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Was ist der Preis des Überlebens? Kann die Gesellschaft nach dem Großen Kollaps noch eine demokratische sein? Melanie, Staatssekretärin im Innenministerium München, sehnt sich nach Möglichkeiten der Mitsprache. Sind die autokratischen Strukturen wirklich alternativlos? Auch ihr Leben scheint von ihnen bedroht zu sein. Verzweifelt sucht sie einen Ausweg aus persönlicher Notlage und erlebt eine überraschende Wende.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
2052
Impressum:
Damals
Heute
Die Staatssekretärin
Der Putzmann
Das System
Die Menschen
Der Chef
Friedhofs-Stille
Mahlzeit!
Feierabend
Ressourcen
Verzweiflung
Banalität
Langeweile
Freizeitgestaltung
Überleben
Die Geläuterten
Sport
Allein zu Haus
Must haves
Letzter Versuch
Angst
Wende
Beijing
Sightseeing
Geisteshaltung
Wieder daheim
Im Senioren-Resort
Impressum
Das Tagebuch der Staatssekretärin
Roman
Doris Echterbroch
Texte: Copyright by Doris Echterbroch
Umschlaggestaltungby Doris Echterbroch
Verlag:
Doris Echterbroch
Untere Mühlstr. 4
86825 Bad Wörishofen
Damals war ich ungefähr fünf Jahre alt. Als es begann, ich meine, als es richtig los ging. Natürlich kann ich mich nicht an alles erinnern. Vor allem konnte ich ja die Phänomene nicht richtig einordnen. Und somit auch nicht im Gedächtnis verankern.
Ich war fünf Jahre alt und ging noch in den Kindergarten. Mein Vater war immer sehr gestresst, wenn er mich dort ablieferte. Er musste sofort weiter fahren, um durch die um diese Zeit total verstopften Straßen zu kommen und so früh wie möglich in der Arbeit zu sein. Denn am Nachmittag musste er wiederum Punkt halb fünf Feierabend machen, um mich rechtzeitig abzuholen. Und eher bringen konnte er mich nicht, weil dann niemand in der Kita gewesen wäre. Wir fuhren so früh wie möglich und waren meistens fünf Minuten vor den Erzieherinnen da. „Alles verdammt knapp-kantig“, sagte mein Vater immer. Um dann hinterher zu schieben: „Melanie, es tut mir sehr Leid, du kannst ja nichts dafür, aber ich bin immer ziemlich unter Zeitdruck.“
Er war also ein Mann der umständlichen Worte. „Das kommt daher, dass ich Philosophie studiert habe.“
„Aber du bist doch Arzt.“, widersprach ich.
„Ja, aber vor der Medizin habe ich auch Philosophie studiert, das war gut so, denn ich bin ein Arzt, der sich mit dem Kopf, also den Gedanken des Menschen beschäftigt.“ Das konnte ich noch nicht verstehen, aber nicht lange nach meiner Einschulung konnte ich den Beruf meines Vaters richtig aussprechen: Psychiater. Oder was noch schwieriger zu sprechen und zu merken war: Facharzt für Psychiatrie.
„Melanie, du sprichst diesen Beruf besser aus als die meisten Erwachsenen.“ Darauf war ich freilich sehr stolz. Mein Vater machte mir immer Komplimente, das machte es mir leicht, dass er so gar keine Zeit hatte.
Wenn wir am frühen Abend nach Hause kamen, war unsere Haushälterin in unserem Haus zugange und servierte meinem Vater einen Tee und mir einen Kakao. Wir sprachen über unseren Tag, ich darüber, was ich im Kindergarten gespielt hatte und welches Fest vorbereitet wurde, wer an dem Tag meine beste Freundin gewesen war und wer es vielleicht morgen sein würde. Vater sprach von dem „Kranken des Tages“, das war der oder die Kranke, der ihm die meiste Hoffnung gemacht hatte, dass er oder sie wieder gesund werden würde. Namen sagte er nie, das hätte mir auch gar nichts gebracht, aber er erklärte mir die Krankheit und woher sie vielleicht kommen könnte. Alles in kindlichen, aber nicht kindischen Worten.
Ich war auch sehr stolz auf meinen Vater, und so war ich sehr glücklich mit unserer kleinen Familie, obwohl meine Mutter mir fehlte. Sie war bei meiner Geburt gestorben, und ich hatte immer Tanten und Erzieherinnen um mich herum. Auf die Abendstunden mit meinem Vater freute ich mich sehr, denn er legte keine erzieherischen Bemühungen an den Tag. Ich fühlte mich wie eine kleine, aber ernst genommene Freundin, die zu einer großen, gleichberechtigten Freundin heranwachsen würde. Und noch ehe ich in die Schule kam, hörte ich auf, mich nach einer Mutter zu sehnen. Einen Vater und eine Haushälterin, die kochte, wusch und das Haus sauber hielt, auf ihrem Weg zu unserem Haus alles einkaufte – das reichte mir, und ich genoss sogar den Frieden in unserer Familie. Denn Rosi hatte nichts zu sagen, sie stritt sich nie mit mir oder mit Vater, denn sie war ja unsere Angestellte. Vater hatte mir beigebracht, wie das höfliche Bitten und Bedanken bei Angestellten ging, und so lief alles reibungslos.
Nach dem Abendessen, das immer Punkt halb sieben aufgetischt wurde, durfte ich eine halbe Stunde das Kinderprogramm mit dem Sandmännchen sehen, in der Zeit räumte Rosi die Küche auf, und wenn sie sich verabschiedete, ging ich automatisch ins Bad und putzte mir die Zähne. Im Schlafanzug, an manchen Tagen nach dem Baden, durfte ich noch eine Weile „lesen“, ich sah mir nur die Bilder an. Aber dann las mein Vater mir noch etwas „in echt“ vor, machte das Licht aus und küsste mich auf die Stirn. Beim Hinausgehen steckte er das „Stolperlicht“ in die Steckdose und lehnte die Tür so an, dass fast kein Spalt offen blieb. Das hatten wir eine Weile geübt, denn am Anfang wollte ich, dass die Tür ganz offen blieb. Sie wurde dann alle paar Tage etwas weiter zu gemacht, so weit, wie ich es aushielt. Als sie halb zu gemacht werden durfte, bekam ich eine Belohnung: Rosi musste mir einen großen Schokoladenpudding kochen, der so fest war, dass er aus der Form gestürzt werden konnte und dabei ein bisschen wackelte. Als die Tür dann ganz fest zu war, gab es einen weiteren Pudding, aber mit einer großen Portion steifer Sahne aus einer großen Stern-Tülle. Ich hatte es geschafft, aber mein Vater nahm sich auch eine Belohnung: einen doppelten Brandy. Doch ich wusste, dass er sonst auch einen Brandy trank, denn ich sah immer das Glas in der Küche am Morgen. Nun, das waren ja vielleicht keine doppelten.
In der Früh allerdings war Rosi nicht da, und da habe ich mir auch noch eine ganze Weile eine Mutter gewünscht, das heißt: was ich mir unter einer Mutter vorstellte, weil ich ab und zu eine Mutter im Fernsehen sah. Eine freundliche Frau, die mich beim Wecken streichelt, mich ermahnt, mich rasch anzuziehen und die Zähne zu putzen, meine Zöpfe bindet und einen Kakao mit Butterbrot hinstellt.
Vater war nervös und unkonzentriert, polterte, wenn es ihm nicht schnell genug ging, denn für schnell war ich morgens einfach nicht aufgelegt. Das hat sich bis heute nicht geändert, es ist wohl ein Persönlichkeitsmerkmal. Und weil das so war, gab es sogar morgens manchmal Reibereien und gereizte Worte. Aber für ein bisschen Kakao und Kaffee brauchten wir ja keine Haushälterin. „Das wäre ja lächerlich, die steht uns dann nur im Weg 'rum, und das, wo 's doch schnell gehen muss!“
Wir waren also ein völlig harmonisches Paar, und kein Mensch war bis zu diesem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, dass bei uns irgendwas nicht stimmen könnte. Dass ich etwa aus einem „Problemhaushalt“ käme.
Bis zu diesem Monat, als sich für alle Menschen alles änderte. Jedenfalls für alle Menschen in unserem Land. Und ab dem feine Unterschiede und soziale Anerkennung nicht mehr galten. Da kam auch alles zusammen: ich kam in die Schule, wo niemand mehr so genau hinschaute, wie gut unsere Familie wirklich funktionierte. Und es brach eine sehr ansteckende Krankheit aus, die dafür sorgte, dass es nun auf jeden Fall in der Schule ganz schlecht funktionierte.
Wenn ich heute mit Mitte dreißig an diese irreale, behütete und wohl geordnete Kindheit denke, kann ich es in der Tat kaum glauben, dass es zu dieser Zeit noch so etwas gab. Vielleicht sehe ich meine Kindheit ja nostalgisch verzerrt?
Nun, im Rückblick und mit den zwischenzeitlichen historischen Kenntnissen und Erfahrungen in meinem Lebenslauf, weiß ich diese ideale Insel als Paradies inmitten grausamer Kindheitsverläufe zu deuten. Außerhalb dieser Insel, die mein Vater mir erschuf und einrichtete, gab es schon all das, was damals das Leben fast aller Kinder bestimmte: Ausbeutung durch Arbeit, sexuelle Ausbeutung, Missbrauch, Vernachlässigung und mediale Verwahrlosung, Missachtung und grenzenlose Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Nachkommenschaft und erst recht gegenüber fremden Kindern. Und sehr viel andere Gewalt gegen Kinder. Kinder zählten einfach nicht, ganz im Gegensatz zu heute. Heute sind Kinder das wichtigste auf der Welt und alles Schlimme, was ich oben aufgezählt habe, gibt es nicht mehr – nirgends.
Ich hatte Glück, fast sechs Jahre den Garten Eden auf Erden, mit meinem Vater als Gärtner. Lag das an seinem Beruf? An seinem Gespür dafür, was „der Mensch an sich“ zum Leben braucht? Konnte er sich in kleine Menschen besonders gut einfühlen? Hatte er einfach besondere Ressourcen, selbst eine gute Kindheit erlebt? Oder war es sein integrer Charakter?
Das einzige, das ich meinem Vater hätte vorwerfen können, war, dass er mich vielleicht ein bisschen zu sehr wie eine Erwachsene behandelte, lange ehe ich eine war. Als hätte er gewusst, dass ihm nicht mehr viel Zeit bliebe, um mich zu begleiten, als ich wirklich eine war.
Nun, er war auch nur ein Mensch. Er hatte Schwächen und kam an seine Belastungs-Grenzen. Ein paar Mal ist ihm sogar die Hand ausgerutscht, später, als er die Dinge nicht mehr so unter Kontrolle hatte. Als der Druck von zu vielen Seiten zunahm – die Lehrer, die Schulleitungen, Medien, die Gesellschaft und missgünstige Ignoranten. Strukturen, die eine fremde Bestimmung in unser Leben brachten.
So lange ich im Kindergarten war, änderte sich nicht viel. Da mein Vater alleinerziehend war, konnte man mir nicht die Kita vor der Nase zusperren. Manche Freunde und Kinder, mit denen ich einfach gerne spielte oder arbeitete, beim Basteln zum Beispiel, mussten aber zu Hause bleiben, damit sie sich nicht anstecken konnten und mit ihrem Virus dann die Erwachsenen und die Großeltern ansteckten. Das Virus war nun im Mittelpunkt unseres Lebens und aller unserer Gespräche, denn Vater musste mit einer Maske herum laufen, und natürlich habe ihn ausgefragt, bis er ein Loch im Bauch hatte vor lauter Fragen.
Ich merkte bald, dass er selber nicht genau verstehen konnte, was da eigentlich los war, und warum alle so aufgeregt waren. Er sagte zu mir nichts, aber es war klar, dass er eigene Gedanken hatte, schließlich war er ja auch Arzt, und er sah in seinem Fachgebiet, dass die Maßnahmen, die die Politiker erzwangen, die Leute – und nicht nur seine kranken Patienten – ganz verrückt machten.
Sprachen wir nun am Abend über seinen Tag, sagte er manchmal ganz betrübt: „Die Leute verlieren die Realität vor lauter Angst, den Verstand verlieren sie, Melanie, wie bei ganz schlimmen Geisteskrankheiten, aber eigentlich sind sie nicht krank, nicht so wie meine Patienten.“
„Was ist eine Geisteskrankheit, Papa?“, fragte ich natürlich.
„Wenn im Gehirn bestimmte Abläufe nicht funktionieren, weil bestimmte Stoffe fehlen, die dafür sorgen sollten. Weißt du, das Gehirn ist der Körperteil, der am meisten arbeitet, damit unser Körper wie geschmiert läuft: die Temperatur ist ganz wichtig, die Versorgung der Organe mit Luft und Nahrung. Und natürlich nachdenken und die Wirklichkeit erkennen. Wenn der Mensch Angst hat, dann kann das Gehirn einfach nicht mehr richtig arbeiten, dann werden das Gehirn und, natürlich in der Folge, über kurz oder lang der Körper krank.“
Ich verstand nicht alles, was mein Vater sagte, obwohl er versuchte, einfache Worte zu benutzen, aber die Medizin war für ein kleines Kind natürlich zu schwierig. Aber als ich es besser verstehen konnte, erinnerte ich mich, denn ich konnte mir schon immer alles sehr gut merken, und dann konnten wir noch einmal viel genauer darüber reden.
Damals spürte ich, dass er sich Sorgen machte. Nicht nur um mich, sondern um alle seine Mitmenschen. „Sie lassen sich wieder in diese Unmenschlichkeit hineinziehen, die schon einmal ganz viel Unheil über sehr, sehr viele Menschen gebracht hat.“, orakelte er dann. Das konnte ich nicht überprüfen, aber ich fragte: „Wie viele Menschen denn?“ „Millionen“, sagte er und streichelte mir über mein Haar. Ich wollte ihn trösten, aber ich spürte, dass seine Gedanken einfach ganz weit weg waren, wohin ich ihnen nicht folgen konnte.
Also versuchte ich, ihn wieder 'runter auf die Erde zu holen: „Und wenn ich die Rosi anstecke, das ist dann doch auch ganz schlimm, muss sie dann sterben?“
„Nein! Um Gottes willen! Lass dir diesen Unsinn nicht einreden, von niemandem!“ Und er nahm mich fest in den Arm, woran ich merkte, dass das alles, was ich nicht begriff, doch ganz schlimm war. In den Kindergarten musste ich ja gehen, aber mit der Fröhlichkeit war es nun vorbei. Nur manchmal habe ich so tun können, als würde ich an all das nicht denken, und habe laut gelacht und geschrien, getobt und geturnt, als wenn nichts wäre.
Um meinen Papa nicht zu betrüben, habe ich ihn auch nichts mehr gefragt und gewartet, bis er mir was vom „Kranken des Tages“ erzählte. In meinem Kopf hat es aber immer noch rumort und lauter Fragezeichen klapperten darin, so stellte ich es mir jedenfalls vor.
Heute weiß ich um die Situation, die damals die Stimmung der ganzen Gesellschaft bestimmte, in allen Details Bescheid. Auch um das, was die meisten Erwachsenen, die sich als gut informierte Bürger betrachteten, nicht einmal erahnen konnten.
Als Staatssekretärin im Innenministerium habe ich zu fast allen geheimen und geheimsten Dokumenten Zugang, und diese Dokumente, Protokolle, Telefon-Notizen und vieles mehr, habe ich in meinen letzten Dienstjahren gründlich studiert.
Die damals von „Verschwörungstheoretikern“ aufgestellten Erklärungen reichen nicht, um die Geheimnisse hinter den Kulissen auch nur annähernd zu beschreiben. Teilweise wurde das, was angeblich aus dieser Ecke kam, von den Regierungsmitgliedern höchstselbst in den Zeitungen lanciert, weil es eine weitere Ablenkung von den eigentlich wichtigen Vorgängen war. Im Vergleich zu den Fakten waren diese „Theorien“ schlicht lächerlich: Als würden da einzelne Individuen wie Bill Gates agieren! Humbug!
Sehr bald ist das alles bedeutungslos geworden, denn es gab nie einen ernst zu nehmenden Widerstand aus der Bevölkerung. Die pauschale Widerlegung und Diffamierung aller Kritik als „Verschwörung“ war äußerst wirkungsvoll. In ein solches Lager wollte sich kein vernünftiger Bürger hineindeuten lassen.
Die Mahnungen, die Demokratie nicht zu gefährden, haben ebenfalls keine Relevanz mehr, sie sind sehr bald ganz verstummt. Die Menschen haben sich nicht nur damit abgefunden, dass es diese Staatsform nicht mehr gibt, sondern sie fordern geradezu, dass sie autoritär regiert werden. Ein effizientes Management müsse autoritär durchgesetzt werden, gilt seit der Pandemie 20/22. Die Pandemie-Bekämpfung nach chinesischem Vorbild hatte durchaus Anklang gefunden, es war leicht, eine GESUNDHEITS-DIKTATUR vorzubereiten, wie wir sie heute vollständig installiert haben.
In meiner Kindheit hat man sich noch über andere autoritäre Staaten erhoben. Man wiegte sich selbst in der Sicherheit einer Demokratie. Doch während ich freudlos mein erstes Schuljahr hinbrachte, wurden viele Strukturen abgeschafft, die eine Demokratie ausmachen, und sie kamen auch nie mehr wieder. Die Defizite in der Digitalisierung und die vorgebliche Datenschutz-Sicherheit schienen keine Alternative zu lassen. Das Chaos im staatlichen Management der Pandemie sorgte für einen nie dagewesenen Vertrauensmangel und spielte der Diktatur in die Hand, weil die zerstörten Strukturen nur auf der Basis von Vertrauen rekonstruierbar gewesen wären. Damals nahm man sich keine Zeit zum demokratischen Diskutieren, heute, nach dem großen KOLLAPS, ist tatsächlich keine Zeit mehr dazu. Heute geht es nur ums Überleben, um das der gesamten Menschheit. Damals wurde ein unumkehrbarer Prozess initiiert, der genau in KOLLAPS und Diktatur münden würde. Nur zugeben wollte das niemand.
Als erstes schaffte man den Parlamentarismus ab. Denn der war zu schwerfällig für das Management einer Pandemie, so sagte man. Doch als die Pandemie vorbei war, fand man es auch weiterhin verzichtbar, dass wichtige Angelegenheiten von gewählten Abgeordneten entschieden werden. Viele Menschen fühlten sich wohl bei der Vorstellung, dass starke Politiker ihren GESUNDHEITS-Schutz durchsetzten, egal mit welchen Mitteln. Der Zweck heilige die Mittel, war das allgemeine Credo. Das Sicherheitsbedürfnis war erfolgreich instrumentalisiert worden. Panisch fürchteten sich viele Menschen vor jeder Art von Viren und Bakterien.
Diese Viren hatten ganz schreckliche Fratzen, spitze Ausstülpungen und grelle Farben. Und ich als kleines Kind hatte das Bild eines Monsters in meinem Kopf, denn wie sollte ich verstehen, dass das nur unbeholfene Bilder von etwas waren, das man gar nicht sehen konnte, nur Computeranimationen?
„Auch viele Erwachsene stellen sich das Virus genauso vor, wie es immer im Fernsehen gezeigt wird. Weil es eine perfekte Computerzeichnung ist, glauben sie, es handle sich um ein Foto. Tatsächlich hat es gar keine Farben, denn wo es sich aufhält, gibt es gar kein Licht, und wo es kein Licht gibt, das gebrochen werden könnte, gibt es keine Farbe. Fische und andere Meerestiere, die ganz tief am Grund des Ozeans leben, haben zum Beispiel auch gar keine Farbe.“
„Aber diese Stacheln?“, ließ ich nicht locker.
„Um einen so winzigen Organismus zu sehen, muss man ein ganz starkes Elektronen-Mikroskop benutzen: das stärkste. Und ein noch stärkeres, mit dem man auch die Stacheln genau sehen kann, gibt es nicht. Vielleicht hat es Stacheln, aber wie sie aussehen, ist reine Fantasie.“
Obwohl mein Vater doch Doktor war und schon einiges unter dem Mikroskop gesehen hatte, fiel es mir sehr schwer, ihm zu glauben. Denn die Lehrerin erzählte uns üble Schauergeschichten über dieses böse Virus, und alle Kinder glaubten ihr. Also behielt ich meine Zweifel und die „Widerworte“ meines Papas für mich, um nicht ganz allein außerhalb der Klassengemeinschaft zu stehen.
Ein Freundschaftsgefühl wie im Kindergarten gab es im ersten Schuljahr sowieso nicht, und ich war sehr enttäuscht und traurig. Auch das Lernen machte mir viel weniger Spaß, als ich in meiner kindlichen Vorfreude erwartet hatte. Ständig änderte sich unser Stundenplan, dann wieder mussten wir ganze Wochen zu Hause bleiben. Die Maske verkleidete uns, ich wusste nicht, was meine KlassenkameradInnen wirklich von mir dachten.
Natürlich bekam mein Vater ein Problem, denn er hatte keine Frau, die zu Hause auf mich aufpasste, und ich hatte keine Mutter, die mit mir die Lernaufgaben durchging. Ich machte die Lernaufgaben am Abend mit meinem Vater. Er blieb jeden Abend zu Hause, denn Theater und Kinos, Restaurants und Cafés waren wegen der Viren zu. Meine Babysitterin durfte auch nicht kommen. Nur mein Vater und ich. Das war ja vorher nicht viel anders gewesen, aber nun, so gezwungen, wurde es blöd.
Wenn ich überhaupt Schule hatte, dann nur bis Mittag, der Hort blieb zu. War er doch offen, hatte ich selbst dort dank Maske und Abstand nicht das Gefühl, mit den Kindern zusammen zu leben. Ich vermisste den Kindergarten mehr, als ich mir das zuvor hatte vorstellen können. Der war Teil meiner Familie gewesen, und die war auf einmal so schrecklich geschrumpft. Rosi kam nur noch schnell, um die Hausarbeit zu machen, aber sie durfte zeitweise nicht einmal mit mir in einem Raum sein, nicht mit mir spielen, sich nicht mit mir beschäftigen.
Dieser lange Tag, bis mein Vater nach Hause kam, war mir ganz arg. Ab und zu rief mich Papa an, fragte mich, was ich mache. Aber weil ich mich so einsam fühlte, fehlte mir mehr und mehr die Lust, überhaupt irgendetwas zu machen. Ich wurde immer schlapper, und alles, was ich in meinem Kinderzimmer hatte, interessierte mich immer weniger.
Das Schlimmste aber war, dass ich bald das Gefühl hatte, gar nicht mehr richtig zu der Welt zu gehören. So als wäre ich auf einem anderen Planeten, ganz allein, mit Ausflügen zur Erde, wo ich aber immer nur Gast war. Ich fühlte mich nicht mehr daheim, obwohl ich doch ganz viel in unserem Haus „daheim“ war. Aber dieses „Daheim“ kam mir plötzlich wie eine Mausefalle vor, wie eine einsame Schachtel, in die ich eingesperrt war. Da halfen auch nicht mehr die Werbeplakate und Broschüren der Möbelhäuser, die in unserem Briefkasten lagen: Auf denen stand in Goldbuchstaben und verheißungsvoll vergrößert und verziert das Wort „Zu Hause“ und „Für Ihr Daheim“, als handele es sich um das Tollste überhaupt. Es war Hausarrest und basta.
Draußen durfte ich auch nicht spielen, sogar die Spielplätze waren abgesperrt mit rot-weißen Bändern, und alle Kinder waren in ihren Wohnungen, so dass es auch dort gar keine Spielkameraden gab. Natürlich ging ich mit meinem Vater spazieren, und am Wochenende gingen wir wandern, aber wir konnten nirgends einkehren, den Spielplatz beim Biergarten nicht benutzen, auch niemanden in unseren Garten einladen. Wir spielten zwar Tischtennis und Federball, aber ehrlich: Ich hatte mich noch nie so sehr mit meinem Vater gelangweilt, es war einfach immer dasselbe: nur wir zwei! Mit der Zeit wurden wir sogar beide grantig aufeinander. Wir hatten uns „dick“, wie man in Bayern sagte.
Das Versteck für mein Tagebuch ist nicht mehr sicher. Es gibt eine neue Reinigungskraft, selbst die sind inzwischen alle männlichen Geschlechts, und nach meinen Beobachtungen ist dieser junge Mann nicht nur besonders gründlich, er schert sich auch null um eine Privatsphäre. Männer sind als Putzmänner zuverlässiger, sie haben weniger Skrupel jemanden zu denunzieren.
Tatsächlich dürfte ihm, meinem putzenden Kollegen, der Begriff „Skrupel“ sogar gänzlich unbekannt sein. Manche Wörter verschwinden seit zwanzig Jahre einfach sang- und klanglos von der Bildfläche. Die wenigen Geisteswissenschaftler, die sich mit alten Texten auseinandersetzen, dürfen nicht mehr veröffentlichen. Antiquierte Ausdrucksweisen werden von den Algorithmen heute automatisch gelöscht. Bücher auf Papier gibt es nicht mehr. Auch Privatbestände wurden komplett eingesammelt und eingestampft. Um daraus Papier herzustellen, das dringend in den Verpackungsbetrieben benötigt wird. Aber vor allem, damit niemand mehr diese Bücher kennt oder gar liest. Digitale Ausgaben davon gibt es nur in einer geheimen Regierungs-Cloud. Zugänglich nur für höchste Beamte wie mich. Natürlich nur zu beruflichen Zwecken.
Was ich privat denke über das, was ich beruflich lese, kann noch niemand kontrollieren, wenn ich es nicht veröffentliche oder einem Mitmenschen mitteile. Noch sind meine Gedanken relativ frei. Aber damit bin ich in einer äußerst privilegierten Situation, werde allerdings auch besonders scharf überwacht, sollte mir doch einmal auch nur der Bruchteil eines freien Gedankens in irgendein sprachliches Medium geraten. Dass mein dienstlicher Computer ein „offenes Buch“ ist, dürfte jedem Realisten klar sein.
Dass jedoch auch jedes Wort, das ich zu einer intimen Freundin sprechen würde, oder das ich auf das Klopapier schreiben würde, zum üblichen Zweck benutzt, dann ins Klo spülte, ebenfalls der Überwachung bekannt wird, glaubt die Mehrheit der Bevölkerung noch nicht. Das ist meine Einschätzung, denn wissen kann ich das nicht. Es äußert sich niemand mehr, nicht nur aus Angst, viele sind inzwischen zutiefst überzeugt, dass eine eigene Meinung zu haben, moralisch verwerflich und ein Fehler ist. Denn da staatsbürgerliche LOYALITÄT die einzige Überlebenschance ist, hat sich das SCHWEIGE-Gebot ins Gehirn eingebrannt.
Und nun habe ich ein existentielles Problem. Ich will mich äußern. Ich kann nicht mehr leben, wenn ich nicht wenigstens irgendwo aufschreibe, was ich weiß, was ich denke, was ich glaube. „Was ich glaube“ heißt nicht, dass ich mich zu einer Konfession oder Religion bekennen möchte, sondern ich meine damit, wie ich die zukünftige Entwicklung aufgrund der mir bekannten Fakten voraussehe. „Glauben“ in einem religiösen Sinne – das gibt es nicht mehr. Diese Geisteshaltung ist ersetzt durch LOYALITÄT, und diese ist zwingend, mehr als es jeder Glaube je war, selbst zu Zeiten der unbarmherzigen Inquisition.
Am besten beweist man LOYALITÄT durch den Eintritt in die PARTEI. Nicht dass man Parteiversammlungen, Indoktrinierung oder Schulungsabende zu befürchten hat, Appellplatz oder folkloristische Veranstaltungen. Weder Vorteile sind zu erhoffen, noch respektive Nachteile zu befürchten. Es passiert den meisten gar nichts, aber wenn man eine Familie gründen will, sollte man den Beweis seines Verantwortungsbewusstseins durch Mitgliedschaft antreten, sonst wird es sehr schwierig.
Wer mehr weiß als der gemeine Bürger, muss vorsichtig sein. Sehr vorsichtig, denn wie schnell ist einem mal so ein Wort herausgerutscht. So ein Wort wie „nachdenken“ oder „diskutieren“. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre stumm. Paradoxerweise hinterlasse ich trotz aller Beherrschung Spuren meines Nachdenkens. Ich kann nicht anders, vermutlich habe ich die Philosophie inklusive Mitteilungsdrang von meinem Vater geerbt. Und jetzt gibt es also dieses Tagebuch. Ich werde es doch zu Hause aufbewahren müssen, obwohl das sehr viel gefährlicher ist, als hier im Büro. Aber dieser Reinigungsmann macht mich nervös.
Im Moment bin ich aber auch ohne dieses Problem nervös. Heute morgen kam mein Chef in meine „Kemenate“. Tatsächlich ist mein Büro der einzige beheizte Raum im Ministerium, aber nicht, weil ich das Privileg einer Heizung hätte, sondern weil zufällig ein Rohr mit warmem Wasser aus der Fernwärme durch diesen Raum in die Kantine führt. Zunächst fühlte ich mich degradiert, als mir diese „Abstellkammer“ angewiesen wurde, aber sie ist technisch bestens ausgestattet, und die abseitige Lage gewährt mir viele Vorteile. Solange ich meine Arbeit mache, natürlich. Im Moment ist die „Heizung“ allerdings überflüssig wie ein Kropf, denn wir haben April.
Da Müller selten kommt, meist lässt er mich zu sich rufen, befürchte ich, bereits aufgeflogen zu sein. Sehen kann man es ganz sicher noch nicht. Aber da man natürlich über meinen Zyklus Bescheid weiß, liegt es auch nicht so fern, dass man auch über meinen Verbrauch an Hygieneartikeln im Bilde ist. Ich habe in den ersten zwei Schwangerschaftsmonaten die für mich übliche Menge gekauft– sicher ist sicher. Aber ich kann nicht ausschließen, dass mein Putzmann daheim seine Beobachtung: „kein Blut im Abfalleimer“, weitergegeben hat. Hätte ich selbst meinen Abfall im Container entsorgt, wäre das noch auffälliger gewesen. Reinigungskräfte bekommen in ihren Kursen strikte Anweisungen, und Beamte bekommen nur die zuverlässigsten Putzleute zugeteilt. Sie sind zu hoch bezahlten Fachkräften avanciert und riskieren ihren Job niemals, indem sie auf eine Denunziation verzichten.
Die Akte, die mir „der Alte“ brachte, war allerdings besonders brisant, schon allein durch die Tatsache, dass sie eine der sehr wenigen Papierakten war. Aber was an ihr war so wichtig, dass sie noch nicht digitalisiert war? Und wäre denn eine so hochnotpeinliche Akte auf meinem relativ einfachen Schreibtisch nicht deplatziert? Auch die Art, wie Müller sich umsah, ist mir nicht geheuer. Er täuschte ein brandneues Interesse für meine Zimmerpflanzen vor. Vermutet er Verräterisches im Substrat? Unter dem Blumentopf? Eigentlich müsste ich beleidigt sein, dass er mich für so blöd hält. Oder war das nur ein Test? Wertet er jetzt die Bilder der Videoüberwachung aus, um meine Körpersprache auf emotionale Unsicherheit zu untersuchen?
Aber auch ich bin in unzähligen Spezialkursen dazu ausgebildet worden, in jeder, wirklich jeder Situation ein undurchdringliches Pokerface zu zeigen, und sollte man mir einen zu Tode misshandelten nächsten Verwandten präsentieren. In einem SYSTEM wie dem unsrigen ist das Problem nicht, dass alle durchsichtig sind. Das sind sie mitnichten. Das Problem ist vielmehr, dass es buchstäblich niemanden mehr gibt, dem du trauen kannst, und sei es dein Intimpartner – dem erst recht nicht! - oder dein Elternteil. Das Bedürfnis, jemandem etwas anzuvertrauen, ist praktischerweise gleich mit ausgerottet worden.
Nur bei mir hat es nicht geklappt. Vielleicht, weil ich ein so vertrauensvolles Verhältnis zu meinem Vater hatte, vielleicht weil ich durch mein mutterloses Aufwachsen meine ganze Vertrauensfähigkeit auf ihn projiziert habe? Er hat mein Vertrauen auch niemals, nicht ein einziges Mal, enttäuscht. Dass ich trotzdem ein solch „gesundes“ Misstrauen und eine moralische Selbständigkeit entwickeln konnte, ist ein psychologisches Rätsel, das mein Vater hätte entschlüsseln können, ich aber nicht. Dieses Paradoxon von Anvertrauen und Misstrauen hat im Wesentlichen mein Überleben ermöglicht. Ich kann mich ganz geborgen fühlen, solange ich keinem leibhaftigen Menschen auch nur das Geringste anvertraue. Irgendwann ist es ganz einfach, dann ist dein „Trick“ deine zweite Haut.
Aber was mache ich bloß mit diesem unlösbar-rätselhaften Geheimnis meiner Schwangerschaft?
Wie unter Zwang gehe ich zum hundertsten Male alle Möglichkeiten durch. Das sind nicht viele. Ganz ausgeschlossen ist es, das Kind auszutragen. Die Optionen für eine legale Abtreibung sind ebenfalls gleich null. Und eine illegale ist in meiner Position höchst riskant, wenn auch das einzige, was mir übrigbleibt.
Ginge ich nach meinem Herzen, eine Metapher, die es nur noch in meinem „g'spinnerten“ Hirn gibt, würde ich das Kind bekommen. Ich sehne mich geradezu danach, ein kleines Wesen in meine Arme zu schließen, aufzuziehen und vor dieser Welt zu beschützen. Aber wer nicht verheiratet ist, hat keine Chance, das eigene Kind in seiner Obhut zu behalten. Gleich nach der programmierten, überwachten Geburt wird es einem „zuverlässigen, LOYALEN“ Ehepaar übergeben. Versuche, das Kind zu finden, auch nur eine noch so obskure Spur zu verfolgen, werden ohne Anhörung, Beweisvorlage oder Richterspruch mit einer Gefängnisstrafe geahndet – so hörte ich, Dokumente, die das belegen, habe ich noch keine gesehen.
Auf diese Weise gibt es nicht nur keine alleinerziehenden Elternteile mehr, es gibt überhaupt keine Kinder mehr, die unter „unmoralischen“ Umständen aufwachsen. Auch wer verheiratet ist, darf das Kind nur behalten, wenn er einen einwandfreien Leumund vorweisen kann. Neben dem Ehestand gehören dazu finanzielle und soziale Absicherung der Familie, ein „anständiger“ Beruf und das PARTEI-Buch. Niemand ist mehr berechtigt, einfach so aus persönlichen Bedürfnissen oder „aus Zufall“ Eltern zu werden. Wer andeutet, ein Kind „aus Liebe“ oder sonstigem Eigennutz zu wollen, wird zwangssterilisiert. Einzig gewollt ist das Kind, das aus gesellschaftlicher Verantwortung gezeugt und in gesellschaftlichem Interesse aufgezogen wird. So legt es das „Gesetz zur wissenschaftlich grundierten Reproduktion“ fest, an dem ich mitgewirkt habe.
Ich habe es mir aber nicht ausgedacht. Auch zu Einwänden und Vorschlägen war ich nicht befugt. Ich musste es nur juristisch bearbeiten. Die Formulierungen waren wasserdicht und unangreifbar zu feilen. Nicht, dass es jemanden geben würde, etwa einen Gerichtshof, der sie angreifen könnte. Es gibt auch keine NGO-Institutionen, denen das erlaubt wäre. Formulierungen sind Mittel der Macht. Macht über die Autoritäten, die imstande wären, diese Formulierungen zu lesen: ehemalige Wissenschaftler, hohe Beamte und ausführende Ämter, deren Leitungen und Anwälte.
Als ich daran arbeitete, blutete mein Herz. Ich dachte an meine glückliche Kindheit mit meinem alleinerziehenden Vater. Ich dachte an seine Liebe, seine Vernunft, seine Intelligenz und an seine Wärme. An seine Einfühlung und Behutsamkeit. Das alles ist nicht mehr erwünscht in den Familien. Erwünscht ist nun die Wärme und Würde einer professionellen Erziehung. Eine technisch einwandfreie Sozialisation zum wertvollen, LOYALEN Weltbürger.
Das will ich meinem Kind nicht antun, das kann ich nicht! Es ausliefern und nie mehr wissen, was ihm in seinem Leben geschieht? Es zum Instrument einer totalitären Regierung machen lassen?
Dabei sollte ich nicht so empfindlich sein. Ich selbst bin so ein Werkzeug, ein perfekt funktionierendes. Bis auf meine Gedanken, aber solange diese nicht in Handeln transformiert werden, nützen sie auch nicht zum Widerstand. Noch hüte ich mich, aus meinen kritischen Gedanken Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber mehr und mehr kommt es mir sinnlos vor, mich zu hüten. Ich muss wirklich gut auf mich aufpassen, damit ich nicht eines Tages ganz unbedacht das Risiko der Sanktionen eingehe. Vielleicht würde es mir ja doch Leid tun, dieses ruhige und relativ komfortable Leben aufgegeben zu haben.
Ich lebe nicht mehr sehr gern, aber wenn ich schon lebe, dann lebe ich doch lieber in meinem klimatisierten und elegant eingerichteten Appartement. Auch, wenn ich die Hoffnung, in meinem Beruf etwas zum Positiven verändern zu können, längst aufgegeben habe, ist diese Tätigkeit in vielerlei Hinsicht angenehmer als die meisten anderen. Außerdem kann ich nicht den Job wechseln wie beispielsweise eine Lehrerin. Ich trage zuviele Regierungsgeheimnisse mit mir. Würde ich kündigen, auch nur die Behörde wechseln, müsste man mich liquidieren. Außer man würde mich aus Regierungsinteresse an eine andere Behörde versetzen. Das würde aber für mich keine Verbesserung bringen, weder was das Gehalt, noch was die Art der Tätigkeit angeht. Ich werde mein Leben lang juristische Formulierungen überprüfen. Das ist langweilig, besonders bei meiner Ausbildung, aber bequem. Ich könnte in die Abteilung „INNERER FRIEDEN“ wechseln, die pazifistische Erziehung in den Schulen, Tagesstätten und Betrieben obliegt nämlich ebenfalls unserem Ministerium. Aber brauchen die eine Juristin? Gewaltfreie Konfliktlösung? Ist wohl mehr was für Pädagogen. Für die Prävention. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, bin ich zwar kompetent, aber nicht mehr hilfreich. Volks-pädagogische Sanktionen gehören nicht zum Instrumentarium. Das UNLEBENSZENRUM ist kein Gefängnis. Aber was dann?
Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Unrecht klar sehe, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Die Alternative ist, meine Liquidierung zu riskieren – wem würde das nützen? Sehr, sehr selten habe ich die Möglichkeit, innerhalb meiner legalen Kompetenzen eine Person vor der Willkür der ORDNER zu schützen. Dazu muss ich unauffällig und anonym einen allgemeinen Kommentar zu einem Gesetz aufsetzen, das noch in der ZENTRALREGIERUNG zur Verabschiedung ansteht. Dann muss ich sehr geschickt und vorsichtig diesen Text in die Hauspost an mich adressiert schmuggeln, um ihn dann zu melden wie eine Denunziantin. Es gibt zwar einen technischen Trick, der den Absender nicht rückverfolgbar macht, dennoch könnte man mich im Verlauf derAktion erwischen. Ich mache das ehrlich gesagt fast nie, es müsste schon um Leben und Tod gehen.
Der Tod ist allerdings nicht das Schlimmste, was einem Individuum drohen kann. Die Folter, die dem Tod vorausgeht, das Auslöschen der Persönlichkeit, ist sehr viel grausamer, und oft gelingt es ihnen, das anschließende UNLEBEN so zu verlängern, dass der Delinquent/die Delinquentin den Suizid forciert betreibt, ohne ihn jedoch realisieren zu können. Die Überwachung wird lückenlos und brachial praktiziert, kaum jemand hat auch nur den Hauch einer unbeobachteten Chance. So jedenfalls heißt es, wenn es denn überhaupt je kommuniziert wird im großen SCHWEIGEN.
Andererseits ist ihnen ein Menschenleben gleich, sie werden, wenn es sein muss, zu Tausenden liquidiert, lautlos ohne jedes Aufsehen. Der Holocaust unter Hitler vor hundertzwanzig Jahren war dagegen eine primitive Stümperei, die für jeden offensichtlich war. Bei uns sieht man nichts, hört man nichts, riecht auch nichts. Nur eine Handvoll Beamter weiß vom Verschwinden der Menschen. Natürlich schweigen sie, denn auch ihnen droht die Höchststrafe: das UNLEBEN.
Ich bin eine dieser Handvoll Beamten und Beamtinnen. Ich konnte mir diese Position nicht aussuchen. Als ich begann, Jura zu studieren, wusste ich nicht, dass meine Berufswahl damit festgelegt ist. Die Wahlfreiheit im Beruf wurde erst vor zehn Jahren abgeschafft. Auch die freie Wahl des Studiums oder anderer Berufsausbildungen gibt es nicht mehr. Sie ist ersetzt durch viele gestaffelte Eignungstests. Das Ergebnis und der Bedarf an Tätigkeiten bestimmen den Berufsweg.
Die Eignungstests beginnen nach der Primarschule mit zwölf Jahren. Sie sind psychologisch perfekt ausgetüftelt und zeigen, was das Kind kann, völlig gleich, was es sich wünscht, wovon es träumt. Sie werden laufend wiederholt, aber es gibt keine Noten, und Anstrengung für eine Leistung braucht es auch nicht mehr. Es existiert auch das Wort „Leistung“ nur noch im Zusammenhang mit technischen Geräten oder Energie.
Es ist für die Menschen ein gutes Gefühl, dort eingesetzt zu werden, wo sie ohne Mühe ihre Kompetenzen umsetzen können, und wo sie gebraucht werden. Burnouts sind out. Nur die eine oder andere Frau, die man für einen Frauenberuf vorgesehen hat, gemäß des Vorurteils, dass sie bestimmte Dinge besonders gut kann, wird sich fehl am Platz fühlen. Das betrifft vor allem die sozialen und pflegerischen Berufe. Aber eigentlich auch mich. Verzeihen Sie mir meine Abschweifung. Aber um unsere Gesellschaft zu verstehen, braucht es eben einen ausschweifenden Guide.
Die Menschen sind zufrieden mit diesem System. Jeder bekommt einen Arbeitsplatz und ein Gehalt. Arbeitslosigkeit ist unmöglich. Sobald ein Arbeiter freigestellt wird, weil zum Beispiel Produktionsabläufe umgestellt oder neue Produktionsstätten errichtet werden, wird er an einer anderen Stelle eingesetzt und, falls nötig, umgeschult oder weitergebildet. Das rigorose Liquidieren und Schwund durch Krankheit ganzer Bevölkerungsmassen schafft einen entsprechend hohen Bedarf an Arbeitskräften.
Es gibt viele Menschen, die begeistert sind: das Arbeitsamt, das nicht mehr den Mangel an Arbeitsplätzen verwaltet, sondern ZÜGIG „durchoperiert“, bis alle Arbeitsplätze besetzt sind, ist in ihren Augen eine echte Verbesserung. Bummel- und Wechselstudenten gibt es genauso wenig wie Drückeberger und Alkoholiker. Das Elend ist komplett von den Straßen verschwunden. Die Menschen sind mit einem Ziel unterwegs und bewegen sich ZÜGIG. Straßencafés voller Besucher, wie ich sie während meines Studiums noch gelegentlich aufsuchte, meist mit meinem Vater, prägen keine Stadt mehr, nicht einmal die Verwaltungs-Hauptstadt, Universitätsstädte mit hoher Café-Dichte gibt es nicht mehr, weil „Akademiker“ an ihren künftigen Arbeitsplätzen ausgebildet werden, nur in Kurorten gibt es noch eine bescheidene Anzahl an Kaffeehäusern.
Wir sind fleißig geworden, so wie es einst die Bienen waren. Wer krank ist und nicht arbeiten kann, muss sich im MEDIZINISCHEN ZENTRUM behandeln lassen, auch wenn es nur eine leichte Grippe ist. Wer auf die Behandlung nicht anspricht und nicht innerhalb einer Woche, bei Tumor-Erkrankungen innerhalb drei Wochen, wieder arbeitsfähig wird, verschwindet. Aus dem MEDIZINISCHEN ZENTRUM kommt man nur gesund oder gar nicht heraus, sagt der Volksmund.
„Der Volksmund“ ist aber lediglich eine Metapher, es gibt nirgends eine Plattform, wo sich ein solcher Volksmund formulieren könnte. Es gibt nicht einmal mehr „das Volk“. In den wenigen öffentlichen Lokalen, Institutionen oder an Plätzen, in den Wohnungen und an den Arbeitsplätzen ist die Überwachung streng, flächendeckend. Es hat sich daher ein allgemeines SCHWEIGEN breit gemacht. Die Zeitung ist nur online verfügbar und enthält ausschließlich offizielle Mitteilungen der ZENTRALREGIERUNG und der Verwaltung. Wesentlich sind nur Nachrichten aus unserer Region, sie bestimmen über unser Leben.
Das „Lesen“ ist Pflicht, online-sein ist Pflicht. Der Computer hat seit sieben Jahren seinen An-/Aus-Knopf eingebüßt. Ob man „liest“, kann überprüft werden. Ein Häkchen machen geht nicht, die Zeitung anklicken und weggehen, sich abwenden, Ohrenschutz tragen, geht nicht, man muss jede Nachricht, die man gehört hat, mit eigenen Worten wiedergeben.
Wer sich nicht den Befehlen des Computers beugt, wird abgeholt. Eine rechtfertigende Begründung wird nicht gestattet. Ich hatte eine Nachbarin, die die Zeitung nicht hören konnte und nicht reagieren konnte, weil ihre Mutter einen Schlaganfall bekam, und sie mit ihr ins MEDIZINISCHE ZENTRUM fuhr.
Das ließ man ihr nicht durchgehen und erst recht nicht, dass sie bis Abends bei ihr blieb und sie beim Sterben begleitete. Tatsächlich hatte die Frau noch am späten Abend die Zeitung hören wollen, sie wusste nicht, dass sie um zehn Uhr abgeschaltet wird, denn sie hatte sie gehorsam immer früh vor Arbeitsbeginn „gelesen“. Sie wurde ins MEDIZINISCHE ZENTRUM eingewiesen und kam nie mehr zurück. Nirgendwohin.
Zufällig habe ich in einem völlig anderen Zusammenhang in Erfahrung gebracht, dass sie ins UNLEBENSZENRUM überstellt worden war.
Würden solche Vorfälle täglich in der Zeitung stehen, würde sie jedermann für unwahr oder unwahrscheinlich halten. Die Geheimhaltung indes sorgt dafür, dass sie jedem bekannt sind, ohne dass man es glauben kann oder mag. Und dafür, dass sich alle heimlich innerlich ducken, um der absoluten Willkür zu entgehen. Sicher kann sich niemand sein, denn was zu einer Überstellung ins UNLEBENSZENTRUM führt, weiß auch niemand so wirklich. - Außer mir.
Ich hätte meine Nachbarin retten können, hätte sie warnen können, ihr helfen können, irgendwie. Aber ich erfuhr zu spät davon. Erst als sie vom Sammeltaxi des MEDIZINISCHEN ZENTRUMS abgeholt wurde. Und nur über meine geheimen Quellen erfuhr ich dann die Einzelheiten.
Mit jemandem reden ist immer gefährlich. Klatsch und Tratsch gibt es nicht mehr. Es ist uns gründlich ausgetrieben worden. Wir alle reden kaum noch. Einfacher Informations-Austausch ist noch möglich. Wer bestellt die Kinderkleidung? Was braucht man für den Waldspaziergang am Wochenende? Ist die vorhandene Schutzkleidung noch sauber? All das ist unverdächtig, Organisation des Haushalts und der Familiendinge gilt sogar als besonders LOYAL. Auch Konsum ist ein unverfängliches Thema mit Lebenspartnern oder Kindern. Konsum ist erlaubt, er ist meist aus recycelten Materialien. Überkonsum ist nicht mehr erlaubt, und darüber hinaus auch fast verunmöglicht.
Zwangsläufig musste man die Freiheit eines grenzenlosen Konsums aufgeben, doch den gab es schon zuvor auch nur für wenige Menschen. Die meisten hatten für hochwertige Güter keine Mittel, und die billigen Massengüter wurden von diesen Ärmsten der Armen zwar hergestellt, sie selbst aber konnten sie sich nicht leisten. Sie waren reine Sklaven, die mit billigsten Gebrauchtwaren abgespeist wurden.
Heute muss niemand mehr hungern, schlechtes ungesundes Essen verzehren oder in einem Slum leben. Jeder kann seinen bescheidenen Standard ohne schlechtes Gewissen genießen, denn er verhält sich auch ökologisch verantwortungsvoll. Oder ist er nur gehorsam?
Ich schrecke aus meinen Gedanken auf, weil der Instant-Messenger ein helles Glockenzeichen von sich gibt.
„Kommen Sie bitte zur Besprechung in mein Büro!“, höre ich die schnodderige Stimme, zucke aber dank Disziplin nicht zusammen.
Wie kann ich meine Nervosität so schnell herunter dimmen? Sie nur verbergen, reicht nicht. Der Lügendetektor meines Fitnessbands, der meinen Blutdruck, meinen Puls und die Hautfeuchtigkeit misst, lässt sich nicht überrumpeln. Es geht nur über meinen Kopf, mein Gehirn, genauer über mein limbisches System. Dem muss ich jetzt beibringen, dass es keine Gefahr gibt. Dieses System allein regelt meine physischen Parameter.
Ich werfe noch mal einen „Blick“ auf meine Liste der Möglichkeiten und fasse einen Entschluss: Ich werde diesen kleinen, süßen Embryo mit einem Gift töten. Es ist brutal für mich, aber ich habe keine Wahl. Ich darf nicht mehr warten. Ich kenne keine „Kräuterfrau“ und kann niemanden danach fragen. Ich muss in ein gewisses Stadtviertel gehen. Mich in den Drogerien umsehen. Es gibt kleine geheime Zeichen auf manchen Verpackungen.
Gefasst verlasse ich mein nicht verschließbares Büro, gehe an der Kantine vorbei zum Lift und fahre in den obersten Stock. Hätte der Fahrstuhl einen Spiegel, wie früher, könnte ich den Erfolg meines selbst-therapeutischen Wirkens überprüfen. Aber meine Hände sind trocken, mein Puls normal, warum sollte mein Gesicht erhitzt sein? Die Luft im Haus ist angenehm kühl, im Vergleich zur Bruthitze da draußen. Und auch im Vergleich zu meinem Büro, in dem sich die Kühlanlage mit dem Warmwasser-Rohr fetzt.
„Guten Tag, Herr Müller, was kann ich für Sie tun?“
„Haben Sie vergessen, dass wir uns heute schon begrüßt haben? Wo sind Ihre Gedanken?“
„Entschuldigen Sie, ich habe gerade einen komplexen Text auf meinem Tisch.“
„Womit beschäftigen Sie sich? Heute morgen waren Sie entspannter.“
„Mit dem Wohnraum-Gesetz, Herr Müller. Protzl hat darauf bestanden, dass eine Ausschlussbestimmung für junge Erwachsene unter achtzehn hinein muss. Das geht nur mit einer unverfänglichen Formulierung.“
„Machen Sie sich da nicht so einen Kopf, Sie nehmen die Erlasse zu ernst, die sollen doch nur den Schein wahren.“
„Ja, Sie haben Recht, aber gerade den Schein kann man nur mit raffinierten Formulierungen wahren, die rechtlich glatt durchgehen.“
„Ich halte sehr viel von ihren juristischen Kompetenzen. Was von Ihrem Schreibtischkommt, hält immer den ORGANEN stand.“
„Die ORGANE haben ein Interesse daran, dass meine Formulierungen ihnen standhalten. Besonders die, die ebenso wie wir, für den INNEREN FRIEDEN zuständig sind.“
„Oh, so empfindlich sind die gar nicht. Gegen ein bisschen Durchgreifen mit Hilfe der BEWAFFNETEN ORDNER haben die nichts einzuwenden. Damit hat man die Menschen gleich wieder besser im Griff. Sie machen sich zuviel Mühe, meine liebe Frau Weller!“
Mir wird wieder unbehaglich bei soviel Schmeichelei, doch nur vorübergehend, denn das ist nichts weiter als das übliche Geplänkel, mit dem er eine Rüge einleitet. Der „liebe Herr Müller“. Ich reiße mich zusammen, was mir bei Wut besser gelingt als bei Angst, außerdem wird Wut nicht geahndet, wenn sie ohne Worte bleibt und sich nicht gegen das SYSTEM richtet. Wut gegen Einzelpersonen ist sogar beim Chef gestattet. Ich wundere mich, dass man uns gerade diese Freiheit gelassen hat. Vielleicht, weil sie ein harmloses Ventil ist? Der „Wutbürger“ der Zehner-Jahre war auch eine ungefährliche Erfahrung für den damaligen Staat. Hunde, die bellen, beißen immer noch nicht.
„Was kann ich jetzt also für Sie tun? Wollen Sie noch mal die Begründungen für die Einweisungen durchgehen?“
„Nein, ach was, da gibt es keine Fissimatenten! Kurzer Prozess, kein Aufsehen, Sie wissen ja, das ist die Hauptsache. Nein, ich wollte sie wegen einer privaten Angelegenheit sprechen.“
Ich danke dem Hausmeister für die Kühlschrank-Temperaturen beim Chef, halte die Contenance auch, weil ich weiß, dass er es gerne spannend macht. Im Gegensatz zu vielen anderen, hat er die Freude an ausschweifender Kommunikation nicht verloren. Vielleicht, weil man sich als Abteilungs-Chef einiges mehr leisten kann, als eine kleine Staatssekretärin? Eine forsche Lippe? Oder einen kessen Spruch? Wer noch „Fissimatenten“ sagt, hat noch andere unterhaltsame Methoden drauf, den Bogen zu überspannen. Was will er jetzt also?
„Sie sollten wieder ein bisschen abnehmen, Ihr Rock wippt nach vorn-oben!“
Mein Erschrecken kann ich in Empörung umlenken. „Aber Herr Müller! Ich hatte in letzter Zeit leider ein paar offizielle Arbeitsessen in der Kantine. Da durfte ich nicht mäkelig sein.“
„Ist ja schon gut, Entschuldigung, aber die Akte heute morgen – was halten Sie jetzt davon? Wollen Sie sie auch noch mal digital sehen, und – ja, ich würde sagen, Sie bearbeiten sie ein bisschen!“
„Es handelt sich um einen längst vergangenen Vorgang, den ich nicht rückwirkend korrigieren kann, oder was meinen Sie damit?“
„Doch, genau das können Sie, und nur Sie können es auf Ihre unnachahmliche Art. Nur Sie können sich noch so ausdrücken, dass die Einfügung, die Korrektur, wenn Sie so wollen, ganz unauffällig ist. Formulieren ist Ihre Kompetenz. Die komplizierten Gesetzestexte sind Ihre Kompetenz. Also erzählen Sie mir nicht, dass es auf diesem Gebiet etwas gibt, das Sie nicht können!“
„Dazu müsste ich die Akte noch mal in aller Ruhe von vorne bis hinten lesen. Sonst kann ich diese diffizile Operation nicht durchführen.“
„In der Ihnen gemäßen Übergenauigkeit, versteht sich. Aber das müssen Sie dieses Mal gar nicht so pedantisch erledigen.“
„Was heißt das, wem soll denn diese Akte vorgelegt werden? An wen wird sie gesendet?“
„Sie wissen, dass ich Ihnen dazu keine Information geben darf. Top Geheimsache!“
Ja – schon klar, Geheimsachen sind alle Akten, digitale und erst recht papierene. Ich gebe mich naiv und unkritisch und sichere dem „Kasperle“ von Chef – oder ist das nur eine Masche von ihm?, wahrscheinlich - meine Mitarbeit zu. Insgeheim nenne ich sie Zuarbeit. Mein Gewissen protestiert, ich ignoriere es. Bin nur froh, dass er meinen Bauch falsch interpretiert hat. Oder ist das auch nur eine Masche?
Zu gerne würde ich dem Leser dieses Buches mehr wörtliche Rede anbieten. Aber die wörtliche Rede hat ausgedient. Wie ich schon sagte, um belangloses, sachliches Geplänkel mit Fremden, in Geschäften oder in der Kantine mit den – ausschließlich männlichen – Kantinenangestellten zu führen, braucht man wirklich keine kommunikativen Kompetenzen.
