30°C und steigend - K. Günter - E-Book

30°C und steigend E-Book

K. Günter

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Beschreibung

Steve, Anfang zwanzig, ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines US-amerikanischen Vaters. Nach deren Scheidung kehrt sein Vater, ein Offizier der Air Force, in die USA zurück, während seine Mutter einen Immobilienmakler heiratet.Steve ist bisexuell. Als sein Stiefvater ihn mit einem jungen Mann im Bett erwischt, wirft er ihn aus dem Haus. Nach der Begegnung mit dem Club-Besitzer Barney entschließt sich Steve, der sich trotz einer erfolgreich absolvierten Ausbildung mit Teilzeitjobs über Wasser hält, als Callboy zu arbeiten. Nachdem er lange nichts von seinem Vater George Pelker hört, mit dem er vorher in sporadischem Kontakt gestanden hat, fasst er den Plan, in die USA zu fliegen. Sein bester Freund Oskar, der einzige, dem er von seinem lukrativen Nebenjob erzählt hat, zeigt sich skeptisch. Doch Steve ist fest entschlossen. Zu Oskar spricht er von der Möglichkeit eines Neuanfangs. In Fayetteville, North Carolina, der letzten ihm bekannten Adresse seines Vaters, beginnt Steve seine Nachforschungen. Von Colonel Wallace, einem Offizier der Pope Luftwaffenbasis, wird er auf die richtige Spur gebracht. Das Wiedersehen mit seinem Vater wird für Steve zu einem Schock. Seit einem Manöver-Unfall ist George ein Invalide, an den Rollstuhl gefesselt und unfähig, sich irgendeinem Menschen verbal mitzuteilen. Steve beschließt, eine Weile bei seinem Vater und dessen Lebensgefährtin Laura zu bleiben. Zwischen ihm und Kellie, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, das sich von ihm angezogen fühlt, entwickelt sich eine Romanze, die ein jähes Ende findet, nachdem Steve Kellie von seiner Tätigkeit als Callboy erzählt. Es folgt ein weiterer, noch viel härterer Schlag für Steve, der ihn schließlich veranlasst, den Ort zu verlassen. Auf seiner Reise Richtung Nordwesten trifft er im Bus auf Jimmy, einen jungen Studenten, der in Chicago in einer WG lebt. Jimmy bietet Steve an, eine Zeit lang dort unterzukommen. Steve, von Jimmy fasziniert, erkennt auch bald dessen Zuneigung zu ihm, weigert sich jedoch, diese über einen bestimmten Grad hinaus zu erwidern. Doch je länger Steve in der Metropole am Michigan-See bleibt, desto näher gelangt er an den Punkt, eine Entscheidung zu treffen, die sein Leben verändern wird.

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Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Klaus Günther

30° C und steigend

 

 

Himmelstürmer Verlag

 

eBookMedia.biz

Copyright © August 2010 by

Himmelstürmer Verlag

eBook ISBN ePub: 978-3-942441-40-7

Hergestellt mit IGP:FLIP von Infogrid Pacific Pte. Ltd.

   

 

Coverfoto: © http://www.istockphoto.com

Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus.

   

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg.

www.olafwelling.de Printed in Czech Republic, FINIDR

 

Inhalt

TitelseiteCopyrightERSTER TEIL1.11.21.31.4ZWEITER TEIL2.12.22.32.42.52.6DRITTER TEIL3.13.23.33.4VIERTER TEIL4.14.24.34.44.54.6

   

   

    

    

    

ERSTER TEIL

1.1

„Einen fröhlichen Guten Morgen allen Frühaufstehern. Hier ist das Morgenmagazin in Ihrem Lokalradio. Mein Name ist Ilona Sander. Ein weiterer heißer Sommertag steht uns bevor, und irgendwie passt unser nächster Titel zu den Temperaturen. Viktor Laszlo mit ‚Hot & Soul‘.“

Steves Arm griff nach dem Lautstärke-Regler und drehte ihn herunter. Nachdem er mit einem leisen Gähnen aus dem Bett gekrochen war, ging er zum Fenster und zog die Vorhänge zur Seite. Der Schein der aufgehenden Sonne blendete ihn für einen Moment. Er drehte sich um und sah, wie das dunkelhäutige Mädchen in seinem Bett das Laken zur Seite schlug, sich aufsetzte und die Arme reckte.

„Steve. Was ist denn los?“

„Zeit zum Aufstehen. Meine Schicht fängt um acht Uhr an.“

„Heute ist Sonntag.“

„Einige Tankstellen haben auch Sonntags geöffnet.“

Sie fuhr sich mit den Händen durch die kurzen Haare. „Das war eine geile Nacht, Steve.“

Steve zog seine Boxer-Shorts an. „Eine geile Nacht“, bestätigte er teilnahmslos und kramte in einer Schublade seines Kleiderschrankes nach einem T-Shirt. In dem Spiegel an der Wand betrachtete er die Kratzer auf seiner Brust.

„Als ich dich gestern in der Disko gesehen hab‘, da war mir gleich klar, dass ich mir was entgehen lasse, wenn ich nicht mit dir komme.“

„Zieh dich jetzt an.“

„Ich bin noch müde.“

„Ich will kurz duschen und dann gleich los.“

„Wir können zusammen duschen.“

„Nein. Ich will nicht zu spät kommen.“

Von seiner Wohnung bis zur Tankstelle war es nicht weit. Steve ging immer zu Fuß dorthin. Es dauerte nur einige Minuten. Die Tankstelle hatte 24 Stunden jeden Tag in der Woche geöffnet, und die Schichten, die Steve übernahm, wechselten immer mal wieder. Er war froh, den Job bekommen zu haben, obwohl er ihn nicht sonderlich mochte. Eigentlich hatte er eine kaufmännische Ausbildung absolviert, doch die Firma, bei der er in die Lehre ging, hatte ihn trotz seiner guten Ergebnisse bei der Abschlussprüfung nicht übernommen. Die Geschäfte liefen nicht besonders, und Personal war ein hoher Kostenfaktor. Das war vor anderthalb Jahren, und Steve erhielt bis heute auf seine zahlreichen Bewerbungen nur Absagen.

Zu der Zeit kam alles zusammen. Er musste die Firma verlassen, und eine Woche später warf ihn sein Stiefvater aus dem Haus. Er hatte Steve mit einem Freund, den er in der Berufsschule kennen gelernt hatte, zusammen im Bett erwischt. Es war nicht einmal etwas Ernstes. Ein kleines Abenteuer, das sich einfach ergeben hatte. Neun Jahre lebte Steve dort. Zusammen mit seiner Mutter Gloria, seinem Stiefvater Gregor und dessen Tochter Nina.

Danach kroch Steve für kurze Zeit bei einem Bekannten unter, der ihm die Stelle bei der Tankstelle vermittelte. Hin und wieder arbeitete Steve auch als Lagerhelfer. Die Miete für die Wohnung, die er sich später besorgte, hätte er allerdings nur schwer aufbringen können, wenn er nicht noch diesen anderen Job gehabt hätte.

   

Ein Typ in den Vierzigern mit Namen Barney, den Steve in einer Bar kennen gelernt hatte, brachte ihn darauf. Es war einer von diesen ruhelosen Abenden, an denen Steve eine Menge getrunken hatte, was er nicht oft tat. Er kam mit Barney, der den Kummer über eine verlorene Liebschaft in Jack Daniels zu ertränken suchte, ins Gespräch, und nachdem sie sich gegenseitig die Ohren voll gejammert hatten, machte dieser ihm einen Vorschlag.

„Cool! ... Ich find’s cool.“

„Was ist cool?“

„Na, du bist ...“

„Okay, okay, und wenn schon.“

„Ich habe da so eine Idee, Stevie. Ist nur ein Vorschlag. Kannst dir einiges dazuverdienen, aber die Frage ist, ob du bereit bist ... wie soll ich sagen?“

„Mach weiter.“

„Ich bin an einem Laden beteiligt, der gewisse Dienstleistungen anbietet.“

Barney leerte sein Glas und gab dem Kellner einen Wink.

„Geht das vielleicht etwas genauer?“

„Kennst du den Club 7000?“

„Nie davon gehört.“

„Wir helfen Leuten bei der Befriedigung ihrer sexuellen Wünsche.“

„Meinst du etwa, ich soll als Callboy arbeiten?“

Steve schüttelte den Kopf. „Wenn du es so nennen willst. Bei deinem Aussehen und deinen ... nun, sagen wir variablen Neigungen, könntest du ein ganz großer Star bei uns werden. Und es würde sich finanziell für dich lohnen. Außerdem kannst du jederzeit aussteigen.“

Der Kellner brachte Barney Nachschub.

„Ich glaube nicht, dass ich der Richtige dafür bin“, entgegnete Steve.

„Hey, probier’ es einfach aus. Wenn du nicht damit klar kommst, dann vergessen wir es einfach.“

„Wie läuft denn das Ganze ab?“

„Die Leute rufen uns an, schildern uns möglichst genau, was für einen Typ von Partner sie sich vorstellen, und wenn wir uns einig geworden sind, machen wir einen Termin im Club aus. Du wirst telefonisch informiert, wenn du einen Kunden hast. Besitzt du ein Handy?“

„Nein.“

„Dann besorge dir eins. - Manche Kunden wollen sich übrigens auch lieber woanders treffen.“

„Ich weiß nicht, ob ich so etwas kann“, lachte Steve.

„Warum nicht?“

„Das ist doch verrückt! Was tue ich hier eigentlich? Wir kennen uns gar nicht. Was weißt du schon von mir?“

„Na, na, na. Hast einiges ausgeplaudert.“

„Scheiß-Alkohol.“ Steve schob das halb volle Whiskyglas von sich weg. „Ich bin irre. Und du bist irre.“

„Steve, was willst du denn? Sag mir, was du willst.“

„Wer hat denn angefangen? Hast du mich vielleicht angelabert, von wegen, diese Tussi kann mich mal? Nie wieder was Ernstes anfangen.“

„Und hast du mir nicht, hast du mir nicht ... ? Du hast mir doch von deinem ... (Rülps) ... erzählt. Ich war mit nem Typen im Bett. Just for fun. Aber eigentlich stehe ich ja auf Weiber.“

„ Lass mich in Ruhe. Und den Scheiß mit deinem Club kannst du knicken.“

Barney grinste hämisch. „Du brauchst die Kohle. Und ich biete dir eine Chance, an Kohle zu kommen.“

„Und was für eine!“

„Du brauchst nichts zu tun, was du nicht willst, Alter.“

„Geil.“

„Alles eine Frage der Einstellung. Denk mal darüber nach und ruf mich dann an.“

Barney fummelte einen Kugelschreiber aus seinem Sakko und kritzelte eine Telefonnummer auf einen Bierdeckel. Er schob ihn zu Steve herüber.

„Vergiss es, Mann!“

„Trinken wir“, forderte Barney ihn auf und hob sein Glas.

Als Steve weit nach Mitternacht die Stufen zu Saschas Wohnung hochkraxelte, war ihm übel. Nach dem vierten Anlauf gelang es ihm, die Tür aufzuschließen. Er erwischte den Lichtschalter und hangelte sich an der Wand entlang, bis er einen Türgriff spürte. Als er ihn herunterdrückte, stürzte er nach vorn und landete auf dem Teppich. Dann ging das Licht in dem Zimmer an.

„Hey. Was ist los? Wer ist da?“

Steve kauerte keuchend auf dem Boden und hielt sich den Magen.

„Steve! Bist du irre?“

„Ich ... ich nicht, aber dieser Typ ... Barney oder so.“

„Mann, kotz mir bloß nicht die Bude voll.“

Sascha stieg aus dem Bett und packte Steve unter den Schultern. Dann zog er ihn ins Badezimmer, wo Steve sich übergab, bevor Sascha den Deckel der Toilette öffnen konnte.

„Scheiße! - Scheiße. Scheiße, Scheiße.“

Steve lag an der Wand und atmete schwer.

„Du verdammter Idiot. Wenn du dich schon vollaufen lässt, dann verwüste anschließend nicht meine Bude.“

„Tut ... mir leid.“

Sascha griff nach einem Aufnehmer und bemühte sich, den Dreck zu beseitigen. „Dafür hast du jetzt eine Woche Haushaltsdienst, du Penner. Wie spät ist es eigentlich?“

„Weiß nicht.“

Sascha riss das Fenster auf.

„Hey, dass du mit deinen Alten Probleme hast, ist Scheiße. Dass du keinen besseren Job findest, ist Scheiße. Aber saufen und mir anschließend die Wohnung vollkotzen ...“

„Ist Scheiße!“

„Du hast es erfasst.“

„Ich habe dir nie erzählt, warum der Alte mich wirklich rausgeworfen hat. Das war mehr ... als nur die übliche Zankerei.“

„Wird wohl. Sonst hätte er es nicht getan.“

„Ich habe dir das nie erzählt.“

„Ach, erzähl es mir oder lass es sein. Du hast ne Bude gebraucht und ich hatte Platz.“

„Ich hätte ja Oskar gefragt, aber seine Eltern wären ... zu neugierig geworden.“

„Schon gut.“

„Man ... hat mir einen Job angeboten.“

„Wann? Wo?“

Steve grinste, kam langsam auf die Beine und setzte sich auf den Rand der Badewanne.

„Hey, pass auf. Tritt nicht auch noch in die Brühe. Ich bin noch nicht fertig.“

„Das glaubst du sowieso nicht.“

„Du redest heute einen Kram zusammen. Ich schlage vor, du haust dich jetzt hin, und wir reden morgen weiter. Und vergiss nicht, eine Woche Haushaltsdienst. Wenn ich morgen Abend nach Hause komme, steht kein Teller im Spülbecken, der Fußboden ist gesaugt und die Fenster geputzt. Klar?“

„Klar.“

„Gute Nacht!“

„Ebenso.“

   

Nachdem Steve das Mädchen fortgeschickt hatte, machte er sich auf den Weg zur Tankstelle.

Es war ein ruhiger Sonntagvormittag. Steve saß hinter der Theke und blätterte von Zeit zu Zeit in einer Illustrierten. Die Klimaanlage sorgte für eine angenehme Temperatur in dem Verkaufsraum. Steve steckte sich ein Kaugummi in den Mund. In einigen Wochen war sein zweiundzwanzigster Geburtstag. Das Foto eines Tornado Kampfjets auf einer Werbeanzeige der Bundeswehr lenkte seine Gedanken in eine andere Zeit.

Steve war neun Jahre alt, als sein Vater, ein in Deutschland stationierter amerikanischer Air Force-Lieutenant, seine Mutter und ihn verließ. Schon eine Weile kriselte es in der Beziehung, und nachdem George Pelker eine Affäre mit einer anderen Frau begann, kam es zur Trennung. Steve und seine Mutter zogen zu ihrem Bruder, und der machte Gloria mit Gregor Borgmann, einem Immobilienmakler, bekannt. Er war ebenfalls geschieden und lebte zusammen mit seiner Tochter Nina. Nach kurzer Zeit heiratete Steves Mutter Gregor und zog mit ihrem Sohn in das komfortable Stadthaus, in dem Steve die nächsten Jahre verbringen sollte.

Zu Anfang waren es eine nicht korrekt gefaltete Hose, eine Baseballkappe, die Steve gerne trug oder eine durchschnittliche Note in einer Klassenarbeit, die seinem Stiefvater missfielen. Später passten ihm Steves Freunde nicht. Unreife Halbidioten aus dem Dschungel! Es passte ihm nicht, dass sich Steve gelegentlich Gel ins Haar schmierte und seine Schultern tätowieren ließ. Es passte ihm nicht, dass er ärmellose T-Shirts trug. Dass Steve mit einem Jungen ins Bett ging, passte ihm ganz und gar nicht.

Der alte Vanderbildt betrat den Laden und holte sich seine BILD AM SONNTAG.

„Hallo, Steve! Alles klar?“

„Alles bestens. Und wie geht’s Ihnen?“

„Der Rücken macht mir manchmal zu schaffen. Und der Lärm der Bauarbeiter in unserer Straße geht mir ordentlich auf die Nerven.“

„Tut mir Leid.“

„In letzter Zeit wird mir immer häufiger klar, wie sehr ich das Leben in der Großstadt doch hasse. Auf unserem alten Bauernhof hat es mir besser gefallen.“

„Die Großstadt ist nichts für jedermann.“

„Na, dann bis bald, Steve.“

„Schönen Tag noch, Herr Vanderbildt.“

Damals hatten Steve und seine Eltern auch auf dem Land gewohnt. In Zeiten, die lange hinter ihm lagen. Nach der Scheidung seiner Eltern traf Steve seinen Vater gelegentlich noch. An Wochenenden oder Feiertagen. Aber dann kehrte George Pelker in die Vereinigten Staaten zurück. Anfangs hatten sie sich gegenseitig geschrieben. Inzwischen taten sie das nicht mehr. Aus irgendeinem Grund, den Steve nicht kannte, erreichte ihn keine Post mehr von seinem Vater. Und die gelegentlichen Anrufe aus Amerika blieben auch aus.

   

Steve blickte aus dem Fenster und bemerkte Barneys Porsche, der vor einer der Tanksäulen hielt. Barney winkte zu ihm herüber und kam wenig später zu ihm an die Verkaufstheke.

„Hi, Stevie! Bitte Säule 1. Und eine Schachtel Marlboro. Wie geht’s dir denn so?“

„Kein Grund zur Klage.“

„Hör mal. Ich habe heute Abend einen Kunden für dich. Ein japanischer Geschäftsmann, der etwas Abwechslung sucht. Nannte sich Fushida.“

„Ist okay.“

„Du triffst ihn um neun in einer Privatwohnung in der City. Die Bude gehört wohl einem Freund von ihm, der aber nicht in der Stadt ist und ihm die Wohnung überlassen hat. Ich habe dir die Adresse hier aufgeschrieben. Noble Gegend.“

Er reichte ihm den Zettel.

„Alles klar.“

Barney zwinkerte ihm zu.

„Stevie, du bist der Champ!“

„Wie wäre es denn dann, wenn du mir ein größeres Stück vom Jackpot abgeben würdest, Barney?“

„Darüber können wir reden. Aber ein andermal. Ich muss jetzt los. Bin zum Mittagessen verabredet. Also bis dann, Stevie. Mann ist das heute wieder eine Hitze.“

1.2

An dem Tag nachdem Steve Barney zum ersten Mal begegnet war, ging ihm ständig dessen Angebot durch den Kopf. Beim Aufräumen von Saschas Wohnung stieß er auf den Bierdeckel mit der Telefonnummer, den er sich ohne ernsthafte Absichten eingesteckt hatte. Er betrachtete die Ziffern, die Barney quer über den Karton gekritzelt hatte. Lächerlich, dachte er sich. Er schleuderte den Bierdeckel beiseite. Dann schaltete er den Staubsauger ein. Nachdem er die Wohnung auf Hochglanz gebracht hatte, ließ er sich in die Kissen des Sofas fallen.

Er war froh, dass er bei Sascha unterkommen konnte. Sascha war Ende zwanzig und arbeitete in der Einkaufs-Abteilung einer Kaufhaus-Kette. Sie kannten sich aus dem Boxverein, bei dem Steve eine Zeit lang trainiert hatte. Zwar zahlte Steve keine Miete, beteiligte sich aber an den Haushaltskosten. Viel Geld hatte er nicht zur Verfügung; ein wenig hatte er gespart, und der Tankstellen-Job brachte ihm ein paar Scheine ein. Alles in allem zu wenig, um sich größere Ausgaben leisten zu können, zum Beispiel für eine eigene Wohnung.

Steve stellte keine großen Ansprüche. Ein kleines Apartment hätte ihm schon genügt. Eine Tussi beim Arbeitsamt hatte ihm auch nicht gerade viel Hoffnung auf eine Stelle gemacht, die seiner Ausbildung entsprochen hätte. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei schwierig, hatte sie ihm erklärt. Seien Sie kreativ hatte sie ihm gesagt. Seien Sie flexibel hatte sie ihm gesagt.

Er holte sich eine Tüte Orangensaft aus dem Kühlschrank. Die Abbildungen auf der Verpackung erinnerten ihn an die Brüste eines Mädchens aus seiner früheren Schule, mit der er nach einer Party herumgevögelt hatte. Patty. Er wusste es noch genau; hatte die Bilder vor sich. Hübsches Gesicht und ziemlich viele Kilos. Es war ein heißer Sommertag, und hinter dem Gartenhäuschen waren sie übereinander hergefallen. Steve erinnerte sich auch noch, dass sie für seinen Geschmack viel zu schnell kam.

Sex war für Steve Fun. Ausschließlich und nichts anderes. So dachte er. Es machte ihm Spaß. Jungs, Mädchen, es spielte keine Rolle.

Seien Sie flexibel. Steve raufte sich die Haare. Seien sie kreativ. Nachdem er sich eine Zigarette gegriffen hatte, entzündete er sie hastig. Du musst nichts tun, was du nicht willst. Er nahm einen tiefen Zug, sog den Rauch in seine Lunge, stand auf und trat ans Fenster. Du brauchst die Kohle. Sein Gesicht spiegelte sich in der Scheibe.

   

Der Club 7000 befand sich in einem modernen zweistöckigen Gebäude, welches in früheren Jahren einen Billard-Salon beherbergt hatte. Die Wände im Foyer waren himmelblau angestrichen. Schwarze Ledersessel und Sofas bildeten kleine Sitzgruppen. In die Decke eingelassene Halogen-Lampen erzeugten vielseitige Lichtmuster.

Barney wartete an der Bar auf Steve.

„Setz dich. Was willst du trinken?“

„Ein Wasser.“

Barney schmunzelte. „Nun, das meiste weißt du ja schon.“

Steve nickte.

„Ein paar Dinge noch. Jeder, der für mich arbeitet, lässt in regelmäßigen Abständen einen HIV-Test machen. Und beim Verkehr mit Kunden gilt Gummipflicht. Für beide Seiten.“

„Okay.“

   

Als er am Abend in die Wohnung zurückkehrte, saß Sascha im Wohnzimmer und löffelte in einem Joghurt-Becher.

„Ich bin begeistert. Alles sauber.“

„Was hast du erwartet?“

„Nichts anderes.“

Steve lehnte sich gegen die Wand. „Und?“

„Und was?“

„Du wolltest mir doch noch irgendetwas erzählen. Job-Angebot.“

„Hat sich erledigt.“

„Oh, tut mir leid. Worum ging es denn?“

„Vergiss es einfach.“

„Okay. - Ich habe nachher Training. Schade, dass du nicht mehr dabei bist. Du warst ein echter Champ.“

Steve fasste sich ans Knie. „Ja, ist blöd.“

„Was machen denn sonst die Bewerbungen? Schon irgendetwas gehört?“

„Nur das übliche.“

„Wird sich schon noch irgendetwas ergeben. Musst nur Geduld haben.“

„Vermutlich.“

„Ich muss los. Bis später, Steve.“

„Viel Erfolg im Ring.“

   

Hin und wieder rief Steves Mutter bei ihm an und erkundigte sich, wie es ihm ging, was er so triebe. Sie hatte ihm erklärt, dass er, wenn es nach ihr ginge, wieder zurückkommen könnte. Doch wann ging es schon nach ihr? Bei ihrem Mann hatte sie nicht viel zu melden, und Gregor hatte seine Einstellung allzu deutlich gemacht. Manchmal versuchte sie, ihm ein paar Scheine in die Hand zu drücken. Er wollte das nicht. Jedes Mal, wenn Steve ablehnte, kam es zu einer langen Diskussion. Was er sich wirklich von ihr gewünscht hätte, konnte oder wollte sie ihm nicht geben. So endeten ihre Treffen oft unerfreulich.

Häufiger als mit seiner Mutter traf sich Steve mit seiner Stiefschwester Nina. Sie war vier Jahre jünger als Steve, hatte dunkle Augen und eine zierliche Figur. Als sie fünfzehn wurde, hatte sie sich ihre dunkelbraunen Haare fast vollständig abrasieren lassen, was bei ihrem Vater einen Tobsuchtsanfall auslöste. Sie erinnerte Steve damals an eine weibliche US-Marine. Es gab eine Menge Dinge, die sie Steve anvertraute. Kleine Geheimnisse, von denen ihr Vater nichts erfahren sollte, und die sie allenfalls noch mit ihrer besten Freundin besprach. Zum Beispiel ihre Übelkeit, nachdem sie auf einer Party einen Joint geraucht hatte. Von seinem lukrativen Nebenjob hatte Steve ihr allerdings nichts gesagt. Manchmal erzählte Nina Steve, dass sie ihn vermisste. Er vermisste sie auch.

   

Am Abend fuhr Steve mit einem Taxi zu der Adresse, die Barney ihm aufgeschrieben hatte. Die Wohnung befand sich im sechsten Stock. Im Aufzug betrachtete Steve sich im Spiegel. Er trug eine schwarze Hose und ein weißes Seidenhemd. Dazu dunkle Lederschuhe. Sein schwarzes Haar hatte er gegelt und nach hinten gekämmt. Vor der Tür drückte er den Klingelknopf, und nach kurzer Zeit öffnete ihm ein junger Japaner in einem Bademantel.

„Guten Abend. Herr Fushida?“

„Ja.“

„Ich bin Steve.“

„Schön, dich zu sehen. Komm rein.“

Der Mann sprach beinahe ohne Akzent. Er führte Steve ins Wohnzimmer. Der Eigentümer dieser Wohnung, so dachte Steve, konnte kein armer Mann sein.

„Willst du etwas trinken? Whisky, Gin-Tonic, Wodka?“

„Nur ein Glas Wasser, bitte.“

„Wasser! Warum nicht?“

Er füllte ein Glas und schenkte sich selbst einen Sherry ein.

„Du siehst sehr gut aus. Wie alt bist du?“

„Fast zweiundzwanzig.“

„Siehst jünger aus. Cheers.“

„Sind Sie damit einverstanden, dass wir das Finanzielle gleich regeln?“

„Sicher.“

Der Japaner griff nach einem Umschlag, der auf dem Tisch lag, und reichte ihn Steve, der den Inhalt überprüfte.

„Vielen Dank.“

Der Mann leerte sein Glas in einem Zug und stellte es auf einer gläsernen Vitrine ab.

„Bist du rasiert?“

„Ja.“

„Gut.“

Steve blickte sich in der Wohnung um.

„Ich glaube, man hat mir nicht zu viel versprochen. Willst du nicht das Glas abstellen und dich ausziehen? Ich möchte herausfinden, was du zu bieten hast.“

Steve hatte eine Menge zu bieten. Davon konnte sich Fushida in der nächsten Stunde überzeugen.

Nachdem Steve sich im Badezimmer frisch gemacht und wieder angezogen hatte, fuhr er mit einem Taxi zurück zu seiner Wohnung.

   

Am nächsten Tag musste Steve nicht zur Tankstelle. Er nutzte die freie Zeit, um shoppen zu gehen und sich nachmittags mit seinem Kumpel Oskar in einem Café zu treffen. Oskar gehörte zu den Wenigen, mit denen Steve über alles redete. Besser gesagt, er war der Einzige. Sie hatten sich in der Schule kennen gelernt, nachdem Oskar mit seinen Eltern aus Österreich in die Stadt gezogen war. Sein Vater arbeitete für ein international tätiges Unternehmen in der Entwicklungsabteilung.

Seinen Vornamen konnte er nicht leiden. Er hatte ihn bekommen, weil seine Mutter eine Verehrerin des berühmten Schauspielers Oskar Werner war, den sie in jungen Jahren auf verschiedenen Bühnen gesehen hatte.

„Hi, Steve Pelker! Schmeiss dich in den Stuhl und genieße die Hitze des Tages.“