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Walter Serner präsentiert in "27 Erotikthriller in einem Band" eine faszinierende Sammlung von Erzählungen, die die Grenzen zwischen Lust, Spannung und psychologischer Tiefe ausloten. Jeder der 27 Thriller ist in einem prägnanten, pointierten Stil verfasst, der sich durch eine packende Sprache und unerwartete Wendungen auszeichnet. Serner gelingt es, intime Begegnungen und die Abgründe menschlicher Leidenschaften sinnbildlich darzustellen, während er gleichzeitig die Leser mit einer eindringlichen Atmosphäre fesselt. Die Erzählungen reflektieren nicht nur individuelle Sehnsüchte, sondern auch gesellschaftliche Tabus, die in der heutigen Zeit noch immer von Bedeutung sind. Walter Serner, ein bedeutender Vertreter der avantgardistischen Literatur, hat sein Werk in den frühen 20. Jahrhunderts geprägt. Bekannt für seine subversiven Ansätze und seinen Mut, mit Konventionen zu brechen, entwickelte Serner eine literarische Stimme, die unkonventionell und trotzdem tiefgründig ist. Sein persönlicher Werdegang und seine Erlebnisse in einer dynamischen und oft widersprüchlichen Welt haben ihn zu diesem gewagten literarischen Experiment inspiriert. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die das Spiel mit Emotionen und den Nervenkitzel der unkonventionellen Beziehungen erkunden möchten. Die Mischung aus Erotik und psychologischer Intensität macht "27 Erotikthriller in einem Band" zu einem bemerkenswerten Erlebnis, das sowohl zum Nachdenken anregt als auch den Puls höher schlagen lässt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Ausgabe vereint 27 Prosastücke Walter Serners unter dem bündigen Etikett Erotikthriller und bietet einen konzentrierten Zugang zu jener Seite seines Werks, in der Verführung, Gefahr und Kalkül ein unauflösliches Bündnis eingehen. Nicht als vollständige Werkausgabe gedacht, sondern als profilierte Auswahl, zeigt der Band, wie Serner Spannungsnarrative mit der kühlen Eleganz der klassischen Moderne verbindet. Die hier versammelten Texte stehen jeweils für sich, eröffnen im Nebeneinander jedoch eine größere Dramaturgie: ein Panorama aus riskanten Begegnungen, doppelten Böden und sorgsam inszenierten Manövern, in denen Liebeskunst, Geldfragen und moralische Schattierungen unaufhörlich ineinander greifen.
Die Sammlung umfasst vornehmlich Erzählungen und novellenartige Stücke, ergänzt durch kürzere Skizzen und szenische Miniaturen. Ob kompakte Episoden oder elaboriertere Handlungsgeflechte – stets bleibt der Fokus auf genauer Beobachtung, rhythmischer Zuspitzung und der schrittweisen Entfaltung von Risiko. Die Texte bewegen sich souverän zwischen Kriminalgeschichte, Gesellschaftssatire und psychologischem Kammerspiel. Sie nutzen die Konventionen des Thrillers, um Erwartungen zu wecken, nur um sie an entscheidenden Stellen zu unterlaufen. So entsteht Spannung weniger aus Gewaltdemonstration als aus dem präzisen Timing von Blicken, Gesten und taktischen Verschiebungen, die das Miteinander der Figuren in intensive, oft gefährliche Nähe rücken.
Verbindende Themen sind Verstellung, Tausch und das Spiel mit Identitäten. Viele Szenen führen in Milieus, in denen Charme und Berechnung untrennbar sind: Salons, Bars, Spieltische, Durchgangshotels – Orte, an denen Regeln existieren und zugleich permanent neu verhandelt werden. Eros erscheint dabei nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als treibende Kraft, die Handlungsspielräume öffnet und Fallen stellt. Aus kleinen Vorteilen erwachsen Kettenreaktionen, aus Zufällen kalkulierte Strategien. Die Figuren handeln selten heroisch, sondern klug, kühl, manchmal skrupellos; sie testen Grenzen aus, nutzen Unschärfen, verschieben Werte – und entwerfen so ein Bild der Moderne als präzise choreografiertes Risiko.
Stilistisch setzt Serner auf Lakonie, pointierte Ökonomie und ein feines Sensorium für Nuancen. Souveräne Ellipsen, elegante Schnitte und dialogische Verdichtung erzeugen Tempo ohne Hast. Ein internationaler Wortschatz, gelegentliche Fremdsprachenblitzen und präzise Fachtermini betonen die Weltläufigkeit dieser Prosa, in der Wissenskälte und Sinnlichkeit ein seltenes Gleichgewicht finden. Die Spannung resultiert aus methodischem Andeuten und kontrollierter Auslassung; das Entscheidende liegt oft halbe Sätze hinter dem Gesagten. Humor und Ironie schimmern durch, doch sie wärmen nicht, sondern schärfen den Blick. So entsteht ein Ton, der verführt, ohne zu schmeicheln, und entlarvt, ohne zu dozieren.
Die Bandbreite zeigen bereits die Titel: von Der Vicomte, Sein Truc und Das Zéro über Die Bande Kaff, P. L. M. und Un débrouillard bis zu Bukarest – Budapest oder Eros vanné. Kosmopolitische Markierungen, Reisetopoi und technische Kürzel verweisen auf Mobilität und verschränkte Räume. Schauplätze wechseln zwischen Villen, Pensionen, nächtlichen Straßen und transitiven Zonen wie Bahnhöfen oder Hotelkorridoren. Dort kreuzen sich Linien, Reiche und Interessen. Der Sturm auf die Villa, Das ominöse Schild oder Das sicherste Spiel deuten nicht bloß Ereignisse an, sondern Denkweisen: Unternehmungen, Tarnungen, Kalküle, die den Nerv moderner Existenz berühren – stets mit einem Hauch verführerischer Gefahr.
Als markanter Autor der klassischen Moderne, mit scharfem Sinn für die Maskenspiele der Zeit, hat Serner eine Prosa entwickelt, die die Ästhetik der Avantgarde mit genretauglicher Präzision verbindet. Seine Texte beobachten das Gesellschaftliche unter Laborbedingungen: Versuchsanordnungen, in denen Anziehungsmacht, Geldverkehr und Intelligenz miteinander konkurrieren. Das erklärt ihre anhaltende Frische. Sie lesen sich weder museal noch bloß zeitkoloritig, sondern als hellsichtige Studien darüber, wie Menschen in verdichteten Situationen entscheiden. Der Band macht diese Qualität in serieller Form erfahrbar und zeigt, wie konsequent Serners Kunst der Andeutung, des Tricks und der eleganten Wendung bis heute nachklingt.
Die Anordnung der 27 Stücke lädt dazu ein, Verbindungen zu erkennen, ohne die Eigenständigkeit zu nivellieren. Man kann chronologisch lesen oder mit Motiven springen, von Ein ungewöhnlicher Handel zu Pfeffer weiß sich zu helfen, von Lampenfieber zu Überkombiniert. Überall zeigt sich die gleiche Kunst, Spannungslogik auf das Minimum an Bewegung und das Maximum an Bedeutung zu bringen. Wer aufmerksam auf Details, Nebensätze und Requisiten achtet, entdeckt unter der Oberfläche stetig neue Linien. So bietet der Band sowohl einen idealen Einstieg in Serners erzählerische Welt als auch ein kompaktes Wiedersehen für Kennerinnen und Kenner.
Die 27 Erotikthriller von Walter Serner sind in Milieus entstanden, die vom Zusammenbruch der alten Ordnung 1918, den Verwerfungen des Ersten Weltkriegs und der radikal-avantgardistischen Geste des Dada geprägt waren. Serner, 1889 in Karlsbad geboren, bewegte sich seit 1916 zwischen Zürich, Genf und später Berlin und Prag; sein Dada-Manifest Die letzte Lockerung zeigt die skeptische, antbürgerliche Grundhaltung, die auch diese Kriminalgrotesken durchzieht. Erotik, Betrug und Gewalt erscheinen weniger als Sensation denn als Diagnose einer desillusionierten Moderne, in der Loyalitäten zerbröckeln und Identitäten dirigiert, getauscht oder gefälscht werden. Zugleich nutzt Serner die Geschwindigkeit neuer urbaner Lebensformen als erzählerischen Motor.
Die Großstädte der 1910er und 1920er Jahre – Berlin, Paris, Wien, Prag – wurden zu Bühnen einer rasant vernetzten Halbwelt. Revue-Theater, Tanzpaläste und Kinos mischten sich mit Bars, Spielhöllen und Pensionen; Serials wie Fantômas (1911–1913) und Feuillades Les Vampires (1915–1916) prägten die Wahrnehmung des genialen Verbrechers. Telefon, Telegramm und präzise Eisenbahnfahrpläne erzeugten neue Rhythmen und Alibis, die Serner literarisch ausreizt. Die erzählerische Ökonomie seiner Stücke reagiert auf das schnittartige Erlebnis moderner Medien, während der Blick auf Portiers, Kellner, Kommis und mondäne Damen die soziale Mobilität der Nachkriegszeit und die Durchlässigkeit zwischen Bühne, Bordell und Büro sichtbar macht.
Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 zogen neue Grenzen Schneisen durch Mitteleuropa. Pässe mit Fotografien wurden zur Eintrittskarte in das ökonomische Überleben; Schmuggler und Schieber nutzten Bahnknoten wie Budapest, Bukarest oder Triest. Serner bindet solche Logistiken in Titel wie Bukarest – Budapest oder P. L. M. ein, wobei die französische Bahngesellschaft Paris–Lyon–Méditerranée als Chiffre für Mobilität und Flucht fungiert. Gleichzeitig professionalisierte sich die internationale Polizei: 1923 entstand in Wien die Internationale Kriminalpolizeiliche Kommission. Diese Verdichtung von Kontrolle und Gelegenheit lässt seine Figuren zwischen Identitätswechsel, Grenzübertritt und überraschender Razzia oszillieren – stets auf der Kippe zwischen Routine und Katastrophe.
Ökonomische Krisen liefern den Subtext vieler Handlungen. Hyperinflation und Währungsturbulenzen in Deutschland 1922/23, Nachkriegsarmut in Österreich und Böhmen sowie die Wiederaufbauspannungen in Frankreich förderten Schwarzmärkte, Valutatricks und Spielleidenschaft. Serner bevölkert seine Schauplätze mit Gaunern, Börsenjongleuren, Kartenkünstlern und verführerischen Komplizinnen, deren Kalkül die Prekarität des Alltags spiegelt. Cafés fungieren als Büros der Halbwelt, Hotelhallen als Börsen des Zufalls. Der Dawes-Plan 1924 stabilisierte zwar vorübergehend die Währung, doch der moralische Kredit blieb brüchig. Diese Gemengelage nährt die lakonische Pointe seiner Thriller: Der Profit liegt im Bluff, und der Charme ersetzt kurzfristig den fehlenden Besitzstand.
Sexualpolitik und Wissenskulturen der Zeit rahmen die erotischen Motive. Mit Freuds Psychoanalyse in Wien und Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft in Berlin (gegründet 1919) verschoben sich Diskurse über Begehren, Geschlechterrollen und Devianz. Zugleich regulierten Polizei und Gesundheitsämter Bordelle und registrierten Sexarbeit, während die Figur der Neuen Frau Sichtbarkeit gewann. Serners Geschichten spielen mit dieser Ambivalenz: Verführung ist Taktik, Beichte ist Verhör, und Intimität wird zur Bühne der Erpressung. Die kühle Sachlichkeit, mit der Körper, Kleidung und Blicke protokolliert werden, verweist auf forensische Routinen ebenso wie auf die Warenförmigkeit des Eros im großstädtischen Verkehr.
Zensur- und Jugendschutzdebatten prägten die zeitgenössische Rezeption. Das deutsche Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften von 1926 erschwerte Vertrieb und Werbung für als anstößig geltende Stoffe; polizeiliche Sittenaufsicht sorgte für Beschlagnahmen. Gleichwohl florierte der literarische Markt der Feuilletons, Magazine und Heftromane. Serners knappe, pointierte Diktion, sein Code-Switching ins Französische – sichtbar in Titeln wie Un débrouillard oder Eros vanné – und sein dadaistischer Zynismus wurden von bürgerlichen Kritikern als frivol gescholten, von urbanen Lesepublika jedoch als nervöses Zeitmaß akzeptiert. Das Changieren zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur gehört zur historischen Physiognomie dieser Texte.
Geopolitische Ängste und Stereotype der Epoche bilden einen weiteren Resonanzraum. Der gelbe Terror greift Diskurse des sogenannten Yellow Peril auf, die seit dem späten 19. Jahrhundert in europäischen Medien kursierten und nach 1905 neue Nahrung fanden. In Serners Kosmos erscheinen solche Chiffren oft mit ironischer Schärfe, zugleich offenbaren sie die problematischen Raster zeitgenössischer Wahrnehmung. Der Blick nach Italien – in Motive wie Die Ermordung des Marchese de Brignole-Sale – spiegelt den Bedeutungsverlust aristokratischer Eliten und die neue Gewaltordnung, die spätestens mit Mussolinis Marsch auf Rom 1922 politisch institutionell wird. Internationale Salons kippen in politische Hinterzimmer.
Serners Biografie schärft die Gegenwartsdiagnose seiner Thriller. Als jüdischer Autor im deutschen Sprachraum wurde er in den 1930er Jahren marginalisiert; in Prag suchte er Schutz, ehe er 1942 deportiert wurde und verschwand. Zerstörung von Netzwerken, Verlust von Archiven und Emigration trugen dazu bei, dass sein Werk lange randständig blieb. Spätere Wiederentdeckungen im Zuge der Dada-Forschung und der Neubewertung der Weimarer Populärkultur rückten die Texte als präzise Protokolle einer kosmopolitischen Zwischenkriegswelt ins Licht. Die Sammlung liest sich heute als Inventar von Tricks, Tarnungen und Versuchungen, in dem Eros und Delikt die Biografie moderner Subjekte spiegeln.
In diesen Erzählungen dominiert das Motiv der Rechnung: Figuren setzen auf Wahrscheinlichkeiten, Zahlenspiele und perfekte Manöver, um Begehren, Geld und Gefahr zu steuern.
Der Ton ist kühl und ironisch-präzise, während plötzliche Wendungen zeigen, wie Berechnung und Erotik sich gegenseitig anheizen.
Verführer, Titelträger und berühmte Namen dienen als Masken, hinter denen raffinierte Tauschgeschäfte, kleine Erpressungen und Rollenspiele in Gang gesetzt werden.
Das Spiel mit Rang und Rolle entfaltet einen eleganten, sardonischen Sittenblick, in dem Attraktion und Vorteilssuche untrennbar verschränkt sind.
Rätselhafte Zeichen, Schilder und vermeintliche Omen lenken Wahrnehmung und Begehren – und führen Täter wie Opfer auf Abwege.
Serner variiert das Motiv der falschen Spur mit lakonischem Witz und macht das Lesen selbst zum riskanten Decodieren.
Zwischen Pension, Probenraum und Hinterbühne werden Karrieren, Affären und Coups als Inszenierungen verhandelt, bei denen jeder Auftritt kalkuliert ist.
Der Ton schwankt zwischen leichtfüßiger Satire und kühler Beobachtung; Erotik erscheint als Castingkriterium und als Waffe.
Organisierte Kleinkriminalität kippt in größere Aktionen, bei denen Villen, Tresore und Fluchtwege zur Bühne riskanter Allianzen werden.
Tempo und Lakonie erzeugen nervöse Spannung, während Improvisationskunst und Verrat stets nur einen Schritt voneinander entfernt sind.
Züge, Bahnhöfe und Wechselstuben rahmen Begegnungen, bei denen Mobilität zur Tarnung und zum Katalysator erotischer Geschäfte wird.
Der kosmopolitische Ton verbindet urbane Schnelligkeit mit Grenzspielereien, wo Identitäten so flüchtig sind wie Fahrpläne.
Südländische Schauplätze und leidenschaftliche Figuren schärfen die Spannung zwischen Begehren, Ehre und kalkulierter Rache.
Die Prosa bleibt nüchtern und scharf, wodurch das Pathos der Gefühle in kühle, präzise Dramaturgie übersetzt wird.
Hier richtet sich der Blick auf den Sog von Sensationslust und kollektiver Aufregung, die Taten vergrößern und Spuren verwischen.
Der Text verbindet medienkritischen Unterton mit der Frage, wie Erotik und Gewalt durch Gerüchte neue Formen annehmen.
war in der Absicht nach Marseille gekommen, mit Bec-Salé und Gugusse einen großen Coup zu machen.
Er hatte eben ein kleines Café auf dem Boulevard Baille verlassen, als er vor der Auslage einer Buchhandlung stehenblieb: ein Kriminalroman, dessen blutrünstiges Titelbild weithin leuchtete, hatte es ihm angetan. Seine Jugendleidenschaft lebte in alter Macht wieder auf: er nahm ein Exemplar in die Hand, blätterte darin und entfernte sich lesend. Das war immer schon sein Truc gewesen[1q].
Unter einem Haustor las er stehend weiter. Das Buch war langweilig und dumm. Schon wollte er es wegwerfen, als ein Einfall seinen schmalen feinen Mund kräuselte. Er riß noch einige Seiten mit den Fingern auf, verknitterte das Titelblatt ein wenig und löste den kleinen Zettel der Firma des Buchhändlers ab. Hierauf ging er langsam zurück, trat in die Buchhandlung und bot dem Inhaber dessen eigenes Buch zum Kauf an. Er empfing zwei Francs.
Diese in der hohlen Hand schwenkend, schlenderte er vor sich hin, als er, plötzlich aufsehend, vor Wut aufzischte: er hatte den Geheimagenten Rebbis erkannt, der sich ihm wie zufällig näherte. Da eine Begegnung unvermeidlich geworden war, zog er es vor, Rebbis freundlich zu winken.
Der war dermaßen durchsonnt von diesem glücklichen Zusammentreffen, daß es ihm nur schlecht gelang, so zu tun, als suche er in seiner Erinnerung. Als er sich hinreichend gequält zu haben glaubte, zog er den Hut: »Ah, monsieur le vicomte! Was für ein überraschendes Wiedersehen!«
»Überraschend?« Der Vicomte blinzelte listig.
Rebbis frottierte sich betreten die Hand. »Sie glauben also neuerdings …«
»Nein.« Der Vicomte schmunzelte zart. »Sondern daß Sie immer noch …«
»Ich werde Sie überzeugen.« Rebbis nahm mit jener einzigartigen Innigkeit, mit der man nur sein Opfer liebt, den Arm des Vicomte. »Aber stecken Sie doch schon das Geld ein!«
Der Vicomte, der bloß davon überzeugt war, daß Rebbis ihn schon längere Zeit beobachtet hatte und die Herkunft des Geldes kannte, lächelte frech. »Ich wollte Ihnen gerade eine Mominette anbieten. Henri da drüben kennt mich. Ich bestelle Anisette und er bringt …«
»Immer noch der Alte«, sagte Rebbis lachend. »Gehen wir also hinüber. Die Luft hier ist übrigens fehlerlos.«
»Das sagten Sie auch in Paris vor der Brasserie Lavenue, als Sie mir vorschlugen, Madame Briffant in der Avenue Loewendall auf den Plafond zu klopfen.«
»Die Sache hätte Sie groß gemacht.«
»Oder – krumm.« Der Vicomte legte die zwei Francs vor sich auf das Marmortischchen und schneuzte sich geräuschvoll, um seine Heiterkeit zu maskieren.
»Ich versichere Ihnen …« Rebbis spielte, während er ein verblüffendes Gesicht aufsetzte, an dem großen runden Stein seiner Krawattennadel.
»Kosten Sie den Absinth!« Der Vicomte änderte ganz unerwartet den Ton. »Was tun Sie jetzt?«
»Es ist ja doch nur Anisette.« Rebbis kordialisierte flott mit. »Ich amüsiere mir den Kopfschmuck weg und schiebe Auskünfte.«
Der Vicomte wunderte sich, als glaube er es.
»Aber«, machte Rebbis gedehnt und warnte sich mit dem Zeigefinger. »Citroën ist eine Canaille.«
»Sie lügen ja beleidigend.« Der Vicomte trank und sah in sein Glas.
»Hören Sie, Vicomte …«
Und während Rebbis weitschweifig begründete, daß er der berühmten Automobilfabrik die schwierigsten Privatinformationen besorge, dachte der Vicomte unausgesetzt darüber nach, wie er ihn sich vom Halse schaffen könnte. Schließlich kam er zu dem Schluß, daß ihm nichts anderes übrigblieb, als seinen gewagtesten Truc loszulassen. »Hé, Rebbis, wie gefällt Ihnen das?« Er hatte mit einem Mal seinen Browning in der Faust und richtete den Lauf auf die Bar.
Rebbis schwieg sofort und blickte, die Hand bereits in der Tasche an seiner Waffe, scharf auf den Browning des Vicomte.
»Henri!« rief der Vicomte durchdringend. »Stell einen Stöpsel mit einem Streichholz auf die Etagère dort oben!«
Henri, ein flinker schlanker Bursche, tat es scheu, aber schnell.
Die Gäste an den umstehenden Tischen staunten mit gläsernen Augen umher.
Der Vicomte stand auf, zielte auf das Streichholz und schoß. Im selben Augenblick aber sauste seine Linke, die einen Schlagring umklammert hielt, über sein Waffe hinweg auf Rebbis Schläfe, der sofort blutüberströmt zusammenbrach.
Der Vicomte feuerte noch zwei Schüsse in die Luft, bevor er mit einem wilden Satz über die Bar sprang, durch die dahinter befindliche Tür und durch das Fenster, das vom Nebenraum aus auf den Hof führte.
Als Rebbis unter den Händen des rasch herbeigerufenen Arztes zu sich kam, blickte er zuerst auf den Schrank: das Streichholz war weg. Er ließ sich den Stöpsel herunterreichen. »Da ist die Kugelspur … Wo ist der Kellner Henri?«
Henri war gleich dem Vicomte unauffindbar …
Die auf dieses Ereignis folgenden Tage benützte Rebbis ausschließlich dazu, die Buchhandlung auf dem Boulevard Baille und das gegenüberliegende kleine Café scharf überwachen zu lassen. Mit dem Resultat, daß auch nach zwei Wochen nicht die kleinste brauchbare Beobachtung registriert werden konnte. Erst in der dritten Woche fiel es einem Flic auf, daß zwei jugendliche Kokotten, Joop und Miette geheißen, beim Verlassen des kleinen Cafés sich wiederholt nach allen Seiten umblickten. Er folgte ihnen und konnte feststellen, daß sie in einem alten baufälligen Haus in der Rue St. Bruno verschwanden.
Andern Tags wartete Rebbis persönlich auf dem Boulevard Baille. Joop und Miette kamen denn auch gegen fünf Uhr nachmittags, hielten sich etwa eine Stunde in dem kleinen Café auf und verließen es ebenso vorsichtig wie tags zuvor. Als sie das Haus in der Rue St. Bruno betreten hatten, eilte Rebbis zur Tür, postierte seinen Begleiter in den Hausflur und stieg mit Hilfe seiner elektrischen Taschenlampe eine bereits angemorschte Holztreppe empor. Er hatte kaum die erste Etage erreicht, als ihm von hinten ein dickes Wolltuch über das Gesicht gerissen wurde …
Als er wieder sah, saß er auf einem Holzstuhl in einem anscheinend leeren Zimmer. Aus einer Ecke hinter ihm kam ein schwacher Lichtschein. Er wandte sich nach ihm um und erhielt gleichzeitig eine fürchterliche Ohrfeige.
Bec-Salé, den er ebenfalls von Paris her kannte, stand breitspurig vor ihm und lachte, sich die zerbeulte Glatze reibend. »Hein, sale dresseur des mouches? Läufst kleinen Mädchen nach?«
Rebbis biß die Zähne aufeinander. In seinem Kopf hackte es so schmerzhaft, daß ihm Tränen in die Augen kamen.
»Pleure pas pour ça!« Bec-Salé versetzte ihm eine zweite Ohrfeige.
Rebbis sah rot. Rasend vor Wut stürzte er vor, lag aber sofort auf dem Boden, von dem er sich erst nach Minuten aufzurichten vermochte. Halb besinnungslos taumelnd schleppte er sich zu dem Stuhl.
Da trat Henri ein, die Hände tief in den weiten braunen Samthosen. »Y a pas d’erreur. C’est Rebbis!« Er betrachtete ihn mit dem feuchtmatten Blick des Homosexuellen. Dann trat er näher, spie ihm ins Gesicht und riß ihm einige Haare an der Schläfe aus. Als Rebbis schwach die Hand hob, stieß er den Stuhl unter ihm fort. Rebbis krachte zu Boden.
Schließlich kam der Vicomte. Er sah Rebbis schmerzhaften Versuchen, sieh zu erheben, bewegungslos zu. Erst als es Rebbis gelungen war, an der Wand sich hochzuschieben, sagte er scharf: »Sie wollten mich hier bei fehlerloser Luft, die nur Sie selber verpesten, mit einer Sache à la Madame Briffant exen. Ich hielt es daher für weise, Ihnen zwei kleine Mädchen zu schicken.«
Rebbis war trotz den fast unerträglichen Schmerzen imstande, sich zu ärgern. »Ich räume gern ein … daß Sie nur … nur diesem Umstand es zu verdanken haben, mich hier zu sehen.«
Des Vicomte stechend aufleuchtende Augen verrieten ihm, daß er keine Sekunde zu verlieren hatte.
»Ihr Truc mit dem Buchhändler war wunderbar«, stieß Rebbis schnell hervor.
»Das ist sogar wahr.«
»Ich habe mich auch überzeugt, daß Sie das Streichholz tatsächlich heruntergeschossen haben. Fabelhaft!«
»Auch das ist wahr.«
»Und Ihre Flucht … und wie Sie mich hierher lockten … spät, aber sicher … Alles erstklassige Sachen. Mein Kompliment.«
»Nehme ich und werfe es Ihnen wieder an den Kopf.«
»Vicomte, Sie sind ein Gigant!«
»Esel! Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«
Rebbis löste sich mühsam von der Wand und wankte ins Zimmer vor. In der Mitte blieb er vor Schwäche stehen. »Wir zahlen sehr viel«, lispelte er.
»Immerhin sind vor drei Monaten Ihre Flics sogar auf die Straße gestiegen.«
»Der Präfekt ist im Grunde vernarrt in Sie. Ich würde Sie ihm nicht einmal einzureden brauchen.«
»Was für ein Sonntagsherz Sie haben!«
Rebbis machte einen Schritt nach vorn. »Mein Wort darauf, daß …«
Der Vicomte wich ausspuckend zur Seite.
»Ich übernehme Ihre Leute.«
»Albern!«
»Ich werde alles tun, was Sie wollen. Ich werde …«.
Der Vicomte sah ihm wie müde auf die Brust. »Sie haben eine schöne Krawattennadel. Ich wundere mich, daß Gugusse sie übersehen hat.«
»Ein schwarzer Onyx. Nichts Besonderes.« Rebbis strich sich das verknitterte Plastron zurecht und spielte mit dem Stein. »Sie wollen also nicht?«
»Nein, zum Teufel!«
»Warum nicht? Es ist doch das bessere Geschäft. Und absolut sicher für Sie.«
Der Vicomte blies ihm auf den Mund.
Rebbis überwand sich schluckend. »Ich begreife Sie nicht. Sie sind doch wie alle hochbegabten Kriminellen nur von den Umständen ins Verbrechen hineingetrieben worden. Wie die sozialen Verhältnisse heute liegen, gibt es von da keinen Aufstieg mehr. Nur ein elendes Proletarierleben, wenn Sie einmal zurück wollen. Sie wissen aber auch, daß Sie, wenn Sie dieses Leben fortsetzen, ja doch über kurz oder lang unter der Guillotine liegen. Und nun biete ich Ihnen die Rehabilitierung an und wahrhaftig kein Proletarierleben. Die Sicherheit erhalten Sie dadurch, daß Ihre Ernennung zum Kommissär im Regierungsblatt erscheint, bevor Sie sich melden. Und da sagen Sie nein? Warum?«
Der Vicomte näherte sein Gesicht und schrie: »Weil ich Vicomte bin und kein Flic!«
»Ich bin nicht so naiv, Ihnen derlei zu glauben. Sie mißtrauen mir.«
»Wie kamen Sie mir hier auf die Spur?«
Rebbis besann sich lange. Dann entschied er sich, da sein Gehirn versagte, für die Wahrheit. »Ich erkannte Sie auf dem Boulevard Baille wieder. Trotz Ihrer guten Maske. Das ist meine Spezialität. Ich merke mir eine Augenpartie, eine Stirnpartie, ein Ohr.«
Der Vicomte schwieg nachdenklich. Dann sagte er hastig, »jemand muß mich verraten haben. Wer?«
Rebbis lächelte geschmeichelt. »Sie irren. Ich sah Sie aus dem Buchladen kommen, mit dem Geld in der Hand. Irgendwie kamen Sie mir verdächtig vor. Mein Blick ist geschult. Ich ging um Sie herum, um Ihnen zu begegnen und Ihr Gesicht zu sehen. Ich erkannte Sie sofort. An Ihrem Mund.«
»Und nachher gingen Sie zu dem Buchhändler sondieren.«
»Nein. Ich ließ den Buchladen überwachen.«
Der Vicomte stampfte auflachend mit dem Fuß. »Woher kennen Sie dann meinen Truc? … Ah, Ihr erstes Wort hier war also schon eine Falle.«
»Den Buchladen hielt ich für eine Verständigungs-Etappe.« Rebbis begann am ganzen Körper zu zittern. »Sagen Sie mir, Vicomte, was haben Sie mit mir vor! Ich kann Ihnen vielleicht von größtem Nutzen sein …«
»Geschmeiß!« Der Vicomte wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Bon. Ich lasse Sie frei, wenn Sie vier Dossiers für mich stehlen und mich über den Inhalt einiger anderer informieren.«
Rebbis griff sich an den Kopf; er verwünschte sich, weil ihm kein Ausweg einfallen wollte. Plötzlich aber huschte ein kleines Lächeln über seine Nase hinweg.
Der Vicomte sah es und wußte, daß er ihn hintergehen wollte. »Nun?«
»Ich bin bereit.«
»Merci.« Der Vicomte wandte ihm verächtlich den Bücken. »Bec-Salé!«
Da hob Rebbis die rechte Hand an die schwere Silberfassung des Steins in seiner Krawatte. Seine Finger zuckten ein bißchen. Und mit einem Ruck riß er den Onyx heraus, an dem im Schein der Petroleumlampe eine lange schmale Dolchnadel aufblinkte.
Als aber seine Faust sich gegen den Rücken des Vicomte schnellen wollte, fiel durch die Türspalte ein Schuß.
Rebbis taumelte röchelnd zurück.
Bec-Salé stürzte herein, versetzte Bebbis einen Fußtritt in den Hintern, so daß er in die Knie brach, und hierauf einen Faustschlag ins Genick, der ihn zu Boden streckte.
Der Vicomte, der auf dem Kinn des Daliegenden einen dünnen Faden Blutes erblickte, neigte sich über ihn. Und erst jetzt sah er die Dolchnadel.
»Bec-Salé, hast du deshalb …?«
Bec-Salé nickte.
Der Vicomte reichte ihm die Hand.
Gugusse und Henri erschienen in der Tür.
»Das Auto ist in einer halben Stunde auf der Place Castellani«, meldete Henri.
Gugusse stieß mit dem Fuß verächtlich gegen den Leichnam. »Grotte! … Der unten ist für acht Tage verstaut.«
»Und was machen wir«, fragte Bec-Salé, »wenn alles glattgeht, mit unseren achthunderttausend?«
»Schluß!« Der Vicomte zog seine Mütze aus der Tasche. »Wir tauchen unter, frisieren uns und werden in Reims ein Bar-Restaurant. Joop und Miette können wir gut brauchen.«
