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Winterfeiertage - Zeit für Intrigen, beste Feindinnen, Fremdgeher und Überraschungen. Die Heinrichs sind eine ganz normale Familie und freuen sich, dass ihre Älteste über die Feiertage heimkommt. Was als idyllische Festtage geplant ist, wird schon bei ihrer Ankunft auf den Kopf gestellt und ein Ereignis jagt das nächste… Wird die Familie die unruhige Zeit überstehen oder kommt es zum großen Knall an Silvester?
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Seitenzahl: 519
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Andra Bergan
13 tolle Tage
Liebeskomödie
2. Auflage
Copyright © Andra Bergan
Umschlaggestaltung: Andra Bergan
Druck und Bindung: epubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
ISBN: 978-3-752981-73-5
ISBN eBook: 978-3-752942-01-9
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Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
Für den leuchtenden Stern in meinem Leben,meine kleine Große,die stets für mich da istund mich unterstützt,auf jede erdenkliche Art.Ich bin unendlich stolz auf dich,wie charakterstark und zugleich feinfühlig du bist.
Impressum
Widmung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Tag 6
Tag 7
Tag 8
Tag 9
Tag 10
Tag 11
Tag 12
Tag 13
Samstag, 20. Dezember
Der Winter ist früh in diesem Jahr eingekehrt. Seit Anfang November schneit es regelmäßig und türmt den Schnee gemächlich über der bergigen Region im Süden des Landes auf.
Jenny und Fabian haben es sich in dem kleinen Café in der Innenstadt gemütlich gemacht.
„Die Königin kommt zurück, haste schon gehört?“
Fabian, der seinen Blick auf dem wohlgeformten Hintern der hübschen Serviererin liegen hat, blickt ungläubig zu Jenny.
„Echt jetzt?“
Jenny nickt und setzt endlich ihren dreckigen Stiefel am Boden ab, der bis dahin auf der mit Stoff bezogenen Sitzbank abgestellt war.
„Wird auch Zeit. Mir wurde schon langweilig.“
„Haste noch immer nich genug?“, wagt Fabian nachzufragen und erhält von Jenny daraufhin einen derben Handstreich in die Seite.
„Bist du irre, oder was? Natürlich bin ich noch längst nicht fertig!“
Fabian zuckt nach dem Schlag zusammen, schürzt beleidigt die Lippen und dreht sich widerwillig zu Jenny.
„Also, was hast du vor, hm?“
Jenny grinst hinterhältig, schaut sich nach allen Seiten hin um und lehnt sich zu Fabian rüber.
„Also gut, dann sperr mal deine Lauscher auf…“
∞ ∞ ∞ ∞ ∞
Die letzte Vorlesung vor den Semesterferien ist beendet und Mark verlässt den Hörsaal. Ein letzter Blick zur hohen Turmuhr auf dem Universitätsgelände und ein erleichterter Seufzer geht über seine Lippen.
„Bis zum nächsten Semester“, flüstert er zum Hauptgebäude, als er von hinten stürmisch umarmt wird und sich herumdreht.
„Marlene!“, ruft er überrascht aus. „Was machst du denn hier? Bist du gar nicht bei deiner Tante?“
Erfreut schließt Mark das hübsche Mädchen in die Arme und gibt ihr einen zärtlichen Kuss.
„Ich halte es einfach nicht mehr aus, kann es nicht mehr erwarten, bis morgen der Zug geht. Tante Mila ist heute wieder so… furchtbar mäkelig, hat an allem und jedem was auszusetzen“, seufzt Marlene tiefschwer und setzt einen schmollenden Ausdruck auf.
„Nur noch bis morgen früh, dann hast du es überstanden. Das schaffst du doch, hm?“, erwidert Mark lachend, der ähnliche Sätze schon des Öfteren von Marlene gehört hat.
„Ach es wird herrlich, wieder zuhause zu sein“, frohlockt Marlene und richtet ihren Blick in den bedeckten Himmel Salzburgs. Sie vermisst ihre Freundinnen, die Unternehmungen mit ihrer Clique. Salzburg ist langweilig für sie, da sie hier so gut wie niemanden kennt, nur wenige Kontakte hat.
„Deine Familie weiß aber, dass ich dich begleite?“, erkundigt sich Mark vorsorglich und schaut Marlene ernst an.
„Aber ja und glaube mir, die werden alle ganz aus dem Häuschen sein, wenn sie dich kennenlernen…“
∞ ∞ ∞ ∞ ∞
Frau Heinrich durchwandert das weihnachtlich geschmückte Haus und verteilt die fertige Wäsche in den Zimmern des schmucken Einfamilienhauses, das die Heinrichs mit ihren beiden Töchtern bewohnen.
Herr Heinrich hat die kleine Tanne im Vorgarten kurz vor dem ersten Advent mit der weihnachtlichen Lichterkette versehen, die wenige, geschmackvolle Weihnachtsdekoration im und am Haus wurde hingegen von der gesamten Familie angebracht, ganz so, wie es bei den Heinrichs Tradition ist. „Frohes Fest“ ist auf dem schmucken Türkranz aus künstlichen Tannenzweigen und Mistelbeeren zu lesen, der an der Haustür angebracht ist und kniehohe Tannenbäumchen stehen rechts und links auf den Eingangsstufen, beleuchten allabendlich den Hauseingang in gefälligem Weißgold.
Auch das Innere des Hauses begrüßt Besucher und Hausbewohner vorweihnachtlich. Bereits im Flur des zweistöckigen Hauses hat die Familie auf dem niedrigen Schuhschrank, gleich neben der Garderobe, Weihnachtsfiguren aus Porzellan und mittig einen kleinen Weihnachtsstern in leuchtendem Rot stehen. Auf fast jeder Fensterbank im Haus finden sich Leuchtpyramiden mit warmweißer Beleuchtung und am Kamin im Wohnzimmer hängen noch immer die rotbeigen Jutesäckchen vom Nikolausfest, inzwischen jedoch geleert. Auf den Haupttischen von Wohn- und Esszimmer stehen große Duftkerzen, die von morgens bis zum Schlafengehen ruhig vor sich hin brennen und einen dezenten Weihnachtsduft von Zimt und Tannen im Haus verbreiten. Selbst die halb gewendelte, offene Buchenholztreppe, die in den ersten Stock führt, ist mit einer geschmückten, beleuchteten Tannengirlande versehen. Im oberen Stockwerk befinden sich die Zimmer der beiden Töchter der Heinrichs, ein großzügiges Badezimmer und das Gästezimmer.
Frau Heinrich geht hinauf in den ersten Stock und betritt zunächst das Zimmer ihrer älteren Tochter Marlene, das gegenüber der Treppe liegt. Normalerweise legt sie die fertige Wäsche auf den Tisch der kleinen Biedermeier-Sitzgruppe, die in Marlenes Zimmer eingestellt ist, heute jedoch räumt sie die Kleidung direkt in den Schrank und bleibt einen Moment sinnierend im Raum stehen.
Seit mehreren Tagen befindet sich Marlene in Salzburg, besucht die Schwester von Frau Heinrich und das aus gutem Grund. Marlene und Julia, die beiden Töchter der Heinrichs, verstehen sich nicht besonders gut, weshalb die Eltern beschlossen haben, ihre Kinder vorübergehend zu trennen. Sie wollen auf diese Weise sowohl den Mädchen, als auch sich selbst eine Ruhepause vor den vermehrt auftretenden Zwistigkeiten der Geschwister gönnen. Marlene freute sich sogar über die Entscheidung der Eltern, da sie über die Feiertage Urlaub hat und gern in Salzburg ist, wenn sie nicht den ganzen Tag im Haus ihrer Tante verbringen muss.
Unwillkürlich schmunzelt Frau Heinrich. Sie und ihre Schwester sind völlig unterschiedlich im Wesen. Während Frau Heinrich in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter aufgeht, hat ihre Schwester Emilia nie den Wunsch verspürt, Kinder in die Welt zu setzen. Stattdessen hatte sie sich irgendwann ihren ersten Königspudel zugelegt und behält diese Tradition bis heute bei. Ihr Hund ist ein willkommener Kinderersatz für Emilia und das Tier wiederum liebt das exklusive Verwöhnprogramm, das es bei Emilia erfährt. Ihre Schwester hat ihr Leben lang Wert auf Eleganz, Anstand und Benimm gelegt, was sich im Laufe der Jahre ins Extrem gesteigert hat. An dem bisweilen übertriebenen Verhalten ihrer Tante Mila stoßen sich auch die beiden Heinrich-Mädchen. Dabei ist Emilia ein liebenswerter Mensch, verurteilt Verfehlungen im Verhalten jedoch aufs Strengste. Auf der anderen Seite weiß Frau Heinrich ihre Große gut versorgt und bestens beschützt, da Emilia ihre beiden Nichten von ganzem Herzen liebt. Während Marlene ihre Urlaubszeit in Salzburg verbringt, unter den äußerst wachsamen Augen von Tante Mila, verlebt Julia die Schulferien bei ihren Eltern.
Julia sitzt in ihrem Zimmer, das lange brünette Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und müht sich zum x-ten Male ab, die Gaben für Weihnachten in Geschenkpapier zu verpacken. So recht will ihr das jedoch nicht von der Hand gehen. Die Zungenspitze in den Mundwinkel schiebend, betrachtet sie skeptisch ihre Verpackungskünste. Ihren Kopf zur Seite neigend, seufzt sie auf. Die erste Rolle Geschenkpapier ist bereits verbraucht, doch noch immer ist sie mit dem Resultat nicht zufrieden, egal, aus welchem Blickwinkel sie es betrachtet.
„Es sieht… schei…“ Julia hüstelt, obwohl sie allein in ihrem Zimmer ist und korrigiert sich. „… sieht bescheuert aus. Mir reicht’s echt!“
Mit diesen Worten reißt sie ihre letzte Verpackungsvariante ab und knüllt das Geschenkpapier zusammen, mit dem nun eh nichts mehr anzufangen ist. Entnervt wirft sie das Papierknäuel in eine Zimmerecke. Ihre Mutter, die im gleichen Moment an ihrer verschlossenen Zimmertür vorbeigeht, vernimmt die Worte und klopft fürsorglich an.
„Ist alles in Ordnung, Kind?“
„Ja Mam. Alles klar. Mir fehlt nur… irgendwie… auf irgendeine blöde Art und Weise, die künstlerische Hand meiner Schwester“, informiert Julia ihre Mutter durch die geschlossene Zimmertür hindurch, wo der Schuh gerade drückt.
Beruhigende Worte an ihre Mutter, begleitet hingegen von einem tiefschwer ausgestoßenen Seufzer, der für Frau Heinrich nicht zu überhören ist.
„Kann ich reinkommen?“, fragt sie daher an, vor der Zimmertür ihrer Tochter im Flur abwartend.
„Ja“, kommt es von innen, mit einer sofortigen Korrektur der eben erteilten Erlaubnis. „Nein, warte bitte. Augenblick!“
Rasch räumt Julia die auf dem Boden herumliegenden Geschenke in ihren Kleiderschrank, schlägt die Türen zu und wirft einen kontrollierenden Blick auf das derzeit vorherrschende Chaos in ihrem Zimmer, ehe sie ihrer Mutter die Tür öffnet. Die offensichtliche Unordnung vorläufig negierend, betritt Frau Heinrich das Zimmer ihrer Jüngsten, legt die Wäsche auf dem Bett ab und mustert ihre Tochter.
„Was ist denn los, meine Kleine? So aufgelöst kenne ich dich gar nicht. Ich dachte, dir und deiner Schwester würde eine Trennung für ein paar Tage ganz guttun und euch beide ruhiger werden lassen. Und nun? Habe ich das richtig verstanden, dass du Marlene vermisst?“
„Ja Mam, ist ja im Grunde genommen alles richtig. Zuerst habe ich mich ja auch gefreut, Einzelkind bei euch zu sein, aber nun vermisse ich Marlene eben doch. Klingt verrückt, ich weiß, ist aber so.“
Ein erneuter Seufzer wird von Julia ausgestoßen, tief und mit einem Hauch Traurigkeit versehen und rührt das Herz ihrer Mutter. Tröstend nimmt Frau Heinrich ihre Jüngste daher in den Arm.
Marlene ist Julias ältere Schwester. Ihre beiden Mädchen sind sehr unterschiedlich, was deren Vorlieben und Talente angeht. Julia ist erst vor einigen Monaten volljährig geworden, kleiner im Wuchs, wie ihre Mutter und konservativ ausgerichtet. Im Grunde genommen ist sie ein aufgeschlossenes, jedoch ruhiges Mädchen mit Begeisterung für alles, was mit handwerklichen Dingen zu tun hat und kommt damit nach ihrem Vater. Zugleich ist sie logisch veranlagt und hat meist einen aberwitzigen Spruch parat.
Ihre Schwester Marlene, 20 Jahre alt, von ebenso großem Wuchs wie ihr Vater, ist dagegen extrovertiert und sehr selbstbewusst. Ganz im Gegensatz zu Julia, liegen ihre Talente im Malen, Zeichnen und Modellieren, womit sie nach ihrer Mutter kommt. Oftmals stört sich Marlene an Julias recht eigenwilligen Humor, kann ihm meist nur wenig abgewinnen was unter anderem dazu führt, dass die Mädchen aneinandergeraten, was in den letzten Jahren häufiger der Fall ist.
„Vielleicht hättest du in deinen Weihnachtsferien ebenfalls wegfahren sollen, wäre das gut für dich gewesen und hätte dich zudem vom Schulalltag abgelenkt, hm?“
Ein wenig Abstand aus der Umarmung ihrer Mutter nehmend, schaut Julia sie nach diesen Worten skeptisch an. Die Lippen schürzend, schüttelt sie so energisch den Kopf, dass ihr langer Pferdeschwanz von einem Ohr zum anderen fliegt.
„Das kann nicht dein Ernst sein, Mam. Wer bitte feiert denn Weihnachten freiwillig getrennt von seinen Lieben? Das geht gar nicht und könnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Weihnachten ist das Fest der Familie, selbst wenn man eine streitlustige Schwester hat“, mault sie auf und fängt sich heute dafür nicht einmal mahnende Worte ihrer Mutter ein.
Stattdessen lacht Frau Heinrich auf und drückt ihre Tochter liebevoll an sich, ehe sie Julia auf eine Armeslänge Abstand zu sich bringt. Zuerst schmunzelnd, breitet sich das Lächeln auf dem Gesicht von Julias Mutter aus, während sie einen allwissenden Ausdruck auf ihr Gesicht legt. Julia kennt diesen Ausdruck nur zu gut und beginnt unruhig vor ihr zu wibbeln.
„Was denn? Nun sag schon, Mam!“
„Na wenn das so ist…“, wird ihre Neugier gestillt, da Frau Heinrich gute Nachrichten nie lange für sich behalten kann, „…, dann habe ich wohl eine Überraschung für dich. Deiner Schwester geht es nicht viel anders als dir. Auch sie hat Heimweh und daher…“, legt sie eine spannungssteigernde Pause ein, „…, kommt sie morgen nach Hause, mit dem Zug um halb Neun.“
Ein Freudenschrei von Julia belohnt Frau Heinrich für ihre Mitteilung und ein liebevoller Kuss trifft ihre Wange, ehe sie von Julia einmal übermütig herumgewirbelt wird. Danach innehaltend, wirft Julia einen abschätzenden Blick quer durch ihr Zimmer, ehe sie ihre Mutter liebevoll herumdreht und in Richtung Zimmertür schiebt.
„Ach nee, öhm. Oh, shi… Schande. Wenn das so ist, ich… habe noch zu tun, Mam. Nimm’s mir nicht übel, aber du musst mich jetzt machen lassen, ja? Da wartet doch noch so einiges, das für Heiligabend verpackt werden will und muss.“
Verdattert über den offensichtlichen Sinneswandel ihrer Tochter, zugleich einsichtig, lässt sich Julias Mutter widerstandslos aus dem Zimmer ihrer Jüngsten schieben. Sie kennt ihre Tochter und weiß, dass diese gerade von Feuereifer angetrieben wird.
Einen kleinen Moment später findet sie sich auf dem Flur wieder und Julias Zimmertür schließt sich erneut. Einen letzten Blick darauf werfend, begibt sich Frau Heinrich schmunzelnd zurück ins Erdgeschoss.
Ihre Mädchen! Sie können nicht miteinander, offensichtlich auch nicht ohneeinander.
Julia ist nun ganz in ihrem Element. Beflügelt von der Nachricht, dass ihre Schwester über Weihnachten zuhause sein wird, steuert sie gezielt ihren Kleiderschrank an und räumt alle Geschenke wieder heraus. Die letzte Rolle Geschenkpapier, doch diesmal wird es gut laufen, davon ist sie überzeugt.
Und wahrhaftig. Das Einpacken der Geschenke geht ihr gut von der Hand und die Resultate nach vollbrachter Arbeit sehen durchaus ansehnlich aus. Besonders viel Mühe gibt Julia sich mit dem Geschenk für ihre Schwester. Sie hat einen ägyptischen Armreif für Marlene ausgesucht, der sorgfältig in das bunte Papier eingewickelt und mit Geschenkband verziert wird. Danach ihr Werk begutachtend, nickt Julia zufrieden. Ja, jetzt kann Weihnachten kommen.
Während der Hausarbeit fällt Frau Heinrich ein, dass sie ihrer Tochter nicht erzählt hat, dass Marlene einen Besucher über die Feiertage mitbringen wird.
Frau Heinrich telefonierte an diesem Morgen mit ihrer Ältesten und Marlene erzählte ihr unter anderem, dass sie in Salzburg einen jungen Mann kennengelernt hat, dessen Elternhaus ganz in der Nähe der Heinrichs steht. Ganz die Art ihrer Tochter, hatte Marlene in den höchsten Tönen von ihm geschwärmt und fast eine halbe Stunde lang einen Monolog am Telefon bestritten. Aber so war und ist Marlene: Sehr schnell begeistert, was sich ebenso schnell ins Gegenteil wandeln kann, da sie bisweilen ein wenig flatterhaft ist.
Beim Abendessen wird sie ihrer Familie vom anstehenden Besuch berichten, nimmt Frau Heinrich sich vor und widmet sich den noch anstehenden Arbeiten im Haushalt.
Weihnachten. Das Fest der Liebe, der Geschenke und… der massenhaften Arbeit vor dem Fest, seufzt sie leise auf. Dennoch hält es sie nicht davon ab, mit einem vor sich hin gesummten Weihnachtslied als erstes den Abwasch zu erledigen.
Sie vergisst im Laufe des Tages erneut, ihre Familie vom restlichen Inhalt des Telefonats mit Marlene zu erzählen und so kommt es, dass zwar ein jeder darüber informiert ist, dass Marlene über Weihnachten daheim sein wird, vom Feiertagsgast weiß hingegen nur sie allein.
Sonntag, 21. Dezember, 4. Advent
Julia ist schon früh am Morgen wach, da sie die Nacht über vor Aufregung kaum geschlafen hat. Sie freut sich auf ihre Schwester, die heute ankommen wird, so blöd sich das selbst für sie anhört.
Julias Blick wandert zum Wecker, der auf ihrem Nachttisch steht. Kurz vor 7 Uhr und definitiv zu früh, für einen Sonntag zum Ausschlafen. Sich träge im Bett räkelnd, schweift Julias Blick unweigerlich durch ihr Zimmer, das inzwischen wieder halbwegs begehbar ist. Nun ja, zumindest für sie, die ihre ganz eigene Ordnung in der Unordnung sieht. Eine mathematische Formel, wie sie es gern ausdrückt:
X am Boden plus Y auf dem Mobiliar, geteilt durch Sportlichkeit, multipliziert mit Geschicklichkeit hoch 2 ist gleich: Ein Gang durch Julias Zimmer.
Kichernd zieht Julia sich übermütig die Bettdecke über den Kopf. Mollig und warm, ganz im Gegensatz zum tief verschneiten und garantiert kalten Tag draußen. Seit Tagen... Gar nicht wahr! Seit Wochen schneit es an so einigen Tagen, weshalb der Straßendienst alle Hände voll zu tun hat. Des einen Freud, des anderen Leid. Julia verdreht unter der Decke ihre Augen. Alle träumen von weißer Weihnacht, beklagen sich dagegen ständig über den Schnee davor und danach, was in Julias Augen unlogisch ist. Sie selbst konnte der weißen Pracht schon immer viel abgewinnen, stört sich auch nie an den kalten Temperaturen und bewegt sich das ganze Jahr hindurch viel und oft an der frischen Luft.
„Es gibt kein schlechtes Wetter…“, pflegt ihr Vater des Öfteren zu sagen, da er Julias Meinung in der Hinsicht teil. Dabei hebt er stets seinen Zeigefinger in die Höhe, eine kunstvolle Sprechpause einlegend. Diese Pause hat im Laufe der Jahre ihre Berechtigung erhalten, denn jeder aus der Familie weiß, wie der Spruch weitergehen wird und beendet daher den von ihm begonnenen Satz mit den Worten: „…nur schlecht gewählte Kleidung. Wir wissen’s ja alle, Paps“. Seine Kleinweisheit wird stets lachend ergänzt und entlockt Herrn Heinrich ein breites, zufriedenes Grinsen.
Julia schlägt den oberen Teil ihrer Bettdecke schwungvoll zurück. Ein erneuter Blick auf den Wecker, der verkündet, dass seit ihrem letzten Blick auf die Uhr erst eine Viertelstunde verstrichen ist. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, daher strampelt Julia beherzt die gesamte Bettdecke zu Boden und schwingt die Beine über den Rand ihres Futonbetts. Mit beiden Händen wuschelt sie durch ihre eh schon über Nacht zerzausten Haare. Sie wird den frühen Morgen nutzen und ihre Schwester abholen, beschließt sie spontan. Doch zuvor…
Ihren bequemen, überweiten Schlabberpulli über den Kopf ziehend, schleicht sie barfuß und leise ins Schlafzimmer ihrer Eltern im Erdgeschoss. Der kleine Punkt auf dem Wecker am Nachttisch ihres Vaters verrät, dass der Alarm eingestellt ist. Wie ein kleiner Kobold schleicht Julia auf Zehenspitzen durch das Zimmer, hin zum Nachttisch, deaktiviert den eingestellten Alarm und grinst. So weit, so gut. Ihre Eltern können heute beide ausschlafen; unverhofft, denn Julia wird in die Stadt und zum Bahnhof fahren, schließlich hat auch sie inzwischen ihren Führerschein.
Die Schlafzimmertür ihrer Eltern leise hinter sich zuziehend, begibt sie sich zurück ins Badezimmer des ersten Stocks. Eine erfrischende Dusche später, die Zähne ordentlich geschrubbt, kehrt sie zurück in ihr Zimmer, um sich anzuziehen. Ein wenig ratlos steht sie vor ihrem geöffneten Kleiderschrank, einen prüfenden Blick aus dem nahen Fenster nach draußen werfend. Schulterzuckend entscheidet sie sich für ihren weißen Lieblings-Cashmere-Pullover, dazu eine schlichte, schwarze Jeans und ein paar längere Baumwollsocken. Die Kleiderschranktüren wieder zuklappend, wirft sie nach dem Anziehen einen prüfenden Blick in den an der Schranktür angebrachten Spiegel, dreht sich selbstkritisch auf die Seiten. Ach naja, nicht gerade Modelmaße, doch mehr als passabel. Ihr zufriedener Blick verrät, dass sie mit ihrer Figur nicht unglücklich ist. Julia ist kein typisches Mädchen ihres Alters, das sich über Diäten unterhält, die neuste Mode betratscht oder sich über ihren angeblich zu ausladenden Hintern beklagt. Für sie gibt es gravierendere Dinge, über die man sich Gedanken machen kann oder sollte und das äußert sie stets offen, wenn innerhalb ihres Freundeskreises die von ihr ungeliebten Themen aufkommen, die so gar nicht ihr Interesse wecken, sie eher langweilen.
Noch einmal betritt sie das Badezimmer, legt vor dem großzügigen Spiegel über dem Waschbecken Wimperntusche und einen zarten Lippenstift auf. Auch in der Hinsicht sind die Geschwister unterschiedlich. Marlene sieht man nie ohne perfektes Make-up. Nicht im Haus und schon gar nicht außerhalb, während Julia sich auf ein Minimum an Make-up beschränkt.
Unten im Flur ihre schwarzen, kniehohen Winterstiefel anziehend, schnappt Julia sich ihre weiße Daunenjacke von der Garderobe, den Autoschlüssel ihrer Mutter vom Schlüsselhaken im Flur und zieht leise die Haustür hinter sich ins Schloss. Sie steuert den Carport neben dem Haus an, nimmt den Kleinwagen ihrer Mutter und macht sich auf den Weg, um ihre Schwester vom Bahnhof abzuholen.
Die Straßen sind bereits freigeräumt, das Wohngebiet hingegen mit einer flauschig aussehenden Schneedecke überzogen. Sonntägliche Ruhe herrscht vor, während Julia den Wagen in Richtung Stadt und zum Bahnhof lenkt.
‚Nur kein Ticket kassieren‘, ermahnt sie sich, als sie in der Kurzparkzone einen Parkplatz findet. Im Grunde genommen ist sie zu früh dran, doch das stört Julia nicht weiter. Der Bäcker am Bahnhof hat bereits geöffnet und schon beim Aussteigen und dem Abschließen des Wagens, kann Julia den köstlichen Geruch frischen Gebäcks tief in die Nase ziehen. ‚Trifft sich gut‘, denkt sie bei sich, da sie Hunger verspürt und zieht ihr Portemonnaie aus der Jackentasche. Nachdem sie das Parkticket für eine halbe Stunde gelöst und ins Auto gelegt hat, steuert sie direkt auf die Bäckerei zu.
Ein wenig stickig umschließt Julia die vorherrschende Wärme innerhalb der Bäckerei und weitaus intensiver ist hier der Geruch frischer Backwaren, lässt ihren Magen hörbar aufknurren. Sie muss nicht lange überlegen, welche der angebotenen Köstlichkeiten sie wählt. Ein Buttercroissant oder eine Brezel ist ihre immer gleiche Wahl bei frischem Gebäck. Heute wandert ein Croissant tütenlos über die Theke, wird von Julia direkt entgegengenommen, da sie es sofort vertilgen will. Die frischen Brötchen, die sie für das spätere Frühstück mit ihrer Familie mitnimmt, lässt sie einpacken. Der freundlich lächelnden Verkäuferin einen schönen Tag wünschend, verlässt Julia mampfend die Bäckerei und sucht gleich darauf das kleine Blumengeschäft im Bahnhof auf.
Wenn schon, denn schon. Es ist zwar nicht die große Liebe zwischen den Schwestern, doch ist es für Julia selbstverständlich, zur Ankunft ein paar Blumen zu kaufen. Marlene liebt Rosen, daher entscheidet Julia sich für zwei wunderschöne, rote Baccara-Rosen, die sie mit Schleierkraut und Farnblättern aufbinden lässt. In Cellophan lässt sie die Blumen nicht einschlagen, nimmt sie ohne Verpackung entgegen. Ihr Croissant mit den Zähnen haltend, bezahlt Julia die Blumen für Marlene und verlässt den kleinen Laden. Derart vorbereitet, macht Julia sich in Richtung Bahnsteig auf. Ein Blick auf die hoch angebrachte Ankunftstafel samt Uhr gibt Aufschluss darüber, wo und wann der Zug aus Salzburg einlaufen wird und dass er sogar ohne Verspätung ankommt. Noch eine Viertelstunde, die sie sich gedulden muss. Die letzten Bissen ihres Croissants vertilgend, erreicht Julia kurz darauf den richtigen Bahnsteig und läuft gemächlich auf und ab, sich auf diese Weise die Zeit bis zur Ankunft des Zuges vertreibend.
Ein lautes Pfeifen kündigt die ankommende Bahn an, die mit quietschenden Bremsen schließlich zum Stillstand kommt. ‚Mein Einsatz‘, denkt sich Julia und geht, bei der Schnauze des Zuges beginnend, langsam den Bahnsteig herab, vorbei an den einzelnen Waggons, in die sie einen kurzen Blick wirft. Am hinteren Ende des Zuges wird sie schließlich fündig, entdeckt ihre gerade aussteigende Schwester und grinst breit. Marlene! Mit wahrem Indianergeheul läuft Julia auf ihre Schwester zu und noch ehe die richtig begreifen kann was vorgeht, hängt ihr die kleine Schwester frohlockend am Hals und umarmt sie stürmisch.
„Huh… was?“, stößt Marlene verblüfft aus.
Erst nach einer Weile lässt Julia von Marlene ab, tritt einen Schritt zurück und nimmt ihre große Schwester in Augenschein.
Gut sieht Marlene auch heute aus. Das blond gelockte, schulterlange Haar trägt sie offen, hat dazu ein perfektes Make-up aufgelegt, das helle Blau ihrer Augen damit perfekt in Szene setzend. Perfekter Lippenstift, farblich passend zu ihrem perfekten Outfit abgestimmt, das von einer weitschwingenden Jacke mit perfektem, jedoch unechtem Persianerkragen perfekt vervollständigt wird. Perfekt… wie immer halt, denn nur so kennt Julia ihre Schwester.
„Schau an, mein ganz persönliches kleines Ekel von Schwester“, gibt Marlene grinsend von sich. „Und sogar mit Blumen für mich. Das ist aber lieb von dir. Sag, wie geht’s dir, wieso holst du mich ab?“
Marlene hat sich ziemlich schnell von der überfallartigen Begrüßung erholt, lächelt ihre kleine Schwester freudig an und nimmt auch die Blumen entgegen, die Julia ihr strahlend entgegenhält. Sie liebt Rosen, schätzt die kleine Aufmerksamkeit von Julia, die in ihrer Freude über das Wiedersehen mit ihrer Schwester den kleinen Rosenbund fast geknickt hätte.
„Ich habe den Wecker von Mam und Paps ausgestellt“, berichtet Julia kichernd. „Und wie es mir geht? Na jetzt, wo du da bist, geht's mir gleich viel besser, großes Ekel. Erzähl‘s ja nicht weiter“, beugt Julia sich kurzfristig ans Ohr von Marlene, „…, aber ich habe dich wirklich vermisst“, gesteht Julia flüsternd und grinst Marlene an. „Keiner, der mich angemotzt hat, niemand, der seine Musik durchs Haus dröhnen ließ und das Badezimmer war auch immer frei. War schon irgendwie langweilig, ohne dich. Aber sag, warum bist du eigentlich nach Hause gekommen? Hat es dir bei unserer geliebten Tante Etepetete etwa nicht gefallen?“
Julia quatscht Marlene ohne Punkt und Komma zu, bleibt erwartungsvoll ihr gegenüberstehen und wippt vielsagend mit ihren Augenbrauen, bei der Erwähnung der Tante. Wissend vor sich hin grinsend stehen die beiden Mädchen voreinander und tauschen sich wie alte Freundinnen aus.
„Tantchen? Oh, na sicher hätte ich es bei ihr ausgehalten, wie könnte ich auch nicht!“
Gekünstelt richtet sich Marlene zu voller Größe auf, spreizt den kleinen Finger ab und verzieht ihre Lippen zu einem angedeuteten Kussmund. Dabei piepst sie in den höchsten Tönen.
„Wollen wir vielleicht noch einen Tee miteinander nehmen? Oh Prinz, komm doch mal zu mir, mein Schätzchen“, imitiert sie übertrieben hochgestochen ihre Tante, die in Salzburg mit ihrem Königspudel „Prinz“ lebt.
Tante Mila ist wahrhaftig ein Paradebeispiel an gelebter Eleganz, übertreibt es bisweilen jedoch mächtig, was beide Mädchen nur zu gut aus eigener Erfahrung wissen. Julia prustet ihr Lachen heraus und Marlene muss zwangsläufig mit einfallen.
„Nee, also irgendwie bin ich wohl noch nicht verstaubt genug, um dieses Gehabe über die gesamte Weihnachtszeit ertragen zu können“, gibt Marlene zu und es ist an ihr, ihre Schwester herzlich in die Arme zu ziehen. „Komm her, kleines Ekel. Ist ja doch irgendwie schön, dich wieder zu haben, du Temperamentsbolzen.“
Noch einmal liegen sich die beiden Mädchen, teils lachend, teils mit glänzenden Augen in den Armen, als jemand Marlene von hinten auf die Schulter tippt.
„‘tschuldigung. Ich störe äußerst ungern, aber hat hier jemand ein Taxi gesehen und einen Gepäckträger am besten gleich mit dazu?“
Marlene löst sich aus der Umarmung mit ihrer Schwester, blickt sich um und ein bezauberndes Lächeln breitet sich auf ihrem perfekt bemalten Mund aus, ehe sie dem Störenfried in die Arme fällt, der mit einer ansehnlichen Ladung Gepäck wie aus dem Nichts hinter Marlene aufgetaucht ist. Überschwänglich küsst sie ihn mitten auf den Mund, vor Julias Augen.
„Äääh…“
Verdattert verfolgt Julia die Szene und muss aufpassen, dass ihr vor Erstaunen nicht der Mund offensteht.
„Ach Mark, dich hätte ich beinahe vergessen!“, flötet Marlene mit einem kecken Lächeln.
Sie ist ganz in ihrem Element, steht im Mittelpunkt und umfasst besitzergreifend die Hand des jungen Mannes an ihrer Seite, ehe sie sich wieder ihrer verblüfft dreinschauenden Schwester zuwendet.
„Julia, ...das ist Mark“, stellt sie den Geküssten vor und knickst übertrieben vor Begeisterung. „Wir haben uns in Salzburg kennengelernt und ich habe beschlossen, dass er über die Feiertage bei uns wohnt.“
Irritiert blickt Julia zwischen Marlene und dem jungen Mann hin und her und stößt einen ungläubigen Laut des Erstaunens aus. Da sie keine Ahnung hat, dass Marlene den Besuch bei ihrer Mutter angekündigt hat, hält sie es für eine spontane Idee ihrer manchmal ein wenig überdrehten Schwester.
Kritisch beäugt Julia die neueste Errungenschaft von Marlene, die diesmal erstaunlich guten Geschmack bewiesen hat, bei der Wahl ihres Verehrers. Er muss altersmäßig irgendwo in den 20ern angesiedelt sein und überragt Marlene um fast eine Kopflänge. Sein dunkelbraunes Haar, das fast modelmäßig gut geschnitten ist, trägt er lässig und fluffig nach hinten gestrichen. Erfrischend anders wirkt sein längerer Haarschnitt, entgegen den kurzgeschorenen Jungs, die Julia - für ihren Geschmack - mittlerweile viel zu häufig sieht und wodurch schlussendlich einer dem anderen ähnelt, als hätten sie alle gemeinsam unter der gleichen Schermaschine campiert.
Dünn ist der Typ nicht gerade, gleicht aber auch keinem Murmeltier, kurz vor dem Winterschlaf. Sie kann ihn nur als gut gekleidet bezeichnen mit seiner gepflegten, schwarzen Jeans, dem beigen Pullover mit V-Ausschnitt und dem dunklen, gerade geschnittenen Mantel, der ihm bis zur Hälfte seiner Oberschenkel reicht und ihm wirklich gut zu Gesicht steht. Sogar der Herrenduft, der von seinem Schal aus zu Julia herüberweht, ist angenehm und wirkt nicht aufdringlich. Trotz des mehr als nur passablen Gesamteindrucks, den Mark abgibt, rümpft Julia unmissverständlich die Nase und ihr Mundwerk entwickelt sofort ein Eigenleben.
„Moment… Was? Bei uns wohnt?“, reißt Julia ehrlich erstaunt die Augen auf, während Marlene begeistert nickt. „Ist ja nett, dass du einen neuen… was-auch-immer hast, aber musstest du ihn denn gleich mitbringen, wie einen verlorenen, kleinen Hund? …über Weihnachten?“
Es ist Marlene, der vor Erstaunen der Mund offenbleibt, über die offenherzige Anmerkung ihrer Schwester. Sie geht davon aus, dass ihre Mutter die Familie darüber informiert hat, dass sie über Weihnachten und Neujahr Besuch haben werden, weshalb sie ungehalten auf Julias Verhalten reagiert.
„Sag mal, geht’s dir noch gut?“
Der Typ namens Mark streckt Julia derweil höflich seine Rechte zur Begrüßung entgegen und kann sich einen Kommentar zu Julias Bemerkung nicht verkneifen.
„Grüß dich Julia, ich bin Mark. Merkwürdig! Dabei schwor mir der Friseur, dass ich nach dem Besuch bei ihm weit weniger etwas von einem Bobtail hätte. Dieser Lügner“, täuscht er Entrüstung vor, fährt sich zugleich grinsend mit der linken Hand durch sein Haar, während Julia seine dargebotene Rechte ergreift, als hätte er oder sie selbst eine ansteckende Krankheit. Mark hat wirklich gar nichts mit einem Bobtail oder Straßenstreuner gemein, sieht eher aus wie ein Model, das aus einem exklusiven Magazin entstiegen ist. Julia fragt sich dennoch ernsthaft besorgt, wie ihre Eltern Marlenes spontane Entscheidung wohl aufnehmen werden.
Marlene ist wütend und macht ihrem Ärger offen Luft. Sie fühlt sich durch Julias Worte vor Mark blamiert und schaut dementsprechend maßregelnd und arrogant auf ihre kleinere Schwester herab.
„Kannst du dich denn nicht ein einziges Mal benehmen, Julia? Es geht dich gar nichts an, wen ich wann und für wie lange mitbringe und Mama weiß davon! Es ist echt ne Schande, wie du dich aufführst…“, steigert sich Marlene in ihren Ärger hinein, „…, es gleich bei unserer Ankunft versaust und dich wie eine komplette Idiotin aufführst. Aber eigentlich sollt’s mich nicht wundern, du bist eben wie immer!“
Mark blickt irritiert von einem Mädchen zu anderen. Der plötzlich entstandene Streit zwischen den Schwestern lässt ihn peinlich berührt zu Boden schauen.
„Wow… hey, Moment mal. Mam weiß davon?“, hakt Julia entsetzt nach und lässt sich nicht anmerken, dass die öffentlich vorgebrachte Kritik von Marlene sie tief getroffen hat.
Julia ist aberwitzig, doch weder ist sie ohne Benehmen, noch dumm. Ihr ist überaus peinlich, dass sie die Situation aus Unwissenheit heraus falsch eingeschätzt hat.
„Natürlich weiß Mama davon und du hast einfach nur nicht zugehört!“
„Na das verspricht ja eine fröhliche Weihnachtszeit zu werden“, stößt Julia verzweifelt aus, als ihre Schwester sie missbilligend ansieht.
Julia greift sich den großen Reisekoffer von Marlene, der – dem Himmel sei Dank – Rollen hat, so dass Julia das schwere Ding hinter sich herziehen kann. Die mittelgroße Reisetasche hängt sie sich ächzend über die Schulter und Marlene lässt sie machen, straft Julia auf diese Weise für ihren Auftritt.
Mark, der sein Gepäck dagegen selbst trägt, bietet Julia fürsorglich Hilfe an, erntet von ihr ein verneinendes Kopfschütteln.
„Wie auch immer… Wenn die Herrschaften mir nun folgen wollen? Das Taxi steht bereit und der Träger hat alles geschultert.“
Mit ausholenden Schritten läuft Julia voran, blickt sich nicht nach den beiden um. Sollen die ihr zum Wagen folgen oder auch nicht. Sie will einfach nur nach Hause, da der Boden zu gefroren ist, um sich vor Scham in ein selbst geschaufeltes Loch zu verkriechen.
Marlene entschuldigt sich unterdessen bei Mark für das Benehmen ihrer Schwester und spricht dabei so laut, dass Julia jedes Wort mitbekommt.
„Tut mir leid, Mark. Sie ist nun mal so. Noch ein Kind, was ihr Verhalten angeht und über ihr Benehmen will ich gar nicht sprechen“, flötet sie zu Mark, ihren Arm besitzergreifend unter den seinen schiebend.
„Ach komm, Marlene, so schlimm war das doch nicht und außerdem fand ich den Spruch mit dem Hund witzig. Du hast doch gehört, dass sie nichts von mir wusste“, versucht Mark den Streit zu schlichten, spricht leise auf Marlene ein, die ihm jedoch nicht zuhört und sich längst ihre starre Meinung über Julias Benehmen gebildet hat.
Ein Ticket hat Julia nicht kassiert, auch wenn die bezahlte Parkzeit knapp überschritten ist. ‚Na wenigstens etwas‘, atmet Julia erleichtert auf und verfrachtet Marlenes gefühlt tonnenschweres Gepäck ächzend in den Kofferraum, ehe sie sich auf den Fahrersitz schwingt. Marlene und Mark setzen sich gemeinsam auf die Rückbank des Wagens. ‚Nun gut, dann wird der Chauffeur mal‘, verdreht Julia die Augen. Innerlich hatte sie gehofft, dass Marlene neben ihr sitzen und die Versöhnung suchen würde. Doch klar, die Eroberung geht – wie immer – vor. Julia schaltet zur Ablenkung das Radio ein, verspürt überhaupt keine Lust dem säuselnden Geschwätz auf den hinteren Plätzen zu folgen. Auf der Fahrt nach Hause schweigt sie beharrlich, wohingegen auf der Rückbank fröhlich geplappert wird.
Mark versucht die angespannte Stimmung im Auto zu heben, indem er von der Zeit in Salzburg erzählt. Er weiß nicht, ob Julia ihm zuhört, plaudert dennoch drauflos. Währenddessen liegt Marlene glücklich in seinem um ihre Schultern liegenden Arm und verfällt in ihr typisch mädchenhaftes Kichern, wenn er kleine Anekdoten von seinem Jurastudium und über seine Dozenten erzählt. Die Rückfahrt vergeht wie im Flug, da Julia auf den gut geräumten Straßen zügig durchkommt, was ihr mehr als recht ist.
Zuhause angekommen springt Marlene aus dem Auto und stürmt sogleich ins Haus, mit Mark im Schlepptau. Ungerührt überlässt sie es Julia, ihr Gepäck aus dem Kofferraum zu hieven und hinterher zu schleppen.
„Mama, Papa, ich bin wieder Zuhause!“, ruft Marlene lautstark durchs Haus, dass es selbst Tote erwecken könnte.
Mark hält sich derweil dezent im Hintergrund, mustert die gemütlich-moderne Einrichtung des schmucken Einfamilienhauses, das die Heinrichs bewohnen. Ein anheimelnd, zugleich modern eingerichteter Flur führt geradeaus in das groß wirkende Wohnzimmer. Mark nimmt an, dass der um die Ecke weiterführende Flur in den hinteren Bereich des Hauses führt, wo vermutlich Schlafzimmer und Bad zu finden sind. Rechts neben der Haustür führt eine sanft gewundene Treppe ins obere Stockwerk, links vom Flur geht die Küche ab, aus der die Mutter von Marlene strahlend heraustritt und ihre heimgekehrte Tochter jauchzend in die Arme schließt.
„Marlene, Kind, schön dass du wieder da bist. Wir alle haben dich ganz schrecklich vermisst. Doch sag, wie geht es dir, wie Tante Mila und wie war die Reise?“
Frau Heinrich vermittelt einen herzlichen Eindruck. Das blonde Haar trägt sie, wie Marlene, schulterlang. Ihr rundes Gesicht wird von einem gutmütigen Lächeln dominiert. Kleine Lachfältchen umspielen die wachen, graublauen Augen und lassen Frau Heinrich sympathisch wirken. Sie mag um die Eins Fünfundsechzig sein, ist ebenso groß wie Julia. Etwas rundlich um die Hüften, kann man sie dennoch nicht als füllig bezeichnen. Sie trägt Wohlfühlkleidung, ohne primitiv oder hausbacken zu wirken. Eine legere schwarze Hose, darüber ein edles Weihnachts-Shirt mit „Merry Christmas“-Aufdruck und dazu ein paar schlichte Ballerinas.
„Mama! Tante Mila will nicht so genannt werden, das weißt du doch!“, mokiert sich Marlene gespielt und wirft ihrer Mutter ein keckes Grinsen entgegen, die sich daraufhin sofort korrigiert.
„Ach Gottchen, ja stimmt“, geht sie sogleich auf die gespielte Kritik ihrer Tochter ein und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Wie geht es Tante Emilia und Prinz, ihrem hochwohlgeborenen Königspudel mit Adelspapieren?“
Herr Heinrich kommt aus dem Esszimmer dazu, das von der Küche abgeht, und schließt sich der allgemeinen Wiedersehensfreude an. Mit seinen Armen vermag er sowohl seine Frau, als auch seine Tochter zugleich umarmen zu können, drückt sie so herzlich an sich, dass die beiden hörbar aufschnaufen.
„Ach ja, meine Mädchen sind alle wieder zusammen.“
Er ist größer als seine Frau, mag um die Eins Fünfundsiebzig sein und hat seine Größe ganz offensichtlich an seine Erstgeborene, Marlene, vererbt. Ein paar graue Strähnen finden sich in seinen mittelbraunen Haaren, seine grünbraunen Augen strahlen hingegen die gleiche Herzlichkeit aus, wie bei Frau Heinrich. Erst jetzt bemerkt er Mark, der noch immer neben der Haustür wartet und ihm grüßend zunickt. Frau und Tochter aus seiner bärigen Umarmung entlassend, betrachtet er den junge Mann neugierig. Frau Heinrich folgt dem Blick ihres Mannes, gibt die leicht gequetschte Marlene aus ihrer Umarmung frei und schaut gleichfalls zu Mark.
„Ach je, Sie müssen glauben in einem Irrenhaus zu sein“, folgert sie aus dem Verhalten ihrer nicht ganz so normalen Familie und wirft ihm ein entschuldigendes Lächeln zu.
„Nein, nein, schon gut“, lacht Mark auf. „Ich kann die Wiedersehensfreude nachvollziehen. Gestatten... Mark Gutborn. Aber bitte nennen Sie mich Mark. Ein wirklich schönes Heim haben Sie, Frau und Herr Heinrich“, stellt Mark sich namentlich vor und setzt ein überaus charmantes Lächeln auf, woraufhin Julia ihren Blick genervt gen Raumdecke hebt.
‚Angeber‘, denkt sie, ‚Schleimer‘, fügt sie noch hinzu, während sie sich noch immer mit dem schweren Gepäck ihrer Schwester abmüht.
Frau Heinrich zögert nicht, geht direkt auf den jungen Mann zu. Seine zur Begrüßung dargebotene Rechte negierend, zieht sie ihn stattdessen in eine mütterliche Umarmung und klopft ihm wohlwollend auf den Rücken. Rücksichtnehmend entlässt sie ihn weitaus schneller aus der Umarmung als ihre Tochter zuvor.
„Herzlichen Dank, Mark. Wir freuen uns, dass du hier bist und hoffen, dass du ein paar schöne Feiertage bei uns verlebst. Sag, möchtest du deine Eltern anrufen, eine kleine Erfrischung oder erst ablegen und auspacken?“
Herr Heinrich schaut noch immer sichtlich verwirrt drein, wusste ebenfalls nichts von dem Besuch, den Marlene aus Salzburg „importieren“ würde und wirft seiner Großen einen fragenden Blick zu, die mit einem selbstgefälligen, äußerst zufriedenen Lächeln reagiert.
„Nein danke, Frau Heinrich. Meine Eltern sind über Weihnachten mit meinem kleinen Bruder nach Florida geflogen, da ich eigentlich vorhatte, meine Semesterferien in Salzburg zu verbringen. Als mich Ihre Tochter jedoch für die Feiertage einlud, da konnte ich unmöglich ablehnen“, gibt Mark offen und ehrlich Auskunft und bringt somit die gesamte Familie Heinrich auf denselben Wissenstand, ohne es überhaupt zu ahnen.
Herr Heinrich horcht unterdessen interessiert bei dem Wort „Semesterferien“ auf, nähert sich dem jungen Mann und streckt ihm begrüßend seine Rechte entgegen.
„Was studierst du, Mark?“, erkundigt er sich prompt, ohne, dass seine Frage dem typisch väterlichen Verhör ähnelt, das er sonst immer führt.
Mark erwidert den Willkommens-Händedruck des Hausherrn und will gerade antworten, als Frau Heinrich ihm zuvorkommt.
„Günther, nun lass die Kinder erstmal richtig ankommen und auspacken. Danach kannst du Mark in Ruhe ausfragen“, bittet Frau Heinrich ihren Mann, Mark zugleich indirekt vorwarnend, was ihn erwarten wird. „Kinder, wollt ihr nicht erst einmal frühstücken? Und Julia…“, schwenkt sie herum und visiert Julia an, „…, mit dir möchte ich reden, sofort!“
Verflixt! Julia hat sich im allgemeinen Durcheinander mit den Koffern einen Weg ins Haus gebahnt und will diese gerade an der Garderobe im Flur abstellen, als sie bei den Worten ihrer Mutter alarmiert aufschaut.
„Ja, Mam?“, hakt sie vorsichtig nach.
„Wer hat heute Morgen den Radiowecker ausgestellt? Du konntest es wohl nicht erwarten, deine Schwester wiederzusehen, hm?“
„Ich, äh…“, setzt Julia an und verstummt, angesichts des wütenden Seitenblicks, den sie sich von Marlene einfängt und der selbst ihrer Mutter nicht entgeht.
Frau Heinrich folgert ihre eigenen Schlüsse aus dem Blick, erinnert sich daran, dass sie ihrer Familie nichts von dem Besuch erzählt hat. Ihre Hand landet mit einem leisen Klatschen auf der eigenen Stirn.
„Ach Gott, ich Schussel. Ich habe euch ja gar nicht erzählt, dass Marlene einen Bekannten mitbringt…“, setzt sie zu einer Erklärung an und wird von Marlene korrigiert.
„Freund, Mama. Ich habe meinen Freund mitgebracht.“
„…, der über die Feiertage bei uns bleibt. Doch im Grunde ist das ja inzwischen überholt. Mark ist hier, wir alle kennen ihn nun und daher sollten wir es uns gemütlich machen, nicht wahr?“, bringt Frau Heinrich ungerührt ihren Satz zu Ende und blickt danach erneut zu Julia, die sich noch immer mit dem Gepäck ihrer Schwester abmüht, um die sperrigen Sachen irgendwie an der Garderobe unterzubringen, ohne dass sie im Weg stehen.
„Julia“, fordert sie bestimmt, „deine Schwester kann sich selbst um ihr Gepäck kümmern. Wir frühstücken jetzt gemeinsam, ihr habt sicherlich Hunger.“
Keine Antwort abwartend, geht sie in die Küche voran und deckt den Tisch im nebenan liegenden Esszimmer neu ein, legt zusätzliche Gedecke auf. Schließlich ist der 4. Advent und da gehört ein gemeinsames Familienfrühstück dazu, wie das Grün zum Tannenbaum, die Kerze auf den Adventskranz.
Gemeinsam am reich und festlich gedeckten Frühstückstisch sitzend, mit den von Julia besorgten Brötchen, bedankt Mark sich vorab für die Einladung und erzählt, abwechselnd mit Marlene, von ihrer gemeinsamen Zeit in Salzburg und auch, wie sie sich dort kennengelernt haben.
Marlene hatte sich einen Tag lang von ihrer Tante befreit, war zur Eislaufbahn gegangen, um sich dort mit ein paar Freundinnen zu treffen. Mark war mit zwei seiner Studienkollegen ebenfalls dort. Am Stand für heiße Getränke hatte Mark sich als Gentleman erwiesen und Marlene ihre Bestellung zuerst aufgeben lassen, woraufhin sie ins Gespräch kamen und feststellten, dass sie am gleichen Wohnort leben.
Die frischen Brötchen kommen gut an, vernehmen sich rasch und waren eine gute Idee von Julia, die sich zwischenzeitlich in die Küche verdrückt, um sich noch einen Kaffee zuzubereiten. Sie fängt das vielsagende Zwinkern ihrer Mutter auf, das sie ihrem Vater zuwirft.
Frau Heinrich kann den jungen Mann schon jetzt leiden. Er hat Benehmen und wirkt dazu aufgeschlossen. Obendrein weist er ein adrettes Erscheinungsbild auf. Ihr Mann ist ähnlich beeindruckt von der Wahl seiner Erstgeborenen, unterhält sich mit Mark angeregt über dessen Jurastudium und unterlässt vorerst sein sonst übliches Verhör.
Julia hält sich aus den Gesprächen bei Tisch heraus, setzt sich mit ihrem frisch gebrühten Kaffee dazu und beobachtet. Nur mäßig hungrig kaut sie an ihrem Brötchen herum. Nach dem für sie gefühlt endlosen Frühstück hilft sie ihrer Mutter sichtlich freier durchatmend beim Abdecken des Tisches, beim Abwasch und Aufräumen. Frau Heinrich packt die Gelegenheit beim Schopf und hält Julia am Arm zurück, dreht sie sanft zu sich herum und blickt ihr forschend ins Gesicht.
„Kind, was ist denn los, hm? So schweigsam erlebe ich dich nur, wenn du krank wirst. Fühlst du dich nicht gut?“
„Nein Mam, keine Sorge, ich fühle mich nicht krank“, gesteht Julia offen und ehrlich. „Ich habe mich nur gründlich danebenbenommen, wie’s aussieht.“
Sie berichtet ihrer Mutter den Vorfall am Bahnhof, ziemlich kleinlaut, jedoch wahrheitsgemäß. Als ihre Mutter daraufhin in herzhaftes Lachen einfällt, atmet Julia erleichtert auf. Jetzt hat sie Gewissheit, dass ihre Äußerung lange nicht so schlimm war, wie Marlene es aufgefasst hat.
„Das war alles?“, hakt Frau Heinrich sicherheitshalber nach, noch immer schmunzelnd. „Ich finde es halb so schlimm. Mark schien sich doch nicht angegriffen gefühlt zu haben, oder doch? Wobei er bei mir nicht den Eindruck erweckt, dass er sich schnell auf den Schlips getreten fühlt.“
„Nein, er nahm es mit Humor“, erwidert Julia, sich zeitgleich an den Spruch mit dem Bobtail erinnernd.
„Na also, dann nimm den Kopf hoch und schau wieder fröhlich in die Welt, einverstanden? Das ist kein Grund, um sich den Tag verderben zu lassen, Kind.“
„Mam, du bist die Beste!“
Erleichtert umarmt Julia ihre Mutter, die immer noch schmunzelt.
„…wie ein kleiner verlorener Hund…“, wiederholt Frau Heinrich kichernd, „..., das war wirklich gut.“
Mutter und Tochter kichern gemeinsam und Julia fällt ein Stein vom Herzen. Einmal mehr wird ihr klar, weshalb sie ihre Eltern von Herzen liebt. Stets bringen sie Verständnis für ihre Kinder auf, stehen ihnen jederzeit hilfreich zur Seite. Daher trifft Frau Heinrich ein liebevoller Kuss, bevor die beiden sich nach getaner Arbeit in der Küche gleichfalls ins Wohnzimmer begeben, wo sich der Rest der Familie samt Mark aufhält.
„So Kinder, was wollt ihr denn heute unternehmen?“, fragt Frau Heinrich mitten im Wohnzimmer, auf dem flauschigen Chinateppich stehend.
In dem modernen Kamin flackert ein munteres Feuer, auf das Herr Heinrich gerade einen Holzscheit nachlegt. Marlene und Mark haben es sich händchenhaltend auf der weißen Ledercouch gemütlich gemacht, ihre Kaffeebecher vom Frühstück mitgenommen und auf dem gläsernen Wohnzimmertisch mit dem hübschen, länglichen Adventsgesteck abgestellt. Herr Heinrich schaut gleichfalls fragend auf, nachdem er die Tür vom Kaminofen geschlossen hat und sich wieder den Anwesenden zuwendet.
„Naja“, gibt Marlene als Erste Antwort, „ich bin echt müde von der Reise, konnte letzte Nacht nicht schlafen und würde mich gerne ein wenig frisch machen und dann hinlegen. Was ist mit dir, Mark?“
Frau Heinrich wirbelt dazwischen da ihr einfällt, dass sie ihrem Gast noch nicht sein Zimmer gezeigt hat, das er für die Zeit seines Aufenthalts bei den Heinrichs bewohnen wird.
„Wenn du dich ebenfalls hinlegen möchtest, Mark…“, bietet Frau Heinrich an, „…ich habe unser Gästezimmer für dich vorbereitet.“
„Das ist sehr lieb von Ihnen, Frau Heinrich, doch ich bin nicht müde, vielen Dank. Ich denke, ich werde einen kleinen Winterspaziergang machen, die Frische genießen, nach der stickigen Luft im Zug. Möchten Sie mich vielleicht begleiten?“
„Oh nein, im Haus wartet noch jede Menge Arbeit auf meinen Mann und mich. Günther, wärst du so lieb und bringst uns bitte noch ein wenig Kaminholz rein. Ich würde es uns heute Abend gern so richtig gemütlich machen.“
„Aber Frau Heinrich, das kann ich doch erledigen“, bietet Mark sogleich seine Hilfe an und ist schon halb vom Sofa auf, als Frau Heinrich dankend abwinkt.
„Nein Mark, du bist unser Gast und machst einen schönen, ausgiebigen Spaziergang. Ganz so, wie du es geplant hast. Julia, willst du Mark nicht begleiten? Ein bisschen frische Luft würde dir guttun. Du wirkst ein wenig blass um die Nase.“
Innerlich verdreht Julia die Augen. Das ist so typisch ihre Mutter, die Mama Theresa der Heinrichs. Stets ein versöhnliches Lächeln auf dem Gesicht und Frieden stiftend, wann immer sie es für angebracht hält. Im Grunde genommen wäre dies zwar ein guter Anlass, um sich bei Mark zu entschuldigen, jedoch möchte Julia den Zeitpunkt dafür selbst wählen. ‚Ausrede, wo bist du‘, befragt Julia sich verzweifelt, bis ihr das zuvor von ihrer Mutter Erwähnte wieder einfällt und ihr eine angebrachte, durchaus nachvollziehbare Ausrede liefert.
„Nein Mam, ich bleibe natürlich hier und helfe dir bei der Arbeit“, bietet sie mit einem liebevollen Lächeln zu ihrer Mutter hin an.
Als hätte die einen Riecher für erfundene Ausreden, blickt Frau Heinrich ihre Jüngste mit ihrem typischen ‚netter Versuch-Blick‘ an.
„Du gehst mit, Punktum“, beschließt Frau Heinrich und, schon einmal dabei Entscheidungen zu treffen, fährt sie munter damit fort. „Du Marlene, hüpf unter die Dusche und leg dich danach ein Weilchen hin, wenn du Schlaf nachholen willst. Du Günther, beschaffst noch ein wenig Feuerholz für später und ich…“, überlegt sie eine Weile, „…werde noch rasch die Wäsche bügeln und mir danach in Ruhe einen Kaffee nehmen und ein Päuschen gönnen. Nachher treffen wir uns dann alle wieder oder unternehmen gemeinsam etwas.”
Man merkt und sieht, dass Frau Heinrich Talent im Organisieren und mit der Verteilung von Aufgaben hat, seit Jahren damit vertraut ist. Ihre für sich angekündigte kleine Pause wird von allen wohlwollend und lächelnd zur Kenntnis genommen, was auch kein Wunder ist. Seit Jahren hat sie Haushalt, Kinder, Garten und Mann im Griff, sorgt jeden Tag für einen geregelten Ablauf im Haus, wie ihr Mann außerhalb ihres Heims. Nie klagt sie, hat immer ein aufmunterndes Wort oder einen guten Rat zur Hand und dabei liegt stets ein Lächeln auf ihrem gutmütigen Gesicht. Und ihre Familie? Die dankt es ihr mit aufrichtiger Liebe.
„Danke Mama“, gibt Marlene von sich und gähnt zur Bestätigung.
Wunder über Wunder, schafft sie es sogar, die Hand von Mark loszulassen und sich vom Sofa zu erheben, wie Julia bemerkt. Ein kühler Blick geht zu ihrer Schwester hin, die Marlene beobachtet.
„Julia, du kannst dich wirklich nützlich machen, gerade nach deinem Auftritt am Bahnhof. Schließlich ist Mark über Weihnachten und Neujahr unser Gast. Also stell dich nicht so an. Dir wird schon kein Zacken aus der Krone brechen, wenn du mit ihm ein paar Schritte gehst“, nörgelt sie an Julia herum und fängt sich dafür einen maßregelnden Blick ihrer Mutter ein, der Marlene zum Verstummen bringt.
Frau Heinrich wird Marlene nicht vor allen anderen zur Rede stellen. Sie weiß auf ihre Art, Verbalattacken zwischen den Geschwistern mit einem Blick im Keim zu ersticken.
„Wie... ich denke nur über Weihnachten?“, fragt Julia nach und kann nicht verhindern, dass ihr diesmal wirklich vor Verwunderung die Kinnlade runterklappt.
„Nein, der Hund bellt auch zu Neujahr, Julia, sofern deine Eltern nichts dagegen haben“, wirft Mark grinsend ein und erntet ein heiteres Auflachen ihrer Mutter, während Julia die Röte ins Gesicht schießt.
Musste er sie ernsthaft schon wieder mit ihrer Bemerkung vom Bahnhof konfrontieren? Gerade hatte sie von den peinlichen Geschehnissen Abstand gewonnen. Nur mit Mühe kann sie sich die Frage verkneifen, ob er denn wenigstens stubenrein ist, und beißt sich auf die Unterlippe, um den Mund zu halten. Herr Heinrich weiß nicht, worauf sich Marks Bemerkung bezieht, schweigt jedoch. Stattdessen geht er auf seine Frau zu, nimmt sie liebevoll in den Arm und nickt Julia aufmunternd zu.
„Na, mein Mädchen“, merkt er zu Julia gewandt an, „Du bist doch gerne draußen, bei fast jedem Wetter und ich denke, frische Luft tut jedem gut. Es gibt schließlich kein schlechtes Wetter…“
Sein Zeigefinger schießt in die Höhe und die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten.
„…nur schlecht gewählte Kleidung“, antwortet das Trio, bestehend aus Frau Heinrich, Marlene und Julia.
Herr Heinrich versteht es, mit seinem zufriedenen Grinsen auch den Rest der Familie zum Lachen zu verleiten. Frau Heinrich gibt ihrem Mann einen liebevollen Kuss, Marlene macht sich auf den Weg ins Obergeschoss, um ihrem Plan zu folgen, Julia schüttelt grinsend den Kopf über ihren Vater und Mark… hat den Vorgang mit hochgezogenen Augenbrauen verfolgt und kann sich ein Lachen kaum verkneifen.
Er mag die Familie, die er heute kennengelernt hat. Die Eltern von Marlene sind wahrlich herzliche Menschen und haben ihren ganz eigenen Charme und die Schwestern… Nun ja, dass es zwischen den Geschwistern Reibereien gibt, hat er bereits am Bahnhof erfahren. Er kennt ähnliche, eigentlich überflüssige Streitereien aus dem Zusammenleben mit seinem Bruder heraus und erinnert sich daran, dass es zwischen ihnen ebenfalls teils heftig zuging, als sie beide noch jünger waren. Mittlerweile hat sich das gegeben, jedoch aus dem Grund, dass Mark inzwischen in Salzburg studiert und nicht mehr zuhause wohnt. Noch heute ist sein kleiner Bruder ihm dankbar, dass er nun das größere Zimmer im Elternhaus bewohnt, dazu sogar die teure Stereoanlage „vererbt“ bekommen hat. Marks Blick geht zu den beiden Heinrichs, die noch immer beieinanderstehen und vertraut miteinander flüstern. Mark freut sich auf die Zeit, die er mit dieser Familie verbringen darf. Er liebt die Weihnachtszeit und war enttäuscht, dass seine Familie die Festtage in Florida verbringt. Die Einladung Marlenes hat ihn dieses Jahr einem anderen Familienschoß zugeführt, wofür Mark dankbar ist. Und die kleine Kratzbürste, geht sein Blick weiter zu Julia, die wird er sich mal genauer ansehen. Er verkneift sich ein Grinsen, denn er hat sehr wohl mitbekommen, dass der kleinen Schwester Marlenes ein bissiger Kommentar für ihn auf den Lippen lag. Auf unerklärliche Weise ist er neugierig, wie der ausgefallen wäre und nimmt er sich vor, es aus ihr heraus zu kitzeln.
Julia begegnet seinem Blick, kraust ihre Nase zu ihm hin und entschwindet wortlos aus dem Wohnzimmer. Herr Heinrich spaziert durch die Terrassentür hinaus in den verschneiten Garten, der im Sommer sicherlich ein Traum ist, was man selbst jetzt, mit der dichten Schneedecke darüber, erahnen kann.
Frau Heinrich geht auf Mark zu, der sich inzwischen gleichfalls vom Ledersofa erhoben hat und breitet einladend ihren Arm aus, um ihn mit sich zu nehmen.
„Nun Mark, Julia wird sich wohl fertigmachen und wir beide nutzen derweil die Zeit, dass ich dir dein Zimmer zeige, hm?“, lädt sie ihn ein und schenkt ihm ein herzliches Lächeln.
Mark erwidert das Lächeln und folgt der Hausherrin nur allzu gern und auch neugierig. Die führt ihn in den ersten Stock, zum Zimmer am Ende des L-förmigen Flurs und öffnet die Tür. Mark staunt. Das Zimmer ist gemütlich eingerichtet, duftet frisch und ein weihnachtlich bezogenes Bett fordert ihn geradezu heraus, sich darauf auszustrecken.
„Frau Heinrich, das ist ein wirklich sehr schönes Zimmer und ich danke Ihnen und Ihrem Mann nochmals recht herzlich für die ausgesprochene Einladung. Seien Sie so gut und sagen mir offen, wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise während der Feiertage unter die Arme greifen kann.“
Ein Laut des Entzückens geht über die Lippen von Frau Heinrich und aus mütterlichen Impuls heraus, zieht sie Mark in eine kurze, zugleich herzliche Umarmung.
„Schon gut, mein Junge. Dein Angebot ist sehr lieb gemeint und wenn’s wirklich deftig kommt, werde ich vielleicht, unter Umständen, auf gar keinen Fall darauf zurückkommen“, geht sie schmunzelnd auf seine Worte ein und tätschelt seinen Oberarm.
Frau Heinrich will sich ihrer angekündigten Arbeit widmen und danach eine kleine Auszeit vom Alltag nehmen, weshalb sie kehrt macht, Mark in Ruhe sein Zimmer erkunden lässt und sich auf den Weg zurück ins Erdgeschoss begibt. Grinsend bleibt Mark in der offenen Tür zum Gästezimmer stehen. Diese Frau ist sensationell, in mehrfacher Hinsicht. Mark zieht sich in das ihm überlassene Zimmer zurück, nimmt sich die Zeit, sich genauer anzusehen, wo er für die nächsten Tage zuhause sein wird.
Im Grunde genommen ist das Gästezimmer schlicht eingerichtet, das Mobiliar jedoch großartig ausgesucht. Der rechteckige Raum wurde zweifarbig in Weiß und Anthrazit gehalten. Gleich vor ihm befindet sich ein modernes, breites Bett mit Lederkopf- und Fußteil. Neben dem Bett stehen rechts und links Glastische mit modernen Edelstahllampen darauf. Ein geräumiger, weißer Schwebetüren-Kleiderschrank, der sich zu seiner Rechten befindet, mit großen Spiegeln. Linkerhand befindet sich unter dem breiten Fenster eine schwarze Zweisitzer-Ledercouch mit Bruchglastisch davor. Ein leuchtend roter Weihnachtsstern ziert den Tisch, ebenso eine kleine Schale, gefüllt mit Weihnachtsgebäck von dem Mark ausgeht, dass Frau Heinrich es gebacken hat. Eine weiße Hochglanzkommode an der kürzeren Wand, mit einer kleinen Musikanlage darauf, vervollständigt das Zimmer und ein Hochflorteppich in Anthrazit verleiht dem Raum Gemütlichkeit. Auch mit weihnachtlicher Dekoration wurde nicht gespart. Auf dem Fensterbrett steht eine Weihnachtspyramide aus hellem Holz und mit warmweißen Licht, daneben wurde eine längliche Schale aufgestellt, die, sicherlich von der Familie selbst, mit Moos, Tannenzapfen und -zweigen dekoriert wurde. Eine Duftkerze auf dem kleinen Beistelltisch, neben der Sitzgarnitur und eine weiße Weihnachtsdecke auf dem Couchtisch, die mit goldenen Sternen bestickt ist. Nicht zu viel, nicht zu wenig Dekoration. Weihnachtlich, ohne überladen oder kitschig zu wirken. ‚Ja, so lässt es sich aushalten, würde auch ich mich einrichten‘, resümiert Mark anerkennend und macht sich gleich daran, seinen Koffer auszupacken, der auf wundersame Weise in das Zimmer gelangt ist.
Ihr schmeckt es nicht, gefällt nicht, dass sie Anstandswauwau spielen soll für einen Gast, den sie irgendwie nicht wirklich kennt und bei dem sie gleich zu Beginn ins Fettnäpfchen gehüpft ist. Das dementsprechend missgestimmt geworfene Kissen landet auf ihrem ungemachten Bett, während Julia überlegt, wie sie sich davor drücken kann, mit Mark einen Spaziergang unternehmen zu müssen. Kopfschmerzen? Zu banal. Fuß verstaucht? Zu hinderlich für längere Zeit und zudem besteht immer die Gefahr, dass man zwischendurch auf dem falschen Fuß humpelt, was richtig peinlich wird. Übelkeit! Nee, sie ist schließlich nicht schwanger. Seufzend geht sie die Möglichkeiten durch, doch keine will ihr so recht in den Kram passen.
„Och menno!“, flucht sie auf und bearbeitet ihr Bettzeug heftiger als üblich. Unterbewusst weiß sie, dass ihr Unwillen einzig auf dem für sie peinlichen Missverständnis am Bahnhof beruht, gesteht es sich allerdings nicht ein. Das Kopfkissen bietet sich geradezu an, mit den Fäusten aufgeschüttelt zu werden und daher dauert es länger, bis ihr Bett endlich gemacht ist. Julia geht zu ihrer geschlossenen Zimmertür, hält lauschend ihr Ohr dagegen. Ruhe. ‚Hmm, vielleicht hat er sich ja doch hingelegt‘, überlegt Julia und öffnet lautlos ihre Zimmertür einen Spalt breit. Den Kopf durch den Türspalt schiebend, reckt sie ihn vor und versucht einen Blick auf das weiter hinten liegende Gästezimmer zu erhaschen, als sie auf Widerstand stößt.
„Autsch!“
So schnell kann sie gar nicht reagieren, wie ihr Kopf gegen Marks Magen prallt, der just in diesem Moment über den Flur spaziert und mit Julia zusammenstößt. Er stolpert einen Schritt zurück, wendet sich dann jedoch besorgt an Julia.
„Hey, tut mir leid. Ich hatte nicht mit dir gerechnet“, entschuldigt er sich und mustert Julia mit ernstem Gesichtsausdruck. „Hast du dir wehgetan?“
‚Okay, schlimmer geht’s echt immer‘, schießt es Julia durch den Kopf, während sie sich verhalten die Stirn reibt. ‚Fettnäpfchen, wo bist du, damit ich geradewegs in dir landen kann‘ zieht sie sich selbst auf, bevor sie Marks Frage beantwortet.
„Nein“, gibt sie peinlich berührt von sich und tritt auf normale Weise aus ihrem Zimmer heraus, aufgerichtet und ohne Versteckspiel. „Alles gut und solange du keine Stahlplatte vor dir herträgst, gibt’s noch nicht mal ne Beule.“
Mark fängt an zu grinsen, reißt Julia mit. Ihr Fettnäpfchen hätte schlimmer, mit brodelndem Öl befüllt sein können, denn wenigstens hinterfragt er nicht ihr merkwürdiges Heraustreten aus ihrem Zimmer.
„Versteckst du dich vor jemandem? Vor dem schwarzen Mann?“
Mark versaut’s in diesem Moment, schaut übertrieben auffällig den Flur herauf und herab, als suche er nach jenem Wesen und entlockt Julia dadurch ein Schnauben.
„Nein, ich wollte an dir vorbeischleichen, ist doch offensichtlich!“, bombardiert sie ihn mit der schonungslosen Wahrheit und schürzt die Lippen.
„Na dann bin ich ja beruhigt. Ich hatte schon die Befürchtung, dass in diesem Haus ein Kobold oder Schlimmeres lebt“, kontert er und legt seine Hand theatralisch auf sein Herz, als hätte er panische Angst.
Sie kann nicht anders, muss auflachen. Er versaut’s schon wieder, indem er sie zum Lachen bringt. Kopfschüttelnd legt sie ihren Finger über ihre Lippen und deutet ihm an leise zu sein, wegen Marlene, deren Zimmer gleich neben Julias liegt. Mit dem Kinn deutet sie zur Treppe, dass sie runtergehen sollten. Er jedoch schüttelt vehement den Kopf, zieht fragend die Schultern hoch. Wiederholt nickt sie mit ihrem Kopf in Richtung Treppe, doch er schüttelt erneut den Kopf, deutlich heftiger als zuvor. Wortlos stehen sie sich gegenüber, verständigen sich einzig durch Körpersprache. Mark hält seine Hand über seinen Kopf, lässt seine Finger darüber spielen und erreicht bei Julia… ein verständnisloses Blinzeln. Was zum Henker will er denn? Ihr Kopf geht in seine Richtung, während sie fragend die Schultern hebt. Dieses Spielchen würde weitaus länger dauern, wenn Mark sich nicht erklärend an ihr Ohr vorbeugen würde.
„Kannst du mir vielleicht kurz zeigen, wo das Badezimmer ist?“, bittet er flüsternd.
Julia muss sich auf die Unterlippe beißen, damit ihr das prustende Lachen nicht entkommt, das sich unbedingt Luft verschaffen will. Ihre Hand vor den Mund legend, nickt sie und bedeutet Mark, dass er ihr folgen soll. Er hatte bereits vermutet, dass es die Tür ist, die sich mittig zwischen seinem Zimmer und der Flurbiegung, gegenüber von Julias Zimmer befindet. Um jedoch nirgendwo unangemeldet reinzuschneien, hat er den Versuch unterlassen, auf eigene Faust auf Erkundungstour im Haus der Heinrichs zu gehen. Julia folgend, muss auch er sich zusammenreißen, um nicht herauszulachen, da die Situation wirklich urkomisch war. Dankend neigt er seinen Kopf zu Julia herab, die Klinke der Badezimmertür bereits in der Hand. Nah an ihrem Ohr flüstert er ihr ein „Danke“ zu und entschwindet im Bad.
Fassungslos grinsend verharrt Julia vor der verschlossenen Tür. ‚Gott nein, bloß nicht seine Benutzung des WCs mithören‘, ermahnt sie sich und hastet auf leisen Sohlen die Treppe hinab ins Erdgeschoss. Ein rascher Blick ins Wohnzimmer, wo ihre Mutter sich die angekündigte Pause gönnt und die Beine hochgelegt hat. Da sie ihre Augen geschlossen hat, vermutet Julia, dass sie ein Nickerchen macht. Ein überlegender Blick zur Küche, ob noch Zeit für einen schnellen Kaffee ist, als Schritte von der Treppe zu vernehmen sind. Sich umdrehend, blickt sie direkt zu Mark, der mit seinen Augenbrauen wippt und bedeutungsvoll gen Haustür nickt.
„Echt jetzt?“, hakt Julia flüsternd nach. „Ich dachte, du hättest es dir überlegt!“
Striktes Kopfschütteln, als Mark bereits die letzte Stufe genommen hat und neben ihr im Flur steht. Auch sein Blick geht um die Ecke, nimmt Frau Heinrich ruhend im ausladenden Ledersessel wahr.
„Komm schon, Eisprinzessin“, flüstert Mark, „Oder hast du Angst, dass dir draußen deine bissigen Kommentare einfrieren?“, provoziert er grinsend.
Hagrrr. Das hat gesessen. Julias Nasenflügel erbeben, ehe sie ihr Kinn reckt und unverzüglich in ihre Stiefel schlüpft, die gleich neben der Haustür auf der dafür vorgesehenen Matte stehen, ohne ihren Blick dabei von Mark zu nehmen.
