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Nach einem missglückten Drogendeal und Verrat durch einen V-Mann muss D.K. für mehr als fünf Jahre ins Gefängnis. Wie es soweit kommen konnte und was ihn im Knast und während der Haft an wirklichen Verbrechen erst noch erwartet, das erzählt dieser Tatsachen-Roman.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Don Kitty
350 Gramm
Ein Tatsachen-Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
I. Juli 2004
II. Holland 1991
III. Der Kreditkartenbetrug
IV. 1994 – Trunkenheit im Straßenverkehr
V. Die Bar
VI. Das Dominastudio
VII. Die Luxemburger – 1994
VIII. Bude teilen mit einem Freund
IX. Hooligans
X. Auswärtsspiel
XI. Gutscheine
XII. Speed
XIII. Pilze und andere Köstlichkeiten
XIV. Kokain
XV. Dealen
XVI. Ohne Bullen
XVII. Des Führers Geburtstag
XVIII. TableDance
XIX. Der V-Mann
XX. Der Besuch meines Verteidigers
XXI. Die Gerichtsverhandlung
XXII. Knast
XXIII. Mein Alltag im Strafvollzug
XXIV. Der Gefängnisarzt
XXV. Postkontrollen und Fernsehinterviews
XXVI. Der kleine Farbige
XXVII. Sport und Zellenkontrollen
XXVIII. Verhältnismässigkeiten
XIX. Machs gut mein Freund
XXX. So schnell wie möglich in den offenen Vollzug
XXXI. Der offene Vollzug
XXXII. Arbeiten im offenen Vollzug
XXXIII. Endlich in Freiheit
XXXIV. Polizeikontrollen während und nach der Haft
XXXV. Mein Resümee
Impressum neobooks
Ich sehe aus dem Fenster auf Häuserdächer, die außerhalb der Gefängnismauern stehen. Die Vögel im Hof fressen gerade das Brot, das einige Gefangene aus dem Fenster geworfen haben. Ich kann keinen richtigen Gedanken fassen, obwohl ich schon fünf Monate hier bin. Vielleicht liegt es daran, dass ich erst vor acht Tagen endgültig zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden bin, obwohl ich mit viel weniger gerechnet hatte. Natürlich hat mein Anwalt sofort Revision eingelegt – es ist allerdings ungewiss, ob die durchgeht. Und wenn, dann ist fraglich, ob es überhaupt etwas bringt. Aber der Versuch ist es wert. Der berühmte Strohhalm, an den man sich klammert.
Der erste Tag war schlimm. Mir war noch kotzübel. Die letzten zwei Tage vor der Verhaftung hatte ich durchgefeiert, gerade mal drei Stunden gepennt und dann wurde ich noch zu allem Überfluss bei einem Deal verhaftet.
Die erste Nacht durfte ich in der Ausnüchterungszelle der Polizeiwache verbringen. Gefolgt von dem ganzen erkennungsdienstlichen Mist, den sie jedes Mal, wenn sie dich verhaften, wiederholen. Fingerabdrücke, biometrische Daten und Fotos. Obwohl es schweinekalt war, konnte ich die erste Nacht in der Zelle verhältnismäßig gut schlafen – schließlich hatte ich bereits ein oder zwei schlaflose Nächte hinter mir.
Am Morgen kamen zwei Beamte vom K13, um mich abzuholen. Mit dem Namen K13 konnte ich erst nichts anfangen, aber ich erfuhr schnell, dass sie für Organisiertes Verbrechen zuständig sind. Mein Anwalt war bereits benachrichtig und traf pünktlich zum Haftprüfungstermin ein. Der zuständige Richter war ein desinteressierter dicker Sack. Die Staatsanwältin hingegen eine hübsche Frau. Was für ein beschissener Job für so ein heißes Gerät“, dachte ich. Der sofortige Vollzug der Untersuchungshaft war schnell entschieden. Nichts anderes hatte ich erwartet. Wir waren bei dem Deal zu dritt und wurden auf verschiedene Knäste verteilt. Trennung nennt sich das – soll Absprachen verhindern. Der Dritte im Bunde durfte sogar nach Hause, weil er eine feste Arbeit hatte und somit keine Fluchtgefahr bestand.
Die Herren vom K13 fuhren mich in ein Gefängnis, das außerhalb der Stadt lag. Auf der Fahrt erklärten sie mir, dass sie es eigentlich gar nicht auf mich abgesehen hatten, ich ihnen aber leider in den Weg gekommen sei. Mein Pech!
Obwohl ich schon am Tag zuvor erklärt hatte, keine Aussage machen zu wollen, versuchte mich einer der beiden mit kleinen Einschüchterungen und offenen Drohungen zu beeindrucken. Erfolglos. Ich blieb stumm wie ein Fisch. Kurz vor der Ankunft starteten die Herren ihren letzten Versuch, mich zu einer Aussage zu bewegen. Die Drohungen wurden plumper: „Ich hoffe, du weißt, dass andere Gefangene Typen wie dich festhalten und dann in den Arsch ficken!“ „Kommt immer darauf an, wer hinten steht“, war meine Antwort kurz bevor wir den Knast erreichten.
Dort angekommen wurde ich – nach gründlicher Durchsuchung – neu eingekleidet. Seine Privatsachen darf man nicht behalten. Sie werden bei der „Habe“ für dich aufbewahrt. Ich bekam anstaltseigene Trainingsanzüge, Arbeitsklamotten, Turn- und Normalschuhe, Bettwäsche und eine Menge mehr. Alles in besonderer Knastqualität – mit Rissen und Löchern. Alles kam in eine große Kiste und wurde mit Besteck, Zahnbürste, Seife, Rasierzeug und einem Kamm komplettiert.
Dann holte mich der Stationsbeamte ab und erklärte mir, dass ich wegen Überbelegung in eine Gemeinschaftszelle müsse. Er erkannte wohl meinen fragenden Blick und schob nach, ich brauche keine Angst zu haben, ich würde mir den Haftraum mit einem Deutschen teilen. Haftraum ist die vornehme Umschreibung für Zelle. Anscheinend hatte man schon in meiner Strafakte geschmökert und erfahren, dass ich eine Vorstrafe wegen „Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ hatte. Hört sich schlimmer an, als es in Wirklichkeit ist.
Meine Zelle befand sich im dritten Stock. Dort nahm mich ein schmaler, blasser Typ in Empfang – er machte einen freundlichen Eindruck, was mir die Situation zunächst wirklich erleichterte. Mit einem Querkopf hätte ich in dem Moment sicher viel Spaß gehabt. Der Typ war ein Ossi aus der Nähe von Dresden und saß wegen Menschenhandels, Förderung der Prostitution und Betrug. Vier Jahre hatte er noch vor sich, viereinhalb bereits hinter sich. Wir stellten uns vor und er wies mich ein. Zu meinem Glück kannte er sich sehr gut aus, was Paragrafen und Regeln betraf. Mich störte nur seine Unnahbarkeit und dass er ein Weichei zu sein schien.
Am dritten Tag musste ich zum Anstaltsarzt zur Zugangsuntersuchung. Ich machte von Beginn an kein Geheimnis daraus, dass der Alkohol in den letzten zwei Jahren mein bester Kumpel gewesen war und ich außerdem mit einigen Naturprodukten und Chemikalien experimentiert hatte: gelegentlich Speed, Ecstasy, Kokain, LSD, Kristalle und Pilze. Das führte zu starken Depressionen, wogegen der Arzt mir sofort doxipinhaltige Antidepressiva verschrieb. Drogen gegen Drogen. Auf jeden Fall haben mich die Dinger ordentlich weggeknallt.
Als ich auf meine Zelle zurückkam erwischte ich den Ossi-Arsch, wie er in meinen Papieren rumschnüffelte. Nach zehn Sekunden Blickkontakt, musste ich ihn zunächst ordentlich würgen und machte ihm dabei klar, dass er mich auch einfach fragen könne, falls er unbedingt etwas wissen wolle. Nachdem ich ihn wieder losgelassen hatte, wusste ich, dass ich mir den nötigen Respekt verschafft hatte. Nach ein paar Tagen war das Thema gegessen und wir vertrugen uns wieder.
Als nächstes stand duschen auf dem Programm. Sammeldusche. Während einige Gefangene duschten, mussten wir warten. Dank meiner neuen medikamentösen Behandlung waren meine Gedanken immer noch vollkommen wirr. Ich schaute einem meiner Leidensgenossen direkt ins Gesicht und merkte erst überhaupt nicht, dass es Jörg war. Ein Freund aus meiner Heimatstadt. Er sah mich genauso erstaunt an wie ich ihn. Dann das Übliche: Warum bist du hier, wie lange hast du?
Plötzlich eine Parole von irgendwo hinter uns: „Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da!“ Ich drehte mich um und erkannte das nächste Gesicht. Ulf, ein Sauf- und Stadionkumpel. Langweilig würde mein Aufenthalt hier nicht, soviel war schon mal klar. Es war aber schon ein merkwürdiger Zufall, dass ich Ulf mal wieder im Knast traf. Vor langer Zeit war ich schon einmal fünf Tage im Knast und der Erste, den ich damals traf, war auch Ulf. Jetzt saß er wegen verschiedener Delikte und erzählte mir, dass zurzeit noch mehr bekannte Gesichter hier einsaßen.
Seltsam, bevor Ulf in den Bau ging, gab ich ihm noch meine Telefonnummer – falls er Geld oder sonst was brauchen würde. Da ahnte ich noch nicht, dass er den Knast wahrscheinlich vor mir verlassen würde. Später traf ich noch Olla, der über zehn Jahre kassiert hatte, und Micha mit vier Jahren im Gepäck.
An Micha konnte ich mich zwar erinnern, aber ihn nicht richtig einordnen. Aber egal – mit ihm hatte es noch keinen Stress gegeben, soviel wusste ich auf jeden Fall. Und das genügte.
In der ersten Woche bin ich nicht auf den Spazierhof gegangen. Während der Woche hat man zweimal am Tag eine Stunde Hofgang. Morgens um 9 Uhr und mittags um 13 Uhr. Aber die ersten Tage war ich so platt von den Tabletten, dass ich, selbst wenn ich gewollt hätte, nicht aus dem Bett kam.
Es dauerte nicht lange und ich war bestens informiert, wie ich wo und bei wem zu welchen Drogen kommen konnte. Im Grunde gab es alles, was es draußen auch gab – nur die Preise waren absolut utopisch. Ein großer Vorteil war es, wenn man außer Deutsch noch ein paar andere gängige Sprachen beherrschte – der Ausländeranteil im Knast lag damals bei etwa 40 Prozent und das Drogengeschäft hier war fest in russischer Hand.
Weitaus interessanter war die heimliche Schnapsbrennerei. Im Grunde ganz simpel: zehn Löffel Zucker, eine Plastikflasche mit Orangensaft und ein Stück Hefe aus der Gefängnisbäckerei. Fertig ist der Alkohol. Alles, worauf man achten muss ist, die Flasche nicht ganz zu füllen und sie etwa 14 Tage lang regelmäßig zu entlüften – wegen der Gärung. Nach zwei Wochen hat man ein Gebräu, das ähnlich schmeckt wie Chriss Schaumwein, leider nur in rauen Mengen besoffen macht und dann gleichzeitig für einen ordentlichen Dünnpfiff sorgt.
Nach etwa einer Woche wurde mein Zellenkollege in den offenen Vollzug verlegt, was mich ziemlich verwunderte, denn er war erst vor einigen Wochen mit einem Handy erwischt worden, das er in seiner Elektroschreibmaschine versteckt hatte. Außerdem waren solch zügige Verlegungen in den offenen Vollzug sowieso eher selten. Außerdem kamen mir seine ständigen Fragen schon von Beginn an sehr komisch vor. Wie dem auch sei – Hauptsache er war weg und ich hatte die Zelle für mich alleine. Ich konnte endlich machen was ich wollte, hatte mehr Platz, konnte das Fernsehprogramm bestimmen und vor allem: Ich konnte mir einen runterholen wann immer ich wollte.
Allerdings hatte das Alleinsein schon bald ein Ende, als Pit mich bequatschte, sich auf meine Zelle verlegen zu lassen. In der folgenden Zeit teilten wir fast vier Monate lang die Zelle. Keinen Tag zu lange, denn viel länger hätte ich es mit ihm wirklich nicht ausgehalten. Pit ist wirklich ein netter Kerl, aber tief in mir steckt ein Spießer und schon bald steigerte ich mich Tag für Tag in tausend Kleinigkeiten rein, die mir an ihm so richtig auf den Sack gingen. Gott und wem auch immer sei Dank, dass er bald Arbeit bekam und damit auch eine Einzelzelle.
Was mir mit der Zeit außerdem mehr und mehr auf die Nerven ging – neben dem endlosen Gelaber wirklich dummer Mitgefangener –, waren diverse Schließer. Also Justizvollzugsbeamte. Zwar waren die in meiner Abteilung größtenteils irgendwie in Ordnung, aber im Knast wimmelt es grundsätzlich von nervigen Beamten.
Das sind zum einen die Spitzel. Die machen auf Kumpel – nur, um dich auszuhorchen. Diese Sorte Beamte steht ständig hinter irgendwelchen Zellentüren und belauscht die Gespräche der Gefangenen.
Auch sehr beliebt: die Schließer, die die Gefangenen gegeneinander ausspielen. Ein beliebtes Hobby, der Staatsdiener in Grün. Außerdem gibt’s die Beamten, die in ihrer Freizeit gerne mal „Ausländer raus“ oder Schlimmeres rufen, die die Justizvollzugsanstalt mit einem Zuchthaus verwechseln und am liebsten die Todesstrafe wiedereinführen würden. Den Leck-mich-am-Arsch-Beamten erkennt man an seiner permanenten Geistesabwesenheit und dann sind da noch die Brutalos. Die bevorzugen die Nachtschicht und treffen sich hier mit Gleichgesinnten. Dann heißt es: kurz rein in die Zelle, ordentlich auf’s Maul und wieder raus. Merkt keiner und ist für die Beamten auch vollkommen ungefährlich: Einer nimmt das Opfer in den Nelson (Polizeigriff), der andere teilt kräftig aus. Die Typen stehen zu Hause bei Muttern bestimmt ordentlich unterm Pantoffel und brauchen ein Ventil. Du kannst von Glück sagen, wenn sie nicht an deiner Zellentür rütteln.
Schließer mit Komplexen erkennt man meist schon an der Körpergröße: zu klein geraten und die fehlenden Zentimeter versuchen sie durch Lautstärke wettzumachen. Der geistig einfach gestrickte Beamte ist meist wortkarg und nicht sehr diskussionsfreudig. Wenn ihm die Argumente ausgehen, schließt er dich einfach in deiner Zelle ein. Ende.
Die nächsten im Bunde sind die Wichtigtuer. Wie der Name schon sagt, tun sie nur wichtig, sind es aber ganz und gar nicht. Genauso wenig wie sie beliebt sind.
Der absolute Bringer sind weibliche Justizvollzugsbedienstete. Mich würde ja wirklich brennend interessieren, wer auf die glorreiche Idee kam, Frauen als Schließerinnen im Männerknast einzusetzen. Angeblich sollen sie eine beruhigende Wirkung haben. Aber ohne den Frauen zu nahetreten zu wollen: Im Männerknast haben sie nichts zu suchen. Wirklich nicht. Alles voller akut untervögelter Männer und mittendrin Schließerinnen in hautengen Hosen. Irgendwann war jeder so weit, dass er auch zu einer Schließerin nicht Nein sagen würde. Und Olla sagte einmal auf einer unserer Runden auf dem Hof: „Nach zwei Jahren hier gefallen mir schon langsam die Schließer.“
Und auch bei den Damen in Grün gibt es ganz unterschiedliche Charaktere: Zum Beispiel das Miststück. Die tritt quasi gleichzeitig mit dem Klopfen in die Zelle ein und lässt dir keine Zeit, dich anzuziehen. Alles für einen Blick auf einen nackten Männerarsch. Außerdem: die Domina. Ihr gefällt es sichtlich, den eingesperrten bösen Buben Befehle zu erteilen. Und dann ist da noch die Perverse. Macht auf unnahbar und unantastbar, aber in ihren Augen siehst du, wie sie sich vorstellt, von zehn durchtrainierten eiskalten Verbrechern durchgenudelt zu werden.
Aber ganz ehrlich: Es gibt auch Beamte, die wirklich in Ordnung sind. Die machen ihren Job ohne jeden Hintergedanken und ganz fair. Freunde werden wir aber trotzdem niemals. Wahrscheinlich liegt das an der Uniform – ich habe im Laufe der Jahre eine Art Allergie gegen alles entwickelt, was grün und uniformiert ist.
Ich denke nicht, dass sich der normale Beamte vorstellen kann, was passieren könnte, wenn ein paar Gefangene, die gut drauf sind, eine Brutaloparty steigen lassen würden. Gewalt ist zwar allgegenwärtig – sie bricht jedoch weitaus seltener aus, als manche es vermuten würden. Denn schon eine kleine Schlägerei kann bis zu einem halben Jahr Nachschlag bringen. Darauf können die meisten sehr gut verzichten.
In meinem Knast gab es Verbrecher jeder Art. Betrüger, Diebe aller Couleur, Dealer, Bank- und Posträuber, Geiselnehmer, Geldfälscher, notorische Schläger, Waffenhändler, Erpresser, Mörder, Menschenhändler, Zuhälter, Einbrecher, Ausbrecher, Extreme von links wie rechts, Bombenleger, Chefs und Soldaten krimineller Vereinigungen, Vergewaltiger und gefährliche Trinker. Einfach alles.
Aber das Erbärmlichste, Wertloseste und mit Abstand am meisten Gehasste sind und waren die Pädophilen, die Kinderficker. Im Knast kurz Kifis genannt. Lebender Abschaum.
Einmal – nur ein paar Wochen nach meiner Ankunft – betrat ich den Duschraum und war mit den Gedanken eigentlich ganz woanders. Als ich mich auszog, bemerkte ich auf einmal einen der Kifis und erstarrte für einen Moment. Starrte ihn an. Ich stellte mir vor, wie ich auf ihn zugehe, ihm einen gewaltigen Headbutt auf die Nase verpasse und ihn dann an den Ohren mit seinem Gesicht volles Rohr gegen mein Knie ziehe. Ich höre knirschend die Zähne brechen. Sein Blut vermischt sich mit dem Wasser und dem Schaum auf den Duschkacheln und er klatscht wie ein nasser Sack auf den Boden. An den Haaren ziehe ich ihn zur Kante am Einstieg des Duschraums und platziere seine zermatschte Fresse auf den Kacheln. Dann trete ich ihm mit aller Wucht ins Genick. Seine Kieferknochen bersten und die restlichen Zähne verteilen sich in der Dusche. Von hinten kralle ich meine Finger in seine beiden Mundwinkel und reiße sie bis zu den Ohren hoch. Für ein immerwährendes Grinsen. Als ich in Gedanken gerade begann, mich den tieferen Regionen meines Fantasieopfers zu widmen, hüpfte die Sau noch halb eingeschäumt aus der Dusche an mir vorbei und macht sich halbherzig abgetrocknet aus dem Staub. Kurz überlegte ich, ob ich laut gedacht hatte. Aber wahrscheinlich war schon mein fixierender Blick genug. Nun ja – man sieht sich wieder.
Vor allem die Gefühlswelten im Knast sind eine Sache für sich. Alles wird extrem intensiviert. Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Hass, Neid, Rache. Die eisenhärtesten Typen heulen sich heimlich die Seele aus dem Leib. Aber darüber sprechen möchte keiner.
Ich selbst habe meine Wohnung verloren, meine Freundin ist abgehauen, der größte Teil meiner sogenannten Freunde lässt mich im Stich. Eine schlechte Nachricht nach der anderen trudelt ein und ich muss mich mit einer hohen Haftstrafe auseinandersetzen. Nicht gerade aufbauend. Ich habe aber noch keine Träne vergossen – denn Herzschmerz, Sehnsucht und vor allem Hass und Rachedurst machen ich jeden Tag ein bisschen stärker. Außerdem stehen meine Mutter und meine wahren Freunde fest hinter mehr. Aber davon später mehr. Wenn du dich vorher darauf einstellen und vorbereiten kannst, dich also selbst den Bullen stellst, ist Gefängnis gar nicht mal so schlimm. Aber wenn du von der Straße weg verhaftet wirst und urplötzlich im Knast steckst, dann wird es kompliziert und unangenehm. Kompliziert, weil du nichts mehr selbst regeln kannst. Wenn du in U-Haft bist, geht deine Post nicht mehr direkt an dich, sondern über Staatsanwalt und Richter, und ein Brief braucht etwa zwei Wochen, bis er dich erreicht. Außerdem wird er natürlich geöffnet und gelesen. Nur der Briefverkehr zwischen deinem Anwalt und dir ist davon ausgenommen. Wenn du also einen guten Anwalt hast, kannst du deine Post über ihn senden oder du suchst dir einen Mithäftling, der bereits in Strafhaft sitzt. Dessen Post wird vom Stationsbeamten überflogen und nicht so genau gelesen. Verschlüsselt sollte die Post aber trotzdem sein.
Ich rege mich ein bisschen über den Anstaltskaufmann auf. Als U-Häftling hat man einmal die Woche „Einkauf“. Als Strafgefangener nur noch einmal im Monat. Ganz abgesehen davon, dass er seine Waren zu unverschämt hohen Preisen verkauft: er bescheißt. Das fette Schwein zieht jeden Zweiten über den Tisch. Als ich einmal zu einem der Beamten sagte, der Typ habe sich von seinem ergaunerten Geld bestimmt schon ein Haus gebaut, meinte der nur trocken: „Ich glaube, eher zwei!“
Ich glaube, es gibt keinen zweiten Knast, in dem der Einkauf so teuer ist wie hier. Und wenn man mit der Not anderer seine Kohle macht, ist das besonders mies. Vor allem unter dem Deckmantel der Justiz.
Alles in allem ist es hier aber gar nicht so schlecht. Einmal die Woche Sport, Fernsehen (wenn du Kohle hast), arbeiten kannst du auch und das Essen ist sogar ganz gut.
Ich habe schon in vielen Kantinen schlechter gegessen. Das Wichtigste ist: nicht nachdenken. Sonst wirst du bekloppt. Versuch dich abzulenken! Wenn du nicht arbeiten gehst, dann mach Sport! Das mache ich. In der ersten Woche mal 20 Liegestütze und 30 Sit-Ups. Und dann Muskelkater. Draußen habe ich kaum Sport gemacht. Mal ein bisschen Fahrrad, eine Runde schwimmen oder laufen. Mehr war nicht. Ich war immer der Überzeugung, mit meinem Körper sei alles in Ordnung. Zwar war ich jeden zweiten Tag mit Drogen voll bis Oberkante Unterkiefer – aber da tut einem auch nichts weh. Außerdem gesteht man sich nicht gerne ein, dass man seinen Körper irreparabel schädigt. In den letzten Jahren konnte ich nur schlafen, wenn ich vollgesoffen war. Aber der Schlaf im Vollrausch ist leider nicht der erholsamste. Erst nach rund zwei Monaten im Knast hat sich das langsam wieder eingependelt. Mittlerweile schaffe ich sechs Stunden ohne aufzuwachen. Meine Schweißausbrüche waren nach etwa zwei Wochen vorbei. Der Arzt meinte, das sei ein Entzug, den ich da durchmache. Das wollte ich mir auch nicht so richtig eingestehen. Ich fand bisher immer andere Gründe für meine Atemnot, die fehlende Kondition und die nächtlichen Schweißausbrüche – an den Drogen lag es nie. Mit denen könnte ich sowieso aufhören, wenn ich wollte. Dachte ich zumindest. Die größte Lüge, die man sich so einreden kann.
Im Knast beschloss ich, mich zu ändern und mit dem Training anzufangen. Nach fünf Monaten war ich bei vierhundert Liegestützen und eintausend Sit-Ups jeden zweiten Tag. Trotzdem war ich noch lange nicht richtig in Form. Jahrelange Exzesse haben ihre Spuren hinterlassen. Aber ans Aufhören denkst du nicht, solange es nicht einen wirklichen, einen triftigen Grund gibt. Wir hatten immer einen Spruch, der sich mit der Zeit mehr und mehr bestätigte: „Wer einmal hat geleckt, der weiß, wie’s schmeckt!“ Hier im Knast käme ich aber irgendwie nie auf die Idee, mir Drogen zu besorgen. Denn sie würden meine ohnehin schon extremen Stimmungsschwankungen nur noch verstärken. So eine emotionale Achterbahn wie hier, schickt dich an die Grenzen der Belastbarkeit. Besonders, wenn man sowieso schon sehr impulsiv ist, wird das zu einer extremen Kraftprobe. Denn du darfst dich nicht wehren. Also, wie gesagt: Ablenkung ist alles. Deshalb tausche ich auch regelmäßig Bücher und CDs. Musik macht viel aus. Seit meinem Gefängnisaufenthalt hat sich mein Musikgeschmack unglaublich erweitert. Das Angebot ist riesig.
Du musst jede Sekunde aufpassen, mit wem du redest und vor allem, was du sagst. Es wimmelt von Verrätern und Spitzeln, die auf der Stelle jeden anscheißen, und das nur, um sich einen Vorteil zu verschaffen. So sehr wie hier im Knast, gilt das nirgendwo anders. Für mich sind Verräter der letzte Dreck. Wer mit dem Feuer spielt, muss damit rechnen, sich die Finger zu verbrennen. Das ist aber noch lange kein Grund, andere mit reinzuziehen.
Ich glaube, mehr als hier wird nur noch im Bundestag gelogen. Die Storys, die man hier aufgetischt bekommt, sind eine wahre Pracht. Vor allem mit welchen Besitztümern sich manche Leute hier schmücken. Jeder Zweite fährt draußen Ferrari, hat eine riesige Hütte und wäre eigentlich gerade in der Südsee, wenn die Bullen ihn nicht aufgrund eines Verrats gefunden hätten. Ich habe das Gefühl, alle Millionäre Deutschlands sind inhaftiert. Nur sind die Typen meist so knapp bei Kasse, dass sie noch nicht mal was zu rauchen haben.
Bei den Russen siehst du die kommunistische Erziehung. Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel. Ein Teil von ihnen geht arbeiten und versorgt die anderen mit allem Notwendigen. So geht es keinem richtig schlecht. Bei unseren Jungs wirst du so was nicht erleben. Jeder hier ist Egoist: geizig, gierig, neidisch. Das ist wohl auch der Grund, warum Kommunismus hier nicht funktionieren würde. So ziemlich die beste Staatsform, aber leider nicht durchführbar. Schade.
Kommst du mit den Gefangenen und den Beamten gut zurecht, gehst jedem Streit aus dem Weg – soweit das möglich ist – und tust alles, was man dir sagt – egal wie sinnlos es ist – dann bekommst du keine Probleme. Viele meiner Leidensgenossen hier lassen sich durch Optik, Mimik und Verhalten stark beeinflussen. Das mache ich mir zunutzen und habe meine Ruhe.
Sinn des Strafvollzugs ist die Wiedereingliederung in die Gesellschaft – den Sinn verfehlt er allerdings auf ganzer Linie. Das hat sogar der hiesige Anstaltsleiter im Radio zugegeben. Bei der aktuellen Überbelegung sei an Wiedereingliederung und Resozialisierung nicht zu denken. Das Gefängnis sei eine reine Verwahranstalt. Auch die, die dich einfahren lassen oder hier bewachen, interessiert es einen Scheiß, was mit dir passiert. Mehr noch: Wenn du bisher nicht wusstest, wie man illegal an Geld, Drogen und Waffen kommt – spätestens hier im Knast lernst du es. Es geht einfach nur ums Absitzen. Nach dem Warum und Wieso fragt keiner. Das Ende vom Lied: Nach der Haft bist du auf jeden Fall kriminell. Und wenn du clean gekommen bist, gehst du als Junkie.
Bei manchen wird das Strafmaß sicher seine Richtigkeit haben. Aber ich glaube, dass fast die Hälfte aller Urteile nicht auf der Gesetzgebung, sondern auf Aussehen, Emotionalität, Finanzen und der Leistung der Rechtsanwälte fußt. Hast du einen guten Anwalt – mit hohem Ansehen - bist du so gut wie gerettet. Was so viel heißt wie: Hast du genug Geld, hast du auch einen guten Anwalt und bekommst damit das bessere Recht. Von wegen, vor dem Gesetz sind alle gleich! Manche sind eben immer gleicher. Und der Spruch: „Im Namen des Volkes“ sollte auch aus den Urteilen gestrichen werden. Denn das Volk findet die zahlreichen Fehlurteile in seinem Namen ganz bestimmt nicht gut. Außerdem stimmt die Verhältnismäßigkeit der Urteile irgendwie nicht. Wenn du mit Hasch dealst, hast du dich eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht - letztendlich also vor allem den Staat beschissen. Dafür wirst du mit einer ordentlichen Freiheitsstrafe bestraft. Gewalt- und Sexualstraftäter werden hingegen viel zu gering bestraft. Folglich ist dem Staat sein Geld wichtiger, als die Unversehrtheit seiner Bürger. Aber was will man von einem Haufen bornierter Arschlöcher schon erwarten!
Richtig schlimm ist es für die wirklich Unschuldigen. Klar: Egal, wen du hier fragst, unschuldig sind sie alle. Das ist im Knast halt so. Aber bei der Vielzahl der Inhaftierten, muss es aber auch wirklich Unschuldige geben. Und oft merkst du das auch schnell. Ich bewundere diese Leute und mit welcher Stärke sie ihr Schicksal ertragen. Zumindest die meisten. Als ich gerade eine Woche hier bin, schneidet sich einer meiner Mitinsassen die Halsschlagader mit einem Dosendeckel auf. Eine erschreckende Art des Freitods und zugleich eine tierische Sauerei. Nur eine Woche später erhängt sich ein anderer. Aber die meisten Selbstmörder sind Wichtigtuer und verletzen sich kurz bevor die Tür zum Essenfassen geöffnet wird oder der Hofgang ansteht. Aber sie merken schnell, dass es nicht besonders klug war, die Beamten so in Aufregung und Stress zu versetzen - sie landen ganz schnell in der B-Zelle, einem besonders gesicherten Haftraum.
Aber fangen wir doch am besten vorne an. Es war die Zeit, in der ich für meine Verhältnisse schon recht viel Haschisch rauchte. Zehn bis 15 Joints waren an der Tagesordnung. Am liebsten war mir Schwarzer Afghane – zwar teurer, aber er hielt am längsten und war in der Verarbeitung leicht zu handhaben. Andere Sorten musst du zu stark erhitzen, um sie in einem Joint zu verarbeiten. Den Schwarzen, den wir benutzten, konnte man bequem zwischen den Fingern formen wie Kaugummi. Einfach zwischen Daumen und Zeigefinger so lange drehen, bis er weich und zu einer kleinen Stange wird. Sieht aus wie Fensterkitt. Ab damit auf das vorbereitete Papier, Tabak drauf und einen selbst gebastelten Filter aus Pappe dazu. Fertig ist der Joint. Eigentlich ganz einfach. Der Filter ist eigentlich gar kein Filter – nur ein Stück gerollte Pappe. Eher ein Mundstück, damit man beim Rauchen nicht ständig Tabakkrümel zwischen die Zähne bekommt. Damals bekam ich auf jeden Fall schon nicht mehr viel auf die Reihe, weil ich ständig platt war. Das war aber kein Grund, mit dem Kiffen aufzuhören. Am schlimmsten war es, wenn ich total zugesoffen war und dann noch einen Joint geraucht hatte. Dann wurde mir regelmäßig schön schlecht. Rauchte ich den Joint bevor ich saufen ging, war die Welt in Ordnung.
Dann kam eine desaströse Fahrt nach Holland. Normalerweise schmuggelte ich im Monat etwa ein Kilo normalen Standard. Den Stoff besorgte ich mir bei einem Privatdealer in einer kleinen holländischen Stadt. Die Qualität war gut, manchmal sogar besser als im Coffeeshop. Aber, das Wichtiger war: billiger.
Am besagten Tag fuhr ich auf jeden Fall mit zwei Freunden, mit denen ich normalerweise nie fuhr, nach Holland. Ich war so durch den Wind, dass ich das Geld vergaß, mit dem ich das Dope bezahlen wollte. Das trübte meine Stimmung aber irgendwie nicht weiter und wir beschlossen schließlich, einfach einen Trip nach Holland zu machen und dort ein wenig zu entspannen. Ich checkte meine verbliebenen Finanzen und die eingesteckten 250 Mark waren ausreichend, um was loszumachen. Ich lotste meinen Fahrer zu einem schwimmenden Coffee-Shop, der als Schiff am Ufer eines Flusses in der kleinen Stadt lag. Als wir ankamen, grauste es mir schon vor dem Abstieg in das Innere des Schiffes. Um in den Verkaufsraum zu gelangen, musste man eine steile Eisentreppe hinabklettern. Das war schon ein bisschen Gefummel – aber nach einem längeren Aufenthalt die Treppe wieder hochzukommen, ohne sich zum Affen zu machen oder wehzutun, das war schon schwieriger. Wir saßen dann also in lustiger Runde, rauchten Dope und tranken Dosenbier bis zum Abwinken. Zu später Stunde, wir hatten volle Breite erreicht und leckere 250 Gramm in der Tasche, mussten wir dann zurück auf die Leiter. Nach langem Kampf schafften wir es auf den Parkplatz und plötzlich stand ein südländisch aussehender Typ vor mir. Ich fragte ihn, was er wolle und er stammelte, ich müsse ihm unbedingt 50 Mark leihen. Ich lachte, zeigte ihm freundlich den Vogel und sagte, dass ich keine 50 Mark mehr habe. Daraufhin machte er eine schnelle Bewegung in Richtung seiner Jackentasche – trotz voller Breitseite schlug ich ihm direkt auf die Nase und trat ihm seitlich ins Kniegelenk. Dann drehte ich mich zu meinen Kumpels um, die gerade auf den Parkplatz kamen und rief ihnen zu, sie sollen sich beeilen. Als ich mich gerade wieder umdrehte, sah ich, wie der Typ am Boden erneut zu seiner Jackentasche griff – ein Fehler, denn ich war mir sicher, er griff nach einer Waffe. Ich trat ihm zuerst mit voller Wucht ins Gesicht und danach erneut aufs Knie. Ich sprintete zu den anderen, wir stiegen ins Auto und machten, dass wir wegkamen. Was wirklich in der Jackentasche war, weiß ich bis heute nicht.
Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, erklärte ich dem Fahrer den kürzesten Weg nach Deutschland. Zugeraucht und besoffen wie wir waren, pennte ich schnell ein, der Fahrer verfuhr sich natürlich und nahm die Strecke über Belgien und Luxemburg. Eine äußerst beschissene Wahl. Zuerst merkte ich nichts, aber nachdem wir die belgisch-luxemburgische Grenze passiert hatten, weckte er mich und stammelte etwas von Zöllnern. Ich kam langsam zu mir und sah einen Wagen der Luxemburger Zoll. Sie hatten uns auf einer Brücke ausgebremst und unser Fahrer warf mir panisch die 250 Gramm Dope auf den Schoß. Stotternd rief er: „Raus! Raus damit!“
Es war bereits dunkel und ich noch mächtig breit – ich schaffte es gerade so, einen Spalt des Fensters zu öffnen und das Hasch hinauszubefördern. Die Platten landeten allerdings direkt neben unserem Auto.
Mittlerweile hatten die Zollbeamten die Fahrerseite unseres Wagens erreicht und fragten nach unseren Papieren, die wir ihnen bereitwillig aushändigten. Nachdem sie lange genug in unseren Ausweisen geschnüffelt hatten, forderten sie unseren Fahrer auf auszusteigen und den Kofferraum zu öffnen. In dem Moment schaute einer der Beamten an der Beifahrerseite des Autos vorbei und bemerkte offenbar das Päckchen am Boden. Er kam langsam näher. Ich war mir sicher, dass er das Dope gesehen hatte. Er kam zu meinem Fenster und fragte mich durch den Spalt in Luxemburger Dialekt, was da auf dem Boden liege. “Sieht aus wie Schokolade,“ antwortete ich. „Ich zeig dir gleich Schokolade, Du Saupreuß! Sofort aussteigen und Hände nach oben halten“, war seine Antwort.
Wir bekamen alle Handschellen verpasst und mussten auf dem Rücksitz des Zollfahrzeugs Platz nehmen. Dann fuhren wir den Weg, den wir gekommen waren, zurück und auf der Fahrt laberte einer der Beamten etwas von „einer Tüte, die aus dem fahrenden Auto geflogen sei.“ Ich kam ins Grübeln. Hatte einer meiner Kumpels etwas gekauft, von dem ich nichts wusste? Oder waren die Zöllner auf dem besten Wege, uns so richtig zu verarschen? Wie sich herausstellte, war leider letzteres der Fall. Plötzlich hielt das Zollfahrzeug an und einer der Beamten fischte eine Tüte vom Asphalt, die so aussah, als sei sie schon öfter mal aus einem fahrenden Auto geflogen. Allerdings aus einem mit Zollkennzeichen.
Schließlich erreichten wir die kleine Zollstation und wurden in verschiedene Räume gebracht, die alle mit kleinen Sichtfenstern verbunden waren. Dann wurde die Überraschungstüte ausgepackt und zum Vorschein kam mindestens ein halbes Kilo Dope in verschiedenen Sorten. Ich wurde zuerst vernommen. Ganz klassisch in der Guter-Bulle, Böser-Bulle-Verteilung. Einer einfühlsam, der andere droht. Leider blieb es diesmal nicht bei Drohungen. Vom bösen Cop bekam ich gleichmäßig ein Paar in die Fresse, während der andere ihm stets sagte: „Hör’ auf damit!“ Und an mich gewandt: „Gib’ einfach zu, dass es deine Tüte war!“ Ich konnte nicht anders und antwortete: „Leck mich am Arsch, du Fatzbeidel!“ Die Antwort kam prompt: „Das Einzige, was wir von Euch übernommen haben, ist die Brutalität der GESTAPO, du Saupreuß.“ Im gleichen Moment brach er mir die Nase.
Seltsamerweise hatte ich keine Schmerzen, sondern spürte nur ein dumpfes Pochen in der Nase und das Blut strömte direkt in mein Hemd. Ich wollte die Handschellen abgenommen bekommen – dann hätten wir schon gesehen, wer hier wen vermöbelt. Stattdessen riss er mich vom Stuhl und brach mir mit Schlägen seiner Taschenlampe zwei Rippen. Das war ihm vollkommen egal.
Unser Fahrer musste eine ausführliche Leibesvisitation über sich ergehen lassen und gab aus Angst direkt mal zu, dass die Tüte doch von uns sei.
Ich wollte das alles nicht so einfach hinnehmen. Allerdings musste ich erstaunt feststellen, dass die Beamten der Luxemburger Polizei und des Luxemburger Zolls weit mehr Freiheiten haben, als ihre deutschen Kollegen. Ich ersparte mir eine Anzeige. Wollte ich im Grunde sowieso nicht. Mir ging es eher darum rauszufinden, wo ich den Arsch noch mal treffen könnte – zunächst wusste ich nicht mal, wo diese beschissene Zollstation überhaupt lag. Meinen Mitfahrern erzählte ich nichts von meinen Plänen – schließlich stand uns noch eine Gerichtsverhandlung bevor und man konnte nicht wissen, was die beiden Trottel da alles auspacken würde, wenn sie nicht mal in der Lage waren, untergeschobenes Dope zu leugnen.
Auf jeden Fall durften wir nach der ganzen Aktion noch in der gleichen Nacht weiter und nach Hause. Drogentests gab es zu dieser Zeit noch nicht – sonst hätten wir die Nacht ganz bestimmt in einer Luxemburger Zelle verbracht.
