200 Bar Liebe - Monika Hanshans - E-Book

200 Bar Liebe E-Book

Monika Hanshans

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Beschreibung

Ein Sommer-Urlaubs-Roman. Mit Sonne satt und großen Gefühlen: Job weg, Single, Ende 30, das Kind bald aus dem Haus. Doro lebt mit Ronja in einer liebevoll-turbulenten Mutter-Tochter-WG. Vom Vater keine Spur. Der ließ Doro damals schwanger sitzen. Schmerz und Enttäuschung sitzen bis heute tief und in Sachen Partnerschaft oder Erotik tut sich nicht mehr viel. Stattdessen stürzt sie sich mit Leidenschaft in die Arbeit, doch als sie unerwartet ihren Job verliert, droht sie daran zu verzweifeln. Beim Tauchen kann Doro am besten einen klaren Kopf bekommen und so packt sie kurzerhand ihre Koffer und fliegt nach Ägypten, wo ihre beste Freundin Isy eine kleine Tauchschule leitet. Sie freut sich darauf, entspannt und schwerelos durch die Riffe zu schweben, die unzähligen bunten Fische zu beobachten und in den Tiefen des Meeres ihre innere Mitte wiederzufinden. Die Liebe macht Doro jedoch einen Strich durch die Rechnung. Unversehens findet sie sich in einem emotional aufwühlenden Abenteuer aus Tausend und einer Nacht wieder… Monika Hanshans hat ein Buch geschrieben, das sich wie das vertraute Gespräch zwischen besten Freundinnen liest: rückhaltlos offen, mit Sinn für die richtige Dramaturgie und Spannung. Unterhaltung im besten Sinne. Gleichzeitig taucht sie buchstäblich ein in eine andere Welt: das Meer, seine Tiefen und Weiten, in der Zeit und Raum aufgehoben sind. Sie erschafft großartige Bilder im Kopf. Entspannung pur. Besser als 6 Wochen Yoga-Retreat. Ein Buch über die große Liebe, ein Lied aus „I will survive“ und „I'm every woman“, Selbstrespekt und Frauenpower, das Tauchen, Haie und Enttäuschungen. Für uns der beste unterhaltende Frauenroman des Jahres.

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Seitenzahl: 414

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-95894-162-5 (Print) / 978-3-95894-163-2 (E-Book)

© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2020

Cover: Heidi Entner-Ruttmann

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

1

„Mei, Sie san a wirklich schwieriger Fall, Frau Kiefer.“

Mit bedauerndem Kopfschütteln sah mich Herr Huber, mein Sachbearbeiter bei der Münchner Agentur für Arbeit, durch seine dicke Hornbrille an und legte meine Unterlagen beiseite.

Nach einem abgebrochenen Studium hatte ich bis vor kurzem für eine TV-Produktion gearbeitet. Die war aber leider seitens des Senders eingestellt worden, und eine neue Festanstellung war in dieser Branche gerade nicht so leicht zu finden.

Es war vielmehr ein hoffnungsloses Unterfangen.

Ebenso hoffnungslos schien auch mein Besuch auf dem Arbeitsamt zu sein. „Was soll i nur mit Ihnen anstell’n?“, seufzte Huber mit ratloser Verzweiflung. „Des is immer a Kreiz mit dera Künstlerbagage. Ständig ham’s koan beitragspflichtigen Job mehr, zahl’n nix in die Rentnkass’n ein und woll’n dann trotzdem immer a Geld!“

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Ich war siebzehn Jahre lang bei dieser Fernsehproduktion fest angestellt gewesen, hatte in dieser Zeit auch immer brav in die Rentenkasse eingezahlt und am heutigen Tag mit meinen nunmehr neununddreißig Jahren auch das erste Mal einen Fuß über die Schwelle einer Arbeitsagentur gesetzt. „Ja haben’s denn sonst gar nix G’scheits g’lernt? “

Ich begann kurz mein Leben zu reflektieren und entschied intuitiv, meine Ausbildung zur Tauchlehrerin hier besser gar nicht zu erwähnen. Hatte ich sonst irgendwas „G’scheits“ gelernt? Die Sache war die. Nach dem Abitur hatte ich mal Lehramt studiert, was in Hubers Augen sicherlich „was G’scheits“ gewesen wäre.

Als Lehrerin war ich allerdings nie tätig gewesen, weil ich nach dem ersten Staatsexamen das Handtuch geworfen hatte. Während verschiedener Praktika war mir nämlich zum Glück noch rechtzeitig klar geworden: Lehramt war einfach nichts für mich. Außerdem hätte ich mir das Studium ohnehin nicht mehr leisten können, weil ich damals alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter gewesen war. Obwohl der Kindsvater immer seinen Pflichtunterhalt gezahlt hatte, hatte es hinten und vorne nicht gereicht. München war schon immer eine teure Stadt gewesen, und ohne Job hätte ich mit Ronja nur sehr schwer über die Runden kommen können. Sei es durch Zufall oder Glück, ich war schließlich Dramaturgin bei einer Daily Soap geworden.

Vor meinem geistigen Auge ploppten bunte Bildfragmente aus dieser Zeit auf. Vom spontanen Prosecco im Büro, zahllosen Überstunden, kapriziösen Schauspielern, exzessiven Partynächten – von einer schrillen, verrückten, aber auch anstrengenden Zeit mit tollen Kollegen.

„Das Lehramtsstudium ham’s ned abgschloss’n, aber ham’s dann vielleicht irgend a Zertifikat von der Fernsehgsellschaft, irgend an Abschluss schwarz auf weiß?“

Herr Huber hatte mich abrupt aus meinen Erinnerungen gerissen und ich schüttelte nur schwach den Kopf. Das hatte ich nicht, weil es so etwas gar nicht gab. Jede Erklärung wäre allerdings verschwendete Energie und Atemluft gewesen, die in diesem miefigen, beklemmend trist eingerichteten Büro ohnehin Mangelware war.

„Dann san’s also a unglernte Hilfskraft!“, holte Huber zum nächsten vernichtenden Schlag gegen meine ohnehin schon schwer in Mitleidenschaft gezogene Psyche aus. Ungelernte Hilfskraft? Ungläubig starrte ich mein Gegenüber an. Nach einem bestandenen ersten Staatsexamen war ich einer anspruchsvollen Tätigkeit nachgegangen und hatte in dieser Zeit auch noch meine Tochter Ronja großgezogen. Wie konnte mich dieser auf Lebenszeit verbeamtete Sesselpupser, der vom wirklichen Leben keine Ahnung hatte, nur so derart diskreditieren? Und das nur, weil ich kein Zertifikat vorweisen konnte? Mein Gastspiel in dieser Behörde mutierte zu einem bürgerlichen Trauerspiel unter der Regie von engstirniger, spießiger Bürokratie mit Doro Kiefer in der Hauptrolle. Mein Berufsleben und alles, was ich mir über die Jahre mit viel Herzblut aufgebaut hatte, zählte hier gar nichts und lag wie ein Scherbenhaufen vor mir.

„Mir sann fei no ned fertig miteinand’ und das Thema berufliche Wiedereingliederung is no ned g’essen, Frau Kiefer!“

Herr Huber begann auf einmal unangenehm scheppernd zu lachen. „Des hab’ i auch mal zu ner magersüchtigen Arbeitslosen g’sagt. Hahaha – des is noch ned gessen. Hab erst im Nachhinein g’merkt, dass des vielleicht ned so gut bei der ankomma is. Genauso wie bei dem kleinkriminellen Rollstuhlfahrer, dem i g’sagt hab’, dass er im Leben koan Fuß mehr auf’n Bodn kriegt, wenn er ned aufhört krumme Dinger zu dreh’n. Hahaha, a Rollstuhlfahrer mit’m Fuß auf’m Boden.“

War mir eben noch schwindelig, wurde mir nun speiübel. Ich hoffte inständig, dass gleich Guido Cantz hinter einer Tür hervorspringen möge und diese Szene als Scherz der Versteckten Kamera entlarven würde, doch nichts dergleichen geschah. Huber hatte sich vielmehr in Rage geredet.

„Wissen’s Frau Kiefer, i mag halt so Sprachspielereien und so metaphorische Sprache. Des hat der Franz Joseph Strauß, Gott hab’ ihn selig, a immer brillant k’onnt. Wissen’s überhaupt, was a Metapher is, Frau Kiefer?“

Während Gott den Franz Joseph Strauß selig haben sollte, fiel ich langsam vom Glauben ab. Der für mich verantwortliche Berater vom Arbeitsamt hatte offensichtlich meinen Lebenslauf gar nicht richtig gelesen. Studium: Lehramt, Hauptfach: Germanistik.

Contenance!, zügelte ich meinen aufsteigenden Zorn und konterte souverän.

„Neben Alliterationen, Chiasmen und Oxymora ist mir während meines Studiums auch schon die eine oder andere Metapher untergekommen.“

Ich dankte dem Himmel für meine spontane Schlagfertigkeit, die mir zumindest für die nächsten gefühlten dreißig Sekunden Ruhe einbrachte. In Hubers Gehirn schien es zu arbeiten, bis er mit einem Strahlen im Gesicht wieder das Wort ergriff, was mir mehr Angst denn Mut machte. „I merk’ scho, dass Sie sich wohl mit Sprache a bisserl auskennen. Da hätt i doch an hervorragenden Berufsvorschlag für Sie, der wo was mit Sprechen und Sprache und so zum tun hat – Sie machen a Umschulung zur Logopädin!“

In Erwartung eines Begeisterungssturms sah Huber mich selbstgefällig an.

„Lo – o – o – goo – pääää – ddd – iiiin?“, stotterte ich wie zum Beweis meiner fehlenden Qualifikation. Eine stotternde Logopädin. Diese Vorstellung war so absurd, dass ich mich hilflos an Huber wandte. „Haben Sie vielleicht noch was anderes im Angebot?“

2

Erschöpft klappte ich mein Tagebuch zu. Normalerweise war ich keine große Tagebuchschreiberin, aber heute war es mir mal wieder ein dringendes Bedürfnis gewesen, um die große Frustration über meinen Besuch auf dem Amt besser verarbeiten zu können. Ich überflog noch einmal meine Zeilen und ging in mich. Huber war sicher ein untragbarer Vertreter seiner Zunft gewesen, aber was hatte ich erwartet? Die Agentur für Arbeit war kein Supermarkt gefüllt mit Traumberufen im Sonderangebot, wobei ich mir noch nicht mal einen Einkaufszettel geschrieben hatte. Sprich – ich hatte mir im Vorfeld keinerlei Gedanken über berufliche Alternativen gemacht, weil ich gar keinen anderen Job als den beim Fernsehen haben wollte. Unter diesen Voraussetzungen hätte ein sensiblerer Berater auch nicht viel mehr für mich tun können, aber eines war klar: Ich musste dringend, so schnell wie möglich wieder irgendetwas arbeiten, um nicht depressiv zu werden. Nur was?

Ratlos band ich meine langen, blonden Haare zu einem Pferdeschwanz und zog Bilanz.

Mein bisheriges Leben war im Großen und Ganzen recht glücklich verlaufen. Nur was Männer anging, herrschte seit Jahren totale Flaute.

Meine große Liebe Jan hatte mich mitten im Studium schwanger sitzen lassen und nach Jan hatte ich leider kein großes Glück in der Liebe mehr gehabt. Manche Männer waren von einer nicht partytauglichen, alleinerziehenden Frau mit Kind abgeschreckt gewesen, andere hatten gleich noch ein Geschwisterkind produzieren wollen und was meine Erfolgsquote bei Single-Börsen, Speed Dating, Tinder und dergleichen mehr anging, tendierte die gegen null. Je intensiver und verzweifelter ich auf der Suche gewesen war, desto abschreckender musste das aufs andere Geschlecht gewirkt haben, sodass ich irgendwann aufgehört hatte nach der großen Liebe zu suchen. Entweder Mr. Right lief mir irgendwann mal zufällig über den Weg – oder eben nicht.

Nachdenklich sah ich aus dem Fenster. Es war ein wunderschöner Spätsommertag, die Sonnenstrahlen hüllten den Raum in warmes Licht und trotzdem übermannte mich ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Ein Gefühl, das ich so nicht kannte und mir Angst machte. Ich hatte meinen Job verloren, wusste nicht, was ich mit meinem Leben noch anfangen sollte, und hatte außerdem auch keinen Partner an meiner Seite, der mir in dieser schweren Zeit beistehen könnte.

Eine Tür fiel ins Schloss. Ronja, mit der ich in einer liebevoll-turbulenten Mutter-Tochter-WG zusammenlebte, war von der Schauspielschule nach Hause gekommen. Sie war inzwischen neunzehn Jahre alt und hatte nächstes Jahr ihren Abschluss in der Tasche. Meine Tochter, der ich immer beigebracht hatte optimistisch und mutig zu sein, sollte ihre Mutter nicht in einem derart desolaten Zustand sehen. Obwohl Ronja kein Kind mehr war, wollte ich meine eigenen Worte nicht Lügen strafen und ihr in dieser Hinsicht noch immer ein Vorbild sein.

Demnach setzte ich ein gewinnendes Lächeln auf und lief Ronja fröhlich plappernd entgegen.

„Wie war dein Tag, Liebes? Heute war doch die Besetzung eures neuen Stücks, oder? Ihr inszeniert doch Geschlossene Gesellschaft von Sartre, oder? Hast du deine Traumrolle bekommen? Alles andere würde mich wundern, weil du…“

„Mami!“ Ich brach mitten im Satz ab. Ronja hatte mein Manöver durchschaut und fragte vorsichtig nach. „Auf dem Amt ist es wohl nicht so toll gelaufen?“

Ich schüttelte nur schwach den Kopf. „Nicht wirklich. Mein Berater wusste nichts mit mir anzufangen, weil ich keinen Berufsabschluss habe und mein bisheriger Job nicht zählt. Alles Weitere erspare ich dir.“ Ronja umarmte mich spontan. „Und jetzt?“

„Jetzt soll ich mir möglichst schnell überlegen, welchen Beruf ich bis zur Rente noch lernen möchte.“ Ich ließ resigniert die Schultern hängen. „Aber ich weiß es einfach nicht.“ Ich blätterte in der Broschüre Ausbildungsberufe von A bis Z, die mir Herr Huber am Ende noch in die Hand gedrückt hatte, und ließ das Heft beim Buchstaben B wieder sinken. Das hatte heute einfach keinen Sinn. Ich würde sonst aus Verzweiflung vielleicht noch als Bestatterin enden. Ronja sah mich verständnisvoll an, sagte aber nichts weiter, da sie intuitiv spürte, was ich gerade brauchte. Ablenkung. Sie ging zum Kühlschrank, angelte sich einen Prosecco und schaltete das Radio an. Mit dankbarem Lächeln öffnete ich die Flasche und schenkte ein. Aufmunternd prostete Ronja mir zu. „Auf dich!“

„Auf uns!“

Die erste Flasche war schnell geleert, und in gelöster Stimmung warf Ronja einen Blick in die Broschüre. „Schau mal, Mami. Hier gibt es am Ende einen Fragebogen zur Berufsfindung. Den füllen wir jetzt mal zusammen aus, okay?“

3

Ronja war am nächsten Tag schon längst wieder in der Schauspielschule, als ich das erste Mal vorsichtig meine Augen öffnete. Es war gestern noch ein sehr langer, feuchtfröhlicher Abend geworden, was Ronja anscheinend besser vertragen hatte als ich. Während sie schon wieder unterwegs war, spürte ich noch jeden Schluck, aber ich war ja auch keine neunzehn mehr. Mit schmerzendem Kopf schlurfte ich in die Küche, um meinen Körper mit zwei Aspirin und einer großen Menge Kaffee der Kategorie „extra stark“ wiederzubeleben. Meine Therapiemaßnahmen wirkten zum Glück sehr schnell und ich ließ den gestrigen Abend Revue passieren. Der Fragebogen hatte mir nicht wirklich geholfen. Der ein oder andere Beruf hatte zwar ganz interessant geklungen, aber ich hatte bei keinem laut Hurra geschrien. Ich beneidete die Menschen, die schon seit ihrer Schulzeit ganz genau gewusst hatten, was sie mal werden wollten, und ihre Ziele dann auch ohne Umwege verfolgt hatten. Meine Klassenkameradin und beste Freundin Isy war unter Wasser zu Hause und war Tauchlehrerin in Ägypten geworden, Ronja wollte schon immer Schauspielerin werden und Jan Meeresbiologe. Jan. In einem Anflug von Melancholie dachte ich an unsere gemeinsame Zeit, suchte mein altes Fotoalbum aus Studienzeiten und tauchte ab in die Vergangenheit.

Ich hatte mein Abi in der Tasche und glaubte damals noch sicher zu wissen, dass ich Lehrerin werden wollte. Noch sicherer wusste ich allerdings, dass ich in München studieren wollte, und träumte von einer coolen WG. Das war allerdings leichter gesagt als getan, denn Wohnungen waren schon damals für normal sterbliche Studenten schwer zu kriegen und noch schwerer zu finanzieren, aber wo ein Wille, da ein Weg. Mit ungetrübtem Optimismus begann ich also die Kleinanzeigen im Münchner Stadtmagazin Kurz und Fündig zu durchforsten und stieß auf eine ungewöhnliche Annonce.

Student sucht Mitbewohner/-in für 2er-WG in Traumlage. 400 DM warm. Adresse nach erfolgreicher Schnitzeljagd. Start: Achterbahn auf der Wiesn. Alles Weitere vor Ort.

Wie witzig ist das denn? Das ist genau mein Ding, dachte ich mir und machte mich gespannt auf den Weg zur Achterbahn. Nach jeder bestandenen Aufgabe erfuhr ich ein weiteres Detail, bis ich am Ende alle notwendigen Informationen zusammenhatte. Es war ein schwül-heißer Tag Mitte September, ich lief durch die Straßen und lästige Mücken umschwirrten mein schweißnasses Gesicht. Verdammt. Obwohl ich mich überpünktlich auf den Weg gemacht hatte, war ich jetzt schon einige Minuten zu spät. Ich hatte mich in diesem verflixten Straßendschungel Schwabings gnadenlos verlaufen und Smartphones mit Streetview hatte es damals leider noch nicht gegeben. Die Traumlage, die die Annonce versprochen hatte, wurde für mich von Minute zu Minute mehr zum Alptraum, doch aufgeben wollte ich auf keinen Fall. Endlich.

Als ich um die nächste Ecke gebogen war, war ich tatsächlich in der Zittelstraße angekommen und hätte vor Erleichterung fast das Straßenschild geküsst, wenn es nicht zu hoch gehangen hätte. Erschöpft sank ich erst mal auf einen Mauervorsprung, wischte mir mit einem Taschentuch den Schweiß aus dem Gesicht und betrat dann das lang ersehnte Haus, dessen Tür offen stand. Die kühle Luft, die mir aus dem hohen Eingangsbereich des Altbaus entgegenströmte, wirkte wie Balsam auf mein erhitztes Gemüt.

Wie viele andere Zimmersuchende hatten wohl noch erfolgreich an der Schnitzeljagd teilgenommen? Wie viele davon würden zu dem Besichtigungstermin erscheinen? Vorsichtig legte ich mein Ohr an die Wohnungstür im Erdgeschoss und lauschte. Konnte man von drinnen vielleicht Stimmen hören? Fehlanzeige. Ich nestelte also noch einmal an meinem Lieblings-Shirt herum, zupfte meinen Pferdeschwanz zurecht und drückte dann nervös den Klingelknopf. Eine gefühlte Ewigkeit tat sich gar nichts und ich trat nervös von einem Bein aufs andere, bis sich die Tür endlich öffnete.

„Hi, willst du nur mal schnell aufs Klo oder willst du dir das Zimmer anschauen?“, scherzte ein unverschämt gutaussehender, sportlicher Kerl, vermutlich Anfang zwanzig, mit dunklen Locken, strahlend blauen Augen und umwerfendem Lächeln. Ob dieses atemberaubenden Anblicks zupfte ich wieder an meinem Shirt und stammelte leicht verlegen. „Nein, ich will nicht… also ich meine, ich bin…“ Der Kerl lächelte mich charmant an. „Du bist echt süß und auch die Erste, die es geschafft hat, mich zu finden! Komm rein und schau dich um. Meinen Namen kennst du ja bereits, verrätst du mir auch deinen?“ Ich war hin und weg. Den berühmten Magic Moment gab es also wirklich. Während Jan seine etwas widerspenstigen dunklen Locken, die ihm ständig ins Gesicht fielen, lässig mit einem Haargummi bändigte, blieb mir kurz Zeit meine Begeisterung zu zügeln. Jan sollte mir auf gar keinen Fall anmerken, wie gut er mir gefiel, also musste ich jetzt cool bleiben. Aber könnte ich es auf Dauer überhaupt aushalten, diesem Adonis morgens in T-Shirt und Boxershorts im Bad zu begegnen, ohne nervös zu werden? Oder sollte ich besser unter einem Vorwand gleich wieder verschwinden? Mitten in meinen strategischen Überlegungen spürte ich einen Finger auf meiner Schulter, der mich antippte.

„Hey namenlose Frau, kommst du, oder muss ich erst noch nen roten Teppich ausrollen?“ Mit einladender Geste bat Jan mich herein, da ich mich bis jetzt keinen Meter von der Stelle bewegt hatte.

Eine coole Antwort muss her, und zwar schnell!

„Ich heiße Doro. Einen roten Teppich brauche ich nicht, aber ein Autogramm kann ich dir trotzdem gerne geben. Auf dem Mietvertrag.“

Amüsiert wollte Jan wissen: „Und mit welcher Berühmtheit habe ich es gerade zu tun?“

Ich straffte mich.

„Mit Doro der Ersten. Der Ersten, die deine Aufgaben erfüllt hat und deswegen auch hier einziehen darf.“

„Dafür zolle ich Ihrer Majestät auch größten Respekt“, konterte Jan mit theatralischer Verbeugung. Wir konnten uns nicht mehr zurückhalten und begannen gleichzeitig zu lachen, was mir über meine Befangenheit hinweghalf. Jan sah nicht nur super aus, wir hatten auch den gleichen Humor. Neugierig folgte ich ihm durch den kurzen Flur in ein geräumiges Wohnzimmer mit hohen Wänden, Stuckdecke und großen Flügelfenstern. Die Einrichtung des Raums war zweckmäßig und ohne Firlefanz.

Hier kann keine Frau gewohnt haben!

An der Wand ein schlichtes Regalsystem aus Holz mit viel Stauraum für Stereoanlage, Fernseher und Bücher, gegenüber eine antik anmutende Holzkommode, daneben eine Stehlampe aus der Kollektion eines bekannten schwedischen Möbelhauses und in der Mitte eine großzügige Sofalandschaft in weinrotem Leder, die zum gemütlichen Verweilen einlud. Ich ließ noch einmal meinen Blick schweifen und nahm das Gespräch wieder auf. „Majestät beiseite. Ganz egal, ob ich das WG-Zimmer kriege oder nicht: Die Schnitzeljagd hat Riesenspaß gemacht!“ Jan lächelte erfreut. „War halt mal was anderes und hat mir tausend langweilige Bewerber vom Hals gehalten. Wer bei sowas mitmacht, muss schon irgendwie… besonders sein!“

„Besonders verrückt?“

„Vielleicht auch das. Jedenfalls habe ich genau so jemanden gesucht!“

„Und? Bin ich dir verrückt genug?“, hakte ich kokett nach.

Jan fixierte mich mit seinen strahlend blauen Augen. „Frech genug bist du jedenfalls schon mal und…“ Er raunte heiser. „… und wenn du so weitermachst, machst du mich auch noch total verrückt.“

Dito!

Vom überraschenden Wandel der Situation überfordert, sah ich verlegen zu Boden, bis auf einmal eine grau getigerte Katze ins Wohnzimmer spazierte, um es sich auf dem Sofa bequem zu machen. „Oh. Du hast eine Katze!“, jubelte ich, wurde jedoch gleich korrigiert. „Entschuldigung, das ist ein Kater und heißt Mikesch.“ Dankbar für Mikeschs Erscheinen setzte ich mich neben das Tier, um meine Verlegenheit wegzustreicheln und gleichzeitig auch meinen Fauxpas wiedergutzumachen. Unter Jans angetanem Blick begann Mikesch, sich unter lautem Schnurren wohlig zu räkeln. „Genau deshalb musstest du dich bei der Schnitzeljagd eine Stunde um die Katzen im Tierheim kümmern. Wenn du allergisch wärst, hättest du das nämlich nicht überlebt und könntest auch nicht hier einziehen.“ Das machte Sinn. Jan setzte sich ebenfalls aufs Sofa, nahm Mikesch in unsere Mitte und klärte mich weiter auf. „Drei Mal hintereinander Achterbahn fahren musstest du, weil das Zusammenwohnen mit mir genauso turbulent und schwindelerregend sein kann.“ Jan lächelte mich vielsagend an. „Das muss eine Mitbewohnerin schon aushalten?“

„Kein Problem. Achterbahnfahren macht Spaß…“, behauptete ich nicht minder vielsagend, kramte in meinem Rucksack und überreichte Jan feierlich einen rot lackierten Korkenzieher. „Und den sollte ich vermutlich mitbringen, weil mir vom Weintrinken auch nicht schwindelig werden darf?“

Jan schüttelte schmunzelnd den Kopf und ließ den Korkenzieher fast zärtlich durch seine Finger gleiten. „Das können wir gerne ausprobieren… Einen neuen Korkenzieher habe ich aber gebraucht, weil der letzte Mitbewohner meinen aus Versehen mitgenommen hat.“

„Ach so.“

Schweigen.

Und nun?

Wollte Jan nicht einen Wein mit mir trinken oder mir vielleicht mal das Zimmer zeigen? Ich könnte auch selbst danach fragen, doch stattdessen streichelte ich weiter Kater Mikesch, der mir zutraulich auf den Schoß sprang.

„Ähm… dann ist es ja gut, dass du jetzt wieder einen hast. Korkenzieher meine ich.“ Jan sah versonnen auf seinen schnurrenden Kater. „Er mag dich…! Mikesch, meine ich.“ Dann stand er unvermittelt auf, nahm eine Flasche Wein und wirbelte den neuen Korkenzieher akrobatisch durch die Luft, der während dieser Showeinlage allerdings zu Boden fiel. „Upps.“ Jan wurde rot und wir bückten uns gleichzeitig, um den Öffner aufzuheben. Dabei berührten sich zufällig unsere Finger und wir zuckten zurück. Ein spannungsgeladenes Brizzeln lag in der Luft…

Jan räusperte sich und deutete auf die Flasche. „Okay… du hast schon noch Lust, oder?“ In vorauseilendem Gehorsam öffnete er den Wein und prostete mir zu. „Auf dich!“ Ich hauchte leise Protest. „Auf uns… unsere WG!“ Jan verzog erst keine Miene, dann forderte er kryptisch. „Wenn du das Zimmer wirklich haben willst, musst du aber noch eine Aufgabe bestehen.“ Ehe ich nachfragen konnte, kam Jan mir immer näher, bis sich unsere Lippen wie von alleine zu einem ersten, zärtlichen Kuss trafen. Alles um mich herum drehte sich, und ich gestand leise: „Jetzt wird mir doch ein bisschen schwindelig…!“ Jan strich mir vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich hoffe, du hältst das aus?“

Und wie ich das aushalten würde.

4

„Das sind ja alte Fotos von dir und Jan? Die hab ich ja noch nie gesehen.“ Vor Schreck rutschte mir das Album vom Schoß. Ronja. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie hinter mir stand. Wie lange hatte sie mich wohl schon beobachtet? „Du hast bis jetzt auch noch nie danach gefragt“, fuhr ich meine Tochter eine Spur zu heftig an. Ronja hatte schon immer gespürt, dass das Thema Jan schmerzhaft für mich war, und hatte daher selbst als Teenager nur sehr selten nach ihm gefragt. Vorsichtig setzte Ronja sich neben mich. „Können wir die jetzt vielleicht mal zusammen anschauen?“ Eine bessere Gelegenheit hätte sich nicht ergeben können. Ich nickte und begann von Jan zu erzählen. Amüsiert deutete Ronja auf ein Foto. „Hihi, wo war das denn?“ Auch ich musste schmunzeln. „Wir haben uns mal eine Nacht im Möbelhaus einschließen lassen, haben alle Betten getestet und uns am Ende entschieden, die Nacht in diesem Himmelbett mit Goldfüßen und Samtvorhängen zu verbringen. Wir haben uns wie Prinz und Prinzessin gefühlt.“ Mit leuchtenden Augen blätterte ich weiter im Album und zu fast jedem der Fotos hatte ich Ronja eine kleine Geschichte zu erzählen. Es waren Geschichten aus der glücklichsten Zeit meines Lebens.

„Wie verliebt ihr auf all den Bildern ausseht.“

„Das waren wir auch.“ Entschlossen klappte ich das Album zu. „Aber das ist Vergangenheit.“

Die entspannte Atmosphäre erlaubte Ronja genauer nachzuhaken. „Warum? Ich meine, wenn ihr so glücklich wart… warum habt ihr euch dann überhaupt getrennt?“

Obwohl die nächsten Minuten sicher nicht ganz einfach für mich werden würden, war ich Ronja diese Antwort schuldig. „Jan war mein Traummann, und ich habe mir sogar vorstellen können, den Rest meines Lebens mit ihm zusammen zu sein – obwohl ich noch so jung war.“ Ich holte tief Luft. „Jan wollte aber erst mal für drei bis vier Jahre nach Australien. Ein Professor hatte ihm angeboten, seine Doktorarbeit über Haie zu schreiben. Danach wollte er wieder zurückkommen, aber diese Riesenchance konnte er sich nicht entgehen lassen. Das hätte ich verstehen sollen.“

„Hast du aber nicht?“

„Verstanden habe ich das schon, und ich wäre vielleicht sogar mitgekommen, aber Jan hat mich nie gefragt. Auf eine Fernbeziehung habe ich aber keine Lust gehabt. Ich hätte Jan nur in den Semesterferien besuchen können oder er mich.“ Ich schluckte. „Ich habe ihn wirklich sehr geliebt, aber das wäre auf Dauer nicht gut gegangen. Deswegen habe ich lieber gleich Schluss gemacht.“ Obwohl das alles nun schon sehr lange her war und Jan in meinem Leben keine Rolle mehr spielte, gingen mir diese Erinnerungen näher, als mir lieb war. Ich klappte das Album wieder auf und griff nach einem bereits leicht vergilbten Zettel, den ich seither dort aufbewahrte. Jans Abschiedsgruß. Mit zittriger Stimme begann ich vorzulesen.

„If you love someone set them free, if they come back, they’re yours if they don’t they never were.“

Jan war nie zu mir zurückgekommen.

Eine kleine Träne tropfte auf das Papier. Weshalb wühlten mich diese Zeilen noch immer so dermaßen auf? Jan hatte einfach nicht mehr das Recht, nach Belieben auf meiner Gefühlsklaviatur herumzuklimpern.

Entschieden legte ich den Brief ins Album zurück, stand auf und stellte die Vergangenheit ins Regal zurück. Nach ganz hinten. Etwas hilflos reichte Ronja mir ein Taschentuch, woraufhin ich mich so heftig schnäuzte, als könnte ich dadurch alle alten Verletzungen und Enttäuschungen aus meiner Seele katapultieren. Ronja hatte mir inzwischen ein Glas Orangensaft gebracht, das ich durstig und dankbar in einem Zug leerte. „Geht’s wieder?“

Ich nickte mit einem kleinen Lächeln, was Ronja dazu ermutigte, das Gespräch in die Richtung zu lenken, die sie sehr zu interessieren schien.

„Du hast Schluss gemacht, aber ihr habt euch noch geliebt und auch noch zusammengewohnt. Ist da echt nichts mehr gelaufen? Na ja, du weißt schon…“

Natürlich wusste ich, und es war auch sehr schwer gewesen, Jan so nah zu sein und nicht mit ihm zu schlafen, aber ich konnte Ronjas Frage verneinen. „Am Anfang habe ich ja noch gehofft, dass Jan sich umentscheidet und bei mir bleibt. Als klar war, dass er geht, habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin zu Isy in die WG gezogen.“

Ich hatte Ronja viel erzählt, aber eine entscheidende Frage schien ihr noch unter den Nägeln zu brennen.

„Okay. Ihr wart nicht mehr zusammen und hattet auch keinen Sex mehr… Mich gibt es aber trotzdem. War es der Heilige Geist?“ Da es ohnehin keinen Sinn machen würde, Ronja noch irgendetwas zu verheimlichen, schüttelte ich den Kopf. „Nein, und ich bin auch nicht Jungfrau Maria. Das war so…“

Jans Abreise rückte immer näher. Obwohl wir uns seit meinem Auszug nicht mehr gesehen hatten, war es mir irgendwie ein Bedürfnis gewesen, mich noch endgültig von ihm zu verabschieden. Genau wie bei unserer ersten Begegnung, als ich mich bei Jan für ein WG-Zimmer beworben hatte, stand ich mit zittrigen Knien und feuchten Händen vor der Wohnungstür des Schwabinger Altbaus. Wie würde Jan wohl auf mein Erscheinen reagieren? Würde er sich freuen? Es konnte aber auch durchaus sein, dass Jan mich gar nicht wiedersehen wollte. Ich musste mit allem rechnen und drückte zaghaft auf die Klingel.

Jan öffnete und sah mich überrascht an. „Doro?“ Ich schluckte. „Ja, sorry. Ich wollte mich nur von dir verabschieden. Von dir und unserer Wohnung…“

Entgegen meinen Befürchtungen lächelte Jan mich an. Zwar nicht mehr ganz so strahlend, sondern eher unsicher, fast schüchtern, aber er lächelte. „Schön, dich zu sehen… komm rein. Du kennst dich ja aus.“

Die Wohnung war kaum wiederzuerkennen. Überall standen gepackte Taschen, Koffer und prall gefüllte Müllsäcke herum. Jan sah sich leicht verlegen um. „Ja, nun… Welcome back home. Einen Wein und eine Tüte Chips hätte ich noch?“ Möbel gab es schon gar keine mehr. Die hatte Jan verkauft oder bei Freunden untergestellt, sodass wir uns inmitten des Chaos auf dem Boden setzen mussten. Jan breitete provisorisch einen blauen Müllsack als Tischdeckenersatz über eine Bananenkiste, öffnete die Flasche und schenkte ein.

„Prost, auf…“

Auch wenn der Abschied danach noch schwerer fallen würde, auch wenn es vielleicht unvernünftig war, auch wenn tausend Gründe dagegensprachen – wir taten es trotzdem. Ein allerletztes Mal. Wild, leidenschaftlich, voll Trauer, Zärtlichkeit und Sehnsucht.

Ronja sah mich belustigt an. „Ich bin also in eurer allerletzten Nacht bei leidenschaftlichem Sex zwischen Müllbergen und Umzugskartons auf einer Bananenkiste entstanden? Ganz weit vorne!“ Dann runzelte sie unvermittelt die Stirn. „Hört sich aber an wie ein Soap-Drehbuch. Das hast du doch exakt so geplant!“

Ich hoffte, mich verhört zu haben, bis Ronja deutlicher wurde. „Na ja, du wolltest schwanger werden, weil du gehofft hast, dass Jan dann nicht nach Australien geht, sondern bei dir bleibt?“

Ich war geschockt, dass Ronja mir so etwas unterstellen konnte.

„Das glaubst du jetzt nicht wirklich? Das hätte ich niemals getan!“ Ronja sah mich noch immer skeptisch an. „Und was ist dann schiefgelaufen?“

„Ich habe immer die Pille genommen, aber in einer Partynacht habe ich wohl ein Glas zu viel getrunken und…“

„Und hast die Pille wieder… nach draußen befördert?“ Eleganter hätte ich es nicht umschreiben können, aber genau so war es gewesen. „Das ist mir aber nur ein einziges Mal passiert.“ Verständnislos schüttelte Ronja den Kopf.

„Aber wenn sowas passiert, kann die Pille doch gar nicht mehr zuverlässig wirken.“

„Und genau daran hättest du in diesem Moment sicher gedacht?“ Ronja dachte kurz nach und räumte dann kleinlaut ein. „Wahrscheinlich nicht.“ Von ihrem Zugeständnis ermutigt, erzählte ich weiter. „Ich habe damals einfach alles um mich herum vergessen und nur den Zauber des Augenblicks genossen, und die zauberhafte Konsequenz sitzt gerade leibhaftig neben mir. Ronja – ich könnte mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen, aber damals warst du wirklich nicht geplant. Das musst du mir glauben!“

„Ach Mami, ich glaube dir ja…“ Spontan brach es aus ihr heraus. „Jan aber nicht!“

Erschrocken realisierte Ronja, dass sie sich gerade verplappert hatte.

Bei mir dauerte es eine Weile, bis ich die Tragweite ihrer Äußerung überrissen hatte.

Ich wusste ja, dass Jan mir die Sache mit dem alkoholbedingten Pillenverlust nie geglaubt hatte. Meine Schwangerschaft war in seinen Augen immer ein perfider Plan gewesen. Ronja hatte ich das aber nie erzählt. Woher wusste sie es dann? Sie konnte dies nur von Jan selbst erfahren haben. Wie war es dazu gekommen? Hatte Ronja ihren Vater etwa getroffen? Mit ihm telefoniert? Geschrieben? Was hatte Jan seiner Tochter erzählt? Was hatte er über mich erzählt? Und wieso hatte Ronja mir das verheimlicht? Meine Gedanken begannen sich immer schneller im Kreis zu drehen, bis Ronja mich aus dieser Endlosschleife erlöste.

„Mami, ich glaube, ich muss dir da mal was erzählen…“

5

Ronja erzählte eine ganze Weile erst mal gar nichts, sondern spielte stattdessen nervös mit einer Haarlocke. Sie schien zu überlegen, wie sie mir geschickt und schonend die Wahrheit beibringen konnte. Am Ende entschied sie, den für sie typischen direkten Weg einzuschlagen. „Okay, Mami… Jan und ich kennen uns. Seit ungefähr einem halben Jahr.“ Ich schnappte nach Luft: Ronja kannte ihren Vater schon so lange, und ich wusste nichts davon.

„Aber warum…?“ Ich sortierte kurz meine sich überschlagenden Gedanken. „Warum hast du mir nie was davon erzählt und wie hast du ihn überhaupt gefunden? Hast du Jan gesucht? Hat dir dein Vater etwa doch gefehlt, oder…“ Ronja, die merkte, dass sie mit dieser Nachricht einen emotionalen Wirbelsturm in mir ausgelöst hatte, bremste mich beschwichtigend aus. „Nee. Alles gut, Mami, und nein, mein Vater hat mir nicht gefehlt, und ich wär auch nie auf die Idee gekommen, nach ihm zu suchen. Das war Jan.“

„Wie jetzt?“

„Na ja, er wollte mich dann doch mal kennenlernen und hat mir auf Facebook ne Freundschaftsanfrage geschickt. Und jetzt schreiben oder telefonieren wir ab und zu mal. Nicht oft!“, beeilte sie sich in möglichst belanglosem Tonfall zu versichern. „Aber eins musst du mir glauben, Mami. Es ist mir echt verdammt schwergefallen, das so lange geheim zu halten.“

„Und warum hast du mir nicht einfach erzählt, dass du Jan kennst?“

Ronja druckste etwas herum. „Ich wollte es dir ja sagen. Gleich am Anfang. Ich hab nur auf den richtigen Moment gewartet, aber der ist irgendwie nie gekommen. Da hab ich lieber gar nichts gesagt, weil Jan mir nicht so wichtig ist und weil ich nicht wollte, dass du wieder traurig wirst.“ Ronja holte tief Luft. „Aber je länger ich dir nichts gesagt habe, desto schlechter habe ich mich gefühlt. Fast wie eine Lügnerin.“

Gerührt nahm ich mein Kind in den Arm. Sie hatte geschwiegen, um mich zu schützen, und sich damit selbst gequält. Meine Enttäuschung über den vermeintlichen Vertrauensbruch wich mit einem Mal großem Verständnis. Dass Ronja mit mir nicht offen über ihren Vater reden konnte, hatte ich mir selbst zuzuschreiben. Das musste sich dringend ändern, auch wenn es mir noch so schwerfallen würde.

Jan hatte sich die ganzen Jahre nie für seine Tochter interessiert.

Er war längst in Australien gewesen, als ich ihn mit meiner Schwangerschaft konfrontiert hatte. Jan war geschockt und hatte mir in düstersten Farben vor Augen geführt, wie mein künftiges Leben nun aussehen würde.

Abbruch meines Studiums, stattdessen schlaflose Nächte, Stillen und stinkende Windeln, Blähungen, erste Zähne oder auch völlig unbegründetes Geschrei, täglich Unmengen an Wäsche mit vollgesabberten Klamotten und keine Sekunde mehr Zeit für mich allein.

Des Weiteren würde mein zweites Zuhause nicht mehr die Kneipe um die Ecke, sondern der ortsansässige Kinderspielplatz sein. „Herzlichen Glückwunsch, Doro, genau das wolltest du doch. Heimlich die Pille absetzen, schwanger werden, um mir dann im idyllischen Eigenheim nebst Kind und Hund meine Karriere im Ausland zu versauen, aber vergiss es! Nicht mit mir. Irgendwann hätte ich vielleicht auch gerne mal Kinder gehabt, aber doch nicht jetzt. Wenn du das Baby trotz allem noch kriegen willst – dein Ding, aber lass mich damit in Ruhe.“ Mit diesem klaren Statement war das Thema Schwangerschaft für Jan vom Tisch gewesen.

Weshalb hatte er sich also ausgerechnet jetzt daran erinnert, dass er eine Tochter hatte? Ausgerechnet jetzt, nachdem alle Hürden der Kindheit und Pubertät überwunden waren.

Weshalb hatte er Ronja nicht bei ihren ersten, vorsichtigen Schritten an die Hand genommen, ihr erstes Wort gehört? Weshalb hatte er ihr nie gesagt, dass sie trotz ihres pickel-übersäten Gesichts noch immer seine wunderschöne Prinzessin war?

Heute war Ronja eine bildhübsche junge Frau, die ihrem Vater mit ihren dunklen Locken nebst sportlicher Figur auch noch ausgesprochen ähnlich sah. Schon klar, dass Jan sich jetzt mit dieser schönen Tochter nur allzu gerne als stolzer Papa in der Öffentlichkeit präsentieren wollte. „Aber warum?“, entfuhr es mir und ich sah Ronja fragend an. „Ich meine, warum hat Jan sich nach all der Zeit auf einmal bei dir gemeldet?“ Jan schien Ronja bereits eine Antwort auf diese Frage geliefert zu haben, denn sie reagierte prompt.

„Na ja, am Anfang hat Jan sich einfach nur verarscht und viel zu jung gefühlt. Aber nach ein paar Jahren haben einige Kollegen und Freunde auch Kinder bekommen und waren superhappy damit. Da hat er dann immer öfter mal an mich denken müssen und sich gefragt, wie es mir wohl geht und wie ich aussehe und so.“

„Er hätte sich ja mal melden können“, fiel ich Ronja vorwurfsvoll ins Wort.

„Das hat er sich aber nicht getraut. Schlechtes Gewissen und so.“

„Feigling!“, konstatierte ich verächtlich. „Dann kann sein Interesse ja nicht so groß gewesen sein.“ Ronja zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, aber als er bei der Arbeit mal gesehen hat, wie gut sich ein Vater mit seiner Tochter verstanden hat, hat er plötzlich große Sehnsucht gekriegt.“ Für mich war und blieb Jans Verhalten zwar unverzeihlich und feige, aber für Ronja riss ich mich zusammen und versteckte meine Aversion hinter einem Katalog banaler Fragen.

„Bei der Arbeit? Wo arbeitet Jan denn? Und wo lebt er jetzt?“

„Jan geht es super. Er lebt noch immer in Australien. Denham heißt der Ort, glaube ich. Ist jedenfalls irgendwo im Westen. Seit ein paar Jahren arbeitet er mit dem Haiforscher Winfried Hansen in der Shark Bay zusammen. Sie beobachten dort die vielen unterschiedlichen Hai-Arten, die da leben, und machen Experimente oder so. Jan ist aber meistens mit der Hai-Akademie auf allen Meeren der Welt unterwegs und gibt Kurse.“ Damit wusste ich nichts anzufangen.

„Hai-Akademie? Davon hab ich noch nie gehört.“

„Das ist ne echt coole Sache. Die veranstalten so Seminare, bei denen du mit Haien tauchst und dabei Übungen machst, damit du ihr Verhalten kennenlernst. Ich meine, warum Haie dieses oder jenes tun und wie du dann reagieren sollst und so. Jan lernt dabei auch jede Menge coole Leute kennen und kann tauchen gehen, sooft er will.“

„Klingt interessant.“

„Das ist nicht interessant, das ist echt mal hammergeil, und Jan will mich auch mal zu so einem Hai-Seminar mitnehmen. Wäre das okay für dich, Mami?“

Das war gerade alles etwas viel auf einmal. Jan versuchte sich in unser Leben zu drängen, wo er absolut nichts mehr verloren hatte. Erst hatte er Ronja aufgespürt, dann wollte er auch noch mit ihr in Urlaub fahren und am Ende sollte sie womöglich noch ganz zu ihm ziehen. Von irrationaler Angst und Eifersucht gebeutelt, war ich gerade unfähig, Ronjas Frage zu beantworten, und zog mich unter ihrem verunsicherten Blick erst mal in mein Zimmer zurück. „Tut mir leid, Liebes. Bin gleich wieder da.“ Aufgewühlt schloss ich die Tür und ließ mich auf meinen Sitzsack fallen. Heute war Jan nach über neunzehn Jahren wieder in mein Leben getreten. Zwar nur indirekt, aber ich konnte jetzt nicht länger mehr so tun, als würde es ihn gar nicht geben. Er wollte sogar mit meiner Ronja in Urlaub fahren. Zur Beruhigung meines angeschlagenen Nervenkostüms kramte ich in meinem Emergency-Kästchen, in dem sich immer mindestens drei Tafeln Schokolade, Kekse und Gummibärchen befanden – mein Erste-Hilfe-Paket für Notfälle emotionaler Natur. Auch wenn es meiner Figur sicher nicht guttun würde, riss ich die Verpackung einer Schokoladentafel auf, brach einen Riegel ab und biss gierig hinein. Immer und immer wieder, bis ich eine ganze Tafel verputzt hatte. Während ich mich wahnsinnig über meine Disziplinlosigkeit ärgerte und schon virtuelle Fettpölsterchen unter meinem Shirt hervorquellen sah, signalisierte mein Laptop einen Skype-Anruf. Meine beste Freundin Isy rief aus Ägypten an. So gerne ich sonst auch stundenlang mit ihr quatschte und die aktuellen News bis ins kleinste Detail besprach – gerade kam mir ihr Anruf sehr ungelegen. Ich wollte mit niemandem reden, sondern noch ein wenig alleine sein und drückte meine Freundin schweren Herzens weg. Es dauerte allerdings nur wenige Sekunden, bis es erneut klingelte. Ich hielt mir die Ohren zu, doch dieses Mal schien das Läuten viel lauter und aufdringlicher zu sein. Ich gab mich geschlagen und nahm den Anruf etwas unwillig entgegen. „Hi Isy.“

Mein etwas desolater Anblick ließ Isy erschrecken und sie erkundigte sich besorgt. „Was ist los, Süße?“

„Ronja…“, presste ich heraus. Isy wurde blass.

„Was ist mit Ronja?“

„Ronja und Jan… sie haben seit einem halben Jahr heimlich Kontakt.“

„Jan lebt wieder in München?“ Diese Vorstellung brachte mich einen Moment aus dem Konzept, dann schüttelte ich heftig den Kopf. „Nein, nein, der lebt immer noch in Australien und arbeitet irgendwas mit Haien, aber sie schreiben oder telefonieren ab und zu, und jetzt will Jan sogar mit Ronja zum Tauchen fliegen. Aber… aber das werde ich irgendwie verhindern!“, begehrte ich auf.

In Erwartung auf Mitgefühl sah ich meine Freundin an, doch Isys Reaktion war mehr erleichtert denn entsetzt. „Ach so. Ich habe schon gedacht, es ist was Schlimmes passiert.“

„Das findest du nicht schlimm?“, rang ich um Fassung. „Ronja und ich sind bis jetzt ganz gut alleine klargekommen. Jetzt ist Jan wieder aufgetaucht und bringt unser ganzes Leben durcheinander.“

Isy konterte mit entwaffnender Ehrlichkeit. „Dein Leben, würde ich mal sagen, weil nur du ein Problem damit hast. Ronja scheint sich doch zu freuen, dass sie ihren Vater kennengelernt hat.“

Objektiv betrachtet hatte Isy sicher recht, aber Objektivität konnte man gerade nicht von mir verlangen, was auch Isy inzwischen eingesehen hatte.

„Okay, ich weiß… das ist bestimmt hart für dich und ich kann dich auch ein Stück weit verstehen. Aber nur weil Jan sich bis jetzt nicht für Ronja interessiert hat, darfst du nicht so egoistisch sein.“

„Ich bin doch nicht egoistisch!“

Isy war eine echte Freundin, die mir immer schonungslos die Wahrheit sagte – auch wenn die Wahrheit schmerzhaft für mich war. „Lass deine Wut auf Jan nicht an Ronja aus. Egal, was er dir angetan hat – Ronja hat ein Recht darauf, ihren Vater kennenzulernen. Dann kann sie sich ein eigenes Bild von ihm machen. Wenn du das nicht möchtest, ist das sehr egoistisch.“

Nach selbstkritischer Betrachtung musste ich zustimmen. Ronja war nicht mein Eigentum, und ich musste sie loslassen, um sie nicht zu verlieren. If you love someone, set them free… Ich hatte noch keine Ahnung, wie ich damit klarkommen würde, Jan wieder so nah in meinem Leben zu haben. Es hatte lange genug gedauert über ihn hinwegzukommen. Von heute auf morgen würde mir das sicher nicht gelingen, aber für Ronja musste ich so tun, als wäre der Vater-Tochter-Kontakt kein Problem für mich.

Isy schien von meinem längeren Schweigen etwas verunsichert zu sein.

„Noch da?“

Bevor ich meinen eben getroffenen Entschluss bereute und mich wieder umentschied, musste jetzt alles sehr schnell gehen.

„Logo, aber sei mir nicht böse. Ich muss Schluss machen, weil ich noch was Wichtiges erledigen muss.“

„Was denn?“, wunderte sich Isy.

„Sag ich dir nächstes Mal, okay? Bis bald.“

Ehe Isy sich versah, war ich vom Bildschirm verschwunden und machte mich entschlossen auf den Weg ins Wohnzimmer.

Ronja, die sich zur Ablenkung durch irgendwelche Fernsehkanäle gezappt hatte, sprang unverzüglich vom Sofa auf.

„Tut mir so leid, Mami, dass ich dich so überrumpelt habe, ich meine mit Jan und so… Und dann auch noch die Sache mit diesem Hai-Seminar. Sorry!“ Ich sah Ronja mit undurchsichtiger Miene an, sodass sie weiter um Schadensbegrenzung bemüht war.

„Vergiss einfach, dass ich gefragt habe, okay? Dieses Seminar mit Jan ist echt nicht so wichtig für mich!“

„Das hast du dir wohl so gedacht.“ Erschrocken sah Ronja mich an. „Das hast du dir wohl so gedacht, dass du das Seminar einfach absagst und nicht mit Jan zum Tauchen gehst. Das verbiete ich dir!“

Ronja wusste, wie viel Überwindung mich dieses Zugeständnis gekostet haben musste, und fiel mir überschwänglich um den Hals. „Mami – du bist einfach die Beste!“

Etwas verlegen flüchtete ich mich in Aktionismus „Soll ich schon mal deinen Koffer suchen? Wann geht’s denn los?“ Mit gespielter Empörung stemmte Ronja ihre Hände in die Hüften. „Du willst mich wohl so schnell wie möglich loswerden, was? Du musst mich aber leider noch ne Weile ertragen. Ich hab’ vergessen, wann genau das nächste Seminar in Ägypten stattfindet. Irgendwann im Herbst oder Winter.“ Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu. „Den Koffer kannst du aber trotzdem suchen, und zwar für dich. Du wirst jetzt nämlich eine Unterwassertherapie machen und zum Tauchen nach Ägypten fliegen.

Nach der ersten Verblüffung über diese mal wieder sehr spontane Idee meiner Tochter dachte ich nach. Ich hatte so viel Stress und Ärger in letzter Zeit, dass mir ein Tauchurlaub sicher sehr guttun würde. Aber durfte ich mir das in meiner Situation überhaupt erlauben? Andererseits brauchte ich wirklich mal eine Auszeit, um Abstand zu gewinnen und mich vor allem beruflich neu zu orientieren, und meine Gedanken gingen bereits auf die Reise.

Alleine die Vorstellung, in die bunte Unterwasserwelt abzutauchen und auch meine beste Freundin Isy und ihren Mann Chris endlich mal wiederzusehen, zauberte ein Lächeln in mein Gesicht, was Ronja ohne nachzufragen als Zustimmung deutete. Eilig klappte sie ihren Laptop auf, suchte nach günstigen Angeboten und begann begeistert zu strahlen. „Schau mal, Mami, der Flug hier ist ein echtes Last Minute Schnäppchen. Soll ich buchen?“

6

„Hast du auch nichts vergessen, Mami?“ Ronja und ich wuchteten mit vereinten Kräften mein Tauchgepäck nebst Trolley in die S-Bahn Richtung Flughafen und ich checkte in Gedanken noch einmal meine Koffer. „Ich denke nicht. Jackett, Maske, Tauchanzug, Füßlinge, Flossen, Tauchcomputer, Kompass, Lampe, Boje und Logbuch mit Brevets habe ich dabei und Klamotten werde ich in den zwei Wochen sowieso nicht viele brauchen, weil ich vermutlich die meiste Zeit unter Wasser sein werde.“ Ronja blickte trotzdem leicht skeptisch auf meinen winzigen Trolley. „Na hoffentlich…“

Noch etwas müde ließ ich mich gähnend auf einen freien Platz fallen. Der erste Teil meiner Reise war geschafft. Die Bahn fuhr an und ich schloss die Augen, um noch ein wenig zu dösen, doch mit einem Mal war es wieder da – mein schlechtes Gewissen.

Seit meiner spontanen Buchung vor fünf Tagen plagten mich des Öfteren mehr oder weniger große Zweifel, ob es nicht doch ein großer Fehler gewesen war, ausgerechnet jetzt zu verreisen. Ich war arbeitslos und hatte auch noch keine Ahnung, womit ich künftig mein Geld verdienen sollte.

Nüchtern betrachtet konnte ich mir so einen teuren Tauchurlaub momentan gar nicht leisten.

Ich seufzte.

Meine Patentante Renate war vor einem Jahr gestorben und hatte mir eine nicht unerhebliche Summe vererbt, die seither unberührt auf der Bank schlummerte. Renate hatte sich schon zu Lebzeiten immer große Sorgen um mich und meine Zukunft gemacht, weil man bei meinem Job in dieser unsicheren Branche nie so genau wissen konnte. Laut Testament sollte mir das Erbe bei finanziellen Engpässen über die Runden helfen und mir gegebenenfalls auch einen beruflichen Neustart ermöglichen. Obwohl man meine aktuelle Situation tatsächlich als finanziellen Engpass bezeichnen konnte, hatte ich Renates Geld bis jetzt noch nicht angerührt, weil ich es immer irgendwie aus eigener Kraft schaffen wollte meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jetzt hatte ich aber zum allerersten Mal von diesem Konto etwas abgehoben. Für einen Tauchurlaub.

Entschuldigend blickte ich nach oben.

Danach starte ich dann aber beruflich wieder voll durch! Versprochen! Am Flughafen angekommen waren Check-in und Gepäckaufgabe zum Glück schnell und problemlos über die Bühne gegangen und Ronja pfiff anerkennend durch die Zähne. „Mami, du hast in kürzester Zeit mindestens 30 Kilo abgenommen. Wie hast du das nur geschafft?“

Ich zwickte Ronja leicht in die Seite. „Selten so gelacht!“

Schon klar, dass ich ohne Gepäck an die 30 Kilo weniger mit mir herumschleppen musste, meine vier bis fünf Kilo zu viel auf den Hüften konnte ich aber leider nicht mal einfach so an der Gepäckaufgabe abwerfen. „Ich werde dich kein bisschen vermissen! Ich bin sogar froh, dass mir deine frechen Kommentare zwei Wochen erspart bleiben.“ Ein kurzer Blick auf die Uhr ließ mich erschrecken. Der Zeitpunkt des Abschieds war schneller gekommen als gedacht und strafte meine vorherigen Worte Lügen. Auch wenn das albern war, vermisste ich meine „Kleine“ jetzt schon.

Ich war noch nie alleine, ohne einen Buddy zum Tauchen geflogen und auch wenn ich vor Ort viele Leute kannte oder kennenlernen würde, fühlte sich das in diesem Moment irgendwie komisch an. „Zack, zack, ab zum Gate mit dir Mami“, unterbrach Ronja meinen Anflug von Sentimentalität.

Nach einer letzten Umarmung und schnellen Abschiedsküsschen war ich endgültig alleine und nahm während des Boardings meine Mitreisenden ins Visier. Familien, Pärchen, Freundinnen oder Cliquen – außer mir schien niemand sonst alleine zu verreisen.

Egal. Unter Tauchern würde ich sicher nicht lange alleine bleiben und außerdem flog ich auch nicht irgendwo hin, sondern an die Tauchbasis meiner Freunde Isy und Chris. Im Divers Village hatte ich seit Jahren mit Ronja meine Urlaube verbracht und mich dort immer fast wie zu Hause gefühlt.

Die Mitarbeiter hatten mich immer schnell als beste Freundin der Chefin kennengelernt und von daher war ich auch vor Anmachversuchen verschont geblieben. Touristinnen waren bei den jungen Ägyptern nämlich sehr beliebt und die landesunübliche textile Freizügigkeit weckte verständlicherweise auch die ein oder andere erotische Begehrlichkeit. Isy hatte zwar immer wieder auf strenge oder witzige Art und Weise versucht, ungewünschte Annäherungsversuche zu unterbinden, aber gegen Hormone war selbst die Chefin machtlos und ein Stück weit legten es manche Mädels auch drauf an. Das Boarding war nun completed, unsere Boeing 737 startete die Motoren, rollte zur Startbahn und gab Gas, während ich meine Finger ins Polster meines Sitzplatzes Reihe 17A krallte. So ein Start war jedes Mal aufs Neue aufregend. Die Umgebung sauste immer schneller an mir vorbei und der Druck, mit dem ich in den Sessel gepresst wurde, stieg immer weiter an, bis der Flieger den Boden unter den Füßen verlor und kraftvoll abhob. Nun gab es kein Zurück mehr.

Ein Hähnchenbrustfilet mit Reis, drei Mineralwasser und ein halbes Buch später befanden wir uns auch schon wieder im Sinkflug. Ich sah aus dem Fenster und entdeckte den Nil, der sich über 6671 Kilometer wie eine grüne Ader durch die Landschaft Afrikas zog und der Wüste mit seinen bis zu zwanzig Kilometer breiten Tälern Leben spendete. Ob eine Nil-Kreuzfahrt eventuell auch mal eine reizvolle Angelegenheit für mich wäre? Dieser Gedanke verschwand allerdings ebenso schnell wie der Nil aus meinem Blickfeld und wir landeten nach viereinhalb Stunden ohne nennenswerte Zwischenfälle in Hurghada. Außentemperatur 35 Grad, Regenwahrscheinlichkeit null Prozent – Urlaub, ich komme!

„Welcome back in Egypt!“, begrüßte mich ein kleiner, grauhaariger Mann mit faltigem Gesicht, dessen Mundwinkel ein freundliches Lächeln umspielte, und klebte mir ein weiteres metallic–blau glänzendes Ägyptenvisum in meinen Reisepass. Ich erwiderte das Lächeln, blickte auf die vielen Visa und kam ins Nachdenken. Wie oft war ich nun schon in Ägypten gewesen? Unzählige Male. Und was hatte ich bis jetzt von diesem faszinierenden Land mit seinen unzähligen Monumenten und Kunstschätzen gesehen? So gut wie nichts. Weder zur großen, berühmten Cheops-Pyramide bei Gizeh hatte ich es geschafft noch zu den Pyramiden und Tempelanlagen bei Luxor. Von Safaga aus wurden zwar regelmäßig geführte Ausflüge nach Luxor angeboten, doch die Unterwasserwelt hatte mich bis jetzt immer mehr gereizt. Vielleicht hatte ich es aber auch als wenig verlockend empfunden, morgens um drei Uhr aufzustehen, um dann im klimatisierten Reisebus mit einer Horde anderer Touristen einen Tag lang durch militärisches Sperrgebiet kutschiert zu werden, um am Ende mehr Basare zu sehen als Pyramiden. Wenn es sich irgendwann mal ergeben würde, würde ich sehr gerne mit einem Einheimischen einen Ausflug dorthin machen. Oder in die pulsierende Metropole Kairo oder beides, aber wie gesagt nur, wenn es sich mal ergab. Bis jetzt hatte sich so eine Gelegenheit aber noch nicht ergeben, weil man auch Gelegenheiten manchmal etwas auf die Sprünge helfen musste. Ich flog aber jedes Mal nach Hurghada, wurde von einem organisierten Fahrdienst idiotensicher ins Hotel geleitet, interessierte mich während meines Aufenthalts hauptsächlich fürs Tauchen und verließ das Hotelgelände höchstens einige hundert Meter, bis ich wieder nach Hause flog. Lediglich der Ruf des Muezzins erinnerte mich hier und da daran, dass ich in Ägypten war – Ansonsten hätte ich überall auf der Welt sein können. Eine Tauchtouristin, wie sie im Buche stand.

Bevor ich mich aber noch länger dafür schämte, begab ich mich lieber zum Förderband der Gepäckausgabe. Wieder an die 30 Kilo schwerer, schleppte ich mich aus dem klimatisierten Flughafen hinaus an die frische oder besser gesagt sehr heiße Luft. Als erfahrene Ägyptenreisende hatte ich mich nach dem Zwiebelprinzip gekleidet und begann nun, mich der überflüssigen Klamottenschichten zu entledigen. Nacheinander fielen unter den irritierten, bis interessierten Blicken einiger Flughafenmitarbeiter Jacke, Wollpullover und Strumpfhose zu Boden, bis ich am Ende nur noch in Rock und T-Shirt bekleidet auf meinen Fahrer wartete.

Sorry Jungs – mir ist einfach nur heiß.

Nach einstündiger Fahrt durch die Wüste, wo es außer Sand, militärischen Kontrollposten und einigen Bauruinen nichts Interessantes zu sehen gab, kam ich endlich im Divers Village an. Mit einem Shokran, dem arabischen Wort für Danke, und zwei Euro Bakschisch verabschiedete ich mich von meinem freundlichen Fahrer.

„Afwan“, rief der mir im Abgehen zu, was auf Deutsch so viel wie Bitte, gern geschehen hieß.

Shokran und afwan