366 Tage - Ramona Mitsching - E-Book

366 Tage E-Book

Ramona Mitsching

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Beschreibung

Nach sieben Jahren Studium hat Isabell die Uni verlassen und fragt sich, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre Beziehung zu Lars ist gerade in die Brüche gegangen und obwohl sie sich in der Theorie auf das Fach Marketing spezialisiert hat, besitzt sie keinerlei praktische Erfahrungen; denn über das Kellnern ist sie bisher nicht hinausgekommen. So bricht sie auf, um im Norden der Republik ein Hotelpraktikum zu absolvieren. Allerdings glaubt sie fest daran, nach drei Monaten diesen Ort wieder zu verlassen. Obwohl Isabell durchaus sportlich veranlagt ist, beherrscht sie weder das Golfspiel noch das Segeln - Sportarten, die plötzlich in ihrem Leben eine Rolle spielen. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer ist Isabell fasziniert von der Persönlichkeit der Hotelchefin Sabine von Stetten. Darüber hinaus fragt sie sich, welche Rolle der Frauenschwarm Uwe Holdt im Zusammenhang mit dem Hotel und dem Golfplatz tatsächlich spielt, von Tom, dem geheimnisvollen Wortkargen einmal abgesehen... "Und wenn sie ehrlich war, war sie auch auf der Suche nach dem Leben, das sie künftig leben wollte", spürt Isabell schon bald und spielt mit dem Gedanken, bleiben zu wollen. Schlussendlich ist nach 366 Tagen alles anders gekommen als geplant und ganz so, wie es sich Isabell in ihren kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können.

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Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Impressum:

Copyright Text: Ramona Mitsching, Diesterwegstraße 17A, 06128 Halle (Saale)

Umschlaggestaltung: designenlassen.de, Nürnberg

Alle Rechte vorbehalten.

Halle (Saale), Februar 2016

Diese Geschichte und der Ort der Handlung sind frei erfunden.

Namensgleichheiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind zufällig.

Ramona Mitsching

366 Tage

134

1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14.Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel

1. Kapitel

Es war schon das dritte Dorf, durch das sie fuhr und keinen Menschen zu Gesicht bekam. Einigermaßen irritiert blickte Isabell starr geradeaus. Gern würde sie anhalten und nach dem Weg fragen.

Das alte Auto, das sie steuerte, besaß kein Navigationssystem und die Straßenkarte bewahrte sie im Handschuhfach auf. Allerdings hatte sie wenig Lust, die heraus zu kramen und nachzuschauen.

Sie stand auf Kriegsfuß mit Landkarten. Und das schon seit der Zeit, als man ihr in der Schule im Geografie Unterricht versucht hatte beizubringen, wie man sich auf einer solchen Karte orientierte. Für sie waren die vielen Linien, Kreise und sonstigen Gebilde einfach nur verwirrend.

Isabell setzte den Blinker und suchte nach einer passenden Stelle am Straßenrand, wo sie den Wagen abstellen konnte, ohne im Weg zu stehen. Während sie einen Platz zum Halten ausfindig gemacht hatte, musste sie schmunzeln.

Wen sollte sie hier stören? Weit und breit waren weder ein Auto noch ein lebendiges Wesen auszumachen.

Sogleich kam ihr eine zweite Frage in den Sinn: Was nur hatte sie in diesen einsamen Landstrich verschlagen?

Der Wagen war zum Stehen gekommen. Isabell zog die Handbremse an und stellte den Motor ab. Dann schaute sie in den Seitenspiegel und sah: nichts. Schwungvoll öffnete sie die Tür und setzte ihren linken Fuß auf den Boden. Währenddessen achtete sie nicht auf ihren Rock, der in diesem Moment unanständig weit nach oben gerutscht war. Mit einer weiteren Bewegung hatte sie sich aus ihrer sitzenden Position befreit und stand nun neben ihrem Fahrzeug.

Ihr Blick ging zum Himmel. Die Sonne stand im Zenit. Es musste um die Mittagszeit sein.

Isabell hatte lange nicht mehr auf ihre Uhr geschaut. Sie kniff die Augen zusammen, aber es half nichts.

Wo hatte sie ihre Sonnenbrille hingelegt? Die war weder auf dem Armaturenbrett noch auf dem Beifahrersitz zu sehen. Isabell dachte nach und glaubte, sich zu erinnern: Sie hatte die Brille zusammen mit der Straßenkarte verstaut, was bedeutete, dass sie im Handschuhfach nachsehen musste.

Mit wenigen Schritten lief sie um das Fahrzeug herum und stoppte sogleich. Während sie nach einem geeigneten Platz zum Anhalten gesucht hatte, hatte sie nicht bemerkt, wie es am rechten Fahrbahnrand aussah. Hier würde sie mit ihrem Schuhwerk nichts ausrichten können. Ziemlich hoch wuchsen dort Disteln mit deutlich sichtbaren und gefährlich aussehenden Dornen.

Isabell musste es von der Fahrerseite aus versuchen.

Sie lief zurück und kniete sich mit ihrem rechten Bein auf den Fahrersitz. In diesem Moment bemerkte sie, wie ihr Rockstoff sich in Richtung ihrer Taille bewegte. Eine Sekunde lang zögerte sie, dann entschied sie sich, nichts zu unternehmen. Schließlich war sie hier allein. Mit dem ausgestreckten rechten Arm erreichten ihre Finger den Griff des Handschuhfaches. Sie öffnete es und musste noch ein Stück weiter heran rutschen, um hineinsehen zu können. Isabell sah das Etui obenauf liegen, nahm es heraus und beförderte anschließend ihren Körper aus dem Auto. Den Sitz ihres Rockes hatte sie vergessen. Wichtig allein war, endlich ihre Augen vor dem grellen Sonnenlicht schützen zu können.

Es kam einer Wohltat gleich, als sie die Dunkelheit vor ihren Pupillen spürte.

Isabell drehte ihren Körper um 180 Grad und sah: Die Dorfstraße war und blieb verwaist.

Sogleich schaute sie an sich herab und bemerkte, dass ihr Rock noch immer oberhalb des Erlaubten hing. Mit einem Griff zog sie den Stoff glatt und in eine Länge, die nicht als anstößig gelten konnte. Während Isabell zufrieden auf ihren Saum blickte, nahm sie ein Geräusch wahr.

Im Schatten des Baumes, wenige Meter vor ihr, hatte sich etwas bewegt und tatsächlich sah sie dort eine Bank stehen, auf der ein menschliches Wesen saß. Erst beim zweiten Hinsehen gelang es Isabell zu erkennen, dass es sich um einen Mann handelte. Sie zögerte einen Augenblick lang und fragte sich, was sie tun sollte. Wie lange schon hatte er dort gesessen und sie beobachtet?

Urplötzlich musste sie daran denken, dass er sich wahrscheinlich königlich darüber amüsiert hatte, wie sie halbnackt auf der Suche nach ihrer Sonnenbrille gewesen war. Vorsichtshalber fragte sie sich auch, was sie unter ihrem Rock trug. Erleichtert stellte sie umgehend fest, dass sie heute Morgen nicht nach einem String gegriffen, sondern sich für eine Variante mit mehr Stoff entschieden hatte.

Isabell blickte zum Baum. Der Mann bewegte sich nicht.

Er war doch nicht etwa tot?

Plötzlich fröstelte sie. Dann musste sie über sich selbst lachen. Er hatte sich bewegt. Allein dadurch war sie überhaupt auf ihn aufmerksam geworden. Sie fasste Mut und lief los. Bereits nach wenigen Schritten hatte Isabell den Baum erreicht.

Dank der Brille gelang es ihr, gegen das Sonnenlicht zu schauen und zu erkennen, dass sie es beileibe nicht mit einem Toten zu tun hatte: Der Mann war jung, vielleicht fünf Jahre älter als sie, somit Anfang dreißig und quicklebendig.

Sie stellte sich ihm gegenüber und sah ihm ins Gesicht. Er grinste ziemlich unverfroren, während sie an ihren Rock dachte und daran, wie nachlässig sie mit sich umgegangen war. Es war ein großer Fehler von ihr gewesen, zu glauben, dass sie allein gewesen war. Isabell entschloss sich, die Flucht nach vorn anzutreten und sagte mit deutlich fester Stimme: „Hallo, ich bin vom Weg abgekommen.“ Sogleich schalt sie sich. Schließlich war gar nicht klar, ob sie sich tatsächlich verfahren hatte. Und die Formulierung, vom Weg abgekommen zu sein, beinhaltete eindeutig eine Zweideutigkeit.

Isabell bemerkte, wie das Schweigen und Grinsen ihres Gegenübers sie irritierte. „Ich muss nach Recklitz“, fügte sie hinzu und sah, dass er nickte, wohl aber nicht die Absicht hatte, ihr zu antworten.

Isabell war kurz davor, auf dem Absatz kehrtzumachen und zu ihrem Auto zurückgehen zu wollen. Jemand, der nicht mit ihr reden wollte, war so hilfreich wie ein nichtvorhandenes Navi. Bevor sie jedoch ihre Überlegung in die Tat umsetzen konnte, hörte sie ihn sagen: „Du bist hier ganz richtig.“

Sie hatte den Klang seiner Worte vernommen. Norddeutsch, wie sie sogleich feststellte. „Ihr redet hier nicht so viel und so gern, oder?“, sagte sie mehr als sie fragte und erschrak.  Was würde sie tun, wenn er jetzt gar nicht mehr sprechen würde? Schließlich wusste sie noch immer nicht, wie sie ihr Fahrziel erreichen konnte. Allein die Aussage, dass sie auf dem richtigen Weg war, löste ihr Problem nicht.

Sie sah ihn an und schwieg. Er hingegen schien mit ihrem Satz beschäftigt zu sein. Sein Gesichtsausdruck war ernst geworden. Plötzlich kehrte das Grinsen zurück und er sagte: „Du hast recht. Wir sind ein bisschen wortkarg. Das macht die Einsamkeit.“

Isabell war in diesem Moment sicher, dass er sie veräppelte und dass ihr das zu Recht geschah. Sie wollte eine Auskunft von ihm, nicht anders herum.

„Kannst du mir bitte sagen, wie es von hier aus weitergeht?“, fragte sie äußert brav artikuliert.

Ihr Gegenüber nickte und antwortete: „Mit der Fähre.“ Sogleich fügte er hinzu: „Aber die funktioniert im Moment nicht.“

Isabell versuchte, das Gehörte zu sortieren. Mitten im Dorf gab es offensichtlich ein Gewässer, das man nur mit Hilfe einer Fähre überqueren konnte. Allerdings schien die defekt zu sein. Insofern würde sie umkehren und nach einer anderen Straßenverbindung suchen müssen. Die Straßenkarte käme nun doch noch zum Einsatz. Während sie immer noch nachdachte, hörte sie ihn sagen: „Wenn du Zeit hast, kannst du warten. Der Elektriker behebt bereits den Fehler. Allerdings kann ich dir nicht genau sagen, wie lange es dauern wird, bis ich wieder arbeiten kann.“

Isabell stutzte.

War er der Fährmann?

So sah er nicht aus. In diesem Punkt schien sie sicher.

Oder jobbte er hier, um sein Studium zu finanzieren?

Noch während ihr diese Frage durch den Kopf ging, kam sie zu dem Schluss, dass er für ein Dasein als Student ein paar Jahre zu alt war. In diesem Moment stellte sie zudem fest, dass er sie musterte. Aber immerhin grinste er nicht mehr und Isabell tat, als hätte sie nichts bemerkt.

Sie schaute sich um und registrierte die absolute Stille, eine Situation, wie sie Isabell lange nicht mehr erlebt hatte. Schließlich kam sie aus einer Großstadt und war studentischen Trubel und lange Partynächte gewöhnt. Schmerzlich wurde ihr in diesem Augenblick bewusst, dass ihre Studienzeit zu Ende war und ihr ein neuer Abschnitt ihres Lebens bevorstand.

Allerdings erreichte sie gerade nicht den Ort, an dem dies stattfinden sollte.

Hilflos sah sie ihren Gegenüber an und fragte: „Wie komme ich von hier aus ohne Fähre weiter?"

Der Mann zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen war und antwortete: „Du hast die Bundesstraße verfehlt. Die hättest du benutzen müssen, um der Wasserüberquerung zu entgehen. Die Strecke ist aber deutlich länger.“

Isabell schaute ihn an und sah noch immer diesen Gesichtsausdruck, der sie bereits vorhin hatte vermuten lassen, dass er sich über sie amüsierte.

„Ich will dann mal“, sagte sie und spielte mit dem Gedanken, sich umzudrehen, als er plötzlich meinte: „Schade. Ich hätte gern noch mit dir geplaudert.“

Isabell glaubte, sich verhört zu haben. Nicht ohne Arroganz erwiderte sie: „Danke für das Gespräch. Drei Sätze in einer halben Stunde. Wie lange, denkst du, soll ich noch bleiben?“

Sie hatte die Worte nicht im Gehen gesagt. Verwundert stellte sie fest, dass sie noch immer vor ihm stand und ihn ansah. Ihr Ansinnen von vor wenigen Sekunden, zum Auto zurückkehren zu wollen, hatte sie nicht in die Tat umgesetzt. Stattdessen hing ihr Blick an seinem Mund und dem, was sich an Gestik um diesen herum abspielte.

„Bist du Studentin?“, fragte er, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, auf das eingehen zu wollen, was sie eben gesagt hatte.

„Nein, nicht mehr“,  antwortete sie und fragte nun selbst: „Wie kommst du darauf?“

„Dein Auto“, antwortete er, „ist ein ziemlich altes Modell.“

Das war das Letzte, was sie jetzt brauchte. Was ging ihn ihr Auto an?

Natürlich war es alt. Aber es fuhr. Zu keinem Zeitpunkt hatte es sie im Stich gelassen. Zu jeder Zeit war es ihr ein treuer Begleiter gewesen. Während der gesamten Studienzeit, und die war nicht kurz gewesen, hatte das Auto sie an ihr jeweiliges Ziel gebracht.

Ihr Gesprächspartner begann, sie zu nerven. Verwundert stellte Isabell dennoch fest, dass sie hier wie angewurzelt stehenblieb.

Wer oder was hinderte sie daran, endlich von diesem unsäglichen Platz zu verschwinden?

„Ich meinte es ernst. Du kannst gern warten. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis der Kahn wieder flott ist. Dann setzen wir dich und dein altes Auto über.“

Böse funkelte Isabell ihn an und: blieb trotzdem stehen. Sogleich war sie davon überzeugt, dass er das Funkeln wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen hatte. Schließlich trug sie die dunkle Brille.

Sie dachte nach und fragte sich, was schwerer wog: Dass er sich über ihr altes Auto lustig machte oder dass sie die Chance bekam, einen Umweg zu sparen und endlich an ihr Ziel zu gelangen?

Isabell entschied sich und meinte beinahe beiläufig: „Gut, ich warte.“ Dann ging sie auf ihn zu, fasste ihn an seiner Schulter, um ihm zu bedeuten, dass er Platz machen möge, damit sie sich setzen könne.

Bereitwillig rutschte er ein Stück beiseite. „Bist du nur Fährmann oder hast du auch einen richtigen Job?“, fragte sie, als sie sich neben ihm niedergelassen hatte und war sich dessen bewusst, dass sie soeben die Gilde der Fährleute verunglimpft hatte. Ihr war als Retourkutsche einfach nichts Besseres eingefallen: Von wegen altes Auto…

„Was hast du gegen Fährleute?“, antwortete er insofern folgerichtig.

Isabell drehte sich zu ihm und fragte anstelle einer Antwort: „Was meinst du, wie lange wird der Elektriker noch zu tun haben?“ Sie sah ihn mit den Schultern zucken und Isabell schüttelte den Kopf. Entweder verfügte der Mann nur über einen eingeschränkten Wortschatz oder er hatte schlicht und einfach keine Lust zum Reden.

Was nun?

Sie war geblieben, um von seinem Angebot Gebrauch zu machen, eine Abkürzung zu nehmen. Das war alles und insofern schwieg nun auch sie.

Isabell blickte sich um und sah flaches Land. Weit und breit war kein noch so kleiner Hügel auszumachen. Das Dorf schien aufgeräumt. Nirgends war ein verfallenes Haus zu entdecken. Alle Fassaden waren frisch gestrichen und die Vorgärten gepflegt. Allein der Straßenrand mit den Disteln passte nicht ins Bild. Isabell sah die Kletterrosen, die in bunten Farben blühten, was typisch für den Monat Juni und die damit längsten Tage im Jahr war.

Über die Länge der Tage hatte sie mit einer gewissen Erleichterung nachgedacht. So oder so war ungewiss, wann sie heute tatsächlich ankommen würde und nach einer Suche in der Dunkelheit stand ihr nicht der Sinn.

Isabell war auf dem Weg zu einem Praktikum, das ihr helfen sollte herauszufinden, ob sie für das Hotelfach geeignet war. Am Zielort lebte man vom Tourismus. Insofern gab es dort Hotels in Hülle und Fülle. Sie hatte sich das größte Haus im Ort ausgesucht, sich beworben und sofort eine Zusage erhalten. Offensichtlich wurden während der Saison alle verfügbaren Hände dringend gebraucht.

Plötzlich schoss ihr eine Frage durch den Kopf, die sie sich bisher noch gar nicht gestellt hatte: Wie nur würde sie mit dieser verdammten Stille zurechtkommen?

Sogleich beruhigte sie sich und redete sich ein, dass touristische Orte niemals ganz still sein konnten.

Isabell schloss die Augen und dachte nach. Zu keinem Zeitpunkt hatte sie das Ende ihres Studiums herbeigesehnt. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte es noch drei, vier Semester lang so weitergehen können mit studentischer Freiheit, Müßiggang …

Isabell musste unbewusst geseufzt haben, denn ihr Banknachbar sah sie plötzlich auffordernd an. Tatsächlich hatte er sich zuvor bewegt, sich nach vorn gebeugt, um ihr ins Gesicht schauen zu können. Es schien, als erwarte er eine Erklärung für den Laut, den sie soeben von sich gegeben hatte.

„Was?“, fragte sie aufmüpfig und fügte wesentlich versöhnlicher hinzu: „Ich trauere meiner Studienzeit nach.“

Wie vermutet, folgte kein Kommentar. Er blickte sie lediglich an, was Isabell dazu veranlasste zu fragen: „Hattest du eine Studienzeit?“

Im Prinzip war sie sicher, dass er mit einem „Nein“ antworten würde und war umso überraschter, als sie ihn nicken sah und er „ja“ sagte.

Über dieses eine Wort war er jedoch nicht hinausgekommen und da Isabell inzwischen sicher war, dass es sich bei ihm um einen hoffnungslosen Fall handelte, begann sie, ihn näher zu betrachten. Schließlich musste sie ja irgendetwas tun, wenn sie schon nicht miteinander redeten.

Bisher hatte sie ihn lediglich oberflächlich gescannt. Nun war sie fest entschlossen, ins Detail gehen zu wollen, um wenigstens auf diese Weise zu ergründen, mit wem sie es hier zu tun hatte.

Isabell senkte ihren Blick und sah auf Füße, die barfuß in leichten Sommerschuhen steckten. Es waren keine Sandalen, die er trug, sondern Schuhe aus Tuch, durchaus modisch. Dazu trug er eine Hose aus dünnem Stoff. Keine Jeans, wie Isabell feststellte, die ihren Blick weiter aufwärts wandern ließ.

Der Hosenbund wurde von einem Gürtel gehalten, der aussah, wie aus echtem Leder gefertigt und Isabell meinte, dass das, was sie bisher gesehen hatte, nicht zu diesem dörflichen Ambiente und ihrer Vorstellung von einem Fährmann passte.

Wie groß war er?

Isabell versuchte, ihn, trotz seiner sitzenden Position, zu vermessen.

Einsachtzig konnten es gut sein. Auf alle Fälle war er kein kleiner Mann.

Isabell checkte, was nach dem Gürtel kam und stellte fest, dass er ein Hemd trug, auf dem links oberhalb der Tasche das Logo von Tommy Hilfiger prangte.

Sein Oberkörper war muskulös. Wahrscheinlich trieb er Sport, denn am Fährmannsberuf konnte es nicht liegen. Er hatte von einem Elektriker gesprochen. Somit ging sie davon aus, dass die Fähre durch einen Elektromotor angetrieben wurde.

Die Haut seiner Arme war gebräunt. Das wiederum verwunderte sie nicht. Fähren fuhren unter freiem Himmel und damit auch in der prallen Sonne. Ganz so, wie bei dem heutigem Wetter, wenn sie denn fuhr.

„Sag, weshalb beanstandest du mein Auto?“, fragte sie, um noch einmal den Versuch zu unternehmen, ein Gespräch in Gang zu setzen. „Bist du auch Schrotthändler?“, schob sie ein wenig spöttisch nach.

Der Mann neben ihr tat ihr nicht den Gefallen und beließ es bei einem kurzen Lachen.

Isabell war mit ihrem Ganzkörperscan noch nicht am Ende angelangt.

Hals und Gesicht waren besonders braungebrannt, wie erwartet, trug man doch hier keine schützende Kleidung.

Er hatte ziemlich helle Haare, befand sie und wusste zugleich nicht, ob auch das der Sonne geschuldet oder ob er tatsächlich ein blonder Typ war.

Um dieser Frage nachzugehen, blickte sie in seine Augen und sah, dass sie blau waren, was die These von natürlichem Blond stützte, aber irgendwie nicht zu seiner Bräune passen wollte.

Isabell hätte beinahe vergessen, dass sie seine Hände noch nicht begutachtet hatte. Schnell warf sie auch auf diese einen Blick und wusste sofort, dass sie mit der Vermutung, er könne auch Schrotthändler sein, falsch gelegen hatte.

Sie feixte. So etwas hatte sie noch nicht erlebt: Das, was sie tat, fühlte sich an wie ein Spiel. Wie Berufe raten. Allerdings spielte sie es ohne ihn. Er wollte scheinbar nicht erfahren, was sie studiert hatte und weshalb sie nach Recklitz fahren wollte, trotzdem sie ihm mehrere Chancen gegeben hatte, das zu erfragen.

In diesem Augenblick hörte sie den Ton seines Mobiltelefons und sah, dass er bereits dabei war, das Gerät aus seiner Hosentasche zu fischen. Wahrscheinlich hatte er das Vibrieren lange vor dem akustischen Signal mitbekommen. Sie hörte, wie er sich meldete und glaubte nun zu wissen, wie er hieß. Er hatte „Lukas“ gesagt und aller Wahrscheinlichkeit nach, damit sich gemeint.

Obwohl, wenn sie es sich genau überlegte: Sicher konnte sie nicht sein. Auch der Anrufer konnte so heißen.

Isabell lauschte seinen Worten und stellte verwundert fest, dass er plötzlich ohne Unterlass redete. Gebannt hörte sie ihm zu und begriff, dass der Gesprächspartner besagter Elektriker sein musste und dass irgendein Problem noch immer bestand. Nur welches es war, hatte sie nicht herausfinden können. Dann hatte er aufgelegt.

Sie sah ihm in die Augen und fragte: „Heißt du Lukas?“

„Wie kommst du darauf?“, antwortete er.

Isabell stutzte und meinte: „Du hast dich mit diesem Namen gemeldet.“

Er lachte und erwiderte: „Nein.“

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Der Handwerker heißt Lukas. Mein Name ist Tom. Und deiner?“

„Isabell“, antwortete sie und begriff, dass auch sie sich tatsächlich noch nicht vorgestellt hatte.   

Tom war ein Name, der überall vorkam. Isabell hatte, während er telefonierte, gedacht, dass das, was sie herauszuhören glaubte, ein besonderer Akzent war.

„Tom, wo bist du zu Hause?“, fragte sie und war gespannt, ob sie eine Antwort bekommen würde.

„Hier“, antwortete er ohne Zögern und Isabell wusste, dass sie die Frage falsch formuliert hatte.

„Nein, ich meine: Wo bist du geboren?“

Tom schaute sie an, kniff die Augen zusammen und lächelte. Dann antwortete er: „Viele Kilometer von hier entfernt.“

Isabell reichte es. Dieser Mann brachte sie auf die Palme. Weshalb nur saß sie noch immer auf dieser Bank? So groß konnte der Umweg über die Bundesstraße doch gar nicht sein!

In diesem Augenblick hörte sie ihn sagen: „Nimm deinen Wagen und folge mir. Ich fahre auf dem Rad voraus. Wir können dich übersetzen.“

Sie war überrascht und erleichtert zugleich, hatte sie doch mit einem schnellen Entfliehen von diesem Ort nicht mehr gerechnet. Umso zügiger erhob sie sich und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto.

Isabell hatte die Wagentüren vorhin geschlossen und genau das stellte sich nun als Fehler heraus. Als sie die Fahrertür geöffnet hatte und sich mit Schwung auf den Sitz fallen ließ, stockte ihr der Atem: Im Innenraum ihres Autos herrschten mindestens 50 Grad Celsius! Einen kurzen Augenblick lang dachte sie daran, wieder auszusteigen, um der Hitze zu entfliehen. Allerdings verwarf sie dieses Ansinnen so schnell, wie es gekommen war. Schließlich wollte sie nur noch weg aus diesem gottverlassenen Kaff und von einem Menschen, der nicht sprechen wollte.

Isabell startete den Motor und setzte den Blinker, was unnötig war, wie sie wusste und was der Blick in den Rückspiegel bestätigte. Außer ihr befand sich keine Menschenseele auf dieser Straße.

Sie schaute nach vorn und suchte nach dem Fahrrad, dem sie folgen sollte. Erst beim zweiten Hinsehen erblickte sie Tom. Noch war für sie nicht klar auszumachen, welchen Weg er jetzt nehmen würde und so wartete sie, bis sie sicher war, wohin sie fahren sollte. In kurzem Abstand passierten sie anschließend den Rest der Dorfstraße, bis sie in einen unscheinbaren Weg nach links abbogen.

Dieser Weg war weder asphaltiert noch anderweitig befestigt. Isabell spürte das Ruckeln und Hopsen ihres kleinen Autos und hoffte inständig, sie würde sich nicht noch den Wagen demolieren.

Die Tortur dauerte jedoch nicht lange, wie Isabell erleichtert feststellte. Schon kurze Zeit später konnte sie das Wasser sehen und dass Tom vom Rad stieg. Isabell schaute sich um, nachdem sie das Auto gestoppt hatte und registrierte, dass sich links neben ihr so etwas wie eine Kaimauer befand. Auch bei genauerem Hinsehen konnte sie jedoch keine Absenkung erkennen und fragte sich sogleich, wie sie unter diesen Umständen ihr Auto auf eine Fähre würde befördern können. Als sie wieder nach vorn blickte, bemerkte sie Toms wilde Armbewegungen, die offensichtlich bedeuten sollten, dass sie aussteigen möge.

Isabell stellte den Motor ab und tat, was von ihr erwartet wurde. Tom war inzwischen zu ihr gekommen und sagte: „Schließ die Tür und komm mit mir. Um dein Auto kümmert sich Lukas.“

Sie glaubte, sich verhört zu haben. Isabell hatte nicht vor, ihr Auto einem Menschen mit dem Namen Lukas zu überlassen. Sie wollte es überhaupt niemand Fremdem überlassen. Auch wenn ihr Auto in die Jahre gekommen war: Sie hing daran.

„Trau dich“, meinte Tom und Isabell sah, dass er verschmitzt lächelte. „Lukas kennt sich aus. Keine Sorge, auch wenn es martialisch aussieht, er macht das nicht zum ersten Mal.“

Isabell spürte, wie ihr Schweißperlen auf die Stirn traten. Auf gar keinen Fall sollte ihrem Auto etwas geschehen! Grundsätzlich nicht und im Speziellen auch nicht.

Plötzlich überkam sie die Horrorvorstellung, aus diesem Dorf nicht mehr fortzukommen, weil ihr Auto zu Schrott geworden war.

Tom schien prächtig amüsiert zu sein. Er grinste über das ganze Gesicht und wiederholte: „Trau dich einfach.“

Isabell schluckte. Was genau blieb ihr in dieser Situation übrig?

Sie hatte sich selbst in diese Lage katapultiert. Nun würde ihr lediglich die Flucht nach vorn bleiben.

Mit beinahe gönnerhafter Miene reichte sie Tom ihre Autoschlüssel. Dann ließ sie ihren Blick schweifen und sah den Kran an Land und ein Ungetüm aus Blech auf dem Wasser unter sich. Isabell begann zu ahnen, was das bedeuten könnte.

Der Wortkarge schien Mitleid mit ihr zu empfinden. Immerhin entwich ihm der Satz: „Du musst dich wirklich nicht sorgen.“

Als Isabell sich umdrehte, war ein Mann in Arbeitsmontur dabei, ihrem Auto Gurte anzulegen. Er hatte wohl tatsächlich vor, das Auto an den Kranhaken zu hängen und auf das Boot zu befördern. Für einen Augenblick lang schloss sie die Augen. Im selben Moment spürte sie einen Arm um sich. Es war der Arm von Tom, der sie aus der Gefahrenzone bringen wollte und sogleich lehrerhaft sagte: „Unter schwebenden Lasten hält man sich nicht auf."

2. Kapitel

Isabell konnte es nicht glauben, aber sie und ihr Auto waren tatsächlich heil am anderen Ufer angekommen. Zudem hatten sie keinen zweiten Kran benötigt, weil es auf der gegenüberliegenden Seite einen befestigten Weg gegeben hatte, über den sie problemlos ihr Auto vom Kahn aufs Land hatte befördern können.

Tom hatte den Kahn gesteuert. Dabei schien er routiniert zu sein, wie sie festgestellt und gleichzeitig ihre Angst verloren hatte.

Das, über das sie gefahren waren, war kein Fluss, sondern ein See. Tom hatte beiläufig erwähnt, dass sie hier an einer Seenkette lebten. Daher, und wegen fehlender Brücken, war der Weg über die Bundesstraße länger.

Tom und Lukas waren eher zufällig auf die Idee gekommen, Kran und Kahn als Lastentransporter zu benutzen, um denen, die im Dorf wohnten und die eine Abkürzung nehmen wollten, einen Gefallen zu tun. Insofern war ihr klargeworden, dass Tom kein Fährmann war, sondern lediglich ab und zu hier anzutreffen war.

Isabell hatte sich auf dem Kahn von ihm verabschiedet, nicht ohne sich ehrlich zu bedanken. Tom hatte ihr noch gesagt, wie sie weiterfahren sollte. Dann hatten sich ihre Wege getrennt. Inzwischen war Isabell an dem Vorwegweiser vorbeigefahren, der ihr verraten hatte, dass ihr Ziel in zwanzig Kilometern Entfernung lag.

Die Straße war nach wie vor wenig befahren und Isabell konnte sich entspannt der Landschaft und ihren Gedanken hingeben. Hatte sie vorhin nur den einen Wunsch gehabt, von Tom und dem Dorf fortzukommen, bemerkte sie nun, selbst überrascht, dass ihre Gedanken laufend zu ihm zurück wanderten.

Er hatte sie nicht nach ihrer Telefonnummer gefragt. Außer einem „Viel Glück!“, und der Wegbeschreibung hatte er nichts weiter zu ihr gesagt. Bereits vorhin hatte Isabell die Enttäuschung gespürt, die sich nun von Minute zu Minute verstärkte. Sie schüttelte den Kopf und fragte sich, was das alles zu bedeuten hatte. Hatte dieser Tom doch nicht einmal mit ihr reden wollen.

Wie hatte sie auf ihn gewirkt?

Bisher hatte Isabell den Luxus genossen, auszuwählen, mit welchem Mann sie ausging oder nicht. Bei einer Körpergröße von einem Meter und siebzig wog sie 60 Kilogramm. Ihren Körper hielt sie mit viel Bewegung fit. Zigaretten waren für sie ein Tabu. Allerdings war sie für einen guten Cocktail jederzeit zu haben und bereit, seinen Zucker- und Alkoholgehalt zu ignorieren. Schon immer hatte sie Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt und auch wenn der Friseurbesuch jedes Mal ein Loch in ihr Budget gerissen hatte, so hatte sie sich ihn gegönnt, um ihre kesse Kurzhaarfrisur in Form zu halten.

Wahrscheinlich war dieser Tom verheiratet und hatte Kinder.

Sie spürte den Trotz in ihren Gedanken und beschloss, ihn schleunigst aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Schließlich wartete ein Neuanfang auf sie und das in jeder Hinsicht: Beruflich wollte sie erste Schritte gehen und privat hatte sie Lars hinter sich gelassen, mit dem sie zwei Jahre lang liiert gewesen war.

Ihn hatte sie während einer studentischen Exkursion kennengelernt. Damals hatte sie im Rahmen eines BWL-Seminars ein Dax-Unternehmen aus der Chemiebranche besucht.

Lars studierte jedoch nicht, wie sie, BWL, sondern Chemie. Er hatte an der Exkursion teilgenommen, weil das Unternehmen zu seinen persönlichen Favoriten bezüglich einer Anstellung gezählt hatte.

Isabell hatte anfangs nicht gewusst, dass auch Chemiestudenten mitkommen würden, war dann aber hocherfreut gewesen. Irgendwie hatte sie die Jungs erfrischend anders empfunden.

Er war ihr sofort aufgefallen. Lars war fröhlich und wissbegierig aufgetreten. Ziemlich schnell waren er und sie damals ins Gespräch gekommen. Ganz anders als Tom und sie vorhin.

Isabell erschrak. Schon wieder hatte sie an Tom gedacht. Schlimmer noch: Sie begann zu vergleichen.

Nach der Exkursion war sie zu dem Schluss gekommen, dass ein Job in der Industrie für sie nicht in Frage kommen würde und so war sie schließlich auf das Thema Tourismus und Marketing gestoßen, das sie wenig später zum Gegenstand ihrer Masterarbeit gemacht hatte. Allerdings hatte sie sich eingestehen müssen, keine Ahnung von der Praxis zu besitzen. Genau das war der Punkt gewesen, weswegen Lars bereits seit längerer Zeit gestänkert hatte. Er hatte ihr vorgeworfen, dass sie, statt im Marketing zu arbeiten, kellnern gegangen war.

Isabell seufzte und erinnerte sich, dass sie das vorhin schon einmal getan hatte.

Ja, sie trauerte ihrer Studienzeit nach. Wahrscheinlich war es sogar so, dass sie sich vor dem, was jetzt kommen sollte, auch ein wenig fürchtete. 

Tom hatte gesagt, dass auch er studiert hatte. Was das gewesen war, hatte er nicht verraten und Isabell erwischte sich dabei, zu mutmaßen.

Spontan fiel ihr das Fach Maschinenbau ein und Isabell fragte sich, weshalb. Vielleicht wegen des Krans und des Kahns?

Oder hatte er Schiffbau studiert?

Auf alle Fälle glaubte sie, dass es etwas Technisches sein musste.

Wie sie zu diesem Schluss gekommen war, wusste sie nicht. Dafür begriff sie in diesem Augenblick, dass sie in eine Radarkontrolle gefahren war und dass sie bald ein Foto von sich nach Hause geschickt bekommen würde.

Sie hatte das Ortseingangsschild übersehen und war ganz bestimmt weit entfernt gewesen von den erlaubten 50 Stundenkilometern. Sofort versuchte sie sich zu erinnern, ob sie mit 80 oder 100 Sachen in den Blitzer gerast war und wurde sich der Unerheblichkeit dieser Überlegung bewusst: Auf ihren Schein würde sie so oder so einige Zeit verzichten müssen.

„Mist“, fluchte Isabell. Das fing ja gut an! Zuerst die Pleite mit Tom und nun der Lappen weg.

Sie hatte versucht, sich zu sammeln und auf die grünen Hinweisschilder am Straßenrand zu achten. Nur mit deren Hilfe würde sie ihr Hotel finden können.

Kurze Zeit später hatte sie das Schild mit dem Namen des Hauses entdeckt und den Pfeil, in welche Richtung sie abbiegen musste. Sie schaltete in den zweiten Gang zurück und rollte gemächlich die Straße entlang. Abwechselnd richtete sie ihre Augen auf die Straße und auf die Häuser am Straßenrand.

Die Ansicht des Gebäudes hatte sie im Internet studiert, was ihr jetzt dabei half, das Haus sofort zu erkennen.

Isabell setzte den Blinker und suchte nach der Einfahrt.

„Parken für Gäste“ stand hier geschrieben. Einen Hinweis auf Parkplätze für das Personal konnte sie nicht entdecken.

Sie fuhr im Schritttempo weiter, bis sie das Ende des Grundstücks erreicht hatte. Aber auch im hinteren Bereich gab es keine speziellen Parkmöglichkeiten für Mitarbeiter und so entschied sie sich, das Auto auf einem der Gästeparkplätze abzustellen.

Isabell stellte den Motor ab und stieg aus. Diesmal achtete sie penibel auf den Sitz ihres Rockes. Hier war sie definitiv nicht allein. Schon die Anzahl der Fahrzeuge neben und hinter

ihr verriet etwas über die Zahl der Gäste in dem Haus, in dem sie die kommenden drei Monate arbeiten würde.

Isabell schaute sich um. Ihr Golf 3 war mit Abstand das mickrigste und älteste Auto auf dem gesamten Platz. Eine Wäsche könnte es auch wieder einmal vertragen, stellte sie fest und bewunderte den Porsche, der direkt neben ihr parkte. Wahrscheinlich sollte sie schleunigst den Stellplatz wechseln, um den Gast nicht zu verärgern, wenn er ihre alte Mühle sah und sich womöglich noch daran dreckig machte. Die Parkabstände waren schließlich nicht groß.

Dennoch entschloss sie sich, erst einmal alles so zu belassen, wie es war. Sie straffte den Rücken und prüfte nochmals den Sitz ihrer Kleidung. Ihre Handtasche beförderte sie über die Schulter. So hatte sie beide Hände für ihr restliches Gepäck frei. Immerhin sah sie in diesem Augenblick aus wie ein Gast und niemand wäre in der Lage zu erkennen, dass sie sich einen Aufenthalt in einem solchen Haus auf gar keinen Fall würde leisten können.

Isabell lächelte zufrieden, als sie zum Eingang lief.

Sie betrat das Gebäude und hielt Ausschau.

Der Empfangsbereich war ziemlich groß. Isabells Augen wanderten durch den Raum, als plötzlich ein junger Mann in Livree auf sie zustürmte, vor ihr stehenblieb und sich entschuldigte. Sie stutzte und wusste nicht, weshalb und wofür er das getan hatte. Aus diesem Grund schaute sie ihn an und sagte: „Nein, keine Sorge, ich bin kein Gast. Ich möchte Herrn Kröger sprechen. Ich bin ab morgen eine Kollegin.“

Isabell sah die Erleichterung bei ihrem Gegenüber und mutmaßte, dass er seinen Platz vor der Tür im Außenbereich ohne Genehmigung verlassen haben musste. Bei genauerem Hinsehen hatte sie festgestellt, dass der Mann nicht nur jung, sondern eher noch ein Junge war. Vielleicht war er ein Auszubildender, der heimlich eine Zigarette außerhalb seiner Pause geraucht hatte. Der Geruch von Nikotin war jedenfalls deutlich wahrnehmbar.

Trotz ihrer Erklärung nahm er ihr Koffer und Tasche ab, wofür Isabell dankbar war. Hatte sie doch bereits nach wenigen Schritten das Gefühl gehabt, unter der Last zusammenzubrechen.

An der Rezeption angekommen, stellte sie zuerst sich und dann ihr Anliegen vor, was die Empfangsdame dazu veranlasste, zum Telefon zu greifen.

Isabell hatte nur Bruchstücke verstanden. Offensichtlich aber befand sich ihr Gesprächspartner nicht im Haus. Die Frau legte auf und sah sie an. Dann sagte sie: „Herr Kröger ist heute wider Erwarten nicht im Dienst. Frau von Stetten wird sich um sie kümmern.“

Sie nickte. Ihr war es einerlei, wer sie in Empfang nehmen würde.

„Nehmen Sie bitte einen Augenblick Platz. Sie werden abgeholt.“

Isabell drehte sich um und tat, was man ihr gesagt hatte. Schließlich saß sie nicht alle Tage in der Lobby eines solchen Hauses und aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie in den kommenden drei Monaten auch nicht wieder hier sitzen dürfen.

Nach ihrem heutigen erlebnisreichen Tag mit Tom und dem Führerscheinverlust hatte sie sich eine Verschnaufpause verdient und so machte sie es sich in einem der Sessel bequem. Ihr stand der Sinn nach einem guten Kaffee. Noch während sie nach einem Hinweis auf eine Bar suchte, sah sie, für ihr Empfinden viel zu früh, eine Frau die Lobby betreten und sich umschauen. Wahrscheinlich galt diese Suche ihr. Vorsichtshalber vergaß Isabell den Wunsch nach einem Getränk und stand auf. Es war ihr wichtig, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen.

In diesem Moment hatte die Dame sie erspäht und kam auf sie zu.

„Herzlich Willkommen“, sagte die Frau. „Kommen Sie mit mir. Wir gehen in mein Büro.“

Der Klang ihrer Stimme war freundlich und dennoch bestimmt.

Isabell registrierte, dass sie zwischen freudiger Erregung im Hinblick auf das, was nun kommen sollte, und einer Portion Respekt, den diese Frau ihr allein durch ihre Erscheinung und die zwei gesprochenen Sätze eingeflößt hatte, schwankte.

Sie schielte nach dem Namensschild, das an deren Reverse befestigt war und noch bevor sie es lesen konnte, sagte die Frau: „Mein Name ist Sabine von Stetten. Ich bin die Leiterin dieses Hauses. Mein Vertreter, der Sie empfangen sollte, ist leider momentan verhindert. Wir haben ein wichtiges Projekt in der Endphase seiner Realisierung.“

Isabell stutze und dachte angestrengt nach.

Vor etwa einem halben Jahr hatte sie sich hier beworben. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Haus von einem Mann geleitet, dessen Name Isabell nicht mehr parat hatte. Wenn Sabine von Stetten die Direktorin war, dann erst seit kurzer Zeit.

Bisher hatte Isabell geglaubt, Kröger sei so etwas wie der Personalchef. Nun wusste sie, dass er auch der Stellvertreter der Chefin war. Allerdings würde das für sie ohne Bedeutung sein. Im Zweifel würde sie weder mit Frau von Stetten noch mit ihm intensiver zu tun haben. Ihr Aufenthaltsgrund war lediglich ein Praktikum.

Sabine von Stetten lief indes forschen Schrittes und Isabell hatte Mühe, ihr zu folgen.

Sie waren durch zahllose Gänge gelaufen, bis sie schließlich vor einer Tür angekommen waren, deren Klinke Frau von Stetten soeben heruntergedrückt hatte. Sie stieß die Tür auf, hielt sie fest und ließ Isabell den Vortritt. „Gehen Sie hinein“, sagte sie.

Isabell sah sich um.

Der Raum war geräumig, die Einrichtung schien modern und eher minimalistisch zu sein.

Entlang der längsten Zimmerwand war ein Schrank eingebaut. Seine Türen waren in einem leicht hellgrau schimmernden Farbton gehalten. Seitlich der Fensterfront stand ein großer Schreibtisch aus Glas oder einem Glasimitat. Isabell hätte ihn berühren müssen, um herauszufinden zu können, aus welchem Material er tatsächlich gefertigt war.

Das Prunkstück des Zimmers war der Tisch. Der dahinter stehende Stuhl sah eher zierlich und unauffällig aus. Komplettiert wurde die Einrichtung durch eine schwarze Ledergarnitur, die aus zwei Sofas bestand, welche über Eck angeordnet waren. In den so entstandenen Winkel war ein relativ großer und flacher Tisch gestellt worden. Er schien eher für Getränke als für Akten gedacht.

Frau von Stetten wies mit ihrer Hand auf die Sitzgruppe und sagte: „Lassen Sie uns Platz nehmen.“

Isabell ging zu dem Sofa, das gegenüber vom Schreibtisch stand und wartete. Sie war nicht sicher, ob sie den richtigen Platz ausgewählt hatte.

„Setzen Sie sich doch“, sagte Frau von Stetten und nickte.

Isabell war froh, die zweite Hürde erfolgreich genommen zu haben. Die Direktorin strahlte etwas aus, das sie noch nicht genau benennen konnte. Auf alle Fälle fühlte es sich so an, als würde Isabell am liebsten immer nur dann atmen wollen, nachdem Frau von Stetten bereits geatmet hatte.

Ohne Umschweife begann die Direktorin zu reden. Darüber, wer Isabell in den kommenden Wochen zur Seite stehen würde, um das Haus und seine Abläufe kennenzulernen und darüber, wie ihr weiterer Einsatz geplant war.

Isabell hörte zu und fragte sich mit jedem weiteren Satz, den sie hörte, wann für sie Zeit zum Schlafen eingeplant worden war. Währenddessen bemerkte sie, wie ihre Konzentration nachzulassen begann. Sogleich wurde ihr bewusst, dass sie zuletzt heute Morgen etwas gegessen und Kaffee getrunken hatte. Lediglich zur Wasserflasche hatte sie während der Fahrt und ihres unfreiwilligen Aufenthaltes bei Tom gegriffen. Isabell spürte plötzlich den Hunger, den sie aller Wahrscheinlichkeit nach in absehbarer Zeit nicht würde stillen können, denn Frau von Stetten schien noch längst nicht am Ende ihrer Ausführungen angekommen zu sein.

Sie musste sich inzwischen zwingen, nicht aufzustöhnen. Immer mehr Fakten und  Aufgaben drangen an ihre Ohren, bis sie kurz davor war, den Faden komplett zu verlieren.

Vermutlich hatte Isabell mit weit aufgerissenen Augen auf diesem edlen Sofa gesessen, wie sonst wäre Frau von Stetten auf die Idee gekommen, ihren Redeschwall abrupt zu unterbrechen. Plötzlich fragte sie: „Haben Sie Hunger?“

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Isabell geglaubt, sich tapfer geschlagen zu haben. Nun hatte sie wohl mit einer einzigen Geste den guten Eindruck zerstört, den es ihr bis dahin gelungen war zu vermitteln. Intuitiv schüttelte sie den Kopf und antwortete: „Nein, nein. Ich höre Ihnen zu.“

Frau von Stetten lachte und sagte: „Geben Sie sich keine Mühe. Ich bin sicher, dass sie hungrig und durstig sind. Sie erwecken gerade den Eindruck, als sei ihr Blutzuckerspiegel in den Keller gerutscht. Bevor Sie Ihr Zimmer beziehen, werden Sie bei den Kollegen in der Küche vorbeigehen und sich ein Gericht ihrer Wahl zubereiten lassen.“

Isabells Kraft reichte in diesem Augenblick lediglich für ein kurzes zustimmendes Nicken.

Das Wort „Küche“ beherrschte ihre Gedanken, während sie gehorsam einer jungen Frau folgte, die die Hoteldirektorin herbeigerufen und an die sie Isabell weitergereicht hatte.

Sie lief, schwieg und spürte die bleierne Müdigkeit, die sich in ihr breitzumachen begann.

Heute Morgen war sie gegen fünf Uhr aufgestanden und hatte anschließend viele hundert Kilometer Autofahrt hinter sich gebracht. Als sie bei Tom gestrandet war, hatte sie etwa sechs Stunden Fahrt in den Knochen gehabt. Inzwischen war es drei Uhr nachmittags und dieser Tag war noch nicht zu Ende. Wenn sie endlich etwas gegessen haben würde, musste sie ihr Zimmer beziehen, ihre Sachen auspacken und duschen.

Frau von Stetten hatte ihr gesagt, dass sie morgen um sieben Uhr zum Dienstbeginn erwartet würde.

Sieben Uhr.

Das war eine Zeit, die für eine Studentin mitten in der Nacht lag. Sieben Uhr war sie manchmal erst von einer Party nach Hause gekommen. Dann hatte sie geschlafen und gefrühstückt, zu einer Stunde, zu der mancher Mensch bereits zu Abend aß.

Aus der Hotelküche schlug ihnen brütende Wärme entgegen. Ihrer Begleiterin schien es jedoch nichts auszumachen. Anscheinend war sie daran gewöhnt. Isabell hingegen rang nach Luft.

Wie konnte man bei solchen Temperaturen arbeiten?

Sie prustete laut und fächelte sich mit ihrer rechten Hand Frischluft zu.

„Aus dem Weg“, hörte Isabell plötzlich jemanden hinter sich rufen und sprang intuitiv beiseite. Ihr stand nicht der Sinn danach, eine Ladung heißes Essen übergekippt zu bekommen.

Die Frau neben ihr lachte und sagte: „Keine Angst, Marius tut nichts. Er will nur spielen.“

Völlig erschöpft, aber immerhin nicht mehr hungrig, ließ sich Isabell auf ihr Bett fallen.

Sie würde hier liegenbleiben und nichts mehr tun, schwor sie sich, bevor ihr die Augen zufielen.

Mindestens vier Stunden lang musste sie geschlafen haben, denn es dämmerte bereits, als sie erwachte. Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass es 22 Uhr war.

Isabell war weder geduscht noch hatte sie etwas anderes erledigt. Insofern kam es einem Ding der Unmöglichkeit gleich, einfach liegen zu bleiben. Morgen würde sie gar keine Zeit haben, dachte sie und brachte sich in die Senkrechte.

Statt jedoch damit zu beginnen, ihr Gepäck auszupacken, suchte Isabell nach ihrem Mobiltelefon. Immerhin konnte es gut sein, dass sie eine Nachricht verpasst hatte.

Enttäuscht starrte sie auf das Display, nachdem sie registriert hatte, keinen Anruf versäumt zu haben.

Früher war kein Tag vergangen, an dem sie nicht wenigstens ein Mal mit Lars telefoniert hatte. Nun schwieg er. Kein Wunder, hatte sie ihm doch gesagt, dass sie ihn weder sehen noch hören wollte. Und Lars hielt sich daran. Auch Tom hatte sich nicht gemeldet, um nachzufragen, ob sie gut angekommen war. Wie auch hatte sie damit rechnen können, hatte er sie ja nicht einmal nach ihrer Nummer gefragt.

Wer keine Nachrichten empfing, musste auch keine beantworten. Folglich würde sie sich nun doch ihrem Gepäck und der Dusche widmen können. Vielleicht würde sie anschließend noch ein paar Schritte vor die Tür gehen können, bevor sie wieder schlafen ging, um morgen ausgeruht ihren ersten Arbeitstag zu absolvieren.

Die Luft war angenehm kühl. Isabell genoss die leichte Brise, die sie umfing. Der Tag war einfach nur heiß und anstrengend gewesen.

Sie hatte das Grundstück, auf dem sich das Wohnheim der Angestellten befand, verlassen.

Vor ihr lag der Gästeparkplatz. Als sie die Autos erblickte, durchzuckte sie ein Gedanke: Sie hatte tatsächlich vergessen zu fragen, wo sie ihr Fahrzeug parken durfte.

Schon von Weitem sah sie ihren Golf und den Porsche, der noch immer neben ihrem Gefährt stand. Nervös kratzte sie sich mit ihrer rechten Hand am Hinterkopf. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie zur Rezeption gehen und den Nachtportier fragen sollte, wohin sie das Auto zu fahren hatte. Allerdings würde sie dann zurückgehen und ihren Autoschlüssel holen müssen. Dabei wollte sie doch nichts sehnlicher, als spazieren zu gehen. So vertagte Isabell kurz entschlossen das Umparken auf den nächsten Tag.

Das Hotel schien unweit einer Fußgängerzone zu liegen. Isabell bemerkte mit einem Blick durch die kleine Gasse vor ihr, dass in geringer Entfernung Leute flanierten. Autos hingegen konnte sie weder erkennen noch hören.

Sie lief geradeaus und hatte nach wenigen Metern tatsächlich die Promenade erreicht.

Dass es sich hier nicht um eine der typischen innerstädtischen Fußgängerzonen handelte, erkannte sie daran, dass vor ihr, entlang des gepflasterten Weges, ein Ufer verlief. Dank der Straßenbeleuchtung glitzerte das Wasser des Sees in der Dunkelheit der Nacht.

Isabell atmete tief. In diesem Moment machte sich ein Urlaubsgefühl in ihr breit und sie bemerkte, dass sie die Großstadt so gar nicht vermisste.

Dabei liebte sie die.

Ihre ehemalige Universität befand sich in einer der größten deutschen Städte Süddeutschlands. In einer Stadt, von der man den Eindruck hatte, sie würde niemals schlafen. Nun war sie in einer Kreisstadt im Norden angekommen und fühlte sich tatsächlich nicht unwohl. Isabell lächelte vor sich hin und dachte an Tom und seine Wortkargheit. Und an seinen Akzent.

Vorhin, im Hotel, hatten weder Frau von Stetten, noch die Rezeptionsmitarbeiterin Dialekt gesprochen. Isabell würde sich bemühen müssen, ihren eigenen zu verdrängen. Sie war mit Mundart aufgewachsen und innerhalb der Familie und im Alltag wurde sie gesprochen. Daheim fiel man damit nicht auf. Auffallen taten nur die Fremden.

Und hier war sie die Fremde.

Tom hatte gesagt, er sei viele hundert Kilometer von hier entfernt zur Welt gekommen. Schon vorhin hatte sie sich gefragt, welcher Ort das wohl sein konnte. Er hatte weder einen baden-württembergischen noch einen bayrischen Einschlag in der Sprache gehabt. Er klang auch nicht, als käme er aus Nordrhein-Westfalen.

Isabell dachte angestrengt nach. Im Prinzip hatte er tatsächlich norddeutsch geklungen, was jedoch nicht zu seiner Entfernungsangabe passte. Blieb eigentlich nur Ausland.

War er vielleicht Skandinavier?

Isabell war so dermaßen in Gedanken versunken, dass sie das Pärchen mit dem Hund nicht gesehen hatte. Plötzlich hörte sie ein Quietschen unter ihrem linken Schuh, schaute nach unten und sah, dass sie auf etwas getreten war, was sie nicht sofort identifizieren konnte. Als sie wieder aufblickte, sah sie in das Gesicht eines Mannes, der entschuldigend sagte: „Das wollte ich nicht.“

In dem Moment hatte sie registriert, dass sie auf ein Hundespielzeug getreten war. Offensichtlich hatte der Besitzer des Tieres es geworfen.

Isabell sah erneut nach unten und in zwei runde Knopfaugen, die sie aufzufordern schienen, das Spielzeug freizugeben. Sie trat einen Schritt beiseite, bückte sich und griff zu. Dann warf sie das quietschende Etwas in Richtung des Ufers. Blitzschnell setzten sich vier Hundebeine in Bewegung, um Sekunden später samt Spielzeug wieder vor ihr zu stehen.

Isabell lachte und hatte erkannt, dass sie wahrscheinlich den ersten Freund am neuen Ort gefunden hatte. Sie wiederholte die Prozedur, winkte und setzte ihren Weg fort.

Noch immer musste sie über das soeben Erlebte schmunzeln und dennoch spürte sie plötzlich Wehmut in sich aufkommen.