200D - Christopher Roth - E-Book

200D E-Book

Christopher Roth

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Beschreibung

»Macht brutal gute Laune. Der erste deutsche Roman, der null Komma null Probleme hat.« Aus dem Vorwort von Moritz von Uslar München 1981: Es war ein anderes Land, aber es waren die gleichen Fragen. Was ist richtig, was ist falsch? Damals wie heute ging es um Schuhe. Und um Autos. Ein 200D muss es sein für Boris, nur der ist richtig und nur in der richtigen Farbe: rot, Feuerwehr. Genauigkeit war wichtig, daraus entstand Wirklichkeit: Namen auf Klingelschildern und von Prominenten, eine Folge von Dallas, ein Friseurtermin bei Vidal Sassoon. Es wird viel gefeiert in diesem Buch, und schließlich gibt es noch eine Ohrfeige für Dorothe. Später nannten die Kritiker so etwas Popliteratur, aber als Roth das Buch 1982 veröffentlichte, waren die meisten einfach sprachlos. Ja bitte, was ist denn das? Heute, 30 Jahre später, ist dieser Klassiker neu zu entdecken.

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Veröffentlichungsjahr: 2011

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CHRISTOPHER ROTH

200

D

ROMAN

Mit einem Vorwort von Moritz von Uslar

bloomsbury taschenbuch

HAT SPASS GEMACHT

Vorwort zur Neuausgabe

Von Moritz von Uslar

Wie lange ist das Jahr 1982 noch mal her – sind das 30, 50 oder doch schon 120 Jahre?

Gerade gestern wieder, an einem Sonntag, sah ich den Künstler, Regisseur und Schriftsteller Christopher Roth – das ist der Mann, der 1982 in einem sagenhaft jugendlichen Alter den Roman 200 D geschrieben hat – unten im Café The Barn in Berlin Mitte sitzen, wo die Bedienungen Englisch sprechen. Er trank etwas, las etwas, hatte Zeit. Er sah nicht ganz anders aus als die schönen jungen Menschen mit ihren Bärten, Holzfällerhemden und Wildlederschuhen, die da immer sitzen, und natürlich doch ganz anders (entschuldige, lieber Bobby). Die große Frage, die sich stellt, wenn Christopher Roths Roman 200 D nach 30 Jahren nun noch einmal aufgelegt wird, lautet: Ist es egal, wann ein Buch zum ersten Mal erscheint, oder kann, im Gegenteil, im Datum, im Zeitpunkt des ersten Erscheinens schon die ganze Kraft, der ganze Wert eines Buches liegen? Noch einfacher gefragt: Ist es okay zu sagen, dass dieses Buch eine kleine Sensation ist, schon deshalb, weil es vor 30 – sensationellen 30 Jahren – zum ersten Mal erschien?

Ich würde jetzt gerne mit sehr guter Laune und hoffentlich nicht zu viel Emphase weitermachen, indem ich feststelle: Einer, der mit 20 Jahren (oder war es mit 17 Jahren?), jedenfalls mitten aus dem Schwung und der Heftigkeit des Junge-Männer-Lebens heraus, dieses Buch natürlich nicht schreibt, sondern heraushaut – der spinnt doch. Dem ist der Ruhm und die Anerkennung und eine feste Rente sicher, und er wird den Rest des Lebens höchstens mit Depressionen und den unerfüllbaren Erwartungen zu kämpfen haben, die so ein früher Geniestreich im Leben eines Künstlers nach sich zieht.

Es kam dann doch ganz anders. Der Roman 200 D, 1982 in der Edition Belleville, München, erschienen, wurde kein kleiner oder sehr kleiner, sondern gar kein Erfolg, es gab keine nennenswerte Auflage, eine öffentliche Wirkung blieb aus. Das Durchfallen des Romans lässt sich aus heutiger Sicht nur mit den naheliegenden Gründen erklären: Gute Kunst hat nicht automatisch Erfolg. 200 D war so schnell, hart, schmal, kalt, elegant, ungekünstelt und im besten Sinn unvirtuos und grandios unkünstlerisch geschrieben, dass das Jahr 1982 und die Menschen, die 1982 Bücher kauften, lasen und beurteilten, davon schlicht überfordert waren. Punktum. Es steckte in diesem Buch so viel Gegenwart, dass keine Gegenwart es mit ihm aufnehmen konnte. Heute, mit 30 Jahren Abstand, lesen wir dieses Buch mit atemlosem Unglauben, Lächeln, Staunen. Was für ein Sieg, eine Freude und ein Gewinn für den Leser, dass dieses Buch nun noch einmal vorliegt.

Was war 1982 für ein Jahr? Das Schöne an solchen Rückblicken ist doch, dass sich sowieso kein Mensch richtig erinnern kann. Wichtiger als das, was angeblich war, ist das, woran der Mensch nach dreißig Jahren Lust hat zu denken. Im Jahr 1982 sind das, grob erinnert: Der Summer of Pop, die englischen Bands Heaven 17, Human League und ABC. Das synthetische Jahr. Eine tolle Düsternis lag unter den neuen, hellen Klängen. Eventuell gingen 1982 das, was heute achtziger Jahre heißt, erst richtig los, 1983 waren sie dann schon vorbei. Damals muss der Wunsch allgegenwärtig gewesen sein, dass die schweren, düsteren, scheußlich sinnsuchenden und politischen siebziger Jahre endlich vorüber sind. Klarer Fall: Hätte man 1982 gewusst, dass 1982 1982 wird, wäre das Jahr natürlich anders verlaufen.

Was war 1982 für ein literarisches Jahr? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Es ist ja auch wurscht. Die Alten Grass, Walser, Lenz, die von ganz früher, aus den Jahren nach dem Krieg kamen, waren immer noch da. Es waren die Jahre, in denen sich das Neue, das bis heute bestimmend ist, gerade warm schrieb, aber noch keine Romane veröffentlicht hatte: Thomas Meinecke (Mode und Verzweiflung), Jörg Fauser (Rohstoff) und Rainald Goetz (Irre). Es waren außerdem die Jahre, die Maxim Biller gerade in einem Essay als den Beginn einer bis heute maßgeblichen Ich-Literatur bezeichnet hat. Schauen wir auf die Literatur im Jahr1982, dann fällt vor allem auf, dass die zwei Epochenromane der achtziger Jahre, bei denen 200 D offensichtlich geklaut hat, beide noch nicht geschrieben sind, sondern erst zwei und drei Jahre nach 200 D erscheinen: Jay McInerneys Bright Lights, Big City (Ein starker Abgang, 1984) und Bret Easton Ellis‘ Less Than Zero (Unter Null, 1985). Roth kann bei Ellis und McInerney, den großen Amerikanern, also gar nicht geklaut haben, sondern, wenn überhaupt, dann war es andersherum: McInerney und Ellis haben bei Roth geklaut. Ist das nicht toll? Die Geste, die fortschrittliche Haltung der Literatur von Christopher Roth lag darin, dass sie selbst wenig Ahnung von der zeitgenössischen Literatur hatte und haben wollte und den Vergleich mit anderen Literaten nicht suchte. Die Haltung lautete: Wenn es eine Literatur gäbe, die wir lesen sollten, dann würden wir sie schon kennen – wir kennen aber keine: erfrischende Sache. Auch deshalb, weil die Literatur der frühen achtziger Jahre einen Stil, einen Sound der Gegenwart so offensichtlich nicht fand, kamen die maßgeblichen literarischen Einflüsse aus literaturfernen Kunstformen, aus Mode, Pop und Kunst. Über den Autoren von 200 D heißt es auf der Rückseite der Erstausgabe: »Christopher Roth schreibt in der Ich-Form und im Präsens. Er schreibt unprätentiös und oberflächlich und geht dabei den Weg des geringsten Widerstands.« Viel schöner, rätselhafter, radikaler und anmaßender geht es ja nun nicht. Und dieser Christopher Roth, so übermittelt die Legende (wir werden den Teufel tun, hier im Nachhinein großartig zu recherchieren, viel lieber als die Wahrheit drucken wir die Legende), dieser Christopher Roth gab, achtzehnjährig, natürlich alles andere als das Idealbild eines tiefsinnigen und versonnenen Schriftstellers ab. Es handelte sich um einen gutaussehenden jungen Mann aus der wohlhabenden Münchner Vorstadt. Er trug lange Haare, weite Mäntel und teure Lederschuhe, fuhr den Jaguar seines Vaters, und seine Vorstellung von einem gelungenen Abend maß sich weniger an den Möglichkeiten, die das Münchner Nachtleben damals boten, als an den Bildern aus dem amerikanischen Kino, den Filmen von Ridley Scott, Paul Schrader, Martin Scorsese. Ein Zeichen der Zeit, das befreiende Moment der Literatur des Christopher Roths liegt darin, dass der Nicht-Schriftsteller Christopher Roth sie geschrieben hat. Mit einem tollen Schauder stellen wir uns vor, wie der Nicht-Schriftsteller seinen Jaguar vor der Münchner Discothek P1 abstellte und in eine Runde der Champagner-Trinker und glamourösen Nicht-Leser hinein erzählte: »So. Roman fertig geschrieben. Hat Spaß gemacht.«

Um was geht’s in Christopher Roths 200 D? Die Stadt München spielt eine wichtige Rolle. Straßennamen. Es gibt einen Autokauf in der Vorstadt (Mercedes 200D, rot mit roten Ledersitzen), einen Friseurbesuch (55 Deutsche Mark), der Held, die Ich-Figur, schaut bei einem Kumpel vorbei, wo er eine Folge Dallas guckt, geht im Restaurant Romagna Antica Spaghetti essen, wo die heute noch bekannten Gestalten Bernd E (Filmproduzent), Klaus L (Angeber) und Helmut D (Filmregisseur) herumhängen, dann geht’s ins Nachtleben: Die Lokale heißen Why Not und Sugar Shack. Das Mädchen, mit dem der Held unterwegs ist, wird nach Hause gebracht, dann muss ausgiebig die Armani-Strickkrawatte eines Kumpels bewundert werden. Zwischendrin wird, ansatzlos und ohne Zusammenhang, das Leben des Ingenieurs und Dieselmotorerfinders Rudolf Diesel, der 1913 mit einem Sprung in den Ärmelkanal aus dem Leben trat, nacherzählt. Am Ende lenkt der Held seinen Wagen auf die Autobahn Richtung Norden. Ende der Geschichte. Fertig. Wow.

Der Autor Christopher Roth hat eine wunderbare Freude daran, möglichst unliterarisch zu schreiben – was ihm natürlich nicht gelingt. Gleich auf der ersten Buchseite fällt das schöne, natürlich extrem literarische Wort »Euro-Industriepark«: Roth listet Gebrauchtwagenmodelle auf. Neben der Auflistung von Eigennamen ist ein bestimmendes literarisches Mittel die wörtliche Abschrift von Kinoplakaten, Speisekarten, Werbung, Zeitungsannoncen. Der Held des Romans, die Ich-Figur, wirkt kalt, überheblich, unnahbar: phantastisch. Das Ich trägt »heilige Schuhe«. Der Frau seiner Träume sagt dieses Ich die sagenhaften Achtziger-Jahre-Sätze: »Kennst Du mein Hobby? Ich verschenke One-Way-Tickets nach New York und Rom. Willst du eins?«. Gleich zweimal taucht in dem Buch das Wort »Neger« auf – von der Verwendung dieses verbotenen Wortes hat man sich vor dreißig Jahren ein Stück Freiheit fürs Denken versprochen (auch typisch achtziger Jahre, lustig). Drehbuchartig genaue Abnahme von Szenen: Ein Unfall findet nicht einfach auf einer Straße, sondern unter Angabe von Straßennamen und Hausnummer statt. Es wird nach Möglichkeit überhaupt nichts erklärt. Statt mit Psychologisierungen werden Personen über die minutiös genaue und sachkundige Beschreibung ihrer Garderobe eingeführt. Es gibt keine Gespräche, nur Telefonate. Das Zeug zum Kult hat die über zweieinhalb Seiten sich hinziehende Abschrift von Namen einer Klingelleiste eines Hochhauses (geht’s noch?). Die achtziger Jahre kommen in 200 D mit einem stellenweise prophetischen Blick für die Dinge und Phänomene vor, die heute als typisch achtziger Jahre gelten: Walkman, 100-Millimeter-Zigarette, die Zeitschrift Mädchen, Cappuccino, Kokain, Heidsieck-Champagner, das Surren, das der Kasettenrekorder beim Zurückspulen macht. In 200 D steht die erste Beschreibung von Breakdance in der deutschen Literatur genauso wie die ultradetaillierte Beschreibung einer Fernsehfernbedienung: Woher wusste der Autor Roth, was 30 Jahre später unseren Alltag bestimmen wird? Der gute Autor weiß das halt. Roth vermeidet zwei Anfängerfehler: Er beschreibt nicht die Welt, sondern seine kleine Welt (und kommt dabei der großen Welt gefährlich nah). Er schreibt einen durchweg unambitionierten Stil – den man diesem Autor natürlich als ausgeprägten Kunstwillen auslegen muss: Gut zehn Jahren vor der Erfindung von Pop als Kategorie in der deutschen Literatur geht es diesem Präzisionsreporter, dem Weltempfänger und Weltnotierer Christopher Roth um das schmerzlich genaue Abschreiben, das Festhalten der Welt. Im Weglassen jedes großen Gefühls, jeder Psychologie, jeder Dramatik führt dieser Roman einen klassischen Inhalt des Pop vor: Weniger ist mehr. Wir erfahren schmerzhaft, was der Welt fehlt– Sinn, Dramatik, Handlung –, weil diese Prosa einen Sinn, eine Dramatik, eine Handlung nicht nachträglich kunstvoll konstruiert, erfindet, behauptet, sondern wahrheitsgemäß weglässt. Wie im unterkühlten Pop der frühen achtziger Jahre glüht auch in dieser Prosa ein tiefe Sehnsucht: Es tut weh, 200 D zu lesen.

Oktober 2011. Treffen mit Christopher »Bobby« Roth im Café The Barn, Große Hamburger Ecke Auguststraße. Wir haben es immer so gehalten, dass man sich nicht großartig verabredet, sondern anruft, wenn man unten an der Straßenecke steht. Kommst du kurz runter? Okay, komme. Bobby erzählt von der Oper, die er im Rahmen des Forschungsprojekts 80*81 mit seinem Partner Georg Diez in München uraufgeführt hat. So kann man doch weitermachen. Hammer.