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Dieser spekulative Zukunftsroman mit satirischen Elementen erzählt eine Geschichte, wie sie Amina, eine österreichische Lehrerin, die ein Sabbatjahr in den USA verbringt, im Jahr 2043 wirklich erleben könnte. Die Europäische Union stellte in den letzten 20 Jahren die soziale Entwicklung ihrer Gesellschaften in den Vordergrund. Die USA haben sich zu einer Plutokratie entwickelt, in der die großen Konzerne regieren und das Geld im Mittelpunkt steht. Auf dem Hintergrund dieser Gegebenheiten erlebt die Heldin, die, im Grunde aus Liebeskummer, einen Tapetenwechsel sucht, einige spannende Abenteuer: Aus Glendale, einem zurückgebliebenen Kaff im Südosten der USA, wird sie ausgestoßen. Das Schicksal bringt sie mit Doc zusammen, in den sie sich auf der Reise nach Westen verliebt, den sie dann aber verlässt, um in Santa Margarita als Hauslehrerin für Evy und Lisa, die Enkelinnen einer reichen Pharmazeutikunternehmerin, zu arbeiten. Yvonne, ihre Chefin, erkennt bald, dass sie in Amina ein Asset vor sich hat, das man nicht aufgeben darf. Nun muss Amina flüchten, wenn sie je ihre Heimat wiedersehen will. Der Roman spekuliert auf humorvolle und spannende Weise über die Auswirkungen historischer Ereignisse der nahen Vergangenheit auf die Zukunft. Die Geschichte will unterhalten, informieren, zum Nachdenken anregen. Das Buch erhebt den Anspruch, die soziale Entwicklung unserer Gesellschaften positiv zu beeinflussen und will die Leser ermuntern, ihren Beitrag zu einem Leben in Gemeinschaft zu leisten. Trotz des Versuches, ein realistisches Bild einer nicht so fernen Zeit zu zeichnen, wäre jede Übereinstimmung mit der Zukunft natürlich purer Zufall. Im Sinne der im Jahr 2043 im deutschsprachigen Raum schon höher entwickelten Geschlechtergerechtigkeit wird im Roman immer abwechselnd die weibliche Form (z.B. Lehrerin) und die männliche Form (z.B. Politiker) verwendet. Gemeint sind bei beiden Formen (besonders auch im Plural) immer alle Geschlechter. Auch wird sich das Du gegenüber dem Sie immer mehr durchsetzen. Zahlen schreibt man nicht mehr aus. Die Groß- und Kleinschreibung, sowie das scharfe ß gibt es im Roman 2043 noch immer. Anglizismen treten trotz des schwindenden Einflusses der USA vermehrt auf.
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Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Zur Autorin:
Ulrike Novy wurde 1963 in Salzburg geboren, studierte dort Geschichte, Latein, Deutsch, Spanisch und Italienisch für das Lehramt und arbeitete von 1982 bis 1994 als AHS Lehrerin in Salzburg und Wien. Mit ihrem Mann, einem mexikanischen Diplomaten, und ihren vier Kindern lebte sie in Mexiko City, New York, Wien, Genf, Washington D.C., Nairobi und Oslo. Zurzeit lebt sie in Mexiko City und arbeitet als Deutschlehrerin an der Schweizer Schule.
Im Sinne der im Jahr 2043 im deutschsprachigen Raum schon höher entwickelten Geschlechtergerechtigkeit wird im Roman immer abwechselnd die weibliche Form (z.B. Lehrerin) und die männliche Form (z.B. Politiker) verwendet. Gemeint sind bei beiden Formen (besonders auch im Plural) immer alle Geschlechter. Auch wird sich das „Du“ gegenüber dem „Sie“ immer mehr durchsetzen. Zahlen schreibt man nicht mehr aus. Die Groß- und Kleinschreibung, sowie das scharfe ß gibt es im Roman 2043 noch immer. Anglizismen sind trotz des schwindenden Einflusses der USA auf Politik und Kultur häufig.
Kapitel 1 Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat (Voltaire)
Kapitel 2 Das wichtigste Produkt der Marktwirtschaft ist der Konsument (Werner Mitsch)
Kapitel 3 Die Familie ist die Heimat des Herzens (Giuseppe Mazzini)
Kapitel 4 Die Schule als Motor für soziale Integration und gesellschaftlichen Fortschritt (Titel von Aminas Diplomarbeit)
Kapitel 5 Du sollst nicht töten (5. Gebot)
Kapitel 6 Die Mutprobe (Eine Handlung, bei der eine bekannte Grenze bewusst überschritten wird)
Kapitel 7 Where do I go from here? (Pocahontas 2, von Disney)
Kapitel 8 Ein Traum, den du alleine träumst, ist nur ein Traum. Ein Traum, den wir gemeinsam träumen, ist Wirklichkeit. (John Lennon)
Kapitel 9 Gebt, und es wird euch gegeben werden (Lukas:38)
Kapitel 10 Auch eine Fülle von Büchern ersetzt den Lehrer nicht (aus China)
Kapitel 11 Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein (Joan Collins)
Kapitel 12 Gesetze kann man dehnen aber Gerechtigkeit bricht (Stefan Radulian)
Kapitel 13 Die Wahrheit ist eine Braut ohne Mitgift (Francis Bacon)
Kapitel 14 Es heißt nicht mehr Politiker, sondern Lobbyist mit Korruptionshintergrund (aus dem Internet)
Kapitel 15 Mehr Verwicklung als Entwicklung (Manfred Hinrich)
Kapitel 16 Freiheit kann man einem anderen nur lassen, nicht geben (Friedrich Schiller)
Kapitel 17 Etwas zu beginnen erfordert Mut, etwas zu beenden noch mehr (Anke Maggauer-Kirsche)
Kapitel 18 Grenzen? Ich habe nie welche gesehen, aber ich habe gehört, sie existieren in den Köpfen der Menschen (Thor Heyerdahl)
Amina wartete frierend auf den Beginn der Zeremonie. Das Lincoln Memorial im Rücken, links und rechts neben ihr Sally und Angela, stand sie vor dem World War II Memorial auf der National Mall in Washington. Die 56 weißen Steinsäulen mit den goldenen Schriftzügen darauf und die Triumphbögen, aus denen das bombastische Monument gebaut war, waren erst jüngst gereinigt und renoviert worden, um sie zum 100. Jahrestag des Angriffs auf Pearl Harbour in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Das Wasser in dem kleinen Pool vor den Säulen war zur Feier des Tages rot gefärbt. Damit sollte das Blut symbolisiert werden, das amerikanische Helden in diesem guten Krieg vergossen hatten.
Sally und Angela traten ungeduldig von einem Bein auf das andere, um sich aufzuwärmen und schnatterten neben ihr über sie hinweg aufeinander zu. Sie beachteten Amina nicht mehr, die offensichtlich schlechte Laune hatte. Amina zog ihren Schal vors Gesicht, sodass nur noch ihre Augen zu sehen waren. Hier stand sie nun und wartete vor diesem Kriegsdenkmal auf die Parade. Denkmal war nicht das richtige Wort für diesen protzigen Prunkbau. Präsident George W. Bush hatte dieses Monument 2004, 60 Jahre nach dem 2. Weltkrieg eingeweiht. Damals hatten sich mehrere Zeitungen über dieses Monument geäußert: es wäre eitel, bombastisch, voll banaler Symbolik, in einem von Hitler, Mussolini und den Sowjets favorisiertem Stil erbaut, ein Mischmasch von Klischees mit der emotionalen Wirkung von Granitplatten. Amina fühlte sich erschlagen. Sie wäre gerne weggegangen, um sich irgendwo in dem großen Park unter einen Baum zu setzen.
„Dieses Monument passt zu Amerika“, dachte sie bitter. Sie war nun schon seit September in den USA und hatte bald bemerkt, dass dieses Land einen anderen Weg eingeschlagen hatte, als der Rest der Welt. Krieg und Waffen waren hier Begriffe, die positiv besetzt waren und gut zu Begriffen wie Sieg und Heldentum passten. Sally und Angela waren deshalb in Partystimmung, denn hier wurde ein Sieg gefeiert.
Die drei waren früh aus Glendale angereist, um einen guten Platz zu bekommen, von dem aus sie die Parade sehen konnten. Nun standen sie tatsächlich in den vorderen Reihen. Hinter ihnen hatte sich der Platz schon gefüllt und die Menschen drängten sich immer dichter aneinander.
Die Mall war links und rechts des großen Pools bis zum Monument hin mit Fahnen geschmückt. Neben den Stars und Stripes waren es die Flaggen der vielen großen Konzerne, die im kalten Wind flatterten. Die Flagge von Mallmart kannte Amina schon, ebenso wie diejenigen mehrerer Internetfirmen und die Fahne von Mc Pill, dem Pharmazeutikriesen, mit dessen Logo Amina während ihres 2-wöchigen Quarantäneaufenthalts bei ihrer Einreise schon bekannt geworden war.
Als Europäerin hätte eigentlich eine Woche Quarantäne genügt, aber nachdem sie den Antrag für das Visum gestellt hatte, bekam sie einen Anruf der US-Botschaft: In ihrem Reisepass sei als Geburtsort Kabul, Afghanistan, eingetragen, ob sie dort als Kind eines Diplomaten geboren sei. Nur in diesem Fall könne auf das extreme vetting bei der Einreise verzichtet werden. Andernfalls müsse sie nicht eine, sondern zwei Wochen Quarantäne einplanen. Amina hatte erklärt, sie sei in Afghanistan geboren und mit ihren Eltern ein Jahr nach ihrer Geburt nach Österreich geflüchtet. Auf diese, ihre Informationen hin, hatte sie einen Termin in der Botschaft bekommen, um die Umstände ihrer Reise in die USA näher zu erläutern. Da sie aufgrund ihres Geburtsortes als Muslimgirl eingestuft worden war, hatte sie sich, obwohl sie in einem Interview im Konsulat ihre ablehnende Haltung zum Waffenbesitz klargemacht hatte, 14 Tage in Quarantine City aufhalten müssen.
Quarantine City war eine Mischung aus Hotel und Shopping Mall. Nach dem Franchisesystem gab es eine derartige Einrichtung in der Nähe jedes internationalen US-Flughafens und an jedem größeren US-Grenzübergang. Der Aufenthalt kostete 30 Dollar pro Nacht, Mahlzeiten nicht inbegriffen, regionales WLAN gratis. In der Einrichtung wurden bestimmte Einreisewillige eine Zeit lang zur Beobachtung und Akklimatisation interniert. 2 Wochen Quarantäne gab es für Nichtchristen, - 1 Woche für Christen, die sich länger als 6 Monate in den USA aufhalten wollten, und 2 Tage für alle übrigen. Wer Christ war und wer nicht, bestimmten die US Konsularabteilungen bei der Bearbeitung der Visaanträge.
Als Lehrerin wollte Amina nach vier Jahren Beruf ein Fortbildungs- und Entwicklungsjahr einlegen und etwas erleben. Aus beruflichen Gründen hatte sie zwar noch keine Pause nötig, aber Sascha hatte vor kurzem mit ihr Schluss gemacht. Er war ihr Mann seit ihrer Schulzeit. Sie hatten sich in der Schulküche kennengelernt.
Sascha und sie selbst waren ein Jahr vor ihrem Gymnasialabschluss, als das Unterrichtsfach Kochen in den Mittelschulen Pflicht geworden war. Sie waren nicht auf dasselbe Gymnasium gegangen, trafen aber in der Schulküche als Küchencoaches zusammen. Ihre Aufgabe war es, die Küchenchefin bei der Führung ihrer Kochgruppe zu unterstützen. Schließlich musste nach dem Vormittag ein Mittagessen für die gesamte Schulgemeinschaft auf dem Tisch stehen. Die Kinder schienen sich von Anfang an des Ernstes der Lage bewusst zu sein. Nie hatte es ein Problem gegeben. Sascha und Amina hatten mit den Kindern Gemüse um die Wette geschnitten, den großen Dosenöffner betreut und die Tomatensoße, die die Kinder in die große Kochwanne gießen mussten, vom Rand in die Mitte gerührt. Eigentlich wären soziale Arbeiten für die beiden Oberstufenschüler vorgesehen gewesen. Falls Kinder sich nicht kooperativ verhielten, hätten die beiden diese unter ihre Fittiche nehmen sollen. Sie waren ausgewählt worden, weil sie sich schon als Sportgruppenleiterinnen bewährt hatten und im sozialen Bereich sehr talentiert waren. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Für beide, wie sie sich später eingestanden. Amina fand es „sooo cool“ wie er sich die Einweghandschuhe anzog und er liebte ihre dunklen Augen, die ihn über dem Mundschutz von Anfang an verliebt anschauten. Die Kochkinder hatten das Verhältnis der beiden erst gegen Ende des Schuljahres bemerkt und stellten dann die üblichen vorwitzigen Teenagerfragen.
Nach der Schule hatte Amina Sozialwissenschaften für das Lehrfach studiert und Sascha war nach Graz gezogen, um dort sustainable Energy zu studieren. Dieser Kurs fand auf Englisch statt und deshalb hatte er in Graz eine große Gruppe von Freunden aus vielen verschiedenen Ländern. Amina war oft am Wochenende nach Graz gekommen, um dort an Partys teilzunehmen. Die Afrikanischen und die Latinostudenten hatten sich dabei immer ums Musikmachen gestritten. Sascha und Amina hatten zu beiden Rhythmen gleich gerne getanzt. Sie waren sich treu geblieben und hatten sich auch schnell von dem Schreck erholt, als Amina mit 23 schwanger geworden war.
Ihre Fertilhoy Zahnpasta war am Abend, bevor sie miteinander geschlafen hatten, nur sehr leicht rosa gefärbt gewesen, sodass sie Saschas Frage, ob er ein Kondom verwenden sollte, mit Nein beantwortet hatte. Das war ein Fehler gewesen. Sie hätte auf ein eindeutiges Weiß der Zahnpasta warten müssen. Kurz nach der Bestätigung der Schwangerschaft durch ihre Gynäkologin hatten sich beide aber schon auf ihr Baby gefreut, bis Amina in der 11. Schwangerschaftswoche in einem riesigen Blutfleck erwacht war. Sie war aufs Klo gegangen, hatte sich gereinigt und war mit Sascha ins Spital gefahren. Der Ultraschall hatte dann ihre Befürchtungen bestätigt. Der Uterus war leer. „Das liebe, heilige Leben ist zusammen mit den Exkrementen den Abfluss hinuntergegangen“ hatte Amina damals gedacht.
Die Ärztin hatte sie beide umarmt und wollte sie trösten, aber Amina hatte abgewinkt. „Ist schon gut, es wird dann sicher ein anderes Mal klappen“, hatte sie gemeint und war nach der Curettage mit Sascha in ein Restaurant gegangen, wo sie gemeinsam über das Kind und sein Ableben gesprochen hatten. Amina machte sich keine Sorgen, dass es mit einer Schwangerschaft zu einem späteren Zeitpunkt klappen würde, obwohl sie durch die Fehlgeburt ein wenig verunsichert war, da sie immer gesund gelebt und nicht einmal Hormone zur Empfängnisverhütung eingesetzt hatte. Danach hatten sie aber aufgepasst nicht schwanger zu werden. Das war nun fast drei Jahre her.
Sally und Angela waren nur wenig jünger als Amina, hatten aber die wahre Liebe noch nicht kennengelernt, wie sie selbst sagten, obwohl Sally einen Freund hatte. Er war Mexikaner und wurde von Sally liebevoll white Taco gerufen, weil er von weißen Amerikanern kaum zu unterscheiden war, wie sie immer betonte. Trotzdem war sie sich nicht sicher, ob white Taco der Mann fürs Leben sein würde. Er war lustig und nahm das Leben und die Liebe nicht sehr ernst, wie es Sally schien. Außerdem war er katholisch, bzw. ökumenisch und ihre Eltern waren auch aus diesem Grund von der Freundschaft ihrer Tochter zu diesem Häretiker nicht sehr begeistert. Beide Mädchen schwärmten für Herzog. Herzog war der Sohn einer reichen Pharmazeutikunternehmerin und würde nun bald aus Anlass dieser Feier seinen Auftritt mit den übrigen Lobbyisten der Regierung haben.
„Bitte zurücktreten“, vernahm sie eine Stimme hinter sich und noch bevor sie sich richtig umdrehen konnte, wurden sie und Angela von einem korpulenten alten Mann an der Schulter gepackt und zurückgedrängt. Er zwängte sich zwischen den beiden durch und stellte sich vor sie. “Was fällt ihnen ein“ redete Amina ihn empört an. „Das ist unser Platz, wir warten schon lange hier“. Sie funkelte den Alten böse an. „Rudeness trumps“, gab er zurück und schaute den beiden unverschämt grinsend ins Gesicht. Angela reagierte auf diesen unverschämten Blick mit einem schüchternen Lächeln. Amina ärgerte sich. Solche Männer gefielen den Amerikanern, dachte sie, als der Alte auch noch begann, Angelas Po zu begrapschen. Angela steckte in einem dicken Wintermantel und vielleicht war die Berührung noch nicht durch den Stoff und das Fett ihres Popos bis zu den Nervenzellen ihres Gehirns gedrungen, denn sie ließ es sich eine Zeit lang gefallen. Endlich trat sie aber doch einen Schritt zurück und kam wieder neben Amina zu stehen.
Die Zeit bis zu Herzogs Erscheinen verging den Mädchen schnell. Es folgte nämlich die Parade der Militärs in ihren jedes Jahr von berühmten Designern neu entworfenen Uniformen. Das Heer hatte in den letzten beiden Jahrzehnten einen großen Wandel erfahren. Nach der großen Wirtschaftskrise 2023 wurde das Militär privatisiert und die großen Firmen hielten sich ihre eigenen paramilitärisch organisierten Sicherheitstruppen.
Der Absatzverlust, den die USA in der Waffenbranche die beiden letzten Jahrzehnte beim Export hatten hinnehmen müssen, musste durch Inlandverkäufe ausgeglichen werden. Das war nicht leicht, denn seit nach der Legalisierung aller Drogen Mc Pill in den 20er Jahren das Drogenmonopol vom Staat gekauft hatte, brach der Verkauf schwerer automatischer Waffen und der Bazookas stark ein, da die bad hombres als die beste Kundschaft der Waffenindustrie verschwunden waren. Es gab eine fast feindselige Rivalität zwischen der pharmazeutischen Industrie und der Waffenindustrie, weil die Pillendreher, wie sie von den Waffenherstellern abschätzig genannt wurden, ihre zusätzlichen Milliardeneinkünfte aus dem Drogengeschäft nicht mit den Waffenherstellern teilen wollten. Mc Pill verwies auf die tausenden von Soldaten, die seit der Auflösung der NATO wieder zurückgekommen waren. Die würden sicher in den vielen neu gegründeten privaten Sicherheitsfirmen angestellt werden und würden Ausrüstung brauchen. Mc Pill selbst beschäftigte eine Privatarmee zur Sicherheit des Unternehmens und hatte freundlicherweise viele der vom Staat nicht mehr bezahlten Soldaten übernommen. Wie viel Mann, darüber könne das Unternehmen keine Auskunft geben. Es sei aber gesagt, dass mehrere Milliarden für Ausrüstung des Sicherheitspersonals schon an Keybolt Steven geflossen seien. Die Mehrheit der aus den früheren NATO Ländern zurückgekehrten Soldaten, die nicht in den neu eröffneten Kohlebergwerken oder auf den Ölplattformen in den südlichen Sümpfen des Landes arbeiten wollten, waren tatsächlich in privaten Sicherheitsfirmen untergekommen. Eine noch viel bessere Kundschaft stellten die Truppen allerdings für die pharmazeutische Industrie dar, die ihnen von Kokain über die Palette verschiedenster Halluzinogene bis zu Steroiden und Vitamintabletten alles verkaufte und sie als Versuchskaninchen für ihre Forschung verwendete.
Auch das ganz große Gerät war die US Waffenindustrie nicht mehr los geworden, seitdem das Land sich mehr und mehr auf sich selbst konzentriert hatte. Man hatte 2017 noch überlegt, sich entweder in Syrien in den Krieg einzumischen oder in Korea die Mutter aller Bomben abzuwerfen, um das Land hinter dem unbeliebten Präsidenten durch einen Krieg zu vereinen, so wie George W. Bush es 2003 mit dem Irakkrieg geschafft hatte, musste das Projekt aber fallen lassen, weil sich Europa mit Russland verständigt hatte, aus der NATO ausgetreten war und seine eigenen Waffen produzierte.
Die europäischen Flugzeug- und Waffenproduzenten freuten sich, ihren eigenen Leuten auf diesem Gebiet mehrere Arbeitsplätze zu verschaffen. Neue Atombomben waren keine hergestellt worden. Man stationierte mehrere indische nukleare Sprengköpfe an verschiedenen Orten in Europa und schloss ein neues Atomabkommen unter dem Namen IENU, Indian European Nuclear Umbrella ab.
Einen Krieg gegen die eigenen Nachbarn Mexiko und Kanada zu beginnen, um höhere Militärkosten zu rechtfertigen und der Waffenindustrie wieder auf die Beine zu helfen, war der Bevölkerung dann doch nicht zuzumuten gewesen, obwohl der Präsident es geschafft hatte, sich die Mexikaner zu Feinden zu machen.
Alle diese Veränderungen hatten sich in einem relativ kurzen Zeitraum abgespielt. Trotzdem merkten die US-Amerikaner kaum, dass ihre internationale Bedeutung vollkommen erodiert war. Ihre Augen waren (wie immer) auf die Börsenkurse und die Medien im eigenen Land gerichtet gewesen. Ihrer erfolgreichen Werbeindustrie war es zuzuschreiben, dass alle Veränderungen, die in Wirklichkeit in jeder Hinsicht immer Rückschritte waren, als enormer Erfolg der Nation und wirtschaftliche Siege hingestellt werden konnten. Auf diese Weise waren die USA auf demokratischem Weg zu einer Plutokratie geworden, in der einzig und allein der ökonomische Wert eines Individuums den Ausschlag für eine erfolgreiche Karriere bestimmte.
„Ich freu mich schon so darauf, Herzog endlich einmal live zu sehen“ wandte sich Angela nun an Amina, die den Schal vom Mund zog, um ihr zuzulächeln. Sally war ebenfalls schon ganz aufgeregt, hatte aber noch genug Aufmerksamkeit übrig, um die Parade der vielen paramilitärischen Sicherheitsdienste zu genießen. „Schaut doch bitte! Die tollen Uniformen der Electric Universals! Wer hat die kreiert? Ich will auch so ein Outfit bitte, bitte!“ Sie klatschte in die Hände. Während ihre Augen noch den Soldaten des Energielieferanten folgten, zogen schon andere Truppen vorbei. Jede Formation trug die Firmenfahne voran und an den Trommeln der Söldner waren Werbungen für verschiedene Produkte des Ausstatters der Truppe angebracht. Angela interessierte sich ebenfalls für die neueste Mode, die von berühmten Designern zum Anlass des Jahrestages entworfen worden war. Manche Truppen waren stolz auf ihr historisches Outfit und trugen nur die allermodernsten Waffen des Herstellers Keybolt Steven zur Schau.
Die Söldner der Nationalgarde führten an diesem Feiertag ihre traditionell weißen Uniformen mit dem Kreuz, das vorne und hinten die Oberteile zierte und den weißen Spitzhelmen mit herunterklappbarem Visier aus. Dazu das neueste Gerät vom größten Waffenhersteller des Landes. Die Nationalgarde war die einzige Truppe, die vom Staat bezahlt wurde, weil die Mitglieder ihrer Vorgängervereinigung einen Prozess wegen Diskriminierung gewonnen hatten. Die Vorgängervereinigung der Nationalgarde war des Rassismus angeklagt worden, worauf ihre Rechtsanwälte den Spieß umgedreht und ihrerseits auf Behinderung der Meinungsfreiheit geklagt hatten. Die obersten Richter, allesamt schon sehr alte Männer, hatten dem Verein Recht gegeben. Die beteiligten Anwaltskanzleien hatten bei diesem Aufsehen erregenden Prozess ebenfalls einen dauerhaften Profit für sich selbst herausgeschlagen, da sie in der Folge von der Nationalgarde monatliche Zuwendungen bekamen und ihre Vertretung in allen Streitfällen übernehmen durften. Political correctness war in den USA vollkommen aus der Mode gekommen und zu einem eher negativ besetzten Konzept geworden.
Es gab ein buntes Bild, nachdem alle Paradetruppen ihre Plätze hinten, auf der eigens für diesen Zweck errichteten, riesigen, nach vorne zum Denkmal hin abfallenden Bühne eingenommen hatten. Eine Fanfare kündigte das Eintreten des Präsidenten und der Lobbyisten, seiner Minister, an. Der Präsident, ein schon ziemlich alter Herr, hatte gerade Platz genommen, als Angela schrie: „schaut, hier kommt er, Herzog! Herzog! Herzog!“ Natürlich konnte Herzog sie nicht hören und auch wenn, wäre sie nicht die einzige gewesen zu der er seine Blicke hätte richten müssen, denn es gab auf dem Platz noch mehrere Frauen, die offensichtlich zu seinen Fans zählten. Herzog war der Junggeselle der Nation. Er war schon 36 und noch nicht verheiratet, aber schwul war er nicht, da waren sich Sally und Angela sicher. Man munkelte, er hätte zwei Kinder mit einer Latinofrau, wie Amina von den beiden Mädchen im Vorfeld der Exkursion nach Washington informiert worden war. Natürlich gäbe es viele Frauen, die ihn heiraten wollten, es fiele ihm aber schwer, sich für die richtige zu entscheiden, da er befürchtete, an eine Frau zu geraten, die sich mehr für sein Geld als für seinen Charakter interessiere. So verzieh ihm die Nation, dass er sich noch nicht für eine stramme weiße Amerikanerin entschieden hatte, die ihm und der Nation legitimen Nachwuchs bescheren würde. Das hatte immerhin den Vorteil, dass Angela und sogar Sally noch von einer Hochzeit mit ihm träumen konnten.
Die Rede des Präsidenten glorifizierte nicht nur die Rolle der USA im zweiten Weltkrieg, sondern auch ihre Rolle in allen anderen Kriegen, die das Land danach geführt hat. Aufgrund des erfolgreichen Vietnamkrieges gäbe es in Vietnam nun keinen Kommunismus mehr und das Land hätte deswegen wirtschaftliche Verbindungen mit den USA. Im Irak herrsche nun Frieden aufgrund der zahlreichen Opfer amerikanischer Truppen, in Afghanistan gäbe es nun keine Terroristen mehr, weil die Luftwaffe den shit out of them gebombt habe. Auch die glorreichen Interventionen wie der 9/11, 1973 in Chile und andere Einmischungen der letzten 100 Jahre drangen in einer völlig neuen Interpretation an Aminas Ohr. Überhaupt war die Glorifizierung des Krieges in Aminas Heimatland Österreich eine Straftat, auf die Gefängnis stand. Hier aber schien jeder gefallene Soldat automatisch ein Held zu sein, kein Opfer, das paranoider Propaganda auf den Leim gegangen war und diese Dummheit mit seinem Leben bezahlte.
Nach der Rede wurde die Nationalhymne gespielt und die Truppen zogen zum Kapitol hin von der National Mall ab. Sally und Angela hakten sich bei Amina unter: „Na, wie hat es dir gefallen?“ Amina, die tatsächlich beeindruckt von der bunten Show mit Musikkapelle gewesen war, wollte gerade antworten, als der Hop On Hop Off Touristenbus in die Haltestelle einfuhr.
Die drei jungen Frauen begannen zu laufen, um den Bus noch zu erwischen. Keuchend setzten sie sich und hörten die Informationen, die ein Lautsprecher gab. Sie kamen an einigen historischen Gebäuden vorbei, stiegen ab und zu aus, um sich eine Sehenswürdigkeit näher anzusehen oder um in einem der Fast Food Restaurants etwas zu essen. Amina war aufgefallen, dass an jeder Straßenlaterne und jeder Parkbank ein Schild angebracht war, das den Namen des Spenders verriet. Sogar auf Zebrastreifen und Ampeln gab es ein solches Schild. In den USA kümmerte sich nicht der Staat um die Verkehrswege, sondern die verschiedenen Firmen, die dafür auf den Straßenschildern ihre Logos anbringen durften.
Die öffentlichen Gebäude und Einrichtungen in Washington waren nicht so gut erhalten wie die in Aminas Heimatstadt Wien. Von Sally hatte sie erfahren, dass sich hier die Kongressabgeordneten, die von ihren Firmen bestellt wurden, immer davor drückten, ihre Chefs um mehr Geld für öffentliche Einrichtungen anzupumpen. Sie forderten lieber Gehaltserhöhungen für sich selbst, wenn sie es geschafft hatten, einer anderen Firma als ihrer eigenen die Kosten für öffentliche Ausgaben anzulasten. Die Bevölkerung interessierte sich hier nicht für Politik. Die Begriffe „Politiker“ oder „Staat“ waren Sally und Angela fast fremd, jedenfalls aber negativ besetzt, was Amina als Sozialwissenschaftslehrerin sehr wunderte.
Sally und Angela besorgten sich vor dem Rückflug nach Glendale in den Shops am Flughafen noch verschiedenste Tabletten. „Ihr beide seid wohl überzeugte Hypochonderinnen“, meinte Amina lachend, als diese mit ihren prall gefüllten Plastiktaschen wieder in den Warteraum zurückkamen. „Die Schlankheitspillen sind hier billiger als zu Hause“ rechtfertigte Sally sich.
Auch der Flughafen, von dem aus sie an diesem Abend nach der Parade den Flug nach Hause nahmen, machte einen etwas verkommenen Eindruck. Amina hatte in dem, diesem Flughafen angeschlossenen Quarantänecenter bei ihrer Ankunft 2 Wochen verbracht. Sie hatte dort einige Erfahrungen über die US-amerikanische Kultur sammeln können und eine Freundin kennengelernt.
Konsum im Allgemeinen wurde nicht nur in Glendale als patriotische Bürgerpflicht zur Ankurbelung der Wirtschaft angesehen. Gleich an ihrem ersten Abend in Quarantine City hatte eine Vertreterin von Mc Pill an Aminas Zimmertür geklopft, um einen Termin für ihren Behandlungsplan auszumachen. Auf Aminas Reaktion, sie sei nicht krank, meinte die freundliche pausbackige Frau im weißen Kittel, deren Namensschild sie als Dr. Attwood auswies, nur: „ach, irgendwas haben wir doch Alle, Kleines! Meistens ist es was Psychisches - Gefühle der Unsicherheit oder Einsamkeit und Ähnliches.“ Sie verließ das Hotelzimmer mit einem freundlichen Winken, nicht ohne Amina anzuweisen, sich im Kanal 92 über die Vorsorgemaßnahmen für die Einreise in die USA zu informieren. Vor dem Schlafengehen hatte Amina dann tatsächlich auf Kanal 92 geschalten. In den anderen Kanälen liefen Sendungen von rein lokaler Bedeutung, an die sich Amina erst im Laufe ihres Aufenthaltes in den USA gewöhnen würde. Nach dem Einloggen ins Internet hatte sie festgestellt, dass auch dieses auf lokal eingestellt war und somit nichts aus einem gemütlichen Skypeabend mit ihren Eltern, Geschwistern oder Freunden in Österreich werden würde. Ein kurzer Anruf, dass sie gut angekommen war, musste genug sein. Am nächsten Morgen würde sie für das internationale Netz bezahlen.
Kanal 92 zeigte in Endlosschleife eine Sendung, die verschiedene Krankheitssymptome und ihre medikamentösen Beseitigungsmöglichkeiten aufzeigte. Schlaflosigkeit, „shaking leg syndrom“, Fingerknacken, leicht angeschwollene Füße, die am Abend nicht mehr so leicht in die Schuhe passten, Besenreisser, verschiedene Arten von Pusteln und Flecken auf der Haut, Müdigkeit, Kratzen am Kopf oder im Hals, Trockenheitsgefühl im Mund, in der Nase oder den Augen und vieles mehr. Sogar ein kleiner Sehtest kam immer wieder auf den in der Wand eingelassenen Bildschirm. Interessant waren aber auch die Behandlungsvorschläge für psychische Zustände, die Amina bis jetzt für normal gehalten hatte: Das „single room syndrom“, ein Gefühl der Einsamkeit in einem Einzelzimmer, das Amina eigentlich immer genossen hatte, seit sie es sich leisten konnte, allein in einem Hotelzimmer ein paar Tage zu verbringen, wurde in dieser Sendung zu einem unangenehmen, ja sogar gefährlichen Symptom gemacht, das in weiterer Folge zu einem „Apellduvid“, dem Gefühl des „Rufes der Leere“ führen könne, welches einen wiederum veranlassen würde, ohne Grund aus dem Fenster zu springen oder sich durch einen Schuss das Leben zu nehmen. Ersteres wäre in diesem Zimmer nicht möglich gewesen, da man in dem voll klimatisierten Raum die Fenster nicht öffnen konnte und letzteres war Amina noch nicht möglich, weil sie sich in der, dem Quarantänekomplex angeschlossenen Shoppingmall noch keine Waffe gekauft hatte.
Aber nicht nur Einsamkeit war ein mit Medikamenten behandelbares Problem, auch verschiedene Ängste, die alle auch mit ihrer griechischen Fachbezeichnung vorgestellt wurden, sowie verschiedene obsessive Gedanken und das Grübeln über ein Problem, waren schon von der pharmakologischen Forschung belegte Krankheiten. Traurigkeit, die „Vorstufe zur Depression“ in all ihren Erscheinungsformen ebenso wie viele andere alltägliche Gefühle und mentale Einstellungen wurden zu Krankheiten erklärt, die sich zum Glück mit Medikamenten behandeln ließen. Amina musste beim Anschauen des Programms mehrmals laut lachen. Besonders das Medikament gegen die Gewichtsobsession erregte ihre Heiterkeit. Niemals war in einem Video die Rede davon, dass man den Beipacktext beachten oder seinen Apotheker fragen sollte. “Fragen Sie nie einen Arzt oder Apotheker“ lautete der humorige Spruch, den ihr Papa immer verlauten ließ, wenn sie sich wieder einmal von selbst von einer Erkältung oder Regelschmerzen erholt hatte.
Schmunzelnd hatte Amina das Fernsehgerät abgeschaltet. Danach hatte sie diese erste Nacht ruhig und tief geschlafen und war am nächsten Tag guter Laune zum„Food court“ marschiert, wo sie einen Kaffee und zwei Doughnuts frühstückte. Dr. Atwood hatte sie schon während des Frühstücks anvisiert und gefragt, ob sie schon auf Kanal 92 gewesen wäre und ob sie nach der Mahlzeit mit Amina über ihren pharmakologischen Plan sprechen könne. Ein Gespräch dieser Art wäre für alle Quarantänekandidatinnen Pflicht. Amina wollte diese Pflicht schnell hinter sich bringen und willigte ein. Das Gespräch mit Dr. Attwood hatte eine volle Stunde gedauert. Amina hatte sich während der ganzen Zeit standhaft geweigert, das Tablettenetui, das Dr. Attwood ihr gleich am Anfang zum Geschenk gemacht hatte, zu füllen. Keine Schlaftablette, keine Pain- oder Angst-Killer auch keine Tabletten zur Beseitigung lächerlicher physischer Gebrechen, nicht einmal Vitamine, wollte sie kaufen. Als letztes Geschütz brachte Dr. Attwood das Thema Liebeskummer aufs Tapet. Sie reagierte sofort auf die fast unmerkbare Reaktion Aminas dabei und schaffte es schließlich, ihr ein Fläschchen „Stardust“ als Gegenmittel dafür zu verkaufen. Ach ja, und das Shampoo gegen Läuse war auch Pflicht. Amina hat es noch nicht verwendet.
Das Mittel gegen Liebeskummer hatte sie ausgepackt. Es war ein weißes Pulver und sollte am besten intranasal eingenommen werden. Der Beipacktext informierte über die aufheiternde Wirkung und die anhaltende Euphorie, die sich von der normalen Euphorie des gesunden Menschen in nichts unterscheide, es fehle das Alterationsgefühl, das die Aufheiterung durch Alkohol begleitet, und so fort. Man fühle sich selbstsicherer, lebenstüchtiger und arbeitsfähiger. Das Mittel steigere die geistigen Kräfte. Man hätte bald Mühe zu glauben, dass man überhaupt ein Mittel zu sich genommen habe. Darunter noch: „made in USA“ und ein Scancode. Das war alles. Das Video aus dem Scancode rief sie über das hauseigene Internet ab. Es pries die Wirkung des Mittels bei getrübter Stimmung und zeigte, wie man es einnahm. Amina war sich bald im Klaren darüber, dass Dr. Attwood ihr Kokain verkauft hatte. Diese Droge war früher nicht nur in den USA illegal gewesen. Durch fleissiges Lobbying hatte man aber schließlich der großen Nachfrage nachgegeben und der pharmazeutischen Industrie die Produktion und Vermarktung dieser Droge überlassen.
Im Unterricht hatte Amina letztes Jahr mit ihren Schülerinnen einen Videoclip zum Thema Drogen hergestellt. Dieser Clip war sogar in der täglichen Sendung „Wir bringen`s zusammen“ um 20:15 gelaufen. Wie alle diese schulgemachten Videos hatte auch dieses eine komische Seite, verfehlte aber den Lerneffekt nicht, der nur durch emotionale Beteiligung der Lernwilligen stattfinden kann. Auch ihr Kollege Ben, der diese Klasse in Naturwissenschaften unterrichtet hatte, hatte sich an der Bearbeitung dieses Themas beteiligt. Dabei hatte auch sie sehr viel gelernt. Viele Aspekte waren damals im Unterricht zu diesem umfassenden Thema aufgekommen. Man hatte über den Opiumkrieg mit China, den Opiumanbau zu Anfang des 21. Jahrhunderts in Afghanistan gesprochen, über die Wirtschaft und Geographie der Erzeugerländer aber auch über die sozialen Verhältnisse der Verbraucher. Die meisten der Schülerinnen hatten sich zu Hause die alte Netflixserie „Narcos“ reingezogen. Kolumbien stand damals lange im Fokus ihres Unterrichts. Am Beispiel dieses heute wirtschaftlich sehr erfolgreichen Landes hatte Amina im Unterricht die sozialen und wirtschaftlichen Folgen des damals verbotenen Handels mit Kokain erarbeitet. Auch die USA waren als Endverbraucher im Visier der Schüler gewesen. Eine Gruppe hatte einen kleinen 5-minütigen spannenden Krimi produziert: Drogen wurden in die USA geschmuggelt, dort wurden sie verkauft, ein großer Teil des Erlöses wurde zum legalen Kauf von Waffen in den USA verwendet. Erst auf der Rückfahrt nach Mexiko wurde das Dealerauto von der Drogenpolizei noch auf US-Boden angehalten. Die Polizei konfiszierte einen Großteil des Geldes, ließ die Dealer aber laufen, um beim nächsten Mal wieder dabei zu sein, wenn es ans Abkassieren ging. Die Schüler hatten den Punkt gut herausgearbeitet. Beim Drogenhandel Ende des 20. Jahrhunderts war es darum gegangen, die Großhändler möglichst erst nach dem Absetzen der Waren und dem Einkauf der Waffen zu erwischen, um möglichst viele an der Wertschöpfungskette zu beteiligen, die dieses Business bot. Die US-Polizei durfte nämlich einen Teil des in den angehaltenen Fahrzeugen gefundenen Geldes behalten. Die Drogen hätten sie verbrennen müssen. Die Schülerinnen hatten das Video mit vielen technischen Tricks zu einem oft geklickten Hit gemacht.
Als Amina in den folgenden Tagen Dr. Attwood auf dem Gelände des Quarantänecenters getroffen hatte, sprach sie die Ärztin auf das Stardust genannte Mittel an. Dr. Attwood bestätigte Amina, dass es sich dabei um eine Substanz handelte, die früher unter dem Namen Kokain bekannt war. Es werde nun unter sicheren Bedingungen in den USA hergestellt und vertrieben und stelle keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr dar, da nun fast alle Autos schon mit Autopilot betrieben werden könnten. Sie würde sie gerne später noch über die wohltuende Wirkung des Mittels informieren, müsse aber jetzt weiter, da sie schließlich vom Medikamentenverkauf lebe und ihre Arbeitszeit optimal nützen wolle. Später erfuhr Amina von Greg, dem Familienvater ihrer Gastfamilie, dass in den USA schon seit 2019 keine Regulationen mehr für den Konsumentenschutz bestehen. Amerika sei nunmehr das einzige free country auf diesem Planeten, wo sich die Wirtschaft ungehindert von nutzlosen Beschränkungen entwickeln könne. Der vernünftige Menschenverstand der amerikanischen Bürger regle das erfolgreiche und weitgehend friedliche Zusammenleben in den USA, dem greatest country on earth. Widerspruch zwecklos, das war Amina damals sofort klar.
Amina war aufgrund ihres Geburtsortes von den US-Behörden als „Muslimgirl“ eingestuft worden. Im Quarantänecenter hatte sie sich daran gewöhnt, dass die Leute sie aufgrund ihres Aussehens entweder für eine Mexikanerin oder eine Muslimin hielten. Es amüsierte sie immer, wenn sie Spanisch angesprochen oder eben Muslimgirl gerufen wurde. In Quarantine City war es ihr passiert, dass nicht nur sie sich angesprochen fühlte, als jemand hinter ihr „Hey, Muslimgirl“ rief. Ein afrikanisches Mädchen reagierte gleichzeitig mit ihr auf diesen Anruf. Beide sahen sich freundlich an, dann wandten sie sich dem Anrufer zu. „Wer von euch beiden hat diesen Schal verloren?“ Der Schal gehörte dem anderen Mädchen, das Amina fragte: “Du bist also auch ein Muslimgirl?“ „Nicht wirklich“, hatte Amina geantwortet.
Irene, wie das Mädchen hieß, war aus Nigeria und Christin, wie sie bis jetzt geglaubt hatte. Sie hatten miteinander gelacht und den Nachmittag gemeinsam im Foodcourt bei Kaffee und Doughnuts geplaudert. Irene war auf dem Weg nach Jacksonville in Florida, wo sie eine Großtante besuchen wollte, die schon ihr ganzes Leben in den Staaten verbracht hatte. Die meisten ihrer Verwandten lebten jetzt in Lagos. Zweimal im Jahr besuchte ein Verwandter die Tante, die sich weigerte nach Lagos zu übersiedeln. Irene war nun zum ersten Mal in den Staaten. Sie war schon sehr gespannt, obwohl ihr die Kusins, die schon hier gewesen waren, das Leben in Jacksonville als ziemlich eintönig beschrieben hatten. „Du wirst es dort kein Jahr aushalten“, hatten sie gemeint. Keine guten Partys, keine gute Musik, schlechtes Essen, nicht einmal spannendes Fernsehen würde sie erwarten. „Und jede Menge Rassismus!“ lachte Irene. „Hier bin ich das Muslimgirl, obwohl ich jeden Sonntag zur Kirche gehe und die Bibel lese.“ Amina lachte mit. „Ich auch, obwohl ich oft mit meinem Papa in die ökumenische Kirche gehe“. „Ich auch in diese“, meinte Irene.
Amina freute sich, sie hatten etwas gemeinsam. 2020 hatte Papst Franziskus ein Konzil einberufen. Als Ergebnis wurde die römisch-katholische Kirche in ökumenische Kirche umbenannt. Alle der katholischen Kirche eigenen Immobilien wurden für alle Religions-oder Kulturgruppen geöffnet und Organisationen, die Mitglieder der ökumenischen Kirche sein wollten, durften sich einschreiben und genossen somit alle Privilegien, die früher die römisch-katholische Kirche genossen hatte und hatten Anteil an ihrem Aktien- und Immobilienvermögen. So war es im Konkordat mit der Europäischen Union ausgemacht.
Das frühere Glaubensbekenntnis hatte Papst Franziskus auf einen Satz aus der Bibel komprimiert: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten” (Mat.7,12). Jede Gemeinschaft, religiös oder säkular, die mit dieser Regel leben will, kann seither Einrichtungen der ökumenischen Kirche für Versammlungen benützen oder an der gemeinsamen Verwaltung der Gesamtkirche mitarbeiten. Das Schlusswort des Papstes „Auf dass alle eins seien“ wird in Einzelteilen noch heute oft auf Facebook geteilt. Der Papst bekannte darin, persönlich durch Jesus zu Gott gefunden zu haben, er habe aber schon viele Geschichten von Menschen gehört, denen sich Gott durch andere Brüder und Schwestern oder durch Naturereignisse offenbart habe. Seine Kirche werde Gott nicht mehr vorschreiben, auf welche Weise er sich zu offenbaren habe. Abgesehen davon, dass das 2. Gebot, das in der Bibel, die er lese, laute: „Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen“. Das gelte auch für Gedankenkonstruktionen, die sich der menschliche Geist gerne von Gott mache. Bei dieser Rede standen der Dalai Lama, ein muslimischer Imam, der orthodoxe Papst aus Alexandria, eine Rabbinerin, eine Vorsteherin einer christlichen Freikirche und mehrere eher unbekannte spirituelle Leader hinter ihm, die am Ende der Rede jede auf seine Weise die goldene Regel in einem Satz deuteten. Auch diese Parade der Geistlichen vor dem einen Mikrofon kursierte immer wieder in den Medien, wenn eine Regierung Gesetze erließ, oder Verbrechen geschehen waren, die dem Geist dieser Regel widersprachen. Der Papst war zwar von manchen konservativen römisch-katholischen Gruppen angegriffen worden, hatte aber bis zum Ende seines Lebens versucht, den Kontakt zu diesen Gruppen nicht zu verlieren. Es war ihm nicht gelungen, alle Menschen von ihrer Ideologie zu befreien, sodass sie sich der Quelle des Lebens und der Liebe öffnen konnten. Durch den natürlichen Abgang dieser Hardliner finden sich heute aber immer mehr Glaubensgruppen und Organisationen in der Plattform der ökumenischen Kirche zusammen. Der Papst hatte 2022 den Friedensnobelpreis bekommen. Passagen aus seiner Rede vor dem Nobel Komitee in Oslo werden auch heute noch immer wieder gern bei verschiedensten Gelegenheiten zitiert.
Irene hatte gerade Matura gemacht. Sie war die älteste von 3 Geschwistern und hatte ebenfalls viel Verwandtschaft. Die Familienmitglieder, die ihre Tante schon in Jacksonville besucht hatten, waren nach dem USA Aufenthalt alle froh gewesen, wieder zurück in Lagos zu sein. „Versuche, halbwegs gesund zu essen!“ und „reiß dich zusammen und lass` dich nicht gehen“, hatten sie ihr geraten, „sonst kommst du als eine in Stretchkleidung gefüllte Speckwurst zurück!“ Amina konnte sehen, dass Irene versucht hatte, dem etwas heruntergekommenen Eindruck, den das Quarantänecenter machte, etwas entgegenzusetzen. Irene hatte sich für das Quarantänecenter schöngemacht! Das war Amina gleich aufgefallen. Ihr bunter Turban auf dem Kopf und das dazu passende, oben enganliegende und ab der Taille etwas ausgestellte knielange Kleid mit einem wunderhübschen Herzausschnitt, der erst an den Oberarmen in das Rückenteil verlief, sah wirklich wunderhübsch aus. Ihre Augen und Lippen waren nur leicht geschminkt und ihre dunkle Haut war ebenmäßig vom Kopf bis zu den Füßen, die in sonnengelben Flats steckten. Amina hatte ihr gegenübersitzend gleich das Bedürfnis verspürt, sich die herabhängenden schwarzen Haare auf ihrem Kopf zu einem Dutt zusammenzudrehen und sich etwas eleganter hinzusetzen. Sie hatte sich an ihre pädagogische Ausbildung erinnert, in der den zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern geraten worden war, sich jeden Tag ihren Auftritt zu erarbeiten. Man fühle sich selbstsicherer und wäre glücklicher, wenn man etwas Zeit in seine Erscheinung investiere. Im Laufe ihres Aufenthalts wurde es ihr immer mehr klar, was die Ausbildner am Pädagogischen Institut gemeint hatten. Als sie nun Irene so gegenübersaß, hatte es ihr leidgetan, dass sie sich in der Früh nicht hergerichtet hatte. Sie war nur in ihre Jeans geschlüpft und hatte ein T-Shirt angezogen.
Irene musste ebenfalls 2 Wochen im Quarantänecenter verbringen, ihre Zeit war aber schon fast herum gewesen, als Amina kam. Gleichwohl hatten sie Irenes restliche 3 Tage gemeinsam in Quarantine City verbracht. Gemeinsam waren sie bei „Keybolt Stevens“ gewesen, dem Waffenstore des Centers. Sie hatten schon gehört, dass in den USA eine Waffe ein unverzichtbares Accessoire wäre. Amina und Irene nahmen die verschiedenen Modelle in die Hand, eine Verkäuferin hatte ihnen erklärt, wie man die einzelnen Waffentypen seiner Persönlichkeit anpassen und den Namen in Gold eingravieren oder als Relief auf der Waffe anbringen konnte, in welchen Farben und mit welcher Munition die einzelnen Typen erhältlich waren, welche Waffe wofür geeignet wäre, welches Etui mit Gürtel für welche Gelegenheit passte und so weiter. Ob sie jemandem eine Waffe als Gastgeschenk mitbringen wollten, fragte sie die Angestellte, zu Bachelorparties wäre ein bestimmtes Modell ganz besonders beliebt. Es gäbe auch chemische Munition dafür, die dem Opfer durch eine kleine Spritze entweder einen Liebestrank, ein Beruhigungsmittel oder Stardust verabreicht. Im Drugstore hätte man noch mehr Auswahl diesbezüglich. Amina und Irene richteten die Waffen glucksend aufeinander. Pch, pch, simulierten sie das Totschießen, bis Irene übermütig die vermutlich ungeladene Waffe auf die Verkäuferin gerichtet hatte „pch,pch“ hatte sie gekichert. Da war es mit dem Spaß vorbei. „Ich rate einem schwarzen Mädchen nicht, sich eine Waffe zuzulegen“, hatte die Verkäuferin streng gesagt. „Ein unschuldiger Bürger könnte sich von dir provoziert fühlen, so wie ich mich jetzt, und auf dich schießen. Glück hast du dann, wenn die Munition nicht tödlich ist“. „Und dir, kleine Mexikanerin, empfehle ich es ebenfalls nicht“, hatte sie zu Amina gewandt gesagt und ihr die Demonstrationswaffe aus der Hand genommen, worauf die beiden das Geschäft verlassen hatten. Amina war kurz unangenehm berührt gewesen, bis Irene draußen kichernd zu ihr sagte: „Wenn die wüsste, dass wir Muslimgirls sind“. Beide hatten gleich wieder laut gelacht.
Weder Irene noch Amina hatten vorgehabt, sich zu bewaffnen. Bei ihnen zu Hause war es Zivilisten verboten, eine Waffe zu tragen. So wie sonst überall auf der Welt auch, lag das Gewaltmonopol in ihren Heimatländern beim Staat.
Nach ihrem Besuch bei Keybolt Steven waren Amina und Irene noch gemeinsam Abendessen gegangen, beziehungsweise hatten sich etwas besorgt, was als Nahrungsmittel durchgehen konnte. Beide hätten Lust auf gesundes, selbstgekochtes Essen gehabt, wie sie es von zu Hause oder der Schulküche gewohnt waren. Sie mussten sich aber mit einer Automatenpizza begnügen, deren Belag man allerdings durch Knopfdruck aussuchen konnte und die warm aus der Maschine kam. Sie sah leider in Wirklichkeit nicht so appetitlich aus, wie die Pizza, die über dem Bildschirm des Bestellgerätes von ihrer Schnitte als Hologramm hergestellt worden war.
An diesem Abend hatten sie über die Liebe gesprochen. Irene war in einen Jungen aus Kenia verliebt, der in Lagos bei der ostafrikanischen Handelsvertretung arbeitete. Er war ein ernster, freundlicher Mann. Irene liebte sein beherrschtes Auftreten, das ihm bei den gemeinsamen nigerianischen Freunden den Spitznamen „Sir“ eingetragen hatte. Die nigerianischen Jungen wären alle laut und frech und für Irenes Geschmack viel zu forsch. Sie machte sich große Sorgen, dass ihre Liebe die einjährige Trennung nicht überstehen würde. „Mach dir keine Sorgen“ hatte Amina zu ihr gesagt, „wenn er der richtige ist, wird er auch nach einem Jahr noch zu dir stehen“. „Du kennst die nigerianischen Frauen nicht“, hatte Irene geantwortet. Amina erzählte von ihrer Beziehung zu Sascha. Wie sie sich kennengelernt hatten, wie sie oft bei seinem Vater, der jetzt in Belgrad lebte, gewesen waren. Dass seine alleinerziehende Mutter die letzten Jahre gemeinsam mit ihnen Weihnachten bei ihren Eltern verbracht hatte, von der Schwangerschaft, aus der nichts geworden war, von den gemeinsamen Wanderungen von Hütte zu Hütte mit Freunden, von ihren Wochenenden in Graz, wo sie auch Maina aus Kenia und Frank aus Nigeria kennengelernt hätten, von ihrer gemeinsamen Wohnung in Wien, aus der Amina nun ausgezogen war. „Mein Gott, das klingt ja, als wärt ihr Jahre verheiratet gewesen!“, hatte Irene nach der Aufzählung all dieser Erinnerungen gesagt.
Amina war froh gewesen, über Sascha erzählen zu können, gleichzeitig war ihr das Herz an diesem Abend sehr schwer gewesen. „Ja, ich liebe ihn, glaube ich, noch immer“, brach es aus Amina, den Kopf auf die Hände gestützt, hervor. „Warum hat er denn Schluss gemacht?“ hatte Irene gefragt. Amina wusste das auch nicht so genau. „Er wollte einmal allein leben, ohne weiblichen Einfluss“, hatte er gemeint. „Dafür hätte er sich aber nicht von dir trennen müssen, jetzt, wo du ohnehin ein Jahr in den USA verbringst“, bemerkte Irene. Das war natürlich richtig, aber Amina hätte sich ohne das Auseinandergehen dieser Beziehung nicht zu einem Sabbatjahr entschlossen. „Hm, so wie sich das anhört, glaube ich, das kommt wieder auf die Reihe mit euch beiden“, hatte Irene, sich in ihrem Sessel zurücklehnend, abschließend gemeint.
„Wenn nicht, kann ich es ja mal mit Stardust versuchen“, lachte Amina. „Was, du hast das Zeug gekauft?“ Die beiden waren schon wieder am Lachen. „Ich fühlte mich einfach verpflichtet Dr. Attwood nach dem langen Verkaufsgespräch etwas abzunehmen. Mit dem Verkauf des verpflichtenden Läuseshampoos hat sie sich einfach nicht zufriedengegeben“, hatte Amina erzählt. Irene selbst war auf eine Haarwuchstablette hereingefallen, nach deren Einnahme das Haar angeblich nicht kraus, sondern wellig aus dem Kopf wächst. „Wir Afrikanerinnen gefallen uns ziemlich gut, aber wir beneiden die Frauen anderer Rassen um ihre Haare“, hatte sie erzählt. „Ein Turban, so wie du ihn trägst, ist bei uns jetzt auch modern“, meinte Amina. “Ja, der löst jedes Haarproblem“, Irene darauf. „Man braucht dafür aber ein schönes Gesicht“, meinte Amina „und es sieht nur gut aus, wenn du wie eine Königin gehst“, sagte Irene und richtete sich in ihrem Stuhl auf, mit der Hand an ihren Turban fassend, als wollte sie sich eine Krone zurechtrücken.
Die beiden hatten beschlossen, auch den nächsten Tag wieder miteinander zu verbringen. Amina hatte sich diesmal auch ihren Auftritt erarbeitet, wie es ihr im pädagogischen Institut geraten worden war. Sie entschied sich für die weiche, rote Bluse mit Blumendruck, deren lange Ärmel am unteren Hand Rist mit einem eleganten Volant endeten und die, in der Taille gesmokt, bis an die obere Hüfte reichte. Sie ließ die oberen beiden Knöpfe der Bluse offen, sodass der Kragen lässig herabfiel. Da sie nicht so viele Hosen mitgenommen hatte, trug sie wieder ihre hellen Jeans. Sie schlüpfte in ihre bequemen Plateaustöckelschuhe, aus deren braunem Kunstledergitter ihre sorgfältig bemalten Zehennägel hervorschauten. Abwechselnd auf einem Fuß balancierend zog sie die Lederriemen der Schuhe hinten über ihre Fersen. Sie schminkte sich und steckte den zur Bluse passenden Lippenstift in ihre Handtasche, um ihn nach dem Essen parat zu haben.
Mit der Rolltreppe herunterkommend schritt sie Lässig elegant auf Irene zu. „Guten Morgen, Miss Quarantine City“, hatte Irene ihr lachend entgegengerufen und alle der anwesenden Gäste im Foodcourt hatten ihre Blicke auf die beiden gerichtet. Auch Irene hatte, ebenso wie am Vortag, das Beste aus sich herausgeholt. Sie trug diesmal einen hellblauen Turban mit dunkelblauem geometrischen Muster und eine enganliegende kurzärmelige Bluse aus demselben Stoff, die ab der Taille in einem Volant auslief, das vorne nur bis knapp über den Bauch und hinten bis fast über den Po reichte. Dazu trug sie eine hellblaue Hose. Ihre Füße waren mit braunen peeptoe Flats bekleidet. Sie umarmten sich, kauften sich ihre täglichen Doughnuts, Amina mit Kaffee, Irene mit schwarzem Tee mit Milch, und erzählten sich über die Programme, die sie gestern vor dem Einschlafen im Fernsehen gesehen hatten.
Amina war aufgefallen, dass fast jeder 2. Kanal von einem Prediger bespielt wurde und Irene hatte sich auf eine Telenovela eingelassen. „Ich kannte diese Serie schon“, erzählte sie Amina. “Sie lief vor Jahren auch bei uns im Fernsehen. Unglaublich, dass diese Aschenputtelgeschichten immer noch ziehen. Ich habe gestern nicht abgedreht, bis die Episode zu Ende war. Ich hatte eine Periode, als Teenagerin, da war ich nach diesen Serien süchtig“, kommentierte sie. Amina hatte sich als Jugendliche nicht viel Zeit zum Fernsehen genommen. Ihre Sucht waren eher die Computerspiele gewesen, die sie zu Hause auf dem Laptop mit anderen Gamern nach der Schule spielte.
Nach dem Frühstück waren sie zusammen in das große CDP Drugstore gegangen. Am Vorabend hatte Amina „CDP“ gegoogelt. „Chemical Drugs Pharmacy“ war die landesweit größte Kette, die eine riesige Palette verschiedenster pharmazeutischer Produkte verkaufte. Die Umsatz- und Gewinnzahlen hatte Amina vergessen, viel mehr Information gab es im Internet nicht, jeder weitere Klick hatte sie in den virtuellen Store gebracht, wo ihr verschiedenste Sonderangebote und weiterer Werbekram entgegengeblitzt waren.
Am Eingang des Shops hatten sie sich jede ein Einkaufswägelchen geholt. An diesen war vorne ein senkrechtes Fach angebracht, in das man die Handtasche stecken konnte. Rechts oben gab es ein Tablett für das Mobiltelefon und daneben waren stufenförmig drei Reihen Tabletts angebracht, in die Fächer in verschiedenen Größen eingelassen waren, sodass man nicht den Überblick über seinen Einkauf verlor, den man dort ablegen konnte. Ein viertes, mit Schaumstoff gepolstertes Tablett, konnte man herausziehen. Eine kleine Stütze klappte sich dabei bis zum Boden heraus und man konnte das Wägelchen zum Sitzen benutzen. Amina und Irene waren beim Eintritt in einen bunten Lichtkegel getaucht worden, als sie ihre Wägelchen durch die Lichtschranke schoben, die alles scannte, was man in das Geschäft hineinbrachte, damit man sich nach dem Einkauf aus dem Verkaufsraum begeben konnte, ohne Alarm auszulösen. Gleich beim Eingang gab es zwei bunte Regale, in dem alle Vitamine und Mineralstoffe von A-Z aufgebaut waren. Bei jedem Buchstaben gab es auf Augenhöhe einen Bildschirm, auf dem ein Video lief, das den Nutzen und den Anwendungsbereich jedes Vitamins veranschaulichte. Alle Präparate waren sehr elegant verpackt und einige wiesen Dispenser auf, die die beiden bis jetzt für Tabletten so noch nicht gesehen hatten. Man sah auf den Bildschirmen Paare in eleganten Restaurants, die sich die Tabletten gegenseitig verliebt in den Mund schoben, oder auch Hundebesitzer, die dem auf die Tablette gierig zulaufenden Hund die offene Hand mit der bunten Pille entgegenstreckten. Immer wieder hatte die eine die andere aufgefordert, sich doch bitte das Video anzusehen, das sie gerade sah, weil ein besonders witziger oder auch einfach neuer Werbegag aufkam, den keine der beiden bis jetzt so gesehen hatte. Sie amüsierten sich am Ende der Vitaminabteilung besonders über den Film: „Zink, das Multitalent“. Eine Mutter hatte ihr Kind „Zink“ getauft, damit es im Leben auch so vielseitig Gutes bringe, wie ebendieses Spurenelement. „Wir sind doch alle Spurenelemente Gottes! Lasst uns die Welt positiv beeinflussen, nehmen wir uns ein Beispiel an Zink!“ „Hahaha“, beide hatten ziemlich unverschämt laut gelacht. „Freut mich, dass ihr euch amüsiert”, war die Reaktion einer Verkäuferin, deren Gesichtsausdruck allerdings im Gegensatz zu dem stand, was sie gerade gesagt hatte. „Sorry“ hatten beide wie aus einem Mund reagiert, die Schultern hochgezogen und sich die Hand vor den Mund gehalten. Die Aufmerksamkeit der Verkäuferin war zum Glück sofort darauf von einer Kundin in Anspruch genommen worden, die sich nach BEDs erkundigt hatte. „Wir führen keine BEDs“ hatte die Verkäuferin der Kundin geantwortet. „Hätten sie überhaupt ein Rezept dafür?“ „Nein“, sie habe gehört, dass man in den USA alle Medikamente am freien Markt kaufen könne. Da hätte man sie falsch informiert, BEDs gäbe es nur auf Rezept und unter ständiger Aufsicht eines Arztes oder einer Pharmakologin. Die Kundin, eine ältere 50erin hatte sich enttäuscht umgedreht und wollte das Geschäft verlassen, worauf sich die Verkäuferin an ihren wahrscheinlich geleisteten Berufseid: „lasse nie jemanden gehen, ohne ihr nicht wenigstens 10 Dollar abgenommen zu haben“, erinnert haben musste und sie freundlich tröstete. “Was haben sie denn? Vielleicht lässt sich ihr Problem auch mit traditionellen Mitteln behandeln“. „Ich werde alt“, hatte die Dame nur gemeint. „Na da können wir gleich mit mehreren Produkten helfen!“ Die Kundin hatte sich von der Verkäuferin in eine andere Abteilung abschleppen lassen und Amina war mit ihrer Freundin zu den Aufputschmitteln gegangen, wo Irene kichernd zu ihr gesagt hatte: „Wenn man Betten kaufen will, geht man bei uns zu IKEA“. „Sie meinte Biologically eingeneered drugs“, informierte Amina. Bei uns verwendet man die bei Krebs. Für mehrere andere Krankheiten waren BEDs auch in Europa schon zugelassen worden. An ihrer Weiterentwicklung wurde gearbeitet.
Die beiden hatten sich noch mehrere Werbefilme angesehen und sich dabei öfter auf die Sitze ihrer Wägelchen gesetzt, bis sie hungrig geworden waren und etwas essen wollten. “Ich fühle mich schon richtig krank“, hatte Irene nach einiger Zeit gesagt. „Ich bin auch nicht mehr sicher, ob Lachen die beste Medizin ist“, hatte Amina amüsiert zurückgegeben. „Lass uns was Gesundes essen gehen!“ „Ja, genau, Tabletten in Pizzaform!“
Als sie das Geschäft verlassen wollten, schlug der Alarm an. Die beiden waren stehengeblieben, bis eine Verkäuferin kam. „Wir haben nichts gestohlen“! „Schon gut, kann auch sein, dass ihr einfach nichts gekauft habt, kommt mal her!“ Es war ein Kreuzverhör gefolgt, das die beiden hungrigen Mädchen ziemlich genervt hatte. Was sie in Amerika machen wollten, ob sie nicht CDP Mitglied werden wollten, sie sollten doch der Gastfamilie etwas aus dem Shop als Geschenk mitbringen usw. Erst als Irene und Amina versprochen hatten, nach dem Essen wiederzukommen, durften sie das Geschäft ohne etwas konsumiert zu haben, verlassen. Sie hatten sich beim Weggehen noch eine Visitenkarte mit einer Webadresse in die Hand drücken lassen. „Hier erfahrt ihr, wann in eurer Nähe eine CDP Verkaufsparty stattfindet. Diese Veranstaltungen sind abends. Man kann unsere Produkte dort vor dem Kaufen oder Bestellen ausprobieren. Unsere Doktoren sind dort zu Informationszwecken während des ganzen Abends ansprechbar. Sie sind Profis und mussten alle versprechen für ausgelassene Partystimmung zu sorgen.“ Die Verkäuferin zwinkerte ihnen mit einem Auge zu, danach waren die Mädchen frei, sich etwas Essbares zu besorgen.
Nach dem Abendessen kehrten die beiden nicht mehr in das CDP Drugstore zurück. Sie wünschten sich eine gute Nacht und gingen schlafen.
Die Amerikareise hatte Amina bei ihrer Schulbehörde als Weiterbildung eingereicht. Man zahlte ihr Gehalt das gesamte Schuljahr hindurch weiter. Deshalb war sie auch verpflichtet, nach dem Aufenthalt eine kleine Arbeit über das in den USA Erfahrene und daraus Gelernte zu verfassen und eventuell Vorträge für die Kolleginnen am pädagogischen Institut zu erarbeiten.
Sie hatte sich dafür in einem Buchladen in Quarantine City ein kleines Büchlein gekauft, in dem sie ihre Eindrücke über das Schulleben in den USA festhalten wollte. Interessante Bücher hatte es in diesem Laden nicht zu kaufen gegeben. Das Angebot bestand hauptsächlich aus Zeitschriften, Bastelsets, Spruchkarten, Verpackungsmaterial und ähnlichem Krimskrams. Als Amina nach dem Buch „2043, Geld und Weiße Lügen“ gefragt hatte, hatte man ihr gesagt, es wäre vergriffen. Dieses Buch war ihr empfohlen worden, weil das Thema „Schule in den USA“ darin angeblich kritisch beleuchtet wurde. Sie hatte keine Zeit mehr gehabt, es sich in Österreich noch zu besorgen und hatte sich sehr gewundert, dass dieser spekulative Zukunftsroman im September 2042 vergriffen war, wo doch das Jahr 2043 vor der Tür stand und das Buch somit sicher schon wieder ein Verkaufsschlager hätte sein können. Damals, als das Buch herauskam, war es in Europa über Nacht zum Bestseller geworden. In den USA wollte die Regierung das Buch nach seinem dort anfänglich ebenfalls sehr großen Erfolg verbieten, man hatte die Entscheidung, es zu verkaufen dann aber doch den einzelnen Großhandelsketten überlassen. Es werde sich herausstellen, welche Buchhändler patriotisch seien und welche der nach Lügen süchtigen Bevölkerung weiteres Gift verabreichen wollten, hatte es damals geheißen. Die Autorin des Buches war eine Frau. Vielleicht gab es im Herbst 2042 das Buch auch aus diesem Grund hier nicht, dachte sich Amina jetzt, nachdem sie schon ein paar Monate das Land hatte kennenlernen können.
Das Büchlein, das sie sich gekauft hatte, war zum Protokollieren nicht unbedingt notwendig, weil es sich Amina schon seit der Studienzeit angewöhnt hatte, mit ihrem Handy mündliche Gedankenprotokolle aufzunehmen und Videos und Fotos zu machen oder im Netz zu markieren. Trotzdem machte ihr das Blättern und das Protokollieren in einem Buch noch immer Freude. Sie hatte schon 2 Liebesbriefe an Sascha dort hineingeschrieben und Irene hatte ihr auf die erste Seite eine afrikanische Spruchweisheit geschrieben: „Ein Reisender soll Augen und Ohren aufreißen, nicht das Maul“.
Es war schön gewesen, mit Irene all diese Stores, besonders aber die Kleiderläden und Schuhgeschäfte, für die Amina eine besondere Schwäche hatte, zu durchkämmen. Beide interessierten sich auch für Schmuck, Handtaschen, Homeaccessoires und Elektrogeschäfte. Nachdem Irene abgereist war, war Amina die restliche Zeit ihres Aufenthaltes in Quarantine City sehr lang geworden.
Schon ohne Irenes Begleitung hatte Amina gegen Ende der zweiten Woche die Bank der Quarantäneanlage betreten. Sie wollte auf einem der Automaten Geld abheben, da man ihr gesagt hatte, dass in den USA noch viele Geschäfte mit Bargeld abgewickelt würden. In Österreich zahlte man alles mit Karte. Bargeld war abgeschafft worden. Straßenmusikant war ein vom Tourismusverband bezahlter Beruf. Die wenigen Bettler saßen mit Schildern, die ihre Telefonnummer angaben, auf dem Boden. Man konnte ihnen nur telefonisch Geld überweisen. „Wer weiß, wo ich den nächsten Automaten finden werde“, hatte sie sich in Quarantine City gesagt. Als sie das Geld aus dem Fach geholt hatte, war ein freundlicher älterer Herr von hinten an sie herangetreten. “Hättest du Zeit für ein kurzes Informationsgespräch bezüglich unserer exklusiven Finanzprodukte“? hatte er sich freundlich an sie gewandt. Amina hatte tatsächlich Lust gehabt, sich ihm gegenüber in einer der am Fenster gelegenen schönen Fauteuils des Bankraumes niederzulassen. Er saß, ein Bein über das andere geschlagen, die Hände zu einer Raute gefaltet, die Arme auf die Lehnen gestützt da und hatte Amina aufgefordert, ihm ein bisschen über ihre Lebensumstände zu erzählen, damit er ungefähr wisse, wo sie auf finanziellem Gebiet ihre Situation optimieren könne. Nachdem Amina ein bisschen von ihrem Beruf, ihrer Familie und dem bevorstehenden Studienaufenthalt erzählt hatte, hatte er leicht den Kopf gesenkt und mit einer Handbewegung den zwischen ihnen stehenden Kaffeetisch erleuchtet. „Am besten sprechen wir zu Beginn erst einmal über Versicherungen“, hatte er gemeint. Bei seinen Ausführungen über die verschiedenen Risiken, die das Leben so biete, hatte Amina schon abgeschaltet. Sie hatte apathisch die Säulendiagramme beobachtet, die aus dem Tisch herauswuchsen und sich geduldig angehört, wie man sein Geld am besten in Versicherungen investierte. Nachdem er bemerkt hatte, dass Amina sich für dieses Thema nicht erwärmen ließ, hatte er gemeint, für eine furchtlose, aufgeschlossene Investorin, wie er in Amina vor sich habe, wären ohnehin andere Anlageformen viel geeigneter. Nachdem er ihr einen Vortrag über erfolgreiches Spekulieren mit Kryptowährungen gehalten hatte, begann er ihr von einem Gewinnmodell zu erzählen, bei dem man eine kleine Summe einzahlte und durch Anwerben anderer Investoren in der Auszahlungshierarchie stiege, bis man Gewinne von 120% und mehr erreicht hätte. Wenn man sich mit weniger Prozentanteilen zufriedengäbe, würde das Anwerben weiterer Investoren eine Firma übernehmen, in die man wiederum separat investieren könne. Da war Amina aufgewacht und hatte ihm erklärt, dass diese Investitionsform bei ihr zu Hause Pyramidenspiel oder Madoffaktie genannt werde und schlichtweg Betrug sei, für den man ins Gefängnis käme. „Bei uns sind Leute damit schon sehr reich geworden“ hatte der Investmentberater entgegnet. „Wer arbeitet, hat keine Zeit zum Geld verdienen“, meinte er noch zynisch und lächelte sie mitleidig an. „Und alle 10 Jahre bricht das Casino, das Ihr Börse nennt, zusammen und die Steuerzahler müssen dem System unter die Arme greifen, wie das dann so schön heißt. Bei uns sorgt die Regierung der europäischen Union für eine Regulierung des Finanzmarktes zum Wohl aller Bürger“, hatte Amina aufgebracht erwidert, war aufgestanden und grußlos weggegangen.
Zu Hause, das war für Amina dieses Jahr Sallys und Angelas Heim. Als sie nach den 2 Wochen Quarantänecenter endlich wieder freie Luft gespürt hatte, war Amina nicht in Eile gewesen, sich eine Transportmöglichkeit nach Glendale in Montgomery County zu suchen. Sie hatte sich mit ihrem Gepäck an die Transportsammelstelle gestellt und ein paar Minuten einfach nur die noch warme Septembersonne genossen. Leider war es allerdings gar nicht so gewesen, dass sich Amina während ihres Aufenthaltes in Quarantine City zu keinerlei Käufen hatte hinreißen lassen. Schuhe, eine neue Handtasche, zwei Parfums und ein Lippenstiftset für die Frauen der Gastfamilie und noch einiges mehr hatte sie veranlasst, sich auch noch eine zweite Reisetasche zu besorgen. Wenigstens war sie aufgrund ihres braven Konsumierens nicht von einer Lichtschranke am Verlassen der vetting facility gehindert worden. Man hatte sie während ihres Aufenthaltes dort im Allgemeinen in Ruhe gelassen und keinen Polygraph Test gemacht, um herauszufinden, ob sie Terroristin wäre, aber die Tatsache, dass es kein internationales Internet gegeben und sie oft die Langeweile mit lokalem Fernsehen totgeschlagen hatte, führte dazu, dass sie meinte, schon zu wissen, worum es hier ging: „Konsumiere, damit du dich wohl fühlst und das corporate America mit dir zufrieden ist“. Das war freilich nur ein Aspekt dieser für sie neuen Welt gewesen, mit der sie in den ersten 14 Tagen auf US-Boden Bekanntschaft gemacht hatte.
An der Haltestelle stehend, hatte sie den Anblick der Landschaft genossen, die sich über der Straße ausbreitete und tiefe Dankbarkeit für das Leben in sich gespürt. Danach hatte sie sich mit einer App ein Taxi gesucht, das sie zu ihrem Ziel bringen würde. Das Taxi war ein Minivan, in dem schon zwei Fahrgäste die Rücksitze belegten. Ein Sitz vorne war ebenfalls schon besetzt, aber der zweite Sitz war noch frei. Amina hatte ihre Adresse ins Navigationssystem eingegeben und dann mit den drei weiteren Fahrgästen ein bisschen Smalltalk gemacht. Das Taxi fuhr durch die weite, offene Landschaft, die sie von ihrem Hotelzimmer aus hatte sehen können. Nach ungefähr zwei Stunden Fahrt waren die beiden Fahrgäste auf den Rücksitzen ausgestiegen, nach einer weiteren Stunde auch der Fahrgast neben ihr. In dem ruhigen Auto sitzend hatte sie die weitere Fahrt genossen. Als sie dann das Ortsschild „Glendale“ und darunter „a community that trumps“, gesehen hatte, war sie ein bisschen aufgeregt gewesen. Der i Punkt des Wortes community war wohl schon als das Schwarze einer Zielscheibe verwendet worden, in das man nicht immer getroffen hatte. Jemand musste auch versucht haben, ein Smiley in die Ortstafel zu schießen. Die rostigen Löcher der Augen und der Zähne mit den nach unten führenden Rostschlieren hatten etwas Unheimliches an sich gehabt.
Als das Taxi dann vor einem typisch amerikanischen, etwas ungepflegten Einfamilienhaus gehalten hatte, wusste sie, dass sie da war. Brenda, ihre Gastmutter, hatte den Wagen bemerkt und war herausgekommen, um Amina zu begrüßen. Sie war eine freundliche Frau in den 50ern, ziemlich beleibt und etwas ungepflegt. Ihr dürfte der Unterschied ihres Erscheinungsbildes zu dem Aminas gleich bewusstgeworden sein, denn sie begrüßte Amina, die sich seit mehreren Tagen wieder einmal ihren Auftritt erarbeitet hatte, mit einem herzlichen „Hello, my queen, welcome to our home“. Sie hatte Amina ihr Zimmer gezeigt, ein nettes Dachzimmer, ein bisschen schmuddelig zwar, aber mit einem kleinen Fenster mit Blick auf das Nachbarhaus gegenüber. Beim Abendessen hatte Amina dann die weiteren Familienmitglieder kennengelernt. Die beiden Mädchen Sally und Angela, deren jüngeren Bruder Mike und den Vater der Kinder, Greg. Man hatte über die Schule gesprochen, in der Amina das Schuljahr über mitarbeiten würde und Informationen über die Familie ausgetauscht. „Wenn ich nicht wüsste, dass du aus Australien bist, hätte ich gesagt, du bist Mexikanerin, hatte der Vater gesagt. Amina hatte erklärt, dass sie aus Österreich sei, nicht aus Australien. „Ah, Austria, Germany“, war Gregs Reaktion. Amina hatte nicht weiter erklärt, auch deshalb, weil Brenda sich daran erinnert hatte, gelesen zu haben, dass Amina in Afghanistan geboren war. „Du bist also ein Muslimgirl“, hatte Greg gemeint. „Aber das habe ich dir doch schon gesagt“, Brenda darauf. „Hier lesen wir jeden Tag die Bibel“, hatte Greg festgestellt.
