2037 - Wolfgang Georg Kurt Zimmer - E-Book

Beschreibung

2037-Ein Blick voraus Visionen eines Odenwälders und Großvaters über die nahe Zukunft im und um den Odenwald: Der Impuls zu diesem Thema erfolgte 2012, die Erstveröffentlichung 2016. Auch nach 5 Jahren Topaktuell und nachgefragt. Daher als 2. Auflage mit Verbesserungen im Detail. 2037 - die zweite, große europäische Krise - wir erleben Sie doch momentan bereits! Corona! Zum Inhalt: Die beginnende Völkerwanderung 2015, die aktuelle Pandemie (im Buch: die zweite, große europäische Krise) und die Folgen des Klimawandels führen in nächster Zukunft zu gewaltigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen. Mit Liebe zum Odenwald entstanden die beiden Hauptpersonen Dr. Joe Raubach und Helen Rhoden-Stein. Die Suche dieser beiden Journalisten nach den Ursachen neuartiger Drogen lässt uns teils brachiale gesellschaftliche Konflikte erleben. Facettenreich, detailliert, mit visionären Details eine spannende, kleine Zeitreise mit einem furiosen Finale in der Südsee. Manchmal mit einem leichten Augenzwinkern geschrieben.

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Seitenzahl: 435

Veröffentlichungsjahr: 2016

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…für meine Kinder und Enkelkinder

Prolog 1:

2037 – Ein Blick voraus…

2012 wurde meine erste Enkeltochter geboren, mein Sohn war gerade mal 25 Jahre jung.

Als ich das kleine Mädel zum ersten Mal im Arm halten durfte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, was wird in 25 Jahren sein, im Jahr 2037?

Wie wird unsere Welt, auch die enge Heimat Odenwald, aussehen, sich verändert haben?

In welche Zukunft entlassen wir unsere Kinder und Enkel?

Weihnachten 2013 bis Juli 2014 habe ich das Buch geschrieben. Die (erfolglose) Verlagssuche dauerte lange, bis ich Ende 2015 auf BoD aufmerksam wurde. Anfang 2016 habe ich das Ganze dann nochmals ein wenig aktualisiert und überarbeitet:

2037

liegt noch fast ein Viertel Jahrhundert vor uns - und ist doch schon fast zum Greifen nahe! Es könnte im gleichen Trott wie in den letzten rund siebzig, für uns Europäer meist friedfertigen Jahren weiter gehen. Sicher, es gab auch schon gravierende, globale Veränderungen. Bisher blieben die Auswirkungen jedoch für uns erträglich.

In mittlerweile 50 Berufsjahren im technischen Außendienst habe ich außergewöhnlich viel sehen und erleben dürfen. Habe Einblick in vielen Branchen und Bereiche gewonnen, oft einzigartig. Über fünfundzwanzig Beiträge in renommierten Fachzeitschriften tragen meinen Namen, viele Fachvorträge durfte ich referieren.

Vor diesem technischen Hintergrund, vielleicht auch ein wenig im Sinne eines Jules Verne (den ich sehr schätze) habe ich meine Visionen, den Blick, die mögliche Vorschau eines Odenwälders, Vaters und Großvaters, niedergeschrieben.

Mögen unsere Kinder und Enkel, denen ich dieses Buch widme, Besseres erleben.

Mein herzlicher und aufrichtiger Dank gilt allen, die mich bei diesem Projekt ermutigt und unterstützt haben.

Wolfgang Zimmer (ein Odenwälder)

Prolog 2, zum Inhalt:

2037 – Ein Blick voraus….

Visionen eines Odenwälders und Großvaters über die nahe Zukunft im und um den Odenwald:

2037 - die zweite, große europäische Krise (nach der beginnenden Völkerwanderung Ende 2015) im Jahr 2023 hat zu gewaltigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen geführt.

Unsere Mittelschicht ist drastisch geschrumpft, lebt in einer Enklaven artigen, eigenen Welt. Nur noch Wenige leben in der Welt des technischen Wandels und Fortschritts.

Die Masse der Bevölkerung darbt. Neue, unbekannte Drogen überschwemmen das Land mit dramatischen Folgen. Die Bevölkerung schrumpft rasend schnell, Kinder werden fast nur noch künstlich gezeugt, mit unglaublichen Folgen.

Selbst die mühsam erkämpfte Emanzipation hat herbe Rückschläge erlitten!

Oft werden wir bei näherer Betrachtung solcher Veränderungen an das Kugelstoßpendel (nach Newton) erinnert. Der Anstoß einer Kugel bewirkt eine Bewegung am anderen Ende der im Übrigen ruhig bleibenden Kugelreihe. So, wie Innovation oder Veränderung, die an einer Stelle auf unsere Gesellschaft einwirken, Auswirkungen an völlig anderer Stelle haben können.

Entlang eines überraschenden, roten Fadens erleben wir mit der Hauptperson – Dr. Joe Raubach – ein furioses Feuerwerk der Handlungen. Visionäre Veränderungen unserer klimatischen Umweltbedingungen, gewaltiger sozialer Wandel, neuartige Techniken hangeln sich an diesem roten Fadenknäuel entlang zu einem überraschenden Finale!

Dabei reicht der topographische Spannungsbogen von meinem geliebten Odenwald bis in die Südsee.

PS.:

Das ganze Werk entstand in Eigenregie, leider konnte ich keinen interessierten Verlag finden. Niemand wollte diesen Mix aus Heimat, Sience Fiction, Krimi und Technik veröffentlichen.

Auf ein professionelles Lektorat, Layout usw. habe ich daher aus Kostengründen verzichtet. Restfehler in der Erstauflage bitte ich daher zu verzeihen. Schließlich konnte ich dieses Werk über BoD (danke an diese Truppe) auf eigene Rechnung in den Markt bringen.

Dieses Buch ist ein Sience Fiction Krimi mit Odenwälder Wurzeln. Personen, Geräte und Produkte sowie Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder realen Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Wenn Sie jedoch Affinitäten zum Odenwald, zu historischen Personen oder ähnliches oder gar Wortspielereien entdecken, diese sind garantiert nicht ungewollt…

Den Main nennen manche Odenwälder auch den Handkäs` oder Äppelwoi-Äquator….

Nachsatz zur Revision von 2021: die Ereignisse der Corona Pandemie und des Ahrtales zeigen uns in aller Deutlichkeit die Grenzen unseres Handels und auch unserer Fantasie auf!

*) Quelle: Internet

Inhaltsverzeichnis

HELGOLAND

1.1 Erwachen

1.2 Erholsamer Schlaf

1.3 Helgoland

ZUHAUSE

2.1 Appartement

2.2 Relaxen

2.3 Hegau

DIE REDAKTION

3.1 Am Fenster

3.2 Stadtfahrt

3.3 Meeting

3.4 Heimweg

TRANSPRESS

4.1 Rush Hour

4.2 Bahnhof

4.3 Transpress

4.4 Unter Bewachung

DIE BERGUNG

5.1 Girls

5.2 Bergung

5.3 Shuttlebus

TRANSFER

6.1 Umsteigen

6.2 Fabrik

6.3 Dinner

HAMBURG

7.1 Sauna

7.2 Katerstimmung

7.3 Die Wache

TF EUROPEAN FUTURE

8.1 Die Rede

8.2 Eklat

8.3 Barkasse

8.4 Das Kraftwerk

DARMSTADT

9.1 Lenie

9.2 Rapport

9.3 Das Revier

ODENWALD

10.1 Der Süden

10.2 Krähbergtunnel

10.3 Diskussion

10.4 Die Gemeinschaft

10.5 Präsidium

ARBEITSTAGE

11.1 Statistik

11.2 Überraschung

11.3 Diskothek

11.4 Lagerhalle

AUCKLAND

12.1 Einladung

12.2 Horten

12.3 Die Fähre

12.4 Shakespeare Regional Park

FINAL LAP

13.1 Ekranoplan

13.2 Tubuai Island

13.3 Der Boss

PERSONEN, GERÄTE UND SONSTIGES

14.1 Personen

14.2 GERÄTE und PRODUKTE

14.3 FIRMEN

14.4 BEGRIFFE

14.5 HISTORISCHE PERSONEN

14.6 GEOGRAPHIE

14.7 In eigener Sache

1 HELGOLAND

1.1 Erwachen

Verdammt, macht doch endlich das Blitzlichtgewitter aus! Und hört endlich damit auf, auf meinem Schädel herum zu trommeln!

Joseph Raubach, genannt Joe, kämpfte sich durch ein Meer zähfließender, klebriger irgendwas… Scheiße.

Es hinderte ihn am Bewegen, irgendwie stimmte auch die Lage nicht, langsam dämmerte ihm, er lag.

Schlauchartiges Zeug an seinen Händen hinderte seine Bewegungen!

Und diese Kopfschmerzen!

Auf der Zunge ein Geschmack, Fürchterlich! Wie das Zeug, mit dem man die Kunststoffe für Tragflächen bei Horten United Europe zusammen pappte!

Irgendwo von weit her drang ein Geräusch durch das Blitzlichtgewitter und die Trommelschläge in seinem Kopf.

Die Geräuschfolge wiederholte sich, artikulierte sich zu bruchstückhaften Sätzen.

Irgendetwas unter ihm rumorte, die Lage seines Oberkörpers veränderte sich.

Der Grauschleier vor seinen Augen wurde lichter, das Trommeln im Hirn ließ allmählich, ganz allmählich nach.

Die Dämmerung im Kopf lichtete sich. Ihm wurde klar, er saß in einem Bett. Apparate ringsum, weiße Wände.

Ein ewig gleicher Geruch – Desinfektionsmittel.

Mist, verdammter Mist, er war im Krankenhaus! Wieso, warum?

Er lag in einem Krankenbett, OK. Seitlich waren irgendwie Gitter hochgestellt.

Überall an seinem Körper begann er Schläuche und Kabel zu spüren, was soll das, wozu, warum wurde er das Zeug nicht los?

Aus dem Grauschleier über seinen Augen schälte sich ein weibliches Wesen - Lenie!

Nicht schon wieder! War all` dieses Durcheinander ihrem letzten Zoff zu verdanken? Er bekam die Reihenfolge nicht hin!

„Hör doch mal auf, ich will ´n Bier! Und warum bin ich hier und was hat das mit dir zu tun? Meine Fresse, ist mir schlecht!“

Lenie stoppte ihrerseits ihren Wortschwall, trat näher:

„Das mit dem Bier holen wir gerne nach, Joe, jetzt trinkst du erst mal Krankenhaussaft. Und sei froh, dass du noch am Leben bist!“ sagte sie, fröhlich grinsend nach ein paar Gedenksekunden.

Er knirschte unwirsch, registrierte nun auch deutlich die diverse Schläuche, die in seinen Armen endeten. Einen Monitor, der offensichtlich seinen Kreislauf überwachte.

Ein Weißkittel betrat den Raum:

„Hallo Herr Raubach, schön, dass wir sie wieder auf diesem Planeten begrüßen dürfen. Sie sind am Engelsflug knapp vorbeigeschrammt. Bedanken sie sich schon mal bei Frau Rhoden-Stein, sie hat ganz wesentlich zu ihrer Rettung beigetragen.“

Der Kittel begrüßte Lenie mit einem freundlichen Kopfnicken, beugte sich über den kleinen Monitor am Fußende des Bettes, drehte an irgendwelchen Knöpfen und brabbelte unverständliches. Während er anfing, an Joe` s Schläuchen und Kabeln zu hantieren, glitt dieser in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Lenie verließ den Raum auf leisen Sohlen. Die Deckenbeleuchtung hatte auf ein fahles Weiß zurückgeschaltet, die Wände schimmerten in einem sterilen matten Grün. Der Unterhaltungsmonitor war erloschen, er war jetzt ein kaum mehr erkennbarer Teil der grünen Wand. Das Paket von Schläuchen und Kabeln an Joe`s Körper führte am Bett in Halterungen entlang zur Wand, wo sie in irgendwelchen Anschlüssen und Kontakten verschwanden.

Am Kopfende von Joe`s Bett war ein größerer Monitor, in der Wand eingelassen, zu erkennen. Wilde Kurven zackten über ihn, überlagert vom rhythmischen Abbild eines ruhigen Herzschlages.

1.2 Erholsamer Schlaf

Wärme auf seiner Hand. Stimmen.

Joe kämpfte sich aus irgendwelchen Untiefen nach oben.

Blinzelte in schmerzendes, grelles Weiß.

Allmählich schälte sich eine Kontur heraus – Lenie.

Sie hielt seine Hand, beugte sich über ihn, trompete fröhlich: „Na, du altes Mammut, wieder unter den Lebenden!“

Das war mehr Feststellung denn Frage. Dann berührte etwas seine Wange, weich und warm. Er lebte tatsächlich noch, das war ein zarter Kuss von Lenie gewesen.

„Gib mir irgendwas Trinkbares- am besten Äppelwoi!

Und dann will ich verdammt noch mal wissen, warum ich hier bin und wie lange schon und was das Ganze soll und überhaupt“

Lenie reichte ihm ein kaltes Etwas, entfernt schmeckte es nach Tee. Igitt!

„Ich weiß, Joe, wir sind keine Partnerschaft mehr, aber immer noch gute Freunde. Deswegen und überhaupt, ich habe mich ganz schön um dich gesorgt.

Und wenn du jetzt mal die Klappe hältst, dann erzähle ich dir, was passiert ist!“

Joe blickte lange in ein paar tiefgrüne Augen. Das Weib sah wirklich verdammt gut aus!

Sie trug einen lindgrünen, wie eine zweite Haut anliegenden Pullover und knackig enge Jeans.

Zum Anbeißen!

Man konnte mit ihr viel Spaß haben, und verlässlich war sie außerdem. Aber- ein Weib halt` mit Zicken.

Und zwar mit so vielen, dass, zumindest er, es in der eingetragenen Partnerschaft nicht lange ausgehalten hatte.

Jetzt waren sie halt gute Freunde, manchmal Arbeitskollegen.

Stets zur ihrer beiden Freude.

Und halfen sich gegenseitig aus mancher Misere.

„Sag` mir erst mal, was heute überhaupt für ein Tag ist?

Samstag, Sonntag? Und wie lange bin ich schon hier – und überhaupt und was auch immer!“ knurrte er.

Lenie lachte leise:

„Joe, heute ist Mittwoch, der 13. Mai 2037. Du bist seit fast anderthalb Wochen hier!“

Er wollte seinen Kopf schütteln, aber irgendetwas klopfte mit brachialer Gewalt von innen heftig gegen seine Schädeldecke.

Stöhnend glitt er in die Tiefen seiner Kissen zurück.

Ein paar tiefe Atemzüge, dann hatte sich der Schmerz gelegt.

Suchend griff er nach Lenie`s Hand, die ihm daraufhin erst nach leichtem Zögern entglitt.

„Fang schon an“

1.3 Helgoland

Lenie lehnte sich entspannt auf ihrem Stuhl zurück, soweit das auf diesem abgewirtschafteten Möbelstück überhaupt machbar war.

„Naja, Joe, du hattest einen neuen Auftrag von Dr. Munk von „German News“ angenommen.

Deine Serie zum rapiden Niedergang der friesischen Inseln in den letzten 20 Jahren, zum Verschwinden der Halligen und den vielen Flutkatastrophen hatte für ordentliche Wirbel gesorgt.

Die Anzahl der Downloads war irre gut, selbst aus Exotenländern wurde die Serie zum Teil mit automatischen Übersetzungsprogrammen abgerufen.

Viele Experten (und noch mehr, die es sein möchten) haben dich angefeindet. Konnten letztendlich weder den Tatsachen noch deinen Statistiken widersprechen.

(sie nahm ebenfalls einen winzigen Schluck des Krankenhausgebräus) Fakt ist nun mal, von den gesamten friesischen Inseln sind nur noch ein paar Fragmente übrig. Nicht viel mehr, als das, was einst Halligen waren.

Und Halligen – die sind nur noch Geschichte!

Angefangen hatte es um 2017, als in den drei großen, dicht aufeinander folgenden Winterstürmen Terschling, Ammerland, Sylt und Föhr auseinanderbrachen.

2017 wurden dann auch Eiderstedt und ein Großteil von Dithmarschen durch eine Monsterflut vom Land getrennt.

Sechsunddreißig Stunden hatte ein fürchterlicher Orkan gewütet. Der Vollmond hatte sowieso eine Springflut begünstigt.

Sturm und Mondphase wirkten wirklich infernalisch zusammen. Wellenhöhen über 25 Meter, teilweise sogar 30 Meter, hatte man an dem Teil der deutschen Nordseeküste damals noch nicht gekannt.

Das Eidersperrwerk zerbrach unter den Naturgewalten.

Wie von einem Riesen ins Meer gestreute Puzzleteile des Sperrwerkes waren nach dem Sturm das Einzige, was davon weit draußen auf See noch zu sehen war.

Denn das Provinznest Heide lag plötzlich an der Küste!

Und das waren nur die Auswirkungen an der deutschen Küste!

Von Ländern wie England, Irland, Holland ganz zu schweigen!“

Joe grummelte etwas Zustimmendes:

„Naja, wir dürfen England nicht übersehen. 2014 - mehr als drei Monate Flutkatastrophe im Westen. Die Behörden waren schlicht unfähig, ein Hilfskonzept auf die Beine zu stellen.“

„Stimmt, meinte Lenie: 2018 und 2032 hat sich das Ganze wiederholt - und die Betonköpfe in den Regierungen haben immer noch keine Besserungen zustande gebracht. Mittlerweile ist diese Insel nur noch halb so groß und Bettelarm!“

Lenie holte nach ein paar nachdenklichen Sekunden zustimmend weiter aus: „Die German News haben mit dieser Serie ordentlich Reibach gemacht.

Und du hattest, eigentlich widerwillig, den Auftrag „Helgoland“ angenommen.

Einerseits hast du ja schon genug Negativerfahrungen mit Katastrophen, aber wahrscheinlich waren es die vielen NEKs`, die dich lockten“

„Da hast du nicht ganz unrecht, warf Joe ein: aber von den Dingern kann man nie genug haben!

Und die Probleme mit Helgoland sind ja auch schon seit mehr als 15 Jahren deutlich: Rapider Rückgang der Touristenströme sowie die mangelnde Versorgung der Bevölkerung durch immer unberechenbarer werdende nautische Bedingungen. Das sind die Kernprobleme.

Außerdem: 1721 war die Ursprungsinsel ja bereits zerbrochen. Was wir, was unsere Generation davon in der Vergangenheit noch sahen, waren ihre kärglichen Reste.

Du siehst, Geschichte wiederholt sich.“

Er schluckte widerwillig etwas Teegebräu, dann spulte er den Faden weiter:

„Der Südzipfel der Insel Helgoland, unterhalb der Klinik, ist seit nunmehr über 10 Jahren von der Nordsee verschluckt, und der Verlust des Flughafens im letzten Winter durch die massive Erosion- das waren schon herbe Schläge für die zuletzt knapp 300 Insulaner.

Sicherlich, eine Schlechtwetterzone war angekündigt gewesen. Und die Wissenschaft hatte ja zwischenzeitlich die Existenz von Monsterwellen eingestanden. Mit Hilfe von Satellitendaten aus Wetterbeobachtungen, den Gezeiten und Mondphasen sowie ein paar weiteren Faktoren können die Meteorologen heute schon mit hoher Wahrscheinlichkeit das Eintreffen von solchen Wellenphänomenen vorhersagen.

Aber auch nur mit hoher Wahrscheinlichkeit.“

„Klar, meinte Lenie: dem zu Folge hat ja auch keiner diese Wellen von über 30m Höhe da draußen erwartet.

Und vor allen Dingen, wer hat mit drei Wochen Sturmdauer gerechnet? Non Stopp Sturm! Verrückt!“

„Richtig, entgegnete Joe: Es gab irgendwann keine Funkverbindung mehr mit dem PAS zum Festland. Selbst das Notfall-Satellitentelefon hat zum Schluss gestreikt.

Die Vorräte wurden knapp, wir haben uns immer höher hinauf zurückgezogen und konnten stündlich mit ansehen, wie die Insel weniger wurde.

Irgendwann hatte keiner mehr die Kraft, Brände zu löschen oder irgendwelche Löcher ab zu dichten. Wir haben uns nur noch verkrochen.

(er schüttelte sich heftig) Ich habe mich ins „Panorama“ zurückgezogen, ein sehr alter Hotelbau, von wirklich Vertrauen erweckender Substanz. Dicke Mauern im Kellergeschoss von mehr als sechzig Zentimeter!

Aber dieser Sturm, dieser peitschende, wolkenbruchartige Regen, nonstop!

Dieses beständige Heulen, Jaulen und Tosen. Dazu Knall und Krach, wenn irgendwo etwas zusammenbrach oder weggeflogen ist oder gar Alles zusammen!

Es war die Hölle.

Dann krachte es im Haus plötzlich ganz gewaltig, ich sah noch, wie die Geschossdecke Risse bekam – danach war Blackout!“

Lenie ergänzte:

“Das Hotel „Panorama“, in dem ihr euch verkrochen hattet, ist zusammengebrochen. Der Dauersturm hatte wohl ziemlich früh in diesen drei Wochen Teile des Dachs weggerissen. Daraufhin durchweichten die Decken mitsamt dem Schrott, der oben auf lag. Und dann brach alles zusammen.

Dein Glück war, das du in der Bar im Keller `rumhingst.

Du warst wohl unmittelbar neben einer dieser recht stabilen Mauern!

Man hat dann vom Festland beim ersten Aufklaren die Helikopter in Marsch gesetzt. Die Armee hat euch herausgeholt.

Es soll über hundert Tote und Vermisste gegeben haben!

Und von dem Felsen sind wohl nur noch um 96 Hektar übrig, also etwas mehr als die Hälfte dessen, was um die Jahrhundertwende noch an Land da war. Das wird eine vorgeschobene Wetterstation oder so etwas für die Seefahrt werden, bis irgendwann gar nichts mehr übrig ist!“

Joe knurrte: „Dann muss ich den Bekloppten auch noch dankbar sein, oder was?“

„Welchen Bekloppten“ war die Gegenfrage Lenie`s. Sie kam, wie aus der Pistole geschossen.

„Naja, Mädel, ich war ja nicht allein auf der Insel. Neben den paar hartgesottenen Insulanern waren da ein paar Monteure, die eigentlich draußen vor der Küste irgendetwas prüfen oder installieren sollten oder so.

Genaues hat man von denen nicht erfahren, nur Geheimnistuerei!

Es waren zum größten Teil Schlitzaugen, auch zwei finstere Afraner waren dabei.

Der Boss von denen war so ein bärtiges Monster, wahrscheinlich mit mehr Barthaaren als Gehirnzellen. Der hat den Mund nur aus drei Gründen aufgemacht, und zwar in der Reihenfolge: Saufen, Fressen, Morddrohungen ausstoßen.

Und die Truppe- es mögen fünf oder sechs gewesen sein, die hingen in jeder freien Minute in der Disco hinterm Hotel `rum, dem „Red Stone“.

Da waren auch noch ein paar andere Gäste, soweit ich erfahren konnte, Touristen.

Ganz schlau bin ich aus denen nicht geworden, entweder waren die ganztägig alle besoffen oder bekifft.

Also genau der interessante Background, den eine Reporterseele wie ich zum Recherchieren benötigt.

Deswegen hatte ich ja die Bar zu meinem Domizil auserkoren.“

2 ZUHAUSE

2.1 Appartement

Die Entlassung aus dem G.R.O.B war schnell vollzogen.

Eine Bestätigung der ärztlichen Berichte am PAS, ein kurzer Blick in den Iris-Scanner, fertig.

Lenie hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn mit einem Twizzer ab zu holen.

Während der Fahrt frozzelte sie wie meist bei solchen Gelegenheiten über seinen Wohnort im RMS, wie dieses Kunstgebilde „Rhein-Main-Süd“ allgemein nur genannt wurde.

Nach der Geschichte im Hegau hatten die Politiker eine Satellitenstadt mit neuester Wohntechnologie aus dem Boden gestampft. Begrenzt im Wesentlichen von Dieburg, Umstadt, Otzberg und Roßdorf.

In dieser Region, in der die Grenzen des Odenwaldes von jeher schwimmend waren. Neuerdings im besten Behördendeutsch „Regionalstruktur Odenwald-Bergstraße-Rhein-Main-Süd“ genannt.

Einen vernünftigen Stadtnamen konnten damals bei der Gründung die Behördenfuzzis allerdings auch nicht finden, obwohl es viele Anregungen aus der Bevölkerung gab.

Der dann amtlich festgelegte, korrekte Name „Propolaeris-City“ (angelehnt an das Messeler Urpferdchen) war ja kaum aus zu sprechen!

Und so hatte sich sehr, sehr schnell das Kürzel „RMS“ eingebürgert.

Joe fühlte sich dort sicher. Bei jeder Fahrt nach Hause wurde er zudem mit einen Blick auf die sanften Hügel am Rand des Odenwaldes, seiner Heimat, belohnt.

Richtige Heimatgefühle jedoch kamen in diesem synthetischen Monstrum „RMS“ sowieso nicht auf!

Lenie hatte sich allerdings geweigert, mit ihm nach oben zu kommen. “Du brauchst jetzt Erholung und Entspannung erster Ordnung“ hatte sie ihn lachend mit einem Kuss verabschiedet. Knurrend und zähneknirschend hatte er akzeptiert.

Joe wischte mit seinem PAS über das Türfeld seines Appartements, das Kontrollpaneel leuchtete matt auf.

Die erste Hürde der inneren Zugangskontrolle war genommen.

Diese Dinger am Arm waren manchmal schon lästig.

Aber seit der letzten Wirtschaftskrise war der Besitz von Bargeld endgültig verboten, damit wurden die PAS unverzichtbar.

Wurde man mit Bargeld erwischt, gab es ein unerbittliches Verfahren wegen Staatsgefährdung, meist mit drakonischen Strafen verbunden.

Augenblicklich ertönte erneut ein dezenter Piepton.

Nur nicht das Zeitfenster der Kontrolle überschreiten!

Der dritte Piepser war heftig- und zugleich seine letzte Chance. Der Pieps ermahnte ihn, in die Linse der Iriskontrolle zu blicken. Das Leuchten wich einem Blinken, auf leichten Fingerdruck öffnete sich die Tür.

Alles war, als hätte er das Appartement erst gestern verlassen.

Dabei waren, mit dem Krankenhausaufenthalt und Helgoland zusammen, fast sechs Wochen vergangen.

Die Raumtemperatur lag exakt in seinem Wohlfühlbereich. Während seiner Abwesenheit war sie automatisch im Energiesparmodus abgesenkt gewesen.

Nun, bei Annäherung an sein Zuhause, hatte der PAS rechtzeitig für das Hochfahren der Temperatur auf „Wohlfühlen“ gesorgt.

Dabei, wo war die Zeit geblieben? Zufrieden blickte er sich um.

Dieses Riesenteil hatte er sich vom letzten Salär der German News geleistet! Einundzwanzigkommafünf Quadratmeter - das war wirklich riesig! Hier ließ es sich viel entspannter Wohnen als in den 15 m2Standard, die ihm nach Auflösung seiner eingetragenen Partnerschaft mit Lenie zugestanden hatten.

Gut, während seiner Studien hatte er oft Kenntnis von anderen Zahlen gehabt.

Anfang des Einundzwanzigsten Jahrhunderts galten wohl noch völlig andere Maßstäbe. Da besaßen selbst einzelne Personen oft mehrere Räume, mit einem Vielfachen dieser Fläche.

Aber, das war Vergangenheit.

Er wohnte jetzt sicher. Gut versorgt und richtig sicher! In einem dieser wirklich modernen, zuverlässigen Stahlbauten.

Die Infrastruktur für das Gebäude war mehre Stockwerke tief im Erdboden verankert. Erdbeben konnten diesem Gebäudetyp nach menschlichen Ermessen kaum noch etwas anhaben.

Modernste Wasserstofftechnik machte das Ganze energetisch autark. Für Notfälle gab es noch Solartechnik.

Von den Erdwärmepumpen der ersten Gebäudegeneration war man halt wieder abgekommen.

Sein Appartement lag im dritten von sieben Stockwerken.

Von außen sah das Ganze aus wie ein Ei im Eierbecher.

Im „Eierbecher“ waren überwiegend die Haustechnik und ein paar Parkplätze für Fahrzeuge aus dem Sharing – Pool. Entlang der Außenhülle gab es je nach Stockwerk unterschiedlich große Appartements. Nur im dritten und vierten Stock gab es auch Appartements, die nach innen, zum Atrium ausgerichtet waren. Die bekamen aber nur Tageslicht, wenn die Irisblende im Dach bei geeignetem Wetter geöffnet war.

Dafür waren diese aber auch deutlich billiger.

Überhaupt, Kauf und Miete im klassischen Sinn des vergangenen Jahrhunderts gab es nicht mehr. Entweder man verließ man sich auf die staatliche Bevormundung, dann bekam man eine Miniwohnung zum erträglichen Tarif in unmittelbarer Arbeitsplatznähe. Standardgröße, Standardausstattung, täglich zu kündigen.

Und das von beiden Seiten des Vertrages!

Oder man „kaufte“ Wahlmöglichkeiten bei Standort, Größe, Ausstattung und vor allem den Kündigungszeiten hinzu. Zu teilweise exorbitanten Preisen.

Aber irgendwie wollte ja die moderne, Wettersichere und Vandalen!! sichere Ausstattung finanziert werden!

Joe schüttelte den Kopf, er versuchte, sich auf das Geflimmer der Bildfläche in der Wand zu konzentrieren.

Mit dem Öffnen der Tür hatte sich sein Kommunikationszentrum eingeschaltet.

Klar, jede Menge Mails.

Die Energiebilanz zeigte einen dicken grünen Balken, der Duschwasservorrat ebenfalls!

Kein Wunder, er war ja lange genug weg gewesen!

Runter mit den Klamotten vom Leib, eine echte Dusche konnte durch das Ganze, desinfizierende und kostbares Wasser sparende Sprühzeug nicht ersetzt werden!

2.2 Relaxen

Die Duschabtrennung fuhr mit leisem Surren in die Arbeitsposition. Magnetverschlüsse klickten, die Dusche war für den Wassereinsatz bereit.

Kurz noch einen Blick in den Spiegel, der jetzt hinter transparent werdenden Glasfläche zum Vorschein kam. Er begrüßte ihn mit einem gutgelaunten: „Hallo, geliebter Feind“ und lauschte andächtig - alles blieb ruhig!

Die Sprachsteuerung seines Appartements hatte endlich begriffen, dass dieses keine Kampfansage an irgendwelche obskuren Gestalten, sondern nur ein lockerer Spruch war.

In der Armatur war ein leichtes Vibrieren zu spüren, das Wasser wurde umgewälzt, bis die gewünschte Temperatur erreicht war. Wasserverschwendung war absolut out!

Das prickelnde Perlen der kostbaren Wassertropfen auf seiner Haut war erloschen. Joe hatte sich zur Feier des Tages eine doppelte Duschration gegönnt (und dem blöden Vieh von Computer dreimal bestätigen müssen!).

Das Gebläse trocknete ihn mit einem angenehm warmen, leicht säuselnden Luftstrom ab (im Prospekt des Appartements hatte eine lange Abhandlung gestanden, dass die Energiebilanz dieses Trockensystems deutlich besser war als die der überalterten Handtücher, hygienischer war das sowieso). Dabei spürte er deutlich, dass der Salzgehalt des Duschwassers (Salzstufe vier) mal wieder an der oberen Grenze lag. Er ließ die Dusche (der Sprachsteuerung sei Dank!) in die Wand schwenken und die Toilette ausklappen.

Die Glasabtrennung zum Wohnraum verdunkelte sich diskret.

Nachdem auch diese Verrichtung erledigt war, fuhr er die Couch in die Relaxposition.

Die Schutzblende über dem Fenster schwang per Sprachbefehl zur Seite.

Regentropfen perlten von dem Glas ab (Lotuseffekt der 3.

Generation hatten sie im Prospekt des Appartements geschwärmt), der Blick auf einen grauen, Wolken verhangenen Himmel wurde frei.

Hier würde er ein nun paar Tage abhängen.

Vielleicht konnte er ja Lenie zwischendurch mal auf ein paar nette Stündchen einladen.

Im Magen rumorte es- er sollte vielleicht mal etwas essen.

Joe blickte auf den Bildschirm und rief das Vorratsmenü auf. Es sah ziemlich mau aus. Gesetzlicher Minimalvorrat!

Nur noch ein paar von diesen genialen, scheiß Nanofolien im Kühlfach!

Immer wenn er diese Dinger sah, musste er an die Großeltern tief im Odenwald denken- hmh, das Wasser lief ihm im Munde zusammen! Großmutters Bratkartoffel mit Worscht, Opas Handkäs mit Musik und Zwiebeln! – traumhaft lecker!

Lange her, nix mehr!

Also, Futter aus der Plastikfolie, scheiß neue Zeit!

Mit einem tiefen Seufzer studierte er sein Vorratsmenue erneut. Irgendwie war ein Teil von diesem Kram wegen des Erreichens des Mindesthaltbarkeitsdatums automatisch aussortiert und der Verwertung zugeführt worden.

Aus den Folien konnte man im Zubereiter (einem Mix aus dem, was früher ein Herd und einst ein Drucker gewesen war) recht erträgliche, wenn auch einfache Speisen gewinnen.

Heute musste es eine Fleischfolie und etwas Handfestes – Kartoffeliges sein. Zumindest sah es hinterher so aus und es schmeckte meist auch so. Er wählte noch die Würzart „pikant“ und erinnerte sich an den Rest in einer ziemlich großen Cognacflasche, die er zwischen seinen Kleidervorräten aufbewahrte. Auch wenn die Klamotten heute in kürzester Zeit aus dem Drucker kamen, so konnte man doch manche Kleidungsstücke mehrfach benutzen.

Das schonte das Konto ganz erheblich!

Ein leises Klicken signalisiert ihm seine fertige Mahlzeit.

Er entnahm sie dem Zubereiter, warf die Reste der Nanofolien als braver Bürger in den entsprechenden Schlitz seiner Entsorgungseinheit.

Schon Sekunden später freute er sich, als er am Bildschirm die Gutschrift für die verwertbaren Reste der Folien auf seinem Konto, begleitet von einem kleinen Blinksignal, angezeigt wurde.

Joe goss sich einen großen Cognac ein, steuerte den Tisch in die Arbeits- und Essensposition.

Der Mechanismus hakelte mal wieder, er sollte doch wohl mal reklamieren. Ein derber Faustschlag auf die Tischfläche, manchmal muss man der Elektronik oder Mechanik eben zureden.

Es klappte vorzüglich, der Tisch fuhr heran. Joe rülpste einmal heftig und zufrieden.

Mit einem kurzen Zuruf an den zentralen Home-PC dimmte er das Licht. Auf der Monitorwand erschien ein zartes Farbspiel in dezenten Umbratönen.

Auch die Couch war mittlerweile in der richtigen Position.

Der Tag war gelaufen!

2.3 Hegau

Das Essen war erträglich gewesen, der Cognac verbreitete Wärme im Bauch und einen leichten Nebel im Hirn.

Joe lehnte sich entspannt zurück.

Auf dem Wandbildschirm liefen in einer schier endlosen Show Bilder aus der gemeinsamen Zeit mit Lenie ab.

Irgendwie hatte er heute den Wunsch nach ihr, nach dieser Zeit menschlicher Nähe und Wärme.

Beziehungen waren heute eigentlich sehr viel einfacher zu handhaben wie noch zu Zeit seiner Großeltern.

Deren Gesichter wollten nur schwerlich aus seiner Erinnerung aufsteigen. Die Großmutter, tief unten im Odenwald. Eine emanzipierte, starke Persönlichkeit mit einem sehr gut bezahlten Job in irgendeiner Verwaltung.

Opa hatte die Rolle des Hausmannes übernommen. Nur am Wochenende kochte Oma. Wenn sie Essen auftrug, dann stets begleitet von dem Spruch „in der Woche dient das Proletariat, am Wochenende herrscht das Matriarchat!“. Das gab dann immer ein großes Gelächter, meist begleitet von einem herzhaften Kuss Opa` s auf Omas Wange.

Aber das waren Bilder aus einer anderen Zeit.

Mit einem heftigen Rülpser machte sich seine Verdauung bemerkbar. Der Mensch war halt auf das Folienzeug noch nicht hundertprozentig eingestimmt.

Wenn er da an seine Großeltern dachte!

Die töteten tatsächlich noch Tiere selbst, um sie zu verspeisen!

Oder diese stinkenden Rundlinge, die Opa bergeweise mit ebenso stinkenden Zwiebeln vertilgte! Handkäs` mit Musik deklarierte dieser stets mit Lustverklärtem Blick.

Und dann dieses Gesöff, was beide, Opa und Oma Literweise in sich hineinschütten konnten!

Äppelwoi, Handkäs` - lecker! Er dachte erneut und gerne an dieses urtypische regionale Zeug zurück.

Das Keltern dieses Getränkes war Opa` s große Leidenschaft. Aber diese Zeit war vorbei! Privates Keltern mittlerweile strikt verboten.

Alkohol wurde absolut nur noch in staatlich lizenzierten Großunternehmen hergestellt.

Der Drogen wegen, sagte man.

Und wer beim schwarzen Keltern oder Brauen erwischt wurde, dem drohten heftigste Strafen!

Es gab viele Menschen, die diesen Dingern nachtrauerten.

Schade `drum. Sei` s drum, anderes war wichtiger! Joe schüttelte sich mit einem erneuten, heftigen Rülpser.

Seine Gedanken waren in der Gegenwart zurück.

Tja, die Frauen. Die Mädels!

Jahrhunderte lang war die Frau in vielen, ja den meisten Gesellschaften ein zweitrangiges, unterdrücktes und benachteiligtes Wesen. Mit Beginn der Industrialisierung im vorletzten Jahrhundert hatte eine Welle der Emanzipation ihren Weg gefunden, zumindest was Europa und Nordamerika betraf. In Südamerika, Afrika und den islamischen geprägten Ländern war diese Entwicklung sehr viel zähfließender Verlaufen. Oder sie hatte erst gar nicht stattgefunden.

Diese wünschenswerte Emanzipation überschritt ihren Zenit mit der zweiten großen Bankenkrise und den damit einhergehenden, sozialen Unruhen.

Besonders die erste Welle der Völkerwanderung von Nordafrika nach Mitteleuropa um 2015 / 2016 hatte auch ihren Teil zur Stagnation dieser an sich doch positiven Entwicklung beigetragen.

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde den Bürgern (nicht nur in Europa) von den Mächtigen der Welt immer wieder Lug und Betrug, ja auch Gewalt, vorgelebt. Man denke nur einmal zurück an die Aufstände in der Ukraine und ihre verheerenden Folgen!

Als das Dasein, besonders hier in Deutschland, nach der zweiten Bankenkrise (die auch eine tiefgehende europäische Krise war) und deren Folgeereignisse immer mehr zu einem Überlebenskampf des Einzelnen wurde, kippte das ganze System „Emanzipation“ plötzlich.

Natürlich konnte man bei den intellektuellen Fähigen längst keine Unterschiede zwischen Mann und Frau mehr ausmachen.

Aber die „anatomischen Vorteile“, die Stärke des männlichen Körpers gewann schlagartig wieder einen völlig anderen Stellenwert! Und damit wurde das gesamte Thema „Emanzipation“ um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Was heute, gerade bei der German News, davon übrig war, bildete schon eine Besonderheit.

Eine wohlige Wärme und Mattigkeit ergriffen langsam Kopf und Geist- der Cognac tat seine Wirkung. Schlaff hing seine Hand über den Rand der Couch.

Seine Augenlieder klappten müde nach unten….

Hegau!!!

Eine Woge von Bildern überflutete ihn explosionsartig, er schreckte hoch und musste tief, gaaanz tief durchatmen.

Diese Scheißbilder - nahm das denn nie ein Ende?

Kalter Schweiß lief in Strömen über seine Brust und seinen Nacken hinab.

Ein eisiger Ring schloss sich um seine Brust!

HEGAU!!

HEGAU!!

Zuerst die Bilder von Stauffen, bei Freiburg.

Er versuchte, sich zur Wehr zu setzen!

Diese Bilder würde er wohl nie wieder loswerden - der Boden schien unter ihm zu schwanken

HEGAU!

HELGOLAND!

HEGAU!! schrie es in ihm!

Sein ganzer Körper zitterte, die Wogen der Erinnerung waren übermächtig.

Langsam, ganz langsam sortierten sich die rasenden Bilder in seinem Kopf.

Dort in Stauffen, hatten die Idioten im vergangenen Jahrhundert „nur“ ein Gipsfeld angebohrt und damit durch die aufquellende Erdkruste praktisch einen ganzen Ort dem Abriss anheimgeben.

Die Wissenschaft hatte das allgemein als bedauerlichen Einzelfehler eines Gutachters abgetan.

Dann kamen aus den USA die ersten Horrormeldungen.

Das ach so sichere Fracking!

Klar- Grundwasserverseuchungen! Bedauerliche Einzelfälle!

Gasblase erwischt, wo keine vermutet wurde- Paff!

Bumm! Auch bedauerliche Einzelfälle….

Und dann – Hegau!

Diese einst wunderschöne, von uralten Vulkanen geprägte Landschaft zwischen Südschwarzwald und Bodensee.

Joe holte tief Luft. Verdammt, das ist lange her!

Er war als junger Doktorrand mit knapp achtundzwanzig Lenzen zu Untersuchungen dort unten gewesen. Eine fröhliche Truppe, mit dem alten Professor Ahlheim.

Sie waren in Freiburg, um den Abschluss ihrer Arbeiten zu feiern. Ein schöner Augustnachmittag, Sonnenschein, warmes, mildes, mediterranes Bodenseeklima.

Ein hitziges Diskussionsthema während des ganzen Wochenendes war die Schweiz. Durch die zunehmenden Klimaveränderungen, die immer wärmeren Winter bekamen die talseitig der Alpen gelegenen Regionen in den heißen Sommermonaten immer mehr Probleme mit der Trinkwasserversorgung. Insbesondere in den Großstädten.

Die Schweiz hatte die Zahl ihrer Stauseen „zur Verbesserung der nachhaltigen Energieversorgung“ ohne Schwierigkeiten im europäischen Kontext und mit massiver finanzieller Hilfe der europäischen Union erweitert.

Nun aber sollten diese Stauseen im Sommer als Trinkwasserreserve dienen!

Kein Problem, aus Sicht der Schweizer. Nur der Preis, der für Wasser, dieses elementare Gut der Menschheit verlangt wurde, dieser Preis! Ja, der war selbst für die damalige Zeit und auch für Schweitzer Maßstäbe mehr als Exorbitant!

So genossen sie diskutierend, plaudernd, flirtend eine vermeintliche typische Studienreise. Ein bisschen Bildung, ein paar gute Diskussionen, reichlich guter Gerstensaft.

Und erst die sehenswerten Kommilitoninnen!

Student, was willst du mehr?

Und kein Sturm, kein Regen in Sicht.

Abnehmender Mond halt. Die Krönung sollte dann diese Fahrt durch den Schwarzwald bis an den Bodensee sein.

Der Rückweg war durch das Hegau geplant, diese erloschene Vulkanlandschaft, von der der alte Ahlheim ständig schwärmte.

Es war eine tolle Fahrt in dem gecharterten Bus, damals konnte man sich so etwas noch leisten. Sie hatten Blumberg besichtigt, dazu ein museales Sägewerk.

Im vergangenen Jahrhundert konnte man Holz nicht nur verarbeiten, es wurde sogar verbrannt!

Heute war man über jeden überlebenden Baum und Strauch froh, der die CO2Bilanz zu verbessern half!

Am frühen Nachmittag hatten sie (verbotenerweise) im Schluchsee gebadet.

Der alte Professor hatte mal wieder außen liegende Augäpfel bekommen, als die Mädels sich beim Baden in ihrer natürlichen Pracht präsentierten!

Getränke waren reichlich genug im Kofferraum des Busses gebunkert, das sollte am Abend noch `ne heiße Partie werden.

Zum Abschluss der Fahrt ging´s dann zur Baustelle zwischen Singen und Mägdeberg.

Dort wurde eine neue Erdwärmebohrung gesetzt. Zwei große Elektromogule, die BFH und die F.UM, versuchten sich an der neuen, spektakulären VDT-Technik (was nichts anderes bedeutete als Very Deep Thrill).

Sie wollten dem alten Planeten schlichtweg ein besonders tiefes Loch in den Hintern bohren, um die Effizienz der Erdwärmenutzung signifikant zu steigern.

Knapp 5.000 m Tiefe waren angestrebt!

Die Optimisten unter den Wissenschaftlern hatten dort – in diesem erloschenen Vulkangebiet „Optimale Thermische Ressourcen“ diagnostiziert.

Die Kritiker und der größte Teil der Bevölkerung hatten das als Wahnsinn eingestuft und waren dagegen Sturm gelaufen.

Es hatte deswegen sogar erhebliche diplomatische Verwerfungen mit allen Bodenseeanrainern gegeben.

Später fand man heraus, dass die Natur sich nicht ganz an die Planungen der Wissenschaftler gehalten hatte.

Irgendwie – blöd!

Irgendwo, genau ließ es sich nicht mehr ermitteln, so um die 1.850 Tiefenmeter, hatte man wohl eine Caldera erwischt.

Nein, klar, die Messungen und Rechenergebnisse hatten so dicht unter der Oberfläche so etwas noch nicht ausgewiesen.

Da sollte eigentlich eine viel größere Felsüberdeckung drüber liegen.

Eigentlich!

Nur war diese Caldera einerseits nicht gerade klein und hatte, andererseits, einen kräftigen, Fingerartigen Ausläufer.

Nicht horizontal oder schräg, wie üblich. Nein: Vertikal.

Eine Anomalie, so wurde das Ganze später deklariert.

Blöd war nur, dass bei eben dieser VDT dem Planeten just in diesen Fingerartigen Ausläufer gebohrt wurde.

Quasi – Pieks in die Fingerkuppe.

Und daraufhin hatte der alte Planet mal eben ganz heftig gerülpst!

Was bedeutete, dass der folgende Lavaausbruch als erstes die gesamte Bohrtechnik samt Mannschaft eliminierte. Das Erdbeben wurde mit Stufe 7,8 auf der Richterskala registriert, die Ausläufer waren bis beinahe Kassel zu spüren.

Die Stadt Singen glich danach einer Abraumhalde, Überlebende gab es nahezu keine.

Bei Bregenz, auf der Seite Österreichs, setzte sich ein Berghang samt Passstraße in Bewegung. Ein paar Häuser schwammen wohl oben auf wie Beilagen in der Suppe.

Und dann klatschte das Ganze in den Bodensee.

Die dadurch ausgelöste Flutwelle in Verbindung mit dem Erdbeben ergab eine supertolle Kettenreaktion.

Die Inseln Reichenau und Mainau wurden verwüstet, die Stadt Konstanz soff komplett ab.

Wer und wie viel Menschen dabei beim Boot fahren überrascht wurden, im See selbst ersoffen sind oder vom Strand weggespült wurden, konnte nie nachvollzogen werden.

Das in den vielen Häfen rings um den See sich der Wald der Boote lichtete, weil sie in der Flutwelle zertrümmert wurden, war eigentlich als Peanuts anzusehen.

Bis man schon nach kurzer Zeit heftigste Verunreinigungen im Trinkwasser feststellen musste.

Viele der Boote hatten damals wohl noch Verbrennungsmotore an Bord. Die Treibstoffe, die Motoröle, der Giftdreck aus den Klimaanlagen der Boote, all das kontaminierte diesen riesigen Trinkwasserspeicher Bodensee gründlich und auf sehr, sehr lange Zeit.

Katastrophal!

Joe spürte, wie seine Hände zitterten, sein Puls raste! Ein trockenes Würgen beherrschte seine Kehle!

HEGAU!

Das Glück ihrer Truppe war ein kurzfristig eingeschobener Umweg gewesen.

Der alte Professor hatte ihnen eine besonders schöne, weiter nördlich gelegene Aussicht zeigen wollen und sie auf eine kleine Anhöhe bei Dresselbach gelotst. Ziemlich weit oben kam ihr Bus urplötzlich ins Schleudern.

Eine Folge der Eruption, als die Caldera getroffen wurde!

Der Bus überschlug sich ein paar Mal und kullerte in eine recht flache Senke neben der Straße, wo er auf dem Dach liegen blieb.

Es gab Verletzte, mit zum Teil ganz heftige Verletzungen.

Drei aus der Truppe überlebten nicht. Schlimm war Buddy dran, der Elektronikfreak unter den Kommilitonen.

Er lag von seinem Bauchnabel an abwärts unter dem Bus, blutete wie ein Schwein und schrie eine gefühlte Ewigkeit, bis er dann verstarb.

Schlimm war die Hilflosigkeit, sie konnten nicht helfen.

Ihre stümperhaften Versuche verschlimmerten die Situation sogar noch!

Handys, die waren damals durchaus noch üblich, funktionierten nicht. Die Kommunikation in der Region war schlagartig zusammengebrochen.

Als dann nach kurzer Zeit ein warmer, schwarzer Regen fiel, war die Panik ausgebrochen.

Nach drei Tagen kreiste dann ein Hubschrauber plötzlich wie aus dem Nichts über dem Rest der Truppe und sammelte die Überlebenden und Verirrten ein.

Clay wurde nie wiedergefunden, er war in Panik weggerannt. Verona fristete seither in einer Klapse ihr Leben, sie hatte schlicht und einfach den Verstand verloren.

Die wahren Auswirkungen dieser Katastrophe hatte er nach und nach erst Zuhause erfahren.

Entlang des Rheingrabens, von Basel bis weit hinter Frankfurt am Main, gab es eine Fülle von kleineren oder größeren Beben, meist rechtsrheinisch, auf der deutschen Seite.

Besonders schlimm betroffen war die Region an der Bergstraße und dem angrenzenden Ried. Der Lampertheimer Altrhein war zwischen Lorsch und Einhausen durchgebrochen, verlief nun zwischen den Autobahnen A67 und A5 bis Höhe Asbach-Hähnlein, um dann zwischen Hahn und Riedstadt auf die Kühkopf-Krümmung zu stoßen. Die Kühkopfinsel gab es nicht mehr.

Bei Bensheim waren zwei Hochhäuser in der Nähe der Autobahn einfach umgekippt.

Teile der A67 ragten heute noch als Insel aus dem Rhein, die Städtchen Heppenheim und Bensheim lagen, nun nur noch geschützt durch die A5 (die somit so etwas wie eine Deichfunktion hatte) jetzt direkt am Rhein.

Auch in Darmstadt hatte es noch etliche Schäden gegeben. Der „lange Luii“, wie die Bevölkerung das Denkmal am Louisenplatz nannte, hatte seinen Standort verlassen.

Er war in eine der überfüllten Straßenbahnen gekracht, über den Rest dachte man besser nicht mehr nach.

Diese Beispiele und Ereignisse gab es massenweise.

In Landau, in der nahen Pfalz, beispielsweise hatte zu der Zeit noch ein Geothermiekraftwerk existiert. Nahezu seit Anfang des Jahrhunderts gab es Rechtstreite mit den Bürgern und der Kommune wegen Erdhebungen und Erdsenkungen.

Seit Hegau war das nun ausgestanden, in der Region hatte sich schlagartig eine größere Senkung ergeben, das Kraftwerk und Teile der Stadt waren darin wie in einer Müllkippe verschwunden.

Weiter nördlich, bei und in Marburg, ähnliches. Von Niederweimar bis Marburg hatte sich eine irre große Erdspalte aufgetan! Aus der Luft sah sie wie ein Blitz aus, die Spitze im Süden. Die breite Basis reichte bis zum Fuße des Marburger Schlosses! Und darin, in dieser Erdspalte, waren Teile des Schlosses samt ein paar Häuschen aus der Altstadt ebenfalls verschwunden.

Von den unzähligen Erdfällen mit ihren teilweise verheerenden Folgen im gesamten, betroffenen Gebiet ganz zu schweigen.

Allein in dieser Region hatte es Hunderte von Toten und Vermissten gegeben.

Die Auswirkungen des Bebens auf den Rhein und auf die Trinkwasserversorgung des Rhein-Main-Gebietes waren noch immer nicht überwunden.

Viele Gemeinden und Bürger hatten gegen die Initiatoren der Bohrung prozessiert. BFH und F.UM taten sich zusammen, tatkräftig von ihrem gemeinsamen Hauptaktionär, der A.A.S. Ltd. unterstützt.

Während die Gutachter der Kommunen und Bürger einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Hegau Ereignissen und den Folgen bis Kassel sahen, waren die Heerscharen der Kraftwerksgutachter völlig anderer Meinung.

Singuläre, bedauerliche Einzelfälle, mit zufälligem, zeitlichem Zusammentreffen.

Absolut rein zufällig!

Die Behörden und Ämter überschlugen sich in ihren Beteuerungen, das sämtliche Rechtsvorschriften und Planvorhaben in engster Abstimmung mit den allerbesten Gutachtern und Fachleuten erfolgten, man war sich von dieser Seite keiner, aber auch nicht der geringsten Schuld bewusst.

Den Bürgern wurden die Phänomene letztendlich als anormale tektonische Spannungswanderung erklärt….

Entschädigt wurde niemand. Zumindest kein „normaler Bürger…“ In die wissenschaftlichen Lehrbücher war das Ganze dann als Rheingrabensyndrom eingegangen.

Und wirtschaftlich betrachtet war der gute, alte Michel ordentlich ins Schwanken geraten….

Joe fröstelte. Eiskalte Schauer jagten über seinen Rücken. Sein Puls raste, im Hals saß ein dicker Kloß.

Mühsam, nur mühsam gewann er gegen die aufsteigende Panik die Oberhand.

HEGAU. HELGOLAND. Was war nur alles in den letzten paar Jahrzehnten geschehen.

Mit den Menschen, diesem, dem einzigen Planeten der Menschheit.

Er nahm einen tiefen Schluck, bedauerlicherweise war damit der Cognac nahezu erschöpft.

Irgendwie musste er mal diese Bilder aus dem Kopf bekommen – oder zumindest damit besser klarkommen.

3 DIE REDAKTION

3.1 Am Fenster

Joe erwachte, langsam kämpfte er sich aus den Tiefen eines verworrenen Traumes an das Licht. Er hatte die Beleuchtung auf Bewegungserkennung eingestellt, schließlich hatte er eine Auszeit.

Die Schutzblende am Fenster (aus dem besten, was deutscher Stahl zu bieten hatte) war noch zu, sie wurde nachts automatisch geschlossen. Energieersparnis, Schutz vor Vandalismus, vor Wetterkapriolen, das war schon eine sinnvolle Konstruktion.

Vielleicht sollte er den Modus doch mal wieder auf automatisches Öffnen umstellen…

Sein Wandbildschirm war zeitgleich mit ihm erwacht, die Kommunikation lief bereits auf Hochtouren.

Allgemeine Nachrichten (einige davon mit hoher Dringlichkeit), die Wettervorherschau.

Irgendwo mal wieder ein Drogen Exzess.

Irgendetwas lief mit Adoptionen in Absurdistan schief (oder wie auch immer der beknackte Staat real genannt wurde).

Die Energiebilanz seines Appartements und seine Ressourcen an Trink- und Brauchwasser sowie an Lebensmittel erschienen als farbige, balkenartige Rahmen an den Bildschirmrändern.

Eine Kontaktaufforderung der Zentralen Krankenversicherung. Im übernächsten Jahr würde er seinen Fünfzigsten Geburtstag feiern. Die Idioten von der Krankenversicherung wollten jetzt schon Planungsdaten über seinen geplanten Rest–Lebensweg!

Dazu Mails, von denen eine rot unterlegt war, diese rote hier war von Dr. Munk, von German News.

Er brauchte sich eigentlich nur noch auszusuchen, wo er anfangen wollte.

Joe warf die dünne Foliendecke von sich, zusammenlegen oder entsorgen (statt Waschen) war später angesagt.

Wenn Dr. Munk rote Mails schickte, hatte das etwas zu bedeuten! Er war zwar freier Journalist, aber mit irgendetwas musste man ja die NEK`s verdienen.

Und die German News zahlte nicht schlecht!

Wirklich nicht!

Joe entschied sich für die Wasser sparende E-Dusche. Er spürte auch heute wieder das leichte Kribbeln, als ihn die Mikrostrahlen sanft abtasteten und Schweiß und Schmutzrückstände auf seinem Körper eliminierten.

Ein Blick auf die Uhr signalisierte ihm, auf die elektronische Massage besser zu verzichten.

Anschließend wählte er noch ein maskulines Parfum aus und entschied sich für eine Rasur während der ersten Kaffeetasse des Tages.

Er ließ die Schutzblende vor dem Fenster zurückfahren, ihm präsentierte sich ein strahlender Augustmorgen.

Exakt übereinstimmend mit den Wettervorhersagen.

Mit halbvollem Mund rief er mit seinem PAS das Carsharing Menü auf und freute sich, stand doch zufällig ein fast neuer Twizzer voll aufgeladen in der Tiefgarage.

Klasse!

Diese Dinger konnten bei dem heute angesagten Wetter, es herrschte üppiger Augustsonnenschein, richtig Freude bereiten. Die aktuelle Generation verfügte mittlerweile über ein Dünnglasdach, welches sich bei zu starker Sonneneinstrahlung elektrisch verdunkeln ließ. Drei Sitzplätze waren ausreichend für den Stadtverkehr. Vorne saßen zwei Personen bequem nebeneinander, hinten war ein dritter Platz, für den Nahbereich völlig ausreichend.

Da man, der automatischen Kommunikation der Verkehrsteilnehmer untereinander sei Dank, auch nicht mehr die ausgeprägten Knautschzonen der Jahrhundertwende benötigte, waren die Dinger auch recht kompakt gebaut.

Von den vier Rädern der ersten Generation war man zur Ressourcenersparnis auf drei Räder umgeschwenkt. Die Dinger liefen rein elektrisch, für den urbanen Transport von maximal drei Personen und den Aktionsradius war Wasserstofftechnik allerdings zu aufwändig.

Und mit den Batterien im Fahrzeugboden hatten die Twizzer auch eine hervorragende Straßenlage.

Die lästige Kabelstöpselei zum Aufladen war schon lange vorbei, Aufladen ging heute induktiv oder mit einer automatischen Wechseltechnik von statten.

Nach dem in den Entwicklungsabteilungen der Hersteller rational denkende Ingenieure das Sagen gewonnen hatten, waren auch die kapazitiven Batterieprobleme in den Hintergrund getreten.

Man hatte schlicht die möglichen Fahrleistungen und Beschleunigung sowie die Höchstgeschwindigkeit an die Realitäten des Alltages angepasst. Die imageträchtigen, über Jahrzehnte gepflegten Marketingwünsche hatten sich als entwicklungshemmend erwiesen!

Im urbanen Bereich benötigte heute keiner mehr extreme Werte bei Leistung, Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit.

Die beiden vorderen Radnabenmotoren sowie der baugleiche Motor im einzelnen Hinterrad ergaben ein hohes Standardisierungspotential in Verbindung mit einer intelligenten Leistungsabstufung:

Alleine schon durch das Kombinieren der Antriebsmodi vorne oder hinten oder Allrad hatte man drei Leistungsstufen zur Verfügung.

Mit denen konnte man Parametern wie Beschleunigung, Kolonnenfahrt oder auch Bergfahrt hinreichend abdecken.

Das sparte schon ordentlich Gewicht bei den Steuerungskomponenten und auch Batteriekapazität.

Und da Elektronik und Batterien ständig leistungsfähiger wurden (nach wie vor), wurden auch diese gewichtsträchtigen Baugruppen zunehmend leichter. Ein richtig positiver Kreislauf!

Nach der rezessiven Talfahrt 2023 war auch, Gott sei Dank, in Deutschland die kränkelnde Reste der Automobilindustrie auf den richtigen Zug aufgesprungen!

Gerade noch rechtzeitig!

Joe schüttelte sich die Gedanken aus dem Kopf, Technik war und blieb seine Leidenschaft, daran würde sich nichts mehr ändern. Sein alter Herr hatte ihm damals ein solches Studium nahegelegt! Schon aus Protest hatte er selbst das abgelehnt.

Aber das im Studium Versäumte hatte er in der Praxis mittlerweile um ein Vielfaches überboten.

Der Twizzer war schnell reserviert.

Er wählte ein sommerliches, helles und leichtes Jackett aus dem Schrank, noch anziehbar. Demnächst musste er sich mal wieder was Neues drucken, das war schone eine tolle Erfindung! Und die gedruckten Klamotten saßen, da konnte jeder alte Maßschneider neidisch werden!

Er warf einen letzten Blick in die Runde, um sein Appartement zu verlass – Aaaah – Autsch!

Verdammt noch mal!

Wieder einmal war diese scheiß blöde Bodenschiene (haha, zur besseren Türabdichtung, wegen Energieersparnis!) nicht richtig eingefahren! Er hatte sich den rechten, großen Zeh heftig gestoßen.

Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. Das blöde Teil hatte er doch schon mehrfach reklamiert.

Verflucht- da hängt ja auch noch die Sohle vom neuen Schuh ab! Mühsam humpelte er zurück, inspizierte den mittlerweile dick angeschwollenen, tiefroten Zeh, zog andere Schuhe an.

Die beschädigten Schuhe steckte er in den Müllschlucker, schlagartig erwachte sein Bildschirm zum Leben.

Eine sanft säuselnde Stimme bestätigte den Empfang und eine Recyclinggutschrift von 7,90 NEK. „Blöde Kuh, fluchte er mit der Computerstimme: die scheiß Dinger habe ich erst zweimal getragen und Hundertzwanzig NEK dafür bezahlt!“

Er verließ sein Appartement und steuerte heftig grummelnd in Richtung Tiefgarage.

3.2 Stadtfahrt

Joe trat durch die Sicherheitsschleuse in die Tiefgarage und begab sich zu seinem reservierten Twizzer.

In leuchtendem Gelb stand das Gefährt im Dämmerlicht der Parkbucht.

Das halbrunde Dunkel der kuppelartigen Frontscheibe mit den schräg gestellten Scheinwerfern und der asymmetrischen Radabdeckung verlieh dem Gefährt, von vorne betrachtet, etwas Insektenartig-Böses.

Von der Seite gesehen glichen die Dinger mehr einem Ei, dessen Spitze nach hinten und oben anstieg.

Komisch aber- immer, wenn er die Falttüren nach oben schwenkte, stiegen nette Bilder in ihm auf:

Schlanke, weiße Frauenbeine mit jugendglatter Haut. Auf weißem Bettlaken… Irgendwie kreiste in seinem Kopf der Wunsch, in Kürze mal wieder ein paar nette Stündchen mit Lenie zu verbringen.

Da könnte man., ne, nein, nix! Weg mit den Gedanken.

Ab, zur Arbeit! Blöde Eigenmotivation!

Ein– und Ausparken waren mittlerweile meistens wieder individuelle Aufgaben des Nutzers. Die anfänglich hoch gelobten automatischen Parksysteme hatten sich bei Verschmutzungen als zu störanfällig erwiesen. Er grinste innerlich. Warum konnte man dem verdammten Straßendreck auch nicht per mail sagen, dass er draußen bleiben solle? An diesem „Kommunikativen Problem“ sollten die Jungs von der Elektronikfraktion mal arbeiten!

Der Check-In war schnell erledigt. Mit Schwung steuerte er zur Ausfahrt und hielt vor dem massiven, verschlossenen Tor. Die Bildschirme rechts und links wurden aktiv, zeigten ihm die Situation vor dem Tor. Er hatte 180° Rundumsicht, weiter rechts lungerten ein paar Menschen.

Männlein und Weiblein.

Joe ließ die Alarmsirene ertönen (mit dem PAS ratzefatz ausgelöst), um einen nahen Polizeieinsatz anzukünden.

Die Jugendlichen verschwanden blitzartig aus dem Sichtfeld, er öffnete das Tor per Sprachbefehl und fuhr hinaus. Den soeben ausgelösten Alarm meldete er nebenbei unter dem Begriff “Sicherungsmaßnahme“ problemlos bei der Polizei ab. Da diese sowieso mit den Alarmanlagen verknüpft waren und seine Daten bzw. die Situation vor dem Tor über den Aufzeichnungsmodus der letzten Stunde prüfen konnten, war der Vorfall für ihn damit erledigt.

Ein lautes „Piep“ und eine grüne Kontrollleuchte zeigten ihm an, dass sich der Twizzer in die Radarfrequenzen der anderen Verkehrsteilnehmer eingeloggt hatte.

Alle Verkehrsteilnehmer kommunizierten heute automatisch miteinander, die Zahl der Unfälle war dadurch binnen weniger Übergangsjahre praktisch auf „Null“ gesunken.

Beim Aussteigen würde sein PAS das Abmelden dieser Funktion automatisch übernehmen.

Im Rückspiegel sah er aus dem Hintergrund ein taumelnd knutschendes Paar auf die Gebäudewand zu torkeln. Ob es ein gemischtes Paar oder zwei von einer Sorte waren, konnte er nicht erkennen.

Kein Zweifel, die beiden hatten gesoffen oder gekifft oder auch beides. Sie taumelnden weiter in Richtung Hauswand - das geht nicht mehr lange gut!

In diesem Augenblick berührte einer der Beiden die Hauswand.

Rrrums!!

Beide lagen benommen am Boden!

Die Sicherungselektronik hatte im Moment der Berührung schlagartig die Schutzspannung hochgefahren, die beiden hatten einen ordentlichen Stromschlag erhalten.

Beim nächsten Kontakt würde die „Portion Strom“ deutlich höher ausfallen!

Es hatte sogar schon Fälle von heftig verschmorten Fingerkuppen gegeben!

Angeblich war aber eine Sicherung eingebaut, die vor dem Hochfahren der Spannung den Widerstand über die Körpermasse ermittelte, so dass die wenigen, vielleicht spielenden Kinde unbehelligt blieben.

Angeblich. Hoffentlich!

In diesem Moment fingen die beiden am Boden liegenden an, sich wieder zu berappeln und laut fluchend zu erheben.

Von der Hauswand weg.

Na also! Geht doch!

Noch vor wenigen Jahren benötigte man solche Sicherheitsmaßnahmen nicht. Da jedoch die sozialen Probleme immer mehr zunahmen, häuften sich auch die Übergriffe.

Wo keine Überwachung oder Polizeipräsenz war, waren mittlerweile Raub, Körperverletzung und Schlimmeres an der Tagesordnung.

Frauen waren da besonders betroffen, teilweise mit verheerenden Folgen!

Was hatte es da nicht alles an Entwicklungen gegeben!

Bis hin zur elektronisch verschlossenen Kleidung zum Schutz vor Übergriffen, speziell für Frauen!

Bei einem Messer am Hals hatten diese Dinger letztendlich auch nicht gewirkt…

Mittlerweile hatten diese Übergriffe sogar die urbane Verkehrsstruktur maßgeblich verändert.

Er selbst war ja in jungen Jahren auch gerne und viel mit dem Rad unterwegs gewesen.

Zuletzt, vor etwa drei Jahren, mit einem E-Bike! Mit federleichter Vollverkleidung aus Carbon! Teuer, aber irre schnell! Nur leider nicht sicher genug. Mit Grausen erinnerte er sich an den letzten Überfall im Stau. Der erste Schlag des Mob´ s hatte die Verkleidung knapp hinter seinem Kopf in tausend Teile zerfetzt. Dann lag er auch schon auf der Seite. Das nächste, an das er sich erinnerte, war ein dämliches Bullengrinsen.

So ‘was Schönes hatte er zuvor nie gesehen!

Eine Helikopterstreife war zur Staubehebung unterwegs gewesen und hatte ihn buchstäblich in letzter Sekunde gerettet.

Brrrr – ihm lief auch heute noch ein eisiger Schauer bei den Gedanken über den Rücken.

Er schüttelte sich.

Joe hatte mittlerweile die Einfädelspur zur Stadtautobahn erreicht, er konzentrierte sich auf den Verkehr.

Konnte nicht schaden, vor der Blödheit der Computer war man auch heute noch nicht gefeit.

Von wegen zu hundert Prozent sicher!

Kaum auf der Autobahn, meldete sich die freundliche Dame von der Navigation. Sie bot ihm an, die restliche Strecke bis zur Zielausfahrt im Modus „automatische Kolonnenfahrt “ zu verbringen:

„… ihre automatische Fahrzeit beträgt dann 14 Minuten.

Sie sparen dadurch 9,5% Energie.

Sie sind nicht berechtigt, während dieser Zeit der automatischen Fahrt andere Tätigkeiten zu verrichten.

Ihre Verantwortung als Fahrer bleibt bestehen.

Bestätigen sie jetzt ausdrücklich über die Taste „OK“… Und wenige Sekunden später:

„Das Fahrzeug wurde in den Modus „Automatische Kolonnenfahrt“ übernommen“.

Joe schmunzelte innerlich, auch eine der vielen kleinen Maßnahmen zur Energieersparnis. Sportliches Fahren wurde mit exorbitanten Kosten pro Km „bestraft“. Wer hingegen den Vorschlägen der Verkehrsleitung folgte, konnte relativ preiswert von „A“ nach „B“ gelangen.

Innerlich grinsend dachte er an den einzig legalen Ausweg: das Fahren in den frühen, kühlen Morgenstunden.

Dann stellten die Akku` s oft kostenfrei eine Extraportion „Saft“ bereit, eine Unart aus der Frühzeit der Elektromotorisierung, die der Technik bis heute nicht auszutreiben war.

Er lehnte sich im Sitz bequem zurück, klappte das Lenkrad zur Seite und registrierte die vorüberziehenden Bilder mit Widerwillen. Hier in der Stadt wurde man permanent mit irgendwelchen Nachrichten und Sportsendungen zu gedudelt, kein Mensch schenkte dem mehr Aufmerksamkeit.

Ja- in seiner Jugendzeit! Da gab es noch echte, sportliche Ereignisse. Fußballspieler, Rennfahrer, Schauspieler (und auch die zughörige Weiberei) verdienten Millionen.

Aber nach dieser beschissenen Krise hatte keiner oder kaum einer Geld übrig. Und wo keine Kohle für Powerbrause oder so was ist, da ist auch keine Kohle für Werbung und Sponsoring übrig.

Und so waren der gesamte Großsport und das übrige Tam Tam innerhalb weniger Monate zusammengebrochen. Was die Idioten von den Regierungen heute unters Volk streuen ließen, konnte man ruhigen Gewissens als drittklassige Volksverdummung bezeichnen!

Piep! Ein lautes, Tote erweckendes Piepen, begleitet von einem heftigen Vibrieren des Fahrersitzes riss Joe aus seinen philosophischen Betrachtungen.

Das zentrale Anzeigeelement blinkte heftig in dunklem Rot, im krassen Gegensatz dazu wieder die sanft säuselnde Stimme der Computermaus: „Fehler 317 im automatischen Lenksystem – Steuerung übernehmen – Fehler 317 im automatischen Lenksystem – dringend die Steuerung übernehmen – alle Systeme werden geprüft – bitte warten, bitte warten …“ Mit einem Ruck klappte er das Lenkrad in die Arbeitsstellung, quittiert von einem erneuten heftigen Piepser. Es folgte nervtötende Werbung. In Joe schlich der Verdacht hoch, dass die zunehmenden Fehlermeldungen bewusst platziert wurden, um Werbung einspielen zu können. Die konnte man in der Zeit der Systemprüfung eben nicht abschalten!

Und diese Prüfungen dauerten dann meist ziemlich genau fünf Minuten.