25 Texte Neulich ... - Bodo Jeske - E-Book

25 Texte Neulich ... E-Book

Bodo Jeske

0,0

Beschreibung

25 Texte aus dem Alltag. Es sind die Kleinigkeiten des Lebens, die endlich mal Beachtung finden. Mit seiner guten Beobachtung lässt er uns glauben ... wir hätten die Geschichten selbst erlebt. Und tatsächlich hat er alle Texte erst "Neulich dem Alltag abgelauscht".

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der fünfte Band enthält sämtliche Neulich-Geschichten von Bodo Jeske. Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die ihre wohlverdiente Aufmerksamkeit bekommen. Ob Lippenstift, Kugelschreiber, Zahncreme, Toilettenpapier, Grünkohl, Eierschalen, ein Rudergerät, Glück, Einsamkeit oder Wünsche … alles wurde einzigartig beschrieben und erst neulich dem Alltag abgelauscht.

Es sind kurze Geschichten, die vielleicht so geschahen. Aber sind sie wahr, halb wahr oder komplett erfunden?

Alle Figuren, Handlungen und Schauplätze in Europa sind in diesen Texten frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind unbeabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Frau Lehmann

Eierschalen

Der Rollator-Mann

Amerika ist überall

Der Geschenkeladen

Linda Simon

Das Klassentreffen

Haufenweise Glück

die machen’s möglich

Schreibübungen

In der Apotheke

Das Gartentor

Das Angebot

Nicht zu lange sitzen

Simone Schmidt

Die Hausordnung

Hamsterkäufe

Die reine Wahrheit

Inhaltsstoffe

Zwei Euro einundfünfzig

Der Grünkohlmörder

Die offene Rechnung

Work-Life-Balance

Das Geheimnis

Das Kennwort

Nachwort

Ausblick

Julius Zeh

Frau Lehmann

Neulich … hat meine Frau wieder alles kaputt gemacht. – Nein, so kann ich das nicht stehenlassen. Erstens stimmt es nicht und zweitens hasse ich die Ich-Form in Geschichten. Dann denkt doch jeder gleich: Ah, seine Frau macht immer alles kaputt. Folglich gebe ich meiner Frau in den Geschichten einen anderen Namen. Einen anderen Familiennamen. Ich nenne sie zum Beispiel Frau Lehmann, und dann weiß jeder: Ah, Frau Lehmann macht immer alles kaputt. – Das find‘ ich gut, klingt doch etwas distanzierter. Es ist ja eine andere Frau, nicht meine. Und über eine andere Frau lässt es sich leichter herziehen. Herziehen? Wie sich das anhört. Sagen wir mal berichten. Besser noch erzählen: Also, Frau Lehmann macht immer alles kaputt, aber nur, weil sie alles ganz genau wissen will …

Da schneite ihr neulich ein Kugelschreiber ins Haus. Das heißt, er schneite nicht und schon gar nicht in ihr Haus, denn Frau Lehmann hat gar kein Haus, sondern eine Wohnung. Jedenfalls war der Kugelschreiber einfach da, sah wunderschön aus, schrieb toll, hatte so einen ganz dünnen Strich. Neudeutsch: Fineliner. – Ach, hätte Frau Lehmann ihn nicht einfach benutzen, ihn ansehen und sich an ihm erfreuen können? Aber nein, sie musste ihn aufschrauben, um zu sehen, wie die Mine aussieht und alles so funktioniert. Tja und das wars dann. Auf ging nur unter Gewaltanwendung und wieder zu schon gar nicht. Auch war die Mine nicht einzeln zu gebrauchen. Es wurde ein Fall für den Mülleimer (orangene Tonne natürlich). Frau Lehmann war traurig, ebenso ihr Mann. Sie einigten sich: Sollte noch einmal so ein schöner Kugelschreiber in ihr Leben treten, dann würden seine Innereien erst untersucht werden, wenn er wirklich leergeschrieben war. – Ja, so wie im Leben. Da schaut man ja auch erst richtig rein, wenn kein Leben mehr drin ist. Bei unnatürlichem Tod zum Beispiel; oder weil es vorher einfach keine Anzeichen oder keine Schmerzen gab. Also: Reinschauen erst nach dem Ende.

Weiter mit Frau Lehmann: Sie hat wieder etwas geöffnet. Aber diesmal war er bereits am Ende. Ihr Lippenstift. Genügend Masse war noch zu sehen, ließ sich aber nicht weiter herausdrehen. Sie hat das Ding geöffnet. War alles sehr interessant. Sie würde den Stift natürlich ganz anders bauen. Nämlich so, dass frau alles bis zuletzt gebrauchen kann. Es ist doch schade um so viel Restmasse in einem Lippenstift!

Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür: Eine Unterschriftenaktion von irgendwelchen Umweltschützern. Sie forderten alle auf, weniger Müll zu produzieren. Na da waren sie bei Frau Lehmann doch an der richtigen Adresse. – Als sie wieder fort waren, hielt Frau Lehmann einen neuen Kugelschreiber in der Hand. Er war aus Holz und auf ihm stand: Nachhaltig arbeiten und leben. – So einen hatte Sie noch nicht, blieb aber stark.

Jetzt bin ich fertig. Mit Frau Lehmann. Für heute. Dabei fällt mir ein, wenn Frau Lehmann meine Frau ist, dann bin ich ja Herr Lehmann. Aber den gibt es schon. Herr Lehmann ist durch Sven Regeners Roman vergeben. Gut, dann bleib ich eben … Bodo Jeske.

Eierschalen

Neulich … saßen an einem ganz normalen Sonntag Horst-Herbert und seine Frau am Frühstückstisch, als es geschah.

Für jeden gab es ein Ei. Sie mochte es weich, er lieber hart. Auch diesmal waren sie perfekt gekocht.

Während es für ihn nur der Punkt eins auf der sonntäglichen To-do-Liste war, genoss sie das Frühstück, ließ sich, wie immer, Zeit beim Essen und er, Horst-Herbert, kämpfte mit seinem Labrador-Gen. Er war ein Schlinger und ständig eher fertig. Er solle langsamer essen, länger kauen. Aber auch diesmal gelang es ihm nicht. Bereits fertig, saß er am Tisch, schaute sich um, suchte den Brotkorb nach Krümelchen ab, goss sich Kaffee nach und begann, die Eierschalen ganz langsam und fast pedantisch, zu zerdrücken, damit sie später auf dem Komposthaufen schneller zerfallen würden.

Dies beobachtete seine Frau und sagte spontan: „Das wird mir fehlen!“

„Ja, was war denn das eben?“, fragte er entsetzt.

Ihr Paartherapeut, den sie seit zwei Jahren reich machten, riet ihnen zu üben, was die Konversation anginge. Niemand solle den anderen verletzen, beleidigen, korrigieren … zumal sie ja genauso dachten, oft dasselbe meinten, es manchmal nur anders ausdrücken würden. Aber hin und wieder passierte es … und ein paar Worte schlüpften, wie gerade eben, heraus. Dann war der andere, gelinde gesagt, verschnupft.

„Du meinst also, ich sterbe von dir?“, brachte es Horst-Herbert auf den Punkt.

„Nein, um Gottes Willen, das habe ich nicht so gemeint“, sagte sie.

„Ah, nicht so gemeint? … dann wird es ja immer schlimmer. Du sagtest: Das wird mir fehlen. Wenn du also nicht meinst, dass ich vor dir sterbe … dann willst du dich von mir trennen? – Gut, wenn das so ist: Sag nur rechtzeitig Bescheid, damit ich mich darauf einstellen kann. Es ist nicht einfach, eine Wohnung zu finden.“

„Aber nein, nein, nein.“

„Auch gut, wenn das auch nicht zutrifft. Aber wie kommst du darauf zu sagen: Das wird mir fehlen! Hattest du eine Eingebung? Einen Kontakt mit dem da oben? Und er hat dir gesteckt …, dass etwas passieren wird mit mir. Ein Unfall? Und du musst nur warten?“

„Nein, das war ein Zufall …“

„Ah, zufällig hast du von meinem baldigen Ableben erfahren?“

„Es war ein Zufall, dass mir die Worte so rausgerutscht sind.“

„Glaub ich nicht. Du hast sie dir sehr wohl überlegt, sie wohnten quasi in deinem Kopf und jetzt, nur weil mal kurz ein Türchen aufstand, sind sie herausgepurzelt.“

„Nein. Du unterstellst mir da etwas. Ich sorge mich um dich, wenn … und überhaupt.“

„Wenn was?“

„Na, wenn du es mit den Händen hast, Gicht zum Beispiel, eine schlimme Sache, dann kannst du diese Eierschalen nicht mehr so pedantisch zerdrücken.“

„Ach, so hast du das gemeint! – Wie kommst du eigentlich auf Gicht? Weißt du mehr als ich? Hast du meine letzten Laborwerte gesehen und etwas entdeckt?“

„Nein, ich habe keine Vorahnung … ich sorge mich nur.“

„Gut. Wenn das alles ein Missverständnis war, dann vergessen wir die ganze Sache. Und ich erzähle dir auch nicht von meinen Sorgen, die ich mir mache.“

„Du machst dir Sorgen?“

„Ja, um dich …“

„Du sorgst dich um mich? Das ist aber lieb von dir!“

„Ja, ich mache mir Sorgen, weil du dir Sorgen um mich machst. Obwohl es dafür keinen Grund gibt. Bis auf die Gicht zum Beispiel. Aber es gibt auch dafür eine Lösung“, sagte Horst-Herbert und lächelte sie an.

Dann stand er auf, ging zum Apothekenschrank und kam mit Mörser und Stößel zurück, nahm die Eierschalen und zerrieb sie zu feinem Kalk.

Der Rollator-Mann

Neulich … hielt ich auf meinem Heimweg ausnahmsweise mal an einer anderen Kaufhalle. Dort fiel mir neben dem Eingang ein älterer Herr auf. Er saß auf seinem Rollator, blickte freundlich in die Gegend, hatte eine leergetrunkene Bierdose neben sich stehen und öffnete gerade eine zweite. Er bettelte nicht. Rauchte nicht. Ich nickte ihm kurz zu und nahm mir einen Einkaufswagen.

Nach dem Einkauf verstaute ich alles im Auto und brachte den Einkaufswagen zurück. Der Mann saß noch immer da und ich fragte ihn beiläufig: „Na, wer hat Sie denn hier vergessen?“

„Ach“, sagte er, „ich bin ja so froh, dass Sie mich ansprechen. Wissen Sie, die meisten Leute übersehen mich einfach. Aber Sie schauen mit offenen Augen und sind sich nicht zu schade für ein Gespräch. Wissen Sie … ich will niemanden belästigen. Dabei unterhalte ich mich so gern. Zu Hause sitze ich in meiner Drei-Raum-Wohnung. Ganz allein. Da ist keiner. Vor sechs Jahren verstarb meine Frau. Seitdem starre ich nur noch die Wände an. Unsere Freunde haben sich zurückgezogen, mit mir allein können sie nichts anfangen. Ich will aber unter Leuten sein, gehe raus, bin an der frischen Luft. Auch mein Arzt sagt: Laufen, laufen. Sonst müssen wir den einen Fuß abnehmen. Da hab ich NEIN gesagt … Früher war ich sogar Trainer hier im Kiez, hab die Kleinen betreut beim Turnen. Aber dann kamen jüngere Ausbilder und ich wurde nicht mehr gebraucht.“

Ich fragte: „Gibt es denn hier keinen Kiezklub? Also, wo ich wohne, gibt es einen mit ganz vielen Angeboten.“

„Ja, klar. Bin lange zum Skatnachmittag gegangen. Aber meine Augen sind schlechter geworden. Mein linkes Auge ist von Geburt an fast blind. Und jetzt wird mein rechtes auch noch trüb. Ich sehe nur Umrisse. Kartenspielen geht nicht mehr.“

„Lässt sich da nichts machen“, fragte ich, „was sagt denn der Augenarzt?“

„Ach der“, winkte er ab, „der sagt: Wissen Sie, Herr Franke, Sie sind jetzt 83 Jahre, da kann man nichts machen. Das ist so. Altersbedingt.“

„Ich glaube“, versuchte ich zu helfen, „Sie müssen sich eine Zweitmeinung einholen. Das kann doch nicht sein, dass Sie allmählich erblinden.“

„Das sagt meine Tochter auch. Sie arbeitet als Kassiererin, aber in einer anderen Kaufhalle. Nein, … vor ihrer Halle setze ich mich nicht hin. Das mach ich nicht. Aber sie versorgt mich regelmäßig mit Einkäufen, hat ja selbst kaum Zeit, hat Familie.“

Gut, dachte ich. Da ist wenigsten jemand. Und telefonieren werden sie bestimmt auch miteinander.

„Das Schreckliche ist“, erzählte er weiter, „wenn ich wieder zu Hause bin, bin ich allein. Da ist niemand, mit dem ich reden kann. Soll ich mir selbst alles erzählen, wie es Wellensittiche machen, wenn sie sich im Spiegel sehen? Allein sein ist furchtbar. So stell ich mir Einzelhaft vor.“

Ich blickte betroffen nach unten.

Er sagte noch: „Den ganzen Tag läuft bei mir der Fernseher mit dieser Werbung. Wissen Sie, wie schlimm das ist? Ich höre da schon gar nicht mehr hin. Will ja nicht verblöden.“

„Ach, man“, stammelte ich und versuchte ihn aufzubauen, „etwas Schönes. Gibt es denn nichts Schönes für Sie?“

Er schüttelte den Kopf: „Neulich hat meine Tochter die ungelesene Zeitung bei mir entdeckt. Sie fragte, ob ich gar nicht mehr lesen würde? – Na wie denn, sagte ich. Mit meinen Augen geht das nicht mehr. Und vernünftig wie sie ist, hat sie das Abo abbestellt.“

Ich nickte: „Hm.“

Dann erzählte er: „Vorgestern hab ich mich abends ins Bett gelegt mit einem Küchenmesser. Hatte es vorher geschärft … aber ich konnte es nicht.“ Er deutete einen Schnitt quer über seine Kehle an. „War zu feige. Dreiundachtzig bin ich jetzt, bald vierundachtzig. Aber einen Sinn hat das alles nicht mehr.“

Ich sah in seine wässrigen Augen. In den letzten paar Minuten hatte er mir von seinem Fuß, den Augen, der Tochter und immer wieder von der Einsamkeit erzählt.

„Wissen Sie“, klagte er weiter, „dieses Alleinsein, das ist so schlimm. Ich komme nach Hause und niemand ist da, mit dem ich reden kann.“

„Hm“, hörte ich mich und dachte: Jetzt wiederholt er sich. Ich versuchte von ihm loszukommen, zog die Schultern verzweifelt hoch und sagte: „Bis morgen, ich komme wieder. Dann habe ich etwas mehr Zeit für Sie, Herr Franke.“

Mit seinen trüben Augen lächelte er mich an: „Danke, dass Sie mir zugehört haben.“ Er überlegte und fragte schließlich: „Woher kennen Sie eigentlich meinen Namen?“

Amerika ist überall

Neulich … saß Peter Schubert wieder einmal grübelnd am Frühstückstisch. Er fragte sich, was heute alles schief gehen könnte? Karin las in den Sorgen ihres Mannes. Sie kannte ihn.

„Na?“, fragte sie nur.

Das war ihre Einstiegsfrage.

„Naja“, meinte er und überlegte, ob er schon jetzt mit seinen schwarzen Gedanken herauskommen sollte? Denn er war noch nicht ganz fertig mit dem Denken. Und Unfertiges mochte seine Frau nicht.

„Naja“, begann er, „man soll doch positiv denken.“

„Ja“, sagte sie. „Auch du!“

„Ich weiß. – Aber die Nachricht hast du gehört?“

„Welche?“

„Stimmt. Es gibt da mehrere“, gab Peter Schubert zu. „Ich meine die aus Amerika, wo sie das falsche Haus abgerissen haben.“

„Ja. Ist dumm gelaufen da drüben hinterm Teich. Eben Amerika“, meinte Karin, „aber das kann hier nicht passieren. Bei uns könn‘ doch alle lesen und schreiben.“

„Genau“, stimmte Peter ihr zu, „deshalb denke ich ja positiv: So etwas passiert hier nicht. Uns nicht. – Aber, wenn …?“

„Was, wenn?“, seine Skepsis nervte sie, „wir waren doch mit dem Chef der Abrissfirma vor Ort. Haben ihm alles gezeigt. Das Gartenhaus ist geräumt und die Anschlüsse sind gekappt. Strom, Wasser und Gas.“

„Stimmt“, sagte Peter Schubert ruhig, „du hast recht. Eigentlich kann nichts schief gehen. – Aber wenn der Chef den Auftrag weitergereicht hat? An einen Sub-Unternehmer?“, warf er zögerlich ein, „da kannst du alles bis ins Kleinste besprochen haben … und trotzdem.“

„Der Chef ist verantwortlich“, sagte sie, „mach dir keine Sorgen. Geh ruhig zur Arbeit. Es wird schon klappen.“

„Hm, ja. – Für wen lassen wir es eigentlich abreißen?“

„Was ist das für eine Frage? Wir wollen doch bauen und dann dort hinziehen.“

„Stimmt. Und wir machen‘s nicht, um den Nachbarn zu ärgern?“

„Wie?“, fragte sie entgeistert.

„Naja, Nachbars Haus ist doch viel älter und kleiner. Hat nicht mal ´ne Heizung. Und wenn der dann neidisch wird? Vielleicht sollten wir ihm den Vortritt lassen?“

„Ach was. Wir haben‘s ihm erzählt, dass wir bauen und dann die Stadtwohnung aufgeben werden … aber, was soll das alles? Wir müssen uns doch nicht rechtfertigen … Punkt. Aus!“

Das war ihre Schlussansage.