1972! - Andrea Morgari - E-Book

1972! E-Book

Andrea Morgari

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Beschreibung

1972! ist eine lustvolle realistische Erzählung. Orte sind Bonn, das Siebengebirge, Teneriffa, Lanzarote und Köln. Die Story beginnt am 15. Februar und endet am 27. April 1972. Alles ist fiktiv, alles der Wirklichkeit abgelauscht, selbst Mondstand und Wetter. Ausgegraben werden eine Geschichte aus der späten Studentenbewegung in Bonn ein Konflikt um Heinrich Böll im Tutorium von K. D. Bracher Liebes- und Freundschaftsgeschichten auf den Kanaren das Beziehungsdrama einer weltberühmten Italienerin ein politischer Konflikt unter rheinischen Juristen eine wilde Verfolgungsjagd auf Lanzarote sanfte Gewalttaten eines deutschen Kanzleramtsministers ein Abgesang auf RAF, deutsche Maoisten, Putzbrüder Verneigungen vor Simone de Beauvoir, René Allendy, Jacques Prévert Grüße an Georg Lukács, Alfred Schmidt, Frank Benseler das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt und seine Beueler Freunde. Versprochen, Leserinnen und Leser, ist eins: Sie werden nicht bevormundet!

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Seitenzahl: 381

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Salud! den spanischen Demokraten, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten gegen die Franco-Diktatur

Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Kapitel Vierundzwanzig

Kapitel Fünfundzwanzig

Kapitel Sechsundzwanzig

Kapitel Siebenundzwanzig

Kapitel Achtundzwanzig

Kapitel Neunundzwanzig

Kapitel Dreißig

Kapitel Einunddreißig

Kapitel Zweiunddreißig

Kapitel Dreiunddreißig

Kapitel Vierunddreißig

Kapitel Fünfunddreißig

Kapitel Sechsunddreißig

Kapitel Siebenunddreißig

Kapitel Achtunddreißig

Kapitel Neununddreißig

Kapitel Vierzig

Kapitel Einundvierzig

Kapitel Zweiundvierzig

Kapitel Dreiundvierzig

Kapitel Vierundvierzig

Kapitel Fünfundvierzig

Kapitel Sechsundvierzig

Kapitel Siebenundvierzig

Kapitel Achtundvierzig

Kapitel Neunundvierzig

Kapitel Fünfzig

Kapitel Einundfünfzig

Kapitel Zweiundfünfzig

Kapitel Dreiundfünfzig

Kapitel Vierundfünfzig

Kapitel Fünfundfünfzig

Kapitel Sechsundfünfzig

Kapitel Siebenundfünfzig

Kapitel Achtundfünfzig

Kapitel Neunundfünfzig

Kapitel Sechzig

Kapitel Einundsechzig

Kapitel Zweiundsechzig

Kapitel Dreiundsechzig

Kapitel Vierundsechzig

Kapitel Fünfundsechzig

Kapitel Sechsundsechzig

Kapitel Siebenundsechzig

Kapitel Achtundsechzig

Kapitel Neunundsechzig

Kapitel Siebzig

Kapitel Einundsiebzig

Kapitel Zweiundsiebzig

Kapitel Dreiundsiebzig

Kapitel Vierundsiebzig

Kapitel Fünfundsiebzig

Kapitel Sechsundsiebzig

Kapitel Siebenundsiebzig

Kapitel Achtundsiebzig

Kapitel Neunundsiebzig

Kapitel Achtzig

Kapitel Einundachtzig

Kapitel Zweiundachtzig

Kapitel Dreiundachtzig

Kapitel Vierundachtzig

Kapitel Fünfundachtzig

Kapitel Sechsundachtzig

Kapitel Siebenundachtzig

Kapitel Achtundachtzig

Kapitel Neunundachtzig

Eins

Es brach das Wetter am Siebengebirge, die Stoßfront riss entzwei von Kuchenbach bis Bockeroth. Milchweiß steppten letzte Wolken über Sonderbusch, der Saum nordwärts schon zerfleddert, im Süden ein Gespinst aus Zementstaub, der Wind ließ es beben wie ein Leintuch. Unterirdisch blau pflügte in der Mitte ein Keil nach Osten, darin kein Staubkorn mehr und die Luft oxydiert. Der Sturm funkte nur noch Radiowellen, er hing sie an den Himmel des Hügellandes hinter dem Heiligenhäuschen von Hartenberg.

-- Schau dir das an! Als ob eine Invasion vom Mars bevorstünde.

Frank bremste und landete halb im Graben. Er sprang aus dem Wagen und lief zur Brücke über die Autobahn. Auf der Spiegelreflex aus Dresden war aufgeschraubt das 20er Flektogon, und eingelegt ein 400er Farbfilm von Fuji. Ans Geländer gelehnt belichtete er mit Blenden ab 4 in halben Stufen und war fertig mit der Serie vor einer ersten Regenbö. Er schob den Apparat unters Hemd und schlenderte zur Straße zurück. Der Regen war erstaunlich mild für die Jahreszeit.

-- Im Hemd! Du holst dir noch den Tod, Schatz.

-- Doch du passt ihn ab und bringst ihn auf andere Gedanken.

Frank fiel in den Sitz und reichte Vera die Kamera. Er zündete den Motor, fuhr aber nicht los, sondern lehnte sich zurück, legte ihr die Hand auf den Oberschenkel und sah sie an. Sie saß still und schüttelte dann belustigt den Kopf. Auf der Abfahrt nach Oelinghoven rubbelte sie sein Haar und kraulte ihn. Sie hörte auf, als er das Auto auf der abschüssigen Alten Poststraße in Stieldorf parkte.

-- Was wird das heute?

-- Ein Abwehrkampf. Und hoffentlich gibt es was Anständiges zu trinken.

-- Du wirst ihm nicht nachgeben?

-- Hab ich nicht vor.

Zwei

Das Haus lag im schrägen Licht, davor der rote BMW. Im Innern noch eine Ahnung von Almas Veilchenparfüm, alles wie gewohnt, nein, das Patriarchen-Gemälde des großen Wilhelm Zabel gegenüber der Garderobe fehlte.

-- Hast du den Schinken entsorgt oder noch deine Mutter?

-- Das hätte sich Alma nicht getraut, sagte Paul, die Putzfrau hat mich gedrängt. „Ist ein fürchterlicher Staubfänger, man braucht die hohe Leiter, die aber hat Ihre Mutter mitgenommen ...“

Vera lachte und hängte sich bei Paul ein.

-- Den Bau hätte ich auch genommen, da hältst du sogar das Kaff hier aus. Und sie hat dir auch ihren roten Flitzer überlassen?

-- Künftig will sie Lancia fahren wie Monica Vitti. Sie übt gerade stilgerecht in Mailand, die Bonner Wohnung im Römerlager hat sie schon perfekt gemacht.

Es klingelte. Inka und Mirabeau standen vor der Tür.

-- Wer kommt noch? fragte Vera, nachdem sie Mirabeau umarmt hatte.

-- Die Party ist komplett.

Paul winkte ins Wohnzimmer.

-- So reicht auch der Wein, stellte Inka fest, wir haben nämlich nur noch einen einzigen Probenkoffer.

Mirabeau und Paul waren auf dem Weg zum Balkon, Paul die Hand auf der Schulter des Wikingers.

Die Katze war rollig und machte einen Buckel. Sie streunte zu Frank, der vor der Bücherwand stand und rieb sich an seinem Bein. Inka berührte Vera am Ellenbogen.

Man versammelte und setzte sich.

-- Ich habe ein Art Flugblatt mitgebracht und einen Tipp-Schein. Womit soll ich beginnen? fragte Paul in die Runde, während Mirabeau eine Flasche Silvaner aus Rheinhessen entkorkte und eingoss, die Gläser standen bereit.

-- Was ist amüsanter?

-- Das Flugblatt der Maoisten, ich les mal vor: „Auf dem Höhepunkt des rheinischen Stumpfsinns, der sich als Frohsinn tarnt, lud auch dieses Jahr wieder das ZDF in seine Bonner Kulissen. Alle kamen, die meisten kostümiert. Und wer durfte nach Auskunft der werktätigen Genossin hinter der Theke wie selbstverständlich dabei sein? Frank Barreur, Inka Gotland und Anhang. Der Verwaltungsdirektor schmiss ihnen eine Runde nach der andern und diese Zierden des Salonsozialismus genossen die repressive Toleranz der Staatsmacht in vollen Zügen. Barreur scharwenzelte um die Focke rum, als wolle er morgen ihr persönlicher Referent im Kanzleramt werden. Nichts dagegen. Dann bleibt dem Graduiertenausschuss auf jeden Fall dieser Edelproletarier als Vorsitzender erspart.“

Paul schaute in die Runde und merkte, dass seine Gäste das amüsant fanden.

-- Was war da?

-- Karneval! Wir waren zu viert und hatten natürlich keine Karten. Wir machten impertinent auf „SPIEGEL direkt aus Hamburg“ und kamen rein. Als wir drin waren, hat Frank einen untersetzten Piraten an den Schultern gepackt, umgedreht und ergriffen angeglotzt: Du bist prominent! Du bist Lino Ventura! Der wehrte sich gar nicht erst, sondern hat gleich eine Runde ausgegeben und dann noch eine. Dass es ein hohes Tier im ZDF war, ahnten wir erst, als die Focke Frank für seinen Referenten hielt.

-- Also stimmt das mit der Focke?

-- Es war viel schlimmer, fuhr Inka fort. Frank ist nicht nur um sie herumscharwenzelt, er hat sie beim Tanzen mit beiden Händen unterm Po gepackt und hochgestemmt, damit sie sich auf seiner Heldenbrust abstützen konnte. Sie hat in seinen Haaren gewühlt und ihm Locken gemacht, sie hat die Arme geschwenkt wie das Funkenmariechen der Garde, sie hat gejauchzt. Alle haben geguckt und einige sogar geklatscht, es war genug Zeit dafür.

-- Und du, Vera? fragte Paul ungläubig.

-- Ich bekam das nicht mit, ich musste mich wehren gegen gewagte Griffe von Lino.

-- Nicht in der Métro, in den Räumen des Staatsfernsehens ging es Zazie an die Wäsche, prustete Frank los, ganz erfüllt von Raymond Queneaus Paris-Tableau, aus dem er Vera noch am Nachmittag vorgelesen hatte.

Vera schaute ihn abschätzig an, dann fiel ihr das passende Zitat ein.

-- „Du quasselst, du quasselst, das ist alles, was du kannst.“

Inka nahm die Hand vor den Mund, die anderen waren offen amüsiert.

-- Und was ist mit dem Tipp-Schein? fragte Mirabeau nach einer Weile.

Paul schaute missmutig und antwortete nicht.

-- Paul, jetzt tu nicht so, als ob diese Sektierer mit ihrem doofen Flugblatt etwas bewirken könnten, warf Inka ein. Frank wird gewählt werden und wenn nicht er, dann ich, aber doch keiner von denen.

-- Bist Du sicher? Die Nummer ist gut formuliert und trifft einen Punkt.

-- Ja, aber bei wem? fragte Frank. Bei den Doktoranden?

Er musterte in der Stille das Gefechtsfeld und ging zum Angriff über.

-- Paul, Du hast uns gerufen, weil dringend über das Zeitschriften-Projekt zu reden sei, und es stimmt, eine Verständigung ist fällig. Mir scheint nach wie vor klar, dass wir ohne die Schreibkundigen aus den Institutsgruppen einen Start gar nicht erst zu diskutieren brauchen, denn mit unsern paar Hanseln kriegen wir vielleicht ein schönes Einzelheft hin, aber keinen ganzen Jahrgang. Mit der strammen Hegel-Fraktion aus den Institutsgruppen wird es allerdings auch nicht gelingen und schon gar nicht, wenn deren Spezis von der Marxistischen Gruppe in München im Bunde sind, also die Propheten der frohen Botschaft, „Der Kommunismus kommt, weil er wahr ist.“ Diese deutschen Idealisten haben nicht ein Rad ab, sondern drei. Ich will nicht um den heißen Brei rumreden: Wie es aussieht, wird das Projekt nicht klappen. Ich bin deshalb dafür, dass wir uns überlegen, wozu wir politisch sonst noch gut sein könnten, und zwar mit Blick auf die ebenfalls fälligen Entscheidungen in puncto Studienabschluss und Berufsabsichten, das kann man ja sinnvoller Weise nicht mehr voneinander trennen.

An Pauls Antwort ließ sich ablesen, worauf er gefasst war und wogegen er sich gewappnet hatte.

-- Seit Wochen spielst du auf Zeit, François, nun willst du nur noch raus. Ist dir klar, was das bedeuten würde? Wenn wir die Beine langmachen, überlassen wir das Feld komplett den Maoisten, den Putzbrüdern und der RAF. Das kann der Anarchosyndikalist, der libertäre Gallier in dir doch nicht gutheißen! Was ist in dich gefahren?

Frank bekam einen Knuff von rechts und einen leichten Tritt ans Schienbein von gegenüber. Er zeigte keine Wirkung.

-- Paul, nicht auf diese Tour. Ich mache eine Rechnung auf, und wenn du sie für falsch hältst, dann erklär mir warum, aber komm mir nicht moralisch, mit Treu und Glauben hat unser Streit nichts zu tun.

-- François, ich wiederhole nur eine Ansicht, die wir bisher teilten. Wenn wir mit der Zeitschrift einen erstklassigen Auftakt hinlegen, binden wir am Ort die kluge Hälfte der IG an uns und bingo. Bundesweit werden wir alles haben, was Anderen abgeht, Einfälle, Klasse, Freigeist und Kohle. Und dann sitzen wir auch noch da, wo die Musik spielt und das Politorchester mehr Infos versenkt als veröffentlicht. Wir können eine kleine, feine publizistische Macht werden jetzt, wo die linke Szene derartig zerfasert.

-- Ja, eine Macht in der Szene, aber die Szene ist schon lang keine Macht mehr, sie wird nicht einmal als Szene überleben. Das antiautoritäre Luftholen, der freche Übermut, das Denken, das sich nicht imponieren lässt: Ist doch alles überlebt! Stattdessen Sekten, die sich kommunistisch kostümieren und Kim Il Sung anbeten, Buchhändler, die geklaute Bücher ungelesen verhökern, ausgemachte Idioten, die ihresgleichen zum bewaffneten Kampf aufrufen und sich im Alltag vom kleinen Klassenverrat der Bourgeoisie nähren: Das ist die Szene heute, ein toter Hund wäre besser. Mein Erzeuger war lesender Arbeiter, und mich haben Karl Marx und Georg Lukács nicht als Propheten berauscht, sondern etwas gelehrt. Den doofen Driss dieser Sektierer ertrage ich nicht, da hast du völlig Recht, ich will raus!

-- Frankie, was soll die Schärfe? ging Inka dazwischen. Du wirst doch nicht gleich emigrieren wollen, oder?

-- Na ja, wir könnten Wein in Australien anbauen, bemerkte Mirabeau Schulz, und Vera Mühlen hob ihm, von blond zu blond, von werktätig zu werktätig, das Glas entgegen.

Paul ging zum großen Fenster und drehte Sonnenschutz ein. Auf dem Rückweg nahm er aus der Brusttasche einen Tippschein von Nordwestlotto und schwenkte ihn wie ein seidenes Taschentuch. Alle Blicke richteten sich auf ihn.

-- Tust du wirklich tippen? fragte der Pfälzer in Mirabeau.

-- Ja, habe ich von meinem Opa mütterlicherseits. Der erklärte, das ist die einzige Möglichkeit, reich zu werden, ohne wie dein Vater die Arbeiter auszubeuten und die Kunden zu betrügen.

-- War dein Opa Kommunist?

-- Nein, er war bei den SPD-Abweichlern, bei denen auch Brandt war. Er hat nie gewonnen, sagte er mal.

-- Aber du offenbar? fragte Vera.

-- Ja, auf meinen Haufen hat der Teufel sogar doppelt geschissen, erst Ausbeutererbe, jetzt Lotterieasche.

-- Einen echten Haufen? wollte Vera, leicht ungläubig, wissen.

Die Katze machte wieder einen Buckel, und Frank streichelte sie mit sanftem Druck in die Waagerechte zurück.

Paul hatte Platz genommen. Erneut bewegte er sachte den Schein.

-- Ich dachte mir schon nach dem letzten Treffen, dass es nicht einfach werden würde mit dieser Aussprache über das gemeinsame Vorhaben. Also habe ich gut sozialistisch einen Plan gemacht, bei Nordwestlotto getippt und mit mir selbst einen Vertrag geschlossen, Inhalt: Wir fünf sind eine Tippgemeinschaft, alle anfallenden Gewinne bis 10 000 DM werden nach einer Vorgabe gleich geteilt, alle Gewinne darüber hinaus gehen an mich. Und siehe da: Ein Gewinn ist über mich hereingebrochen, man könnte an den Herrn glauben!

-- Und warum du so viel? wollte Vera wie aus der Pistole geschossen wissen.

-- Weil ich den Schein bezahlt habe, du Herzchen.

Mirabeau begann zu lachen und blubberte, „den Vertrag hätt ich gern mal schriftlich, du erzählst uns einen vom Pferd.“ Frank lachte mit: „bis 10 000, immerhin eine runde Summe!“ Die Frauen lachten nicht, sie hatten die Nase im Wind.

-- Du hast wirklich gewonnen, du bescheißt uns nicht? Wie viel? wollte Vera wissen.

-- Und wie viel fällt für uns ab? legte Inka nach.

-- Und was heißt nach einer bestimmten Vorgabe? fragte Mirabeau, aber das ist jetzt nicht so ernst gemeint, fügte er hinzu.

Paul steckte sich eine Gauloises an.

Zu Almas Zeiten war Rauchen nur knapp unter dem Dach erlaubt, wo es eh nach Kamin roch. Obwohl die Vier auch Raucher waren, folgte niemand dem Beispiel, sie waren gebannt.

-- Der Vertrag sieht vor, dass die Gewinnsumme dann ausbezahlt wird, wenn ihr einwilligt, euch unmittelbar nach dem Gewinn paarweise, aber über Kreuz nach Spanien zu verfrachten, dort binnen 14 Tagen die Kohle bis auf den letzten Pfennig zu verprassen und spätestens eine Woche nach Rückkehr unter Fünfen einen Bericht über das Leben und die Liebe unter Spaniens Sonne zu erstatten: entspannt und wohlwollend, was unser Projekt anlangt. Mein Anteil wird fällig, wenn ich dann einen Plan für die verbleibende Summe vorlege, der eure Zustimmung findet. Ist doch fair, oder?

-- Ich habe schon eine Idee für das große Geld, falls du scheiterst: Du schließt dann Lebensversicherungen für uns alle ab, das befördert den revolutionären Elan, schlug Inka vor und drehte mit beiden Händen an zwei imaginären Eiern, als seien es Birnen in einer Lampenfassung.

-- Was heißt paarweise und über Kreuz? wollte Mirabeau wissen und tat es gestisch Inka nach. -- Schweinekram?

-- Zeig zuerst die Kohle! Vera wackelte und hüpfte auf dem Po wie vor zwanzig Jahren an Weihnachten.

Paul stand auf, holte aus dem Steinregal neben dem Kamin eine schwarze Aktentasche aus Kunstleder, öffnete sie am Rauchtisch und packte fünf Couverts und einen blauen Gummisportbeutel aufs Glas. Auf den Couverts stand rot 2 000, auf dem Sportbeutel gelb und schwerer lesbar 68 670.

-- Lire oder Schilling? ätzte Frank.

-- Das ist ein Fünfer mit Zusatzzahl, sagte Paul und legte einen Brief von Nordwestlotto dazu.

Frank griff den Sportbeutel, zupfte die Verschnürung auseinander und kippte den Inhalt auf den Tisch. Der Inhalt war blau und gebündelt, es waren Hunderter.

-- Hey, sagte Frank zu Paul, spinnst du?

Mirabeau stand auf, ging zum Gartenfenster und zog den großen Vorhang zu. Inka und Vera gaben einander Feuer, Frank steckte sich zögernd eine Reval an. Paul war regungslos.

Mirabeau, nun auch Raucher, beendete nach einer Weile das Schweigen.

-- Jetzt nochmal, Paul, fürs Protokoll.

-- Du mit Vera zum Beispiel nach Gran Canaria, Inka mit Frank nach Teneriffa oder nach Andalusien, Euer Anteil reicht für 14 Tage in erstklassigen Hotels, danach wird berichtet, ihr entspannt, ich professionell, und dann sehen wir gemeinsam weiter. Für die Buchung das Reisebüro Siebenmorgen nehmen, da ist vorgesorgt und ihr könnt noch am Wochenende weg. Das Geld überweise ich morgen, Vertrauen gegen Vertrauen. Und jetzt ist Sense, lasst es auf euch wirken. Schenk den Pinot noir ein, Mirabeau, danach gehen wir zu Sutorius essen. Besprechen könnt ihr euch zu Hause.

Als die zweiten Gläser gefüllt waren, hob Frank das seine und schaute Paul in die Augen.

-- Auf Dein Wohl, Paul! Dein Großvater würde beifällig nicken, dein Herr Vater aber wäre stolz auf dich.

Sie tranken.

-- Diese Runde ist gegen alle Erwartung an dein Herrchen gegangen, sagte Inka zu der Katze, die den Schwanz steil aufgestellt hatte.

Drei

Frank wartete vor Tchibo und beobachtete Vera, wie sie in der strahlenden Mittagssonne die Remigiusstraße herunter stöckelte und der Jahreszeit trotzte: Minirock, offener Wollmantel, Beine wie aus der Kunert-Reklame, schwarz bestrumpft, auf der Nase eine große Sonnenbrille. „Die gesamte Beamtenmittagspause ist scharf auf deine blonde Madonna“, hatte Mirabeau das gelegentlich kommentiert.

-- Ich bin spät, die Referenten-Runde des Gesamtverbandes hielt mich auf, begrüßte sie ihren Mann, Ingenieure können hartnäckig sein.

-- Kein Wunder, lächelte Frank und kniff sie sachte in die Taille, als sie ihn links und rechts küsste.

Zwei Kaffee in der Hand fanden sie einen Platz am Eingang mit Blick auf Carthaus gegenüber. Vera schaute Frank erwartungsvoll an.

-- Kein Ort für tiefschürfende Erörterungen, sagte der und registrierte missmutig die indezente Aufmerksamkeit ringsum. Er zündete eine Reval an.

Vera ließ sich nicht ablenken.

-- Sag schon, was treibt Paul? Hast du mittlerweile eine bessere Idee als gestern?

-- Nein, er versucht ein Spiel mit uns, er will uns seinen Willen aufzwingen. Was soll es sonst sein? Das hat er den Kommunisten abgeguckt, die haben so ihren Nachwuchs kirre gemacht.

-- Bist du wirklich sicher, dass das die Hauptsache ist?

-- Ja.

-- Und das mit dir auf keinen Fall?

-- Für 2 000 oder 4 000 Mark? Wenn ich eine Chance hätte, auch über die 70 000 zu bestimmen, sähe es vielleicht anders aus. Hätten wir die?

Frank versank in Gedanken, und Vera übersah die Blicke ringsum. Beide waren ernst im Gedränge bei Tchibo.

-- Er ist echt ein Schuft, sagte Vera schließlich ohne Schärfe, er weiß, wie gut wir nach der Plackerei des Winters einen doppelten Frühling gebrauchen könnten. Meinst Du, dass er uns wirklich auseinanderbringen will?

-- Uns beide?

-- Ja, oder uns alle.

-- Wegen der Zeitschrift?

-- Ja, oder aus sonst welchen Gründen.

Frank schob die Augenbrauen zusammen.

-- Was meinst Du damit? Aus sexuellem Interesse?

Vera schaute erschreckt in die Runde, aber niemand hatte aufgemerkt.

-- Was weiß ich? sagte sie. -- Welchen Reim machst du dir auf unsere Beziehungskisten?

-- Keine Ahnung. Worauf willst du hinaus? Bin ich wieder naiv?

Vera schaute auf die Gasse, Frank auf die Uhr. Als er friedfertig nachbessern wollte, pflügte Arno durch den Laden, direkt auf sie zu. So sagte er bloß „heute Abend mehr, Schatz“, entschuldigte sich nach der Begrüßung des Hünen und brach auf.

Arno Hübner war ein Sonnenschein und ein Dichter und gerade wieder für den medialen Auftritt und die Reklame in Veras Verband engagiert worden. Vera mochte seine Stimme und sein herzliches Wesen, sie strahlte mit ihm um die Wette. Seine monumentalen 1,92 verunsicherten sie unterschwellig, da allerdings stärker als die Messer Ockhams in Franks Rüstzeug und dessen gelegentliche Naivität, beides konnte sie erkennbar kalkulieren.

Vier

Paul Zabel und Wolfgang Herr tranken Kaffee in Bouviers Uni-Dependance an der Ecke Nasse-/Lennéstraße. Anders als vor der Tür roch man hier die Mensa nicht mehr.

-- Keine guten Nachrichten, sagte der Mann von den Institutsgruppen, wir sind zu spät, fürchte ich. Wenn Franks Rückzug öffentlich wird, gerate ich in meinem Verein ins Hintertreffen.

Paul rauchte und sah zum Fenster raus.

-- Noch ist es nicht so weit. Du unterschätzt die Beziehungsdynamik, es kann auch gutgehen, falls die vier sich auf den „spanischen Urlaub“ in Anführungszeichen einlassen.

-- Weshalb glaubst du das?

-- Ich setze darauf, dass Inka die Zeitschrift will und die Konsequenzen dafür in Kauf nähme. Sie ist fertig mit dem ersten Examen und hat vor sich das Grauen: Referendarin in Bottrop und Arnsberg oder schwanger in Neustadt an der Weinstraße. Da wird sie lieber Redakteurin mit Kohle in Bonn und auf unbestimmte Zeit Doktorandin der Rechtswissenschaften. So emanzipiert ist sie allemal.

-- Stimmt, und sie kann auch berechnend sein. Aber sie wird es nur beschränkt in der Hand haben.

-- Ich habe 80 000 aus der Lotterie und kann ohne Konsumverzicht dreimal 80 000 drauflegen. Das reicht locker für mindestens drei Jahre Sicherheit und Renommee bei der Zeitschrift und für zwei Doktorarbeiten ohne Stress zusätzlich. Das wird nicht nur Inka beeindrucken.

-- Du meinst Frank auch?

Paul schnippte die Kippe aus dem Fenster.

-- Klar. In diesem Szenario verdient er richtig Geld und ist sein eigener Herr. Er kann dann ohne schlechtes Gewissen all die hübschen Mädels bumsen, die ihm schöne Augen machen und denen er im Moment nur wehmütig hinterher schaut.

-- Das würde Inka so wenig gefallen wie Vera, lachte Wolfgang.

Überzeugt war er nicht, man sah es ihm an. Paul legte nach.

-- Man darf nicht die Bande zwischen Vera und Mirabeau übersehen. Das sind zwei Kinder aus Händlerfamilien, die unter anderen Umständen leicht zueinandergekommen wären. Beide werden intellektuell gern unter Wert gehandelt, empfinden das manchmal auch so und sind allem Anschein nach mit Familiensinn gesegnet. Diese Seite der Gleichung ist eher noch einfacher als die andere.

Wolfgang malte ein Fragezeichen in die Luft, lächelte und schüttelte schließlich den Kopf.

-- Ich glaube, du irrst, Paul. Die Vier sind verschworene Freunde, und eine fundamentale Kraft fesselt Frank Barreur und Vera Mühlen aneinander, er steckt sogar weg, dass sie keine Kritik abhaben kann, ich habe es mehrfach erlebt. Bei den Freunden Stalins, aber auch bei dir oder bei mir wäre er stattdessen aus dem Hemd gesprungen, lachte er. – Aber vielleicht kommt es ja zu dem Experiment, danach werden wir es wissen.

Fünf

Im Tutorium zum Bracher-Seminar, das der Ordinarius Frank Barreur anvertraut hatte, war die Stimmung angespannt. Ein letztes Mal vor den Semesterferien und den Scheinen waren „Die politischen Grundbegriffe der Moderne“ Gegenstand, zum Abschluss drehte sich alles um Demokratie und Rechtsstaat, um Legitimation und Repression im Rahmen des hoheitlichen Gewaltmonopols.

Mit einer Kritik des Radikalenerlasses hatten Barbara Hörmann und Wilfried Groß, beide politisch bei den Jungsozialisten am Niederrhein zu Hause, die Diskussion eröffnet. „Barbara ist einfach die Klügste“, notierte Frank in seiner Kladde.

Die Übung war intellektuell stark besetzt, so dass der Tutor sich bei Diskussionen zurückhalten konnte und bloß auf den roten Faden achten musste. Frank hatte das erkannt und beherzigt und so sich einen Ruf erworben.

Doch hier spitzte es sich zu auf RAF, Bölls Essay im „Spiegel" und die stumme, die immaterielle Gewalt der veröffentlichten Meinung. Der Ton wurde nicht direkt aggressiv, aber manche Wortmeldungen hatten etwas verzweifelt Ärgerliches.

-- Gibt es im Rechtsstaat wirklich keinen Platz für freies Geleit? insistierte Inge Urbach von der Evangelischen Studentengemeinde um Punkt 3 Uhr und leicht erschöpft. -- Und wenn nein, wo ist dann verdammt nochmal der humane Fortschritt gegenüber dem Feudalismus?

-- Der Fortschritt besteht genau darin! Die bürgerliche Gesellschaft ist ein Vertragssystem, tendenziell unter Gleichen, ohne Gefolgschaft und ohne religiöse Beimengung. Freies Geleit ist darin kein Rechtsweg und auch keine politische Option, sondern höchstens ein situativer Notausgang, der nicht normiert ist, bemerkte, sichtlich genervt, einer der klügsten Juristen aus dem Haus an der B 9. -- Das ist ein Rahmen für individuelle Freiheit!

Frank ploppte leise mit den Lippen und musterte die Reihen.

-- Willst du dich eigentlich völlig raushalten? fragte ein anderer aus dem Kreis der Evangelischen Studentengemeinde den Tutor.

Der Tutor sah auf die Uhr. Er stand auf.

-- Leute, unsere 45 Minuten sind so gut wie rum und damit auch diese Übung und das gemeinsame Semester. Für alle Kölschen unter uns sage ich: vorbeej! Ich möchte mich bei Euch bedanken, es war anregend und aufschlussreich, für mich jedenfalls, merci.

-- Und jetzt für Neugierige. Ich mag den Schriftsteller Heinrich Böll sehr, die geifernden Attacken auf ihn machen mich wütend. Das ist das eine. Das andere: Ich habe Bölls Stück im „Spiegel“ mehrmals gelesen, doch bis heute nicht begriffen, was er damit beabsichtigt hat. Auch wenn Ulrike Meinhof selbst nicht wolle, müsse ihr jemand „Gnade oder freies Geleit“ anbieten, „dieser Prozess muss stattfinden“, schreibt er, und ich frage mich seit der Veröffentlichung: Wer soll was genau anbieten? Und welcher Prozess ist gemeint? Vor allem aber frage ich mich, warum Böll einen Narren an der Meinhof und dem Baader gefressen hat. Wer in diesem Land den Zivilisationsfortschritt durch die Studentenbewegung schätzt, allem voran die Geländegewinne des nonkonformistischen Denkens und des herrschaftsfreien Argumentierens, der kann doch nicht übersehen, dass die beiden prominentesten Überreste der Bewegung, der Parteikarneval der Maoisten und die RAF, damit ebenso wenig am Hut haben wie die Springer-Presse. Tatsächlich spielen die einander in die Karten, und das ist verstanden und beabsichtigt!

Er geriet in Rage.

-- Die Maoisten werden sich bald selbst erledigen und abstinken, darauf wette ich, aber die RAFkes werden uns noch übel mitspielen. Die werden nie eine revolutionäre Situation schaffen, aber sehr wohl einen Ausnahmezustand ganz ohne revolutionäre Situation. Man kann doch schon beobachten, wie die Deutschnationalen den Stahlhelm aufsetzen und die Sozialliberalen nach dem Ausgang schielen. Böll hat ja Recht, am besten wäre, das RAF-Ding würde befriedet, aber mit seiner Stellungnahme bewegt er es doch nicht in diese Richtung, sondern festigt die Bedeutung dieser Mischpoke im eigenen und im allgemeinen Bewusstsein. Gib ihnen freies Geleit nach Palästina, und sie kommen morgen schwerer bewaffnet zurück -‒ das sage jetzt ich und nicht Springers Dreckschleuder! Man darf sich nicht selbst belügen, in der RAF haben sich idealistisch aufgeladene Spinner versammelt, der Wirkung nach sind das nicht Vorkämpfer des Sozialismus, sondern Saboteure der proletarischen Emanzipation. In ihrer Kriegserklärung lese ich, dass sie nicht geschossen hätten, das sei nachweisbar, weil es wahr sei. Wenn ich so was höre, stört mich nicht das Schießen, sondern das Denken. Mein lieber Scholli, wenn alles Wahre auch nachweisbar wäre, sähe die Welt anders aus und in den Todestrakten der US-Zuchthäuser säßen weniger Schwarze. Die RAF, das sind theoretisch wie praktisch Geisterfahrer, die haben einen Ratsch am Kappes und werden deshalb so wenig beidrehen wie vor 900 Jahren die Gewalttäter auf den bewaffneten Wallfahrten nach Jerusalem, die Hans Wollschläger, ein etwas anderer Schriftsteller, gerade so wunderbar durchschaut und an die Wand gestellt hat.

Im Saal zeigten einige gute Laune, es war still.

-- Wenn nicht alles täuscht, legt die Rechte es drauf an, Brandt möglichst bald im Bundestag zu stürzen, sie kaufen sich jedenfalls gerade eine Mehrheit zusammen. Wer angesichts dessen als Tageslosung unverdrossen den „Sieg im Volkskrieg“ ausgibt, lebt hinterm Mond. Als ich in einem früheren Leben Gruppenführer beim Bund war, haben wir in so einem Fall Stellung und Gerät gesichert. Eine seltsame Assoziation meint Ihr? Ich nicht. Für meinen Nachbarn, er ist Bandaffe bei Ford in der Produktion und kriegsversehrt, sind Sozialreform und Friedenspolitik der Brandt-Regierung Grund genug, zu den Sozialdemokraten zurückzukehren. Das ist jetzt keine Empfehlung für irgendjemanden, aber ein Fingerzeig, was auf dem Spiel steht, auch für die unter uns, die soziale Demokratie für Blümchenkaffee und die kapitalistische Produktionsweise für inhärent menschenfeindlich halten.

-- Du lässt nix aus, rief einer in der zweiten Reihe, unaufgeregt.

In der ersten Reihe drehte Barbara den Schlüssel im Schloss um, auch unaufgeregt. Frank nickte.

-- Okay. An dieser Uni gebärden sich gewisse Hegeljünger gerne als die schärfsten Revolutionäre. Ich mache kein Fass mehr auf, nur noch ein Wort zum Gegenstand unserer Übung. Nach dem Hegel-Schüler Marx wird eine humane sozialistische Gesellschaft die historischen Errungenschaften der bürgerlich-kapitalistischen Vorgängerin nicht verwerfen dürfen, sondern aufheben, und das heißt: in das eigene System integrieren müssen. Wesentliche, unverzichtbare Elemente dessen haben wir ein Semester lang studiert. Und nun schaut euch an, was der ultimative sektiererische Rückstand der Studentenbewegung als kommunistisches Ideal vertritt. Wo findet sich darin die Emanzipation der arbeitenden Klassen? Wo die Überwindung des Kalten Kriegs und des Rüstungswahns? Wo die Entfaltung des Individuums, weiblich oder männlich? Die Antwort ist: Pustekuchen! Das hätte Böll auch interessieren können.

Frank bückte sich, klappte seine Kladde mit den Zitaten zu und steckte sie in die Tasche. Er sagte „ciao!“ und winkte in den beginnenden Aufbruch hinein. Auf dem Weg nach draußen passte ihn Madeleine Giraudoux ab, sie lachte.

-- Ich frage mich, ob dir dieser Auftritt eher helfen oder eher schaden wird beim Zugang zu den Schätzen im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung.

-- Ma chère, das hier kriegen die doch nicht mit.

Sie schüttelte den Kopf mit den schwarzen Locken.

-- Du hast keine Ahnung, Steuermann. Manchmal bist du ein echter Germane und stehst voll auf dem Schlauch.

-- Und du, Liebling, bist nur dem Namen nach ein Dichterkind, in Wahrheit stammst du aus der Sippe von Saint Just.

Sie gaben einander Bise.

Sechs

-- Ich lass ihn jetzt hier stehen, resignierte Mirabeau, zog den Zündschlüssel und stieg aus, der Spiegel rechts berührte fast die Ziegelmauer.

Inka seufzte, rückte notgedrungen über den Schalthebel auf den Fahrersitz, blieb mit dem zweiten ihrer langen Beine hängen und schimpfte. Mirabeau reichte ihr die Hand und half ihr aus dem Passat. Sie schüttelte sich zurecht.

Im Schaumburger Hof war es so voll wie auf den Parkflächen davor.

-- Der Laden läuft mittlerweile fantastisch. So viel Wein wie heute hat der Schmitz noch nie bestellt, sagte Mirabeau, während sie sich zu dem reservierten Ecktisch durchschlängelten.

-- Und wie wird das Essen sein? wollte Inka wissen. Sie nahm Platz und musterte die FDP-Truppe zwei Tische weiter. Da es noch früh am Abend und vor dem Essen war, hielten sie in ihren kleinen Gläsern wohl Aperitif, nicht Digestif in die Höhe.

-- Der neue Patron steht auf rheinisch-italienisch, französisch gehe bei dem Stammpublikum nicht. Du, es wird schmecken, es ist eine förmliche Einladung, und sie werden sich nicht ausgerechnet bei uns beiden blamieren wollen.

-- Das bringt mich zwanglos zu Pauls Einladung, da liegt Blamage in der Luft, oder?

Inka sprach leise.

-- Blamage? Ja, vielleicht, ich bin noch bei der Frage, ob ich die Einladung für eine Frechheit halten soll oder für eine Blöße, die sich Paul seiner Pläne wegen gegeben hat. Das wäre ja für die Antwort wichtig.

-- Wie meinst du das?

-- Wenn ich es als Frechheit nehme, sind wir miteinander durch. Wenn es eine Blöße ist und verzeihbar, können wir ihm gut zureden oder auch die Blöße ausnutzen.

Mirabeau spitzte die Lippen. Inka fragte mimisch nach.

-- Wir könnten die vier Mille einsacken und ganz konventionell verreisen, erläuterte Mirabeau und grinste.

-- Dann wäre die Blamage auf unserer Seite, entgegnete Inka ohne Zögern, das Geld nehmen aber über Kreuz nicht, das geht nicht. Und nach einer kleinen Pause: -- Wir könnten jedoch in der vorgegebenen Konstruktion machen, was wir wollen, das schon.

-- Du meinst 14 Tage geschwisterlich, nicht „dolce far niente“, sondern „far niente senza dolci?“

Mirabeau war vernarrt in Spott auf Italienisch. Inka blieb trocken.

-- „Nichtstun ohne Süßigkeiten“ für viertausend und aus Daffke ‒ warum nicht? In dem Fall hätte Paul sich verrechnet, ohne dass es offensichtlich wäre. Dann verliert er nicht das Gesicht.

Mirabeau zeigte keine Regung. Er hob das Glas, sie tranken und nickten beide anerkennend dem Wein zu, es war ein Pinot blanc aus Luxemburg.

Inka sah ihren Freund an. Mirabeau fiel eine Frage ein.

-- Gibt es eigentlich ein literarisches Vorbild für diese Nummer? Oder hat Paul sich das alles selbst ausgedacht?

-- Seit wann gibt es bei Nordwestlotto Hauptgewinne auf Bestellung? lachte Inka und löste die Spannung.

-- Gut, lass uns mit den anderen beiden reden, es muss ja wohl eine gemeinsame Antwort von uns Vieren sein, sagte Mirabeau und hob erneut das Glas, diesmal lächelnd.

-- Aber nachher sehen wir erst mal nur Vera ...

-- Das muss nicht schaden, meinte er und orderte noch einen Pinot aus Luxemburg.

Sieben

Als der Kellner des Königshofs Espresso und Digestif aufgetragen hatte, ging Vera zur Bar und winkte dem Ober.

-- Am besten, Sie geben mir die Rechnung jetzt mit, dann überweise ich gleich morgen.

Der Mann deutete eine Verbeugung an. Jens von Adlung kam aus dem Séparée und tat es dem Mann in schwarz nach.

-- Warum verbeugen sich ältere Herren so gerne vor dir? sagte er und schaute Vera an, wie er es von seinem Vater kannte, wenn der zu Hause eine prächtige neue Färse aus dem Charolais begutachtete.

Vera lächelte.

-- Gehst du mit nach Rolandseck? Kapstadt hat die Gäste aus Paris und uns spontan eingeladen, will sich erkenntlich zeigen.

Er blickte sie munter an, ihre Hand nahm er vornehm.

-- Ich bin schon verabredet, lehnte Vera ab und fügte mutwillig hinzu, dass heute ihr Sauna-Tag sei.

-- Sauna hat Kapstadt auch, rief der persönliche Referent des Präsidenten aus und hob beide Hände in Schulterhöhe.

-- Das glaub ich aufs Wort, bestätigte sie und drehte zum Eingang des Restaurants. -- Tschö, ich muss mich beeilen.

Vera hatte ausnahmsweise das Auto, nun gab sie auch Gas, rauschte durchs Koblenzer Tor, bei gelb rechts in die Rheingasse, dann 90 Grad nach links, an der Oper vorbei und auf die Kennedy-Brücke. Überm Rhein stemmte sie sich in den Sitz zurück und blies den Atem aus. Im Radio begann Udo Jürgens „Merci chérie“ zu singen. Sie ging vom Gas, drehte die Scheibe runter und hielt die Nase in den Fahrtwind, so wie damals in Saarbrücken in dessen Cabrio.

Das Appartement war dunkel. Vera sprang aus Mantel, Pumps und kleinem Schwarzen, schlüpfte in Jeans, Pulli, Daunenjacke und holte die vorbereitete Tasche aus der Garderobe.

Die Schlüssel! Das Geld! Die Nachricht für Frank! Sie schrieb: „Ich komme nicht so spät.“

In den Aufzug, über die Straße, am Bärenzwinger vorbei.

Unter den Stelzen des Hochhauses an der Von-Sandt-Straße warteten Inka, Mirabeau und Arno. Inka trippelte, es war empfindlich kühl geworden. Der Aufzug nahm sie auf und fuhr sie hoch zur Saunalandschaft. Arno breitete symbolisch die Arme um Vera.

-- Ich wärme das Kind.

-- Witzig! So klein bin ich nicht. Du, ein Malabar wie von Rabelais, fällst aus dem Rahmen!

Der Dichter gab dem lesenden Kind Recht.

Als Inka und Vera eine Viertelstunde später im Bademantel aus der Damendusche kamen, stand Arno im Gang vor dem türkischen Dampfbad, das hier irisch-römisch hieß, während Mirabeau durch die Scheibe die Belegung inspizierte.

Aus der Damendusche folgten zwei wohlgerundete rheinische Mütter und sichteten ebenfalls die Lage.

-- Wenn ich Arno so nackt dastehen sehe, das Sauna-Tuch über die Schulter gerafft, fällt mir unweigerlich der David von Michelangelo ein, alberte Inka.

-- Der Vergleich wäre schlagend, gäbe es da nicht diesen einen Unterschied, lispelte Vera kleinmädchenhaft, sie hatte den florentinischen David auf einem Poster bestaunt, an ein Tuch über der Schulter erinnerte sie sich nicht.

-- Du meinst, diesen einen gewaltigen Unterschied! trompetete die eine der beiden wohlgerundeten Mütter, sie war Studienrätin am EMA, man kannte sich aus der Gymnastik des TSV. Alle vier prusteten los, während sie zur Tarnung die Köpfe zusammensteckten und die Hände zu den Ohren hoben.

-- Meine Damen, bitte, beachten Sie, dass Sie sich in einem asexuellen Ambiente befinden, mahnte Inka, und sie prusteten erneut los.

Nach dem Dampfbad stiegen Arno und Inka ins Eisloch, Mirabeau und Vera kühlten sich mit dem Kaltwasserschlauch ab. Es war eine vertraute Übung, aber das erste Mal, dass Mirabeau der nackten Vera gedanklich nahetrat. Er sah, wie die feinen blonden Härchen an Arm, Bein und Becken den Strom zerteilten, während der dichte afrikanisch gelockte Busch das Wasser fernhielt und die Einsicht unterband.

Als Mirabeaus Kopf erfüllt war vom Schauen und Bewundern, drückte er Vera rasch den Schlauch in die Hand, drehte sich zur Wand und hob die Arme über den Kopf, als wolle er sich ergeben. Vera verzog keine Miene, sie ließ das Wasser fließen, die Schultern bekamen mehr ab als sonst.

-- Heute hältst du den kalten Strahl aber lang aus, stellte sie nach einer Weile fest.

Mirabeau drehte sich um, er schaute ihr nur in die Augen und zeigte seine geraden Zähne.

Während Arno von den beiden wohlgerundeten Müttern zum gymnastischen Wassertreten mitgenommen wurde, setzten sich die anderen drei, nun züchtig verpackt, an den Tresen und genehmigten sich ein Kölsch.

-- Habt ihr euch einen Kopf gemacht wegen Paul? fragte Inka.

-- Noch nicht wirklich, antwortete Vera. -- Und ihr?

-- Wir halten die Nummer für ziemlich schräg, neigen aber dazu, sie mitzumachen, wenn wir vier uns auf ein gemeinsames Herangehen einigen können. Was Paul sich ausrechnet, ist seine Sache, was wir tun, ist unsere. Oder?

-- Klingt gut, aber ich weiß nicht, ob Frank sich auf so eine clevere Aktion einlassen wird. Ihr kennt ihn: Versuch ihn zu kommandieren, und er lässt das Visier runter.

-- Und du? fragte Mirabeau. Er sah Vera fragend an, dann schweifte der Blick ab zum Eisloch.

-- Mit mir kann man sich einigen.

-- Wirst du ihm zureden? hakte Inka nach. -- Oder sollen wir mit ihm sprechen?

-- Ich mach das schon. Aber mit dir wird er vermutlich auf jeden Fall reden wollen, sagte sie und legte Mirabeau die Hand auf den Arm.

-- Mit mir nicht? Inka war etwas irritiert.

-- Dir vertraut er.

Als Inka nicht reagierte, legte Vera nach.

-- Er vertraut Frauen einfach leichter als Männern. Er ist halt so.

-- Und wie ist das bei dir? wollte Mirabeau wissen.

-- Umgekehrt.

-- Also eigentlich genau so, befand Inka.

-- Wir müssen morgen nachsehen, ob das Geld eingegangen ist, und dann telefonieren, schloss Mirabeau die Erörterung ab.

Acht

Vera öffnete die Wohnungstür nahezu geräuschlos. Es war dunkel, sie sog die Luft ein und ertastete den Garderobenständer.

Noch im Flur entkleidete sie sich.

Auf Zehenspitzen huschte sie in den Wohnraum und sah, dass die große Schlafcouch bereitet war. Von Frank war nur der Haarschopf zu sehen. Sie lupfte das Plumeau und schob sich bäuchlings darunter, eine Berührung vermied sie. Als sie auf Kopfhöhe war, die Arme angelegt, ruhte sie einen langen Augenblick, dann blies sie ihm in die Halskrause.

Frank wendete in einer fließenden Bewegung den Kopf und den Körper, er umfasste Vera mit links bei der Taille und pflanzte die Hand ins Gleisdreieck ihres Beckens. Auf der rechten Schulter liegend zog er sie an sich und setzte ihr auf den kühlen Bauch ein Brandzeichen. Im Gleichtakt schoben sie die Beine übereinander und begannen zu küssen und zu liebkosen. Das Spiel war von Beginn an lebhaft, es wurde rasch wild, sie warfen das Plumeau ab. Vera gab sich zu erkennen, Frank verlor den Atem und für einen Augenblick die Bilder vor den Augen. Er versammelte sein Leben und traf blind und genau und ein ums andere Mal. Aus ihr brach die Lust, dann stieg sie hell aus beiden und wollte so rasch nicht vergehen.

Als Vera aus der Dusche zurückkehrte, lag Frank auf dem Rücken und war eingedöst. Sie beugte sich über sein Gesicht und sah unter den Lidern einen Film ablaufen.

-- Er träumt wie ein Baby nach der Flasche ... Ich liebe Dich, sagte sie fast tonlos.

Sie zog den Katzenpyjama an und setzte sich auf die Bettkante, Frank kam zu sich, schlug die Augen auf und griff nach ihr.

-- Ich habe mit Inka und Mirabeau über Pauls Angebot gesprochen, sie wollen zustimmen, falls wir vier uns einig sind, eröffnete Vera.

-- Und was hast du gesagt?

-- Dass ich gegebenenfalls dabei wäre und mit dir reden will.

-- Damit ist ja alles klar, sagte Frank und wollte sie aufs Bett ziehen.

-- Du stimmst also zu? Ganz ohne Widerspruch?

Vera klang gewinnend, und Frank patschte ihr sachte auf die Hand.

-- Wenn du nein sagst, bin ich bei dir, legte sie nach.

-- Ich glaube dir, aber jetzt mach es nicht kompliziert.

Frank wusste, wann das Spiel vorbei war. Verlierer, schrieb er später in seine Kladde, will ich mich nicht nennen, das wäre nicht angebracht. Aber wie Paul Zabel Geld und Gruppenzwang, sozusagen Kapitalmacht und Parteiherrschaft verbindet, ist mehr als durchtrieben, durchkommen darf er damit nicht. Er machte einen Absatz. In der neuen Zeile notierte er: Ich bin Eigentümer meiner selbst und kein Dieb.

Neun

Mirabeau traf Frank bei Assenmacher in Schwarzrheindorf, er hatte ihm einen echten Sauerbraten versprochen, aber Frank wollte erst in die Doppelkirche. Sie gingen über die Straße, durchquerten den Kirchhof und nahmen die alte Steintreppe zum äußeren Kreuzgang. An seinem südlichsten Punkt blieb Frank stehen, lehnte sich auf die Brüstung und blinzelte in die Sonne.

-- Diese romanischen Kapitelle sind selbst heruntergekommen noch wundervoll, er zeigte nach links und rechts oben.

Mirabeau nickte.

-- Vera ist auch wundervoll und frisch dazu, muss ich dir nicht erzählen, aber auch verletzlich und ein zartes Gemüt, du darfst ihr nicht weh tun, fuhr Frank fort.

Kleine Pause.

-- Sie sagt selten, was sie gerne hätte, sie erwartet, dass du es ohne Worte erkennst. Wenn sie verstummt oder sich gar beklagt, hast du was falsch gemacht und womöglich schon verloren. Wenn du aber aufmerksam bist und ohne Hintergedanken, ist sie von morgens bis abends in allem so gut wie unsere innig bewunderte Heidi Schüller beim Hürdensprint.

Mirabeau ließ die Schüller nachklingen.

-- Vermutlich nicht nur beim Hürdensprint, sagte er, und danke für diesen Überfall, Bruder.

Er legte Frank den Arm auf die Schulter. Nach einer Höflichkeitspause fing er an zu glucksen, dabei schlug er dem Freund mit der flachen Hand ins Kreuz.

-- Oh, Frank, du kannst mich immer noch überraschen. Nach einer Pause fügte er hinzu: -- Darf ich sie denn berühren, ich meine herzlich berühren?

Frank lächelte jetzt auch.

-- Alles andere wäre wohl gegen die Natur.

Mirabeau war offensichtlich erleichtert und sah Frank an, als erwarte er nähere Auskünfte. Die gab es nicht.

-- Soll ich von Inka reden? fragte er nach einer Weile.

Frank nickte höflich.

-- Inka hat einen starken Eigensinn, in allem. Am besten, du lässt ihr den.

-- Klar, sagte Frank, ich will sie ja nicht zum Christentum bekehren.

-- Man darf sie nicht nötigen, sie kommt von selbst.

Frank signalisierte Einvernehmen und wandte sich zum Gehen.

-- Nachdem alles Wesentliche geklärt ist, könnten wir jetzt ein Glas auf deine Frau heben und eins auf meine.

-- Gern auch zwei, erwiderte Mirabeau, ich habe für heute meine Arbeit getan, Assenmacher sei Dank, von mir aus könnten wir uns besaufen.

Zehn

Vera und Inka hatten sich bei Siebenmorgen getroffen, nochmals die Reiseziele erörtert, sich entschieden und gebucht: Mit Condor Herr Schulz und Frau Mühlen nach Teneriffa, Herr Barreur und Frau Gotland nach Lanzarote, jeweils 14 Tage mit Halbpension in Vier-Sterne-Hotels, Mietwagen inklusive, Montag ab Frankfurt am Main.

-- Genug Geld übrig, resümierte Vera zufrieden vor der Tür, da könnten die Kerle uns noch was Schönes kaufen.

-- Für einen Ehering wird es nicht reichen, retournierte Inka, und beide amüsierten sich nach einer Stolperpause.

-- Aber im Ernst, wie wird das werden mit den fremden Männern? legte sie nach, plötzlich ganz der Zweifel.

-- Na, so fremd sind sie uns ja nicht, beschwichtigte Vera, doch abgeklärt klang anders. -- Weißt du eigentlich genauer, was sie gestern miteinander besprachen?

-- Es sei nett gewesen, hat Mirabeau gesagt, alles okay, und das Thema gewechselt. Hast du Frank nicht gefragt?

-- Nein. Von sich aus hat er bloß gebrummt, ich solle jetzt buchen, 'das wird schon werden'.

Sie überquerten den Belderberg und nahmen die Brüdergasse zum Markt.

-- Muss man sich vor Frank in Acht nehmen? wollte Inka nach einer Pause unvermittelt wissen.

-- Wie man's nimmt, warf Vera ein Steinchen ins Wasser. --Aber bitte, er hat nichts Perverses, und nachtragend ist er auch nicht.

Sie kicherte. Inka blieb gegenüber Töpfer stehen und zupfte Vera am Ärmel.

-- Mirabeau ist ein anspruchsvoller Liebhaber, sagte sie und hob leicht den linken Zeigefinger.

-- Frank glaube ich auch, aber ich kann es nicht so gut beurteilen, antwortete Vera fröhlich.

-- Wie alt bist du nochmal? wollte Inka, 24, wissen.

-- Neuerdings 22.

-- Vera, heute bezahlst du den Kaffee, sagte sie und hing sich bei ihr ein, während sie links um die Ecke zu Miebach abbogen. -- Wir werden immer bourgeoiser, jetzt gehen wir schon zu Miebach.

Elf

Paul steckte die Auszüge in die Brusttasche und trat auf den Friedensplatz hinaus. Er lief die Sternstraße hinunter, schlängelte sich durch das Marktgewusel und betrat Miebach durch den doppelten Wintervorhang. Er zog die Frankfurter Rundschau vom Ständer, doch dann sah er die Frauen und begab sich zu ihrem Tisch.

-- Unser Wohltäter! rief Vera aus.

Paul nahm Platz, nahm die Auszüge aus der Jacke und schwenkte sie.

-- Habt Ihr das Geld schon verpulvert?

-- Ja, für die exquisitesten Trauringe bei Toussaint, schwelgte Vera.

Bevor Paul daran glaubte, klärte Inka ihn auf.

-- Bei Toussaint gibt's nur Uhren.

-- Und warum willst ausgerechnet du nach Lanzarote? fragte er sie.

-- Das war Veras Idee, Frank wollte da immer schon mal hin.

-- Du eher nicht, nehme ich an, sagte Paul zu Vera, die etwas verschämt nickte.

-- Habt ihr schon Pläne?

-- Wir schwanken noch zwischen „dolce far niente“ und „far niente senza dolci“, erklärte Inka.

-- Das klingt nach deinem Scheich, aber was heißt es?

Vera ergriff die Gelegenheit zu einer kleinen Revanche.

-- Sagen wir so, es geht um das Gewicht, um die Kalorien, letzten Endes um die Schönheit. Aber was gibt's bei Dir Neues?

Paul gab auf und erzählte vom jüngsten Hauen und Stechen zwischen den Münchner und den Bonner Hegel-Fraktionen.

-- Das wird immer aberwitziger, kommentierte Inka und bestellte einen zweiten Kaffee.

Zwölf

Unter der großen Anzeige trennten sich die Wege. Inka und Frank mussten sich mit dem Einchecken beeilen, ihre Maschine ging in einer guten Stunde. Vera und Mirabeau blieb mehr Zeit bis zum Start, ihr Schalter hatte noch nicht geöffnet.

Wie auf Kommando, aber ohne Zeichen ließen die Frauen die Taschen zu Boden gleiten und hingen sich ihren Kerlen an den Hals. Sie lösten sich danach nicht schnell und nicht leicht. Das Abschiednehmen über Kreuz war dann herzlich und formbewusst. Als alle wieder das Gepäck gefasst hatten, steif dastanden und sich ansahen, rumpelte Frank nochmal zu Vera, küsste sie und flüsterte ihr ein abgewandeltes Kindergebet ins Ohr. Mirabeau rieb sich an Inka und Inka an ihm. Danach ciao, ciao und avanti. ‒ ‒ ‒

-- Du blickst nicht zurück, bemerkte Inka, als sie auf den Schalter zusteuerten.

-- Ich schaue nie zurück, das könnte Unglück bringen.

-- Du bist abergläubisch? Das hätte ich jetzt nicht erwartet.