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Ein Junge, der sich nichts mehr wünscht als einen Christbaum. Ein Stern, der vom Himmel fällt. Ein Samichlaus, der streiken will. Ein Engel, der das Weihnachtsfest rettet. Eine Sammlung von 24 wunderbaren Weihnachtsgeschichten. Berührend, zum Nachdenken anregend, märchenhaft - jede Geschichte ist einzigartig.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2020
© 2020 Désirée Bertschinger
Verlag und Druck:tredition GmbHHalenreie 40-4422359 Hamburg
Titelbild: Shutterstock.com
Bilder: Manuela Stauffacher
Layout: Pascale Baumann
ISBN
Paperback 978-3-347-14150-6
Hardcover 978-3-347-14151-3
E-Book 978-3-347-14152-0
Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jeder Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
1. Der kleine Engelsflügel
2. Die Abstimmung der Weihnachtsmänner
3. Der alte Esel
4. Ein Engel auf Erden
5. Der Samichlaus will streiken
6. Die kleine Schneeflocke
7. Der hässliche Weihnachtsbaum
8. Emma glaubt wieder ans Christkind
9. Das Fest der Liebe
10. Der Samichlaus ist krank
11. Ein Christkind in New York
12. Das vergessene Weihnachtsfest
13. Der Weihnachtsstern
14. Ein Unfall an Heiligabend
15. Der letzte Weihnachtsbaum
16. Der kleine Stern, der vom Himmel fiel
17. Der gebrochene Flügel
18. Samichlaus gesucht!
19. Traum oder Wirklichkeit?
20. Der Mann im Wald
21. Der Schutzengel
22. Für immer bei uns
23. Das Weihnachtswunder
24. Der letzte Wunsch
Der kleine Engelsflügel
Der kleine Engel Seraphin sitzt auf einer grossen, flauschigen Wolke und schaut traurig Richtung Erde. Langsam kullern ihm Tränen über seine geröteten Wangen und tropfen auf sein weisses Gewand. Wütend zupft er an seinem linken Flügel, bis er vor Schmerz sein Gesicht verzieht. Verzweifelt lässt er seine beiden Arme sinken und schluchzt auf. «He, he, was ist denn passiert?» Engel Raphael kniet zu Seraphin hinunter und schaut ihm in die verweinten, blauen Augen. «So schlimm?» fragt Raphael. Seraphin nickt langsam und wischt sich die Tränen aus seinem hübschen Gesicht.
«Ich bin nicht wie die Anderen … ich bin kein richtiger Engel …». Seine Stimme bricht und er verbirgt sein Gesicht in seinen kleinen Händen. «Das ist doch Unsinn», widerspricht Raphael. «Natürlich bist du ein richtiger Engel! Wie kommst du denn auf diese Idee?» Erneut zieht Seraphin mit beiden Händen an seinem linken, viel zu klein geratenen Flügel – er zieht nach links, dann nach rechts – nichts geschieht. Der Flügel hängt wie ein altes Stück Stoff am Rücken des kleinen Engels. «Darum bin ich kein richtiger Engel!» Wütend zeigt Seraphin auf den verkümmerten Flügel und blickt dann erneut mit verzweifeltem Blick nach unten. «Ich hatte mir so gewünscht, das diesjährige Weihnachtsfest auf der Erde zu verbringen. Die Lichter, die Kerzen, die Weihnachtsbäume, die schön dekorierten Häuser, die glänzenden Kinderaugen – all dies kenne ich nur aus euren Erzählungen. Aber mit diesem «Teil» an meinem Rücken» – mit Verachtung in den Augen zeigt er auf seinen linken Flügel - «werde ich den Weg bis zur Erde niemals schaffen». Leise schluchzt Seraphin und die bereits versiegten Tränen rollen erneut über seine Wangen. Raphael nimmt den weinenden Engel in die Arme und tröstet ihn. «Sei nicht traurig, Seraphin. Es gibt auch auf der Erde Menschen, die mit Einschränkungen leben müssen. Einige können nicht gehen, nicht reden, nicht hören, nicht sehen. Auch diese Menschen haben Wünsche in ihrem Leben. Und mit Hilfe von lieben Menschen in ihrem Umfeld gelingt es oft, diese Wünsche zu erfüllen.» Gebannt hört Seraphin den Erzählungen seines Freundes zu. «Du meinst, dass auch mein Wunsch irgendwann in Erfüllung gehen wird?» fragt der kleine Engel hoffnungsvoll. «Da bin ich mir ganz sicher», erwidert Raphael überzeugt.
Langsam vergehen die Tage im Himmel. Seraphin sitzt auf seiner Lieblingswolke, lässt seine Beine baumeln und denkt an das Gespräch mit Raphael. «Wie soll mein Wunsch in Erfüllung gehen, wenn ich nicht selber so weit fliegen kann?» fragt er sich in Gedanken. In diesem Moment hört er ein Geräusch hinter sich und dreht sich rasch um. Vor ihm stehen drei Engel und lächeln ihm zu. Einen kurzen Augenblick später kommt auch Raphael dazu. «Es ist soweit, Seraphin.» «Ich verstehe nicht, was meinst du, Raphael?» fragt der kleine Engel erstaunt. Raphael nimmt ihn am Arm und führt ihn zu den Engeln. Einer von ihnen hat einen silbernen Stab in der Hand. «Halt dich hier fest, wir bringen dich auf die Erde zu deinem ersten Weihnachtsfest.» Seraphin versteht immer noch nicht, schlingt seine kleinen Hände aber fest um den Stab und lässt ihn nicht mehr los. Langsam erheben sich die Engel und tragen Seraphin mit sich fort. Die Erde kommt immer näher und der kleine Engel sieht bereits die ersten Lichter. Er kann es kaum glauben, aber er ist wirklich auf dem Weg zur Erde. Freudentränen treten in seine Augen und rollen langsam über sein strahlendes Gesicht. Dankbar schaut er von einem Engel zum anderen. Und in diesem Moment wird Seraphin klar: GEMEINSAM ist vieles zu schaffen.
Die Abstimmung der Weihnachtsmänner
«Ruhe, meine Herren, ich bitte um Ruhe! So kommen wir nicht weiter!» Mit einem kleinen Hammer schlägt der Vorsitzende der Weihnachtsmänner auf den grossen, hölzernen Tisch. Ein wirres Durcheinander herrscht und von allen Seiten hört man aufgeregte Stimmen. Heute ist die alljährliche Zusammenkunft der Weihnachtsmänner auf der ganzen Welt. Dieses Jahr ist jedoch alles ein wenig anders …
«Also, meine Herren, beginnen wir endlich. Sonst finden wir kein Ende. Ich weiss, dass viele von euch dieses Jahr nicht so schöne Erlebnisse hatten. Deshalb wollen wir heute darüber abstimmen, wie es in Zukunft weitergehen soll. Also, wer möchte beginnen?» Unzählige Hände schnellen in die Höhe und schon wieder herrscht ein wildes Durcheinander. «Meine Herren, ich bitte sie, seien sie doch endlich etwas ruhiger. Weihnachtsmann Tom, fangen sie bitte an und erzählen sie uns ihre Geschichte.»
Tom räuspert sich und fängt an zu berichten: «Wie ihr alle wisst, arbeite ich in New York. Wie jedes Jahr, hatte ich mich wiederum sehr auf die Weihnachtszeit gefreut. Als ich mit meinem Esel durch die Strassen schritt, in Gedanken schon bei den erfreuten Kindergesichtern, hörte ich hinter mir plötzlich laute Stimmen. Ich drehte mich um und sah vier junge Burschen vor mir stehen. Sie waren noch keine dreizehn Jahre alt, hatten aber alle schon Zigaretten in ihren Mundwinkeln. Abschätzig schauten sie mich von oben bis unten an. «Na, du alter Knacker, bist du wieder mal unterwegs, um uns kleine Kinder zu belehren? Du bist ja doch nicht echt!» johlten die Jungs und hatten meinen Esel schon umkreist. Sie zogen an seinem Schwanz, bis er vor Schreck laut «Iaahh, Iahhh» schrie. Während ich verzweifelt versuchte meinem Esel beizustehen, klaute einer der Burschen den prall gefüllten Sack und leerte alle Geschenke auf die nasse Strasse. Ihr könnt sicher alle verstehen, dass ich nach diesem Erlebnis keine grosse Lust mehr verspürte, den «lieben, kleinen Kinderlein» eine Freude zu bereiten.»
Die nächste Erzählung kommt von Weihnachtsmann Jakob aus Zürich. «Nachdem ich alle meine Geschenke verteilt hatte, machte ich mich spätabends auf den Heimweg. Ich befand mich gerade im Niederdorf, als ich aus heiterem Himmel von einem Mann aufgehalten wurde, der mir meinen Klausstab entriss und mich damit verprügelte. Im Spital musste mir eine Platzwunde an der Stirn genäht werden.»
Niemand sagt ein Wort. Alle haben den Kopf nachdenklich gesenkt. Der Vorsitzende findet als erster seine Sprache wieder. «Es tut mir wirklich sehr leid, was euch beiden passiert ist. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist. Fahren wir weiter meine Herren, wer hat sonst noch etwas zu berichten?»
Während den nächsten Stunden erzählen die Weihnachtsmänner aus der ganzen Welt ihre Erlebnisse.
Es gab nicht viel Erfreuliches zu berichten. Die Stimmung wird immer bedrückter. Der Vorsitzende klopft erneut mit seinem kleinen Hammer auf den Tisch, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. «Kommen wir zur Abstimmung, meine Herren. Wer dafür ist, dass wir nächstes Jahr unser Amt ablegen, erhebe jetzt bitte die Hand.» Ein Weihnachtsmann nach dem anderen erhebt langsam seine Hand. «Das ist ja wohl einstimmig, nicht wahr?» fragt der Vorsitzende. «Nein, Moment mal. Weihnachtsmann Ivan, sie erheben die Hand nicht. Haben sie uns noch etwas zu sagen?» «Ja», sagt Ivan etwas zögernd, «ich glaube, bevor wir zur endgültigen Abstimmung kommen, solltet ihr meine Geschichte noch hören.» Gespannt ruhen alle Augen auf Ivan. Einige Weihnachtsmänner scheinen zwar etwas ungeduldig, da die Sitzung bereits einige Stunden dauert. Trotzdem lauschen alle aufmerksam Ivan‘s Worten. «Ich arbeite in St. Petersburg. Ich hatte bereits von euren schrecklichen Erlebnissen gehört und war deshalb mit einem etwas mulmigen Gefühl unterwegs. Ich bog gerade um eine Ecke, die in eine schmale Gasse führte, da hörte ich plötzlich ein leises Wimmern. Ich drehte mich um und sah in einer dunklen Ecke ein kleines Mädchen sitzen. Es hatte ihre kleinen Hände schützend vor dem Gesicht und schluchzte herzzerreissend. «Hey, du», sagte ich und beugte mich zu ihr nieder, «was hast du denn?» «Wer bist du?» fragte das Mädchen ganz leise. «Der Weihnachtsmann mit seinem Esel.» Scheu kam es langsam aus seinem Versteck hervor und schlang die kleinen Ärmchen um meinen Hals. Das Mädchen schluchzte und wollte mich nicht mehr loslassen. «Na, na», versuchte ich sie zu beruhigen. «Erzähl mir doch mal wie du heisst und warum du so traurig bist.» Zögernd löste das kleine Mädchen ihre zarten Hände von meinem Hals. Sie schaute mich mit ihren braunen Augen traurig an und begann stockend zu erzählen.
«Mein Name ist Natascha. Meine Eltern sind vor einem halben Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seitdem lebe ich im Kinderheim. Aber es ist so schrecklich dort. Ich möchte so gerne zu einer Familie, die mich liebt. Die Schwestern im Kinderheim sagen aber immer, dass mich niemand will. Die Leute wollen nur Babys adoptieren und keine 8-jährigen Mädchen. Ich möchte Weihnachten nicht in diesem Heim verbringen. Darum bin ich weggelaufen. Kannst du mir nicht helfen, lieber Weihnachtsmann?» Hoffnungsvoll schaute mich Nata scha mit grossen Augen an. Ivan räuspert sich und fährt dann fort. «Natürlich habe ich ihr geholfen. Sie lebt seit zwei Wochen in einer lieben Familie, die zwei eigene Kinder hat. Ich habe hier noch etwas, das ihr lesen solltet. Es ist ein Brief von Natascha, den ich vor ein paar Tagen erhalten habe.» Ivan kramt einen Zettel aus seiner Tasche, den er allen Weihnachtsmännern zum Lesen gibt.
Der Brief der kleinen Natascha macht die Runde. Man sieht vielen Weihnachtsmännern an, wie gerührt sie sind. Einige wischen sich verstohlen eine Träne weg. Alle hängen ihren Gedanken nach. Hatten sie einen voreiligen Entschluss gefasst? Gab es nicht noch viele Kinder auf dieser Welt, die ihre Hilfe brauchten? Durften sie wirklich so schnell aufgeben? Nein, das durften sie nicht! Sie mussten für jedes Kind kämpfen, das noch an den Weihnachtsmann glaubt. In dieser Hinsicht waren sich nun alle einig …
Der alte Esel
«Iaaahh, Iaaahh», ruft der alte Esel in die kalte Winternacht. Der Himmel ist sternenklar und das Licht des Mondes verwandelt die verschneite Landschaft in ein Glitzermeer.
