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Der Roman Suzume ist das neue Meisterwerk von your name.-Schöpfer Makoto Shinkai. Der parallel entstandene Film zu Suzume feierte auf der Berlinale 2023 seine Premiere und läuft ab April in den deutschen Kinos. Die 17-jährige Suzume lebt in der ruhigen Stadt auf der Insel Kyushu. Eines Tages trifft sie auf einen jungen Mann, der angibt, "auf der Suche nach einer Tür" zu sein. Suzume folgt ihm zu einer Ruine eines verfallenen Gebäudes in den Bergen und stößt auf eine mysteriöse freistehende Tür. Von einer unsichtbaren Kraft getrieben greift sie nach der Tür – und stürzt damit die ganze Welt ins Unglück. Überall öffnen sich Türen, aus denen Katastrophen strömen. Um das Unheil abzuwenden hat Suzume nur eine Chance: Sie muss die Türen wieder schließen!
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2024
„Suzume“ von Makoto Shinkai
Aus dem Japanischen von Antje Bockel
Originaltitel: „Suzume no Tojimari“
Originalausgabe:
Suzume
© Makoto Shinkai
© 2022SNTFP
First published in Japan in 2022 by KADOKAWA CORPORATION, Tokyo.
German translation rights arranged with KADOKAWA CORPORATION,
Tokyo through TOHAN CORPORATION,
Tokyo.
Deutsche eBook-Erstausgabe:
© 2023 Egmont Manga.digital
verlegt durch Egmont Verlagsgesellschaften mbH,
Ritterstraße 26, 10969 Berlin.
Verantwortliche Redakteurin: Inga Wurzbach
Gestaltung: Laura Bartels
Koordination: Angelika Schönhuber
eBook: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu
ISBN 978-3-98788-093-3
www.egmont-manga.de
Unsere Bücher findest du im Buch- und Fachhandel und auf
Erster Tag
Im Traum gehe ich immer an diesen Ort
Ich habe wieder und wieder denselben Traum.
Während ich träume, ist mir nicht bewusst, dass es ein Traum ist. Ich bin noch ein Kind und habe mich verirrt. Deshalb bin ich traurig und verängstigt. Dennoch empfinde ich in diesem Traum auch ein vertrautes, sicheres Gefühl, als wäre ich in meine Lieblingsbettwäsche eingewickelt. Ich fühle mich gut, obwohl ich traurig bin. Der Ort, an dem ich bin, ist mir vertraut, obwohl ich ihn nicht kenne. Ich möchte für immer dortbleiben, obwohl ich nicht darf. Und dennoch scheint die Traurigkeit für mein kindliches Ich zu überwiegen. Ich schlucke die aufsteigenden Schluchzer verzweifelt hinunter. In meinem Augenwinkeln kleben getrocknete Tränen, die zu durchsichtigen Sandkörnern geworden sind.
Über meinem Kopf funkeln Sterne. Dieser Sternenhimmel ist geradezu idiotisch hell, als hätte irgendjemand aus Versehen den Regler auf die zehnfache Helligkeit hochgedreht. Er ist so blendend hell, als ginge von diesen Lichtpunkten ein schrilles Klingen aus. In meinen Ohrmuscheln mischen sich diese Sternengeräusche mit dem Rauschen des trockenen Windes, meinem mühsamen Atmen und dem Geräusch meiner Schritte im Gras. Ja, ich laufe die ganze Zeit durchs Gras. Am Horizont sehe ich eine Bergkette, die die Welt einzusäumen scheint. Dahinter sind Wolken, die aussehen wie eine weiße Mauer, und darüber steht eine gelbe Sonne am Himmel. Sternenhimmel, weiße Wolken und Sonne, alles gleichzeitig. Und unter diesem Himmel, in dem alle Zeiten verschmelzen zu scheinen, laufe ich weiter.
Als ich Häuser entdecke, spähe ich durch die Fenster ins Innere. Jedes Haus ist von Pflanzen überwuchert. Die meisten Fensterscheiben sind zerbrochen, und zerrissene Gardinen bewegen sich leise raschelnd im Wind. Auch im Innern der Häuser wächst Unkraut. Zwischen den Pflanzen liegt Geschirr herum, E-Pianos, Schulbücher und alle möglichen Dinge, die seltsam neu aussehen. Meine Stimme, die „Mama“ sagen will, ist heiser, atemlos. Ich sammle Kraft in meiner Kehle und rufe noch einmal laut: „Mama!“
Doch mein Schrei wird von der rankenüberwucherten Wand geschluckt, sodass ich keinen Laut von mir gebe.
In wie viele Häuser habe ich wohl hineingespäht, über wie viele Gräser bin ich gelaufen, und wie oft habe ich nach meiner Mutter gerufen? Niemand antwortet mir, ich begegne keiner Menschenseele. Nicht mal ein einziges Tier weit und breit. Meine Stimme, die nach meiner Mutter ruft, verhallt zwischen den Pflanzen, den verfallenen Häusern, den aufeinandergestapelten Autos und den Fischerbooten auf den Dächern. Wie weit ich auch laufe, es gibt nichts als Ruinen. Ich empfinde überwältigende Verzweiflung, und mir kommen erneut die Tränen.
„Mama! Hallo, Mama, wo bist du?“
Schluchzend laufe ich weiter. Meine Atemluft kühlt sofort ab und bildet weiße Wolken, und meine Ohrläppchen sind noch kälter. Meine schmutzigen Fingerspitzen, unter deren Nägeln sich Schlamm gesammelt hat, und meine runden Zehen in den Schuhen mit Klettverschluss sind so kalt, dass sie schmerzen, wohingegen meine Kehle, mein Herz und das Innere meiner Augen sich unangenehm heiß anfühlen, so als wären sie von einer speziellen Krankheit befallen.
Dann bemerke ich, dass die Sonne in den Wolken versunken und die Umgebung in durchsichtiges Zitronengelb getaucht ist. Über meinem Kopf leuchten die Sterne nach wie vor rücksichtslos vor sich hin. Da ich vom Laufen und Weinen völlig erschöpft bin, hocke ich mich ins Gras. Der Wind pfeift über meinen gekrümmten Rücken in der Daunenjacke, raubt mir nach und nach die Körperwärme und bläst stattdessen ein Gefühl der Hilflosigkeit in mich hinein. Mein kleiner Körper wird schwer, als würde er sich langsam in Schlamm verwandeln.
Aber …, denke ich plötzlich, jetzt kommt es! Es fühlt sich an, als würde ich mich selbst aus der Distanz beobachten. Dann kommt der Höhepunkt des Traums. Mein Körper ist halb erfroren und mein Herz durch all die Angst und Einsamkeit gelähmt. Im Traum denke ich, Jetzt ist es auch egal, und Resignation breitet sich überall in mir aus. Doch da höre ich aus weiter Entfernung ein leises Geräusch: Knirsch, Knirsch, Knirsch.
Irgendjemand kommt über die Wiese auf mich zu. Das Geräusch der Gräser, die eigentlich spitz und hart sein müssten, klingt unter den Schritten dieser Person zart und weich wie frisches Grün im Frühling. Ich hebe meinen Kopf, den ich zwischen meinen Knien vergraben hatte. Die Schritte nähern sich. Ich stehe langsam auf und drehe mich um. Um den Schleier vor meinen Augen zu entfernen, blinzele ich zweimal und presse dabei die Augenlider fest zusammen. Hinter den wogenden Gräsern sehe ich wie durch ein dünnes Blatt Papier in der Farbe des Sonnenunterganges die Silhouette einer Frau. Ihr lockeres weißes Kleid wird durch den Wind zu einem runden Ballon gebläht, und das goldene Licht umrahmt ihre langen Haare. Sie ist schlank und wirkt erwachsen, und um ihren Mund liegt ein leichtes Lächeln, ähnlich wie das Halbrund einer schmalen Mondsichel in der Morgendämmerung.
„Suzume!“ Sie ruft meinen Namen. Im selben Moment breitet sich von meinen Ohren, von meinen Fingerspitzen und meiner Nasenspitze, von überall dort, wo die Wellen dieser Stimme meinen Körper erreichen, ein Gefühl in mir aus, als würde ich in warmes Badewasser eintauchen.
Die Schneeflocken, die sich eben noch in den Wind gemischt hatten, verwandeln sich plötzlich in pinkfarbene Blütenblätter, die in der Luft herumtanzen.
Natürlich. Sie war es. Sie war die Person, die ich die ganze Zeit gesucht habe …
Als ich „Mama“ murmelte, war ich schon aus dem Traum erwacht.
So schön wie diese Landschaft
Im Traum ging ich immer an diesen Ort.
Nun war es Morgen und hier war mein Zimmer.
Ich lag auf meinem Futon und begriff es sofort. Dingding, klingelte das Windspiel am Fenster leise. Die Luft, die nach Meer roch, bewegte sachte die Spitzengardinen. Ah, mir ist ja wieder warm, dachte ich, die Wange auf dem Kopfkissen. Ich spürte in meinen Fingerspitzen und Zehen noch immer das leichte Ziehen, diese Mischung aus Einsamkeit und Freude. Ich blieb in mein Bettlaken eingewickelt und schloss die Augen, um das bittersüße Gefühl noch ein wenig auszukosten.
„Suzume! Bist du wach?“ Von unten ertönte eine leicht verärgert klingende Stimme. Ich seufzte innerlich, wälzte mich auf die Seite und rief zurück: „Ja, bin wach!“ Der Nachklang meines Traums, der gerade noch so präsent gewesen war, war im Nu wie weggewischt.
***
„Ganz Kyushu steht unter dem Einfluss eines Hochdruckgebietes. Somit können wir uns heute wahrscheinlich über einen klaren blauen Himmel freuen!“, verkündete die Wettermoderatorin von TV Miyazaki lächelnd, während sie mit einem bunten Zeigestock einen Kreis um Kyushu zeichnete, als wäre es der Zauberstab eines Hexenmädchens.
Ich legte die Hände vor der Brust zusammen, sagte „Guten Appetit!“ und schmierte schwungvoll einen Klumpen Butter auf die dick geschnittene Brotscheibe. Irgendwie mag ich diese Frau, dachte ich und betrachtete die Wettermoderatorin, während ich die Butter auf dem Brot verteilte. Ihre weiße Haut ließ sie wie eine Bewohnerin des Schneelandes wirken und verriet, dass sie wahrscheinlich aus dem Norden Japans stammte. Krcks! Mein Brot machte ein appetitliches Geräusch, als ich hineinbiss. Lecker! Die angeröstete Scheibe schmeckte leicht süßlich, und diese Süße wurde durch den schweren Geschmack der Butter noch hervorgehoben. Bei uns kamen immer hochwertige Lebensmittel auf den Tisch. Die Höchsttemperatur würde heute bei 28 Grad liegen, also nicht zu heiß. Es würde ein angenehmer Tag werden, typisch für den September, versprach die Wettermoderatorin in perfektem Standardjapanisch.
„Hey, vergiss heute deine Lunchbox nicht!“, rief Tamaki in breiter Miyazaki-Mundart aus der Küche. Es hörte sich leicht vorwurfsvoll an – aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. „Jahaaa!“, antwortete ich und versuchte etwas zerknirscht zu klingen, ohne es zu übertreiben. Hin und wieder vergaß ich, die Lunchbox mit in die Schule zu nehmen, die Tamaki jeden Morgen für mich zubereitete. Nicht absichtlich. Das nicht, aber an Tagen, an denen ich keine Lunchbox dabeihatte, verspürte ich ein ganz leises Gefühl der Befreiung. „Unmögliches Mädchen“, murmelte Tamaki und kniff ihre mit rotem Lipgloss geschminkten Lippen zusammen, während sie das Essen in die Box legte. Unter der Küchenschürze trug sie einen gutsitzenden beigefarbenen Hosenanzug, ihre zu einem Bob geschnittenen Haare glänzten, und geschickt aufgetragenes Make-Up betonte ihre großen Augen. Wie immer war Tamaki tadellos gestylt.
„Ach, und Suzume, bei mir wird es heute Abend etwas später. Kannst du dir einfach irgendwas zum Abendessen machen?“
„Was? Hast du etwa ein Date?“ Vor Überraschung verschluckte ich das Spiegelei, das ich eigentlich noch hatte kauen wollen.
„Na klar, na klar, lass dir Zeit! Du kannst gerne bis nach Mitternacht wegbleiben! Du solltest dir ab und zu wirklich mal ein bisschen Spaß gönnen!“
„Ich hab kein Date, ich muss Überstunden machen!“, entgegnete Tamaki und würgte damit meine Hoffnungen ab.
„Ich muss den Fischerei-Erlebnistag vorbereiten. Es ist bald so weit, und vorher muss noch eine Menge erledigt werden. Hier, deine Lunchbox.“ Mit diesen Worten drückte sie mir die riesige Lunchbox in die Hand. Sie war wie immer extrem schwer.
Wie die Wettermoderatorin vorhergesagt hatte, war der Himmel wolkenfrei, und ein paar Milane zogen weit oben in der Luft stolz ihre Kreise. Ich fuhr mit dem Fahrrad die Straße entlang der Meeresküste hinunter. Der Rock meiner Schuluniform blähte sich flatternd auf, als würde er tief Luft holen. Himmel und Meer waren unglaublich blau, die Pflanzen der Böschung sahen frisch und saftig aus, und die Wolken am Horizont so weiß, als wären sie gerade erst entstanden. Wie ich hier gerade so in meiner Schuluniform durch diese Landschaft zur Schule radele, würde eigentlich ein tolles Motiv für einen Post abgeben, dachte ich plötzlich. Auf der Hügelstraße in die Pedale tretend, in meiner Schuluniform und mit dem in der Morgensonne leuchtenden alten Hafenviertel im Rücken. Ich konnte mir das Foto richtig vorstellen.
Die zarte Silhouette eines Mädchens auf einem pinkfarbenen Fahrrad mit einem hochsitzenden, in der Meeresbrise flatterndem Pferdeschwanz, vor einem blauen Hintergrund. Verdammt, das ist schon ziemlich cool! Echt ein Knaller. Doch schon im nächsten Moment erstarrte irgendetwas in meinem Herzen. Pfff, dachte ich entnervt. Wie unbekümmert muss man sein, dass der Anblick des Meeres einen in so eine Stimmung versetzt?
Ich seufzte leise. Dann wendete ich den Blick vom Blau des Meeres, das plötzlich an Glanz verloren zu haben schien, ab und richtete ihn nach vorne.
„…!“
Jemand wanderte den Hügel herauf. Ich war ein bisschen überrascht, denn es kam nur äußerst selten vor, dass hier in der Gegend außerhalb der Stadt jemand zu Fuß unterwegs war. Die Erwachsenen bewegten sich zu 100% mit dem Auto von A nach B, Kinder wurden von den Erwachsenen gefahren, und wir Mittel- und Oberschüler fuhren mit dem Fahrrad oder Mofa.
Die Person schien ein Mann zu sein. Er war groß und schlank, sein langes Haar und das lange weiße Hemd flatterten im Wind. Ich bremste ganz leicht, um die Geschwindigkeit meines Fahrrads zu verlangsamen. Die Person kam allmählich näher. Es war ein junger Mann, den ich nicht kannte … ein Tourist vielleicht? Er trug einen Bergsteigerrucksack auf dem Rücken. Die Beine in den ausgeblichenen Jeans machten große Schritte. Er schaute aufs Meer, und die leicht gewellten Haare versteckten sein Profil. Ich bremste noch etwas stärker. Genau in dem Moment blies der Wind vom Meer plötzlich stärker. Die Haare des jungen Mannes tanzten im Wind, und Licht fiel auf seine Augen. Mir stockte der Atem.
„Ist der schön …“, murmelte mein Mund wie von allein. Die Haut des jungen Mannes war so weiß, als hätte sie noch keinen Sommer kennengelernt, und seine Gesichtszüge waren scharf geschnitten und elegant. Die langen Wimpern warfen sanfte Schatten auf seine markanten Wangenknochen. Unter dem linken Auge war ein perfekter kleiner Leberfleck, der zu sagen schien: Genau hier gehöre ich hin! All diese Details stachen mir aus unerfindlichen Gründen mit einer so präzisen Auflösung ins Auge, als würde ich sie durch eine Lupe betrachten. Die Distanz zwischen uns wurde immer kleiner. Ich sah auf den Boden. Das Fahrgeräusch meines Rads und die Schritte des jungen Mannes vermischten sich. Mein Herz schlug schneller. Mit einem halben Meter Abstand fuhr ich an ihm vorbei. Ich, wir …, sagte mein Herz. Alle Geräusche verlangsamten sich. Wir haben uns früher schon mal irgendwo …
„Hey, du!“
Seine Stimme war tief und sanft. Ich blieb stehen und drehte mich um. In diesem Moment lag die Landschaft für eine Sekunde in gleißendem Licht. Der junge Mann stand vor mir. Er sah mir direkt in die Augen.
„Gibt es hier irgendwo einen verlassenen Ort?“
„Einen verlassenen Ort?“
Angesichts der unerwarteten Frage konnte ich mit dem Begriff erstmal nichts anfangen. Verlassener Ort?
„Ich suche eine Tür.“
Tür? Eine Tür an einem verlassenen Ort? Meine Stimme klang unsicher, als ich sagte: „Also da oben auf dem Berg, da gibt‘s eine Siedlung, in der niemand mehr wohnt …“
Der junge Mann lächelte. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber dieses Lächeln war so wunderschön, dass es die gesamte Umgebung in freundliche Farben zu tauchen schien.
„Danke.“
Er drehte sich um und begann mit festen Schritten in Richtung des Berges zu gehen, auf den ich gezeigt hatte. Einfach so, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen.
„Hä …?“, entfuhr es mir unwillkürlich. Ich war verdutzt. Piiikorokoro, riefen weit oben am Himmel die Milane. Hallo, das war jetzt aber schon ein bisschen unbefriedigend, oder?
***
Direkt über meinem Kopf erklang das Signal: Klang, Klang, Klang! Ich stand am Bahnübergang und wartete. Mein Herz schlug immer noch ein wenig schneller. Wer war dieser Mann?, fragte ich mich, während ich das blinkende rote Licht beobachtete. Ob es sich ähnlich anfühlte, wenn man einem Popstar oder einem Model begegnete? Jemandem, der so ungewöhnlich schön war, dass man auch nach der Begegnung noch für eine Weile Aufregung verspürte? Nein, das war es nicht. Es war etwas ganz anderes, da war ich sicher. Dieser Mann, wie könnte ich es beschreiben …
Eine Schneelandschaft, die von den Lichtern der Stadt erhellt wurde, oder … ein Berggipfel, dessen Spitze in der Morgensonne leuchtete, oder … schneeweiße Wolken, die in unerreichbarer Höhe vom Wind zerzaust wurden. Seine Schönheit war eher die einer Landschaft als die eines attraktiven Menschen. Und ich hatte das Gefühl, dass ich diese Landschaft vor sehr langer Zeit schon einmal gesehen hatte. Ja, es fühlte sich an wie die seltsame Vertrautheit, die ich empfand, wenn ich im Traum über die Wiese lief …
„Suzume!“ Jemand schlug mir von hinten auf die Schulter.
„Morgen!“
„Hey, Aya! Guten Morgen!“
Aya stellte sich neben mich. Ihr schwarzer Bob war leicht zerzaust, und sie atmete unregelmäßig. Wahrscheinlich war sie gerannt. Ein kurzer, nur aus zwei Waggons bestehender Zug fuhr an uns vorbei. Der Wind ließ die Schranke wackeln und unsere Röcke flattern. Erst jetzt merkte ich, dass die Luft von den Gesprächen der Schüler auf dem Weg zur Schule erfüllt war. „Hast du den Stream gestern gesehen?“ oder „Verdammt, ich hab viel zu wenig geschlafen!“ Alle unterhielten sich fröhlich.
„Huch? Suzume, bist du ein bisschen rot im Gesicht?“
„Was? Nee, oder? Ich bin rot?!“
Ich legte unwillkürlich die Hände an die Wangen. Was zum … Sie waren heiß.
„Ja, ziemlich! Ist irgendwas?“
Sie schaute mir durch ihre Brille misstrauisch ins Gesicht. Während ich noch überlegte, wie ich darauf antworten sollte, hörte das Signal plötzlich auf, als wäre die Zeit abgelaufen, und die Schranke begann sich zu öffnen. Alle, die sich vor dem Bahnübergang gesammelt hatten, setzten sich gleichzeitig in Bewegung.
„Ist irgendwas?“
Da ich als Einzige stehengeblieben war, drehte sich Aya zu mir um und stellte die Frage noch einmal, diesmal in leicht besorgtem Ton.
Ein Mensch wie eine Landschaft. Das Déjà-vu. Ich hob das Vorderrad meines Fahrrads an.
„Entschuldige! Mir fällt gerade ein, ich hab was vergessen!“
Nachdem ich das Fahrrad umgedreht hatte, stieg ich wieder auf und fuhr los. In die Richtung, aus der ich gekommen war. „Wie jetzt? Moment, was machst du denn, Suzume? Du kommst zu spät!“ Die Stimme hinter mir entfernte sich. Während mein Rücken unter der Kraft der Morgensonne zu schwitzen begann, stellte ich mich in den Pedalen auf und strampelte in Richtung des Berges. Der ältere Fahrer eines Transporters, der an mir vorbeifuhr, starrte mich an. Ein Mädchen in Schuluniform, das eilig in die zur Oberschule entgegengesetzte Richtung fuhr. Ich verließ die asphaltierte Landstraße und bog in die mit altem Beton befestigte Bergstraße ein. Das Rauschen des Meeres wurde ab und zu vom Gesang der Zikaden übertönt. Ich brachte mein Fahrrad im Gras zum Stehen und stieg über die Sperre, auf der „Zutritt verboten“ stand. Mit schnellen Schritten lief ich auf dem dämmrigen schmalen Weg, der kaum mehr war als ein Trampelpfad, bergaufwärts.
Erst, als ich ziemlich außer Atem oben angekommen war und unter mir die alte Onsen1-Stadt erblickte, kam mir der Gedanke: Puh, zur ersten Stunde schaffe ich es wohl nicht mehr rechtzeitig.
Ein schwacher Schwefelgeruch lag in der Luft. Vom Ende der Showa-Zeit, also in den 80er Jahren, bis zum Anfang der Heisei-Zeit ab 1989 war das hier wohl ein gut besuchter Erholungsort gewesen. In einer Zeit, als die Wirtschaft so gut lief, wie man es sich jetzt gar nicht mehr vorstellen konnte, und in der es auch noch viel mehr Menschen gab, waren tatsächlich aus ganz Japan Familien, Liebespaare und Freundesgruppen in diese abgelegene Berggegend gekommen, um in den heißen Quellen zu baden oder Bowling zu spielen, Pferde mit Karotten zu füttern und Invader Games zu zocken (keine Ahnung, ob das stimmt). Irgendwie unglaublich. Trotzdem spürte man hier und da in dem von Unkraut überwucherten Ort noch einen Hauch der lebhaften Stimmung von damals. Rostige Getränkeautomaten, kaputte rote Laternen, ausgeblichene Thermalwasserrohre und von Ranken bewachsene Schilder, Stapel von leeren Dosen und merkwürdig neu aussehenden Kanistern und über meinem Kopf ein Wirrwarr aus zahllosen Stromkabeln, die aussahen wie Schlingpflanzen. In dieser verfallenen Stadt stand tatsächlich mehr Zeug herum als in dem Ort, wo ich wohnte, sogar mehr als im Stadtzentrum, in dem meine Oberschule lag.
„Ähm, Entschuldigung?“
Menschen gab es hier allerdings keine mehr. Irgendwann waren die heißen Quellen versiegt, dann versiegte das Geld, und schließlich der Menschenstrom. Die sommerlichen Sonnenstrahlen beleuchteten die verfallenen Gebäude zwar so spektakulär, als wären sie irgendeine Attraktion, doch das änderte nichts daran, dass der Ort etwas unheimlich wirkte. Während ich über die gepflasterten Straßen lief, in deren Ritzen Gras wucherte, rief ich mit unnötig lauter Stimme: „Bist du hier irgendwo, gutaussehender Mann?!“
Wie sollte ich denn auch sonst nach ihm rufen? Ich ging über eine kleine Steinbrücke auf ein verfallenes Hotel zu, das offenbar früher das zentrale Gebäude dieses Erholungsorts gewesen war. Es war ein runder Betonbau und fiel im Vergleich mit den verlassenen Häusern drumherum ganz besonders auf.
„Ich bin so frei …“, sagte ich, als ich die weitläufige Hotellobby betrat. Auf dem Boden lag überall Schutt, es standen ein paar Sofas herum, und an den Fenstern hingen gigantische zerfetzte Gardinen.
„Guten Tag! Hallo? Bist du da?“
Ich blickte mich um, während ich durch den schummrigen Flur lief. Obwohl es eigentlich ein heißer Tag war, lief es mir ehrlich gesagt schon die ganze Zeit kalt den Rücken herunter. Vielleicht hatte ich diese verlassene Stadt ein bisschen auf die leichte Schulter genommen. Ich rief gleich noch ein bisschen lauter: „Also, ich … ich habe das Gefühl, dass ich dich schon mal irgendwo getroffen habe!“ Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, kam mir der Gedanke, dass das auch ein abgedroschener Anmach-Spruch war.
Vielleicht sollte ich lieber wieder gehen. Irgendwie kam mir das Ganze hier auf einmal bescheuert vor. Und peinlich war es mir auch. Angenommen, ich würde den jungen Mann treffen, was war denn überhaupt mein Plan? Wenn ich mir den umgekehrten Fall vorstellte, in dem ich jemanden lediglich nach dem Weg gefragt hätte und diese Person mir dann die ganze Zeit hinterhergelaufen wäre, dann hätte ich das ja wohl ziemlich creepy gefunden. Und im Übrigen war es hier allmählich auch echt gruselig.
„Ich geh wieder!“, sagte ich mit betont munterer Stimme laut und machte eine Kehrtwende. Doch dann nahm ich im Augenwinkel etwas wahr und blieb abrupt stehen.
„Eine Tür …“
Vom Flur aus gelangte man in den Innenhof des Hotels. Unter dem nackten Stahlgerüst der Kuppel, von dem die Decke längst herabgefallen war, befand sich ein runder Raum, so weitläufig, dass man dort einen 100-Meter-Lauf hätte veranstalten können. Sein Boden war von klarem Wasser bedeckt. In der Mitte dieser riesigen Wasserlache stand einfach so eine weiße Tür. Andere Überbleibsel wie Backsteine, Gerippe von Sonnenschirmen und ähnliches lagen in der Gegend herum, einzig diese Tür stand einsam und aufrecht da, so als hätte sie von irgendjemanden eine besondere Erlaubnis dazu bekommen, oder als wäre es ihr verboten worden, umzufallen.
„Er hat doch von einer Tür gesprochen …“, sagte ich laut, wie um mich zu rechtfertigen, und ging auf die Tür zu. Mitten auf der niedrigen Steintreppe, die zu dem Innenhof hinunterführte, blieb ich stehen. Ob es nun Regenwasser war oder ob es irgendeinen Zulauf gab, jedenfalls hatte das Wasser, das sich auf dem gefliesten Boden angesammelt hatte, eine Tiefe von etwa fünfzehn Zentimetern. Ich fragte mich, ob meine Halbschuhe es wohl vertrugen, nass zu werden, und setzte im nächsten Moment schon meinen Fuß ins Wasser. Die Empfindung, wie das Wasser in meine Schuhe drang, kam mir sehr vertraut vor, und obwohl ich von der Kälte des Wassers überrascht war, vergaß ich es während des Gehens schnell.
Aus unerfindlichen Gründen konnte ich meine Augen nicht von der weißen Tür losreißen, die sich nun direkt vor mir befand. Es war eine alte Holztür. Sie war von Ranken überwachsen, und hier und da war die Farbe abgeblättert, sodass das braune Holz sichtbar wurde. Ich stellte fest, dass sie einen winzigen Spalt aufstand. Dieser kaum einen Zentimeter breite Spalt war seltsam dunkel. Warum? Warum war der Spalt so dunkel, obwohl der Himmel strahlend blau war? Ich brannte vor Neugier. Wind blies mir sacht in die Ohren. Ich streckte die Hand nach dem messingfarbenen Türknauf aus. Meine Fingerspitzen berührten ihn vorsichtig. Doch obwohl ich ihn nur leicht berührt hatte, öffnete sich die Tür mit einem knarzenden Geräusch.
„…!“ Ich stieß lautlos die Luft aus. Hinter der Tür war Nacht.
Die Sterne am Himmel funkelten so unglaublich hell, dass sie mich fast blendeten. Am Boden dehnte sich eine ausgelassen wuchernde Wiese zu allen Seiten aus. Die Angst, ob ich vielleicht plötzlich verrückt geworden war, die Verwirrung, ob das hier womöglich ein Traum war, und die Einsicht, dass ich es doch eigentlich gewusst haben müsste, drehten sich umeinander wie Wirbel in einem schlammigen Fluss.
Ich zog den linken Fuß aus dem Wasser, um ihn auf die Wiese zu setzen. Ich konnte in meinem Kopf schon fühlen, wie die Sohle das Gras berührte … als mein Schuh mit einem Plätschern wieder ins Wasser trat.
„Hä?!“
Erschrocken sah ich mich um. Die Hotelruine stand da wie zuvor. Ich drehte mich wieder zur Tür. Im Türrahmen war es Nacht, so als wäre nur diese Stelle vom Sommer abgetrennt.
„Warum …“
Eigentlich wollte ich kurz nachdenken, aber mein Körper lief einfach los. Die Tür kam näher. Der Sternenhimmel kam näher. Ich lief durch die Tür … und da war das verfallene Gebäude. Hastig drehte ich mich um und rannte noch einmal hinein in den Sternenhimmel hinter der Tür. Aber dort war wieder das verfallene Gebäude. Ich konnte nicht auf die Wiese gelangen. Ich wurde nicht hineingelassen. Ich wich zurück … und stieß mit der Ferse gegen etwas Hartes. Gooong, machte es. Ein klares Geräusch wie von einer Glocke. Erschrocken sah ich nach unten. Ein Buddha? Der Kopf einer kleinen Steinstatue ragte aus dem Wasser. Sie hatte die großen Ohren einer Fuchs-Gottheit und ein dreieckiges Gesicht, in das schmale Augen eingraviert waren. Ich starrte sie an. Ich konnte den Blick nicht von ihr wenden. Das Säuseln des Windes in meinen Ohren klang, als sagte sie etwas zu mir. Ich legte meine Hände um die Statue. Als ich sie hochhob, fühlte es sich an, als würde ich sie aus dem Boden herausziehen, und eine große Schaumblase stieg blubbernd im Wasser nach oben. Ich sah auf die Statue in meinen Händen. Sie war unten spitz und geformt wie ein kurzer Stab. Bedeutete das, dass sie im Boden gesteckt hatte?
„Sie ist kalt …“
Sie war gefroren. Der dünne Eisfilm schmolz langsam, als würde er von meiner Körperwärme verjagt, verwandelte sich in Tau und tropfte ins Wasser. Warum? Wieso gab es in der verlassenen Stadt mitten im Sommer Eis? Ich drehte mich wieder zu der Tür um. Im Türrahmen war nach wie vor der Sternenhimmel über der Wiese zu sehen. So als wäre er tatsächlich da.
Bubumm!
Plötzlich spürte ich, dass von der Steinstatue in meinen Händen Körperwärme ausging. Ich sah hin und stellte fest, dass ich ein fellbedecktes, weiches Lebewesen in meinen Händen hielt.
„Waaah!“
Ausgehend von meinen Händen bekam ich am ganzen Körper Gänsehaut und warf das Wesen sofort von mir. Mit einem Plumpsen stieg gleich darauf in einiger Entfernung eine Wasserfontäne auf. Das Ding flitzte durch das Wasser, begleitet von lautem Plätschern und heftigem Spritzen. Es bewegte sich wie ein kleines vierbeiniges Tier und lief zum Rand des Innenhofs.
„Häääää?!“
Das Ding war doch eine Steinstatue gewesen, oder?!
„Uwaaaah … ist das gruselig!“
Ich hielt es nicht länger aus und rannte los, so schnell ich konnte. Das ist nicht wahr, das muss ein Traum sein! Oder kommt sowas häufig vor und alle haben es in Wirklichkeit schon mal erlebt und reden nur nicht darüber? Ja, bestimmt ist es so, ganz bestimmt! Ich musste so schnell wie möglich in meine Klasse und dieses Ereignis mit meinen Freundinnen weglachen. Das war mein einziger Gedanke, während ich den Weg zurücklief, den ich gekommen war.
1 natürliche heiße Quellen
Nur wir können es sehen
Ding, Dang, Dong, läutete der Gong, der den Beginn der Mittagspause verkündete. „Hey, Iwato, auch schon da? Huch, Suzume, du bist ganz blass, kann das sein?“ Ich reagierte mit einem vagen Lächeln auf die Fragen einiger Mitschüler und verdrückte mich in unser Klassenzimmer.
„Endlich bist du da!“ Aya saß auf ihrem Platz am Fenster, stocherte in ihrer Lunchbox und sah mich fragend an.
„Die feine Dame hat es wohl nicht nötig, pünktlich zu erscheinen!“
Mami, die neben ihr saß, steckte sich mit einem Grinsen ein Stück Omelett in den Mund.
„Äh … ja, genau.“
Ich zwang mich zu einem Lächeln und setzte mich den beiden gegenüber. Der Lärm der Mittagspause und die Schreie der Seemöwen draußen vorm Fenster drangen auf einmal wieder an meine Ohren, so als hätten sie sich gerade erst daran erinnert, dass sie zum Hören gedacht waren. Wie ferngesteuert holte ich die Lunchbox aus meinem Rucksack und klappte den Deckel hoch.
„Yay! Da ist es wieder, Mamas Lunch!“, riefen Aya und Mami begeistert. Die Reisbällchen waren mit Nori-Algen und rosarotem Trockenfisch verziert, sodass sie wie Spatzengesichter2 aussahen.
Fäden aus gebratenem Ei waren zu einer wilden Frisur arrangiert. Erbsen waren Nasen, Würstchen rosafarbene Wangen. Das Omelett, die Wiener Würstchen und die frittierten Garnelen hatten lächelnde Augen und Münder. „Da hat dich aber jemand auch heute wieder sehr lieb!“ „Wie lang hat deine Mutter gebraucht, um diese Lunchbox zu machen!“ Hehehe, lachte ich so gut es ging, hob den Kopf und sah die beiden an. Klappte nicht so gut mit dem Lachen.
„Ähm … Richtung Kaminoura gibt’s doch diese verlassene Stadt, nicht wahr? Der alte Onsen-Ort.“
„Ach so? Kennst du den, Aya?“
„Ja, hab davon gehört. So ein Erholungsort aus der Zeit der Wirtschaftsblase. Dahinten in den Bergen.“
Wir folgten alle mit den Blicken Ayas ausgestrecktem Zeigefinger. Hinter den ausgeblichenen Gardinen sah man das friedliche Hafenviertel in der Nachmittagssonne. Eine kleine Bucht, umrahmt von einer Landzunge, darüber ein niedriger Berg. Der Berg, auf dem ich eben noch gewesen war.
„Und, was ist da?“
„Eine Tür …“, setzte ich an, doch im selben Moment merkte ich, dass mein heftiger Wunsch, dieses Erlebnis wegzulachen, nachgelassen hatte. Es war kein Traum gewesen. Aber es war auch nichts, was ich mit meinen Freundinnen teilen konnte. Es war viel zu persönlich …
„Ach, schon gut.“
„Was?! Jetzt erzähl schon!“, riefen die beiden wie aus einem Mund. Das war so komisch, dass ich endlich doch richtig lachen konnte. Im gleichen Moment bemerkte ich, dass von dem Berg hinter den Köpfen meiner Freundinnen dünner Rauch aufstieg.
„Hey, brennt es da hinten?“
„Hä, wo denn?“
„Da, auf dem Berg!“
„Hä, wo?“
„Seht doch! Da steigt Rauch auf!“
„Ich seh’s nicht, wo denn?“
„Was …?“
Die Kraft wich aus meinem ausgestreckten Zeigefinger. „Siehst du etwas?“ „Nee. Vielleicht verbrennt jemand was auf seinem Feld?“ Ich sah die beiden an, die sich mit gerunzelten Stirnen unterhielten, und blickte dann wieder hinüber zum Berg. Dunkelroter wabernder Rauch stieg vom Hang auf. Die Rauchsäule zeichnete sich ganz deutlich vor dem blauen Himmel ab.
Da meldete sich plötzlich mein Smartphone, das in meiner Rocktasche steckte. Das gleiche Geräusch erklang gleichzeitig überall um mich herum. Ein erschreckender, dissonanter Ton, der sich in hoher Lautstärke wiederholte: der Signalton der Erdbebenwarnung. Im Klassenzimmer wurden kurze Schreie laut.
„Was, ein Erdbeben?“ „Hä, ernsthaft? Wackelt es denn?“
Erschrocken schaute ich auf das Display. Auf der Warnseite der Erdbebeneilmeldung stand „Bitte bereiten Sie sich auf Erschütterungen vor. Schützen Sie Ihren Kopf etc.“. Ich sah mich um. Die von der Decke hängenden Neonleuchten fingen langsam an zu schaukeln. Die Kreide rollte vom Lehrerpult und fiel auf den Boden.
„Wah, es wackelt tatsächlich ein bisschen!“ „Es wackelt, es wackelt!“ „Ist das ein gefährliches Beben?“ In dem Versuch, die Stärke des Bebens einzuschätzen, hörten alle auf, sich zu bewegen, und hielten den Atem an. Die Neonleuchten schaukelten jetzt noch stärker und die Fensterrahmen quietschen leise. Der Boden unter unseren Füßen bewegte sich leicht. Aber es machte den Eindruck, als ob es sich allmählich wieder beruhigte. Auch der Signalton der Erdbebenwarnung wurde leiser, und schließlich waren alle Smartphones wieder still.
„Hat es aufgehört …?“
„Ja, es ist vorbei. Na, so schlimm war es ja dann gar nicht.“
„Ich hatte ein bisschen Angst!“
„In letzter Zeit gibt’s irgendwie mehr Beben, oder?“ „Hab mich schon dran gewöhnt.“ „Wow, krasses Katastrophenschutzbewusstsein …“ „Makotsu meint, die Meldung war übertrieben.“
Die Anspannung im Klassenzimmer löste sich in erleichtertem Stimmengewirr auf, aber mir ging das zu schnell. Auf meinem Rücken bildeten sich fortwährend Schweißtropfen. Als ich versuchte, etwas zu sagen, klang meine Stimme kratzig. „Hey …“
„Hm?“ Aya und Mami sahen mich an. Obwohl mir irgendwo in meinem Verstand schon klar war, dass wahrscheinlich wieder dasselbe passieren würde, musste ich es den beiden trotzdem sagen. „Seht mal, da …!“
Aus dem Berg wuchs so etwas wie ein riesiger Schweif heraus. Bis vorhin hatte es wie Rauch ausgesehen, aber mittlerweile war es dicker und größer und sah aus wie eine halbtransparente Riesenschlange oder ein zusammengedrehtes Lumpenbündel oder auch wie ein roter Wasserlauf, der von einem Tornado in die Luft gesogen wurde. Das Ding stieg, sich windend, langsam in den Himmel auf. Das Frösteln meines Körpers schrie: Das ist auf gar keinen Fall etwas Gutes!
„Also Suzume, wovon redest du denn die ganze Zeit?“, fragte Mami verwundert, während sie sich mit dem Oberkörper aus dem Fenster lehnte und zu dem Berg hinübersah. „Hey, ist alles okay? Geht’s dir heute nicht gut?“ Aya klang besorgt.
„Ihr könnt es nicht sehen …?“, murmelte ich, wie um mich zu vergewissern. Die beiden sahen mich beunruhigt an. Sie können es nicht sehen. Nur ich sehe es. Ein großer Schweißtropfen lief an meiner Wange herab. Er fühlte sich unangenehm an.
„Hallo? Suzume!“
Aber ich stürmte schon aus dem Klassenzimmer und lief los, ohne mir noch Zeit für eine Antwort zu nehmen. Ich stürzte die Treppe hinunter, rannte aus dem Schulgebäude und steckte den Schlüssel in das Schloss meines Fahrrads. Ich trat wie verrückt in die Pedale und fuhr die Straße entlang der Küste in Richtung des Bergs hinauf. Von dem Bergrücken vor mir streckte sich tatsächlich deutlich erkennbar der rotschwarze Schweif nach oben. Um das Ding herum, das einen dicken Strich in den Himmel zu zeichnen schien, sammelten sich Schwärme von Wildvögeln und Krähen, die die Luft mit ihrem Krächzen erfüllten. Doch weder die Fahrer der Autos, die an mir vorbeifuhren, noch die Angler auf dem Deich sahen zum Himmel hoch. Für sie wie für alle anderen Leute in der Stadt war es ein ganz normaler, sorgloser Sommernachmittag.
„Warum sieht das denn niemand …?! Was ist das für ein Ding?!“
Ich musste mich vergewissern. Denn dieses Etwas … dieses Etwas war womöglich … Ich sprang von meinem Fahrrad und ließ es einfach fallen. Dann rannte ich wieder den gleichen Bergpfad hinauf wie vorhin. Beim Laufen sah ich zum Himmel. Der Schweif war mittlerweile zu einem großen Fluss geworden, der über den Himmel strömte. Aus seinem dicken Hauptarm, der wie eine zähflüssige, schlammige Strömung aussah, streckten sich mehrere Seitenarme in alle Richtungen aus. Hin und wieder flackerten rote Lichter in ihrem Inneren auf, die an Lavaströme erinnerten. Währenddessen klang das dumpfe Dröhnen aus dem Boden unter meinen Füßen die ganze Zeit so, als würde irgendetwas aus der Erde herausgezogen.
„Das kann nicht …“, entfuhr es mir, als ich in den verfallenen Onsen-Ort hineinlief. Obwohl meine Lungen vom Rennen brannten, wurden meine Beine immer noch schneller, als würden sie mit Gewalt zu etwas hingezogen. Ich überquerte die Steinbrücke, lief durch die Lobby der Hotelruine und den Flur, der zum Innenhof führte.
„Das kann nicht sein, das kann nicht sein, das kann nicht sein …“
Plötzlich bemerkte ich einen seltsamen Geruch in der Luft. Merkwürdig süßlich, wie angebrannt, mit einem Hauch von Salz … Ich hatte diesen Geruch vor langer Zeit schon einmal gerochen. Die Fenster vor mir kamen näher, mein Gesichtsfeld weitete sich, und ich konnte den Innenhof sehen.
„Aaah!“
Ich wusste es, dachte ich, ohne dass mir klar war, warum. Es war die Tür. Das Etwas kam aus der Tür, die ich geöffnet hatte. Die rotschwarze trübe Strömung schoss heftig aus der Tür hervor, als machte sie ihrer Unzufriedenheit über den viel zu kleinen Ausgang Luft. Ich rannte zum Ende des Flurs und war endlich bei dem Innenhof angekommen. Vor mir, in fünfzig Metern Entfernung, stand die weiße Tür und spie den Schlammfluss aus.
„Was?!“
Ich riss die Augen weit auf. Im Schatten der sich windenden trüben Flut stemmte sich jemand gegen die Tür und versuchte sie zu schließen. Lange Haare. Große Statur. Wunderschöne, fein gezeichnete Gesichtszüge.
„Er ist es!“
Der junge Mann, an dem ich heute Morgen vorbeigefahren war, versuchte mit angestrengtem Gesichtsausdruck die Tür zuzumachen. Seine kräftigen Arme drückten die Tür Stück für Stück in den Rahmen zurück. Die Fontäne wurde schmaler, die trübe Strömung allmählich eingedämmt.
„Was machst du hier?!“, brüllte er, als er mich bemerkte.
„Was?!“
„Weg hier!“
In diesem Moment schien der trübe Strom zu explodieren, und sein Druck wurde noch kräftiger. Die Tür flog auf und katapultierte den Körper des jungen Mannes durch die Luft. Er knallte gegen die Backsteinmauer und stürzte in einem Hagel von Steinsplittern ins Wasser.
„Haah!“
Erschrocken sprang ich die Steinstufen hinunter und rannte durch die seichte Wasserfläche, die sich in dem Innenhof angesammelt hatte, auf ihn zu. Er lag entkräftet mit dem Rücken im Wasser.
„Alles in Ordnung?!“ Ich beugte mich vor, um ihn anzusehen. Uuh, stöhnte er und versuchte, sich aus eigener Kraft aufzurichten. Als ich meinen Arm um seine Schulter legte, um ihm zu helfen, bemerkte ich etwas.
„…!“
Die Wasserfläche leuchtet! Einen Moment später tauchte etwas, das aussah wie ein golden leuchtender Faden, lautlos aus dem Wasser auf und streckte sich wie von unsichtbaren Fingern gezogen steil Richtung Himmel.
„Was …“, murmelte der Mann. Überall stiegen von der Wasserfläche im Innenhof goldene Fäden zum Himmel auf. Ich folgte ihnen mit den Blicken und sah, dass die Schlammflut, die aus der Tür hervorgesprudelt war, sich verzweigte und über den ganzen Himmel ausbreitete. Es war, als wäre ein Stängel aus der Tür herausgewachsen, an dessen Ende nun eine gigantische bronzefarbene Knospe aufblühte. Und die goldenen Fäden sahen aus wie ein Duschstrahl, der von unten nach oben auf die Blüte herabregnete. Dann begann die Blume zusammenzubrechen.
„Nein …!“
Ich hörte die Stimme des jungen Mannes, die so klang, als wäre sie durch seine durch Verzweiflung zugeschnürte Kehle herausgepresst worden, und meine Vorstellung begann zu arbeiten. Was ich mir vorstellte, passierte. Das verschlafene Klassenzimmer am Nachmittag, und vor den Fenstern eine riesige Blume, die langsam Richtung Erde zusammenbrach. Doch niemand konnte diese Monstrosität sehen. Ihr Gestank drang nicht dorthin, niemand bemerkte die Katastrophe, die sich von der anderen Seite der Welt näherte. Weder die Fischer auf ihren Booten noch die alten Leute, die auf dem Deich saßen und angelten, noch die Kinder, die durch die Stadt liefen, merkten etwas davon, dass die Blume sich dem Erdboden näherte und dabei immer schneller wurde. Zusammen mit dem enormen Gewicht, das sie in ihrem Inneren gesammelt hatte, würde die Blume irgendwann auf den Boden prallen …
Das Smartphone in meiner Rocktasche fing im selben Augenblick an laut zu klingeln, als der Boden unter meinen Füßen heftig zu beben begann. Unwillkürlich entfuhr mir ein Schrei.
„Dies ist ein Erdbeben. Dies ist ein Erdbeben. Dies ist ein Erdbeben …“
Unter dem Eindruck der emotionslos-künstlichen Stimme der Erdbebenwarnung, des heftigen Bebens und des Knirschens des verfallenen Gebäudes schrie ich laut, hielt mir die Ohren zu und kauerte mich auf den Boden. Es war ein sehr starkes Beben. Eines, das es mir unmöglich machte aufzustehen.
„Vorsicht!“
Der Körper des jungen Mannes warf mich um. Mein Gesicht lag zur Hälfte im Wasser. Direkt danach gab es einen schweren Knall und die Wasserfläche vor meinen Augen färbte sich rot. Blut?! Über mir hörte ich ein kurzes Aufstöhnen, das gleich danach unterdrückt wurde. Der junge Mann richtete sich abrupt auf. Für einen Moment sah er mich an, dann schrie er „Verschwinde hier!“ und rannte auf die Tür zu. Ich hob den Kopf und sah, dass das Stahlskelett der Kuppel an einigen Stellen zusammenbrach. Die Teile stürzten herab und landeten spritzend im Wasser.
Mit einem Kampfschrei warf der junge Mann seinen ganzen Körper gegen die Tür. Er stemmte sich gegen sie und versuchte, die Schlammflut zurückzudrängen. Dabei presste er nur seine rechte Schulter gegen das Holz. Doch die Gewalt der Strömung schob ihn mitsamt der Tür zurück.
Er hat sich verletzt, als er mich vor den Stahlträgern beschützte …, wurde mir klar. „Dies ist ein Erdbeben.“, verkündete weiterhin die Stimme der Erdbebenwarnung. Der Boden zitterte immer noch heftig. Da meine rechte Hand die ganze Zeit die Schleife meiner Schuluniform fest umklammerte, hatte ich schon kein Gefühl mehr in den Fingern.
Obwohl der linke Arm des jungen Mannes kraftlos an seinem Körper herabhing, drückte er weiter verzweifelt seinen Rücken gegen die Tür. Plötzlich war mir zum Weinen zumute und ich dachte: Ohne dass irgendjemand davon weiß, ohne dass irgendjemand es sieht, tut dieser Mann etwas sehr Wichtiges, etwas, das irgendjemand tun muss. In meinem Kopf geriet etwas in Bewegung. Der Anblick dieses Mannes löste etwas in mir aus. Die Erde bebte weiter. Ich versuchte, meine verkrampfte Hand zu öffnen und die Schleife loszulassen, an der sie sich festklammerte.
Dann lief ich los, durch das Wasser.
Sein Rücken kam näher. Ich streckte beim Laufen beide Arme nach vorne aus und warf mich mit aller Kraft gegen die Tür.
„Du …!“ Der junge Mann sah mich überrascht an. „Warum?!“
„Wir müssen sie zumachen, oder?!“, schrie ich und stemmte mich neben ihm gegen die Tür. Durch das dünne Holz nahm ich eine unheilvolle Empfindung wahr. Wie um dieses unangenehme Gefühl zu zerquetschen, drückte ich mit Leibeskräften gegen die Tür. Ich spürte in meinen Handflächen, dass auch der junge Mann seine Anstrengungen verstärkte. Unter knirschenden Geräuschen begann sich die Tür allmählich zu schließen.
Singt er? Ich merkte plötzlich, dass der Mann leise irgendetwas murmelte, während er gegen die Tür drückte. Unwillkürlich sah ich zu ihm auf. Mit geschlossenen Augen rezitierte er seltsame Worte, die sich anhörten wie shintoistische Gebete in einem Schrein oder auch wie ein auf traditionelle Art gesungenes Lied. Und schließlich mischte sich auch noch irgendetwas anderes dazu.
„Hä …? Was ist das?!“
Was ich hörte, waren menschliche Stimmen … das Lachen spielender Kinder, das Murmeln von Erwachsenen. Schnell, Papa, hier! Wir waren so lange nicht mehr im Onsen! Fröhliche Gespräche von Familien erklangen in mir, als würden sie direkt in meinen Kopf hineingesprochen.
„Ich gehe Opa holen!“
„Mama, können wir noch mal ins Bad gehen?“
„Na na na, Liebling! Noch mehr Bier?“
„Lasst uns nächstes Jahr wieder herkommen, mit der ganzen Familie!“
Diese fernen Stimmen brachten so etwas wie ausgeblichene Bilder zu mir. Lebhaftes Kommen und Gehen. Große Gruppen fröhlicher junger Menschen. Wie dieser Ort einmal gewesen war, vor meiner Geburt, als die Menschen noch fest an eine strahlende Zukunft glaubten.
Blamm! Die Tür schloss sich mit einem lauten Knall.
„Sie ist zu!“, rief ich unwillkürlich. Der junge Mann holte sofort aus und stieß etwas, das aussah wie ein Schlüssel, gegen die Tür. Es schien mir, als wäre auf der Holzfläche nur für einen kurzen Moment ein Schlüsselloch aufgetaucht.
