366 Tage vom Himmel entfernt - Sina Wunderlich - E-Book

366 Tage vom Himmel entfernt E-Book

Sina Wunderlich

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Beschreibung

Als Mila das Tagebuch ihrer verstorbenen Mutter findet, ahnt sie noch nicht, dass sie damit auch ein Familiengeheimnis ans Licht bringt. Wer war ihre Mutter wirklich? Zusammen mit vier neuen Freunden, die plötzlich in ihr Leben treten, macht sie sich auf eine unvergessliche Reise. Gemeinsam begegnen sie Liebe, Schmerz ... und dem Tod. Und dann beschließt Mila, den letzten Wunsch ihrer Mutter zu ihrem eigenen zu machen.

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Seitenzahl: 242

Veröffentlichungsjahr: 2020

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366Tage vom Himmel entfernt

Sina Wunderlich

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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2018.

Cover gestaltet mit Bildern von © VRD, © Eisenhans, © Manuel

alle lizenziert Adobe Stock

ISBN: 978-3-86196-753-8 – Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-257-9 – E-Book

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

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Inhalt

Prolog

DianaOktober 2015

JacobNovember 2015

HollyNovember 2015

BennyMärz 2016

MilaMai 2016

HollyMai 2016

BennyMai 2016

DianaMai 2016

MilaMai 2016

HollyMai 2016

BennyMai 2016

MilaMai 2016

JacobMai 2016

DianaMai 2016

HollyMai 2016

BennyJuni 2016

MilaJuni 2016

DianaJuni 2016

BennyJuni 2016

MilaJuni 2016

HollyJuni 2016

JacobJuni 2016

DianaJuni 2016

BennyJuni 2016

MilaJuni 2016

MilaJuni 2016

JacobJuni 2016

BennyJuni 2016

HollyJuni 2016

DianaJuni 2016

BennyJuni 2016

MilaJuni 2016

HollyJuni 2016

DianaJuni 2016

Mila

JacobJuni 2016

BennyJuni 2016

HollyJuni 2016

JacobJuni 2016

DianaJuni 2016

Mila

Epilog

Die Autorin

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„Jeder Tag ist wie eine neue Seite

im Roman deines Lebens

und nur du bestimmst,

wie die Geschichte weitergeht ...“

Für dich ...

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Prolog

Der Wind bläst meine Haare zurück.

Das dunkelblaue Kleid weht wild hin und her.

Meine nackten Füße berühren den kalten Steinboden.

Kleine Kieselsteine stechen in meine Fußsohlen.

Knappe zwei Schritte nach vorne

und ich werde viele Meter in die Tiefe stürzen.

Ich könnte mir das Leben nehmen.

In 366 Tagen werde ich eh sterben.

Doch ich tue es nicht.

Ich begegnete in meinem Leben bis jetzt dreimal dem Tod. Schon nach den ersten beiden Begegnungen wusste ich, dass der Tod keine wirklich nette Gesellschaft war. Alle um einen herum trauern, tragen Schwarz und sogar sonst sehr starke Menschen haben Tränen in den Augen. Auch Männer!

In diesen Momenten bin ich dem Tod allerdings nur passiv über den Weg gelaufen. Jedoch kam es leider zu einer dritten Begegnung. Und dieses Mal stand er mir frontal gegenüber und schaute mich mit seinen pechschwarzen, düsteren Augen an.

Viele denken jetzt vielleicht, ich sei verrückt, weil ich den Tod als menschliches Wesen sehe, doch so kann ich meine Gefühle zu ihm besser beschreiben. Außerdem, wie soll ich sonst den Tod besiegen, wenn ich ihn nicht als menschliches Wesen betrachte?

Morgen in einem Jahr soll ich sterben. Ein seltsames Gefühl ist es schon. Auf den Tag genau zu wissen, wann man sterben wird. Und alles nur, weil die Ärzte bei mir Krebs festgestellt haben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Leben nicht fair ist. Doch das ist es noch nie gewesen. Nicht in meinem Fall.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich Angst vor dem Tod. Wie es sich wohl anfühlt zu sterben? Genau dieser Gedanke ängstigt mich. Nicht zu wissen, wie es sich anfühlt und was danach sein wird. Alles, was ich nicht planen kann, erschreckt mich im ersten Moment. Doch ich sollte keine Angst vor dem Tod haben. Denn ich werde so oder so sterben. Egal, ob heute, in 366 Tagen oder wenn ich alt und schrumpelig bin.

Langsam und behutsam strecke ich die Arme

wie Flügel zu den Seiten hin aus.

Ich schließe die Augen.

Ich kann das Meer rauschen hören.

Die Wellen schlagen gegen die Felsen.

Das Kreischen der Möwen bleibt lange in meinen Ohren hängen.

Eine Minute vergeht.

Die Wellen werden flacher

und der Wind peitscht nicht mehr ganz so stark.

Ich gehe einen Schritt nach vorne.

*

Diana

Oktober 2015

Ich schaute durch das Fenster und das Einzige, was ich sah, waren Menschen. Menschen, die alle gleich aussahen. Menschen, die, von früh bis spät den Blick auf das Handy gerichtet, durch die Straßen hetzten. Die komplette Welt da draußen war durchgetaktet. Die Zeit rannte und die Menschen mit ihr. Es war grau und neblig. Männer mit schwarzen Anzügen und Aktentaschen, beständig nervös auf die Uhr blickend, rannten zum Bahnhof oder zum nächsten Büro. Ich mochte die Welt außerhalb unseres kleinen Buchladens nicht besonders. Hier gab es Bücher, die mich in ihre Welten zogen und mich die graue, einheitliche Realität vergessen ließen.

Die Ladenglocke riss mich aus meinen Gedanken. Frau Delune, unsere Stammkundin, stand vor mir. Ihre grauen Haare waren wie immer zerzaust, aber dieses Mal zu einem Dutt nach oben gesteckt. Schon seit Jahren kaufte sie mindestens einmal in der Woche ein Buch hier. Mir war bis heute nicht klar, wo sie all diese Bücher verstaute.

„Oh, Fräulein Clarke, es freut mich, Sie zu sehen.“

„Die Freude ist ganz meinerseits, Frau Delune“, erwiderte ich.

Sie brachte ein schwaches Lächeln hervor. „Ich brauche ganz dringend eine neue Lektüre. Die letzte war ganz schrecklich.“

Ich zog die Augenbrauen hoch. Ich erinnerte mich genau daran, was ich ihr als Letztes verkauft hatte. Es war ein kleines dünnes Buch gewesen, ein Thriller. Ich hatte ihn selbst einmal gelesen und war mir eigentlich sicher, dass er Frau Delune gefallen würde. Normalerweise las sie viel schlimmere Bücher.

„Was war denn so schrecklich, wenn ich fragen darf?“, erkundigte ich mich.

„Aber natürlich dürfen Sie das, es war schließlich ein Buch aus Ihrem Laden. Zunächst dachte ich, es wäre gut, doch stellen Sie sich vor, am Ende fehlten ein paar Seiten. So wusste ich nicht, wie die Geschichte ausging, und habe mir nächtelang den Kopf darüber zerbrochen.“

Ihre Aussage erstaunte mich. So eine Klage hatte ich noch nie gehört. „Das ist seltsam. Ich hätte schwören können, dass das Buch vollständig war, als ich es das letzte Mal in den Händen hatte. Ich habe noch eine andere Auflage hinten im Lager. Wollen Sie darin vielleicht das Ende der Geschichte lesen?“

Sie lächelte erneut und auch ihre alten Augen begannen wieder zu strahlen. Diese waren so dunkelblau, dass man sich darin verlor. Nur wenn etwas nicht mit ihr stimmte, verströmten sie eine gewisse Trübheit. „Nein, Liebes, das ist aber sehr nett von Ihnen! Manchmal wünschte ich, ich wäre früher auch so ein liebes Mädchen gewesen. Das Leben wäre so viel einfacher gewesen.“

Ihr Blick richtete sich auf die weiße Wand hinter mir und ich hatte das Gefühl, sie dächte an früher. Ich wusste nichts über diese Frau, abgesehen von ihrem Nachnamen. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie ihr früheres Leben abgelaufen war. Doch so wie es aussah, war ihre Vergangenheit nicht allzu schön, da ihr dieser Gedanke das Lächeln aus dem Gesicht gewischt hatte.

Sie schüttelte die Erinnerung ab und schaute mich wieder an. „Na ja, ich brauche jedenfalls etwas Neues zum Lesen.“

Nach einer guten Stunde ging Frau Delune mit drei Büchern in ihrer roten Handtasche aus dem Laden. Ich holte mir eine Tasse heißen Kaffee und setzte mich in meinen Lieblingssessel. Groß, weich, perfekt. Nachdem ich die Schule vor zwei Jahren abgeschlossen hatte, war ich jeden Tag hier gesessen. Ich sollte meinen Eltern im Laden helfen, bis es ihnen besser ginge. Erst danach dürfte ich studieren, erklärten sie mir oft.

In meiner Schulzeit war ich oft Streberin genannt worden. In fast jeder Klausur volle Punktzahl. Doch ohne Arbeit war dieser Erfolg nicht zustande gekommen. Jeden Tag war ich hier in diesem Sessel gesessen und hatte gelernt. Bis spät in die Nacht hinein.

Ich war nicht die beliebteste Person in der Schule gewesen. Die meisten Jungs fanden mich hübsch, da war ich zwar schon immer anderer Meinung gewesen, aber mich fragte ja niemand. Doch weil ich fast nie Zeit hatte und immer lernte (ohne Ausnahme), verloren viele Leute das Interesse an mir. Ich hatte eine beste Freundin, die immer auf meiner Seite stand, allerdings war sie vor einem Jahr nach Irland gezogen, um dort zu studieren. Mit Jungs hatte ich nie wirklich viel zu tun gehabt. Und so hatte ich in den letzten zwei Jahren viel zu viel Freizeit genossen.

Die Ladenglocke ertönte. Überrascht schaute ich auf. Außer Frau Delune hatten wir eigentlich keine Stammgäste. Nur selten bog jemand in die enge Seitenstraße ein und betrat unseren Laden. Ich lächelte. Vor mir stand Mila. Ich kannte sie schon seit meiner Kindheit und oft kam sie mich besuchen, um mir das Neueste zu erzählen. Wir kannten einander viel zu gut. Sie war für mich so etwas wie eine kleine Schwester.

Ich stellte meinen Kaffee im nächstgelegenen Regal ab und stand auf, um sie zu begrüßen.

„Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht aus deinen Gedanken reißen“, brachte sie lachend hervor.

Nach guten zwei Stunden ging uns der Gesprächsstoff aus und wir schwiegen eine Weile. Sie schaute mich an und ich wusste genau, was sie hören wollte. „Erzählst du sie mir noch einmal?“

Als hätte ich das nicht schon oft genug getan ... doch wieder einmal begann ich, ihre Lieblingsgeschichte zu erzählen.

Es waren einmal ein kleines fünfjähriges Mädchen und eine bildhübsche, junge Frau.

An einem verschneiten Tag, die Welt war weiß, fast alle Leute waren im Weihnachtsstress und hetzten von einem Geschäft zum nächsten, stand das kleine Mädchen still auf dem Gehweg und schaute mit großen Augen dem Geschehen zu. Die dunklen Haare der Kleinen fielen ihr ins Gesicht und über den dicken Schal. In der Hand hielt sie eine Schnur, an der ein schöner, großer roter Luftballon befestigt war. Er tanzte fröhlich durch die Luft und stieß ab und zu an die Hauswand. Das Mädchen hatte ihn kurz zuvor von einem Mann bekommen, den es nicht kannte. Und nun stand die Kleine da, mit roten Bäckchen und dem Luftballon in der Hand.

Zur gleichen Zeit war eine junge, bildhübsche Frau unterwegs, der man deutlich ansah, dass sie bald ein Kind zur Welt bringen würde. Ihr Blick schweifte über die Menschenmenge, als würde sie etwas suchen. Als ein Mann an ihr vorbeieilte und sie nicht bemerkte, rempelte er sie an und vor lauter Schreck ließ sie ihren Schlüssel fallen, der im Schnee landete.

Das kleine Mädchen hatte alles beobachtet und eilte zu der Frau hin. Mit seinen kleinen, zarten Fingern griff es in den Schnee und holte den Schlüssel. Die Kleine erhob sich wieder und streckte der Frau den Schlüssel entgegen.

Diese lächelte. „Wie lieb von dir. Vielen Dank. Einen schönen Luftballon hast du da.“ Die Kleine schwieg, lächelte aber leicht. „Kannst du mir vielleicht weiterhelfen? Ich suche einen Buchladen. Ich brauche noch dringend ein Geschenk für meinen Mann, weißt du.“

Das kleine Mädchen nickte, drehte sich langsam um und stapfte durch den Schnee voraus. Die Frau folgte ihr. In einer Seitenstraße befand sich tatsächlich ein kleiner Buchladen. Die Kleine drückte etwas angestrengt die Tür auf und trat ein. Die Ladenglocke ertönte.

Ein Mann saß hinter der Ladentheke und schaute über die Brillengläser hinweg, wer gekommen war. „Diana, wen bringst du denn mit?“

Die junge Frau fragte zu dem Mädchen gewandt: „Ist das dein Vater?“

Das Mädchen nickte und grinste. Dann lief sie schnell nach hinten, weiter in den Laden hinein.

Der Mann stand auf und ging zu der Frau. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Als die Kleine zurückkam, ihren Schal und die Jacke abgelegt hatte, war die Frau mit Dianas Vater schon in ein Gespräch verwickelt. Die Kleine setzte sich in ihren Lieblingssessel und beobachtete die beiden. Ihre kleinen Beine reichten gerade so über den Rand des Sessels.

Ein paar Tage später war die Frau wieder im Buchladen und unterhielt sich mit der kleinen Diana. Diese schaute die junge Frau eine Zeit lang an. „Wie heißt du eigentlich?“, wollte sie schließlich wissen.

Die Frau musste lächeln. „Stimmt, ich habe bei unserem letzten Treffen gar nicht meinen Namen erwähnt, wie unhöflich von mir. Ich bin Lorena, freut mich sehr.“ Sie streckte Diana die Hand hin, die sie lachend annahm.

„Da ist ein kleines Baby drin, oder?“ Das Mädchen deutete auf den dicken Bauch von Lorena.

Diese nickte und ihre Augen strahlten dabei.

Mitte Februar kam die junge Frau überraschenderweise nicht in den Buchladen. Diana stand lange am Fenster, die Nase platt gegen die Scheibe gedrückt. Doch Lorena kam einfach nicht.

Eine gute Woche später war es so weit und die junge Frau kam Diana endlich wieder besuchen. Doch sie war nicht alleine. Ein großer, schwerer Kinderwagen war ihre Begleitung. Diana war begeistert und machte große Augen. Als sie in den Kinderwagen schaute, lag dort ein winziges, schlafendes Wesen.

„Darf ich dir jemanden vorstellen? Das ist Mila Lilian Doncaster.“

Von diesem Tage an sah Diana zu, wie die kleine Mila aufwuchs. War Zeugin ihrer ersten Schritte und ihrer ersten Wörter. Sobald sie älter wurde, spielte sie mit ihr. Die beiden verbrachten jede freie Sekunde zusammen und wurden beste Freunde. Trotz des Altersunterschiedes verstanden sie sich super.

Den Tag, an dem die fünfjährige Diana zum ersten Mal in die kristallblauen Augen von Mila schaute, würde sie nie vergessen.

Als ich mit Erzählen fertig war, schaute ich in Milas kristallblaue Augen, in denen sich Tränen gesammelt hatten. Ihr zugleich lächelndes, bildhübsches Gesicht erinnerte mich an Lorenas. Sie waren sich sehr ähnlich. Ich vermisste Milas Mutter. So sehr, dass man es nicht in Worte fassen konnte. Doch sie würde nie wieder da sein.

*

Jacob

November 2015

Ich wusste nicht, was ich hier eigentlich machte, doch ich wusste, dass es definitiv falsch war. Ich sollte nicht hier sein. Nicht hier, nicht ein Haus weiter, nicht zwei Häuser weiter und auch nicht drei, sondern bei ihr, nur bei ihr. Doch aus unbegreiflichen Gründen war ich hier. In dem Haus einer Person, die ich eigentlich gar nicht kannte. Wahrscheinlich war ich hier, um cool zu sein. Um so zu sein wie alle anderen, auch wenn ich eigentlich nicht so war und nicht so sein wollte.

Früher dachte ich immer, ich wäre etwas Besonderes. Anders als alle sonst. Ich war frei und konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich machte alles mit, um nicht als uncool bezeichnet zu werden. Egal, ob ich jetzt hier sein wollte oder nicht, ich war es, damit ich sagen konnte: „Ich war dabei.“

Laute Musik, überall Menschen, viel Körperkontakt, Zigarettenrauch, Alkohol und noch mehr Alkohol. Eigentlich mochte ich diese Welt. Doch es war falsch, sie zu mögen. Ich wusste nicht einmal, ob ich diese Welt wirklich mochte, oder ob der Jacob, der versuchte, cool zu sein, diese Welt mochte. Dieser Jacob war ich einmal gewesen. Doch ich hatte mich verändert. Allerdings waren viele Eigenschaften von ihm hängen geblieben.

Was ich wusste war, dass ich mir durch solche Aktionen mein Leben kaputt machte. Das war mir voll und ganz bewusst. Trotzdem war ich heute hier. Und das war alles andere als gut. Denn jede Sekunde, die ich hier verbrachte, erinnerte mich an damals. An die schlimmste Nacht meines Lebens. In jener Nacht vor zwei Jahren beging ich den größten Fehler meines Lebens. Und sie startete nicht sehr viel anders als diese.

Rückblick

November 2013

00:30 Uhr.

500 Meter.

Ein Haus.

Laute Musik.

Viele Menschen.

Es war eine Nacht wie jede andere. Man konnte den Nebel deutlich im Licht der Straßenlaternen erkennen. Ein Junge, gerade 13 geworden, schlurfte durch die Straßen. Er sollte an diesem Abend nicht weggehen, doch es interessierte ihn nicht, was seine Eltern ihm sagten. Er rieb sich die Hände. Es war eine kalte Nacht.

Das Licht brannte.

Die Tür war angelehnt.

Er lief schneller, doch es war zu spät. Da war ein Mann. Und sie.

November 2015

Nun saß ich hier. Rechts von mir mein bester Freund, links von mir ein Mädchen, das ich nur vom Sehen her kannte. Sie war ein oder zwei Jahre älter als ich. Und sie war sehr damit beschäftigt, mit ihren großen braunen Augen einen Jungen weiter hinten zu beobachten. Dabei wickelte sie eine Strähne ihres strohblond gefärbten Haars um ihren Finger.

Doch ich achtete nicht wirklich auf sie. Meine Gedanken schwirrten noch um jene Nacht herum. Man hätte meinen können, dass ich mich nach dieser Nacht verändert hätte, damit so etwas nie wieder passieren würde. Doch ich tat nichts. Ich konnte stur sein. Sehr stur sogar. Und so machte ich es oft nur schlimmer. Ich war immer noch der Gleiche. Der Jacob, der cool sein wollte. Nur in meinem Inneren wusste ich, dass es falsch war, was ich tat.

Wir saßen auf einem alten, klapprigen blauen Sofa, welches sich in der Mitte nach unten senkte, wenn wir zu dritt darauf saßen. Ich schaute nach draußen. Ein dunkler Garten versperrte die Sicht auf eine befahrene Straße. Ich schaute in den pechschwarzen Himmel. Sterne konnte man nicht sehen, da die Straßen viel zu hell beleuchtet waren.

Entschlossen stand ich auf.

„Jacob, wo willst du hin?“, rief mein bester Freund mir noch nach. Doch ich beachtete ihn nicht.

Ein Fuß vor den anderen. Es war noch vor zwölf Uhr. Ungewöhnlich für mich, dass ich jetzt schon ging. Doch in meinem Inneren spürte ich, dass ich gehen musste, und das erste Mal in meinem Leben ließ ich mein Bauchgefühl siegen.

*

Holly

November 2015

Verdammt! Das helle grüne Licht des Internetanschlusses ließ mich einfach nicht einschlafen. An. Aus. An. Aus. Im Zimmer war es stockdunkel. Doch alle zwei Sekunden blinkte das grüne Lämpchen auf. Es war schon kurz vor zwölf Uhr und eigentlich sollte ich längst schlafen.

Langsam stand ich auf, um etwas zu suchen, was das schrecklich blinkende Licht verdecken konnte, sonst würde ich noch die ganze Nacht wach liegen. Meine langen blonden Haare fielen mir über den Rücken. Ich tapste in meinem Zimmer hin und her. Nur alle zwei Sekunden erkannte ich halbwegs etwas. Ich wollte das Licht nicht anmachen, sonst würden meine Augen vermutlich vor Helligkeit sterben. Ich suchte etwas Papier, um es vor das Licht zu kleben. Shit! Mein kleiner Zeh mochte Möbelstücke leider sehr gerne. Dauernd stieß ich gegen irgendetwas.

Angestrengt und fluchend versuchte ich, einen kleinen Zettel in meinem Chaos zu finden. Ich war noch nie sehr begeistert von Ordnung gewesen. Das war ja auch nur etwas für Leute, die nicht schlau genug waren, sich im Chaos zurechtzufinden. Endlich fand ich ein kleines Stück Papier, welches ich vor das Licht hängte. Es hielt sogar relativ gut. Ein Grinsen huschte über mein Gesicht.

Plötzlich hörte ich ein Knacken draußen vor der Haustür. Panisch drehte ich mich um. Ich hörte Schritte vor unserem Haus. Sofort verstummten sie wieder. Durch die Glasscheibe, die in unsere Haustür eingelassen war, sah ich die schwarzen Umrisse einer Person. Ich kroch in die hinterste Ecke meines Betts. Die Knie bis zur Brust gezogen, die Arme um die Beine geschlungen und die Decke bis zur Nase hochgezerrt. Ich zitterte am ganzen Körper. Vor meinen Augen sah ich ihn. Diese Nacht damals hatte mich geprägt.

Rückblick

November 2013

Der Fernseher flackerte. Ein kleines Mädchen von acht Jahren saß auf dem Sofa in der hintersten Ecke. Gebannt sah sie auf den Bildschirm. Tick. Tick. Tick. Der Minutenzeiger bewegte sich auf die Zwölf zu. Es war neun Uhr. Eine Stunde später als sie eigentlich ins Bett gehen sollte. Sie war alleine zu Hause, weil ihr Bruder es nicht einsah, zu babysitten und auf seine kleine Schwester aufzupassen. Und so war er trotz des Verbots der Eltern heute weggegangen. Die Eltern der beiden waren an diesem Abend im Kino. Sie waren zuvor noch nie weggegangen und hatten die Kinder alleine zurückgelassen, doch sie hofften, dass es keine Komplikationen geben würde.

Die Kleine machte den Fernseher aus und ging in ihr Zimmer. Schlafen konnte sie jedoch nicht. Sie lag noch Stunden wach. Als sie ein Geräusch vor der Tür hörte, wusste sie, dass ihr Bruder endlich nach Hause kam. Die Tür öffnete sich. Sie hörte Schritte, die näher kamen. Ihre Zimmertür wurde aufgerissen. Und die Person, die vor ihr stand, war definitiv nicht ihr Bruder.

November 2015

Ich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss umdrehte. Die Tür ging auf und Schritte waren zu hören. Mir wurde auf einmal schlecht und so kalt, dass ich am ganzen Körper Gänsehaut bekam. Ich hatte Angst. Die Schritte kamen auf mein Zimmer zu. Die Tür öffnete sich. Ich schrie kurz auf und hielt meine Hände vor das Gesicht.

„Chill dein Leben, ich bin’s nur. Ich bin wieder zu Hause.“

Ich nahm die Hände langsam von meinen Augen weg. „Jacob!“, zischte ich wütend. „Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein.“

Jacob musste lachen, schloss die Tür und tapste nach oben.

Mit Herzklopfen sank ich in meinen Kissenberg zurück. Irgendwann würde ich meinen Bruder noch umbringen.

*

Benny

März 2016

Was ist Glück? Die drei Wörter standen schwarz auf weiß auf meinem Blatt. Das restliche Papier war leer. Ich saß da und starrte nach vorne zum Professor. Eigentlich hörte ich ihm gar nicht richtig zu, sondern war in meine Gedanken versunken. Erst als alle anderen Studenten vor mir in den Reihen aufstanden und ihr Blätterchaos beseitigten, war ich wieder im Hier und Jetzt. Verwirrt sah ich meinen Sitznachbarn an. Wie lange war ich gedanklich nicht anwesend gewesen? Als er meinen Blick sah, begann er kurz und knapp zu erklären: „Vier Wochen Zeit. Keine Seminare. Hausarbeit über Was ist Glück?. Zehn Seiten lang. In der Zeit Praktikum in einer Schule machen.“

Der Gedanke, vier Wochen keine Seminare zu haben, gefiel mir. Moment?! Praktikum in einer Schule machen? Na super. Vier Wochen lang von nervigen, kleinen Kindern umgeben? Ich musste unbedingt einen Platz im Gymnasium ergattern. Da waren die Schüler am harmlosesten. Das Kindergeschrei in Grundschulen hielt doch keiner aus.

Auf dem Weg nach draußen begegnete ich Caro, meiner Ex-Freundin. Bis vor einem knappen halben Jahr waren wir relativ lange zusammen gewesen, aber wir hatten beide gemerkt, dass unsere Beziehung nicht mehr funktionierte. Wir hatten uns dauernd wegen irgendwelcher Kleinigkeiten gestritten. Irgendwann liebte ich sie einfach nicht mehr. Und das tat mir wirklich leid, da Caro ein tolles Mädchen war. Ihre Ausstrahlung war super und ihr Charakter einfach perfekt, aber ich konnte nichts daran ändern, dass ich nichts mehr für sie empfand. Alle anderen Jungs verstanden mich nicht, warum ich so ein Mädchen gehen ließ, aber irgendwann würde schon noch meine perfekte Traumfrau kommen.

Caro hing mir seit unserer Trennung ständig am Rockzipfel und wollte nun auch wieder wissen, ob wir uns denn mal treffen könnten, um einfach nur einen Film zu schauen. Doch ich dachte nicht einmal daran, mich überhaupt mit ihr zu unterhalten, und so ließ ich sie wie an all den anderen Tagen einfach stehen.

Ich schlurfte die Straßen entlang. Ich würde nicht behaupten, dass mein Studentenleben sehr toll war, doch machte das Studium mich irgendwie zu einem nicht ganz so faulen Menschen. Ohne dieses würde ich wahrscheinlich die ganze Zeit mit meiner heiß geliebten Jogginghose im Bett liegen bleiben, dem Moderator irgendeiner Quizshow im Fernsehen lauschen, der ohnehin nur uninteressantes Zeug erzählte, und ab und zu mal einen Ausflug zur Tür machen, wenn ich mir kurz zuvor eine Pizza bestellt hatte. Thunfisch und Pilze. Standard in meiner kleinen Wohnung.

Doch leider konnte ich dieses Leben nicht führen. Durch das Studium war ich gezwungen, mindestens dreimal die Woche aufzustehen. Wenn ich mich dort nicht mehr blicken ließe, würde das meinen Eltern gar nicht gefallen. Sie bezahlten immerhin eine ziemliche Summe für dieses Studium, mit dem ich eigentlich nicht viel anfangen konnte. Wen interessierte heutzutage schon Philosophie? Wahrscheinlich niemanden. Doch wusste ich nicht, was ich sonst mit meinem Leben anfangen sollte. Für meinen Traum, die ganze Zeit nur zu reisen, fehlte mir eindeutig das Geld. Zudem bezahlten meine Eltern die Wohnungsmiete, die natürlich völlig überteuert war, da ich auf die geniale Idee gekommen war, nach Berlin zu ziehen. Genau 483,5 Kilometer weit weg von ihnen. Und das war auch gut so.

In letzter Zeit hatte ich mein Leben nicht mehr ganz so im Griff wie früher einmal. Was war nur aus dem braven, kleinen Jungen geworden, der einen vor zehn Jahren mit großen Augen angeschaut und kräftig genickt hatte, wenn man ihm etwas sagte?

Fast jedes Wochenende war ich viel zu lange wach. Dachte über den Sinn des Lebens nach, da ich durch das Studium ja sonst nichts im Kopf hatte. Meistens starrte ich die weiße Wand gegenüber von meinem Bett an. Rechts von mir eine Bierdose (meistens war es tatsächlich nur eine), links von mir ein Pizzakarton mit den übrig gelassenen Pizzarändern, die ich noch nie in meinem Leben gegessen hatte.

Mit mir war im letzten Jahr so einiges schiefgelaufen. Was genau es war, wusste ich eigentlich selbst nicht. Lag wohl am Studium.

Montagmorgens war ich dann meistens so kaputt, dass ich entweder erst gar nicht den Wecker hörte oder ihn ignorierte, da ich so müde vom Wochenende war. Ab und zu quälte ich mich unter der Woche in einen der vielen Hörsäle und lauschte dem Geschwafel der Professoren.

Meine Woche lief eigentlich immer gleich ab. Selten änderte sich etwas. Und wenn, dann waren es nur Kleinigkeiten, die normalerweise in einem Leben nichts ausmachten.

Ich schlurfte also durch die Straßen von Berlin, nachdem ich erfahren hatte, dass ich für vier Wochen in eine Schule gehen sollte, um dort eine Art Praktikum zu machen. In meiner kleinen Wohnung angekommen, die ich mir mit Simon, einem anderen Studenten, teilte, setzte ich mich sofort an den Computer und schrieb das nächstgelegene Gymnasium an. Schon nach zwei Tagen bekam ich eine Antwort und glücklicherweise würden sie mich für vier Wochen nehmen. Problem gelöst.

Acht Wochen später. Montagmorgen, 6:30 Uhr. Mein Wecker klingelte. Genervt legte ich mir mein Kissen über den Kopf und drehte mich auf die andere Seite.

Simon lachte. „Ey, Kumpel. An deiner Stelle würde ich aufstehen. Die Schule wartet. Nix mehr Uni, wo du locker zu spät kommen kannst. Oder nach deinem Motto erst gar nicht auftauchen musst.“

Shit! Die Schule hatte ich total vergessen. Langsam quälte ich mich aus dem Bett. So früh war ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr aufgestanden.

Als ich vom Bett ins Bad stolperte, lachte mich Simon erneut aus und verschwand in der Küche. Wieso war er überhaupt schon wach? Er musste erst in ein paar Stunden in der Uni auftauchen, wenn er pünktlich da sein wollte.

Mit der Zahnbürste im Mund wanderte ich durch die Wohnung und suchte ein paar anständige Klamotten. Ich versuchte, meine Haare einigermaßen in Form zu bringen, um an meinem ersten Tag nicht gleich einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Als ich in der Küche auftauchte, war Simon schon fast fertig. Ich machte mir nur schnell einen Kaffee. So früh am Morgen konnte doch kein Mensch etwas essen.

Um halb acht machte ich mich auf den Weg zur Schule. Sie lag nicht weit von meiner Wohnung entfernt.

*

Mila

Mai 2016

Das hatte sie jetzt nicht wirklich gesagt! Wie konnte sie nur? Wütend stand ich auf. Im Vorbeigehen zischte ich noch: „Ich bin froh, so zu sein wie sie!“

Meine Wut verschwand blitzartig, als ich den Raum verließ. Leise ging ich die Treppe hinauf und ließ den Kopf hängen. Wie konnte Oma nur so etwas über Mum sagen? Ihre Worte hallten in meinem Kopf wider: „Du bist genauso unvernünftig wie deine Mutter. Was denkst du, warum sie gestorben ist?“

Als ich oben ankam, bog ich links ab und nicht rechts wie sonst immer. Ich stand vor einer verschlossenen Tür. Ein braunes Holzschild hing schief auf Augenhöhe. BITTE KLOPFEN stand darauf. Langsam drückte ich die Türklinke hinunter. Ich musste nicht klopfen, denn hier war schon seit Jahren niemand mehr gewesen. Ich atmete noch einmal tief durch, dann drückte ich gegen die Tür. Sie sprang quietschend auf.

Das letzte Mal, als ich hier gewesen war, war ich ungefähr vier Jahre alt und daran konnte ich mich nicht mehr erinnern. Das Zimmer war relativ klein. Ein Bücherregal, das bis zur Decke emporragte, und ein Schreibtisch, der so viele Schubladen hatte, dass man sie gar nicht alle zählen konnte, waren das Erste, was man sofort sah. Alles in einer dunklen Holzfarbe gehalten. Die weißen Vorhänge versperrten die Sicht nach draußen. Ich drückte auf den Lichtschalter und schaute skeptisch die Lampe an. Sie flackerte kurz, doch dann erfüllte sie das Zimmer mit einem matten Schein.

Ich betrat den Teppich und schaute mich noch einmal um. Bücher über Bücher. Im gesamten Haus meiner Großeltern gab es nicht so viele Bücher wie hier. Eine dicke Staubschicht überdeckte aufgestapelte Bücher neben dem Regal.

Ich schloss die Tür und ging auf den Schreibtischstuhl zu. Er quietschte, als ich mich setzte. Ich drehte den Stuhl so, dass ich direkten Blick auf das Regal hatte. Alle Arten von Büchern standen hier. Schon nach wenigen Sekunden entdeckte ich mein Lieblingsbuch: Der Tigerprinz. Ich liebte diese Geschichte, schon seit ich denken konnte. Mum hatte sie mir früher immer vorgelesen. Weil es ihr Lieblingsbuch gewesen war, wurde es vermutlich auch zu meinem. Ein Kinderbuch. Doch die Geschichte war fantastisch und berührend zugleich. Es hatte einen schwarzen Einband, war ganz dünn und auf dem Cover prangte ein großer Tiger.

Rückblick

Februar 2006