20.000 Meilen unter dem Meer - Jules Verne - E-Book

20.000 Meilen unter dem Meer E-Book

Jules Verne.

0,0
0,34 €

oder
Beschreibung

Professor Aronnax und sein Diener Conseil machen sich auf die Suche nach dem unbekannten Seeungeheuer, das für zahlreiche rätselhafte Schiffsunglücke verantwortlich sein soll. Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Seeungeheuer um die "Nautilus" handelt, das Unterseeboot des seltsamen Kapitäns Nemo. Der Professor und sein Diener verbringen eine Zeit auf dessen Schiff und erleben eine faszinierende Unterwasserwelt, aber auch Kämpfe mit Haien und Riesenkraken.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Jules

UUID: 1f620402-ebe4-11e7-b8c3-17532927e555
Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (http://write.streetlib.com) erstellt.

Inhaltsverzeichnis

__1__

Am 20.7.1866 begegnete die Governor Higginson 5 sm östlich der australischen Küste der schwimmenden Masse. Kapitän Baker hielt sie zuerst für eine neue Klippe und wollte gerade ihre Lage in die Karten eintragen, als die Masse zwei Wasserfontänen 50 m hoch in die Luft jagte. Damit sah sich Kapitän Baker vor die Alternative »Inselchen mit periodisch tätigem Geysir« oder »bisher unbekanntes Seesäugetier« gestellt. Am 23.7.1866 beobachtete die Cristobal Colon in den Gewässern des Pazifik das gleiche. Dieses Tier-Ding mußte also extrem schnell sein, denn es hatte in drei Tagen mehr als 700 sm zurückgelegt. 2000 sm weiter und 14 Tage später signalisierten sich die Helvetia, unterwegs nach Amerika, und die Shannon, unterwegs nach Europa, bei ihrer Begegnung im Atlantik das Monster unter 45° 15' nördl. Breite und 60° 35' westl. Länge. Auf beiden Schiffen glaubte man, die Länge des enormen Säugers mit 100 m richtig zu schätzen. Nicht mal die Wale der Aleuteninseln Kulammak und Umgullick erreichen dieses Ausmaß. Kurz darauf trafen neue Beobachtungen von Bord der Pereira ein. Dann stieß die Aetna mit dem Ungeheuer zusammen. Dann folgte das Protokoll der Offiziere von der Normandie. Und als die Erhebung des Generalstabs unter Fitz-James an Bord der Lord Clyde vorlag, war bis zum Frühjahr des nächsten Jahres das Monster in Mode. Während der enorme Apparat ruhte, erwachten die Zeitungsredakteure, die Kabarettisten, die Schriftsteller, die Wissenschaftler und die Kaffeehausschwätzer und diskutierten den Überwal, bis er völlig abstrahiert war. Da wurde das Ding wieder konkret. Am 5.3.1867 stieß die Moravian unter 27° 30' nördl. Breite und 72° 15' westl. Länge nachts gegen einen Felsen, der da laut Karte nicht sein durfte. Nur der starke Rumpf des Schiffes und seine 400 PS retteten die 237 Passagiere. Einen Monat später, am 13. April 1867, geschah der Scotia von der »Cunard-Line« unter 45° 37' nördl. Breite und 15° 12' westl. Länge bei ruhigem Meer, günstigem Wind und vollkommen regelmäßiger Radbewegung das gleiche. Eine erschreckendere Demonstration seiner Kraft konnte das Untier nicht geben: Die »Cunard-Line« hatte in den 26 Jahren ihres Bestehens noch kein Schiff, keinen Mann, keinen Brief und keine Stunde Fahrtzeit verloren. Wer in der Welt Cunard als Symbol der Sicherheit angesehen hatte, fuhr verstört empor. Die Öffentlichkeit empfand die Existenz des aggressiven Gegenstandes als Bedrohung und mobilisierte eine Reihe von Ausschüssen, die bei den Regierungen den Wunsch nach sauberen Meeren vortrugen und verlangten, daß eine Jagd auf das große graue Ungetüm veranstaltet würde. Und ich? Was hielt ich von diesen Vorgängen? Ich befand mich im März in New York, hatte gerade eine Nebraska-Expedition im Auftrag der französischen Regierung abgeschlossen und wartete auf das Schiff, das mich wieder in die Heimat bringen sollte. Die Diskussion unter allen Leuten, die von dem Ding gehört hatten und denen es ungeheuer war, langten bereits bei den lächerlichsten ichthyologischen Phantasien an. Die Insel- oder Klippenhypothese, die früher im Umlauf gewesen war, hatte man längst aufgeben müssen, auch die Schiffsrumpf-Theorie war angesichts der frappierenden Ortsveränderungen gefallen. Am längsten hielt sich die Mutmaßung, es handle sich bei dem Unwesen um ein Unterwasserfahrzeug mit außerordentlicher mechanischer Kraft. Aber: daß ein Privatmann eine solche Maschine besaß, war unglaubhaft. Handelte es sich um militärische Materialtests irgendeines Landes? Der Glaube an ein Kriegswerkzeug wurde wankend, als die Staaten der Erde ihre Unbescholtenheitserklärungen abgegeben hatten. Sie fühlten sich alle bedroht, was ihren Versicherungen eine gewisse Glaubwürdigkeit verlieh. Außerdem war es unvorstellbar, daß der Bau eines solchen Seeriesen unbemerkt hätte vor sich gehen können. Damit fiel also die Hypothese vom Panzerschiff, und nur die Monster-Idee blieb noch übrig. Weiße Wale und Seeschlangen haben die Phantasie der Menschen ja immer sehr stark beschäftigt. Da ich in Frankreich ein zweibändiges Werk über »Die Geheimnisse der Meerestiefen« veröffentlicht hatte, das von der gelehrten Welt mit großem Lob aufgenommen worden war, wurde ich als Spezialist in diesem noch ziemlich unklaren Teil der Naturwissenschaften häufiger zu den beunruhigenden Vorfällen befragt. Zunächst verweigerte ich jede Stellungnahme, aber nach dem Unfall der Scotia war auch ich von der Realität der Erscheinung überzeugt und veröffentlichte schließlich nach langem Bedrängtwerden einen ausführlichen Artikel über die Sache im New York Herald, den ich hier in Auszügen wiedergebe: Nach dem Ausscheiden all dieser Hypothesen bleibt also nur noch das Seetier von extremen Ausmaßen und Kräften übrig. Noch keine Sonde hat bisher die großen Tiefen der Ozeane erreicht, deshalb wissen wir nicht, was dort unten vorgeht, welche Tiere dort lebensfähig sind. Selbst für Vermutungen gibt es nur geringe Anhaltspunkte. Nähern wir uns dem Problem rein formal, müßten wir von folgender Voraussetzung ausgehen: Entweder kennen wir alle Gattungen von Lebewesen, die. unsere Erde bevölkern, oder wir kennen nicht alle. Wenn wir sie nicht alle kennen und die Natur zum Beispiel noch ichthyologische Geheimnisse in ihren Meerestiefen verborgen hält, dann ist es durchaus vorstellbar, daß eines dieser unbekannten Tiere durch Zufälle auch einmal aus den Abgründen an die Oberfläche geworfen werden kann. Wenn wir aber nicht alle lebenden Gattungen kennen, dann müssen wir das fragliche Tier in diesen Gattungen suchen, und da wäre ich bereit, die Existenz eines Riesennarwals zuzugestehen. Der gemeine Narwal, das Einhorn der Meere, erreicht eine Länge von knapp 20 m. Die Riesenausführung, die der Scotia zusetzte, ist demnach 5-10 mal so lang, und im gleichen Maßstab vergrößert dürfen wir uns seine Kraft und seine Waffe denken. Diese Waffe ist ein Hauptzahn des Narwals, zu einer Art elfenbeinernem Degen ausgebildet, den das Tier sehr sinn- und erfolgreich wie eine Lanze verwendet. Man hat schon des öfteren solche Zähne in den Leibern von Walen gefunden, andere staken in Schiffskielen. Das Pariser Museum der medizinischen Fakultät besitzt ein Exemplar von 2,25 m Länge, das an der Basis 48 cm Durchmesser hat. Wie gesagt: zehnmal so stark, zehnmal so schnell, zehnmal so massig müssen wir uns das fragliche Ungeheuer ausrechnen, und wenn wir die Masse mit der Geschwindigkeit multiplizieren, ergibt das eine sehr ordentliche Stoßkraft, die einen Unfall, wie ihn die Scotia hatte, durchaus herbeiführen könnte. Bis weitere Informationen vorliegen, votiere ich also für ein Meer-Einhorn von kolossalen Ausmaßen, mit einem Sporn ähnlich der Rammwaffe von Panzerfregatten, denen es an Kraft übrigens gleichkommt. Das wäre eine mögliche Erklärung des Phänomens, wenn die Einzelbeobachtungen stimmen. Denn daß sie nicht stimmen: das wäre auch möglich. Die letzten Worte waren eine meiner typischen Feigheiten: ich wollte mir eine Hintertür offenhalten, denn nichts fürchtet ein Professor so sehr wie den Spott des Publikums, wenn die Realität seine Thesen Lügen straft. Und die Amerikaner lachen kräftig, wenn sie lachen. Der Artikel fand großes Interesse und wurde hitzig diskutiert. Das geschickteste an ihm war wohl, daß er der Phantasie so großen Spielraum ließ, denn der menschliche Geist berauscht sich gern an derartigen nicht ganz geheuren Vorstellungen unnatürlich wirkender Wesen. Das Meer ist der geeignetste Lebensbereich für sie. Elefanten und Nashörner sind lächerliche Zwerge gegen die Säugetiere, die das Wasser bereits beherbergt hat, und vielleicht finden sich auch heute in seinen unerforschten Tiefen noch Mollusken von unbeschreiblicher Größe oder schreckenerregende Schalentiere, 100-m-Hummer und Krabben von 200 t Gewicht ... Die Tiere der Urzeit hatte der Schöpfer in gigantischen Formen gegossen, erst vom Verwitterungsprozeß der Jahrmillionen wurde ihr Ausmaß reduziert. Das Meer allein, das sich nie verändert, konnte in seinen unerforschten Tiefen noch einige Warenmuster der urzeitlichen Schöpfungen enthalten. Warum nicht ... ? Aber ich lasse mich da von meinen privaten Träumereien hinreißen. Das Publikum war viel realistischer. Manchen Leuten erschien das Ganze als rein theoretisches, wissenschaftliches Problem. Die meisten aber, positive Geister vor allem in Amerika und England, forderten eine Säuberungsaktion des Meeres, da sie Handel und Verkehr empfindlich bedroht sahen. Die Vereinigten Staaten handelten als erste. Der Kommandant Farragut erhielt den Auftrag, die schnelle Fregatte Abraham Lincoln auszurüsten und zum Auslaufen bereitzuhalten. Merkwürdigerweise war jetzt von dem Tier nichts mehr zu hören und zu sehen. Es schien fast, als habe es von der geplanten Aktion Wind bekommen, durch Abhorchen von Telegrammen am Transatlantikkabel, wie einige Witzbolde meinten. Zwei Monate lag die Abraham Lincoln auf der Lauer, da kam schließlich am 2.7.1867 die Nachricht, ein Dampfer der Linie Frisco/Schanghai habe das Tier in den nördlichen Gewässern des Pazifik beobachtet. Jetzt erhielt Farragut Befehl, innerhalb von 24 Stunden auszulaufen. Die Mannschaft der Fregatte mit den formidabelsten Fangmaschinen der Neuzeit war komplett, die Vorräte lagen an Bord, Farragut hatte längst Kohlen gebunkert, er brauchte nur noch anheizen zu lassen. Drei Stunden bevor die Abraham Lincoln auslief, erhielt ich folgenden Brief:

Monsieur Pierre Aronnax Professor am Pariser Museum z. Zt. 5th Ave. Hotel, New York

Monsieur, wenn Sie sich der Expedition mit der Abraham Lincoln anschließen wollen, würde die Regierung der Vereinigten Staaten sich darüber freuen, daß Frankreich bei diesem Unternehmen durch Sie vertreten wird. Kommandant Farragut hält eine Kabine zu Ihrer Verfügung bereit. Mit sehr herzlichen Empfehlungen Ihr J.B. Hobson, Sekretär der Marine

__2__

Drei Sekunden vor der Lektüre des Briefes war ich ein Mensch mit verhältnismäßig normalen Wünschen und Ansichten. Drei Sekunden danach fühlte ich mich berufen und wußte, daß mein einziger Lebenszweck von jetzt an nur noch die Verfolgung des ungeheuren Einhorns war. Ich kam zwar gerade von einer mühseligen Reise zurück und hatte mich schon auf meine kleine Wohnung im Jardin des Plantes gefreut, auf meine Freunde auch und meine kostbaren Sammlungen, aber bei diesem Angebot von Mister Hobson vergaß ich all das kleine Glück. »Conseil!« Außerdem, dachte ich mir, führt zu Schiff jeder Weg nach Europa, und wieviel schöner, dort mit einem Stück Riesenzahn anzukommen, mindestens 0,5 m lang, also ohne ... »Conseil! « Es würde natürlich nicht so rasch gehen, denn erst fuhren wir ja mal in entgegengesetzter Richtung, aber was tut man nicht alles für einen so grandiosen Stoßzahn - »Conseil!« Endlich erschien mein Diener Conseil, das liebe flämische Phlegma. »Pack unsere Koffer! « Er begleitete mich auf all meinen Reisen, ohne jemals die geringste Beschwerde über die Dauer oder die Unbequemlichkeit der Expedition zu äußern. Er war so phlegmatisch, daß es ihm völlig gleich schien, ob wir nun nach China oder in den Kongo aufbrachen. Ein ausgeglichener, beständiger, zuverlässiger Mensch, dem die überraschenden Zufälle des Lebens nur geringen Eindruck machten. Conseil besaß übrigens eine merkwürdige Art von Wissen, das man nicht intelligent nennen konnte: Durch den Verkehr mit den gelehrten Männern in unserer Wohnung im Jardin des Plantes und durch den Umgang mit den bedeutenden Stücken meiner naturwissenschaftlichen Sammlung war er ein Spezialist im Klassifizieren geworden, der mit der Zuverlässigkeit einer Tabelle auf ein Stichwort sämtliche Stämme, Gruppen, Unterabteilungen, Ordnungen, Familien, Gattungen, Untergattungen, Arten und Varietäten herbeten konnte. Aber dieses wohlklingende Wissen existierte in seinem Kopf völlig losgelöst von der wirklichen Welt. Er konnte im Aquarium noch keinen Goldfisch von einem Guppy unterscheiden. Conseil war außerdem, wie sich auf mehreren Reisen in den vergangenen zehn Jahren gezeigt hatte, fabelhaft gesund und besaß Nerven aus Stahl. Er zählte dreißig Jahre, und sein Alter verhielt sich zu meinem wie 15:20. Der Bursche hatte nur einen Fehler, der ihm allerdings nicht auszutreiben war: er redete mich stets in der dritten Person an. »Und die Sammlungen von Monsieur?« fragte er jetzt. »Bleiben hier. Wir müssen rasch fort.« »Was? Archiotherium, Hyracotherium, Oreodon und all die anderen Gerippe von Monsieur bleiben ... « »Ja! « »Wie Monsieur beliebt.« »Also, hör zu, mein Freund: Wir fahren mit der Abraham Lincoln ... « »Wie Monsieur beliebt.« »Also, um genauer zu sein: Es handelt sich um dieses Untier da ... diesen RiesenNarwal, der verfolgt werden soll ... « »Wie Monsieur beliebt.« »Es ist vielleicht ... wie soll ich sagen? ... eine Reise, von der nicht jeder wieder zurückkommt.. .« »Wie Monsieur beliebt.« Im Kofferpacken war Conseil mindestens ebenso gut wie im Klassifizieren, denn er ordnete Hemden, Hosen, Socken und Wäsche ebenso geschickt ein wie Vögel und Säugetiere. Ich zahlte in der Hotelhalle, gab den Auftrag, meine Kisten und Kasten Forschergepäck nach Paris zu verfrachten und sorgfältig meinen Hirscheber zu füttern, für den ich ein Ernährungskonto eröffnete. Ein Pferdewagen brachte uns für 20 Francs über Broadway, 4th Ave. und Katrin Street zum 34. Pier, von wo uns eine Fähre nach Brooklyn übersetzte, in die Nähe des Kais, an dem mit rauchenden Schloten die Abraham Lincoln lag. Ich wurde an Bord gleich dem Kommandanten Farragut vorgestellt und bezog anschließend meine Kabine. Sie gefiel mir, denn sie lag im Heck und stieß an den Offizierssalon. »Hier sind wir gut aufgehoben! « »So gut wie der heilige Bernhard in der Muschel.« Eine halbe Stunde später waren die Haltetaue bereits gefallen, das Go ahead! des Kommandanten dröhnte über Deck und wurde über die Sprechanlage in den Maschinenraum weitergegeben. Die Maschinisten setzten das Rad in Bewegung, Dampf zischte, und die langen, horizontalen Stempel dröhnten und trieben die Stangen der Welle immer schneller. Das Wasser unter der Schraube rauschte auf, das Schiff löste sich langsam vom Kai und zog majestätisch im Gefolge einer Vielzahl von Fähren, kleinen Schleppern und Barkassen ins offene Wasser. Die Fahrt über den Hudson glich einem Triumphzug; auf den Barkassen und am Ufer häuften sich die winkenden und taschentuchschwenkenden Schaulustigen. Die Forts, welche die Fregatte in Richtung New Jersey passierte, grüßten mit Salutschüssen, und Farragut ließ zur Antwort dreimal die amerikanische Bundesflagge aufziehen. Am Sandy Hook, einer Landzunge, standen noch einmal Tausende von Zuschauern und klatschten Beifall, als die Fregatte vorüberzog. Schlag 15 Uhr ging der Lotse von Bord, der Dampfdruck wurde erhöht, die Schraube lief rascher, das Schiff strich längs der gelben, niedrigen Küste von Long Island und lief abends um 20 Uhr, nachdem die Feuer von Fire Island im Nordwesten zurückgeblieben waren, mit voller Kraft in die dunklen Wasser des Atlantik. Farragut war ein tüchtiger Seemann, zusammen mit der Lincoln ein Schiff und eine Seele. Wie jeder gute Seemann war er dem Gedanken eines Seeungeheuers gegenüber sehr aufgeschlossen und hatte nicht die geringsten Zweifel an der Existenz des Einhorns, zu dessen Verfolgung er aufgebrochen war. Er hatte geschworen, das Meer von dem Monster zu befreien, deshalb gab es nur noch die Alternative Farragut-tötet-Monster oder Monster-tötet-Farragut, eine dritte Möglichkeit war ausgeschlossen. Selbstverständlich teilten die Offiziere seine Meinung. Die Aussicht auf das bevorstehende Abenteuer war der Gegenstand aller Gespräche an Bord, und manch einer offenbarte eine überraschende Neigung für den Dienst im Ausguck des Mastkorbs. Sämtliche Masten mit ihrem Takelwerk hingen tagsüber voller Matrosen, obwohl noch nicht einmal der Pazifik erreicht war kein Wunder, denn Farragut hatte eine Prämie von 2000 Dollar für die erste Sichtmeldung ausgesetzt. Auch mich trieben Unruhe und Neugier Tag für Tag an Deck. Conseil war der einzige, der das Unternehmen gewöhnlich fand. Ich habe ja die fabelhafte Ausrüstung mit Fanggeräten bereits kurz erwähnt, welche die Abraham Lincoln mit sich führte. Von der Harpune bis zu explodierenden Geschossen war alles vorhanden, selbst ein kleinkalibriges, weittragendes Geschütz, das der Öffentlichkeit auf der Weltausstellung im folgenden Jahr zum erstenmal vorgestellt werden sollte, war an Deck montiert. Es fehlte also nicht an Mordwaffen neuesten Modells. Aber das Schiff besaß noch mehr: den König der Harpuniere. Ned Land. Dieser Kanadier war etwa vierzig Jahre alt, eine kräftig gebaute Zweimeterfigur, ernst, wortkarg, reizbar und aufbrausend, kurz: ein Mann, der, wo er ging und stand, Aufmerksamkeit erregte. Er konnte Farragut mit seinem scharfen Blick und sicheren Arm ebenso nützlich sein wie die übrige Mannschaft zusammen. Mir kommt der Vergleich: ein Teleskop, das auch eine stets schußbereite Kanone ist. Wohl weil ich Franzose war, zeigte Ned Land sich mir gegenüber etwas freundlicher und aufgeschlossener als gewöhnlich; mit mir konnte er reden, und er gab mir dabei zugleich Gelegenheit, das rabelaissche Idiom zu genießen, das in einigen Gegenden Kanadas noch gesprochen wird. Er stammte, wie die Reihe seiner Vorfahren, aus Quebec; und nachdem er aufgetaut war, begann er oft von allein aus seinem Leben zu erzählen, er sprach von seinen Abenteuern und Kämpfen, und seine Erzählung, mit der poetischen Kraft des Natürlichen ausgestattet, weitete sich zu einem Epos vom Walfang und den nördlichen Meeren, zur Odyssee eines kanadischen Homer. Ach Ned! Wir sind Freunde geworden, und ich wünschte, ich würde noch hundert Jahre leben, nur um zu wissen, daß es dich gibt! Ans Einhorn übrigens glaubte er nicht. Wir saßen einmal an einem prachtvollen Abend drei Wochen nach unserer Abfahrt gemeinsam auf dem Achterdeck und sprachen miteinander, während wir aufs Meer hinaussahen. Ich wog die Erfolgschancen unseres Unternehmens ab. Land ließ mich reden, ohne zu antworten, und ich fragte ihn geradezu: »Sagen Sie, Meister, warum sind Sie eigentlich so skeptisch, was das Einhorn betrifft? Haben Sie besondere Gründe, nicht an seine Existenz zu glauben?« Der König der Harpuniere sah mich eine Zeitlang schweigend an, schlug sich dann mit der Hand gegen die hohe Stim (eine Bewegung, die ihm zur Gewohnheit geworden war) und sagte mit geschlossenen Augen: »Vielleicht schon, Monsieur Aronnax.« »Aber Sie sollten der letzte sein, der so was bezweifelt! Sie, ein Jäger von Großsäugern, Sie können sich doch am ehesten ein Bild dieses Einhorns machen ... « »Umgekehrt, umgekehrt. Die Masse glaubt gern an Kometen, an urweltliche Ungeheuer, aber weder der Astronom noch der Biologe lassen derlei Hirngespinste gelten. Ich habe eine Menge Seetiere erlegt, aber es gab keins darunter, das stark genug gewesen wäre, einem Schiff ernstlichen Schaden zuzufügen.« »Na, es gibt aber doch durchaus Fälle, wo ein Narwal Schiffe mit seinem Dorn durchbohrt . . .« »Hölzerne vielleicht. Aber keine Eisenplatten. Ich merke schon, daß auch bei Ihnen dieses Seeungeheuer zu den Glaubensartikeln gehört. Narwal mit Riesenzahn! Warum denn nicht ein Riesenpolyp?« Warum denn nicht ein Riesenpolyp?« m-Krake könnte Schiffen wie der Scotia oder der Abraham Lincoln nichts anhaben. Es muß ein sehr kräftig gebautes Säugetier aus der Klasse der Wirbeltiere sein. Es ist doch ganz logisch, wenn ein solches Tier Tausende von Metern unter der Wasseroberfläche lebt, daß es sehr widerstandsfähig sein muß.« »Wieso?« »Weil es den enormen Druck aushalten muß, der in den tieferen Schichten des Meeres herrscht. Sie wissen, daß man in der Physik den Druck, den 1 kg Wasser, also 1000 cm³, auf 1 cm² ausübt, mit 1 at bezeichnet. Wenn Sie also 10 m tief tauchen, ist Ihr Körper - da seine Oberfläche ca. 20 000 cm² mißt - einem Druck von 20 000 kp ausgesetzt. In 100 m Tiefe wirken 200 000 kp auf Sie ein, in 1000 m Tiefe 2 000 000 kp, in 10 000 m Tiefe 20 000 000 kp! Der Luftdruck ist übrigens etwas größer als 1 at, deshalb lasten in diesem Augenblick schon mehr als 20 000 kp Gewicht auf Ihrem Körper. Nur merken Sie nichts davon, weil diesem Druck der Druck der Luft innerhalb Ihres Körpers entgegen wirkt, der sich mit dem äußeren genau ausgleicht. Darauf können Sie aber im Wasser nicht zählen.« »Sie meinen, weil mein Körper nicht mit Wasser gefüllt ist, das Gegendruck ausübt?« »Richtig. 10 km Meerestiefe mit ihrem Druck von 20 000 t würden Sie platt drücken wie eine hydraulische Presse.« »Den Teufel auch!« »Und Tiere von der Größe dessen, das wir verfolgen, deren Körperoberfläche Millionen von cm² mißt, müssen Milliarden kp Druck aushalten. Daraus darf man schon folgern, daß sie recht kräftig gebaut sind. Jetzt stellen Sie sich nur noch vor, daß eine solche Masse Tier mit der Geschwindigkeit eines über Land fahrenden Schnellzugs auf einen Schiffsrumpf stößt, dann werden Ihnen die Beschädigungen nicht mehr so unglaublich erscheinen ... « »Tjaaa ... «, sagte der Kanadier gedehnt. »Habe ich Sie überzeugt?« »Sie haben mich davon überzeugt, daß, wenn es in sehr großen Tiefen Tiere gibt, diese einen sehr widerstandsfähigen Organismus haben müssen.« »Ja, aber wenn es diese Tiere nicht gibt, wie erklären Sie sich dann den Unfall der Scotia?« »Tja...« »Na?« »Na, vielleicht damit, daß die Geschichte gar nicht wahr ist! « Aber diese Antwort ließ nur die skeptische Verbohrtheit des Kanadiers erkennen, denn am Unfall der Scotia gab es nun wirklich keinen Zweifel. Das Loch war so groß, daß man es stopfen mußte, um nicht abzusaufen; einen besseren Beweis für ein Loch kann ich mir nicht denken. Da es Felsen oder Klippen um die Unfallstelle herum nicht gab, mußte es von einem Tier herrühren. Meiner Ansicht nach gehörte dieses Wesen zu den Wirbeltieren, Klasse der Säuger, Gruppe der fischförmigen, Ordnung der walfischartigen. Zur Bestimmung der Familie allerdings hätte man das Untier zerlegen müssen, um es zerlegen zu können, hätte man es fangen müssen, um es fangen zu können, hätte man es harpunieren müssen, um es harpunieren zu können, hätte man es sehen müssen, damit aber haperte es.