsvoll an. Eva wollte etwas sagen, doch die Worte verließen ihren Mund nicht, vielleicht hatte sie sie auch nicht formuliert. Sie räusperte sich und sagte mit Nachdruck, womöglich etwas zu laut, zumindest kam es ihr in diesem Raum voller Stille und Tod so vor: "Nein." "Sollen wir dich nach Hause bringen oder zu einer Freundin?" "Heim!"

Daheim angekommen verschloss Eva die Haustür, kochte sich einen Tee, wobei sie sich fast die Hand und ihren Fuß verbrüht hätte, schnappte sich eine Decke, legte sich auf die Couch, schloss die Augen und um sie herum drehte sich alles, sie musste ihre Augen wieder öffnen, um Halt in etwas Konkretem zu finden, dem Schrank, der schon seit ihrer Kindheit am selben Platz stand und noch immer furchtbar hässlich war, ihrem Vater aber gefiel, dem Blumenstock, den ihre Mutter von ihrem Vater zum Hochzeitstag bekommen hatte, obwohl ihr die silbernen Ohrringe vom Juwelier viel besser gefallen hätten, dem Kratzer im Glastisch auf den sie als Kind gefallen war und an dem ihre Lieblingsuhr kaputt gegangen war und um die sie wochenlang geweint hatte, weil sie keine neue bekommen hatte, da ihre Mutter so sauer war, weil sie wieder mal nicht aufgepasst hatte. Immer mehr Erinnerungen stürzten auf sie ein, alle auf einmal, alle durcheinander, bis sie nicht mehr konnte und erschöpft einschlief.

Irgendwann schreckte sie aus dem Schlaf auf. Draußen war es schon dunkel, jemand läutete Sturm. Sie hoffte, die Person würde weggehen, aber das Läuten hörte nicht auf. Sie versuchte es zu ignorieren und wieder einzuschlafen, aber es ging nicht. Sie hielt sich die Ohren zu, aber da begann jemand an die Tür zu hämmern. Es hatte alles keinen Sinn, sie musste aufstehen. Beinahe wäre sie umgekippt, sie setzte sich wieder, legte ihren Kopf auf die Lehne der Couch, versuchte nochmals sich zu erheben und diesmal klappte es. Langsam tastete sie sich zum Lichtschalter vor, drehte das Licht auf und musste abrupt die Augen schließen, um nicht auf der Stelle zu erblinden. Langsam öffnete sie ihre Augen wieder. Das Klingeln und Klopfen hatte aufgehört und sie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie das Ganze wirklich gehört hatte oder ob alles nur ein Traum gewesen war. Sicherheitshalber wollte sie aber doch nachschauen, vor allem um zu vermeiden, dass alles wieder von vorn losging. Schritt für Schritt abwägend ging sie langsam die Stufen hinab, bis sie zur Haustüre kam.

Draußen stand der Nachbar, der zwei Häuser weiter noch bei seinen Eltern wohnte, obwohl er schon 28 war und vor ein paar Monaten bei der Stadtverwaltung eine Stelle bekommen hatte. Was wollte der gerade jetzt von ihr? Sollte sie ihm wirklich öffnen? Er war ihr nie besonders geheuer gewesen, wenn sie überhaupt über ihn nachgedacht hatte. Aber was sollte sie tun? Sicherlich hatte er sie schon gesehen und was würde er von ihr denken und vielleicht würde das Läuten wieder anfangen und ihren Kopf zum Zerspringen bringen. Also blieb ihr nichts anderes übrig als den Schlüssel rumzudrehen und mit rauchiger Stimme zu grüßen. Inzwischen wussten anscheinend alle Nachbarn Bescheid, was passiert war, und die Mutter von Hans hatte ihn geschickt, um nach ihr zu schauen, immerhin hatten sich die beiden Mütter gut verstanden. Eva wollte Hans nur loswerden und sagte, dass es ihr gut gehe, aber der wollte sich nicht einfach so abspeisen lassen und fragte, ob er nicht hereinkommen dürfe. Also bat sie ihn ins Haus. Setzte Wasser für einen Tee auf ohne lange nachzudenken, suchte im Abstellraum die Kekse, die ihre Mutter immer bereithielt für den Fall, dass Besuch käme, legte sie auf einen Teller, holte die guten Tassen aus der Vitrine, weil die anderen vom Frühstück noch nicht abgewaschen waren, gab einen Teebeutel in die Kanne, goss das heiße Wasser darüber, servierte alles auf einem Tablett und dachte nicht einen Moment darüber nach, was sie tat. Sie funktionierte, sie hatte oft gesehen, wie ihre Mutter das machte, sie hatte alles verinnerlicht, sie musste nicht nachdenken, sie konnte nicht nachdenken, sie wollte nicht nachdenken. Auf der einen Seite war sie stolz auf sich, dass sie das alles konnte, auch wenn sie das nie zugegeben hätte, auf der anderen Seite fragte sie sich, was das alles noch für eine Bedeutung habe. Alles schien so sinnlos.

Hans bedankte sich höflich, trank Tee, aß Kekse, fragte sie, ob sie Hilfe bräuchte, ob sie sich nicht einsam fühlte in dem großen Haus ganz alleine, ob sie wüsste, ob ihre Eltern für den Fall ihres Todes Vorkehrungen getroffen hätten. Doch was wusste Eva schon darüber?! Wer spricht schon mit den Eltern darüber, wie es nach ihrem Tod weitergehen solle, wenn sie noch ein halbes Jahrhundert leben sollten. Immer wieder versuchte Hans ein Gespräch zu beginnen, aber irgendwann wurde das Schweigen und erzwungene Reden einfach unerträglich und Eva erklärte nur kurz, dass sie müde sei und Hans bot an, bei ihr zu schlafen, doch Eva lehnte dankend ab, sie wollte einfach nur alleine sein. Hans versprach noch, am nächsten Tag nach der Arbeit bei ihr vorbeizusehen und ihr mit allem zu helfen.

Dann war Eva endlich wieder alleine, sie wollte wegräumen, sank aber stattdessen auf die Couch, griff nach der Decke, rollte sich ein und blieb liegen. Nun konnte sie nicht mehr anders, als über alles nachzudenken, was heute passiert war. Der Streit am Morgen, die Freude darüber, dass sie nicht zu ihrer Großmutter mitfahren musste, den Spaß in der Psychologiestunde als ihre Eltern womöglich gerade den letzten Atemzug taten, das Erscheinen der Polizisten, ihre Witze, die Erleichterung darüber, dass sie nicht auch mit ihren Eltern im Wagen gesessen und gestorben war, ihre bleichen Eltern mit den geschlossenen Augen, so friedlich und doch voller Angst. Keine einzige Träne hatte sie bisher vergossen. Hatte sie denn überhaupt keine Gefühle, hatte sie ihre Eltern nicht geliebt, war sie kein normales menschliches Wesen? Warum konnte sie nicht einfach losheulen? Was ging bloß in ihr vor? Was mussten die anderen Leute von ihr denken? Sie hätte so gern geweint, geschrien, Gott und die Welt beschimpft, aber in ihr war nichts, absolute Leere. Wenn sie auf ihren Körper blickte, war der da, sie fühlte ihn, sie spürte ihn, aber sie konnte ihn nicht füllen mit Leben, mit Gefühlen, mit Trauer; die Hülle war da, aber drinnen war nichts.

Irgendwann in der Nacht wachte Eva auf. Ein Gefühl unendlicher Angst hatte sie ergriffen, sie klammerte sich an die weiche Decke, rollte sich noch fester ein, aber die Kälte kroch ihr durch die Glieder, durch jeden einzelnen Winkel ihres starren Körpers. Die Heizung hatte sie nicht abgedreht, aber um elf musste sie sich von selbst abgeschaltet haben. Natürlich hätte sie in ihr Bett gehen können, eine Wärmflasche machen, sich noch ein paar Decken schnappen, aber sie wusste, dass es nicht an der Kälte in der Wohnung lag. Auch wenn die Heizung nicht lief, war es noch immer nicht kalt. Auch wenn sie am Wochenende um drei nach Hause kam und sich noch auf die Couch legte, um ein bisschen fernzusehen, war es immer noch warm. Jetzt ging sie in die Decke gehüllt, wie in einen Schutzmantel, der alles Böse von ihr fernhielt, so wie es ihr ihr Vater als kleines Kind gezeigt hatte, wenn sie nicht einschlafen konnte und in der Nacht ängstlich zu ihren Eltern ins Wohnzimmer kam, um sich dann in ihrem Bett zu verkriechen, zwischen ihren warmen Körpern, die sie vor allem Bösen beschützten, die alle schlechten Träume verjagten. Ganz automatisch bewegte sie sich vorwärts, ins Schlafzimmer ihrer Eltern, hier roch noch alles nach ihnen, ihre Haare waren auf den Kopfpolstern, die Socken lagen da, wo sie ihr Vater gestern Abend fallen gelassen hatte. Sie sog den Geruch in sich auf, legte sich in die Mitte des Ehebettes, deckte sich mit beiden Tuchenden zu und spürte beim Einschlafen die warmen Körper ihrer bereits schlafenden Eltern, hörte das leise Schnarchen ihres Vaters und das rhythmische Atmen ihrer Mutter und schlief und schlief und...