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Was bedeutet es einen Traum zu haben? Und wie anstrengend und mühsam kann der Weg dorthin sein? Malte weiß was er will. Seine Reise ist umständlich, birgt Hindernisse und Rätsel. Zu guter Letzt stellt sich die Liebe ihm auch noch in den Weg. Und dennoch bleiben Eifer und Traute stetige Begleiter. 28 Grad ist frisch und unkompliziert. So wie das Leben sein sollte.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für meine Töchter,
ohne die mein Leben nur für einen Bruchteil so
emotional wäre.
Für meine Frau,
ohne die mein Leben nur für einen Bruchteil so
schön wäre.
Für Anneliese,
die leider nur noch ein Kapitel zu lesen bekam.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Die Sonne brannte mit gewaltiger Kraft auf die Erde. In den Nachrichten sprach man von einem Jahrhundertsommer. Bei den Menschen herrschte der Drang, an die Luft zu gehen und sich irgendwo ans Wasser zu legen. Nicht so bei Malte Pedersen. Der verbrachte seine Sommerferien lieber allein vor dem Fernseher oder spielte mit seinen Actionfiguren. Der große Lolli, mit dem die Sonne alle aus ihren Häusern lockte, ließ ihn vollkommen kalt.
Eines Mittags, als es besonders heiß war, zwang Maltes Mutter ihn, mit ihr ins Freibad zu gehen. Malte mochte Freibäder nicht. Da er keine Freunde hatte, hätte er mit seinen Mitschülern gehen müssen. Wäre er mit ihnen gegangen, hätten ständige Machtkämpfe und Hänseleien an der Tagesordnung gestanden. Einer in der Gruppe bekam immer auf den Deckel, und da Malte weder groß noch kräftig war, fiel dieser Part in der Regel auf ihn. Dass er nun mit seiner Mutter dorthin musste, vereinfachte die Angelegenheit keineswegs.
Im Freibad angekommen, bestand Malte sofort darauf, im Schatten zu liegen, und bekräftigte seinen Willen mit dem Argument, wie schnell er doch Sonnenbrand bekam. Seine Mutter gab nach und sie lagen den Rest des Tages am Maschendrahtzaun direkt neben der Straße, ungefähr fünfzig Meter vom Becken und allen anderen Besuchern entfernt.
So war es am ersten Tag.
Am darauffolgenden Morgen und an jedem weiteren der Sommerferien flehte Malte seine Mutter schon beim Frühstück an, mit ihm ins Freibad zu gehen. Das war in ihrem Interesse und so hinterfragte Sie den Sinneswandel ihres Sohnes nicht. Die kommenden Wochen gestalteten sich also wie folgt.
Malte lag zusammen mit seiner Mutter auf einem großen rosafarbenen Strandtuch direkt am Beckenrand. Während sie in eine ihre romantischen Schmonzetten mit spannenden Titeln wie “Das Feuer der Leidenschaft" las, lag er neben ihr auf dem Bauch. Mit einer Sonnenbrille auf der Nase, das Kinn auf die ellbogengestützten Hände abgelegt. Malte war beschäftigt. Die Lage seines Körpers war keineswegs unbedacht gewählt. In dieser Position konnte nämlich niemandem auffallen was sich in seiner Leistengegend abspielte. Während in 90 Prozent seines Körpers die Ruhe Einzug hielt, fand in den restlichen 10 Prozent gerade Kirmes statt.
Malte war schwer damit beschäftigt Beobachtungen anzustellen. Er beobachtete die roten mit den weißen Pünktchen, die blau weiß gestreiften, die kanariengelben und die schlicht weißen und schlicht schwarzen. Alle für sich in unterschiedlichen Größen, manchmal mit mehr, machmal weniger Stoff. Sein Interesse galt weniger den Bikinis selbst, als den Hügeln und Wölbungen die sich darunter auftaten und das Schönste vermuten ließen.
Er konnte vor seinen Besuchen im Freibad nie etwas mit Mädchen anfangen, hatte weder je eine Freundin, noch physischen Kontakt oder nennenswerte Interaktionen mit dem weiblichen Geschlecht. Aber mit dem ersten Tag im Freibad schärfte sich sein Interesse an Brüsten, Gesäßen und Venushügeln. Er verbrachte Stunden, ganze Tage damit, die unterschiedlichen Formen zu analysieren und sich vorzustellen wie diese wohl unbekleidet aussehen mögen.
In diesen jungen Jahren wusste Malte Pedersen bereits genau was ihm gefiel und was ihn erregte. Und noch etwas wusste er ganz genau.
An einem Tag als Malte mal wieder am Beckenrand in seine Studien vertieft war, passierte ein Unglück. Schreie von jungen Mädchen drangen in sein Ohr und er sah, wie alle Besucher in eine Ecke des Freibads liefen, die er von seiner Position aus nicht sehen konnte. Die Aufregung in seiner Badehose erlag der Aufregung der Menge und er war in der Lage der Masse zu folgen.
Neben einem anderen Becken, auf nassen Fliesen, lag ein Mädchen. Um sie herum standen aufgelöst dessen Freundinnen. Einige weinten, eine saß hilflos neben ihr am Boden. Das Unfallopfer war ungefähr in Maltes Alter, hatte blasse Haut, kupferrotes Haar und lag auf dem Rücken. Haut, Haare und Bikini waren durchnässt und sie war nicht bei Bewusstsein. Ihr Körper war schlank, ihre Brüste groß wie Pampelmusen. Trotz ihrer Rückenlage schienen sie ihre Form nicht zu verändern. Sie trug einen blassrosa Bikini mit einer goldenen Schnalle am Höschen. An ihrem Oberteil konnte man deutlich ihre kleinen, spitzen Brustwarzen erkennen. Außerdem erkannte Malte im Lendenbereich durch den dünnen Stoff die jugendlich sanften Anfänge von Schambehaarung. Er war so in seine Fantasien vertieft, dass er nicht bemerkte, dass sich in seiner Hose etwas auftat, das den Anwesenden sicher zu großer Empörung verholfen hätte. Als er gerade versuchte sich zu beruhigen und sich von der bewusstlosen Schönheit abwendete, ging ein Raunen durch die Menge. Malte sah wieder in Richtung Mädchen und im Gegenlicht der Sonne eine Erscheinung. Die Augen zusammengekniffen, ob der starken Strahlung, erblickte er eine menschliche Gestalt. Groß, braungebrannt, durchtrainiert, in knapper roter Badehose und mit einer verspiegelten Sonnenbrille. Der Gott des Freibads stieg vom Himmel herab. Zumindest machte es den Eindruck.
Es tat sich sofort eine Erleichterung in der besorgten Menge auf. Maltes Aufregung hingegen, war jetzt erst entfacht. Er hatte diesen Adonis vorher noch nie im Freibad gesehen, dabei war er seit Wochen jeden Tag dort. Warum wussten offenbar alle anderen von seiner Existenz? Wieso waren ihre Sorgen plötzlich wie weggeblasen? Der Entsandte des Himmels war die Souveränität in Person, ging gelassenen Schrittes auf das Mädchen zu und kniete sich neben sie. Dann sah er sie an. Er musterte sie nicht, sein Blick hatte nichts lüsternes, war viel mehr prüfend. Dann nahm er seine Hände zusammen, legte sie auf ihre Brüste und begann zu drücken. Malte war vollkommen entsetzt, aufgrund dieser obszönen Handlung und gleichzeitig erstaunt, weil sich für ihn nicht erschloss was und warum er es tat. Die Gedanken in seinem Kopf rasten und während er versuchte zu verstehen, ließ der Lüstling mit seinen Händen von ihren Brüsten ab und bewegte seinen Kopf langsam in Richtung des ihrigen. Er begann doch tatsächlich sie auf den Mund zu küssen. Nicht etwa zärtlich und gefühlvoll, sondern mit weit geöffnetem Schlund.
Da liegt ein junges bewusstloses Mädchen am Boden, Menschenmassen stehen um sie herum und dem Typen fällt nichts anderes ein, als ihre Brüste zu begrabschen und ihr seine Zunge in den Hals zu stecken. Und was das schlimmste war, niemand der Versammelten schien auch nur ansatzweise etwas dagegen zu haben. Keine Verwunderung, niemand der ihn davon abhielt seine Triebe an diesem hilflosen jungen Wesen auszulassen. Es machte auf Malte eher den Eindruck, als würden sie ihn unterstützen und ihn antreiben wollen. Als sein Entsetzen das Höchstmaß erreicht hatte und er kurz davor war komplett vom Glauben abzufallen, begann das Mädchen auf einmal zu Husten, hob kurz den Oberkörper und gewann ihr Bewusstsein wieder. Der Typ lies von ihr ab, stand auf und erntete Applaus von den Zuschauern. Sie trugen ihn, wenn auch nur gefühlt, auf Händen durchs Schwimmbad und priesen ihn an, wie eine Gottheit. Verwirrt rannte Malte zu seiner Mutter und schilderte ihr die Situation, bedarf nach Aufklärung. Sie erklärte ihm was er gerade gesehen hatte. Während sich ihre Stimme langsam in den Hintergrund seines Bewusstseins zu legen begann und immer dumpfer klang, versank Malte in seinen Gedanken. In seinem Kopf nahm eine Vision innerhalb von wenigen Augenblicken feste Formen an.
Die Zukunft seines Lebens, das eine Ziel was ihn antreiben sollte, wurde ihm in diesem Moment klar.
Er wollte Bademeister werden.
Jahre später
Es war kalt. Nicht erst seit gestern, schon seit Wochen. Vor lauter Aufregung musste Malte es vergessen haben. Weder hatte er Handschuhe an, noch eine Mütze auf. Den fehlenden Schal konnte er durch Einziehen des Kopfes wieder wettmachen. Finger, Ohren und Nase jedoch litten unermessliche Qualen. An den Händen war es einigermaßen erträglich, denn durch das Frieren, verlor er das Gefühl in ihnen, und somit war auch kein Schmerz zu spüren. Ohren und Nase brannten vor Kälte. Es fühlte sich an, als wären die Ohren bereits abgefallen und der Schmerz nur an der Stelle des Abrisses vorhanden. Malte traute sich nicht, mit seinen Händen zu prüfen, ob er mit damit richtig lag. Auch wollte er nicht das Risiko eingehen, das Gefühl könnte in seine Finger zurückkehren.
Ein Dilemma tat sich vor ihm auf. Fuhr er schneller, verringerte sich der Zeitraum, den er dem Frost ausgesetzt war. Der Fahrtwind jedoch würde intensiver und die Kälte in seinen Knochen noch unerträglicher werden. Fuhr er langsam, waren die Schmerzen zwar weniger intensiv, der Zeitraum des Ertragens jedoch umso länger. Malte entschied sich für Option zwei und so kam ihm die Fahrt endlos vor.
Es war früh am Morgen, doch für ihn fühlte es sich wie mitten in der Nacht an. Die Müdigkeit brachte ihn dazu, dass er das ein oder andere Mal wegnickte. So kam er vom Weg ab und wurde erst durch das Holpern des gefrorenen Bodens wach gerüttelt. Der Kegel seines Fahrradlichts schlug eine Schneise ins Schwarz. Er sah den Asphalt des schnurgeraden Radwegs, sowie links und rechts einige Zentimeter Rasen. Der Rest blieb ihm verborgen. Malte konnte nicht sagen, ob er durch Wald oder Wiesen fuhr.
Zwar wies ihm der Schein seiner Lichtanlage verlässlich den Weg, allerdings war diese das einzige Gewerk mit Funktion an seinem Fahrrad. Die Kette hatte soviel Rost erlitten, dass der eine Gang, der ihm zu Verfügung stand, nur bergab hätte Sinn ergeben. Der Lenker war groß, halbrund und breit. Er war genau auf Höhe der Knie montiert und gegen eben diese stieß er bereits in der kleinsten Kurve. Die Bremsen griffen zwar nach fester Betätigung, jedoch war dies nur akustisch zu vernehmen. Bei all der Qual, konnte er dennoch nicht behaupten, schlecht gelaunt zu sein. Ganz im Gegenteil. Malte war auf dem Weg zu seinem ersten Praktikumstag.
Seine Mutter scheiterte bis zuletzt mit Ihren Versuchen, ihn davon zu überzeugen, seine Zukunftspläne zu überdenken. Fast war es ihr gelungen. Gut ein Jahr war er auf der Suche nach dem geeigneten Arbeitsplatz für seinen Karrierestart. Er lebte auf dem Land, die Auswahl an Schwimmbädern in der Umgebung war überschaubar. Schnell hatte er alle kontaktiert und das eine gefunden, das einen Praktikumsplatz anbot.
Malte kam am Schwimmbad an und schwang sich bei zu hoher Geschwindigkeit von seinem Drahtesel. Die von der Kälte erstarrten Finger erschwerten es ihm, sein Schloss zu benutzen. Er brauchte mehrere Anläufe bis der Schlüssel versank. Die Kette hatte sich um die Sattelstange verworren und Malte fehlte es an Geduld sie konzentriert zu entwirren. Nach nur wenigen Sekunden gab er es auf. Dieses Fahrrad brauchte keine Sicherung. Wäre irgendjemand so dämlich es zu stehlen, würde er es nach wenigen Metern wieder fallen lassen. Und falls nicht, wäre Malte dankbar, dass er gezwungen war, sich einen neuen fahrbaren Untersatz zu besorgen.
Er wandte seinem Rad den Rücken zu und dem Tempel seiner Zukunft das Antlitz entgegen. Im Dunkel tat er sich vor ihm auf, episch leuchtete seine Gestalt. Durch die Kälte zog Bodennebel über den Vorplatz. Der Himmel war tiefschwarz, durch Bewölkung frei von Mondlicht. Der Koloss aus Glas wiederum strahlte vor Helligkeit. Es war ein großes spitzwinkliges Dreieck, das sich vor ihm emporhob. Das Dach, die lange Seite, zog sich vom Boden an die Spitze. Die kurze Seite des Dreiecks stellte die eine Seitenwand dar. Es sah aus als hätte man eine überdimensionierte Bodenluke angehoben, fixiert und an offenen Seiten mit großen Scheiben verschanzt. Nur das Dach war undurchsichtig, die Seiten aus Glas. Massive Träger aus Beton führten über die Dachplatte und von der höchsten Stelle hinab zum Boden. Zwischen Träger und Dach lag etwas Luft, sodass der Deckel wirkte, als würde er schweben. Angeschlossen an das große Gebäude, lag ein kleines Haus, ebenfalls aus Glas. Die Straßenlaternen vom Vorplatz verliefen spitz auf dieses kleine Gebäude zu und säumten den Weg. Dort musste sich der Eingang befinden. Malte bewegte sich stolzen Schrittes in Richtung Glastür. Seine Zukunft würde hier seinen Anfang nehmen, die Geschichte nun geschrieben. Ihm war in dem Moment vollkommen klar, dass seine Euphorie übertrieben ausfiel, seine Freude war jedoch auf dem Siedepunkt. Noch dazu hatte er das Gefühl, durch die enorme Müdigkeit haltlos zu sein. Die Schiebetüren öffneten nicht, als er davor Stellung bezog. Nach kurzer Verunsicherung bewegte er sich noch einmal vor und zurück, ohne eine Bewegung der Flügel zu bewirken. Aus der Tatsache, dass er vor der offiziellen Schwimmbadöffnung vor Ort war, schloss er, dass die Tür noch nicht in Betrieb war und so versuchte er es, bei einem regulär funktionierenden Modell nebenan. Er presste gegen das Glas, mit einer Inbrunst, als würde er eine große Pforte öffnen wollen, um feststellen zu müssen, dass diese Tür durch gezogen werden musste. Durch sein Fehlverhalten verflog schlagartig ein wenig Euphorie. Endgültig auf dem Boden angelangt war Malte, als er die Türschwelle überschritt und ihm die Hitze des Schwimmbads entgegen schoss. Unterschiedlicher hätten Temperaturen nicht sein können. Der Schweiß wurde ihm sofort aus den Poren von Stirn und Rücken getrieben. Das, obwohl er im Körperkern noch immer den Frost der Fahrradtour spürte. Innen verkrampftes Frieren, außen schmelzendes Glühen.
Den Reißverschluss seiner Jacke öffnend, sah sich Malte um. Eine überschaubare Loungelandschaft, aus langen kreisförmigen Sofas, sollte den wartenden Gästen die Dauer ihres Aufenthalts angenehmer gestalten. Die straffen, orangefarbenen Kunstlederpolster machten auf den ersten Blick allerdings alles andere als einen gemütlichen Eindruck. Malte überflog die Vitrinen, in denen Schwimmutensilien, für die Gäste, die etwas vergessen hatten und sich spontan behelfen mussten, zum Kauf angeboten wurden. Er suchte verzweifelt nach einem Mitarbeiter, bei dem er sich hätte melden können. Die Dame hinter dem Tresen nahm er erst wahr, als er sich nur noch ein paar Schritte davon entfernt befand. Das lag in Kombination aus einem überdimensionierten Möbel und einem unterdimensionierten Menschen dahinter.
Malte wusste gar nicht wo sein Blick zuerst hinwandern sollte. Die kleine Frau die hinter dem Tresen saß, hatte so viele Merkmale die die Aufmerksamkeit des Gegenüber erregten, dass er gar nicht wusste wo er zuerst hinsehen sollte. Die Haut war rötlich braun und ledern, und faltig von den offenbar zahlreichen Besuchen im Solarium. Der Kurzhaarschnitt war unnatürlich frisiert und durch mehrere farbige Strähnen an unterschiedlichen Stellen sehr facettenreich. Jedes nur erdenkliche Accessoire, das man seiner Erscheinung hinzufügen konnte, wurde genutzt. In beiden Ohren waren mehrere Löcher gestochen, die mit funkelnden, diamantenen Ohrstecker gefüllt waren. Die eckigen Brillengläser waren zwar rahmenlos, hingegen waren die Bügel dafür umso glänzender und funkelnd bestückt. Die Kleidungsstücke waren frei von Pailletten oder Glanz, allerdings so farbenfroh und wild kombiniert, dass auch dort das Auge nur schwer loslassen konnte. Alle Finger waren voller Ringe, die jeder mit mindestens einem Stein besetzt war. Eine Farbe ihrer Uhr war nicht erkennbar, denn auch hier war jede freie Fläche mit einem Stein besetzt. Zu guter letzt, waren die Ärmel hochgezogen, somit, und vielleicht auch gerade damit, man die Unterarme und das was sich auf ihnen befand, gut erkennen konnte. In je der gleichen Schriftart und im selben Stil, standen dort die Namen “Desirée” und “Lionel”, in ausladenden Lettern, mit Sternen und Kugeln in verschiedenen Farben, geschrieben.
Nachdem Malte alle Details einmal überflogen hatte, landete sein Blick bei ihren Augen und traf den ihrigen. In dem Moment stellte er fest, dass er doch noch ein Detail übersehen hatte. Kleine glitzernde Steine verzierten die Außenseiten Ihrer Lider. Die schillernde Dame blickte Malte zwar an, sagte aber nichts. Weder mit Worten, noch mit ihrer Gestik.
“Moin. Malte Pedersen. Fang heut mein Praktikum an”, klang es voller Stolz aus dem jungen Mann heraus.
“Na denn man herzlichen Glückwunsch”, entgegnete sie ihm.
Für einen Zehntel einer Sekunde freute sich Malte, merkte dann jedoch, dass dieser Satz zu einhundert Prozent ironisch gemeint war. Beate Krüger, entnahm Malte dem Namensschild, das auf dem Tresen stand. Er war verunsichert und wusste nicht wie zu antworten und wartete lieber erst einmal was von ihr kommen würde. Frau Krüger indes, sah gebannt auf ihren Bildschirm und machte nicht den Anschein, als würde sie noch etwas sagen wollen. Malte fragte sich, ob das was sie auf dem Computer so beschäftigte geschäftlich oder privater Natur war. Endlich unterbrach sie das Schweigen in herrischem Ton ohne aufzublicken.
“Die Spinde für die Mitarbeiter sind im Keller, neben den Umkleiden für die Gäste”, sprach sie und zeigte blicklos auf Treppenstufen, die nach unten führten. “Musst die Tür nehmen wo Personal draufsteht.”
Malte sah sie an, in der Erwartung, dass dem noch etwas folgen würde. Beate Krüger blickte vom Bildschirm ab und Malte genervt an.
“Ist offen”, war alles was sie akustisch noch von sich gab. Ihre Mimik vermittelte Malte, dass er sich jetzt verziehen sollte.
Auf dem Weg nach unten, ging Malte so einiges durch den Kopf. Er nahm sich fest vor, Frau Krüger nicht zu arg an seiner Motivation nagen zu lassen, hoffte aber insgeheim auch, dass er nicht zu viele Berührungspunkte mit ihr haben werde.
Am Ende der Treppen führte ein Flur durch das Untergeschoss. Auf der linken Seite ging eine Tür für Gruppenumkleiden männlicher Gäste ab, dann kam ein kleiner Gang der zu Einzelkabinen führte. Es folgte eine große Spiegelwand, vor der ein Brett angebracht war, in das Handföns eingelassen waren. Davor standen runde Hocker im Stil der Sofas im Erdgeschoss. Nach dem Spiegel folgte erneut ein Gang zu Einzelkabinen, danach Gruppenumkleiden für Damen und ganz am Ende des Flurs, zu guter letzt, eine Tür mit der Aufschrift “Personal”.
Schon von draußen konnte Malte die Musik hören. Als er die Tür öffnete wurde die sie allübertreffend. Laut erfüllte sie den gesamten Raum. Der Raum, das waren nur wenige Quadratmeter. Die Wände wirkten kahl, in der Mitte stand ein Block aus olivfarbenen Metallspinden, mit einer schmalen Holzbank davor. Malte trat einen kleinen Schritt nach rechts um nachsehen zu können, ob die Musik hinter den Spinden seinen Ursprung hatte. Eine der Türen war geöffnet und es stand dort ein kleiner dicklicher Mann, der gerade in den letzten Zügen war sich anzuziehen. Er trug ein ausgebeuteltes, ausgeblichenes graublaues T-Shirt, eine übergroße trübe Jogginghose - nicht in der selben Farbe wie das Oberteil, aber es ging in die selbe Richtung. Barfuß stand er in Adiletten. Diese waren offenbar neuwertig. Er hatte ein rundes Gesicht, seine Haut glänzte und die dunklen Haare auf seinem Kopf, führte er mithilfe von Gel, das einen Nasseffekt verlieh, zu einer Spitze auf dem Scheitel zusammen. Dass das Haar lichter wurde, war deutlich, wurde jedoch noch deutlicher hervorgehoben durch die Wahl seines Stylingprodukts. Er nahm Malte nicht wahr. Akustisch nicht, weil die Musik so laut war, visuell nicht, weil er voll konzentriert Bewegungen zur Musik ausführte. Die Art der Musik war Malte unbekannt. Der Text schien osteuropäischer Herkunft, die Melodie eine aggressive Mischung aus Rap und elektronischem Lärm. Dem jungen Mann schien es zu gefallen.
Malte wollte nicht auf sich aufmerksam machen und sah auf seiner Seite einen noch freien Spind, legte seinen Rucksack hinein und zog sich die Jacke aus. Zügig hintereinander stoppte erst die Musik und knallte im Anschluss eine Tür. Im fast gleichen Moment stand der Musikliebhaber mit etwas Abstand neben Malte. Er wirkte keineswegs überrascht, schien also doch mitbekommen zu haben, dass jemand den Raum betreten hatte.
