Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Takaki und Akari sind unzertrennliche Freunde – bis Akari nach dem Abschluss der Grundschule in eine andere Standt zieht. Mit Briefen und Telefonaten versuchen die beiden, ihre Freundschaft aufrecht zu erhalten. Als Takakis Familie einen Umzug ins weit entfernte Kagoshima plant, beschließen die beiden, sich ein letztes Mal zu treffen, um sich voneinander zu verabschieden. Werden sie einander jemals vergessen können?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kapitel 1
Kirschblütenextrakt
1
„Sieht doch genau aus wie Schnee, oder?“, sagte Akari.
Das ist jetzt schon siebzehn Jahre her, wir waren damals gerade ins sechste Schuljahr gekommen. Auf dem Heimweg von der Schule liefen wir mit unseren Ranzen auf dem Rücken an einem kleinen Gehölz entlang. Es war Frühling, in dem Gehölz standen unzählige voll erblühte Kirschbäume, in der Luft tanzten lautlos unendlich viele Kirschblüten, und der Asphalt zu unseren Füßen war bedeckt von einer schneeweißen Decke aus Blütenblättern. Es war warm und der Himmel über uns so hell und klar, als hätte jemand blaue Aquarellfarbe in sehr viel Wasser aufgelöst. Obwohl sowohl die Bundesstraße als auch die Schienen der Odakyu-Linie ganz in der Nähe verliefen, drang der Lärm kaum bis zu uns vor, und alles um uns herum war erfüllt vom Gezwitscher der Vögel, die den Frühling zu feiern schienen. Außer uns war weit und breit niemand zu sehen.
Es war eine Frühlingsszene wie gemalt.
Ja, diese Zeit ist – zumindest in meinem Gedächtnis – so etwas wie ein Bild. Oder wie ein Film. Wenn ich versuche, eine dieser alten Erinnerungen hervorzukramen, dann betrachte ich uns beide von außerhalb des Rahmens aus einiger Entfernung. Einen Jungen, der gerade erst elf Jahre alt geworden ist, und ein etwa gleich großes und – natürlich – ebenfalls elfjähriges Mädchen. Ich sehe die Gestalten der beiden von hinten, wie selbstverständlich von einer hell leuchtenden Welt umschlossen. Das Bild zeigt die beiden immer nur von hinten. Und jedes Mal läuft das Mädchen zuerst los. Ich erinnere mich an einen Anflug von Traurigkeit, der in diesem Moment durch das Herz des Jungen fährt, und es macht mich, obwohl ich doch mittlerweile erwachsen bin, auch jetzt noch ein kleines bisschen traurig.
Wie dem auch sei, ich erinnere mich, dass Akari damals sagte, die in der Luft tanzenden Kirschblüten sähen aus wie Schnee. Doch für mich sahen sie nicht so aus. Für mich waren Kirschblüten Kirschblüten, und Schnee war Schnee.
„Sieht doch genau aus wie Schnee, oder?“ „Hä, findest du? Weiß nicht …“ „Hm. Na, egal!“, sagte sie ungerührt und drehte sich dann plötzlich zu mir um, denn sie war ungefähr zwei Schritte vor mir. Ihre kastanienbraunen Haare glänzten im Sonnenlicht. Dann gab sie erneut etwas Rätselhaftes von sich.
„Du, es sind fünf Zentimeter in der Sekunde, heißt es!“ „Hä, was denn?“ „Was glaubst du?“ „Keine Ahnung.“ „Denk doch wenigstens mal ein bisschen nach, Takaki!“ Ja, toller Vorschlag, aber ich weiß es trotzdem nicht. Deshalb sage ich ja ehrlich, dass ich es nicht weiß. „Das ist die Geschwindigkeit von fallenden Kirschblüten! Fünf Zentimeter in der Sekunde.“ Fünf Zentimeter in der Sekunde. Wie seltsam sich das anhörte. Ich war beeindruckt. „Hm. Was du alles weißt, Akari!“ Akari kicherte erfreut. „Ich weiß noch mehr! Bei Regen sind es fünf Meter in der Sekunde. Bei Wolken ein Zentimeter.“ „Wolken? Du meinst die Wolken am Himmel?“ „Die Wolken am Himmel.“ „Wolken fallen auch? Ich dachte, sie schwebten!“ „Auch Wolken fallen. Und nein, sie schweben nicht. Denn Wolken sind Ansammlungen von kleinen Regentropfen. Nur weil sie unheimlich groß und weit weg sind, sieht es so aus, als schwebten sie. Während sie langsam tiefer sinken, werden die Tropfen immer größer, bis sie dann als Regentropfen oder Schneeflocken auf die Erde fallen.“ „Hm…“, machte ich und betrachtete ehrlich beeindruckt den Himmel und dann wieder die Kirschblüten. Wenn Akari mir mit ihrer hellen Mädchenstimme fröhlich solche Dinge erzählte, kamen sie mir vor wie ungeheuer wichtige Wahrheiten über das Universum. Fünf Zentimeter in der Sekunde.
„Hm…“, äffte Akari mich nach, als wolle sie sich über mich lustig machen, und fing dann plötzlich an zu rennen. „He, warte, Akari!“, rief ich erschrocken und lief ihr nach.
***
Auf dem Heimweg von der Schule Wissen auszutauschen, das wir aus Büchern oder aus dem Fernsehen hatten und das uns wichtig erschien, zum Beispiel die Fallgeschwindigkeit von Blüten, das Alter des Weltalls oder der Schmelzpunkt von Silber u. Ä., war damals unsere Gewohnheit. Wie Eichhörnchen, die als Vorbereitung auf den Winterschlaf eifrig Eicheln sammeln, oder wie ein Reisender, der vor einer Schiffsreise versucht, sich die Sternbilder einzuprägen, häuften wir emsig alle möglichen funkelnden Fragmente an, die überall in der Welt herumlagen. Wir glaubten aus unerfindlichen Gründen fest daran, dass wir dieses Wissen in unserem zukünftigen Leben brauchen würden.
Ja, so war das. Deshalb wussten Akari und ich damals viele unterschiedliche Dinge. Wir kannten die Position der Sternbilder in den jeweiligen Jahreszeiten und wir hatten uns gemerkt, in welcher Richtung und mit welcher Helligkeit man den Jupiter eventuell am Himmel sehen konnte. Wir wussten, warum der Himmel blau aussieht und in welcher Zeit der Neandertaler von der Bildfläche verschwunden war, wir kannten die Namen der Arten, die nach dem Kambrium ausgestorben waren. Wir hegten eine starke Bewunderung für alles, was viel größer war als wir selbst und sehr weit weg. Mittlerweile allerdings habe ich das meiste davon vergessen. Heute erinnere ich mich nur an die Tatsache, dass ich das früher alles mal wusste.
2
Ich glaube, dass Akari und ich in der Zeit von unserer ersten Begegnung bis zum Abschied – in den drei Jahren von der vierten bis zur sechsten Grundschulklasse – zwei Wesen von derselben Art waren. Unsere Väter wurden wegen ihrer Arbeit häufig versetzt und auf diese Weise waren wir an unserer Grundschule in Tokio gelandet. Ich war in meinem dritten Schuljahr von Nagano nach Tokio gezogen, und Akari kam im vierten Schuljahr aus Shizuoka in meine Klasse. Ich erinnere mich heute noch an den nervösen Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie am ersten Tag in der neuen Schule stocksteif vor der Tafel stand. Ein Mädchen mit langen Haaren, das ein Kleid in einem blassen Pinkton trug und die Hände fest ineinander verschränkt hielt. Die Strahlen der niedrigstehenden Frühlingssonne fielen durch das Fenster des Klassenraums und tauchten sie von den Schultern abwärts in Licht, während alles oberhalb der Schultern im Schatten lag. Ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet, ihre Lippen fest zusammengepresst, und so starrte sie mit weit aufgerissenen Augen auf einen Punkt in dem vor ihr liegenden Raum. Ich dachte, dass ich bestimmt vor einem Jahr genauso ausgesehen hatte, und empfand sofort ein Gefühl der Vertrautheit, das mich zu ihr hinzog. Ich glaube, deshalb war von uns beiden ich derjenige, der den ersten Schritt machte und sie ansprach. Wir freundeten uns schnell an.
Akari war der einzige Mensch, mit dem ich für mich wichtige Probleme teilen konnte: dass mir unsere in Setagaya aufgewachsenen Mitschüler ziemlich frühreif vorkamen, dass mir in dem Menschengedränge vor dem Bahnhof das Atmen schwerfiel und dass das Wasser aus der Wasserleitung hier erstaunlich widerlich schmeckte. Wir waren beide recht klein und oft krank, mochten die Bibliothek lieber als den Sportplatz, und der Sportunterricht war für uns eine einzige Qual. Sowohl Akari als auch ich zogen es vor, uns mit einem anderen Menschen in Ruhe zu unterhalten oder allein ein Buch zu lesen, statt in einer großen Gruppe ausgelassen herumzutoben. Wir wohnten zu der Zeit in einer Firmenwohnung der Bank, für die mein Vater arbeitete, und Akaris Zuhause war vermutlich ebenfalls eine Dienstwohnung irgendeiner Firma. Wir hatten zum großen Teil denselben Heimweg. So kam es, dass wir wie von selbst füreinander unentbehrlich wurden und die Pausen und auch die meiste Zeit nach der Schule miteinander verbrachten.
Die natürliche Folge davon war, dass wir von unseren Klassenkameraden häufig aufgezogen wurden. Wenn ich jetzt darauf zurückblicke, war das, was sie damals sagten und taten, vollkommen harmlos, doch zu der Zeit konnte ich damit nicht gut umgehen, und jedes einzelne Ereignis fügte mir tiefe Verletzungen zu. Das Ganze führte auch lediglich dazu, dass Akari und ich füreinander noch unentbehrlicher wurden.
Eines Tages spielte sich Folgendes ab: Ich war in der Mittagspause zur Toilette gegangen, und als ich in die Klasse zurückkam, stand Akari wie angewurzelt allein vor der Tafel. Auf der Tafel waren (wenn ich jetzt daran denke, war es wirklich eine sehr abgedroschene Stichelei) unsere Namen nebeneinander unter einen Schirm geschrieben und unsere Klassenkameraden standen in einiger Entfernung herum und tuschelten miteinander, während sie Akari beobachteten. Akari war wohl zur Tafel gegangen, weil sie die Schmiererei abwischen wollte, um dem hässlichen Streich ein Ende zu setzen, aber dann sicher vor lauter Scham mittendrin erstarrt. Bei diesem Anblick wurde ich wütend, ging wortlos in den Klassenraum, nahm den Tafelschwamm, wischte das Gekritzel weg und ergriff, ohne selbst so richtig zu begreifen, was ich tat, Akaris Hand, um mit ihr aus dem Klassenzimmer zu rennen. Hinter uns hörten wir das Gekicher unserer Klassenkameraden, doch wir ignorierten sie und rannten weiter. Die Tatsache, dass ich etwas so unvorstellbar Draufgängerisches getan hatte, und das Gefühl von Akaris weicher Hand, die ich in meiner hielt, ließen mein Herz so schnell schlagen, dass mir fast schwindelig wurde. Zum ersten Mal spürte ich, dass ich keine Angst vor dieser Welt hatte. Was in meinem zukünftigen Leben auch immer an Unangenehmem passieren würde – und es stand fest, dass es davon eine Menge geben würde: Schulwechsel, Aufnahmeprüfungen, ungewohnte Orte und fremde Menschen –, solange Akari da war, konnte ich das alles aushalten. Auch wenn ich noch zu jung war, um dieses Gefühl Liebe zu nennen, war mir damals klar, dass ich Akari sehr gernhatte, und ich spürte deutlich, dass sie genauso empfand. Diese Überzeugung wurde durch unsere fest verschränkten Hände und unsere Beine, die sich gemeinsam im Laufschritt bewegten, bestärkt. Ich glaubte fest daran, dass wir vor nichts Angst haben mussten, solange wir uns hatten.
Dieses Gefühl wurde in den drei Jahren, die ich mit Akari verbrachte, nicht schwächer, sondern nur immer noch unzerstörbarer. Wir beschlossen, uns gemeinsam für die in einiger Entfernung liegende private Mittelschule zu bewerben, fingen an, fleißig dafür zu lernen, und verbrachten so noch mehr Zeit miteinander. Vermutlich waren wir in dieser Hinsicht ungewöhnlich erwachsen, denn während uns bewusst wurde, dass wir uns immer mehr in eine Welt verkrochen, die nur uns beiden gehörte, beschlossen wir auch, dass dies nicht mehr war als die Vorbereitungsphase für das bevorstehende neue Mittelschulleben. Wir würden die Grundschulzeit, in der es uns nicht gelungen war, uns in der Klasse zu integrieren, abschließen, gemeinsam mit den anderen Schülern in das neue Leben in der Mittelschule starten und dort würde sich unsere Welt mit der Zeit enorm erweitern. Außerdem war da die Hoffnung, dass auch diese diffusen Gefühle zwischen uns etwas präzisere Konturen annehmen würden, wenn wir erst einmal Mittelschüler waren. Ob wir es dann wohl schaffen würden, einander „Ich liebe dich“ zu sagen? Bestimmt würde sowohl die Distanz zwischen uns und unserer Umgebung als auch die Distanz zwischen Akari und mir irgendwie angemessener werden. Wir werden mehr Kraft erlangen und freier sein, dachte ich.
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann haben wir damals vielleicht deshalb so eifrig unser Wissen ausgetauscht, weil wir beide eine Vorahnung hatten, dass wir uns verlieren würden. Wir spürten und fürchteten – möglicherweise eine Auswirkung unserer Schulwechselerfahrungen –, dass es, auch wenn wir uns deutlich zueinander hingezogen fühlten und uns wünschten, für immer zusammenzubleiben, durchaus passieren könnte, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging. Vielleicht tauschten wir so angestrengt unsere Wissensfragmente miteinander aus, um auf den Moment vorbereitet zu sein, in dem unser wichtiges Gegenüber nicht mehr da sein würde.
Am Ende konnten Akari und ich nicht dieselbe Mittelschule besuchen. Ich erfuhr davon durch einen Anruf von Akari an einem Winterabend im sechsten Schuljahr.
Wir telefonierten normalerweise kaum miteinander und ein Anruf so spät am Abend – es war wahrscheinlich so gegen neun Uhr – war noch ungewöhnlicher. Deshalb war ich ein bisschen alarmiert, als mir meine Mutter mit den Worten „Akari ist dran!“ das Telefon reichte.
„Es tut mir leid, Takaki“, sagte Akari mit leiser Stimme. Was dann kam, war für mich kaum zu begreifen und es war das, was ich am allerwenigsten hören wollte.
Akari sagte, dass sie nicht zu derselben Mittelschule gehen könnte wie ich. Dass sie wegen der Arbeit ihres Vaters in den Frühjahrsferien in eine kleine Stadt in Nord-Kanto zögen. Ihre Stimme zitterte, als würde sie jeden Augenblick anfangen zu weinen. Ich verstand nichts. Mein Körper wurde plötzlich heiß und in meinem Kopf wurde es eiskalt. Ich konnte nicht begreifen, was Akari da gerade sagte und warum sie so etwas zu mir sagen musste.
„Hä …? Aber was ist dann mit der Nishi-Mittelschule? Du wurdest doch gerade angenommen!“, brachte ich endlich heraus. „Sie schicken die Unterlagen zur öffentlichen Mittelschule in Tochigi … Es tut mir leid.“
Durch den Hörer kam der gedämpfte Lärm vorbeifahrender Autos, was bedeutete, dass Akari von einem öffentlichen Fernsprecher aus anrief. Obwohl ich in meinem Zimmer war, schien die Kälte in der Telefonzelle über meine Fingerspitzen in mich einzudringen. Ich hockte mich auf die Tatami-Matten und schlang die Arme um die Knie. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, suchte aber trotzdem nach irgendetwas, was ich sagen könnte.
„Nein … du brauchst dich doch nicht dafür zu entschuldigen … aber …“ „Ich habe gesagt, dass ich bei meiner Tante in Katsushika wohnen und von dort aus zur Schule gehen will, aber sie meinten, ich wäre dafür noch nicht alt genug …“
Ich konnte Akaris unterdrücktes Schluchzen hören und dachte für einen Moment impulsiv: Ich will nicht mehr weiter zuhören. Ehe ich mich’s versah, hatte ich Akari schon in scharfem Ton „Ich hab’s kapiert, okay?“ entgegengeschleudert. Als ich ihr ins Wort fiel, hörte ich, wie sie erschrocken die Luft anhielt. Trotzdem konnte ich mich nicht mehr bremsen. Heftig sagte ich: „Es ist gut, okay?“, und als ich es dann noch einmal wiederholte, hatte ich schon Mühe, die Tränen zu unterdrücken. Wieso … wieso passiert so was immer wieder?!
Es entstand eine Pause von einigen Sekunden, während der ich sie zwischen ihren Schluchzern mit gepresster Stimme „Tut mir leid …“ sagen hörte. Ich saß weiter zusammengekauert auf dem Boden und presste den Hörer fest an mein Ohr. Ich konnte weder das Telefon von meinem Ohr nehmen noch das Gespräch beenden. Mir war bewusst, dass ich Akari auf der anderen Seite der Telefonleitung mit meinen Worten verletzt hatte. So bewusst, dass ich das Gefühl hatte, es mit den Händen greifen zu können. Aber ich konnte nichts tun. Ich hatte noch nicht gelernt, wie man solche Gefühle kontrolliert. Auch nachdem dieses letzte, unbehagliche Telefonat mit Akari beendet war, blieb ich auf dem Boden sitzen, die Arme um die Knie geschlungen.
Die darauffolgenden Tage verbrachte ich in einer schrecklich düsteren Stimmung. Ich schämte mich unheimlich dafür, dass ich nicht in der Lage war, etwas Freundliches zu Akari zu sagen, die mit Sicherheit noch viel größere Angst empfand als ich. Dieses Gefühl blieb bis zur Abschlussfeier unverändert, sodass zwischen Akari und mir beim Abschied immer noch eine unbeholfene Stimmung herrschte. Auch als Akari nach der Feier mit freundlicher Stimme zu mir sagte: „Jetzt müssen wir uns offenbar verabschieden, Takaki“, starrte ich nur auf den Boden und konnte nichts erwidern. Aber das ist ja wohl kein Wunder, dachte ich. Akaris Existenz war doch bisher das Einzige gewesen, worauf ich mich gestützt hatte. Ich hatte vorgehabt, von jetzt an erwachsen zu werden, aber die Voraussetzung dafür, dass ich das konnte, war eben gewesen, dass Akari da sein würde. In diesem Moment war ich immer noch ein Kind. Ich kann wohl kaum gelassen bleiben, wenn mir von irgendeiner unbekannten Macht auf diese Weise alles weggenommen wird, fand ich. Natürlich hatte Akari mit ihren zwölf Jahren gar keine Wahl, aber dennoch war es nicht in Ordnung, dass wir getrennt werden sollten. Es war absolut nicht in Ordnung.
***
Ich schleppte diese aufgebrachten Gefühle weiter mit mir herum, aber trotzdem begann schließlich das neue Schuljahr in der Mittelschule und ich musste mich widerwillig meinem neuen Alltag stellen. Ich ging allein zur Schule, statt wie vorgesehen mit Akari, fand nach und nach neue Freunde, trat kurz entschlossen in den Schulfußballklub ein und fing an, Sport zu treiben. Verglichen mit der Grundschulzeit waren meine Tage ziemlich vollgepackt, aber mir passte es so besser in den Kram. Zeit allein zu verbringen war nicht mehr so angenehm wie früher, sondern eine echte Qual. Deshalb verbrachte ich viel Zeit mit meinen Freunden, ging sofort ins Bett, wenn ich abends meine Hausaufgaben gemacht hatte, und stand morgens früh auf, um enthusiastisch am Morgentraining meines Klubs teilzunehmen.
Genauso hatte sicher auch Akari in einer neuen Umgebung einen ähnlich ausgefüllten Alltag. Ich wünschte mir, dass sie mich in diesem neuen Leben allmählich vergessen würde. Ich hatte sie schließlich im Stich gelassen. Und auch ich musste Akari vergessen. Wir hatten doch beide durch die Erfahrung unserer verschiedenen Schulwechsel gelernt, wie man mit so etwas umging.
In der größten Sommerhitze bekam ich einen Brief von Akari.
Ich erinnere mich, dass ich, als ich im Sammelbriefkasten des Wohnhauses den hellrosafarbenen Umschlag entdeckte und herausfand, dass er von Akari war, zuerst eher Verwirrung spürte als Freude. Ich dachte: Warum jetzt noch? Ich hatte doch im letzten halben Jahr alles dafür getan, mich an eine Welt ohne Akari zu gewöhnen. Ein Brief von ihr würde mich nur an die Einsamkeit erinnern, die ihre Abwesenheit in mir hervorrief.
Denn so war es. Letztendlich konnte ich noch so sehr versuchen, Akari zu vergessen, es führte nur dazu, dass ich an nichts anderes dachte als an sie. Ich hatte viele Freunde gefunden, aber jedes Mal, wenn ich mich mit jemandem anfreundete, erinnerte es mich nur daran, wie besonders Akari gewesen war.
Ich verkroch mich in meinem Zimmer und las Akaris Brief wieder und wieder. Sogar im Unterricht legte ich ihn zwischen die Seiten des Schulbuchs, um ihn heimlich ansehen zu können. So oft, dass ich den Inhalt schließlich auswendig kannte.
„An Takaki Tohno“… mit diesen Worten begann der Brief. Es war Akaris vertraute, tadellose Handschrift.
„Entschuldige, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? Bei uns ist der Sommer auch heiß, aber verglichen mit Tokio viel leichter zu ertragen. Trotzdem, wenn ich jetzt so daran denke, mochte ich den schwülwarmen Sommer in Tokio eigentlich auch sehr gern: den heißen Asphalt, der jeden Moment zu schmelzen scheint, die Hochhäuser jenseits der flimmernden Luft und auch die fast zu kalten Klimaanlagen in den Kaufhäusern und in der U-Bahn.“
Zwischen den seltsam erwachsen klingenden Sätzen waren hie und da kleine Zeichnungen eingefügt (eine Sonne, eine Zikade, Gebäude usw.), die in mir sofort die Vorstellung von Akari entstehen ließen, wie sie vom Mädchen allmählich zur Erwachsenen wurde. Es war ein kurzer Brief, in dem sie nur Alltägliches berichtete. Dass sie mit einer Bahn mit vier Abteilen zu der öffentlichen Mittelschule fuhr, dass sie in den Basketballklub eingetreten war, um kräftiger zu werden, und dass sie sich spontan die Haare hatte schneiden lassen, sodass man jetzt ihre Ohren sehen konnte. Dass sie das überraschenderweise nervös machte. Sie schrieb nichts darüber, dass sie traurig war, weil sie mich nicht sehen konnte, und der Inhalt des Briefes vermittelte mir auch das Gefühl, dass sie sich sehr gut in ihrem neuen Alltag eingelebt hatte. Trotzdem spürte ich, dass sie mich ohne Zweifel gern sehen und mit mir sprechen wollte und dass sie mich vermisste. Sonst hätte sie mir wohl kaum einen Brief geschrieben. Und mir ging es ebenso wie ihr.
Von dem Zeitpunkt an begannen Akari und ich, uns ungefähr einmal im Monat zu schreiben. Durch den Briefwechsel mit ihr fühlte es sich für mich an, als wäre das Leben viel einfacher geworden. Ich war zum Beispiel plötzlich in der Lage, langweiligen Unterricht klar als „langweilig“ zu beurteilen. Während ich nach der Trennung von Akari das harte Fußballtraining oder das ungerechte Verhalten der älteren Schüler mit dem Gedanken So ist das eben! hingenommen hatte, konnte ich nun erkennen, dass etwas Anstrengendes und Bitteres eben tatsächlich anstrengend und bitter war. Und seltsamerweise war es viel einfacher, diese Dinge zu ertragen, nachdem ich einmal gelernt hatte, so darüber zu denken. Wir schrieben in unseren Briefen zwar nicht über alltäglichen Verdruss oder beklagten uns, aber die Empfindung, dass es in dieser Welt wenigstens einen Menschen gab, der einen verstand, machte uns stark.
Auf diese Weise vergingen der Sommer und der Herbst des ersten Mittelschuljahrs, und der Winter kam. Ich wurde dreizehn, war in den wenigen Monaten sieben Zentimeter gewachsen, hatte Muskeln aufgebaut und erkältete mich nicht mehr so schnell wie früher. Es war spürbar, dass die Distanz zwischen mir und der Welt sich im Vergleich zu früher immer mehr einem normalen Ausmaß näherte. Akari war inzwischen auch dreizehn geworden. Wenn ich meine Klassenkameradinnen in ihren Schuluniformen ansah, versuchte ich mir manchmal vorzustellen, wie sich Akaris Aussehen wohl verändert hätte. Sie hatte einmal in einem ihrer Briefe geschrieben, dass sie gern wieder einmal zusammen mit mir die Kirschblüten ansehen würde, so wie damals, als wir in der Grundschule waren. In der Nähe ihres Hauses gab es wohl einen riesigen Kirschbaum. „Im Frühling fallen wahrscheinlich auch dort die Blüten mit einer Geschwindigkeit von fünf Zentimetern pro Sekunde auf den Boden“, schrieb sie.
Zu Beginn des dritten Trimesters fiel die Entscheidung, dass für mich schon wieder ein Schulwechsel anstand.
Der Umzug würde in den Frühjahrsferien stattfinden. Unser neuer Wohnort lag in der Präfektur Kagoshima und obendrein auf einer Insel im Meer vor der Hauptinsel Kyushu. Vom Flughafen Haneda aus brauchte man mit dem Flugzeug zwei Stunden bis dorthin. Das ist nichts anderes als das Ende der Welt, dachte ich. Aber da ich zu dem Zeitpunkt längst an solche Veränderungen in meinem Leben gewöhnt war, brachte es mich nicht sonderlich aus der Fassung. Das Problem war die Entfernung zu Akari. Seit wir in die Mittelschule gekommen waren, hatten wir uns nicht mehr gesehen, dabei waren wir genau genommen gar nicht so furchtbar weit voneinander entfernt. Für die Strecke zwischen der Stadt in Nord-Kanto, in der Akari wohnte, und dem Bezirk in Tokio, in dem mein Zuhause war, brauchte man mit der Bahn ungefähr drei Stunden. So gesehen hätten wir uns sogar samstags treffen können. Aber wenn ich jetzt in eine Stadt am südlichen Ende von Japan zog, würde es tatsächlich keine Möglichkeit mehr geben, Akari zu sehen.
Deshalb schrieb ich ihr, dass ich sie vor dem Umzug gern sehen würde. Ich schlug auch mögliche Treffpunkte und Termine vor. Akaris Antwort kam schon bald. Wir mussten beide die Abschlussprüfungen des dritten Trimesters schreiben, ich hatte außerdem die Vorbereitungen für den Umzug und Akari ihr Basketballtraining. Deshalb war der einzige Termin, der bei uns beiden passte, der Abend des letzten Schultags. Wir sahen uns den Fahrplan an und beschlossen, dass wir uns abends um sieben am Bahnhof in der Nähe von Akaris Zuhause treffen würden. Wenn ich das Training schwänzte und sofort nach der Schule losfuhr, würde ich es bis zu dieser Uhrzeit schaffen und nach zwei Stunden, in denen wir uns unterhalten konnten, mit der letzten Bahn zum Bahnhof in der Nähe unserer Wohnung zurückfahren können. Wenn ich noch innerhalb desselben Tages wieder nach Hause käme, würde ich für meine Eltern schon irgendeine Ausrede finden. Ich musste mit der Odawara-Linie und danach mit der Saikyo-Linie fahren und dann noch in die Utsunomiya-Linie und die Ryomo-Linie umsteigen, aber da ich nur mit Regionalbahnen fahren würde, kam ich für Hin- und Rückfahrt mit 3500 Yen davon. Das war damals für mich kein geringer Betrag, doch es gab nichts, was ich mir mehr wünschte als ein Wiedersehen mit Akari.
