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Drei Erzählungen über die Bruchstellen des Lebens, das selten so gradlinig verläuft, wie wir uns das wünschen. Das erfahren auch Anne, Ellen und Paul in Geschichten, in denen Überraschendes geschieht, wenn die gewohnte Welt auseinander bricht und die Strategien gewechselt werden müssen. Man im Ungewohnten das Leben neu und anders erfährt, gleich, ob man mit aufsässigen Heizungen, Immobilienmaklern oder Schlaflosigkeit kämpft.
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2014
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AnLin Bourgouignon
3 x leben
Erzählungen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Heizung, die Kälte, Inge und ich
Annes Leben in Zwischenzeiten
Spiritueller Kaffee
Impressum neobooks
Es war ein großes Glück, dass die Heizung grün war. Es war ein sattes, dunkles Grün. Denn ist es nicht so, dass grün die Sinne beruhigt und der Seele Hoffnung gibt? Es war nur der Heizkessel und der seitlich daran angebrachte Brenner, die diese Farbe hatten, der Behälter für das Warmwasser und das Pelletlager, das zwei Tonnen der kleinen Holzpressdinger, die aussahen wie Hasenfutter, fasste, und auch die Förderschnecke, die das Lager mit dem Brenner verband, waren nicht grün. Aber das war nicht entscheidend. Der Heizkessel jedenfalls war es, eine große dunkelgrüne Fläche, und das war gut so. Ich hatte mich in manchen Momenten, wenn ich im Heizungskeller saß und mit einer Flasche Bier in der Hand auf das Grün starrte und mir missmutig eine Zigarette anzündete – sonst rauchte ich nirgends im Haus, aber hier unten hielt ich es ohne zu rauchen einfach nicht aus - ich hatte mich jedenfalls in manchen Momenten gefragt, was wohl passiert wäre, wäre die Heizung rot gewesen. Vermutlich wäre ich dann schon durchgedreht, wäre schreiend auf die Straße gelaufen und hätte immer weiter und weiter geschrien und nicht wieder aufgehört. Ein verführerischer Gedanke.
Aber so, wie es war, war es besser. Besser für die Selbstbeherrschung, besser für mich, besser für meine kleine Tochter, besser für alle. Das Schicksal sorgte für mich, es sorgte so gut für mich, dass ich es immer gerade so schaffte, nicht die Beherrschung zu verlieren, mich nicht in Seelenzuständen zu verlieren, die nicht gut für mich waren. Nein, wenn es mich mit einer defekten Heizung prüfte in einem Haus, das wohl nach Ablauf des Trennungsjahres zum Verkauf angeboten würde, dann sorgte es doch gleichzeitig dafür, dass diese eine beruhigende Farbe hatte. Man musste dankbar sein. Es hätte schlimmer kommen können. Ja, es hätte viel schlimmer kommen können. Ich hätte drei Fehlgeburten haben können statt nur zweier, oder sogar vier oder fünf, ja es sollte Frauen geben, die hatten sechs Fehlgeburten und danach tatsächlich noch ein gesundes Kind! Mein Mann hätte noch schneller weglaufen können, vielleicht schon drei Wochen nach der zweiten Fehlgeburt und nicht erst nach sechs, ja vielleicht sogar schon während der Fehlgeburt, während ich blutend auf der Toilette saß, merkwürdig gefangen in den banalen Notwendigkeiten. Während ich noch mit Binde und blutiger Unterhose beschäftigt war und damit, die Nummer des Vertretungsarztes meiner Frauenärztin aufzuschreiben, die natürlich in Urlaub war, da hätte er schon mit gepackten Koffern in der Tür stehen können und sagen: Tut mir Leid Schatz, ich ertrage den Schmerz nicht mehr. Ich ertrage es nicht, wie sehr du leidest, ich muss mich in die Illusion einer unbelasteten Liebe flüchten. Nicht, dass er das so gesagt hätte. Ja, das Schicksal meinte es gut mit mir, es gab mir immer nur so viel zu tragen, wie ich tragen konnte. Immerhin, ich war gesund und Lilly, unsere kleine süße Tochter, auch, es hätte ja auch sein können … Doch da zuckte ich zusammen. Ich sprang auf und drückte meine Zigarette aus, klammerte mich mit beiden Händen an die Bierflasche. Nein, jetzt hatte ich Angst. Es gab Dinge, die zu denken ich nicht ertragen konnte!
Ich trank schnell ein paar Schlucke Bier und steckte mir eine neue Zigarette an und spürte staunend nach wie das Adrenalin meinen Körper wieder verließ. Das eben war ein Gefühl gewesen, eine Empfindung in dieser großen Leere, die in mir herrschte seit Adam weg war. Ich fühlte nichts, keine Trauer, keine Wut, keine Enttäuschung, keinen Schmerz, schon gar keine Freude. Einfach nichts. Angst also konnte ich empfinden. Interessant. Nun, immerhin. Der schrille Alarmton der Heizung ertönte. Schnell fasste ich nach dem Schalter, stellte die Heizung aus, stellte sie wieder an. Ich zog an meiner Zigarette, trank von meinem Bier. Es war nicht mehr viel in der Flasche und ich brauchte noch einen Schluck, wenn ich fertig geraucht hatte, um das Kratzen im Hals wegzuspülen. Also stellte ich die Flasche beiseite, dann legte ich die Hand auf das grüne Metall. „Geh an“, murmelte ich, „Komm jetzt, geh an.“ Nun musste ich wieder vier Minuten warten. Ich ließ meine Hand am grünen Metall liegen. Es war noch warm. Die Heizung konnte nicht lange aus gewesen sein, bevor ich hinuntergegangen war. Und so verbrachte ich meine Tage im Keller. Es machte mich nicht ungeduldig. War nicht Ungeduld das Gefühl, seine Zeit jetzt gerade mit etwas besserem verbringen zu können? Das aber war nicht der Fall. Es war mir gleichgültig, wo ich war und was ich tat.
Diese absolute Leere war wirklich seltsam – geradezu bizarr. Ich konnte mich an einen großen Liebeskummer erinnern, da war ich Anfang zwanzig. Ich hatte Tage lang geweint, ohne aufhören zu können, getobt, gejammert und geklagt, da war ein unerträglicher Schmerz gewesen, der mein ganzes Sein erfüllt hatte, ein Seelenschmerz, den ich in stundenlangen Telefonaten meinen Freundinnen im Detail mitgeteilt hatte. Wenn ich jetzt zurückblickte, amüsierte es mich, wie ich meinen Kummer zelebriert hatte. Diese endlosen Abende, als ich seine Lieblingsmusik gehört und mich mit Whisky betrunken hatte, Partys oder Abende im Club, wo ich mich von den anderen abgesondert hatte, um gedankenverloren vor mich hin zu starren, oder die tränenreichen Spaziergänge an den Orten der gemeinsamen Liebe. Es hatte Wochen und Monate gedauert bis ich mich einigermaßen erholt hatte. Mein Gott! Dabei war ich mit diesem Freund gerade mal zwei Jahre zusammen gewesen und dachte nun schon lange nicht mehr an ihn. Dieses aber war mein Mann, mit dem ich seit 15 Jahren verheiratet war und lebte, mit dem ich ein Kind gezeugt hatte, ein Haus gebaut, ein gemeinsames Leben geplant bis ins Alter. Wie konnte das sein, dass ich nichts fühlte? Ich konnte mich an einen anderen Freund erinnern, den ich nach einer Beziehung von nur wenigen Wochen mit schmerzvollsten Empfindungen verlassen hatte, gekränkt und irritiert von seinem Desinteresse, das plötzlich an die Stelle seiner leidenschaftlichen Verliebtheit getreten war. Wie theatralisch ich damals war, wie ich ausrief, dass ich, wenn ich jetzt durch diese Tür ginge und seine Wohnung verließe, nicht wiederkommen würde, wie ich, da er mich nicht zurückhielt, gezwungen war tatsächlich durch diese verdammte Tür zu gehen und sie hinter mir zu schließen mit einem Gefühl, dass ich diesen Schmerz niemals verwinden könnte. Tränen waren über meine Wangen geströmt und nur so vom Kinn heruntergetropft, als hätte ich im Regen gestanden. Und dann war ich mit schweren Schritten, ich erinnerte mich noch genau wie beinahe unmöglich es gewesen war, die Füße zu heben, weil sie so schwer am Straßenpflaster klebten, mit so schweren Schritten war ich nach Hause gegangen. Und ich erinnerte mich, wie ich nur einen Häuserblock weit gelaufen war und die Schwere nachgelassen hatte und nach dem zweiten Häuserblock hatten die Tränen aufgehört von mir herunterzutropfen und nach dem dritten Häuserblock hatte ich mich fast schon leicht gefühlt und als ich endlich zu Hause war, war es mir so vorgekommen, als sei kein allzu großes Unglück geschehen. Und damit war dieser einige Minuten lang unerträgliche Liebeskummer ausgestanden. Immerhin hatte er einige Minuten gewährt, für meinen Mann aber konnte ich nichts empfinden!
Vier Minuten würde es dauern, bis die Heizung entweder ansprang oder sich die Prozedur wiederholte, wieder und wieder, bis endlich der Sensor im Inneren des Brenners das Signal aufnahm, dass die Flamme in der Brennertasse nun schon vier Minuten am Stück brannte, die Heizung also an war, das Kontrolllicht auf grün sprang und ich meinen Teil für heute getan hätte, meinen Anteil daran, Wärme in dieses Haus zu bringen. Es war ein kalter Winter. Der Frost hatte ungewöhnlich früh im Herbst eingesetzt und die Temperaturen hielten sich konstant mehrere Grad unter null. Es war kalt und ich wusste nicht, was genau an der Heizung kaputt war. Ich hatte nicht die Energie, dem Problem auf den Grund zu gehen. Es war nur so, dass die Heizung mehrmals am Tag ihren Alarmton von sich gab. Manchmal auch nur einmal am Tag, aber selten, dass ein Tag verging, ohne dass das schrille Pfeifen durchs Haus gehallt wäre. Am Anfang hatte ich im Serviceheft nachgelesen. Das Schrillen des Alarmtones konnte mehrere Ursachen haben. Entweder war der elektrische Fühler verrußt, so dass er das Licht des Feuers im Brenner nicht mehr erfassen konnte und fälschlicherweise meldete, das Feuer sei ausgegangen. Oder die Heizung musste überhaupt gereinigt werden, der Aschekasten entleert und die eisernen Lamellen, die so genannten Wärmetauscher, entstaubt werden.
Meistens aber war die Versorgung mit Pellets gestört und das Feuer ausgegangen, weil einfach kein Nachschub mehr kam. Das Lager war nur noch zu einem Drittel gefüllt und aufgrund einer Fehlkonstruktion, man hatte nämlich aus Zeitmangel darauf verzichtet eine trichterförmige Verengung einzubauen, so dass die kleinen Holzteilchen lässig bis zum letzten Stück unten am Boden durch eine Öffnung auf eine Art Förderband hätten fallen können, aufgrund dieser Fehlkonstruktion also bildete sich jetzt ganz regelmäßig ein Trichter aus Pellets wie man es beispielsweise bei einer Sanduhr beobachten kann. Nur das Sanduhren selbstverständlich nicht als große Quader gebaut werden. Denn dann würde der Sand ja nicht bis zum Ende durchlaufen können, sondern das meiste an den Ecken hängen bleiben. Und genau das passierte bei unserem Lager in immer kürzer werdenden Abständen.
Dann musste ich durch eine sehr kleine Luke steigen, die knapp unterhalb der Decke aus der Pressspannwand herausgesägt worden war, eigentlich nur zu dem Zweck, um einen Blick ins Lager werfen zu können. Das ging folgendermaßen vor sich. Ich stieg auf einen Hocker, umfasste mit ausgestreckten Armen einen Balken, an dem ich mich dann mit einem Klimmzug hochzog, brachte irgendwie meine Füße nach oben und steckte meine angewinkelten Beine durch die Öffnung, dann zog ich meinen Oberkörper nach, um mich dann auf der anderen Seite wieder langsam an den Armen herunterzulassen. Das Ganze erforderte einiges an Beweglichkeit und wäre mir, wenn ich eine andere Figur gehabt hätte als meine schlanken 52 Kilo bei einer Größe von 1,69 Meter kaum möglich gewesen. Dann schaufelte ich von allen Seiten einen möglichst hohen Pelletberg auf und kletterte wieder heraus. In dem Maße, in dem sich das Lager leerte, musste ich mich immer ein bisschen mehr strecken bis ich schließlich hochspringen musste, um von innen wieder an den Balken zu kommen und wieder hinauszuklettern. Anschließend schaltete ich die Heizung wieder an und wartete, ob das Kontrolllämpchen auf grün sprang. Dies alles hatte wenige Tage nach Adams überstürztem Auszug sieben Wochen zuvor angefangen, seit ich allein im Haus war mit dieser Heizung, die er unbedingt hatte haben wollen, die er so sehr hatte haben wollen, dass wir dafür sogar einen Extrakredit aufgenommen hatten und als das Geld trotzdem knapp wurde, hatte er so lange mit den verschiedenen Firmen verhandelt, bis er endlich einen Heizungsbauer gefunden hatte, der ihm eine ausgesprochen spartanische Version anbot, bei der Adam das Pelletlager sogar noch selbst baute. Und nun, als sei der Hexenmeister aus dem Haus und sein Werk ohne ihn außer Kontrolle geraten, funktionierte nichts mehr. Auf extrem unlogische Art war ich im Grunde davon überzeugt, dass diese Probleme niemals aufgetreten wären, wäre er geblieben. Aber das hätte ich niemals zugegeben.
Endlich nach einer Ewigkeit ging auch dieses Mal wieder das grüne Licht an. Ich zog ein letztes Mal an meiner Zigarette und drückte sie dann auf dem Boden aus, warf die Kippe in den Aschekasten, nahm die Flasche und trank den letzten lauwarmen Schluck Bier. Dann lauschte ich noch einen Moment dem beruhigenden hohen Brummton, mit dem die Förderschnecke Pellets zum Brenner transportierte und dem lodernden Zischen, mit dem die Flammen sie verschlangen. Schließlich ging ich hoch. Es war ein kalter Freitagvormittag am letzten Tag im November, ich hatte schon vor dem Mittagessen, das ich wahrscheinlich ausfallen lassen würde, ein Päckchen Zigaretten geraucht, mehrere Tassen Kaffee und eine Flasche Bier getrunken, Lilly war im Kindergarten und ich war allein, allein mit meinen 36 Jahren, meinem entzwei gerissenen Leben, Adams Heizung und dem Pelletstaub auf meiner Kleidung, den ich mir von Hemd und Hose klopfte, bevor ich ins Wohnzimmer ging, um die Leere anzustarren, die sich darin befand.
An Ratschlägen, was ich in meiner Situation tun sollte, gab es keinen Mangel. Es gab da verschiedene Konzepte, wobei man bei näherer Betrachtung nicht bei allen wirklich von einem Rat im eigentlichen Sinne sprechen konnte. Vielmehr waren die meisten etwas, was ich bei mir Seelenpupser nannte, die nur diejenigen, die die Worte aussprachen für einige Zeit erleichterten, alle Last aber bei mir ließen. Meine Mutter beispielsweise wechselte je nach Tagesform zwischen vorwurfsvollem Jammer und der Beschimpfung meines Mannes. So pflegte sie, wenn Lilly gerade mal nicht im Zimmer war, ihre Brille abzunehmen und tief zu seufzen, bevor sie sagte: „Es hätte alles so schön sein können. Glaubst du nicht, dass ihr euch wieder vertragen könnt?“, als seien wir unartige Kinder, die sich über ihre Bauklötze in die Haare geraten waren. Dann wieder forderte sie Erklärungen von mir ein, was ihn um Himmels Willen dazu getrieben hätte, denn das hätten sie nun wirklich niemals von ihm erwartet. Irgendetwas an der zweiten Variante gab mir das Gefühl, als Ehefrau versagt zu haben. Und ab und zu, wenn ich all meine Kraft zusammen nahm, um so etwas wie eine normale Unterhaltung zustande zu bringen, überraschte sie mich mit dem Ausruf: „Dass du so ruhig sein kannst!“ Die aufrichtige Empörung meines Vaters wirkte dagegen geradezu erfrischend, der Schuft, der Haderlump hatte seinen ganzen gerechten Zorn auf sich gezogen. Doch achtete er, wenn er diesem Zorn Luft verschaffen musste, nicht im Geringsten darauf, ob Lilly dabei war oder nicht, so dass ich Mühe hatte, sie mit erfundenen Aufträgen aus dem Zimmer zu bugsieren, bevor er anfing loszupoltern.
