Betreten verboten
Fürstenroman von Eva Joachimsen
Der Umfang dieses Buchs entspricht 109
Taschenbuchseiten.
Die beiden Freundinnen Rena und Antonia werden während einer
Kanutour von einem heftigen Gewitter überrascht und suchen im
Garten eines Herrenhauses Schutz. Dass Schild „Betreten verboten“
ignorieren sie – schließlich handelt es sich um eine Notsituation.
Die Bewohnerin Roswitha Gräfin von Rülow ist höchst ungehalten,
während ihr Bruder und Herr des Hauses Eginhard Fürst von Salstein
sich den Mädchen gegenüber gastfreundlich verhält. Auf einer Lesung
Eginhards, der als Fotograf die Welt bereist, trifft man sich
wieder. Rena ist fasziniert von dem gut aussehenden Fürsten, und
auch er scheint nicht uninteressiert zu sein – doch Gräfin von
Rülow, die Rena nicht standesgemäß findet, versucht mit allen
Mitteln, eine Verbindung der beiden zu hintertreiben ...
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1
Rasch zogen die schwarze Wolken vom Horizont heran und hingen
drohend über ihnen.
Die durchtrainierte Rena legte sich ins Zeug und zog die
Paddel kräftig durch, trotzdem hatte sie das Gefühl, nicht
voranzukommen. Als erfahrene Kanutin fuhr sie schräg zum Ufer, den
Umweg in Kauf nehmend, damit sie die Wellen von vorne nehmen und
abreiten konnten.
Der Wind frischte immer stärker auf, peitschte über das Wasser
und wühlte es auf, sodass auf dem sonst ruhigen See ständig Brecher
über den Bug hereinbrachen. Die arme Antonia saß vorne und bekam
sicher einiges von dem kalten Wasser ab, auch wenn sie geschützt
unter der Spritzdecke saßen. Aber Hände und Gesicht waren dem
Wetter ausgesetzt. Rena zog die Bänder ihrer Kapuze straff, damit
sie nicht herunterrutschte. Die paar Sekunden reichten, um das Boot
zu drehen. Mit einem Kraftakt brachte sie es wieder in die
gewünschte Richtung.
Es grollte in der Ferne und der Himmel öffnete seine Schleusen
und Regen peitschte herab.
„Ich habe Angst“, schrie Antonia gegen den Wind an. Trotzdem
ahnte Rena eher, was sie sagte, als dass sie die Worte
verstand.
„Wir müssen anlegen und aussteigen“, schrie sie ebenfalls und
paddelte mit voller Kraft weiter, immer schräg zur Windrichtung, um
nicht zu kentern. So näherten sie sich natürlich nur langsam dem
rettenden Ufer, aber sie wollte nichts riskieren.
Antonia vor ihr kämpfte ebenfalls verbissen gegen Wind und
Wellen. Gemeinsam schafften sie es, den Bootssteg zu erreichen. Das
Schild „Privatgrundstück - Betreten verboten“ ignorierte Rena und
Antonia konnte es zum Glück nicht sehen, da sie es mit ihrem
Oberkörper verdeckte.
Das Boot längsseits anzulegen, war noch eine Hürde, die sie
aber überwanden. Rena klammerte sich an die Badeleiter, damit
Antonia aussteigen konnte. Aber ihre Freundin musste sich erst
einmal aus der Spritzschürze befreien. Endlich krabbelte sie
unelegant auf den Steg und zurrte die Leine des Boots um einen
Pfosten. Rena stemmte sich mit klammen Händen aus dem Boot, nahm
Antonia die Leine ab und zog das Boot ans Ufer auf den gepflegten
englischen Rasen. Sie wollte es lieber nicht im Wasser liegen
lassen. Wer weiß, vielleicht riss es sich los oder es schlug gegen
die Pfosten und dabei Leck. Antonia folgte ihr mit den Paddeln und
rannte unter eine große alte Buche, unter der sie halbwegs vor dem
Regen geschützt war.
Rena zog aus dem Boot ihren Seesack hervor und lief ihr
hinterher. Ein greller Blitz erhellte die Umgebung, gleich darauf
gefolgt von einem Donner. Rena zuckte zusammen.
„Gerade rechtzeitig ans Ufer gekommen“, meinte Antonia.
„Hier sind wir nicht sicher. Große Bäume soll man meiden“,
sagte Rena und schaute sich suchend um.
Zwanzig Meter weiter stand ein offener Holzpavillon umrahmt
von Kletterrosen, die sich im Sturm bogen und ihre Blütenblätter
verloren. „Komm.“ Rena nahm Antonias Hand und zog sie zu dem
Pavillon. Auf halber Strecke ließ sie los und sprintete weiter.
Natürlich erreichte sie als Erste den Pavillon. Jahrelanges
Hockeytraining hinterließ Spuren.
„Puh, ist das ein Unwetter“, schimpfte Antonia. Sie schüttelte
die Tropfen von ihrer Jacke ab.
„Vorhin sah es noch so gut aus. Wer ahnt denn, dass so ein
Unwetter so schnell hochzieht.“ Sie zog ihre Jacke aus und hängte
sie über einen der schönen Eisenstühle.
„Wir hätten an der Badestelle abwarten müssen.“ Antonia folgte
ihrem Beispiel und zog die Jacke aus. Sie war kleiner und zarter
als Rena, aber als Balletttänzerin zäh und durchtrainiert.
„Dort hätten wir aber auch keinen Schutz gehabt. Ich habe
gedacht, wir schaffen es noch bis zum Kanuverein. Die Wolken waren
doch noch ganz weit entfernt.“
„Der Verein muss in der Nähe sein.“
Rena nickte, dann kramte sie im Seesack und reichte Antonia
ein Handtuch und trockene Kleidung. „Du darfst dich nicht erkälten.
Du hast doch bald deinen großen Auftritt.“
„Oh Mann, wenn das mein Choreograf hört, feuert der
mich.“
„Warum soll er es hören? Und die Erkältung, falls du eine
bekommst, kannst du dir auch in der S-Bahn oder im Arztwartezimmer
geholt haben.“
„Ich habe nicht vor, krank zu werden.“ Antonia trocknete ihr
Gesicht, dann öffnete sie ihren Zopf und rubbelte die langen
brünetten Haare gründlich. „Meine Regensachen sind wirklich
wasserfest. Ich bin nicht nass geworden, nur die Hände, das Gesicht
und die Haare, die aus dem Zopf gerutscht sind. Aber ich hatte
Angst, dass wir kentern.“ Sie zog einen Kamm aus der Jackentasche,
glättete die Haare und band sie wieder zurück.
Ein Blitz zuckte über den Himmel, direkt vom Donner gefolgt.
Die beiden Frauen zuckten zusammen.
„Und ich habe Angst, dass uns ein Blitz erschlägt. Puh, das
Gewitter steht noch immer genau über uns.“
Rena zog einen Wollpulli aus dem Seesack und zog ihn über.
„Kalt ist es geworden.“
„Ein tolles Anwesen.“ Antonia begutachtete die
Holzschnitzereien des Pavillons, dann glitt ihr Blick über den
gepflegten Rasen zum Herrenhaus auf dem Hügel. Ein großer,
prächtiger Bau mit drei Flügeln. In der Mitte des Erdgeschosses
gingen große Glastüren zu einer Terrasse. Direkt am Haus befanden
sich Blumenbeete. Zwischen dem Gebäude und dem See standen auf dem
Rasen einzelne Bäume. Mehrere Wege führten durch den Park. Auch am
Pavillon befanden sich Rosen- und Staudenbeete.
Rena folgte ihrem Blick. „Wow, welcher Millionär wohnt denn
hier?“
„Wir sollten lieber wieder aufbrechen. Wir dringen hier
einfach in ein fremdes Grundstück ein.“ Antonia wies auf ein Schild
am Bootsanleger, da stand: „Privatgrundstück, betreten
verboten.“
„Was sollen wir denn sonst machen? Uns vom Blitz erschlagen
lassen?“ Rena fuhr sich mit ihren Fingern durch die kurzen
honigblonden Haare. Dann packte sie den Proviant aus und legte
Vorratsdosen und Thermoskanne auf den gusseisernen Tisch.
„Wir hätten an der Badestelle bleiben sollen.“
„Da hätte ich auch Angst vor dem Gewitter gehabt.“ Rena goss
den Tee in die Becher, bevor sie sich auf den Stuhl setzte.
„Und hier?“
„Ich hoffe, das Haus hat einen Blitzableiter und fängt alle
Blitze ein. Außerdem sind wir ein Stück vom Wasser und von dem
großen Baum entfernt.“ Sie schaute zum Haus und suchte, konnte aber
keine Drähte entdecken.
„Ob das wohl reicht?“ Sie schaute misstrauisch zum Wasser, das
nur wenige Schritte vom Pavillon entfernt war.
Rena zuckte die Achseln. „Komm, trink lieber Tee.“ Sie reichte
Antonia den Becher mit dem dampfenden Tee.
2
„Möchtest du noch eine Tasse?“ Roswitha Gräfin von Rülow hob
die Teekanne hoch und schaute ihren Bruder Eginhard Fürst von
Salstein auffordern an.
„Danke, gern. Kommst du zur Buchvorstellung oder hast du
deinen Frauenabend?“, fragte er, während sie einschenkte.
„Natürlich komme ich, wenn du hier in der Nähe eine Lesung
hast. Die Landfrauen können auch einmal auf mich verzichten.“ Sie
nahm einen Schluck aus der Meißner Teetasse. Ihr Blick richtete
sich in die Ferne. Plötzlich erstarrte ihre Bewegung. „Was ist denn
das? Die Leute werden ja immer dreister!“, empörte sie sich.
„Was ist los?“, fragte Eginhard. Er schob sich ein großes
Stück Rhabarberkuchen in den Mund. „Hm, köstlich, Gertrud ist
wirklich ein Goldstück.“
„Ja, ich muss aufpassen, dass Baronin von Malchow sie uns
nicht abwirbt. So eine gute Köchin finden wir so schnell nicht
wieder.“ Sie reckte ihren Hals. „Nein, wirklich, jetzt sitzen sie
schon in unserem Pavillon und picknicken.“
Eginhard grinste. „Dann musst du deinen bissigen Hund eben
draußen lassen.“
„Molly ist nicht bissig.“ Indigniert schaute Roswitha ihren
Bruder an.
Der lachte schallend. „Nein, dazu ist er auch gar nicht in der
Lage.“
„Und überhaupt, er würde bei dem Wetter krank werden, wenn er
draußen wäre.“ Zur Bestätigung krachte ein Donner laut über dem
Herrenhaus. Der dicke Mops lag schlafend auf einem Chippendalestuhl
und ließ sich nicht stören, sondern schnarchte laut weiter.
„Vielleicht denken das die ungeladenen Gäste ebenso.“ Eginhard
verstand seine Schwester nicht. Warum stellte sie sich so an? Wo
war das junge, fröhliche Mädchen von einst geblieben? Früher hatte
sie sich über die Etikette lustig gemacht und jetzt saß sie
geschminkt und im strengen Kostüm zum Nachmittagstee und erwartete
von ihm, sich in ein Sakko zu zwängen, statt ungezwungen in einem
Pulli daheim herumzulaufen. Dabei erwarteten sie nicht einmal
Besuch. Doch so weit ging seine Liebe zu ihr nicht. Privat lief er
im Polohemd und in Jeans herum, auch wenn sie sich deswegen ständig
stritten.
„Dann sollen sie daheim bleiben. Ich setze mich doch auch
nicht in wildfremde Gärten.“ Die Wassersportler, die so manches Mal
bei ihnen auf den Rasen Rast machten, waren seit Langem Roswithas
Ärgernis.
„Sicher verschwinden sie gleich wieder, wenn das Gewitter
vorüber ist.“ Um sie abzulenken, bat er um eine weitere Tasse Tee.
Die war eigentlich nicht vorgesehen und die Kanne war leer, daher
musste Roswitha nach dem Buttler klingeln und Martin anweisen,
neuen Tee zu bringen. Doch so schnell ließ sie sich nicht ablenken.
„Eine Unverschämtheit. So ein Pack.“
„Beruhige dich doch. Wir sind nicht draußen und sie können
auch nicht zu uns hereinschauen und bis der Rasen trocken ist und
Molly wieder hinaus darf, sind sie sicher weg.“ Langsam bereute
Eginhard, nach Hause gekommen zu sein. Beim nächsten Mal sollte er
sich lieber bei Freunden einquartieren.
„Das glaube ich nicht, die haben doch ihr ganzes Gepäck
mitgenommen.“
„Na ja, solange sie kein Zelt aufschlagen und selbst das würde
mich nicht stören.“ Eginhard musterte seine ältere Schwester. Ihre
einst hübschen Züge waren in den letzten Jahren hart geworden. Sie
sah älter aus als achtunddreißig Jahre. Sicher färbte sie ihre
blonden Haare längst.
„Dich nicht, du lebst ja auch nicht im Herrenhaus und musst
den Dreck nicht wegmachen und zusehen, wie deine sorgfältig
gepflegten Rosen zertrampelt werden.“
Eginhard drehte sich um. „Die beiden sind ganz weit weg von
deinen Rabatten. Und den Müll, sollte welcher liegen bleiben,
sammelt sicher der Gärtner ein.“
„Es ist aber nicht seine Aufgabe, fremden Müll zu
entsorgen.“
„Können wir nicht über etwas Erfreulicheres reden? Sonst
quartiere ich mich in den nächsten Tagen bei Lars oder bei Raoul
ein“, drohte er. Er hatte keine Lust, seine Freizeit von Roswitha
verderben zu lassen. „Ich habe eine Lesung bei den Landfrauen
geplant. Die Scheune, in der auch die Konzerte stattfinden, ist gut
geeignet. Die Zeitung hat schon einen Artikel dazu geschrieben.“
Ausführlich berichtete sie von ihren Aktivitäten und der
Begeisterung ihrer Bekannten.
Eginhard beglückwünschte sich dazu, sie auf ein anderes Thema
gebracht zu haben. Auch wenn er sich vor einer Woche über ihre
Eigenmächtigkeit geärgert hatte. „Ich habe den Artikel gelesen.
Aber meinst du nicht, dass die Scheune zu groß ist? So viele werden
sicher nicht kommen.“
Roswitha schüttelte den Kopf und lächelte. „Du bist begehrt.
Ein gut aussehender Junggeselle, intelligent, gebildet und reich.
Die Frauen werden in Scharen kommen. Selbst unsere alten Mitglieder
sind ganz wild darauf, dich kennenzulernen.“
Eginhard lachte. „Was hast du denen erzählt? Dass ich auf
Suche nach einer Partnerin bin und die Lesung nur der Auswahl der
Prinzessinnen gilt?“
„Natürlich nicht. Aber viele werden so denken.“
„Und du hast sie auch ganz bewusst in dem Glauben gelassen.“
Eginhard zog die Augenbrauen verärgert zusammen. Früher waren
Roswitha Titel und Adelskronen egal gewesen, aber seit ihr älterer
Bruder Friedrich tödlich verunglückt war, fühlte sie sich für den
Fortbestand der Familie verantwortlich und drängte ihn, möglichst
bald und natürlich standesgemäß zu heiraten.
„Die Einnahmen dienen einem guten Zweck. Wir wollen damit die
Kirche sanieren. Sie braucht ein neues Dach und auch die Fassade
muss aufgearbeitet werden.“ Als ehemals für den Ort und die Kirche
zuständiges Herrscherhaus fühlten sie sich noch immer verpflichtet,
alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ihren Nachbarn zu
helfen.
Sie unterhielten sich eine ganze Weile über den Ablauf der
Veranstaltung. Als Roswitha das nächste Mal aufsah, hatte der Regen
nachgelassen. Aus dem sintflutartigen Wolkenbruch war ein feiner
Landregen geworden. „Jetzt reicht‘s. Das Gewitter ist weg, und die
beiden Eindringlinge sollten auch verschwinden.“ Sie stand
energisch auf und lief aus dem Raum. Molly schreckte hoch, gähnte,
wackelte mit dem Stummelschwanz und folgte ihr trippelnd.
Eginhard schaute seiner Schwester kopfschüttelnd hinterher.
Was war aus der früher so lebenslustigen Frau geworden? Hatte sie
denn überhaupt kein Verständnis für andere Menschen?
3
Rena rieb Antonias Rücken und Arme. Die Kleine durfte nicht
krank werden. Sie hatte in der übernächsten Woche ihren großen
Auftritt. Eine Solopartie in der Oper. So eine Chance würde sie so
schnell nicht wiedererhalten. Und Rena kannte sie gut genug.
Antonia würde auch trainieren und auftreten, wenn sie 40 Grad
Fieber hätte. Balletttänzer hatten eine besonders hohe Disziplin.
Sie machte sich inzwischen Vorwürfe, nicht rechtzeitig einen
Unterschlupf gesucht zu haben. Ja, ihre Freundin überhaupt zu
diesem Ausflug überredet zu haben. Aber in den letzten Tagen war
das Wetter so schön gewesen und Antonia musste doch einmal auf
andere Gedanken gebracht werden. Früher hatten sie in den
Schulferien öfter gemeinsame Paddeltouren unternommen. Aber seitdem
Antonia ihre Ausbildung an der Ballettschule des Hamburg Ballett
gemacht hatte und dann kurz darauf eine Anstellung gefunden hatte,
waren gemeinsame Unternehmungen selten geworden. Meistens
telefonierten sie nur miteinander. Ab und zu trafen sie sich zum
Kaffeetrinken und klönten, aber für sehr viel mehr reichte ihre
Zeit nicht aus.
„Willst du nicht doch meinen Wollpulli haben? Der wärmt,
selbst wenn er nass ist.“
„Blödsinn!“, Antonia lachte fröhlich. „Mir ist nicht kalt. Ich
bin auch nicht nass geworden. Außer an den Händen und im Gesicht.
Die Angst war viel größer. Ich hatte Sorgen, dass wir
kentern.“
„Ich auch.“ Rena grinste. Ein Bad in dem aufgewühlten Wasser
wäre wohl nicht so lustig gewesen. Außerdem hätten sie dann sicher
einen Teil ihrer Ausrüstung verloren.
„Dabei sah es heute Morgen noch so gut aus. So schöner
Sonnenschein und das Gewitter sollte doch erst in der Nacht
kommen.“
„Tja, traue keinem Meteorologen.“ Rena langte in die
Plastikdose und nahm sich ein Stück Kuchen. Antonia aß natürlich
nur ein paar Karotten- und Gurkenstückchen. Wie konnte ein Mensch
von so wenig so große körperliche Leistungen erbringen? Rena
brauchte handfestes Essen, sonst fühlte sie sich nicht wohl und war
auch nicht leistungsfähig.
„Wir sollten einpacken“, meinte Antonia.
„Klar, sobald es aufhört zu regnen. Da wird es doch schon
heller.“ Rena wies auf den hellen Streifen am Himmel.
„Nein, sofort. Wir haben bestimmt gleich die Polizei am Hals.“
Antonia nickte in Richtung Herrenhaus. Rena drehte sich um. Eine in
einem eleganten Kostüm gekleidete Frau, zu der die Gummistiefel
überhaupt nicht passten, näherte sich ihnen. Sie hielt einen großen
Schirm über sich.
„Wie im Film. Da fehlt nur noch der Butler, der den Schirm
trägt“, murmelte Rena leise.
„Bitte entfernen Sie sich augenblicklich von unserem
Grundstück! Sie haben hier überhaupt nichts verloren“, sagte die
Dame gut akzentuiert.
Immerhin ist sie höflich, dachte Rena. In dem Augenblick
blitzte es und ein lauter Donner verkündete, dass er irgendwo in
der Nähe eingeschlagen hatte.
„Es tut mir leid, dass wir hier einfach so eingedrungen sind.
Aber bei dem Unwetter können wir unmöglich auf dem Wasser bleiben“,
entschuldigte sich Rena und lächelte. Doch die Frau war gegen ihren
Charme immun. Sie drehte sich um und hörte nicht zu.
„Lass uns gehen“, bat Antonia. Sie schloss die Dosen und
packte sie in den Seesack.
„Erst, wenn das Gewitter weg ist. Ich bringe mich wegen dieser
Tussi doch nicht um.“
„Bitte.“ Antonia klang flehend.
„Nein, kommt nicht in Frage! Die soll sich nicht so
anstellen.“ Rena setzte sich auf einen Stuhl und zog demonstrativ
ihre Jacke aus.
„Ich will keinen Ärger mit der Polizei.“
„Blödsinn, so dumm wird sie nicht sein. Unterlassene
Hilfeleistung, wie peinlich.“ Rena lachte. Sie kramte aus ihrer
Tasche eine Packung Kaugummi hervor und bot Antonia welche
an.
„Rena, ich kann sie verstehen. Du würdest es auch nicht lustig
finden, wenn ständig fremde Leute durch deinen Garten laufen.“ Die
großen Rehaugen bettelten die Freundin an, doch an Rena prallte die
unausgesprochene Bitte ab.
„Klar, aber bei uns ist es eine eindeutige Notlage.“
„Wir hätten wenigstens unter dem Baum bleiben sollen.“
„Nein, lebensgefährlich. Aber wir hätten zum Schloss laufen
und dort um Hilfe bitten müssen.“ Rena lachte. „Aber sicher hätten
wir bei denen vergeblich geklingelt.“
„Meinst du, dass die überhaupt eine Klingel haben?“
„Hm.“ Rena kratze ihre linke Hand, wie immer, wenn sie
nachdachte. „An der Hintertür bestimmt. Der Postbote muss seine
Pakete ja auch irgendwo abgeben können.“
Die beiden lachten. Trotzdem packte Antonia den Seesack erneut
zusammen und verschloss ihn.
Der Himmel verdunkelte sich wieder und der Regen wurde
heftiger. Es goss in Strömen. Rena war dankbar, dass der Pavillon
Glasscheiben hatte. Nur der Eingang war offen und von dort spritzte
das Wasser bis zum Tisch.
„Sieht nicht so aus, als ob es heute noch einmal aufklaren
würde“, meinte Rena. Warum konnten die Wolken nicht endlich
weiterziehen?
Antonia stand ungeduldig am Ausgang und schaute in den Himmel.
Erst als Rena ihren Arm um sie legte und sie auf einen Stuhl
drückte, setzte sie sich angespannt auf die Stuhlkante, nur um
gleich wieder aufzuspringen, als die hochnäsige Frau, sobald der
Regen etwas nachließ, wieder angestöckelt kam.
„Sie sind ja noch immer hier. Ich hole jetzt die Polizei.
Schließlich ist es Hausfriedensbruch!“, bemerkte sie spitz.
„Uns eine Unterstellmöglichkeit bei Gewitter zu verweigern,
ist unterlassene Hilfeleistung! Gehen Sie ruhig zur Polizei. Sicher
freut sich ihre regionale Zeitung über einen Artikel mit der
Überschrift: „Gutsbesitzer verweigert Hilfe in Notsituation.“
Einen Augenblick starrte die Frau Rena wortlos an. „Dann
meinte sie: „Wir werden sehen!“, drehte sich um und ging
wieder.
4
„Nee, das darf doch nicht wahr sein. Jetzt bekommt sie auch
noch Verstärkung“, rief Rena, die noch immer Antonia an den
Schultern festhielt, damit sie nicht hinaus in den Regen stürzte.
Aus einer Nebentür an der Seite trat ein Mann heraus, der mit
großen, elastischen Schritten näher kam.
„Ich will hier nicht mehr sein. Es ist so peinlich“, stammelte
Antonia.
„Klar, aber wir können uns nicht wegzaubern. Aber schau mal,
dort wird es hell.“ Rena zeigte in den Westen. Tatsächlich blitzte
da ein Stückchen blauer Himmel hervor.
„Das hast du vor einer halben Stunde auch schon gesagt.“
Antonia versuchte, Renas Hand abzuschütteln.
Inzwischen hatte der gut aussehende brünette Mann den Pavillon
erreicht. Im Gegensatz zu der Dame des Hauses war er leger
gekleidet und trug Jeans und ein rotes Polohemd. Im ersten
Augenblick überlegte Rena, ob er ein Angestellter wäre. Doch dann
erkannte sie die exklusiven Marken. Nein, ein Butler konnte sich so
etwas sicher nicht leisten.
„Entschuldigen Sie, wir wollten bei dem Unwetter nicht auf dem
See kentern oder vom Blitz erschlagen werden. Wir gehen gleich,
sobald der Regen aufhört.“ Rena schenkte ihm ihr strahlendstes
Lächeln, dazu musste sie ihren Kopf in den Nacken legen. Ein
ungewohntes Gefühl für sie, da sie sonst eher auf ihre Mitmenschen
herabschaute.
Er grinste zurück. „Das habe ich mir gedacht. Ich bin auch
schon auf Touren in fremde Grundstücke eingedrungen. Manchmal sogar
aus unehrenhafteren Gründen. Einfach weil ich ein schönes Fotomotiv
sah.“ Er stellte einen Picknickkorb auf den Tisch. „Wenn Sie mögen,
können Sie sich auch bei uns im Haus abtrocknen und aufwärmen.“
Rena sah Antonia erstaunt an. Erst der Anpfiff und jetzt eine
Einladung? Langsam wurde ihr unheimlich.
Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, erklärte er:
„Entschuldigen Sie bitte, aber wir erleben hier so einiges. Leute,
die einfach picknicken und ihre Kinder im Rosenbeet meiner
Schwester Fußball spielen lassen.“
Antonia lief rot an. Rena fühlte sich verpflichtet, sich noch
einmal zu entschuldigen. „Wir würden normalerweise kein fremdes
Grundstück betreten, aber wir wussten nicht, wo wir sonst
hinsollten, selbst wenn wir das Gewitter ignoriert hätten, aber der
Wind hätte unser Boot kentern lassen.“
Der Mann öffnete den Korb und stellte Teller und Tassen auf
den Tisch, dann holte er Kuchen hervor und eine Thermoskanne. „Ich
hoffe, Tee ist ihnen recht. Kaffee hätten wir erst kochen
müssen.“
„Wir gehen, wir wollen ihre Teestunde nicht stören.“ Rena
machte einen Schritt auf den Eingang zu.
„Bleiben Sie bitte. Wir konnten unseren Tee im Warmen
genießen, mochten aber bei dem Unwetter nicht hierherlaufen um Sie
einzuladen.“ Er lächelte sie gewinnend an.
Rena kniff sich. Die Situation war wirklich irreal. Nein, sie
träumte nicht. Es schmerzte und ihre Haut rötete sich.
Ihre Freundin fing sich schneller. „Vielen Dank, aber machen
Sie unseretwegen keine Umstände.“
„Nein, nein, wir sind gerade mit Teetrinken fertig, das sind
unsere Reste.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, goss er den Tee in
die Tassen und legte den Kuchen auf die Teller.
„Wir sind heute Morgen in Eutin gestartet. Mittags haben wir
an einer Badestelle Pause gemacht und jetzt wollen wir eigentlich
noch bis Preetz zum Kanuverein. Dort steht unser Auto.“ Rena nickte
Antonia zu und setzte sich. So eine nette Einladung konnten sie
nicht ignorieren, das wäre doch beleidigend.
„Am Ende des Sees müssen Sie sich links halten, da ist die
Durchfahrt zur Schwentine. Auf dem Grundstück steht ein Fahnenmast,
daran kann man sich orientieren.“ beschrieb der Riese die Strecke.
„Legen Sie an der Badestelle an und besichtigen Sie unsere
Dorfkirche. Sie ist wirklich sehenswert. Sie enthält ein
mittelalterliches Taufbecken und einen schönen Altar.“ Er setzte
sich ebenfalls und sie unterhielten sich über die Strecke und
erfuhren, dass der See von einem Fischer gepachtet war. „Wenn Sie
geräucherten Fisch mögen, dann sollten Sie ihn bei Peter Wolgast
kaufen.“ Er beschrieb den Weg zu der Räucherei.
5
Sie unterhielten sich, bis der Himmel wieder blau war, die
Sonne schien und die Teekanne leer war. Eginhard fühlte sich zum
ersten Mal wohl, seit er vor zwei Wochen nach Hause gekommen war.
Die beiden unkomplizierten, gut gelaunten Frauen gefielen
ihm.
„Wir müssen unbedingt weiter, sonst kommen wir erst morgen
früh nach Hause“, drängte die Blonde schließlich. „Vielen Dank für
die nette Bewirtung und die Kirche schauen wir uns noch schnell
an.“ Sie bot ihm an, das Geschirr zurückzutragen, doch er lehnte
lachend ab. Stattdessen ging er mit ihnen zu ihrem Boot und half
ihnen, es ins Wasser zurückzuschieben.
„Wenn Sie wieder einmal hier paddeln, schauen Sie doch einfach
vorbei. Links am Haus ist eine Klingel.“ Er zeigte mit dem Finger
in die Richtung und hoffte, dass sie sich beim nächsten Ausflug
trauten, hier zu halten.
Die beiden Frauen stießen sich vom Bootssteg ab und winkten
zum Abschied. Eginhard drehte sich um und holte aus dem Pavillon
den Picknickkorb. Die junge, energische Frau mit den blonden Haaren
gefiel ihm, jetzt ärgerte er sich, dass er sie nicht nach ihrem
Namen und ihrer Telefonnummer gefragt hatte.
„Musst du jeden hergelaufenen Köter füttern“, schalt Roswitha
ihn, als er in den Salon zurückkam. Eginhard erinnerte sich an den
halb verhungerten Hund, den er als Kind nach Hause mitgenommen und
aufgepäppelt hatte. Leider dankte das Tier es ihm, indem er die
Hühner dezimierte. Alle Erziehungsversuche halfen nichts,
schließlich nahm der Gärtner ihn in seine Obhut, da er keine
Kleintiere besaß und der Hund bei ihm seinen Jagdtrieb nicht
ausleben konnte.
„Du kannst die beiden sympathischen jungen Frauen wohl kaum
mit meinem kleinen Straßenhund vergleichen.“ Er trat ans Fenster
und schaute hinaus. Die Sonne verdrängte inzwischen die Wolken.
Dadurch stieg von dem Rasen Dunst auf. Von den beiden Frauen war
nichts mehr zu sehen.
„Aber dein gutes Herz war schon damals größer als deine
Vernunft.“
Eginhard drehte sich zu ihr um. „Das ist das Beste an mir, und
das will ich mir erhalten.“
„Schwäche ist es. Jeder nutzt es aus.“ Roswitha schob ihre
Augenbrauen zusammen, sodass sich dazwischen eine tiefe Falte
bildete.
„Auf meinen Reisen hat es mir schon große Dienste geleistet,
weil die Menschen freundlich sind, wenn ich herzlich und offen auf
sie zugehe. Viele meiner Bilder hätte ich nie machen können, wenn
mir die Einheimischen nicht geholfen hätten.“ Gern erinnerte er
sich an interessante Begegnungen seiner Reisen. An die Hilfe und
Gastfreundschaft der Einheimischen.
„Klar, du bist ein berühmter Fotograf. Aber leben tust du von
den Einkünften des Gutes. Mit deinen Bildern machst du doch kein
Geld.“
Es klang verächtlich. Eginhard vermutete, dass es Neid war.
Roswitha hatte nach dem Studium nie als Historikerin gearbeitet,
dabei hatte ihr Professor sie so geschätzt und ihr eine Stelle als
Assistentin angeboten. „Oh, eigentlich war ich in den letzten fünf
Jahren sehr zufrieden. Ich habe einige Fotos, wie du weißt, an gut
zahlende Magazine verkauft.“
„In deine Bücher hast du so viel Arbeit gesteckt, aber sie
verkaufen sich nur schlecht.“ Sie reichte ihm ein Plakat.
„Dann musst du eben bei deinen Landfrauen weiter Werbung
machen. Aber wenn ich die Verwaltung des Guts übernommen hätte,
könntest du jetzt nicht mit Bruno hier wohnen.“ Flüchtig schaute er
auf das Plakat. Roswitha scheute wirklich keine Mühen und Kosten,
um für seinen Vortrag Zuhörer zu gewinnen.
„In diesem kalten zugigen Schloss. Duschen ist nur etwas für
harte Leute bei uns. Bis das Wasser warm ist, ist schon
Mittag.“
Sie schwiegen sich eine Weile an. Dann setzte sie noch eins
obendrauf. „Musstest du diesen wildfremden frechen Frauen auch noch
Kaffee und Kuchen bringen?“
„Tee und Kuchen“, verbesserte Eginhard. „Klar, ich musste uns
doch entschuldigen. Oder würdest du dich über einen Zeitungsartikel
über unterlassene Hilfeleistung freuen?“
„Das wäre eine Verleumdung!“, erwiderte sie eisig.
„Wirklich?“ Er setzte sich auf eine Sessellehne, wohl wissend,
dass Roswitha sich darüber ärgerte.
„Du bekommst es nie mit, wenn an schönen Sonnentagen die
Ausflügler hier einfallen und wir nicht einmal auf der Terrasse
oder im Pavillon sitzen können. Oder wenn die Kinder durch den Park
toben und meine Rabatten zertrampeln. Manchmal machen sie sogar
ihre Geschäfte in meinen Beeten.“ Vor Ärger färbte sich ihr Hals
rot.
„Ach, Roswitha“, stöhnte Eginhard, „wenn es hier so
schrecklich ist, dann zieht doch um. Baut euch ein modernes,
pflegeleichtes Haus, ohne Zugluft und zu schwacher Heizung, ganz
nach deinen Wünschen.“
„Das geht nicht, Bruno muss doch auf dem Gut leben. Er muss
Tag und Nacht erreichbar sein.“
„Im Zeitalter des Handys ist er das auch, wenn er etwas weiter
weg wohnen würde. Es müssen ja nicht gleich hundert Kilometer
sein.“ Er überlegte. „Oder zieht in das alte Gärtnerhaus, das lässt
sich sicher sanieren und nach euren Wünschen umbauen. Es ist
kleiner und leichter zu pflegen.“
„Das Schloss muss bewohnt bleiben, sonst verkommt es“, hielt
sie ihm entgegen. Ihr konnte niemand es recht machen. Wieder einmal
bemitleidete Eginhard seinen Schwager Bruno, der ihre Launen mit
stoischer Ruhe ertrug. „Roswitha, du musst zwischen einem Notfall
und echter Rücksichtslosigkeit unterscheiden. Den beiden Frauen war
ihre Situation sichtlich unangenehm. Sie haben sich mehrmals für
die Belästigung entschuldigt.“
„Hätten sie dann nicht wenigstens unter dem Baum stehen
bleiben können?“ Roswitha blieb stur und uneinsichtig.
„Nein, es wird immer wieder gewarnt, unter Bäumen Schutz zu
suchen. Im Gegenteil, wir hätten sie ins Haus bitten müssen, der
Pavillon bietet bestimmt keinen Schutz vor einem Blitzeinschlag in
der Nähe.“ Um das Thema endlich zu beenden, fragte er sie nach dem
Vortrag in der Scheune aus.
6
„Wo sollen bloß die vielen Bücher hin?“, fragte Antonia.
„Nach hinten ins Büro“, meinte Rena und schleppte einen
Buchstapel ins Büro. Antonia folgte ihr. Auf dem Schreibtisch
standen Gläser, davor auf dem Fußboden ein Kasten mit Wasser und
Saft. Daneben befanden sich ein paar Flaschen Sekt. Die Bücher
legte sie auf den Fußboden vor dem Regal mit den Ordnern.
Zwei hilfsbereite Freunde fingen schon an, den Tisch mit den
Ferienbüchern und Reiseführern zur Seite zu rücken, dadurch
entstand in der Mitte Platz für Stühle. Der Laden war für Aktionen
wirklich zu klein, aber für den Gemeindesaal hätte sie Miete zahlen
müssen und mit so vielen Besuchern rechnete sie nicht.
Vorsichtshalber hatte Rena ein paar Freunde gebeten zu kommen. Bei
der letzten Lesung waren nur zwei Gäste gekommen. Es war zwar eine
nette Veranstaltung gewesen, der Autor hatte es mit Humor genommen
und es sehr persönlich gemacht, nur kurz gelesen und anschließend
geduldig unzählige Fragen beantwortet, aber Rena war auf ihren
Kosten sitzen geblieben. Dabei hatte die Zeitung vorher einen
kleinen Artikel über die Veranstaltung gebracht und sie hatte ein
großes Plakat ins Schaufenster geklebt.
Endlich standen die geliehenen Stühle im Halbkreis vor der
Bücherwand. Für den Fotografen gab es ein kleines Pult mit
Leselampe und - da es ein Bildband war - mit einem Beamer. Die
Ständer vor der Wand hatten sie ebenfalls ins Büro gerückt. Jetzt
kamen sie kaum noch an die Häppchen und Getränke heran, doch die
sollten nachher sowieso auf dem Kassentresen stehen. Die Fläche
hinter der Kasse hatte sie bereits am Nachmittag mit den Büchern
des Fotografen und ähnlichen Bildbänden dekoriert.
„Wie läuft dein Laden überhaupt?“, fragte Antonia. Rena hatte
sich mit einer Kollegin vor einem Jahr selbständig gemacht. Bisher
arbeiteten sie sehr viel, hatten aber durch den Besitzerwechsel
einige Stammkunden verloren.
„Besser, wir haben uns eine neue Homepage geleistet, hat zwar
etwas Geld gekostet, aber jetzt verkaufen wir auch über das
Internet. Viele Bestellungen erreichen uns per Mail. Das war eine
gute Investition. Und wir leben von den Schulbüchern. Ohne das
Schulzentrum nebenan hätte ich mich auch nicht in die
Selbständigkeit getraut.“ Rena rückte noch einmal ein paar Bücher
hin und her, bis ihr die Dekoration wirklich gefiel.
„Ja, das sagtest du schon. Vielleicht solltest du Lesungen für
Kinder anbieten.“ Antonia stellte einen kleinen Teddy, der sonst an
der Kasse stand, ins Regal mit den Bilderbüchern.
„Die sind tagsüber, da ist der Laden geöffnet.“ Sie rückte die
Ständer mit den Taschenbüchern dichter aneinander, damit Platz für
einen weiteren Stuhl entstand.
„Oder am Sonntagvormittag? Papa geht mit dem Kind hierher und
Mama kann ausschlafen?“ Antonia zog ein Bilderbuch aus dem Fach.
„Das hatte ich auch, mein Lieblingsbuch.“
„Hm, wäre vielleicht etwas für den Winter. Mit guten Räumen
könnte man natürlich auch einen Kinderkochkurs machen oder basteln,
aber dafür sind unser Räume zu klein.“ Rena war immer auf der Suche
nach neuen, erfolgversprechenden Ideen.
Antonia nickte. „Wolltest du nicht sowieso in den Gemeindesaal
ausweichen?“
„Zu teuer. Und wenn wieder so viele Besucher wie beim letzten
Mal kommen, wäre es auch zu ungemütlich.“ Sie schaute auf die Uhr.
Noch eine Dreiviertelstunde. Bald würden wohl schon die ersten
Gäste erscheinen. Hoffentlich war der Fotograf pünktlich.
Antonia lachte. „Wir sind ja schon zu viert.“
Eine Fremde betrat den Laden. Rena schluckte. Die Frau von der
Paddeltour. Diesmal im Designerkleid. Etwas overdressed für eine
Lesung. Rena fasste sich und wollte auf sie zutreten, doch Antonia
hatte sie schon brav angesprochen: „Wollen Sie zur Lesung? Ich
verkaufe die Eintrittskarten.“
„Ich gehöre zum Autor.“
Antonia schaute hilfesuchend zu Rena. Die nickte, der Autor
hatte zwei Bekannte angekündigt und da sie gähnende Leere
befürchtete, hatte sie natürlich zugesagt. Also wies Antonia auf
einen Stuhl in der ersten Reihe.
Einen Augenblick später betrat der Mann vom Herrenhaus den
Laden. Diesmal in Jeans und karierten Hemd. Er nickte der Frau im
Designerkleid zu, dann kam er auf Rena zu. „Guten Abend. Sie sind
Frau Schöffe? Ich bin John Stein.“ Er hielt ihr die Hand hin.
Sie schüttelte seine Hand. „Ich freue mich auf die
Veranstaltung. Leider habe ich nicht so viele Karten verkauft. Ich
hoffe, es kommen noch ein paar Interessierte.“
Er schaute ihr intensiv in die Augen. Wie kam er mit seinen
dunkelbraunen Haaren zu so unverschämt leuchtend blauen Augen? Ihr
Bauch kribbelte. Am liebsten wäre sie ihm mit ihren Händen durch
seine vollen Haare gefahren. Doch sie riss sich zusammen und
lächelte ihn nur an und führte ihn zum Pult.
„Sie können Ihren Laptop an den Beamer anschließen. Leider
kenne ich mich nicht damit aus, doch mein Bekannter hilft Ihnen
sicher.“ Sie drehte sich um und winkte Max heran.
Noch bevor er kam, meinte Stein: „Wir kennen uns doch.“ Dann
schlug er sich mit der Hand an die Stirn. „Die Paddlerin,
natürlich, ich habe Sie nicht gleich erkannt.“
„Kein Wunder, wir waren auch etwas nass.“ Sie grinste.
„Wie die Ratten. Aber Sie wollten nicht hereinkommen.
Hoffentlich haben Sie sich nicht erkältet.“
„Nein, alles gut gegangen.“ Sie lachte. Warum hatte sie ihn
nicht schon im Pavillon erkannt? Schließlich hatte sie sein Foto
oft genug in den letzten Wochen gesehen. „Es tut mir noch immer
leid, dass wir in Ihr Grundstück eingedrungen sind. Aber wir
wollten nicht vom Blitz erschlagen werden.“
„Nein, das war schon in Ordnung. Sonst würde die
Buchvorstellung womöglich heute nicht stattfinden. Oder ich müsste
den Vortrag beim Bestatter durchführen.“ Er grinste frech, dann
wurde er wieder ernst. „Aber Sie hätten klingeln sollen, dann
hätten Sie nicht im Kalten warten müssen. So ein Unwetter. So
heftig habe ich es schon lange nicht mehr erlebt. Sogar unser
Keller war vollgelaufen.“
Als Antonia jetzt ein Buch hochkant auf das Regal stellte, sah
Rena sein Foto. Dort trug er lange Haare und einen Vollbart.
John Stein folgte ihrem Blick. „Die Aufnahme ist schon etwas
älter und stammt vom Ende der Gobi-Tour. Ich war während der
gesamten Zeit nicht beim Frisör und sah dementsprechend aus.“
Während sie sich unterhielten, waren einzelne Gäste gekommen.
Gerade als er mit seinem Vortrag anfangen wollte, strömte eine
größere Gruppe Jugendlicher in den Laden. Rena kannte ein paar von
ihnen. Sie kauften regelmäßig ihre Schulbücher bei ihr.
„Unser Erdkundelehrer hat gesagt, wir sollen heute hierher
gehen. Wenn wir morgen seine Fragen beantworten können, gibt er
jeden einen Punkt mehr im Zeugnis.“
Renas Blick traf den von John Stein. Das hätte sie nicht tun
sollen. Seine Augen funkelten gefährlich, sodass sie nur mit Mühen
ihr Lachen unterdrücken konnte.
John Stein ließ seine Power-Point-Präsentation ablaufen. Er
erzählte von Land und Leuten und flocht viel Wissenswertes ein.
Rena vermutete, dass er mehr erwähnte, als er geplant hatte, damit
die Schüler morgen ihren Lehrer überzeugen konnten. Mehrmals
erwähnte er die Ländernamen und ihre Hauptstädte. Dazu erklärte er
die klimatischen Bedingungen, die die Wüste und Steppe bedingten
und sogar Flora und Fauna flocht er geschickt ein. Daher brauchte
er auch eine halbe Stunde länger als vorgesehen, dabei hatte er
nicht einmal die geplante Pause gemacht.
„Haben Sie noch Fragen?“, schloss er endlich.
Ein Mann wollte wissen, welche Reisebüros solche Reisen
anboten. „Ich habe meine Reise selbst organisiert, aber es gibt ein
paar Reiseveranstalter, die Reisen in die Mongolei, nach China oder
nach Sibirien anbieten.“
„Können Sie von Ihren Büchern leben?“, fragte ein Junge.
John grinste. Das interessierte den Lehrer bestimmt weniger.
„Nein, nur wenn ich fleißig Vorträge halte. Aber ich bin Fotograf
und verkaufe meine Bilder an Zeitschriften. Die Bücher sind ein
Nebenprodukt, weil ich noch so viele schöne Fotos übrig
hatte.“
Als keiner mehr Fragen stellte, meinte er: „Gut, dann habe ich
Fragen an euch.“ Während Rena mit ihren Helfern schnell die
Schnittchen und Getränke holte, fragte er die Jugendlichen ab. Da
er keinen bestimmten ansprach, wussten immer einer die Antwort und
die Kids waren mit ihrem Wissen sehr zufrieden. Zumal sie auch noch
bewirtet wurden. Im Gegensatz zu den Erwachsenen langten sie
herzhaft zu und die Platten leerten sich im Nu.
Nebenbei verkaufte Rena seine Bücher und John schrieb
Autogramme und Widmungen in die Bücher.
Es war schon elf Uhr, als Rena den Laden endlich
abschloss.
„Eigentlich hatte ich Sekt für uns vorgesehen. Kann ich Ihnen
ein Glas anbieten?“, fragte sie. Antonia wartet die Antwort nicht
ab, sondern holte die Gläser und die Flaschen und Max öffnete sie
und schenkte ein.
Sie saßen noch lange beisammen und unterhielten sich.
Schließlich halfen ihr alle, selbst John Stein und seine Schwester,
den Laden für den nächsten Tag wieder umzubauen.
7
„Ich muss heute mit dem Schäfer sprechen, er will seine Schafe
auf die Weide am Moor bringen.“ Bruno faltete die Zeitung zusammen
und nahm noch einen Schluck aus der Kaffeetasse.
„Muss es zum Sonnabend sein?“ Roswitha schaute ihn missmutig
an. Die Morgensonne brach sich glitzernd im Kristallleuchter des
kleinen Salons. An der Wand leuchteten die Regenbogenfarben.
„Das dauert nicht lange, aber er ist immer so schlecht zu
erreichen und diesmal kann er nicht über die Felder am Waldrand
laufen. Er muss den Feldweg nehmen.“
„Das kann ihm doch auch Peter sagen.“ Roswitha bückte sich und
fütterte Molly mit einem Käsestück.
„Peter hat ein freies Wochenende. Seine Schwiegereltern haben
Goldene Hochzeit.“ Bruno schob seinen Stuhl zurück und erhob
sich.
„Wann bist du zurück? Wir wollten an die See fahren. Viktoria
und Philipp haben uns zu einer Bootstour eingeladen.“ Sehnsüchtig
schaute sie zum Fenster hinaus. Sicher würde es der schönste Tag
des Sommers werden. Und ihre Freunde hatte sie auch schon lange
nicht mehr gesehen.
„Das ist im Sommer immer sehr schwierig, das weißt du doch.“
Bruno sprach so, als wäre sie ein kleines Kind, was sie keineswegs
beruhigte.
„Ausgerechnet heute. Wenn es wenigstens unser eigenes Gut
wäre.“ Sie seufzte laut.
„Schatz, du wusstest, dass ich mittellos bin.“ Bruno lächelte
sie entschuldigend an.
„Ja, aber damals war alles ganz anders. Mit Friedrich hättest
du dir die Arbeit geteilt und wir hätten ab und zu Urlaub machen
können.“ Traurig dachte sie an ihren geliebten großen Bruder, den
sie so bewundert hatte.
„Ach, und die Kreuzfahrt im letzten Jahr und die Rundreise
durch Südafrika vor zwei Jahren waren kein Urlaub?“ Sein Lächeln
verschwand, als er auf die Fotos, die an der Wand über der Kommode
hingen, zeigte. Auf einem standen sie vor dem Tafelberg, auf dem
anderen an der Reling des Luxusliners, im Hintergrund war eine
Karibikinsel zu sehen.
„Nein, nein, natürlich waren es Urlaube. Aber wir kommen nur
im Winter weg. Nie im Sommer. Und was ist, wenn Eginhard sich jetzt
fest an diese unmögliche Person bindet?“ Sie hob Molly hoch und
kraulte sie.
„Du wolltest doch immer, dass er heiratet. Warum soll er also
keine Freundin haben?“ Er schüttelte den Kopf.
„Aber doch nicht diese Person. Eginhard ist Fürst. Er kann
sich in den höchsten Kreisen umschauen. Stattdessen lacht er sich
ein Aschenputtel an.“ Molly leckte ihre Hand, dann versuchte sie an
das Gesicht zu gelangen. Deshalb setzte Roswitha sie wieder auf den
Fußboden.
„Ich bin auch kein Fürst“, erinnerte Bruno sie.
„Nein, aber du bist doch wenigstens ein Graf.“ Molly schaute
sie erwartungsvoll an und wedelte sachte mit dem
Stummelschwanz.
Bruno lachte. „Tja, meine Liebe, etwas Besseres hast du eben
nicht abbekommen.“
Roswitha lief rot an. „So habe ich es gar nicht gemeint,
Bruno.“ Sie griff nach seiner Hand, aber er entzog sie ihr.
„So klang es aber.“
„Deine Familie ist uralt und sehr angesehen.“ Molly bellte,
doch Roswitha beachtete sie jetzt nicht.
„Klar, und mein Bruder hat sogar ein Schloss. Nur leider bin
ich der jüngere Sohn.“ Er zuckte bedauernd die Schultern, bevor er
fortfuhr: „Aber ich bin froh, nicht Karls Sorgen zu haben, das
Schloss wird ihn noch ruinieren mit den
Instandhaltungskosten.“
„Wir wohnen hier sehr schön.“ Mit leuchtenden Augen schaute
Roswitha sich im Raum um. Sie liebte ihr Vaterhaus.
„Wirklich? Du bist in letzter Zeit so unzufrieden.“ Bruno
musterte sie prüfend.
„Es ist mein Elternhaus und Friedrich hatte mir versprochen,
dass ich immer hier wohnen könnte.“
„Tun wir doch auch.“
„Ja, aber wenn Eginhard heiratet? Dann will er sicher hier
wohnen?“ Sie konnte sich nicht vorstellen, mit dieser impertinenten
Person unter einem Dach zu leben.
„Dann bauen wir uns eben ein Haus in der Nähe. Du schimpfst
dauern, wie unbequem dieser große Kasten ist.“
Diese Männer, mussten sie einen ständig missverstehen? „Genau
das hat Eginhard neulich auch gesagt, deshalb denke ich, er will
uns raushaben.“
„Na, wenn du über die Heizung und die Fenster und die
Warmwasserleitungen geschimpft hast, kann ich ihn verstehen.“ Er
schüttelte den Kopf und machte einen Schritt zur Tür.
„Nein, habe ich überhaupt nicht.“
„Wirklich? Oder über die Ausflügler, die deine Rosen
zertrampeln?“ Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, aber nur auf
die äußere Kante, sodass er jederzeit schnell wegkam.
„Dagegen sollten wir auch etwas unternehmen.“ Jetzt klang sie
so energisch wie gewohnt.
„Dann solltest du lieber Rottweiler züchten, statt
Möpse.“
„Die sind so hässlich. Ich bin doch kein Zuhälter.“ Roswitha
rümpfte ihre Nase über diese Zumutung.
„Was weißt du von Zuhältern?“ Bruno lachte leise. Um seine
Augen bildeten sich unzählige kleine Fältchen.
Roswitha zuckte die Achseln. „Ich kenne keinen, wenn du das
meinst.“
Jetzt lachte Bruno laut. Er faltete die Zeitung noch kleiner
und steckte sie in seine Jackentasche, dann stand er auf und gab
Roswitha einen Kuss auf die Wange. „Mach dir keine Sorgen. Das
Schloss ist so groß, dass auch zwei Familien hier wohnen können,
ohne sich ständig zu begegnen. Oder wir bauen wirklich in der Nähe
etwas Modernes mit schönen, gleichmäßigen Warmwasser und Zimmern,
die auch bei Schneesturm 20 Grad haben.“ Er knöpfte sein Tweedsakko
zu. Der Knopf spannte etwas. Er hatte in letzter Zeit zugenommen
und einen Bauch bekommen. Das Alter forderte seinen Tribut, nicht
nur in der Taille, sondern auch auf dem Haupt, auf dem die Haare
immer spärlicher wurden. „Fahr doch alleine und grüße Viktoria und
Philipp von mir.“ Mit großen Schritten ging er zur Tür.
„Bruno!“
Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um.
„Ich habe mich gleich in dich verliebt, als wir uns auf Julias
Hochzeit kennengelernt haben.“ Normalerweise sprach sie nicht über
ihre Gefühle, doch plötzlich hatte sie Angst, dass Bruno sie
verlassen würde. Er wünschte sich doch auch Kinder und wenn sie
dazu ständig nörgelte ...
8
„Ja, natürlich habe ich Interesse an weiteren Lesungen. Wenn
du deine Kollegen dazu überredest, mich zu engagieren, freue ich
mich.“ Eginhard stand in der Halle und telefonierte. Er ärgerte
sich schon seit Jahren über diesen unmöglichen Platz für ein
Telefon. Aber Roswitha wollte die kostbare historische Tapete nicht
durch das Verlegen eines weiteren Kabels beschädigen lassen. Zum
Glück wohnte Eginhard in dem Westflügel, den schon sein Großvater
modernisiert hatte. Sonst würden sie sicher auch dort noch mit
Kachelöfen heizen und die Räume mit Kerzen beleuchten. So aber
besaß er ein ziemlich altmodisches Bad, elektrisches Licht, ein
Tastentelefon und Internet. An der Ausstattung aus den 50er und
60er Jahren störte er sich nicht, da er nur selten im Schloss war.
Das Internet war allerdings für seine Arbeit wichtig. Und zum
Telefonieren benutzte er normalerweise sein Smartphone und nicht
den Apparat mit Wählscheibe. Der stand eigentlich nur für Notfälle
in der Halle.
Rena unterbreitete ihm ein paar Vorschläge. Sie kannte eine
Reihe Buchhändler und Bibliothekare und hatte sie auf Vorträge
angesprochen. Da Eginhard eine Weile daheim war, bis seine nächste
Reise geplant war, freute er sich über ihr Engagement. Rena gefiel
ihm, schon der Gedanke an sie, löste ein Kribbeln in seinem Bauch
aus.
Der Nachteil des Telefonats in der Halle war, dass Roswitha im
benachbarten roten Salon das gesamte Gespräch mitbekam. Trotz der
Größe, war das Schloss recht hellhörig. Und als er, nachdem er noch
einen Kinobesuch mit Rena vereinbart hatte, zurück in den Salon
ging, empfing ihn Roswitha mit den Worten: „Ich denke, du planst
eine Reise nach Australien.“
„Ja, aber das dauert. Es wird frühestens im nächsten Herbst
etwas. Das Magazin hat momentan andere Projekte laufen.“
„Du weckst Hoffnungen in dem Mädchen“, warnte sie.
„Ich mag sie und möchte sie besser kennenlernen“, entgegnete
er knapp und griff nach der Zeitung.
„Willst du dich wirklich fest binden?“ Sie klappte den
schmalen Gedichtband, in dem sie gelesen hatte, zu.
„Stört dich das? Ich bin erwachsen!“ Es kostete ihm Mühe,
ruhig zu bleiben. Große Schwestern waren wirklich lästiger als
besorgte Mütter.
„Ist eine feste Bindung etwas für dich? Bei deinem
Leben?“
„Du sagst doch schon seit Jahren, dass ich Nachwuchs zeugen
soll, damit die Familie nicht ausstirbt.“ Wie viele Bekannte hatte
sie ihn schon präsentiert, in der Hoffnung, dass er endlich
heiraten und sesshaft werden würde.
„Ja, natürlich. Aber willst du dich wirklich schon
niederlassen, wo du gerade so großen Erfolg hast? Oder willst du
deine Familie ständig allein lassen?“
Wenn er sich nicht so geärgert hatte, hätten ihn ihre
Winkelzüge amüsiert. „Ich dachte, ich soll aufhören, weil mein
Beruf so gefährlich ist ...“ Seit Friedrichs Tod nervte Roswitha
ihn, aus Sorge auch noch den zweiten Bruder zu verlieren.
Vielleicht auch aus Sorge, dass die fürstliche Familie aussterben
könnte.
„Deswegen ist es für eine Partnerschaft unmöglich. Oder soll
deine Frau die Kinder allein aufziehen?“
Eginhard lachte. „Reg dich ab. So weit ist es noch nicht.“
Nach einer Weile meinte er noch: „Wenn ich ledig sterbe, erbst du
alles, dann brauchst du dir keine Sorgen mehr machen, ob du im
Schloss wohnen bleiben kannst oder nicht.“
„So meine ich es gar nicht“, empörte sich Roswitha.
„Sondern?“
Darauf gab sie keine Antwort.
9
„Frederick bittet dich, für ihn einen Fototermin zu
übernehmen.“ Roswitha blickte von ihrem Laptop auf.
„Wann ist es denn?“ Eginhard trat näher und schaute auf das
Display. Seine Schwester tüftelte gerade den Arbeitsplan für den
Scheunenvortrag aus. Ob es wirklich so klappte, wie sie es hoffte?
Schließlich war Sommer und viele Familien waren verreist.
„Du kannst es dir aussuchen. Möglichst in der nächsten oder
übernächsten Woche. Er liegt im Krankenhaus und kann nicht
hingehen.“
„Natürlich mache ich es. Was hat er?“ Seinen alten Kumpel aus
der Berufsschule würde er nicht hängen lassen. Mit dem kleinen
Laden, der schon seit drei Generationen von der Familie geführt
wurde, kämpfte er ständig gegen den Konkurs. Deshalb arbeitete er
manchmal für die Zeitung. Ab und zu unternahm Eginhard mit ihm
Ausflüge in die Nachbarschaft. Die Fotos, die dabei entstanden,
stellte Frederik im Schaufenster aus.
„Frederick? Der ist gestürzt und hat sich den Arm gebrochen.
Es musste genagelt werden. - Gut, dass du ihm hilfst, ich habe
nämlich schon zugesagt.“ Sie schaute nicht auf, sondern markierte
ein paar Namen auf ihrer Liste.
„Was für ein Termin ist es?“
„Du sollst die Tänzer im 'Theater im Kino' fotografieren. Der
neue Choreograf baut eine Balletttruppe auf.“
„Was macht er? Das trägt sich doch nie, so etwas ist viel zu
kostspielig.“ Eginhard schaute seine Schwester überrascht an. Er
konnte nicht glauben, was sie da erzählte.