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Sie sind alle am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere, nicht älter als 35 Jahre. Die meisten suchen nach einer ernsthaften Herausforderung in der Literaturszene. Dazu haben sie die Chance - als Teilnehmerinnen und Teilnehmer des open mike der Literaturwerkstatt Berlin. Der open mike ist ein internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik. Schon längst ist er über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Viele Autoren, deren Namen heute im Literaturbetrieb bekannt sind, haben ihre Karriere beim open mike in der Literaturwerkstatt Berlin gestartet. Dazu gehören zum Beispiel Zsuzsa Bánk, Nico Bleutge, Karen Duve, Rabea Edel, Julia Franck, Björn Kuhligk, Kathrin Röggla, Terézia Mora, Tilman Rammstedt und Jochen Schmidt.
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Allitera Verlag
Sie sind alle am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere, nicht älter als 35 Jahre. Die meisten suchen nach einer ernsthaften Herausforderung in der Literaturszene. Dazu haben sie die Chance – als Teilnehmerinnen und Teilnehmer des open mike der Literaturwerkstatt Berlin.
Der open mike ist ein internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik. Schon längst ist er über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt.
Viele Autoren, deren Namen heute im Literaturbetrieb bekannt sind, haben ihre Karriere beim open mike in der Literaturwerkstatt Berlin gestartet. Dazu gehören zum Beispiel Zsuzsa Bánk, Nico Bleutge, Karen Duve, Rabea Edel, Julia Franck, Björn Kuhligk, Kathrin Röggla, Terézia Mora, Tilman Rammstedt und Jochen Schmidt.
Sechs Lektorinnen und Lektoren aus renommierten Verlagen – Julia Graf (Hanser Berlin), Martin Kordi? (DuMont), Günther Opitz (dtv), Ulrike Ostermeyer (Arche Literaturverlag), Christian Ruzicska (Secession Verlag) und Thomas Tebbe (Piper) – haben riesige anonymisierte Textberge abgetragen, sich durch mehr als 680 in die Wertung gekommene Einsendungen gelesen und die 20 interessantesten Texte herausgesucht. Die ausgewählten Autoren lasen im Finale im November 2013 in Berlin.
Der 21. open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation.
In Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln und dem Allitera Verlag. Mit freundlicher Unterstützung des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln.
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www.allitera.de
November 2013
Allitera Verlag
Ein Verlag der Buch&media GmbH, München
© 2013 Anthologie: Buch&media GmbH, München
© 2013 Texte: bei den Autoren
Corporate ID / Grafik: Beratung, Konzeption, Produktion
www.heckerconsult.com
Gestaltung Umschlagmotiv: www.allstarsdesign.de
Foto: Holger Stüting
Printed in Europe • ISBN 978-3-86906-606-6
Thomas Tebbe Helles Leuchten
Kenah Cusanit Der Fluß
Artur Dziuk Trabanten
Jens Eisel Glück
Verena Fiebiger Gedichte
Ben Atréu Flegel Wenn die Farben verblassen
Karl Wolfgang Flender Greenwash inc.
Dmitrij Gawrisch Schaukelgestühl ganse en bräune
Sabine Gisin Bob
Helge Halling Shola und Tristan
Stefan Hornbach Violently happy
Maren Kames Halb Taube halb Pfau
Katharina Korbach Was, wenn P.
Christian Preußer So laut ich kann
Stephan Reich Orte
Jonathan A. Rose Mann
Lea Schneider Gedichte
Christian Schulteisz satt
Paula Schweers Inseln
Janin Wölke Gedichte
Eva Zimmermann Alma betrügt mich
Die Autoren
Die Jury
Die Lektoren
Preisträger & Jury 1993–2013
Das Schreiben. Man sollte gar nicht erst damit anfangen, denn es ist ein schwieriges Geschäft. Ja, vielleicht war es sogar noch nie so schwierig wie heute. Nein, ganz sicher war es noch nie so schwierig. Schließlich liest niemand mehr. Verändertes Medienverhalten, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Doch selbst wenn einer lesen wollen würde, wo sollte er fündig werden, wenn er nach Literatur suchte? Nirgendwo, der Buchhandel ist am Ende und hat längst begonnen, Federmäppchen und Schlüsselanhänger zu verkaufen. Und im Netz gehen ohnehin nur Sex and Crime. Deshalb ist den Verlagen wahrlich kein Strick daraus zu drehen, wenn sie die Untiefen des literarischen Risikos meiden und die Sicherheit des Altbewährten suchen, wenn sie die Köpfe einziehen und ihre Programmlisten zusammenstreichen.
Wir sind uns also einig, dass es nicht die Zeit ist für jüngste deutschsprachige Literatur? Selbstverständlich ist es nicht die Zeit dafür, denn alle sind mit viel drängenderen Fragen beschäftigt, mit den Fragen nach den Verwertungsformen und den richtigen Formaten zum Beispiel: Print, digital, kurz oder ganz kurz, enhanced oder App.
Bleibt die schüchterne Frage nach dem open mike. Wer will denn den noch? Braucht den noch jemand? Eine ganze Menge Leute, lautet die Antwort, das ist auch in den vermeintlich finstersten Zeiten des deutschen Buchhandels ohne Zweifel. Und von denen, die im »Heimathafen« im Publikum sitzen, sind nicht wenige aus professionellem Interesse anwesend: Lektoren, Agenten, Verleger und Journalisten scheinen etwas Bestimmtes zu suchen auf dem open mike.
Knapp siebenhundert Einreichungen hat es 2013 gegeben, für jeden der Auswahllektoren über hundert Texte, die zu prüfen waren. Texte über verpfuschte Lebensentwürfe, über Betrug, Enttäuschung und gescheiterte Beziehungen, über Einkaufszettel und blaue Volvos. Hundertmal erste Sätze, die Suche nach einem frischen Ton, nach der nie gehörten Stimme, die das Alltägliche neu macht, unverwechselbar. Hundertmal die Hoffnung auf überraschende Konstruktionen, auf erzählerische Finten, Figuren, denen man so noch nie begegnet ist und denen man nur allzu gerne länger folgen würde als nur über die wenigen vorliegenden Seiten.
Aber so einfach ist es nicht mit der Überraschung und dem neuen Ton für die alte Geschichte von der zerbrochenen Freundschaft. Das ist eine Erkenntnis, die nach vielen Stunden lesen unweigerlich eintritt. Wie gesagt: Das Schreiben ist ein schwieriges Geschäft.
Doch irgendwann tritt auch noch etwas anderes ein, nämlich die geradezu kindliche Freude über den gelungenen Text, über die Tatsache, dass auch unsere Zeit ihre eigenen Stimmen schafft. Mit junger erzählerischer Souveränität stechen solche Texte aus den vielen heraus, sie leuchten hell in ihrer sprachlichen Selbstsicherheit, erzählen von einem neuen, eigenen Lebensgefühl und führen auf wunderbar unbekanntes Terrain.
Wenn man solche Texte gefunden hat, dann ist vieles möglich und eines vollkommen klar: Es ist gut, dass da jemand angefangen hat zu schreiben.
München, den 17. Oktober 2013
Mesopotamisches Gelb, wie gemacht zum Davorstehen, Hinsehen. Aquarellieren – seine Lieblingsart, diese Gegend zu kartieren. Schlamm als Impression, Lehm, der sich im Wasser fortbewegt, indem er sich dreht.
Koldewey sah aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, nirgendwo davorstehend, nichts kartierend; er hatte sich hingelegt und beobachtete den Fluß, der an den Ruinen entlangfloß, zog an seinem Tschibuk und sah ihn an, als hätte er noch nie einen Fluß angesehen, ohne dabei über etwas Anderes, etwas Übergeordnetes nachzudenken: das Schiff, die Fahrt, das Ziel, die Reliefziegel Nebukadnezars, die sich im Hof des Grabungshauses mehrere hundert Kisten hochstapelten und die von Babylon den Euphrat hinunter über drei Kontinente nach Hamburg, die Elbe, die Havel, die Spree hinauf, in den Lustgarten, bis an den Steg der Berliner Museen zu transportieren waren, bevor die Araber den Rest Bagdads damit sanierten.
Noch einmal: Ruhiges Dahinschwemmen. Ein paar Vögel am Ufer, unter ihnen Schlamm, Ruhe. Lehm. Ruhe. Das Haus war aus Lehm, ein Regenguß und es würde in sich zusammensinken und wegschwimmen, hinunter in den Fluß.
Sich mit Flüssen zu beschäftigen. Koldewey nahm Liebermeisters Grundriß der Inneren Medizin, legte das Buch vorsorglich auf seinen Bauch, als könnte es auf diese Weise die Symptome lindern, und sah hinüber ins gegenüberliegende Zimmer, das durch eine Fliegengittertür in einiger Entfernung von seinem Zimmer abgetrennt war.
Wie weit mochte es entfernt sein: vier, fünf Meter?
Das Fliegengitter bewegte sich von Zeit zu Zeit, als wehte in unregelmäßigen, aber kürzer werdenden Abständen ein kleines, aber konstant an Konsequenz zunehmendes Lüftchen herein, das allmählich und folgerichtig Luftzug wurde, aber nicht, wie es für bewegte Luft charakteristisch war, Abkühlung brachte oder überhaupt auf der Haut zu spüren war; als dränge etwas, falls die Bewegung des Fliegengitters keine optische Täuschung war, in geradezu unerwarteter Not in Koldeweys Zimmer, weder sichtbar noch fühlbar, wie das technische Geräusch – klick-klick-klick – des gestern eingetroffenen Photoapparates, mit dem die beiden Grabungsassistenten nahe der Tür hantierten und versuchten, einen Grabungsfund zu photographieren.
Koldewey wußte, wie der Apparat zu bedienen war. Er wußte, wie man etwas anfaßte, das man verachtete; und losließ, was man mochte; und es war nicht seine Aufgabe, ihnen zu zeigen, wie man Letzteres machte.
Er sah aus dem Fenster.
Und wieder zur Tür, die sich unnötig aufblähte, in fünf Metern Entfernung, vielleicht vier Meter und – Koldewey kniff ein Auge zusammen – siebzig.
Gedankliches Stöhnen, das ihm fast die Lippen passierte angesichts der Vorstellung, jetzt jemanden unterweisen zu müssen. In sich hineinhören, wie er keinen einzigen dem Bild seiner Person entsprechenden Satz herausbringen würde; wie er nicht lachen könnte; wie sie deshalb seinen Sarkasmus nicht wahrnahmen, diesen Schutzpatron universalmiserabler Zustände; und dann ein Telegramm an Dr. Härle aufsetzten, seinem Bagdader Arzt, es zumindest aufzusetzen versuchten, und er, Koldewey, wieder nicht lachen konnte, während er sich die Telegraphenlinie vorstellte, von der die Araber in regelmäßigen Abständen die Porzellanisolatoren herunterschossen, was der türkischen Verwaltung viele Sorgen bereitete, aber die Überlebensrate der Steinadler, die oben auf den Masten saßen, drastisch erhöht hatte; wie sie ihm dann abdominale Umschläge machen wollten, und er es zuließ, da seine Haut sich unter der Kühle zusammenziehen würde und er sich endlich einbilden konnte, es wehte doch ein wenig Luft herein, die in ihrer taktilen Wirkung die Bewegungen des Fliegengitters in eine kausale Ordnung brachte.
Koldewey sah nach draußen. Schwimmende Schwemmböden. Alluviale Ruhe. Vögel am Ufer, Schlamm, Lehm.
Und wieder zur Tür: Vier Meter dreiundsiebzig? Vierundsiebzig? Dreiundsiebzig.
Er zog an seinem Tschibuk und atmete laut in sich hinein; was immer wer hörte, er sah einen etwas ekstatischer als sonst sein Pfeifchen rauchenden Grabungsleiter, lesend, obwohl er kaum das Buch halten konnte, vor der im ganzen Haus einmaligen Sicht über Fluß und Lauf – einer Sicht, deren kontinuierliche Anwesenheit nur von den Geräuschen des Photoapparates durchschnitten wurde, während die vierzig Minuten, die Koldewey von Pfeife zu Pfeife benötigte, den äußeren Rahmen der Zeit absteckten, innerhalb welcher er, wann immer der Schnitt zu hören war, automatisch seinen Kopf vom Fenster zur Tür drehte.
Geschätzte vier dreiundsiebzig. Warum nicht.
Darum nicht, Koldewey. Als könntest du die Länge mit den Augen erfassen. Jeder vernünftige Archäologe würde jetzt aufstehen, die rechte Hand auf den Bauch pressen und die Strecke ablaufen; Schritt für Schritt; vom Bett zur Fliegengittertür; von der Tür zum Euphrat; die achtzehn Kilometer lange Stadtmauer flußauf, flußab; die Prozessionsstraße hoch; durchs Ischtartor; dem Turm zu Babel einmal ums Karree, was die Vorstellung eines jeden zu rundlichen Formen neigenden Christen im doppelten Sinne sprengte. Das hieß, jeder Archäologe, der Architektur und Kunstgeschichte studiert hatte, würde das tun. War Koldewey eher Architekt, eher Archäologe oder Kunsthistoriker? Er hatte in den letzten Jahren oft das Gefühl gehabt, sich in dieser Hinsicht entscheiden zu müssen. Ob es Lawrence ähnlich ging? Ob es schon Virchow so gegangen war? Lediglich Bell war Gesandte in jedem Sinne. Auch sie photographierte, aber still und heimlich an einem vorbei, als hätte man sich nicht gerade vor der Stadt der Städte demonstrativ in Pose gebracht, einer mehrere tausend Jahre alten babylonischen Hure, deren nach Verstand und Unverstand greifenden Arme und Beine jetzt, nach der Beseitigung von zwanzig Metern Schutt (frühmittelalterlich, sasanidisch, parthisch, seleukidisch), so plötzlich ans Licht, wie sie ins 20. Jahrhundert geraten waren.
Es ging nicht, nicht in die richtige Richtung. Die Ruhe des Flusses übertrug sich nicht auf das unordentliche Ziehen seines Blinddarms. Das Ziehen des Blinddarms übertrug sich auf den ordentlichen Fluß, machte ihn zu einem störrischen Zugpferd, das sich mittels Wasser selbst durch die austrocknende Umgebung trieb, Jahrhunderte ewig gleichen Schlamms hinter sich herziehend, die so harmlos aussehend und untief dahintrieben, daß sogar Boote oft auf Grund liefen, man deswegen von Aleppo nach Babylon lieber die Karawane nahm und ungefähr so lange unterwegs war wie ein Schiff von Hamburg nach Amerika.
Virchow freilich war eher Pathologe als Politiker gewesen, obwohl die Trennlinie, falls es eine gab, einer dynamischen Welle ähnelte und im euphratischen Stil an der einen Biegung Erde abtrug, um sie an der nächsten Biegung wieder aufzutragen. Archäologie hatte Virchow nicht studiert, aber über die theoretischen Grundlagen hatte er sich eifrig belesen. Koldewey selbst hatte alle grundlegenden medizinischen Schriften verstandesmäßig genug erfaßt, um die verlangten Prüfungen in den meisten Fächern bestehen zu können, wie Härle bei einem seiner letzten Besuche erstaunt festgestellt hatte; und auch jetzt wieder feststellen würde; wozu es nicht käme, da Koldewey grundsätzlich nichts dagegen hatte, einen alten Freund wiederzusehen, es zugleich aber für notwendig hielt, ihn in diesem Zustand fernzuhalten von sich und seiner Unfähigkeit, sich trotz richtiger Selbstdiagnose in die praktikablen Hände angewandter Medizin zu begeben. Ärzte waren letzten Endes Handwerker, die niemals reparierten, was sie selbst gebaut hatten.
Man mußte die Strecke zur Fliegengittertür nicht laufen, man konnte auch kriechen; der Schwerkraft des gewöhnlich aufrechtgehenden Körpers, wenn waagerecht positioniert, ein Stück Energie abgewinnen, um sie der eigenen Sprachgewalt zurückzuführen und endlich zu fragen, was dieser Photoapparat anderes sei als ein Starenkasten, aus dem Stare nicht hinaussahen, aber ein Sehender auch nicht hineinstarrte, ihn bloß wie eine Flinte in der Hand hielt, während ein anderer den Abzug drückte, den das Gerät dann auch noch im wörtlich weitestgehenden Sinne reproduzierte.
Was macht der Photoapparat? Er übernimmt für Sie die Verantwortung. Was machen Sie? Sie vertrauen einem Gerät, das auf Ihr Kommando ein mechanisches Geräusch von sich gibt. Das ist, als würden wir vom Expeditionshaus aus die Grabung veranstalten und nicht einmal durchs Fenster sehen. Eine wahrhaft philologische Tätigkeit. Sind Sie Philologe, Reuther?
Nein, das würde Koldewey nicht sagen. Auch würde er sie nicht zum hunderten Male gleichnishaft daran erinnern, wie der Philologe mit einem Keilschriftzeichen-Lexikon im Arm den Architekten Koldewey gebeten hatte, eine gerade ausgegrabene Mauer einzureißen – möglicherweise seien hunderte Tontafeln darin, deren Übersetzung jede Grabung ersetzen könne. Aus den Schriften, hatte der Philologe gesagt, ergebe sich der Sinn der Mauer, der Sinn der Stadt, des Flußverlaufs, des gesamten Orients. Alle Paradoxien lösten sich auf, auch diejenige, die das Herodot’sche Auge in achtundsechzig Kilometer langer Übertreibung der Stadtumrandung aufgetragen hatte.
Nichts davon hatte Koldewey zu sagen vor; jedes Wort, das aus mehr als zwei Silben bestand, hätte das Bedürfnis, laut zu aufzustöhnen, ausgerechnet in einer Situation preisgegeben, in der er auf dem Boden hinter der Fliegengittertür kniete, zu der er eben gekrochen war, um beiden den Starenkasten aus der Hand zu nehmen und dessen Funktionsweise in annähernd systematischer Deutlichkeit zu erklären:
»So. So. Und so. Nicht so!«
»So?«
»Nein, so!«
Sie starrten Koldewey an, der noch eine Weile vor ihnen auf allen Vieren blieb, in überwältigender Freude über das tatsächliche Lüftchen, das hier draußen wehte, ganz unangemessen wehte, während die beiden derart lange nichts sagten, daß ihm klar wurde, was sie längst erfolgreich getan haben mußten angesichts der sehr offensichtlich zusammenhängenden Faktenlage, die besagte, daß Koldeweys Zustand natürlich die jüngste Folge eines seiner Experimente war – er aber diesmal nicht in Sommerkleidung den Winter über, weißen Gewandes wie das schneebedeckte Europa zu dieser Jahreszeit, über die Grabung gelaufen war, sondern die Sommernächte im Inneren des Hauses unter Winterkleidung verbracht hatte.
Klack!
Immerhin war das Bild im Kasten. Das Bild eines Grabungsfundes, von dem nicht klar war, ob es den Grabungsfund zeigte oder die temporäre Begrenztheit des Photographen. Wenigstens glaubten an diesem Nachmittag zwei Leute, daß sie wissenschaftlich gearbeitet, indem sie etwas abgelichtet hatten, wenngleich sie nur die Eigenschaften, die das technische Gerät besaß, projiziert hatten.
Koldewey stöhnte jetzt, wie man stöhnte, wenn man krank war und zwar – da Härle vermutlich bereits auf dem Weg war – in unerbittlicher Übertreibung seiner Enttäuschung, und stöhnte, als er sich auf seine Liege zog, nach einer abgekrochenen Strecke von vier Meter siebenundfünfzig nur, eine Enttäuschung, die ihn mental erfrischte wie ein türkischer Kaffee, und sich eine altvertraute Verbundenheit einstellte, zu wem oder was auch immer, die ihm über ihn selbst immer nur etwas zu verraten schien, was er längst wußte.
[…]
Nachts liege ich wach und höre die Fahrstühle in den Schächten gleiten, es müssen Hunderte sein. Sie oszillieren zwischen den Etagen und bringen die Angestellten der Nachtschicht aus den Schlafsälen in die Gemeinschaftsbüros. Tageszeiten sind im Inneren des Mondes nur ein Konzept, und doch ist die Arbeit nach ihnen getaktet.
Einer der Fahrstühle fährt die Versetzten zur abgewandten Seite. Es heißt, die Unternehmensleitung will kultische Rituale vermeiden: mit Kerzen gesäumte Korridore, Trosse trauender Familienmitglieder, Gesänge von Kollegenchören. All das soll es früher gegeben haben, aber das sind Geschichten. Angestellte werden nachts lautlos geholt, sobald sie das dritte Stadium erreichen. Nur sie kennen Zeitpunkt und Umstände. Und es ist ihnen verboten, davon zu erzählen.
An dem Morgen, an dem ich von Pavels Versetzung erfahre, besuche ich das Büro, in dem er die vergangenen Jahre arbeitete und lebte. Ein Security-Angestellter schiebt einen Rollwagen mit Kisten über den Korridor, er nickt mir zu. Das Büro ist nicht mehr so, wie ich es kannte. Pavels persönliche Gegenstände wurden weggeschafft, die Möbel durch neue ersetzt: Bett, Schreibtisch, Rechner. All das war vorherzusehen, denn Pavel war weit über dreißig und hatte das dritte Stadium erreicht.
In der Mitte des Raumes steht ein Mann und betrachtet die Spuren, die über die gesamte hintere Wand verteilt sind. Er ist groß und hager. Sein Körper setzt das tägliche Workout noch nicht in Muskelmasse um. Als er mich bemerkt, kommt er mir mit ausgestreckter Hand entgegen.
»Sie müssen Dog sein. Es freut mich, Sie endlich kennenzulernen.«
Ich kenne das aknegeplagte Gesicht vom Anhang einer Microsoft-Mail, die vor einigen Wochen an die gesamte Abteilung ging. Es ist Coyote, neuer Senior Manager des Updates und damit mein Vorgesetzter. Ich deute auf die Wand.
»Diese Spuren stammen von einem kleinen schwarzen Ball. Pavel warf ihn gegen die Wand, wenn er über ein technisches Problem nachdachte. Sie haben ihn nicht zufällig bei der Räumung gefunden?«
Coyote lächelt, die entzündeten Wangen verkrumpeln. Der Junge kann nicht älter als sechzehn sein.
»Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen. Im Übrigen tut es mir leid um Ihren Assistenten.«
Nach meiner Ausbildung wurde ich Abteilungsleiter beim Update von Windows 95, Pavel war mein Assistent. Analog zu den Nutzerzahlen der Software schrumpfte die Abteilung, bis sie nur noch aus uns beiden bestand. Jetzt bin ich der letzte Updater.
»Wird die Vakanz neu besetzt?«
»Das wäre nicht ökonomisch. Ich habe eben die Userzahl überprüft. Sie ist in den zweistelligen Bereich gesunken. Sie werden von jetzt an alleine auskommen müssen.«
Gestern Abend, als ich den Rechner runterfuhr, um mich zu Bird ins Bett zu legen, zeigte der Zähler noch 102 installierte Einheiten.
Der Senior Manager blickt auf meinen Haaransatz. Er blickt auf meine Hände. So gelassen wie möglich verschränke ich die Arme hinter meinem Rücken.
»Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Dog?«
Bird liegt nackt auf meinem Schreibtisch und streicht mit der Hand über ihren Unterleib, als hätten wir gerade lange und ausgiebig gegessen. Lächelnd schaut sie zu, wie ich erst die eine und dann die andere Socke anziehe. Ihr zufriedener Gesichtsausdruck gefällt mir nicht.
»Du hast mich schwanger gemacht, Dog.«
Ich habe Bird vor einigen Monaten in der Fitnesshalle kennengelernt, seitdem verbringen wir unsere Feierabende zusammen. An unserem ersten Abend und an unserem zweiten und dann immer wieder habe ich Bird erklärt, ich sei zu alt für eine feste Bindung. Doch sie kam wieder. Bird hat nie gelernt, in Grenzen zu denken, auch nicht an einem Ort wie diesem. Sie arbeitet beim Development als Creative Director und ist noch jung.
»Du machst Witze. Du weißt, dass wir kein Kind haben können.«
Bird springt vom Tisch und reißt einen Stapel Ausdrucke zu Boden.
»Natürlich können wir. Ich habe uns eine Genehmigung besorgt.«
»Was hast du? Und selbst wenn. Das meine ich nicht.«
Immer seltener schlafe ich. Meine Schlafstörungen sind ein Symptom. Nachts höre ich einem Mondbeben zu, das die Einrichtung im Büro in Bewegung setzt. Die Stahlkonstruktionen der Schächte und Korridore ächzen bei jeder Erschütterung. Bird liegt mit geschlossenen Augen neben mir, ich glaube, sie hat noch nichts bemerkt. Höchstens eine 4 auf der Richterskala, kein Grund zur Beunruhigung, kein Grund, einen Schutzraum aufzusuchen. Nur einmal stehe ich auf, weil der Monitor bis zur Schreibtischkante rutscht. Im dunklen Bildschirm sehe ich mein Spiegelbild, es erinnert mich an Pavel. Ich fahre den Rechner hoch und überprüfe den Zähler: noch 63 installierte Versionen von Windows 95. Das Betriebssystem ist einige Dekaden alt, trotzdem hat es sich Anhänger bewahrt. Es ist mein Job, Updates für die Software zu schreiben, sie gegen Viren und Trojaner zu schützen. Für 63 Menschen arbeite ich, morgen früh werden es weniger sein. Meine Updates haben keine Bedeutung für sie, niemand programmiert einen Virus für ein so altes System. Als die Benutzerzahlen vor einigen Jahren in den dreistelligen Bereich sanken, sagte mir der damalige Senior Manager bei einer Weihnachtsfeier betrunken, es gebe meinen Arbeitsplatz nur noch aus Versicherungsgründen.
Bird und ich besuchen den Synthetischen Garten in der 48. Etage. Ich kann das Aussehen der Pflanzen bis ins letzte Detail beschreiben und sie am Geruch unterscheiden, so oft war ich schon hier, alleine, und mit anderen, früheren Frauen. Nichts hat sich verändert. Auch Bird kennt sich hier aus, doch das scheint sie nicht zu stören. Sie zeigt mir ihre Lieblingsexemplare, einen Riesenmammutbaum und eine hüfthohe Bananenpflanze, deren äußere Blätter seit Jahren im Welken begriffen sind. Ich will eines für Bird pflücken und greife danach. Das Blatt zittert, weil meine Hand zittert. Bird nimmt sie in ihre, hält sie fest.
»Ich mag diesen Garten. Aber ich möchte einmal Bäume und Pflanzen sehen, die nicht hergestellt sind. Nicht nach einem System angeordnet. Die ihre Wurzeln in Erde schlagen und nicht in feuchte Schwämme.«
»Auf der Erde soll es solche Orte geben. Ich würde gern einmal Europa sehen. Europa. Das sind gute Silben.«
»Dog, wäre das nicht der perfekte Abend für den Aussichtspunkt?«
Seit unserem ersten Treffen versucht sie mich zu überreden, mit ihr dort hinzugehen. Dem Ort, wo sich Paare ihre Liebe schwören.
»Nicht heute.«
Das letzte Mal besuchte ich den Aussichtspunkt mit meinen Eltern, kurz nach meiner Einschulung. Zu dritt standen wir im Sternenlicht, schweigend schauten wir nach oben. Mein Vater legte seinen Arm um meine Schulter, als ob für mich, wenn schon nicht für ihn, alles möglich wäre.
Es ist noch lange vor der Mittagspause, und ich fühle mich müde. Ich stütze meinen Kopf mit den zitternden Händen und Haare fallen aus. Sie rieseln auf die Tastatur.
Die Schadenskontrolle meldet einen Virus. Ich kenne den Quelltext von Windows 95 auswendig, obwohl ich keine Zeile des Originals geschrieben habe. Es gibt Passagen, die sind so elegant, dass ich sie bis heute nicht ganz verstehe. Andere Segmente des Codes sind grob, wahrscheinlich kurz vor der Deadline fertiggestellt. Was passiert mit Programmen, wenn es keinen mehr gibt, der sie benutzt?
Ich scrolle im Quelltext und suche eine Stelle, um das Update zu implementieren. An einer meiner Lieblingsschleifen bleibe ich hängen, etwas stimmt nicht. Die Codezeilen formen sich zu einem Bild und verschieben sich langsam in ein anderes. Ich sehe das Gesicht meines Vaters, wie es auf einen Monitor schaut. Es wird zu Birds Silhouette, die nackt auf meinem Schreibtisch liegt und sich in die eurasische Kontinentalplatte verwandelt, die viel zu schnell der amerikanischen entgegendriftet.
Als Bird mein Büro betritt, schrecke ich auf. Es ist Abend, und ich weiß nicht, was ich in den letzten Stunden gemacht habe, ob ich gearbeitet habe, ob ich wach war. Bird sagt, ich würde am ganzen Körper zittern. Sie fragt, wann ich zum letzten Mal beim Workout war.
Zusammen betreten wir die Fitnesshalle in der 32. Etage. Sie ist voller Angestellter, die meisten trainieren. Ich öffne mein Profil, dem Plan zufolge sind Krafteinheiten dran. Ich gehe zu den Hantelstangen, lege mich auf eine Bank. Das Gewicht, das ich vor Wochen noch zum Aufwärmen drückte, kann ich fast nicht mehr bewegen. Ich setze mich aufrecht hin, versuche meine Atmung zu beruhigen. Bird steht vor der Kletterwand. Sie unterhält sich mit einem Kollegen vom Development, er muss ungefähr in ihrem Alter sein. Bird wendet sich den Griffen zu, steigt Stück für Stück die Wand empor. Der Developer schaut ihr nach. Er sichert sie mit einem Seil.
Auf dem Weg zu den Duschen kommen wir an den Laufbändern vorbei, auf einem rennt Coyote. Ich öffne sein Profil. Trotz seiner Jugend gehört er bereits zu den besten Langstreckenläufern des Unternehmens. Er befindet sich im Sprint. Sein drahtiger Körper wiederholt präzise eingeübte Muster, sein Atem geht schnell, laut und rhythmisch. Als er uns bemerkt, drückt er eine Taste am Steuerpult. Das Laufband wird langsamer und hält an.
»Dog. Schön. Ich wollte eh mit Ihnen sprechen. Allein.«
Bird gibt mir einen Kuss und geht in Richtung der Duschen. Coyote schaut ihr nach, bis sie verschwunden ist, dann legt er eine Hand auf meine Schulter. Er atmet tief durch, seine Miene drückt Bedauern aus. Die Abfolge der Gesten kenne ich aus dem Seminar für Abteilungsleiter, Coyote gibt sich keine Mühe, die Routine auszuschmücken.
»Heute Nachmittag ging ein Bericht der Medizinischen Abteilung bei mir ein. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie im zweiten Stadium sind.«
Links und rechts von uns zielen Laufbänder in etlichen Reihen auf einen Fluchtpunkt am entlegenen Ende der Halle. Hunderte Angestellte rennen. Einige wärmen sich auf, andere sprinten. In ihren Bewegungen werden sie eins. Es kommt mir vor, als hätten alle Coyotes Worte gehört. Aber keiner schaut zu uns herüber.
»Wie lange habe ich noch?«
»Der medizinische Bericht empfiehlt die Versetzung zur abgewandten Seite am kommenden Montag.«
»So schnell?«
»Tut mir Leid. Aber es heißt, wir machen gute Fortschritte bei der Erforschung eines Heilmittels.«
»Das heißt es seit Jahren.«
»Ist das wahr? Das bedeutet wohl, dass es nicht mehr lange dauern kann.«
Coyotes Lächeln ist zuversichtlich, aber ich bin mir sicher, dass er an seine eigene, noch in weiter Ferne liegende Zukunft denkt.
»Außerdem möchte ich Ihnen gratulieren.«
»Wozu?«
»Zu der Schwangerschaft. Wozu denn sonst? Sie müssen sehr stolz sein.«
Ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl. Ich habe Spätschicht, aber ich fahre den Rechner nicht hoch. Bird kommt vom Bett zu mir herüber, die Hände vor dem Bauch gefaltet.
»Ich habe ein Geschenk für dich.«
