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Im Grunde genommen war es ganz und gar nicht möglich. Ein Jahr lang reisen? Ein Jahr nicht am Arbeitsplatz sein. Wer kümmert sich um die Firma? Angenehm und sicher reisen kostet. Wie bringen wir das Budget dafür auf? Eine angeschlagene Gesundheit und ein schulpflichtiges Kind. Wie können wir eine Weltreise vernünftig und logisch planen? Solche Überlegungen entmutigen. Und doch hat uns die Idee einfach nicht losgelassen. Eine Weltreise. Ein Jahr lang. Wir drei gemeinsam.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2022
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... meinem Mann Horst und unserer Tochter Mona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine erstaunlich dicke rote Mappe. Briefe, Postkarten, Fotos.
Ich habe eine Vision und fange im März 2020 an zu schreiben. Aus Wörtern werden Sätze, aus Sätzen werden Kapitel. Aus Kapiteln wird ein Manuskript. Mit jeder Seite fühle ich zurück in eine Zeit, in der grundsätzlich alles möglich war. Und mit jeder Seite, die ich lese, weiß ich, alles geht immer nur gemeinsam.
VORBEREITUNG UND PLANUNG
„Ich bin dankbar für die Begeisterung, die mir gegeben wurde – nur so waren die Widerstände zu überwinden.“
Horst Babinsky
Geht nicht – gibt’s nicht!
Januar bis August
Im Grunde genommen war es ganz und gar nicht möglich. Ein Jahr lang reisen? Ein Jahr nicht am Arbeitsplatz sein. Wer kümmert sich um unsere Firma? Angenehm und sicher reisen kostet. Wie bringen wir das Budget dafür auf? Eine angeschlagene Gesundheit und ein schulpflichtiges Kind. Wie können wir eine Weltreise vernünftig und logisch planen? Solche Überlegungen entmutigen. Und doch hat uns die Idee einfach nicht losgelassen. Eine Weltreise. Ein Jahr lang. Wir drei gemeinsam.
Wir lieben es, am Abend gemütlich beisammen zu sitzen, den Tag Revue passieren zu lassen, zu philosophieren. Die Weltreiseidee stand ganz oben auf unserer Themenliste. Sie verfolgte uns bis in unsere Träume. Mein Mann ist der festen Überzeugung, dass wir das anziehen, womit wir uns beschäftigen. Beschäftigen wir uns gedanklich damit, was wir nicht haben oder nicht können, dann werden wir es auch nicht haben können und auch nicht erreichen. Träumen ist ein erster Schritt. Doch Träumen allein reicht nicht aus, um seine Ziele zu erreichen. Immer mehr hat uns die Weltreiseidee in ihren Bann gezogen. Wir haben von Ländern geträumt und uns die wundervollen Orte, die wir mit eigenen Augen sehen wollten, vorgestellt. Gleichzeitig haben wir nach Möglichkeiten gesucht, wie es gehen kann. Wir sind vom Träumen ins Tun gekommen. Und so kam es, dass wir trotz vieler „Geht-nicht“-Einwände fast ein Jahr gereist sind.
Nun aber der Reihe nach. Ich erinnere mich genau an den Sonntagnachmittag im Januar. Die Weihnachtsferien waren gerade vorbei. Draußen pfiff ein eisiger Wind, der die weißen Schneeflocken hin- und herwirbeln ließ. Wir drei saßen bei einer Tasse Tee vor dem offenen Kaminfeuer in unserem Wohnzimmer. „Was würdest du dazu sagen, einmal ein ganzes Jahr auf eine große, große Reise zu gehen? Ohne Unterbrechung. Ein Land nach dem anderen anschauen. Und erst nach 12 Monaten wieder heimkommen?“, fragte Horst unsere Tochter Mona.
„Boah, toll! Keine Schule und jeden Tag ausschlafen!“, antwortete Mona. „Du würdest aber auch ein Jahr lang deine Schulfreunde nicht sehen“, gab ich zu bedenken. „Aber es gibt doch ein Telefon und E-Mail!“, meinte Mona.
Horst spann den Faden weiter und wollte von Mona wissen, wo sie denn gerne hinreisen wolle.
„Mexiko, Thailand, Neuseeland“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Mona gefiel dieses Spiel. Sie schleppte die große Weltkarte an, die sie von uns zu Weihnachten bekommen hatte – zugegeben nicht gänzlich ohne Hintergedanken. Eine auf Holz aufgezogene Plakatrolle. Länder und Kontinente können freigerubbelt werden und sind dann golden. Wir rubbelten nicht, sondern steckten bei einem Glas Champagner die ersten Zielfähnchen in die Landkarte und legten grob fest, wo wir wie lange bleiben wollten. Kanada, USA, Neuseeland waren dabei. Auf alle Fälle die Südsee, Bali, Thailand.
Geht-nicht-Einwand Gesundheit: Mein Mann hatte im Herbst eine Operation an der Wirbelsäule. Zehn Wochen ein Korsett und die Aussicht auf eine komplett schmerzfreie Bewegung düster. Seine Vorstellung vom Reisen hingegen war heiter. Sobald er das Stützkorsett ablegen durfte, begann er seine Rückenmuskulatur zu trainieren. Täglich und konsequent. Immer denkend ‚Geht nicht, gibt’s nicht‘.
Praktischerweise gibt es jedes Jahr im Februar die Reisemesse f.re.e. in München. Dort ließen wir uns beraten und knüpften die ersten Kontakte mit Reiseagenturen. Von einigen Reiseagenten hörten wir: „Was, in einem halben Jahr wollt ihr los? Da seid ihr mit den Buchungen zu spät dran.“ Ja, aber: ‚Geht nicht, gibt’s nicht‘. Und so blieb Horst hartnäckig am Ball und bekam das, was wir wollten. Die Grobplanung stand Ende März. Aus dem Spiel war Realität geworden.
Anfangen wollten wir im Westen: Indian Summer in Kanada, Monument Valley und Las Vegas. Dann Südamerika und entgegen der Erddrehung nach Neuseeland, Südsee, Indonesien, Thailand, eventuell Vietnam. Monas Favoritenländer sind Mexiko und Peru. Ab Februar lief die CD „Was ist was“ über Maya, Inka und Azteken heiß.
Vorerst hielten wir unser Vorhaben bedeckt. Erst Ende April weihten wir die Familie ein, unsere beiden Söhne, meine Eltern. Unser Sohn Christof war sehr daran interessiert, seinen Job in England aufzugeben, in unsere Firma einzusteigen und diese vorübergehend zu leiten. Dank Internet, Telefon und Computer für Horst gut vorstellbar. ‚Geht nicht, gibt’s nicht‘.
Packen und Reisevorbereitungen wie Impfungen, Medikamente etc. fielen in meinen Aufgabenbereich. Das bereitete mir durchaus Kopfzerbrechen. Was soll mit? Welche Kleidung brauchen wir? Und wie viel davon überhaupt? Wo wasche ich die Wäsche? Welche Medikamente kommen mit, welche Impfungen brauchen wir unbedingt? Richtig heftige Kopfschmerzen bereitete mir die Schule.
Geht-nicht-Einwand Schulpflicht: Mona ist acht Jahre und geht in die dritte Klasse Grundschule. Anfang der zweiten Klasse haben wir unsere Tochter wegen eines dreiwöchigen geschäftlichen Aufenthaltes in Indien von der Anwesenheit in der Grundschule befreien können. Das Lehrmaterial hatte ich im Gepäck und mit Mona täglich erarbeitet. Problemlos. Zumal ich bis zu Monas Geburt selbst an einer Grundschule unterrichtet hatte. Doch ein ganzes Jahr? Könnte ich und durfte ich sie selbst unterrichten? Oder gibt es eine Art Online-Unterricht? Wir haben mit Monas Klassenlehrerin und der Rektorin der Schule gesprochen. Beide waren aufgeschlossen. Die Rektorin meinte sogar, für Mona und ihre Entwicklung wäre das sicher nicht verkehrt. Nur das Rechtliche musste geklärt werden. Da gab es zwei Möglichkeiten. Möglichkeit eins: Die Schulbehörde findet unser Vorhaben so umwerfend und befreit sie von der Schulpflicht. Die weitaus realistischere Möglichkeit ist jedoch die zweite: Wir melden unseren Wohnsitz in Deutschland ab und melden uns wahlweise in einem Land an, in dem die Schulpflicht eine Bildungspflicht ist. Zum Beispiel Kanada.
Unter Einbeziehung der Schulleitung und des Schulamtes entschieden wir uns für Möglichkeit zwei. Mona beendete im Juli die 3. Jahrgangsstufe und sollte nach einem Jahr in der 4. Klasse weitermachen. Ich deckte mich mit Lehrstoff für die 4. Jahrgangsstufe in den Fächern Mathe und Deutsch ein. Um am Ball zu bleiben und auch sicherheitshalber. Sicherheitshalber, weil: Was ist, wenn wir unsere Reise aus irgendeinem Grund schon früher beenden müssten? Dann muss Mona in ihre alte Klasse.
Geht-nicht-Einwand Budget: Das Türchen zur Finanzierung unserer Reise öffnete uns eine Lebensversicherung, die vorzeitig ausbezahlt werden konnte.
Und so vergingen die Monate Mai bis Juli. Flüge wurden gebucht, Zimmer reserviert, Reisebegleiter organisiert, Wohnmobile gemietet, versicherungstechnisch alles abgeklärt und die Geschäftsführung der Firma vorübergehend an unseren Sohn übertragen. Die letzten Wochen ließen uns nicht viel Luft zum Durchatmen. Und da ist noch unser Haus. Unser Zuhause. Sollen wir es in der Zwischenzeit vermieten? Aber was tun, wenn wir doch früher als geplant zurückkommen? Nach vielen Abwägungen entschieden wir uns gegen eine Vermietung. Der Abflugtermin rückte immer näher. Mona genoss die Sommerferien mit ihren Freundinnen am Badesee und am 11. September meldeten wir uns beim Einwohnermeldeamt unserer Heimatgemeinde ab.
Nordamerika
„Gehe aufrecht wie die Bäume. Lebe dein Leben so stark wie die Berge. Sei sanft wie der Frühlingswind. Bewahre die Wärme der Sonne im Herzen und der Große Geist wird immer mit dir sein.“
Sprichwort der Navajo
Abflug LH 6790 nach Toronto
12. September
Ein ganzes Jahr unterwegs sein? Richtig bewusst wird mir diese Zeitspanne erst am Flughafen. Meine Eltern haben uns nach München gebracht. Ein kleiner Stau auf der Autobahn. Mein Papa nimmt die Schleichwege durchs Erdinger Moos. Es dauert länger. Trotzdem geben wir die drei großen roten Koffer pünktlich auf und checken ein. Habe ich alles dabei? War das schwarze Kleid noch nötig? Der rote Pulli und die hohen Schuhe? Habe ich an alles gedacht? Solche Gedanken schießen durch mein Hirn, während wir eine letzte Tasse Kaffee mit meinen Eltern trinken. Mona ist sehr aufgeregt und ich bin es auch. Ich schwitze, obwohl ich nur eine dünne Bluse anhabe, die Jacke im Handgepäck. Horst ist vollkommen ruhig. Auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle wird mir etwas schlecht. Die Verabschiedung. Mona drückt sich in Omas Arm und hält Opas Hand ganz fest. „Oma, ich bringe dir die schönsten Muscheln mit!“ Und da ist es so weit: Ich fange an zu schluchzen. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Meine Mama nimmt mich in den Arm. Sanft streicht sie mir über die Wange: „Alles gut. Wir sehen uns in einem Jahr wieder. Passt gut auf euch auf.“ Und ich habe damit gerechnet, dass die beiden in Tränen ausbrechen. Mein Papa drückt mich und dann den Horst. Oma steckt Mona noch ein klitzekleines Glücksschwein aus Plüsch zu. Wir legen unser Handgepäck auf das Band. Auch die Gürtel und Schuhe müssen durch den Scanner. Ein letzter Blick zurück. Ich wische meine Tränen aus dem Gesicht und fädle den Gürtel wieder durch die Schlaufen meiner Hose. Vor der Passkontrolle drehe ich mich um. Meine Eltern sind nicht mehr da. Jetzt geht es wirklich los. Mit jedem Schritt zum Flugsteig fällt meine Anspannung ab. Horst hat alles im Griff. Alle Reiseunterlagen liegen geordnet in seinem kleinen schwarzen Rollkoffer.
LH 6790 nach Toronto. Wir steigen ein. Flugzeit: 8 Stunden, 50 Minuten. 6 Stunden Zeitverschiebung. Wie wird sie wohl werden, unsere Reise? Monatelang aus dem Koffer leben? Werde ich ganz alltägliche Dinge sehr vermissen? Freunde, Arbeit, Haushalt? Wo werde ich die Wäsche waschen? Wird unserer Tochter die Schule fehlen? Wird sie ihre Freunde vermissen? Ihr Schwimmtraining, Klavierspielen und Ballett? Oma, Opa, Tante und ihre Brüder? Wie wird es Horst ohne seine Firma gehen? Werden wir Heimweh haben? Unser Traum, ganz viel Zeit miteinander zu haben – wird er sich so erfüllen, wie wir uns das vorgestellt haben? Kommentare von Freunden und Bekannten wie „Unmöglich! Spannend! Ganz schön mutig! Eine einmalige Sache! Das könnte ich mir nicht leisten …“, spuken mir gerade im Kopf herum. Vielen „Geht-nicht“-Einwänden haben wir getrotzt. Das Ziel Weltreise hatten wir fest im Fokus, visualisiert und fast schon gespürt. Wir haben uns selbst nicht begrenzt. Wir haben uns getraut. Horst und Mona sitzen am Fenster, ich in der Mittelreihe. Mona packt die Kopfhörer aus und erkundet das Unterhaltungsprogramm an Bord. Horst zwinkert mir zu. Ich entspanne mich und denke daran, was meine Yogalehrerin in der Entspannungsphase häufig sagt: „Erlaube dir, komplett loszulassen“.
Entschleunigen mit Anlaufschwierigkeiten: Von Toronto nach Edmonton
13.–18. September
Am späten Nachmittag checken wir im Royal York Hotel im Herzen von Toronto ein. Wir werden hier eine Nacht bleiben, die Koffer ganz auszupacken macht nicht wirklich Sinn. Die Sonne scheint, die Temperaturen draußen sind angenehm und ein leichter Wind streift an den Fassaden der Häuser entlang. Es treibt uns in die Stadt. Toronto empfängt uns laut und geschäftig. An vielen Plätzen und Straßen im Stadtzentrum sind Attraktionen aufgebaut, denn genau an diesem Wochenende findet das 37. Toronto International Filmfestival, kurz TIFF statt. Jetzt verstehen wir auch, warum Kameraleute und Reporter auf unserem Stockwerk im Hotel waren. Alljährlich treffen sich im September Fernsehstars, Produzenten und Medienleute aus aller Welt. Rote Teppiche, lange Schlangen von Menschen vor den Gebäuden und jede Menge Buden und Verkaufsstände.
Weil wir noch keinen rechten Plan für heute Abend haben, beenden wir diesen Tag in der Bar des Hotels. Eine Kleinigkeit essen, ein Glas Weißwein für uns und für Mona ein Tonic Water. Viel mehr ist gar nicht nötig, um müde ins Bett zu fallen.
Am nächsten Tag bringt uns einer der sechs Aufzüge des CN Towers bis unter seine Spitze. Mit einer Geschwindigkeit von 22 km/h geht es in nur 58 Sekunden hinauf auf 346 Meter. Wir genießen den Ausblick auf die smarte Skyline der Stadt und den Ontario See. Eine kleine Erfrischung im 360 Grad Restaurant. Mona schreibt ihren ersten Eintrag in das kleine Tagebuch, das sie sich im CN-Souvenirshop zuvor gekauft hat. Im CN Tower gibt es eine etwa 25 Quadratmeter große Glasbodenfläche, durch die man direkt nach untern sehen kann. Mona traut sich an den Rand der Glasplatte heran und betrachtet sie so, wie die anderen Touristen auch: sehr skeptisch. Fünf chinesische Mädchen stehen vor uns und haben große Hemmungen, auch nur einen Fuß auf die Glasplatte zu setzen. Es bleibt beim Versuch, diese mit der Schuhspitze anzutippen. Mona nimmt all ihren Mut zusammen und springt mit Wucht auf das Glas. Die Mädchen aus Peking kreischen und gestikulieren wild. Mona ist ihre Heldin. Das wollen sie unbedingt festhalten und drücken Horst eine Kamera in die Hand. Jetzt trauen auch sie sich auf die Glasfläche, nehmen Mona in die Mitte und lächeln so in die Kamera, wie es Chinesen eben tun.
Unserem Hotel gegenüber steht der wuchtige Bahnhof. Da müssen wir hin. Der Hotel-Portier hilft uns mit dem Gepäck über die stark befahrene Hauptstraße.
Es ist der 14. September und wir steigen ein in den „Canadian“. Der berühmte Zug ist ewig lang, hat drei Glaskuppelwaggons und fährt in fünf Tagen von Toronto nach Vancouver. Nach drei Tagen werden wir in Edmonton aussteigen. Wir beziehen eines der geräumigsten Abteile. Der Schaffner klappt unsere Betten auf und richtet sie für die Nacht. Mona reibt sich vor Müdigkeit die Augen. Der Zug setzt sich in Bewegung, es ruckelt und zuckelt. Auch Horst und mir fallen die Augen zu.
Der erste Tag zieht fast noch schneller an uns vorüber als die Landschaft selbst. Wir lesen, schauen aus dem Fenster, plaudern und essen. Der Tagesrhythmus ist getaktet: Frühstück um 6.30 Uhr, Mittagessen um 11 Uhr und Abendessen um 17 Uhr. Das Essen wird in zwei Schichten im Speisewagen serviert. Die Gerichte und der Service gefallen uns sehr gut. Mona macht uns Sorge. Sie ist still, blass und hat Bauchweh. Muss ich mir ernsthafte Sorgen machen? Ich lasse den ein oder anderen Gedanken von der Leine. Zu viel? Zu weit? Heimweh schon jetzt?
Heute ist der 15. September. Über der Prärie geht gerade die Sonne auf. Der Schaffner verkündet über das Mikrophon des Bordcomputers: „Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen. In wenigen Minuten halten wir in Winnipeg!“ Durch die Panoramascheibe sehen wir einen großen Fluss, den Assiniboine River. Darüber spannt sich eine Stahlbrücke. Und schon kommt der Zug in einem bildschönen Bahnhof zum Stehen. Wir haben zwei Stunden Aufenthalt in Winnipeg und nutzen die Zeit für einen Spaziergang. Kurz nach 8 Uhr ist die Luft noch etwas kühl. Wir sehen den zweiten Fluss, der sich durch Winnipeg schlängelt, den Red River, und viele gläserne Bürogebäude. Einige Menschen sind schon in den Stadtparks, den Forks, unterwegs. Wir lesen in unserem Reiseführer, dass bis vor etwa 30 Jahren die Canadian National Railway hier Lagerhäuser und Werkshallen besaß. Diese sind mittlerweile abgerissen oder umgebaut. Das Gelände mit Theatern, Galerien, Museen, Konzertbühnen und einer Markthalle ist ideal für Freizeit und Erholung. Schon so zeitig drehen einige Skater mit schräg auf dem Kopf sitzenden Kappen ihre Runden im Park. Mona fühlt sich schlapp. Sie hat Fieber. Der Schaffner richtet Monas Bett wieder her. Obwohl sich Mona im Schlaf zu erholen scheint, klettert das Fieber am späten Nachmittag auf 40 Grad. Ohren- und Kopfschmerzen kommen hinzu. Mir gefällt das gar nicht. Horst beruhigt Mona und auch mich. Was wird sie denn ausbrüten? Die Ohrentropfen und der Fiebersaft aus meinem Medizinbeutel helfen. Das Abendessen wird in unserem Abteil serviert. Die Zugbegleiter sind unglaublich aufmerksam und erfüllen Monas Wunsch nach Tee und Toast.
Die Nacht im Zug ist recht unruhig. Das obere Bett, in dem ich schlafe, quietscht, wenn der Zug ruckelt. Ich versuche, zu entspannen – mich gedanklich und meine Muskeln progressiv. Funktioniert heute nicht besonders gut. Linke Seite, rechte Seite, Rücken. Die Stunden schleichen dahin. Ich schaue auf meinen kleinen Reisewecker. Es ist erst 23.54 Uhr. 1.02 Uhr. Plötzlich ein abrupter Stopp – der Zug steht. Auf dem Bahnsteig hört Horst Stimmen. Polizei. Wir rappeln uns auf und spähen durch das Fenster, können nichts erkennen. Es dauert nicht lange, dann hören wir, wie die Türe unseres Waggons geöffnet wird. Wir öffnen die Abteiltüre einen kleinen Spalt weit. Drei Cops steigen ein, bleiben im Gang neben unserem Abteil stehen. Sie sehen tatsächlich so aus, wie wir sie aus den amerikanischen Fernsehserien und Filmen kennen. Ich fange ein bisschen zu schwitzen an. „Suchen die uns? Wegen der Schulpflicht?“ „Unsinn, beruhige dich, Petra“, flüstert Horst. Mir ist trotzdem nicht ganz wohl. Im Nebenabteil gibt es ein kurzes Wortgefecht – dann Ruhe. Wir schließen unsere Türe lieber wieder. Schritte auf dem Gang, vorbei an unserem Abteil – Gott sei Dank. Mona schläft tief. Ich atme aus. Neugierig schleiche ich zurück zum Fenster. Die Polizei führt gerade einen kräftigen Mann mit Bart in Handschellen ab. Es ist dreiviertel zwei. Horst und ich schlüpfen wieder in unsere Betten. Träge schieben die beiden Loks die vielen Waggons an. Endlich ist Ruhe.
6.30 Uhr. Sonntagmorgen. Der Zug fährt in den Bahnhof von Edmonton ein. Unser Gepäck wird zügig ausgeladen. Vor dem Bahnhof warten die Taxen. Unser Taxifahrer ist sehr freundlich. Rührend sorgt er sich um unser krankes Kind. Am ersten Drugstore hält er an und kommt mit seinem Favoriten zurück, kanadisches Nurofen mit Erdbeergeschmack. Als dreifacher Vater schwört er auf diesen Zaubersaft. Er habe damit nur die besten Erfahrungen gemacht. Die Straßen sind noch nicht sehr stark befahren. Durch das Halbdunkel lasse ich meine Blicke aus dem Taxifenster schweifen. Im Gegensatz zu Toronto sind die Gebäude nicht hoch, die Stadt kommt mir recht übersichtlich vor. Nach einer Viertelstunde erreichen wir unser Ziel, das Fantasyland Hotel in der West Edmonton Mall.
Natürlich können wir um diese Uhrzeit unser Zimmer noch nicht beziehen. Also beginnen wir den Tag mit einem kräftigen Frühstück im Restaurant L2: Kaffee für uns, Rührei mit Speck, Toastbrot und Orangensaft. Mona bekommt einen Kamillentee. Es scheint ihr besser zu gehen. Sollte kanadisches Ibuprofen im eigenen Land wirksamer sein als europäisches?
Horst war vor 20 Jahren schon einmal in dieser Stadt. Zu einer Zeit, in der es in Europa noch keine Rieseneinkaufszentren gab. In der West Edmonton Mall findet man neben 800 Geschäften und 100 Restaurants ein riesiges Schiff, den Nachbau der Santa Maria. Es steht in der Mitte dieser gigantischen Einkaufswelt. Dazu gibt es ein Galaxyland mit Fahrgeschäften, eine Eishalle und einen Aqua Park mit Rutschen, Wellenbecken und Strandoptik. Langsam füllt sich das Einkaufsparadies mit Besuchern. Auch an einem Sonntag. Gegen 11 Uhr beziehen wir vorübergehend ein einfaches Ersatzzimmer, damit Mona schlafen kann. Bald wird das gebuchte Zimmer bereitstehen. Im Fantasyland Hotel sind die Zimmer themenbezogen eingerichtet. Es gibt Afrikazimmer, Hollywoodzimmer, Zimmer mit Iglus und Eishöhlen um die Betten, Zimmer mit Betten, die aussehen wie Trucks und Cadillacs. Ein absoluter Traum – nicht nur für die Kinder dieser Welt. Mona blättert im Prospekt und befürwortet das Fantasiezimmer. Während sie sich im Schlaf erholt, reflektieren wir die ersten Tage unserer Reise. In Toronto war der Aufenthalt definitiv zu kurz. Die Bahnfahrt. Der Canadian ist schwer in die Jahre gekommen. Wir hatten uns das Abteil hübscher vorgestellt. Aber nächstes Jahr soll der gesamte Zug renoviert werden. Von Kingsize-Betten in den Luxusabteilen und eigenen Duschkabinen hat der Zugbegleiter erzählt. Die Stimmen aus den alten Lautsprechern im Abteil hallen extrem und erschreckten uns immer wieder. Zumal die Durchsagen gleich zweimal kommen: auf Englisch und natürlich auf Französisch. 90 Prozent der Reisenden sind über 60. Die Küche ist abwechslungsreich und richtig gut. Das Personal freundlich und sehr aufmerksam. Geeignet zum Entschleunigen.
Mona hat über drei Stunden geschlafen. Sie erwacht fieberfrei und will unbedingt die Mall sehen. Wir studieren den Lageplan und machen uns auf den Weg zum Seelöwenfelsen. Vier Seelöwen unterhalten die Zuschauer. Das ist für Mona nicht anstrengend und sie lacht wieder. Etwas später steht sie traurig vor einer riesigen Glaswand und drückt die Hände dagegen. Dahinter ist das überdimensional große Schwimmparadies. Ein Wellenbecken, künstliche oder echte Palmen, aufgeschütteter Sand und Liegestühle – wie in der Karibik. Unser Versprechen, dort zu baden und zu plantschen, können wir nicht halten. Nicht nur Mona hatte sich darauf gefreut.
Heute wachen wir im Fantasiezimmer auf. 10. Stock. Blick auf Edmonton. Unser Bett ist ein Schiff mit Gallionsfigur über dem Kopfende. In einer Zimmerecke sitzt ein Plüschpapagei auf einer Stange. Mona reibt sich verschlafen die Augen und schaut von ihrem Hochbett herunter. Sie lächelt. Es geht bergauf. Mitten im Zimmer steht ein Jacuzzi in einer künstlichen Felsenlandschaft. Mona gefällt er auch ohne Wasser. Wir frühstücken. Anschließend bummeln Mona und ich ein Stündchen durch die Mall, Horst bleibt im Hotel und arbeitet. Am frühen Nachmittag nehmen wir ein Taxi zur City Hall. Von dort aus überqueren wir den Sir Winston Churchill Square, gehen vorbei am Citadel Theatre, schauen uns vom Kongresszentrum aus die Glaspyramiden des Muttart Conservatory am Saskatchewan River an, kommen zum Fairmont Hotel Macdonald und laufen ohne Plan die Jasper Avenue entlang. Einen Eindruck von der Stadt haben wir gewonnen. Mehr wollen wir gar nicht. Wir freuen uns auf morgen. Auf den Jasper National Park. Edmonton wird das „Tor zum Norden“ oder „Tor zu den Rockys“ genannt. Durch dieses Tor werden wir morgen fahren. Auf den Spuren der Pelzhändler, der Goldsucher und der Tauschgeschäftler.
Atemberaubende Natur im Jasper National Park
19.–22. September
Pünktlich steht der Leihwagen bereit. Wir verstauen die drei großen roten Reisekoffer. Gestern habe ich noch einmal umgepackt, sodass in nur einem Koffer die Dinge sind, die wir in der kommenden Woche brauchen werden. Die Wetteraussichten sind gut. Zwei Koffer können dann im Kofferraum des Autos verbleiben. Die Fahrt nach Jasper ist mit vier Stunden in unserer Reisebeschreibung angegeben. Die erste Etappe von Edmonton nach Edson ist so, wie wir Kanada bisher vom Panoramafenster des Zuges kennen: kleine Seen, Tümpel, Wälder, Wiesen, viel und flaches Land.
Nach 200 Kilometern erreichen wir die Kleinstadt Edson. Dort kaufe ich Getränke in einem Liquor Store. Ich zahle mit der Kreditkarte, packe die Flaschen ein und verlasse das Geschäft. Horst müht sich mit dem Navigationsgerät ab. Es dauert eine ganze Weile, bis wir weiterfahren können. Und dann fällt Mona ein, dass sie auch noch für kleine Mädchen muss. Ich bin etwas ungehalten: „Das hätte dir doch auch schon im Laden einfallen können!“ „Es pressiert doch nicht“, meint Horst. Manchmal ist es so, dass auch scheinbar unnötige Verzögerungen ihren Vorteil haben. Denn als wir gerade fahrbereit sind, klopft es an die Autoscheibe. Ich drehe mich um. Der Verkäufer aus dem Liquor Store. Was will der denn jetzt noch? Oh! In seiner Hand hält er eine Plastikkarte und wedelt vor meiner Fensterscheibe herum. Sieht ganz nach meiner Kreditkarte aus. Puh, ich lasse die Fensterscheibe herunter, nehme sie erleichtert entgegen und bedanke mich vielmals. Es wäre auch nicht das erste Mal gewesen, dass ich eine Kreditkarte im Gerät habe stecken lassen … Mona schaut mich mit großen Augen an: „Gut, dass ich noch aufs Klo musste, gell Mama?“ Ja. Sonst hätte es sich erst einmal ausentschleunigt.
Ab Edson ändert sich das Landschaftsbild schlagartig. Aus der geraden Fahrbahn werden Kurven und es geht bergauf. Die Landschaft wird abwechslungsreicher, das Bergmassiv der Rockys tut sich vor uns auf. Bei der Einfahrt in den Jasper National Park können wir nur noch staunen. Das sind vielleicht Berge! Mona entdeckt drei große Müllbehälter mit schweren Klappen und Stangenverschluss. Das ist wegen der Bären. Sie sollen davon abgehalten werden, die Abfälle der Parkbesucher zu durchwühlen. Jasper, Banff, Yoho und Kootenay sind vier zusammenhängende Nationalparks. Der Jasper National Park ist der nördlichste und größte davon. Vor über 200 Jahren wurde das Gebiet zum Schutzgebiet und etwas später zum Nationalpark erklärt. Das Bergstädtchen Jasper liegt an einem historischen Handelspfad. Indianer und Pelzhändler waren hier unterwegs durch die Rocky Mountains, zwischen Edmonton und Prince George. Damals war das am Westufer des Athabasca River gelegene Jasper eine kleine Siedlung. Man nannte sie Fitzhugh.
Die Lodge, in der wir die nächsten Tage verbringen, ist die Jasper Park Lodge. Schon relativ groß, trotzdem idyllisch und stilvoll. Sie liegt am Beauvert Lake. Ein kleiner See. Die Jasper Park Lodge gehört zur Fairmont-Hotel-Gruppe. Die Rezeptionistin ist sehr freundlich. Horst hat ein kleines Chalet direkt am Westufer des Sees für uns gebucht. Mit dem Auto können wir auf einen Parkplatz hinter unserer Hütte fahren. Wir schaffen also nur den einen Koffer und das Handgepäck ins Chalet und genießen die Nachmittagssonne auf der Veranda. Es ist ein traumhaft schöner Tag, die Sonne scheint, der Himmel ist hellblau. Die Bergkulisse im Hintergrund macht den Anblick fast schon unglaubwürdig. Horst zeigt Mona den Whistler Mountain. „Der Name kommt übrigens vom Pfeifen der Murmeltiere, das du vor allem am Morgen und bei Sonnenuntergang hören kannst“, erklärt er. Die nette Dame an der Rezeption hat gesagt: „Sie kommen gerade zum richtigen Zeitpunkt. Vor zwei Wochen war es schon richtig kalt und hat geschneit. Die Wetterprognosen für die nächsten Tage sind sehr gut. Bis zu 25 Grad, das ist ungewöhnlich für Mitte September. Nachts kann die Temperatur schon mal auf fast 0 Grad sinken“.
Zur Anlage gehört ein Außenpool mit Salzwasser und 32 Grad Wassertemperatur. Mona ist wieder gesund und will so bald wie möglich schwimmen. Der Badeanzug ist griffbereit, also verlieren wir keine Zeit. Das Wasser dampft, Mona ist glücklich.
Heute Abend essen wir im Restaurant und fallen müde ins Bett.
Sonnenstrahlen kitzeln uns aus den Federn. Auf der Veranda ist es frisch. Der Blick auf die Berge etwas dunstig. Ein paar mutige Eichhörnchen kommen ganz nah heran und große schwarze Raben sitzen auf dem Holzgeländer der Veranda. Auf dem Weg zum Frühstück kommen wir an einer Schar von geschätzt 200 Wildgänsen vorbei. Sie haben sich am Seeufer niedergelassen. Mona findet den Fußabdruck eines Hirsches. Sie hält Ausschau nach Elchen. Die meisten Gäste brechen zu Tagestouren auf. Wir wollen einfach nur um den See spazieren. Es gibt einen schmalen Pfad, auf den wir uns, ausgerüstet mit Lupe und Entdeckerglas, begeben. Wir treffen nur ein Ehepaar und einen Jogger. Das Gletscherwasser ist glasklar. Wir sehen die großen Granitsteine und Stücke von abgebrochenen Ästen und Baumstämmen. Viele verschiedene Moosarten wachsen hier, Wacholderbüsche und Cranberrysträucher. Eine gute Stunde dauert unser Spaziergang.
Nach einem ausgiebigen Bad im Salzwasserpool fahren wir in Richtung Jasper. Wir stoppen am Lake Edith und am Lake Annette. Auf einer Bank genießen wir das volle Panorama der Rocky Mountains: schroffe Berggipfel mit zerklüfteten Gletschern, türkisblaue Bergseen, Flüsse und dunkelgrüne Wälder. Zarte Schmetterlinge gaukeln in der Luft. Einer setzt sich sogar auf Monas Haar. Da will Mona wissen, was Rocky Mountains heißt. „Felsige Berge“, meint Horst. „Oh, Berge sind doch immer felsig, oder?“ Die Rockys sind aber besonders felsig. Bei diesem wunderbaren Ausflug vergeht der Tag viel zu schnell.
Am nächsten Morgen holt uns die Sonne aus den Federn. Heute fahren wir zu den Miette Hot Springs. Heiße Quellen gibt es einige in den Rocky Mountains. Das Wasser im Becken hat 40 Grad und kommt aus einer Schwefelquelle. Die Hot Springs Therme liegt wie im Gebirge eingefaltet. Ich bin nicht der Badewannenfan. Im Gegensatz zu Horst und Mona. Die beiden können ewig lang in der Wanne liegen. Ich habe das Gefühl, die Temperatur des Wassers dringt an meine Knochen und strahlt die Wärme an Muskeln und Gewebe ab. Langsam gewöhne ich mich daran und kann es fast so genießen wie die beiden. Es sind nur wenige Besucher da und so stört es nicht, dass Mona doch des Öfteren raus aus dem Becken und wieder rein ins Becken huscht. Viele Schmetterlinge flattern hier umher. Der eine oder andere sucht Kontakt zu Mona und verweilt eine kurze Zeit auf ihrer Hand. Der Himmel ist aquamarinblau und wolkenlos. Wir hängen uns am Beckenrand ein und blicken auf die Bergkette.
Am Nachmittag decken wir uns in Jasper mit Proviant ein. Heute Abend gibt es Brotzeit in unserem Chalet. Jasper ist ein gemütliches Städtchen mit vielen kleinen Läden links und rechts der Hauptstraße. Horst und Mona wollen mich immer wieder abhängen. Ich solle doch ein nettes Café suchen, in dem wir etwas trinken können. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Morgen ist der 21. September, mein Geburtstag. Ich verkrümle mich in ein Straßencafé und warte. Wieder zu dritt, gibt es Kuchen, Kaffee und heiße Schokolade, und schon geht es in den kleinen Supermarkt an der Ecke. Beim Einkauf staunen wir auch wieder. Nicht über die Natur, sondern über die Preise. Die Grundnahrungsmittel sind erheblich teurer als bei uns. Für einen einfachen Camembert bezahlen wir stolze 13 Kanadische Dollar, das sind umgerechnet etwa 10,50 Euro. Vielleicht ist es auch nur in Jasper so teuer?
Mein 42. Geburtstag. Wieder Sonnenschein am wolkenlosen Himmel. Mona gratuliert mit einem Strauß Löwenmäulchen. Sie hat die Blumen auf der Wiese vor dem Chalet gepflückt. Zwei kleine Päckchen liegen auf dem Tisch vor dem Kamin. Mona stimmt das traditionelle „Happy Birthday to you, Marmelade im Schuh“ an. Es gibt keinen Geburtstag daheim, an dem je diese Version des Geburtstagsständchens vergessen wird. Ich packe die Geschenke aus. Mona hat federleichte Federohrringe für mich gekauft und von Horst bekomme ich einen stäbchenförmigen Ammolit-Anhänger. Er baumelt an einem Lederband und ganz schnell an meinem Hals. Ich wünsche mir, in Jasper zu frühstücken. Und ich habe noch einen Wunsch. Eher ein Bedürfnis. Wäsche waschen. Ja, an meinem Geburtstag. Das kann sich wahrscheinlich jetzt keiner richtig gut vorstellen. „Mama, du machst einen Witz. Das kannst du dir doch nicht zum Geburtstag wünschen!“, entrüstet sich Mona. Horst staunt ein wenig, aber er kennt mich gut genug. Er weiß, dass ich es absolut nicht leiden kann, wenn sich zu viel Schmutzwäsche ansammelt. Damit das Thema Wäsche nicht zur Neurose wird, erfülle ich mir den Wunsch zum Geburtstag. In der Hauptstraße in Jasper habe ich gestern schon einen Waschsalon entdeckt. Einen sehr schönen sogar. Dort gibt es nämlich eine Theke mit Kuchen und eine Kaffeemaschine. Perfekt für eine Frühstücks-Geburtstagswaschparty. Der Cappuccino schmeckt beinahe wie in Italien und der Rhabarber-Kirsch-Muffin ist ein echter Kanadier. Drei Waschmaschinen laufen gleichzeitig und die Wäschetrockner im Anschluss sind auch nicht belegt. In nur eineinhalb Stunden ist die Wäsche sauber gewaschen, getrocknet, gefaltet. Und ich bin glücklich.
Zurück in der Lodge haben wir den Salzwasserpool ganz für uns allein. Das kosten wir aus, bevor wir am frühen Nachmittag zum Maligne Lake fahren. 90 Minuten dauert die Bootstour auf dem Gletschersee. Wir kommen an drei Inseln vorbei und haben immer ungetrübte Sicht auf die Gletscher. Auf Spirit Island stoppen wir. Die Fotoapparate werden gezückt, um vom wohl berühmtesten Aussichtspunkt im Jasper National Park Fotos zu machen. Das machen auch wir. An einem besonderen Tag an einem besonderen Platz zu sein, ist einfach unwiederbringlich. Auf dem Rückweg zur Lodge schläft Mona im Auto ein. Plötzlich wundern wir uns, warum am Straßenrand so viele Autos stehen. Da muss es doch etwas zu sehen geben? Wir reihen uns ebenfalls in die Parkschlange ein. Mona erwacht: „Was ist da los?“ „Schau mal aus dem Fenster, da muss was sein, sonst würden hier nicht so viele Leute stehen bleiben“, meint Horst. „Ich glaub’s nicht!“, kommt es vom Fahrersitz. „Schaut mal rechts an den Waldrand, da ist ein Bär!“ Tatsächlich! Ein junger Grizzly streift dort entlang. Keine 20 Meter weit entfernt von uns. Horst, der Mutige, nimmt den Fotoapparat, steigt aus, versucht noch näher heranzukommen und schießt ein prima Foto. Und wir sollten heute noch mehr Glück haben, denn auf unserer Weiterfahrt auf der Maligne Road sehen wir einen zweiten Grizzlybären, etliche Dickhornschafe und einen großen Hirsch im Flussbett. Um den Ausflug ins Tierreich vollkommen zu machen, grast vor unserem Chalet eine Elchkuh mit ihrem Jungen. Wir können die beiden direkt von unserem Fenster aus beobachten. Wieder geht ein Tag zu Ende. Mona hat viele Eindrücke in ihr Reisetagebuch zu schreiben. Wir sind dankbar. Dankbar für die Schönheit dieser Welt, die wir hier und jetzt mit unseren Augen bestaunen dürfen. Dankbar für das Kaminfeuer und für das Glas Pinot Noir aus dem Weingut Peele Island. Dankbar, in diesem Chalet zu sein. Dankbar für unsere Dreisamkeit.
Märchenhaft wohnen in Banff
23.–28. September
Die Fahrt zum knapp 300 Kilometer entfernten Ferienort Banff wird den ganzen Tag dauern. Über den Sunwapta Pass gelangen wir vom Jasper National Park in den Banff National Park. Der Pass liegt auf 2030 Meter Höhe. Der Saskatchewan River begleitet uns. 230 Kilometer lang ist die Panoramastraße zwischen Jasper und Lake Louise, die am Hauptkamm der Rocky Mountains entlangführt. Ein türkisfarbener Gletschersee reiht sich an den anderen. Viele der Seen erreichen nicht einmal im Sommer neun Grad Wassertemperatur. Mona sieht einen Wasserfall und möchte unbedingt näher ran. Es ist der Triangle Waterfall. Dort kraxelt sie mit mir herum, Horst fotografiert. Die Bäume zeigen unterschiedliche Farben, vom noch Grün über Gelb bis zum Orangebraun. Die Rottöne, die den Indian Summer komplett machen, fehlen noch in diesem Jahr. Am Straßenrand wächst Wollgras. Im etwas diesig milchigen Licht sehen die Fäden blassrosa aus. Vor uns erscheint imposant das Columbia Icefield. Am Athabasca Glacier bleiben wir stehen. In nur zehn Minuten sind wir zu Fuß am Rand der Gletscherzunge. Anhand der Markierungen können wir die Gletscherschmelze der letzten Jahrzehnte verfolgen. Sehr beeindruckend finde ich das. In hundert Jahren wird dieses riesige Eisfeld nicht mehr da sein. Umgewandelt in einen türkisfarbenen Gletschersee. Nach und nach werden Bäume wachsen. Wir erfahren, dass vor elf Jahren ein neunjähriger Bub vor den Augen seiner Eltern in eine Gletscherspalte fiel. Er erlitt sofort einen Kälteschock und konnte trotz der schnellen Reaktion der Bergungsleute nicht mehr rechtzeitig herausgeholt werden. Die Gefahr am Gletscher ist nicht zu unterschätzen. Wir haben großen Respekt und verzichten auf eine Wanderung.
Weiter geht es zum Peyto Lake. Unser Reiseagent hat uns diesen Gletschersee sehr ans Herz gelegt. Und so steigen wir zum Aussichtspunkt hinauf. Er hatte absolut Recht. Ein vergleichbares türkisgrün, milchig und eisblaues Farbenspiel haben wir noch nicht gesehen. Das müssen einmalig im Licht strahlende Steinstaubpartikel sein, die das Schmelzwasser abtransportiert und die dem Wasser diese Farbgewalt verleihen.
Die letzten Kilometer nach Banff fahren wir auf dem Trans-Canada Highway. Komplett eingezäunt und mit Unter- und Überführungen für den Wildwechsel. Es wird Zeit, das Hotel zu erreichen. Von Weitem schon sehen wir das „Castle in the Rockies“. Prächtig thront es über der Stadt Banff. Die Türmchen ragen gen Himmel. Mona reißt ihre blauen Augen auf: „Wow! Das Märchenschloss!“ Ein freundlicher junger Mann checkt uns ein. Wir kommen etwas ins Plaudern und erzählen von unserer Weltreise. „That is awesome!“, wiederholt er immer wieder und schaut Mona mit einem Blick an, in dem so etwas liegt wie: Du hast das ganz große Los gezogen. Vielleicht bekommen wir gerade deswegen ein so märchenhaftes Zimmer. Ziemlich weit oben mit Ausblick auf den Fluss. Ich entdecke als Erste die Nische in der Fensterschräge und reserviere sie egoistisch für mich. Natürlich gibt es in so einem Hotel auch ein Schwimmbad. Mona ist ganz schnell im Badeanzug. Ungern verlasse ich die Nische und suche nach meinen Badesachen. Wir beide ziehen ein paar Bahnen, Horst muss wohl oder übel E-Mails beantworten. Eher wohl, denn Indoorschwimmbad ist nicht unbedingt sein Ding und außerdem mag er seine Arbeit. Und weil es im Banff Springs Hotel ein japanisches Restaurant gibt, wissen wir ganz genau, was es heute Abend zu essen gibt. Sushi für Mona und Sashimi für uns. Das ist besonders märchenhaft.
Den nächsten Tag beginnen wir mit einem Spaziergang in die Stadt. Wir frühstücken im Straßencafé Evelyn draußen in der Sonne und schauen auf die hohen Berge. Wie im Märchen. Viele Kunst-, Souvenir-, Sport- und Bekleidungsläden, viele Cafés und Restaurants gibt es. Die Hauptstraße ist sauber gefegt, Blumenkästen mit roten Geranien und Petunien dekorieren die Stadt. Wir lassen uns durch einige Läden treiben, kaufen Schokolade und eine Sonnenbrille für Horst, der seine wohl zu Hause vergessen hat. Mona bekommt ein Fernglas und gefütterte Mokassin-Hausschuhe. Wir steigen den Hügel hinauf zum Hotel. Ohne Zweifel ist dieser Prachtbau das architektonische Wahrzeichen von Banff. Die Eisenbahngesellschaft Canadian Pacific Railway hat es erbaut. 1888 wurde es für erlesene Gäste eröffnet. Wer diese erlesenen Gäste wohl waren? Einmal ist es abgebrannt und wurde wiederaufgebaut. Im Laufe der Jahre wurde es für den breiten Tourismus umgebaut. Wir finden es einmalig und freuen uns, hier zu sein. Allein die Sicht auf die Bow Falls ist es wert, dort zu wohnen. Mona möchte den Nachmittag am Pool verbringen. Das Wetter ist herrlich. Milde 25 Grad und kein Wind. Horst hat zu arbeiten und ich jogge zu den Wasserfällen. Das Tosen des Wassers hört man bis in unser Zimmer. Am liebsten sitze ich in „meiner“ Nische und genieße den Ausblick auf den Bow River und die dahinter liegende Bergkette. Paradoxerweise entspannt mich das und gibt mir Kraft.
Seit wir in Kanada sind, schläft unser Kind wie ein Dornröschen. Nicht hundert Jahre, aber zwischen zehn und zwölf Stunden. Heute ist es bewölkt und deutlich frischer. Es ist 10.30 Uhr, wir sind auf unserem Zimmer, Horst zeichnet Pläne und Mona lernt mit mir Mathe und Deutsch. Da es regnet, verbringen wir die meiste Zeit im Hotel. Sportunterricht gibt es auch, im Fitnessraum des Hotels. Mona walkt fast eine Stunde auf dem Laufband. Danach schwimmt sie noch etliche Runden im Pool. Abends essen wir im Restaurant Elk and Oarsman an der Hauptstraße in Banff. Wir haben uns das Restaurant von einem „Banffianer“ empfehlen lassen. Wir fragen oft die Einheimischen, wo es ein gutes Lokal gibt, und mit etwas Gespür unsererseits passt das dann meistens. Meistens. Für Mona und mich ist diese Kneipe ganz in Ordnung. Horst ist die Speisekarte zu umfangreich. Total überfordert bestellt er sich eine Pizza. Eine Pizza mit dem wundersamen Titel „Taxi Drivers Pizza“. Mona meint, sich verhört zu haben: „Du magst doch gar keine Pizza. Und jetzt willst du eine mit Würstchen drauf? Papa?“ Das ist das zweite Mal in unserem gemeinsamen Leben, dass sich mein Mann eine Pizza bestellt. Er mag sie nicht wirklich. Liegt in erster Linie an der Tomatensoße. Diese Pizza isst er tapfer, zumindest die Hälfte davon. In der Kneipe ist es laut. Football wird übertragen. Wir bleiben nur kurz. Auf unserem Zimmer trinken wir in aller Ruhe ein Glas Weißwein. Ich natürlich in meiner Nische sitzend. Wir lesen, während Mona schon tief und fest schläft.
Fast schon routinemäßig frühstücken wir auf dem Zimmer. In Amerika ist das ganz einfach. Mona und ich holen Saft und Bagles aus dem Hotelshop. Kaffee und Tee können wir auf dem Zimmer selbst machen. Es folgt die tägliche Lerneinheit, bevor wir zur Therme fahren. Die Wolken lösen sich gerade auf, als wir die Banff Upper Hot Springs erreichen. Pünktlich mit dem Eintauchen in das Thermalwasser schiebt sich die Sonne vor die Restwolken und strahlt am spätsommerblauen Himmel. Ähnlich wie in Jasper genießen wir den märchenhaften Panoramablick auf die Berge vom Heilwasserbecken aus. Horst gönnt sich eine Massage. Inzwischen ist es später Nachmittag. Mona meint, es sei Zeit für einen Apfelkuchen in Evelyn’s Coffee Bar in Banff. Und endlich findet sie ein Andenken an Banff. Eine Fellkappe mit Puschelschwänzchen. „Davy Crockett, König der Trapper“, fällt Horst dazu ein. Ein Disney-Film aus dem Jahre 1955. Der Held in Walt Disneys legendärem Film, Davy Crockett, trägt so eine Fellkappe – ein erfahrener Bärenjäger und Trapper, der den Indianerhäuptling Red Stick im Kampf auf Leben und Tod besiegt, ihm aber den Frieden anbietet.
Ein bisschen was geht heute schon noch. Deshalb fahren wir auf dem Tunnel Mountain Drive bis zum Aussichtsplatz. Von dort aus schauen wir uns die Hoodoos an. Die Hoodoos sind recht eigentümliche Gebilde: in die Höhe ragende, aufgeschüttete Sandsteintürmchen mit Zacken und Zinnen. Erdkundler würden jetzt wohl sagen: Ein Resultat von Gletscherschmelze und Erosionen. So etwas gibt es nicht nur in Kanada. Wir haben Ähnliches am Ritten in Südtirol gesehen. Erdpyramiden heißen sie dort. Hirsche und Elche stehen auf unserer To-see-Liste. Die sollen im Märchenwald hinter dem Golfplatz leben. Wir werden nicht enttäuscht. Momentan ist Brunftzeit, da sind die Hirsche nicht ungefährlich. Ihre Rufe und Schreie hören wir vom späten Nachmittag bis in die Morgenstunden. Sie röhren sich warm, denn bald werden sie um die Vormachtstellung kämpfen. Mona ist nicht feige. Das liegt wohl an ihrer Trappermütze. Dem Hirsch kommt sie so nah, dass sie ein gelungenes Foto machen kann. Mona ist richtig gut drauf, plappert unentwegt und lacht viel. Anfangs hatten wir Bedenken, wie und ob sie mit dieser Reise überhaupt zurechtkommen wird. Manchmal auch gezweifelt. Doch mein Mann hat auch in solchen Situationen eine starke Einstellung: „Zweifel sind nicht erlaubt.“
Langsam macht sich der Hunger bemerkbar. Über den Tag verteilt essen wir sehr wenig, und am Abend lassen wir es uns gutgehen. Heute hat Horst das Restaurant lieber selbst ausgesucht. Dafür hat er immer ein richtig gutes Händchen. Saltlik. Moderne Innenarchitektur und ein begnadeter Koch. Wir wählen das Steak mit einem Kartoffelbrei, in dem sich kleine Stückchen vom Lobster verstecken. Das Kartoffelpüree allein ist schon eine Hauptmahlzeit. An diesen märchenhaften Geschmack werden wir uns noch jahrelang erinnern!
Nachts gab es Bodenfrost, jetzt scheint die Sonne. Fitness, Lernprogramm, dann ins Lake Louise Village. Unter Village habe ich mir ein Dörfchen mit netten Häuschen vorgestellt. Doch das Dorf Lake Louise besteht aus einem Visitor Center und zwei Cafés. Und dem Chateau Lake Louise. Wieder ein Hotel, das die Kanadische Eisenbahngesellschaft erbaut hat und jetzt zur Fairmont-Gruppe gehört. Wir beschließen, am Westufer des Lake Louise spazieren zu gehen. Ich habe gelesen, dass die Stoney-Indianer den See „See der kleinen Fische“ nannten. Das liegt an der Wassertemperatur. Der Victoria-Gletscher speist den Lake Louise. Im Winter hat es hier an die 14 Grad minus im Durchschnitt, im Sommer 13 Grad. Wir spüren das auch. In Banff waren es noch 25 Grand, hier sind es 11 Grad. Nach zwei Stunden fahren wir zum Moraine Lake. Zehn Gipfel betten den Gletschersee ein. Ein Panoramabild davon war auf den alten kanadischen 20-Dollar-Scheinen. In Farbe wirkt es jedoch viel, viel besser. Die Zacken der Bergketten und die schneebedeckten Ausläufer der Gletscher spiegeln sich auf der Wasseroberfläche des Sees. Wir setzen uns auf die Kieselsteine am Ufer. Mona klettert auf einen aufgeschütteten Haufen von Schiefergestein, größere und kleinere Platten. Fünf Plättchen hält sie in ihrer Hand und strahlt übers ganze Gesicht: „Die nehm ich mit nach Hause!“ Horst nickt und schmunzelt: „Die Begeisterung für Stein liegt ihr im Blut.“ Mein Vater ist nämlich Steinmetzmeister. Daher Monas Interesse für Steine jeglicher Art.
Letzter Tag in Banff. Mit Rafting-Tour am Nachmittag. Ich bin zwar kein Angsthase, aber grundsätzlich achtsam. Zum Leidwesen von Horst und Mona hatte ich darauf bestanden, die Tour mit dem harmlosen Schwierigkeitsgrad 2–3 buchen. Die Sonne strahlt herab auf den Spray River. Das ist der Zulauf zum Bow River. Vier weitere Passagiere sind mit von der Partie. Wir bekommen die Sicherheitswesten angelegt, steigen ins Boot. Der Guide heißt Lucas, hat Rastalocken und ein Stirnband am Kopf. Er lenkt das Boot recht vorsichtig und ich bin ganz entspannt. Wir sehen die Hoodoos vorbeiziehen, die Rockys immer im Blickfeld. Das Hartgummiboot schlängelt sich an dünnen, langen Baumstämmen entlang. Abgebrochen und teils entwurzelt ragen sie in den Fluss. Lucas nennt sie „Toothpicks“, Zahnstocher. Für einen Riesen, ja. Die Sonnenstrahlen wärmen, eine angenehme Brise weht und wir bekommen hin und wieder etwas von der Gischt des Flusswassers ab. Nach einer Stunde ist die Bootsfahrt zu Ende. Ein Kleinbus holt uns am Flussufer ab. „Mona, schau, da ist eine Elchkuh. Mit drei Jungen!“ Horst dreht Mona in die richtige Position am Fenster. „Wow, darauf habe ich die ganze Zeit gewartet!“ Den Elchpapa haben wir vergeblich gesucht. Vom Spray River verabschieden wir uns mit einem Kneippbad. Eiskalt. Horst gibt als Erster auf, dann ich. Mona ist die Siegerin im vier Grad kalten Wasser. Morgen geht die Reise auf dem Trans-Canada Highway weiter. Ziel Calgary. Entfernung 130 Kilometer. Zurück im Hotel sitze ich wieder in meiner Nische und schaue auf die Bergkette über dem Bow River. Die Sonne geht gerade unter und taucht die Berggipfel in ein rotes Licht. Sie glühen rubinrot. In mir breitet sich ein warmes Gefühl aus, als ob mich die letzten Ausläufer der untergehenden Sonne tief im Inneren berühren. Ich spüre in mich hinein. Da ist ganz viel Dankbarkeit, Liebe und auch so etwas wie Demut. Dankbarkeit für diesen märchenhaften Tag. Wieder ein Tag, den ich zusammen mit meinen Liebsten erlebt habe. In Harmonie, an einem wunderschönen Ort.
Calgary und die Achtsamkeit
29.–30. September
Calgary ist von der Größe her wie Köln, hat jedoch weniger Jahre auf dem Buckel. Fort Calgary, 1875 gegründet, Stützpunkt für die berittene Polizei. Problempunkt: Whiskyhandel und vor allem Whiskyschmuggel. Innerhalb kurzer Zeit schon siedelten sich im Umkreis Farmer an und bald erreichten die Schienen der Canadian Pacific Railway das Siedlungsgebiet. Warum Calgary auch Cowtown, Kuhstadt, genannt wird, versteht sich von selbst. Später wurde Gas und Öl gefunden. 1988 fanden hier die XV. Olympischen Winterspiele statt. Eine Großstadt mit Westernflair. Den Weg zum Hotel Fairmont Palliser finden wir problemlos. Wir laden unser Gepäck aus und fahren zum Flughafen, um das Leihauto abzugeben. Kein Kratzer, keine Schramme. Wir steigen in den Express Downtown Bus. Die Busfahrerin ist füllig, hat mindestens 50 kleine Rastazöpfchen und ein breites Lächeln: „Nice earrings, Lady.“ „Thanks, that is a birthday present of my daughter“, sage ich stolz. „Well done, little girl!” nickt sie Mona zu. Ich schlage meinen Schal um den Hals und suche einen Platz. In einer Viertelstunde sind wir schon in Downtown Calgary. Beim Aussteigen nicke ich unserer Chauffeurin zu und greife an mein linkes Ohrläppchen. Der Ohrring ist nicht mehr da. Das ist doch nicht möglich, ich schaue mich nervös um. In diesem Moment bückt sich ein junger Mann, der gerade in den Bus einsteigt, und hält mir den Federohrring entgegen. Ich muss ihn abgestreift haben, als ich den Schal festgezogen habe. Die Ohrringe sind feder-federleicht und nur an einem dünnen Hänger. Ich werde besser darauf aufpassen.
Es ist früher Nachmittag. Morgen geht die Reise zeitig weiter. „Lass uns doch den Bahnhof suchen, von dem aus wir morgen starten“, meint Horst „der soll ganz in der Nähe sein.“ Erfolglos halten wir Ausschau nach dem Bahnhof. Eine Inderin kann uns nicht helfen, zwei Kanadier ebenso wenig. „Railway Station“ – sie verstehen nur „Bahnhof“. Wir fragen in einer Kneipe nach. Kopfschütteln. Keinesfalls kämen wir mit dem Zug nach Vancouver, da müssten wir schon ein Taxi nehmen. Wir suchen weiter und finden tatsächlich Gleise, jedoch keinen Bahnhof. Sehr mysteriös. In der Zwischenzeit sind zwei Stunden vergangen, Mona hat fürchterlichen Durst. Im nächstgelegenen Restaurant bestellen wir Wasser, Kaffee und Muffins mit Blaubeeren. Horst fragt den Ober dort nicht nach der „Railway Station“, sondern, wo denn der Rocky Mountaineer abfahren würde. Aha, das Missverständnis klärt sich auf. „Left side next to the Calgary Tower.“ Da waren wir schon und haben keinen Eingang, kein Schild gesehen. Mona ist etwas durcheinander. Horst beruhigt sie: „Mona, wir haben die Fahrt gebucht, im Hotel wissen sie Bescheid und wir werden morgen ganz sicher mit diesem Zug fahren.“.
Wir haben ein wunderschönes Zimmer. Ich packe aus und um, sodass wir das Nötigste für die nächsten zwei Tage in nur einem Koffer haben. Zum Abendessen wünscht sich Mona Essen mit Stäbchen. Horst sucht ein Chinarestaurant, Silver Dragon, mitten in Chinatown aus. Wir gehen zu Fuß 20 Minuten. Die Ente mit Gemüse ist ausgezeichnet. Mona hantiert geschickt mit ihren Stäbchen und wir tun es ihr gleich. Das hätte dann noch ein richtig gemütlicher Abend im Hotel werden können. Horst hat uns schon an der Bar sitzen sehen, einen Whisky trinkend – wenn ich nicht in der Lobby bemerkt hätte, dass mir schon wieder etwas fehlt. Dieses Mal am rechten Ohrläppchen. Der Federohrring. Das kann doch wirklich nicht wahr sein!
