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Mit 18 Monaten durfte ich zum ersten Mal in den Urlaub fahren. Das war 1955 schon was Besonderes. Wir fuhren auf einen Bauernhof in Hindelang im Allgäu. Auch in den kommenden Jahren fuhren wir dort hin. Es waren tolle Ferien, die sich meine Eltern „vom Munde“ absparten. Die Reisen von Marco Polo, Humbold und die Bücher von Karl May pflanzten in mir das Fernweh oder erweckten es nur? Mit 18 Jahren war es so stark geworden, dass es nicht mehr bezähmbar war. Im Trend der damaligen flower power Zeit zog es „alle Jugendlichen“ nach Indien zur Selbstfindung. Minirock, Popkonzerte und Haschisch symbolisierten die kulturelle Befreiung. Der Käfer, R4 und 2CV den mobilen wirtschaftlichen Aufschwung. Das Haar trug “Man(n)“ lang und die Hosen hatten Aufschlag und waren weit ausstehend. In die Schluchten des Balkans und durchs wilde Kurdistan sollte unsere Reise gehen. Unwissenheit und Entdeckungswille ließen uns mit kleinem Geldbeutel - ohne Rücksicht auf Verluste - starten. Wir wussten nicht so recht wohin, und auch nicht, was auf uns zukam - und das war gut so. Wir hatten die Überzeugung der Jugend, alles zu schaffen und sahen nur das, was wir sehen wollten. Hindernisse gab es keine, wir waren doch jung. -es war Juni 72 wir hatten 800 DM gespart -3-2-1-los
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Reiseerlebnisse - 1972, 13 Wochen, 10850 km
Immer behütet und umsorgt
So lebte ich als Jugendlicher
Sehnsucht und Zielfindung
Die Vorbereitungen oder besser gesagt, Unwissenheit lässt Taten wahr werden
Los geht’s - und Tschüss
Istanbul, 2000km von zuhause
Griechenland
Italien
Danksagung
Über den Autor
Weitere Bücher desselben Autors:
Kamikaze – Kakushin…. nur ein Haschen nach Wind
Aikido Selbstverteidigung im
GeschäftsLEBEN
Emotionale „Auslieferung“ die perfekte Inszenierung
„Durch die Schluchten des Balkan, durch das Land der Skipetaren- von Bagdad nach Stambul- auf den Spuren von Karl May und Marco Polo…“
Liebe Leser,
vielen von Ihnen ist es gar nicht mehr bewusst, dass die heutige Zeit mit der Zeit vor 40 Jahren nur noch sehr wenig zu tun hat. Wir müssen uns bewusst damit beschäftigen, dass es heute vieles nicht mehr gibt, was wir zur damaligen Zeit als selbstverständlich oder sogar als fortschrittlich betrachtet haben. Kleidung, Kommunikation, Regeln, Verbote, soziale und gesellschaftliche Werte haben sich total gewandelt. Darüber hinaus gibt es heute viele Dinge, die wir für total selbstverständlich halten, von dem wir damals überhaupt nicht wussten, dass es sie einmal geben würde. Erstaunlich dabei ist, dass nur einige Jahrzehnte zwischen damals und heute liegen. Die etwas Jüngeren unter uns können sich die Lebensumstände in den Siebzigern gar nicht vorstellen.
Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte war so rasant, dass bereits eine Generation nach uns Begriffe und Gegenstände unseres täglichen Lebens nicht mehr kennt. Computer waren etwas Besonderes und funktionierten mit Lochkarten.
Es gab noch keine Farbfernseher, Handys und keine Medien zur Kommunikation, wie wir sie heute kennen.- Der Computer der Firma, in der ich meine Lehre machte, hatte 60 GB!! mit denen er die gesamten Finanzen steuerte.
Frauen durften erst seit einigen Jahren ohne Erlaubnis des Ehemannes oder Vaters den Führerschein machen!! Bis 1977 mussten die Frauen die Erlaubnis der Ehemänner oder Väter haben, wenn sie arbeiten wollten! Erst nach 1969 galt eine verheiratete Frau als geschäftsfähig! Also früher war vieles eben auch nicht so selbstverständlich, wie wir es heute annehmen.
Keine 24 Stunden Geschäftszeiten in Einkaufzentren! -Tante Emma Läden waren üblicherweise von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr und von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr, samstags bis 12.00Uhr und sonntags geschlossen. Internet und Einkaufzentren kannte man noch nicht. Weltweite Navigation, Al- inclusive Reisen – Fehlanzeige - also gehen Sie nicht von dem aus, was sie heute als selbstverständlich erachten.
Wir hatten nur Träume, ohne zu wissen, was auf uns zukam - und das war auch gut so!
Nicht nur die Welt funktionierte anders, auch unsere Erziehung und Ausbildung war mit der heutigen kaum vergleichbar. Werte wie Zuverlässigkeit, Respekt, Rücksichtnahme und Engagement prägten unser Verhalten. Traditionen wurden noch gelebt.
Wenn ich also heute zurückblicke, erscheint mir vieles recht eigenartig und manchmal unvorstellbar, was wir einfach gemacht haben, ohne die Möglichkeiten zu kennen und zu haben, die uns heute zur Verfügung stehen.
Ahnungslosigkeit und Selbstvertrauen ist der Stoff, aus dem Pioniere und Abenteurer gemacht sind.
Es war wie bei der Hummel, die eigentlich aufgrund ihrer Gewichts- Flügel-Relation nicht fliegen dürfte, dies aber nicht weiß und deshalb einfach fliegt!
Ich wuchs auf mit einer Mutter, die sich liebevoll und ohne Unterlass um alle Dinge meines Lebens kümmerte. Wir hatten ein harmonisches und umsorgtes Familienleben Mein Vater war fleißig, aber wir achteten alle sehr aufs Geld, da das meistens gerade so von Woche zu Woche reichte. Meine Mutter beschützte mich vor Übergriffen aller Art mit ganzer Leidenschaft, was sogar der Religionslehrer erfahren musste, als er der Klasse eine kollegiale Strafe - 24 mal das „Walte Gott“ abzuschreiben-!!! verpasste, da sie sich nicht ruhig verhielt. Da ich an diesen Unruhen nicht beteiligt war, trat sie schriftlich dafür ein, mich davor zu befreien und forderte den Lehrer auf, dafür zu sorgen, die zu bestrafen, die auch ursächlich dafür verantwortlich waren. Mein Wort genügte ihr und meine Glaubwürdigkeit war unverrückbar für ihren totalen Einsatz und zum Schutze meiner Person. Ich war eher ein Nesthäkchen als ein Abenteuer. Das „Durchbeißen“ übernahm meine Mutter für mich.
Wir waren einer Gruppe von 5 Jungs, die sich aus der Volksschule - so hieß damals die Schule für das breite Volk - kannten: Gerhard, Wolfgang, Nolden, Walter und ich.
Im Werkunterricht in der 8. Klasse bastelten wir z.B. gemeinsam Armbrüste, mit denen wir „auf die Jagd“ gingen.
Unsere „Hauptquartier“ lag im Scilla Wäldchen, ein unterirdischer selbstgegrabener Fuchsbau. Unser Lieblingsspielplatz war Pattonville, die Mülldeponie der Amerikaner, etwa 7km entfernt von unseren Wohnplätzen, unsere unberufenen Landesverteidiger, die uns mit ihrem Abfall die große weite Welt nach Mühlhausen brachten.
Ersatzteile für unsere Gefährte und auch zum Verkauf, Jim Beam Konserven aller Art, Playboy und die Rangabzeichen der Soldaten und Offiziere waren die begehrtesten Artikel jener Zeit. Wir sammelten und handelten eifrig. Die „Ware“ verstauten wir in unserem Endlager im Scilla Wäldchen - ein 5 x 6 Meter Kernzimmer mit entsprechenden Zu- bzw. Aus- und Eingängen ca. drei Meter unter der Erde. Dort begrüßten uns dann die Pin Ups aus unseren früheren Beutezügen von den Wänden. Von richtigen Frauen wollten wir eigentlich noch gar nichts wissen.
Ein immer wieder schönes Erlebnis war es, wenn wir Lackdosen fanden, die wir dann, wenn möglich beim Vorbeigehen in die Kartoffel und Bohnenstangenfeuer der Bauern warfen, die dann erschraken, wenn etwas zeitverzögert das herrliche Feuer explodierte.
Nach der Schulzeit ging es in eine Lehre - Ausbildung gab es damals noch nicht!
Ich hatte Glück und durfte auf der Wirtschaftsschule meine Mittlere Reife nachholen.
Danach machte ich meine Lehre als Industriekaufmann in einer Werkzeugmaschinenfabrik in Bad Cannstatt. Somit waren wir alle zuerst mal mit unserer Lehre beschäftigt. Am Wochenende traf man sich zu Konzerten und im Gemeindehaus zum Tanz oder wir fuhren nach Biberach - um die ersten Erfahrungen der freien 70er zu genießen. Wir kamen vom Land und lernten auf dem Land das kennen, was man eben damals als „verrucht“ und neu - heute würde man hip sagen - bezeichnete. Das erste kleine Geld floss - 125 DM im ersten Ausbildungsjahr - man war also wer!
Es war damals „in“, sein Heim zu verlassen und den Duft der großen weiten Welt zu schnuppern, nach Indien zur freien Liebe zu pilgern und die Grenzen des bürgerlichen Lebens hinter sich zu lassen. Woodstock war allgegenwärtig. Die antiautoritäre Erziehung wurde in allen Formen und Bereichen ausprobiert
Seit ich 18 Monate alt war, fuhren wir jedes Jahr mit der Bahn ins Allgäu auf den Bauernhof. Wir alle halfen dem Bauern und der Bäuerin bei der Arbeit und bekamen dafür Vergünstigungen, damit wir uns den Urlaub überhaupt leisten konnten. Man hatte damals noch die Butterdose beim Vesper dabei, um die nicht verbrauchte Butter mitzunehmen und dann zuhause beim Kochen verwenden zu können. Sparen war angesagt und die Verschwendung irgendwelcher Güter nicht vorstellbar. Das Sammeln von Heilkräutern, Beobachten der Tiere und Bewandern der Gegend in einer der Tradition behafteten Gemeinschaft wurde zelebriert. Staudämme im Bach und Wind und Wasserräder markierten die Plätze, an denen wir wirkten. Als junger Mensch hatte ich jedoch gar keine Lust zum Lesen und meine Mutter versuchte mich durch die Auswahl entsprechender Literatur, die mein Interesse traf, zu motivieren. Was liegt näher als Karl Mays Reisen mit Kara Ben Nemsi kennenzulernen. Marco Polo und nicht zuletzt Alexander von Humboldts Reisen hatten mein Fernweh und meine Abenteuerlust geweckt. Zur damaligen Zeit war es in, dass man nach Indien fuhr - Selbstfindung und körperliche Befreiung waren dort verheißen. Aber zumindest wollten wir in den Iran, den Schah, den es damals noch gab, besuchen. Aber auf alle Fälle den Ararat sehen, auf dem die Arche Noahs gelandet ist. Das war so die Richtung, die sich in unseren Köpfen manifestiert hatte. Wie weit wir in unseren 13 Wochen dabei kommen würden, mussten wir abwarten, wir wussten ja nicht, wie die Straßen beschaffen waren und welche Hindernisse es zu überwinden gab. Auch die Situation im Grenzgebiet zwischen der Türkei und dem Iran war nicht klar. Wir hatten nur immer wieder gehört, dass die Aufstände der Kurden teilweise sehr blutig niedergeschlagen wurden und es sehr gefährlich war, dieses Gebiet zu bereisen.
Mit dem Besuch der Wirtschaftsschule biss ich mein erstes Loch in meinem Kokon, der mich während meiner gesamten Jugend beschützt und eingeschlossen hatte.
Mit Beginn der Lehre bekam ich auch einen geringen finanziellen Hintergrund, um mir die ersten bescheidenen Ausflüge zu ermöglichen. Im ersten Lehrjahr, nicht Ausbildungsjahr, bekam ich 125 DM im Monat.
Bei uns im Haus wohnten die Kokokts, ein Gastarbeiterpärchen, so nannte man die Menschen, die in der Zeit zu uns kamen und das deutsche Wirtschaftswunder aufzubauen, und die es besser haben wollten als bei sich in der Heimat. Das Titoreich als sozialistische Bastion bestand noch in seiner Gänze und war eine doch etwas „seltsame“ Bastion zwischen Ost und West.
Hans und seine Frau Liliana waren tolle und hilfsbereite Menschen, die sich bei uns sehr wohl fühlten. Eines Tages mussten sie zurück nach Zagreb, um ihre Visa zu verlängern und luden mich ein, sie zu begleiten. Meiner Mutter war dabei nicht wohl, konnte jedoch deutlich erkennen, dass sie mich davor nicht abhalten konnte und ich im Schutze von Hans und Liliana gut aufgehoben wäre. Ich war gerade 16 Jahre alt und noch nie im Ausland gewesen. Das Allgäu war der weiteste Punkt entfernt von meinem Zuhause, den ich kannte. Ich war nervös und freute mich, dieses unbekannte neue Land besuchen zu können. - Also ging es los. 16 Stunden in einem VW Baujahr 1962 auf Bundes- und Landesstraßen über die Pässe nach Jugoslawien. Heute braucht man sicher auch so lange, was jedoch am Verkehrsaufkommen liegt, obwohl es moderne Autobahnen gibt. Damals war das Verkehrsaufkommen minimal, allerdings durfte man jedes Dorf durchfahren! Und Staus durch Tiere auf der Straße und Pannenfahrzeuge/Plattfuß, kochende Kühler etc. waren Gang und Gäbe.
Am Wurzen Pass standen stundenlang Autos überhitzt, Lastwagen kamen nicht darüber und es war auf der Straße eine Situation, wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen kann. Sowohl die Straßen als auch die Autos waren bei Weitem nicht auf dem Stand und in der Lage, die Herausforderungen der Landschaft zufriedenstellend hinter sich zu bekommen. Es war mehr Qual und Kampf als Reisen. Straßenbeleuchtung war übrigens damals auf den meisten Straßen nicht vorhanden. Ich lernte Menschen aus dem Libanon, Slowenien, Kroatien, Russland und Makedonien kennen. Der Morgen begann bereits mit Rotwein, Paprika, Salami Schinken, Käse und Zwiebeln. Und Mokka. Shikscha, Trommeln und Flötenmusik lies ein orientalisches Gefühl bereits mit der morgendlich wärmenden Sonne erlebbar werden.
Der ganze Tag und die Nacht! erlebte ich Balkan!!!
Eine neue, bunte und faszinierende Welt.
Dies wurde noch verstärkt, als ich zum ersten Mal in meinem Leben mit den Kokots die Botschaft besuchte. Ein großes Essen war vorbereitet und es gab Fleisch im Überfluss - das kannte ich nicht, denn ich war groß geworden mit der Erfahrung, dass es einmal in der Woche Fleisch gab und das in recht übersichtlichen Portionen. War ich denn hier nicht in dem Land, in dem die Leute zu uns ausreisten, damit es ihnen besser ginge?
Bei der Begrüßung und Verabschiedung im Konsulat – und nicht nur dort!!! - wurde ich gedrückt und geküsst, dass es mir die schamhafte Röte ins Gesicht trieb- auch das war für mich eine gänzlich neue Erfahrung. Wir in Deutschland und in unserer Familie hatten das nicht so gepflegt. Ich hatte das unbeschreibliche Gefühl, dass die Damen dort alles versucht haben, um zu sehen, wie sich ein Jüngelchen in Deutschland so schlägt. Die Türen im inneren des Hauses in Zagreb konnte man nicht abschließen - auch das war für mein behütetes Wesen ganz neu und unverständlich. Dies galt natürlich auch für Schlaf und Badezimmer- und ich muss noch hinzufügen, dass das Haus nur so von „Fremden/innen“ wimmelte.
Bei einem Tanzabend in den Weinbergen ging es munter zu. Slibovic und Wein zu Zigeunermusik - ich wusste gar nicht, wie man feiern konnte.
Jetzt war meine Reiselust vollständig geweckt und es war für mich klar, um es mit Marco Polo zu sagen - „auf – gen Osten!“. Der Ruf der Freiheit und des Abenteuers nahmen Besitz von mir.
Jetzt war nur die unbedeutende Frage:
Wie? Wer oder besser Mit Wem? Wohin? Wann?
Das Wohin war für mich ziemlich schnell klar. Immer nach Osten - möglichst nach Indien, wie gesagt, das war damals aus verschiedenen Gründen angesagt.
Mit wem, war aufgrund unserer Ausbildung und Veranlagungen auch recht einfach zu erkennen, mit Walter.
Er hatte seine Lehre als Elektriker (Strippenzieher und das meine ich nicht abwertend, das hieß damals so bei uns) bereits hinter sich und verdiente schon richtig Geld. Er war außerdem 6 Monate älter als ich und hatte damit seinen Führerschein schon Anfang 1971 in der Tasche. Sein Hobby war das Basteln an Autos- vorwiegend alten Autos, die man sich eben leisten konnte und die die eine oder andere Reparatur notwendig hatten. Die Teile besorgte man sich vom Schrott und der Rest war Nervensache und Try and Error.
Damit war das Wie auch geklärt, mit dem Auto einem „gebrauchten“ R4 mit 26 PS und Knebelschaltung. Er war mit jeder Schraube am Auto per Du und besonders mit den Bremsen vertraut, da diese permanent seiner Aufmerksamkeit bedurften!!
Auch war er getrieben, Neues zu entdecken und so fanden wir schnell Konsens, die Welt gemeinsam zu entdecken.
Er wechselte im Herbst zur Fachhochschule, um dort seine Ausbildung fortzusetzten, somit war der Zeitraum für uns klar, wir hatten fast 3 Monate Zeit im Sommer, unseren Traum wahr werden zu lassen.
Wer aufgepasst hat, wird sich fragen, wie kann jemand, der in der Ausbildung war, fast drei Monate fehlen?
Ja, das ging zur damaligen Zeit aber eben auch nur dann, wenn alle Parteien mitgespielt haben. Ich fing morgens um 6:00 Uhr in der Registratur an und wechselte dann um 9:00 Uhr in die nächste Abteilung, die auf dem Ausbildungsplan stand. Um 17:00 Uhr ging ich dann wieder in die Registratur und machte dort die Post fertig. Somit konnte ich zwei Abteilungen gleichzeitig „erlernen“!! Nichts mit Arbeitszeitordung und Jugendschutzgesetz. Das ist die Freiheit, die möglich ist, wenn es alle wollen und es für alle zum Segen wird. Meine schulischen und fachlichen Zeugnisse haben natürlich nicht unter dieser Belastung leiden dürfen! Also langer Rede kurzer Sinn - die entsprechenden Überstunden zusammen mit meinem Jahresurlaub deckten diesen Zeitraum ab.
Meine ersparten 800 DM waren auch respektabel, wenn auch nicht üppig. Wir wollten ja auch keinen Luxusurlaub machen - aber wussten damals schon, was ein Luxusurlaub ist. Urlaub, bei dem man wegfuhr an sich, war schon was Besonderes.
HERAUSFORDERUNG 1:Ich hatte keinen Führerschein!
Wie gesagt, ich war ein halbes Jahr jünger als Walter und hatte damit noch keine Führerschein und natürlich auch keine Fahrerfahrung.
Dass einer die gesamte Strecke fahren sollte war für uns kein Thema. Es konnte ja auch passieren, dass einer krank wurde oder sich verletzte, sodass der Mitfahrer auf alle Fälle fahren können musste. Also zuerst auf das ADAC Gelände an der Solitude - Gefühl für das Fahrzeug bekommen und zu wissen, wo was wie funktioniert. Praktische Erfahrung auf der Straße war aber unvermeidbar und nötig, um sich auch im Verkehr - der damals recht übersichtlich war, zurecht zu finden.
Es gab da so ein kleines Sträßchen von Mühlhausen nach Zuffenhausen in einem Tal, gesäumt mit Wald und Feldern, die einen Ein- und Überblick für die Ordnungshüter nicht ermöglichten. Es war ein besserer Feldweg, der einspurig verlief und alle paar hundert Meter eine Einbuchtung hatte, damit die Fahrzeuge sich gegenseitig vorbeilassen konnten, war prima geeignet. Als besondere Herausforderung verkehrte auf diesem „Fizinalstäßle“ der Linienbus der Firma Kniesel, sodass entsprechende Aufmerksamkeit und Reaktion und Einschätzung des anderen Verkehrs nötig waren, um dort durchzukommen. Die Polizei war auf dieser Umgehungsstraße äußerst selten unterwegs, lediglich der „Feldschütze“ wachte über die Sicherheit in Wald und Flur, was mir/uns eine gewisse Ruhe vermittelte. Das war mein Fahrschule Gelände. Worüber ich mir keine Gedanken machte, war die Tatsache, wie wohl der Verkehr in Istanbul funktioniert oder was ich machen würde, wenn eine Motorradstreife mich stoppen und eine Fahrzeugkontrolle machen würde - aber davon später.
HERAUSFORDERUNG 2:Das Auto
Wie gesagt, Walter hatte seien ersten Renault R4 mit Knüppelschaltung gebraucht gekauft.
Jeden Samstag lag er unter oder über dem Fahrzeug und präparierte es für die lange Tour. Bremsen, besonders Bremszylinder, Lenkung, Lichtmaschine, und Kupplung wurden überarbeitet und teilweise als Ersatzteile mitgenommen. In zwei großen Taschen hatte Walter alles zusammengestellt, was ihm erlaubte, möglichst allen Eventualitäten gerecht werden zu können.
Zusatzscheinwerfer und eine Alarmanlage- als Elektriker war natürlich alles möglich- wurden installiert. Fahrzeugdiebstähle waren nicht so an der Tagesordnung, aber wo wir hinfuhren, wussten wir nicht, was auf uns zukam. - Gott sei Dank.
