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Hodaka zieht von seiner abgelegenen Heimatinsel in die Megametropole Tokio. Aus finanzieller Not bewirbt er sich als Redakteur bei einem okkulten Magazin – und wird tatsächlich genommen. Seitdem regnet es unaufhörlich… Und dann trifft Hodaka auf Hina – ein Mädchen, das das Wetter kontrollieren kann. Was er nicht weiß: Sie wird sein Leben vollkommen auf den Kopf stellen!
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2019
„Weathering With You“ von Makoto Shinkai
Aus dem Japanischen von Cordelia Suzuki
Originaltitel: „Tenki no Ko“
Originalausgabe:
Weathering With You
© Makoto Shinkai
© 2019 TOHO CO., LTD. / CoMix Wave Films Inc. / STORY inc. / KADOKAWA
CORPORATION / East Japan Marketing & Communications, Inc. / voque ting
co., ltd. / Lawson Entertainment, Inc.
Deutsche eBook-Erstausgabe erschienen bei
© Egmont Manga.digital
verlegt durch Egmont Verlagsgesellschaften mbH,
Alte Jakobstraße 83, 10179 Berlin
Verantwortliche Redakteurin: Katharina Altreuther
Textbearbeitung: Etsche Hoffmann-Mahler
Gestaltung: Sonnenfisch Production – Laura Bartels
Koordination: Manuela Rudolph
eBook: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln
ISBN 978-3-86458-454-1
www.egmont-manga.de
Unsere Bücher findest du im Buch- und Fachhandel und auf
PrologDie Geschichte, die du mir erzähltest
Das Schiffshorn hallt durch den verregneten Märzhimmel und kündigt das Ablegen der Fähre an. Schwere Schwingungen breiten sich über den gewaltigen Schiffsrumpf aus und drücken ihn durch das Meerwasser.
Ich habe ein Ticket für den Gemeinschaftsraum der zweiten Klasse unten im Schiffsbauch. Die Überfahrt dauert etwas über zehn Stunden, am Abend sollen wir ankommen. Es ist für mich das zweite Mal, dass ich auf diese Weise nach Tokio fahre. Ich stehe auf und begebe mich zur Treppe, die zum Oberdeck führt.
Was vor zweieinhalb Jahren in Tokio passiert war, hatte dazu geführt, dass in der Oberschule verschiedenste Gerüchte über mich kursierten. „Der Typ soll vorbestraft sein.“ „Ich hab gehört, dass er immer noch von der Polizei verfolgt wird.“
Es störte mich gar nicht so sehr, dass man über mich tratschte (schließlich gab es dazu allen Grund), doch was in diesem Sommer in Tokio wirklich passiert war, erzählte ich niemandem auf der Insel. Bruchstücke, ja, aber die wirklich wichtigen Dinge verriet ich weder meinen Eltern noch meinen Freunden. Nicht einmal der Polizei. Mit den Ereignissen dieses Sommers tief in meinem Herzen mache ich mich nun noch einmal auf nach Tokio. Doch dieses Mal, mit achtzehn Jahren, um dort zu leben.
Um diesen einen Menschen noch einmal wiederzutreffen. Bei diesem Gedanken spüre ich Hitze in meinem Brustkorb aufsteigen. Meine Wangen fangen an zu glühen. Ich will die Meeresluft spüren und laufe immer schneller die Treppe hinauf. Als ich auf das Oberdeck trete, schlägt mir kalter Regen ins Gesicht. Als wollte ich ihn aufsaugen, nehme ich einen tiefen Atemzug. Der Wind ist zwar noch kühl, doch es liegt schon spürbar Frühling in der Luft. Mit einem Mal – als wäre mein Herz erst mit Verzögerung darüber informiert worden – wird mir bewusst, dass ich endlich meinen Oberschulabschluss in der Tasche habe. Ich stütze meine Ellenbogen auf der Reling ab und beobachte, wie die Insel immer kleiner wird. Mein Blick wandert hoch zu dem stürmischen Himmel, wo unzählige Regentropfen tanzen, so weit das Auge reicht.
Und genau in diesem Moment läuft mir ein Schauer über den gesamten Körper.
Schon wieder. Instinktiv schließe ich die Augen und bleibe regungslos stehen. Der Regen schlägt mir ins Gesicht und sein Prasseln hallt in meinen Ohren. In diesen zweieinhalb Jahren war der Regen immer dort. So wie ein Herzschlag nicht erlischt, egal, wie sehr man auch den Atem anhält. So wie die Augenlider auch dann nicht für komplette Finsternis sorgen, wenn man sie fest zukneift. So wie die Seele auch selbst im ruhigsten Moment nicht zum Schweigen kommt.
Ich atme langsam aus und öffne die Augen.
Regen.
Die schwarze Meeresoberfläche wogt, so als würde sie atmen, und nimmt den Regen vollständig in sich auf. Als hätten sich Himmel und Meer verschworen und würden zum Spaß den Meeresspiegel immer weiter anheben. Ich bekomme Angst. Tief aus dem Innersten meines Körpers steigt ein Zittern in mir auf, das mich fast zu zerreißen scheint. Ich klammere mich an die Reling und atme tief durch die Nase ein. Und dann denke ich wieder an diesen einen Menschen, so wie ich es immer tue. Ich denke an ihre großen Augen, ihre lebhafte Mimik, den kullernden Klang ihrer Stimme und ihre zu zwei Zöpfen gebundenen Haare. „Alles wird gut“, sage ich mir. Es gibt sie. Sie lebt in Tokio. Solange es sie gibt, habe ich einen festen Halt in dieser Welt.
„Also weine bitte nicht, Hodaka.“
Das hatte sie in dieser Nacht gesagt. In dem Hotel in Ikebukuro, in das wir uns geflüchtet hatten. Wo der Regen auf das Dach prasselte, so als würde jemand in der Ferne eine Taiko-Trommel schlagen.
Der Duft des Shampoos, das ich auch benutzt hatte, der sanfte Klang ihrer Stimme, als sei sie mit allem im Reinen, und ihre in der Dunkelheit blassblau schimmernde Haut: Das alles sehe ich so deutlich vor mir, dass mich das Gefühl überkommt, ich wäre noch immer dort. Als würden wir in Wirklichkeit nach wie vor auf dem Hotelbett liegen und ich hätte nur kurz, wie ein plötzliches Déjà-vu, meine gestrige Abschlussfeier und diese Fähre vor meinen Augen aufflackern sehen.
Wir würden am nächsten Morgen aufwachen, der Regen hätte aufgehört, sie würde an meiner Seite sein und auf der Welt würde unverändert ein neuer Alltag anbrechen.
Das Schiffshorn stößt ein grelles Tuten aus.
Nein, ich bilde mir das hier nicht ein. Ich nehme das kühle Metall des Geländers wahr, den Duft des Meeres und die am Horizont verschwindende Insel. Das hier ist die Realität. Diese Nacht liegt schon lange zurück und ich stehe jetzt hier, auf dieser schaukelnden Fähre. Denk genau nach. Wie hat das alles angefangen? Versuch dich zu erinnern. Ich starre in den unaufhörlich fallenden Regen. Bevor ich sie wiedersehe, muss ich begreifen, was uns damals passiert ist. Nein, selbst wenn ich es nicht begreife, muss ich wenigstens alles noch einmal im Kopf durchgehen.
Was war uns damals widerfahren? Was für eine Entscheidung hatten wir getroffen? Und mit welchen Worten sollte ich ihr jetzt gegenübertreten?
Alles begann – ja, wahrscheinlich an diesem einen Tag. Als sie es zum ersten Mal mit eigenen Augen sah. Mit diesem Ereignis, von dem sie mir erzählt hatte, nahm alles seinen Lauf.
Ihre Mutter hatte schon seit mehreren Monaten nicht mehr die Augen geöffnet. Das kleine Krankenhauszimmer war erfüllt von dem gleichmäßigen Piepen des Herzmonitors, dem rhythmischen Rauschen des Beatmungsgerätes und dem beharrlichen Trommeln des Regens an der Fensterscheibe. Es hatte diese stille, von der Außenwelt abgeschnittene Atmosphäre, wie sie solchen Räumen mit Langzeitpatienten zu eigen war.
Sie saß auf dem runden Stuhl neben dem Bett und hielt die knochig gewordene Hand ihrer Mutter fest gedrückt. Ihre Augen ruhten auf der sich regelmäßig beschlagenden Sauerstoffmaske und den Wimpern, die sich kein Stück rührten. Sie spürte, wie die Angst sie zu überwältigen drohte, und begann kurzerhand zu beten. Sie betete, dass ihre Mutter wieder die Augen öffnen möge. Dass wie ein Retter in der Not ein kräftiger Windstoß kommen und all die Traurigkeit, die Sorgen und die Regenwolken wegblasen würde, alles, was so dunkel und schwer war. Und sie noch einmal zu dritt als Familie unter dem blauen Himmel unbeschwert lachen könnten.
Ein leichter Luftzug erfasste ihre Haare und ein Plätschern drang in ihre Ohren. Sie hob das Gesicht. Die Gardinen, die bis eben noch fest geschlossen waren, wehten nun sanft. Es war, als würde der Himmel ihren Blick auf sich ziehen wollen. Mit einem Mal war die Sonne zu sehen. Zwar regnete es nach wie vor in Strömen, doch in den Wolken hatte sich eine kleine Lücke aufgetan, durch die ein langer, schmaler Sonnenstrahl auf die Erde herabfiel.
Sie starrte nach draußen. Dort reihte sich ein Hochhaus an das andere, so weit der Blick reichte. Nur das Dach eines einzelnen Gebäudes war in Sonnenlicht gegossen wie ein Schauspieler im Rampenlicht. Ehe sie sich’s versah, war sie aus dem Krankenhauszimmer gelaufen, als hätte sie jemand gerufen.
Das Gebäude schien schon länger leer zu stehen. Mit seiner verwitterten bräunlichen Fassade wirkte es inmitten der strahlend neuen Hochhäuser wie aus der Zeit gefallen. Zahllose verblasste Schilder erinnerten an die kleinen Läden, die sich hier einmal aneinandergereiht haben mussten. „Billard“ war dort noch zu lesen, „Eisenwaren“, „Aalspezialitäten“ oder „Mah-Jongg“.
Sie blickte durch ihren transparenten Plastikregenschirm nach oben und es bestand kein Zweifel: Der Sonnenstrahl fiel exakt auf das Dach dieses Gebäudes. Vorsichtig begann sie die verrostete Feuertreppe an der Außenseite hinaufzusteigen.
Als hätte das Sonnenlicht eine Pfütze gebildet. Oben angekommen betrachtete sie staunend den Anblick, der sich ihr bot. Das Dach war von einem Geländer eingefasst und ungefähr halb so breit wie ein 25-Meter-Schwimmbecken. Zwischen den rissigen Bodenfliesen wucherte überall grünes Unkraut. Und ganz am anderen Ende des Dachs stand still und leise ein Torii, umrankt von Büschen, die es geradezu zu umarmen schienen.
Der Sonnenstrahl, der zwischen den Wolken hervortrat, fiel genau auf dieses Torii, dessen Rot gemeinsam mit den Regentropfen im Scheinwerferlicht der Sonne um die Wette funkelte. Es war der einzige lebhafte Farbtupfer in der vom Regen getrübten Welt.
Sie schritt langsam über das Dach auf das Tor zu. Das feuchte Unkraut federte weich unter ihren Füßen und raschelte bei jedem Schritt leise. Hinter dem dichten Vorhang aus Regen konnte man die unzähligen Hochhäuser erahnen, die sich zum Himmel reckten. Das Zwitschern kleiner Vögel, die hier zu nisten schienen, erfüllte die Umgebung. Darunter mischte sich wie ein Klang aus einer gänzlich anderen Welt das entfernte Rattern der Yamanote-Bahn.
Sie legte den Regenschirm auf dem Boden ab. Der kalte Regen strich über ihre weichen Wangen. Hinter dem Torii befand sich ein kleiner steinerner Schrein, um den herum violette Blumen blühten. Dazwischen verbargen sich zwei Dekorationen, wie man sie zum Ahnenfest Obon aufstellt: symbolische Lastentiere aus Gurke und Aubergine, die mit schmalen Bambusstäben zusammengesteckt waren. Irgendjemand musste sie hier platziert haben. Instinktiv begann sie die Hände zu falten und intensiv zu beten. Ich wünsche mir, dass der Regen aufhört. Sie schloss langsam die Augen und trat betend durch das Tor. Ich wünsche mir, dass Mama die Augen wieder aufmacht und wir gemeinsam im Sonnenschein spazieren gehen können.
In dem Moment, in dem sie das Tor durchschritt, veränderte sich die Atmosphäre. Das Rauschen des Regens höre schlagartig auf.
Sie öffnete die Augen und fand sich plötzlich hoch oben im blauen Himmel wieder, wo sie von einem starken Wind getragen wurde. Doch nein – sie schwebte gar nicht, sie fiel. Der Wind wirbelte mit einem tiefen Pfeifen um sie herum, wie sie es noch nie gehört hatte. Beim Ausatmen gefror ihr Atem weiß und glitzerte in der dunkelblauen Umgebung. Doch Angst verspürte sie nicht. Es war ein unerklärliches Gefühl, so als würde sie mit offenen Augen träumen.
Als sie zu ihren Füßen hinunterblickte, sah sie dort unzählige Quellwolken schweben, die riesigen Blumenkohlblüten glichen. Jede einzelne von ihnen war bestimmt mehrere Kilometer groß und sie erstreckten sich wie ein prächtiger Wald im Himmel.
Mit einem Mal fiel ihr auf, dass die Wolken ihre Farbe verändert hatten. Ihre Oberfläche war in Wirklichkeit flach und grün gesprenkelt wie eine große Wiese. Erstaunt riss sie die Augen auf.
Vor ihr lag tatsächlich weites Grasland. Auf der Seite der Wolken, die man von der Erde aus nicht sehen konnte, schien kräftiges Grün zu sprießen und an anderen Stellen wieder zu verblassen. Und dann fiel ihr auf, dass rundherum irgendetwas, das aussah wie winzige Lebewesen, in Schwärmen zusammenzukommen schien.
„… Fische?“
Geometrische Strudel zeichnend schlängelten sich die Schwärme gemächlich durch den Himmel. Sie hielt ihren Blick während ihres Falls fest darauf gerichtet. Auf dieser Ebene über den Wolken schwammen tatsächlich unzählige kleine Fische!
Plötzlich streifte etwas ihre Fingerspitzen. Sie zuckte zusammen und schaute auf ihre Hand. Ja, das waren Fische! Die durchsichtigen Körper glitten zwischen ihren Fingern und Haaren hindurch wie ein Wind, dem eine gewisse Schwere beiwohnt. Einige von ihnen hatten lange Schwanzflossen, die sich hin und her wogten, andere waren rund wie Quallen, und wiederum andere waren schmal und länglich wie Reiskärpflinge. Im Licht der Sonne schillerten ihre transparenten Körper wie Kristalle in allen Farben des Regenbogens. Mit einem Mal war sie von den Fischen im Himmel umgeben.
Das Blau des Himmels, das Weiß der Wolken, das satte Grün und die farbenfroh funkelnden Fische – sie befand sich in einer rätselhaften, aber wunderschönen Himmelswelt, von der sie noch nie gehört hatte und die außerhalb ihrer Vorstellungskraft lag. Nur einen Moment später löste sich die Regenwolke zu ihren Füßen auf und legte den Blick auf das große, weite Stadtbild Tokios frei. Gebäude für Gebäude, Auto für Auto, Fensterscheibe für Fensterscheibe erstrahlten stolz im Schein der Sonne. Sie fiel, von einem sanften Wind getragen, langsam in die Stadt hinab, die vom Regen reingewaschen und wie neugeboren wirkte. Nach und nach breitete sich in ihrem ganzen Körper ein rätselhaftes Gefühl der Zugehörigkeit aus. Sie spürte, dass sie ein Teil dieser Welt war, und dieses Gefühl war schon da, bevor sie es in Worte fassen konnte. Sie war der Wind, das Wasser, sie war das Weiß, das Blau, sie war Seele und Wunsch. Ein seltsames Glücksgefühl und ein süßer Schmerz machten sich in ihrem ganzen Körper breit. Und ganz langsam, so als würde sie in eine dichte weiche Decke gehüllt werden, verlor sie das Bewusstsein …
„Diese Landschaft und alles, was ich damals gesehen habe, war wahrscheinlich bloß ein Traum“, hatte sie damals zu mir gesagt.
Aber es war kein Traum. Das wissen wir jetzt. Denn wir haben danach noch einmal gemeinsam dieselbe Landschaft mit eigenen Augen gesehen. Diese Welt über den Wolken, von der sonst niemand wusste.
Sie und ich, wir hatten den Sommer damals zusammen verbracht. Und dort, hoch oben im Himmel über Tokio, haben wir die Form der Welt unwiderruflich verändert.
Kapitel 1Der Junge, der die Insel verließ
Als Erstes sollte ich mich wohl mal im Netz umhören.
Auf meinem Smartphone öffnete ich die Seite von „Yahoo! Clever“ und fing nach einem prüfenden Blick in alle Richtungen an zu tippen.
Ich bin Oberschüler im ersten Jahr und suche einen guten Job in Tokio. Weiß jemand was, wo man keinen Schülerausweis vorlegen muss?
Hm, ob das wohl etwas bringen würde? Ich machte mich darauf gefasst von der erbarmungslosen Netzgemeinde zerfleischt zu werden. Aber durch Suchen allein konnte man eben nur bis zu einem gewissen Grad Informationen finden und ich kannte auch sonst niemanden, den ich um Rat hätte fragen können. Ich war im Begriff auf „Veröffentlichen“ zu klicken, als eine Durchsage im Schiff ertönte.
„Wir erwarten in Kürze ungewöhnlich heftige Regenfälle. Daher bitten wir alle Passagiere, die sich auf dem Oberdeck befinden, sich zu ihrer eigenen Sicherheit ins Innere des Schiffes zu begeben. Ich wiederhole: Wir erwarten in Kürze …“
„Juchhu!“, entfuhr es mir leise. Wahrscheinlich konnte ich jetzt das ganze Oberdeck für mich allein haben! Den Gemeinschaftsraum hatte ich ohnehin satt, denn vom Sitzen auf dem bloßen Teppichboden tat einem nur der Hintern weh. Ich wollte raus, bevor all die anderen Passagiere wieder eintrudelten, und erleben, wie der Regen einsetzte. Also steckte ich das Handy in die Hosentasche meiner Jeans und lief schnell in Richtung der Treppe.
Die Fähre nach Tokio hatte fünf Stockwerke. Mein Ticket für den Gemeinschaftsraum der zweiten Klasse war zwar günstig, aber dafür befand sich dieser auch ganz unten im Bauch des Schiffes, wo die Motoren dröhnten und man zusammengepfercht wie Sardinen in der Dose war. Ich warf einen verstohlenen Blick auf die gemütlich wirkenden Kabinen der ersten Klasse, während ich die zwei Treppen im Inneren des Schiffes hinauflief, und trat dann hinaus auf den Außengang. Genau zur selben Zeit kam mir eine große Gruppe Menschen entgegen, die alle vom Oberdeck zurückzukehren schienen. „Nicht schon wieder Regen.“ „Dabei war’s gerade endlich mal wieder schön.“ „Der Sommer ist in letzter Zeit echt zum Abgewöhnen.“ „Auf der Insel kam auch nur ein Taifun nach dem anderen.“ Jeder von ihnen hatte etwas zu meckern. Ich murmelte: „Entschuldigung“, und lief mit gesenktem Kopf gegen den Strom den schmalen Gang hinunter.
Als ich die letzten Treppenstufen nahm und meinen Kopf zum Oberdeck hinausreckte, schlug mir ein heftiger Wind ins Gesicht. Außer mir war hier niemand mehr und das große, weite Deck leuchtete in der Sonne. Aus seiner Mitte ragte ein weiß gestrichener Pfahl, als würde er zum Himmel zeigen.
Aufgeregt lief ich über das menschenleere Deck. Als ich hochblickte, war der blaue Himmel mit einem Mal von schweren grauen Wolken verhangen.
Plitsch! Ein Regentropfen fiel mir ins Gesicht und ich rief reflexartig: „Er ist da!“ Millionen Tropfen schienen sich zur gleichen Zeit vom Himmel zu lösen und stürzten mit einem gewaltigen Rauschen auf mich hinab. Die Welt, die bis eben noch im Sonnenschein erstrahlt war, hatte sich im Nullkommanichts in ein monochromes Tuschegemälde verwandelt.
„Der Wahnsinn!“, brüllte ich, doch meine Stimme ging so im Getöse des Regens unter, dass sie nicht einmal meine eigenen Ohren erreichte. Ich wurde immer fröhlicher. Meine Haare und Kleidung trieften vor Nässe und klebten an meinem Körper. Die Feuchtigkeit breitete sich bis in meine Lungen aus. Ich setzte zum Sprint an und sprang mit aller Kraft in die Luft, so als wollte ich einen entscheidenden Kopfball ins Tor befördern. Mit ausgebreiteten Armen drehte ich mich wie wild um mich selbst und riss meinen Mund auf, um den Regen zu schmecken. Ich rannte hin und her und schrie mir, so laut ich konnte, alles aus dem Leib, was sich tief in meinem Herzen angestaut hatte. Niemand sah mich, niemand hörte mich und alles wurde vom Regen davongespült. Ich spürte eine Hitze in meiner Brust aufsteigen. Endlich, einen halben Tag nachdem ich heimlich die Insel verlassen hatte, machte sich ein Gefühl von Freiheit in mir breit. Völlig außer Atem schaute ich zum Himmel.
Dort über meinem Kopf befand sich eine derartige Masse von Wasser, dass man schon nicht mehr von Regen sprechen konnte. Ich traute meinen Augen kaum. Ein gewaltiger Wasserschwall brach aus dem Himmel hervor, so als würde man einen riesigen Swimmingpool ausschütten. Und dann rollte er sich zusammen. Wie ein … Drache? Gerade als mir dieser Gedanke durch den Kopf schoss, wurde ich mit einem harten Schlag zu Boden geschleudert. Wasser strömte mir in einer Intensität über den Rücken, als läge ich am Fuße eines Wasserfalls. Die Fähre schaukelte ächzend und knarzend hin und her. Oh Shit!, dachte ich mir noch, doch da rutschte ich bereits das Deck hinab. Das Schiff neigte sich immer stärker. Ich streckte in der Hoffnung, mich irgendwo festhalten zu können, verzweifelt meine Hand aus. Das wird nichts, ich falle. – In dem Moment packte mich jemand am Handgelenk. Mit einem Ruck kam mein Körper zum Stillstand. Die Fähre neigte sich langsam wieder in ihre Ausgangsposition zurück.
„Ah …“ Ich kam langsam wieder zu mir. „V-vielen Dank …“
Das hatte schon etwas von einem Actionfilm, so knapp, wie das war. Ich blickte an meinem Handgelenk hoch. Dort stand ein schlaksiger Mann mittleren Alters mit stoppeligem Dreitagebart. Er lachte leicht und ließ mich los. Die Sonne war wieder hervorgekommen und warf nun ein grelles Licht auf das rote Oberteil des Mannes. Mit einem irgendwie gleichgültigen Tonfall murmelte er: „Das war ja mal ’n heftiger Regen.“
Und das war es in der Tat. So einen gewaltigen Regenguss hatte ich noch nie erlebt. Zwischen den Lücken in den Wolken traten nun unzählige Sonnenstrahlen hervor.
Dieses Lied hatte ich schon mal gehört. Ein klassisches Stück, ja, genau – das war doch auch die Hintergrundmelodie irgendeines alten Videospiels. Das, in dem man einen Pinguin übers Eis steuerte und Fische fangen musste. Stimmt. Und ab und zu guckten Seehunde oder Seelöwen aus Löchern im Eis und blockierten den Weg. Wenn man nicht rechtzeitig hochsprang, dann …
„Mann, das schmeckt ausgesprochen gut.“
Ich hob den Kopf. Mir gegenüber am Tisch saß der Mann mittleren Alters und schaufelte fröhlich frittiertes Hähnchen mit Tartarsoße in sich hinein. Er trug ein eng geschnittenes knallrotes Oberhemd. Aus seinem hageren Gesicht blickten mir zwei schmale, freundlich herabhängende Augen entgegen. Mit seinem stoppeligen Dreitagebart und den wuscheligen, unfrisierten Haaren umgab ihn die Aura eines Freigeistes, eines (etwas zwielichtigen) Erwachsenen aus Tokio. Er nahm einen großen Happen Reis, trank mit einem kräftigen Schlürfen die Schweinesuppe, die zum Menü gehörte, und angelte sich mit den Wegwerfstäbchen aus Bambus ein weiteres Stück Hähnchen. Mein Blick wurde magisch von dem saftigen Fleisch angezogen, auf dem ein großer Klecks Tartarsoße thronte.
„Willst du wirklich nix essen, Junge?“
„Nein, ich habe keinen Hunger“, log ich und bemühte mich, ein Lächeln aufzusetzen, als ausgerechnet da mein Magen ein lautes Knurren von sich gab. Ich lief knallrot an, doch der Mann fuhr unbekümmert fort: „Ach so. Ich meine ja nur, weil ich mir hier auf deine Kosten den Bauch vollschlage … Da bekommt man glatt ein schlechtes Gewissen“, und steckte sich das Hähnchen in den Mund.
Wir saßen uns im Speisesaal der Fähre gegenüber, doch nur der Mann im roten Hemd aß ein üppiges Mittagsmenü, während ich versuchte, mich auf die Hintergrundmusik des Restaurants zu konzentrieren, um mich von meinem leeren Magen abzulenken. Ich hatte angeboten, ihm als Dank, dass er mich gerettet hatte, das Mittagessen zu spendieren. Aber musste es ausgerechnet das teuerste Menü für 1200 Yen sein? Ich dachte immer, erwachsen zu sein würde bedeuten, sich in so einer Situation vornehm zurückzuhalten. Für mein Essensbudget hatte ich mir ein tägliches Limit von 500 Yen gesetzt, und jetzt war ich gleich am ersten Tag in den roten Zahlen. Während ich so innerlich vor mich hin grummelte, bemühte ich mich, nach außen hin höflich zu bleiben.
„Aber nicht doch! Ich bin derjenige, der das schlechte Gewissen haben sollte. Schließlich haben Sie mich aus einer wirklich brenzligen Lage geret…“
„Da haste recht“, pflichtete mir Rothemd mit einem selbstgefälligen Klang in der Stimme bei und zeigte mit den Wegwerfstäbchen auf mich.
„Das war echt gefährlich eben. … Oh.“ Er starrte in die Luft und dachte mit angestrengtem Gesicht nach. Mit einem Mal breitete sich ein Strahlen über seinem Gesicht aus. „Weißte, was? Ich glaube, das ist das erste Mal, dass mir jemand sein Leben zu verdanken hat!“
„Ah ja …“
Ich hatte eine böse Vorahnung.
„Sag mal … Gab’s hier eigentlich auch Bier?“
„Soll ich Ihnen eins holen?“
Resigniert stand ich auf.
Kjää, kjää, kjää! Die Seemöwen kreischten um die Wette. Sie flogen so nah an der Fähre entlang, dass ich sie mit ausgestrecktem Arm hätte berühren können. Abwesend starrte ich vom Außendeck aus in ihre Richtung und kaute gründlich den „Calorie Mate“-Energieriegel, der mein Abendessen für den Tag darstellen sollte.
„Wie kann man sich als Erwachsener so durchschnorren …?!“
Das frisch gezapfte Bier hatte stolze 980 Yen gekostet. Ich dachte, ich sehe nicht ganz richtig.
Das war ja wohl fernab jeder Realität. Jetzt hatte ich allen Ernstes mein Essensbudget von vier Tagen für irgendeinen Fremden verschleudert. „Boah, ist Tokio gruselig“, murmelte ich vor mich hin. Ich stopfte die leere Tüte des Energieriegels in meine Hosentasche und holte mein Handy raus. Erneut öffnete ich die Seite von „Yahoo! Clever“ und schickte dieses Mal die Frage ab, die ich vorhin eingetippt hatte. Ich brauchte unbedingt einen Job. Komm schon, Internet!
Plitsch! Ein Tropfen fiel auf meinen Bildschirm. Als ich aufsah, hatte es erneut angefangen, kräftig zu regnen. Und dort, durch den Regen hindurch, sah ich in der Ferne die nächtliche Skyline Tokios leuchten. Die bunt angestrahlte Rainbow Bridge kam langsam auf mich zu, so wie der Titelbildschirm eines Videospiels. Augenblicklich waren der Frust über den dreisten Typen und die Sorgen ums Geld wie weggeblasen. Endlich war ich da. Mir lief vor Aufregung ein Schauer über den Rücken. Endlich! Ab heute Abend würde ich mein Leben in dieser leuchtenden Stadt verbringen. Vorfreude auf alles, was von nun an passieren würde, stieg in mir auf und mein Herz begann, schneller zu klopfen.
„Ach, hier bist du, Junge“, drang plötzlich eine unbekümmerte Stimme an mein Ohr und ließ meine gute Laune zusammensacken wie einen Ballon, aus dem man die Luft rausgelassen hatte. Ich drehte mich um und sah Rothemd auf der Promenade stehen. Er schaute träge umher und sagte beim Anblick der glitzernden Skyline: „Na, endlich sind wir da.“
Er trat neben mich und fragte: „Du kommst doch von der Insel, oder? Was hast du in Tokio vor?“ Ich schreckte zusammen und spulte den Text ab, den ich mir zurechtgelegt hatte.
„Äh … Ich besuche Verwandte.“
„An einem Wochentag? Musst du nicht zur Schule?“
„Ah, äh … Ja, äh, also, bei uns haben die Sommerferien schon etwas früher angefangen …“
„Mhmmm.“
Was grinste der denn so? Rothemd musterte ungeniert mein Gesicht, als ob er ein seltenes Insekt entdeckt hätte. Ich versuchte seinen Blicken zu entkommen. „Na ja. Hier, nur für den Fall, dass du mal in Schwierigkeiten steckst“, sagte er und drückte mir ein kleines Stück Papier in die Hand. Eine Visitenkarte. Ich nahm sie reflexartig entgegen. „Du kannst dich jederzeit bei mir melden. Brauchst keine Hemmungen zu haben.“ Ich starrte auf die Buchstaben „K & A Planning GmbH / CEO Keisuke Suga“ und dachte mir: „Ganz bestimmt nicht.“
Ich fragte mich, wie oft ich in den Tagen, die seitdem vergangen waren, schon „Boah, ist Tokio gruselig“ vor mich hin gemurmelt hatte. Wie oft ich schon genervt angezischt wurde, wie oft mir kalter Schweiß ausgebrochen und wie oft ich vor Scham rot angelaufen war.
Diese Stadt war wirklich gigantisch, kompliziert, verwirrend und unbarmherzig. Ich verlief mich in den Bahnhöfen, stieg in die falschen Züge ein und stieß immer wieder mit Menschen zusammen, egal, wo ich entlanglief. Mich laberten ständig seltsame Werbetypen an. Ich traute mich nicht, andere Läden zu betreten als Convenience-Stores, und erschrak über Grundschüler in Schuluniform, die ganz allein mit der Bahn unterwegs waren. Ich hätte jedes Mal in Tränen ausbrechen können, weil ich mich so für mich selbst schämte.
Als ich auf meiner Suche nach einem Job endlich Shinjuku erreicht hatte (was in meinen Augen irgendwie das Zentrum Tokios darstellte), wurde ich von einem Platzregen erwischt, der mich bis auf die Knochen durchnässte. Ich brauchte dringend eine heiße Dusche. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und betrat ein Manga-Café, dessen Mitarbeiter mich allerdings gleich mit einem genervten „Tsk“ begrüßte, weil ich eine Riesenpfütze auf dem Fußboden hinterließ. Trotzdem beschloss ich, hier erst mal mein Lager aufzuschlagen, und setzte mich in der kleinen Einzelkabine mit dem säuerlichen Geruch an den PC, um Arbeit zu finden. Meine Suche nach „Keine Ausweispapiere benötigt“ erreichte allerdings genau null Treffer. Meine letzte Hoffnung, „Yahoo! Clever“, brachte mir leider größtenteils auch nur Antworten wie: „Wie stellst du dir das denn vor?!“, „Bist wohl von zu Hause abgehauen, was? LOL“ oder „Das verstößt gegen das Arbeitsgesetz. Geh sterben!“ Doch zwischen all den Beschimpfungen entdeckte ich auch folgende Nachricht: „Als Aushilfe im Rotlichtmilieu brauchst du keine Ausweispapiere.“ Verzweifelt klickte ich mich durch die Suchergebnisse und vereinbarte mehrere Vorstellungsgespräche in entsprechenden Etablissements. Doch gleich beim ersten hatte ich es mit einem aggressiven jungen Typen zu tun, der mich anpöbelte: „Was soll das heißen: du hast keinen Ausweis? Was glaubst du eigentlich, was das hier für ein Laden ist?! Willst mich wohl verarschen, was?!“ Den Tränen nahe haute ich ab, so schnell ich konnte. Oder genau genommen hatte ich so eine Angst, dass ich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.
Auf diese Weise waren in Windeseile fünf Tage vergangen. Verdammt! So konnte das nicht weitergehen. In der engen Kabine des Manga-Cafés ging ich mein Haushaltsbuch durch. Eine Übernachtung hier kostete 2000 Yen. Zusammen mit Transport- und Verpflegungskosten hatte ich seit meiner Abreise von der Insel schon über 20.000 Yen ausgegeben. Die 50.000 Yen, die ich als Ausreißerbudget dabeihatte, waren mir vorgekommen wie eine unendlich große Summe Geld. Ich ärgerte mich, wie naiv ich noch vor einer Woche gewesen war.
„Na gut! Dann eben so!“, rief ich und klappte das Notizheft zu. Mir blieb keine andere Wahl. Ich sammelte meine Sachen ein, die über die ganze Kabine verstreut lagen, und stopfte sie in meinen Rucksack. Ich musste das Manga-Café verlassen. Ich musste sparen. Bis ich einen Job gefunden hatte, konnte ich mir keine Unterkunft mehr leisten. Es war Sommer, da würde ich auch zwei, drei Nächte draußen verbringen können. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, eilte ich schnellen Schrittes nach draußen und hörte hinter mir noch eine Stimme aus dem Fernseher im Eingangsbereich ankündigen: „Örtlich sind starke Regenfälle zu erwarten.“ Sie fuhr fort: „Die Rekordregenmengen des letzten Jahres sollen sogar noch übertroffen werden und im Juli noch weiter steigen. Sollten Sie sich im Freien aufhalten, und das gilt nicht nur für die Berge oder das Meer, sondern auch für städtische Gebiete: Seien Sie besonders vorsichtig.“
Ich brauchte also einen Ort, der mich vor dem Regen schützte, an dem ich eine Nacht verbringen konnte. Aber die Pavillons in den Parks oder die Plätze unter Eisenbahnbrücken waren sicher schon von anderen Menschen besetzt.
Der Rucksack, in dem mein ganzes Hab und Gut steckte, lastete unter dem Regencape schwer auf meinem Rücken. Ich irrte nun schon seit mehr als zwei Stunden durch die Stadt. All die Orte, an denen es sich längere Zeit aushalten ließ – Kaufhäuser, Buchhandlungen, CD-Läden –, hatten seit 21 Uhr geschlossen. Und wenn ich mich in einem Bahnhof oder vor einem der Elektronikgroßmärkte an die Wand setzte, kam sofort Sicherheitspersonal herbeigeeilt, um mich zu verscheuchen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als einen Platz auf der Straße zu finden, doch auch das stellte sich als nicht gerade einfach heraus. Ich traute mich nicht, mich zu weit vom Bahnhof zu entfernen. Also lief ich letztendlich immer wieder dieselben Straßen ab und passierte nun das große Tor, über dem in grellen Leuchtbuchstaben „Kabuki-cho“ geschrieben stand, bereits zum vierten Mal. Erschöpft von dem sinnlosen Herumgerenne zitterten mir schon die Beine. Unter dem Regencape herrschten saunaähnliche Zustände und ich fühlte mich schrecklich. Und als wäre das nicht genug, knurrte mir auch noch der Magen.
„Darf ich dich mal was fragen?“ Jemand tippte mir auf die Schulter. Als ich mich umdrehte, sah ich einen Polizisten vor mir stehen. „Du bist doch hier schon ein paar Mal vorbeigekommen.“ „Äh …“ „Was machst du hier zu so später Stunde? Bist du Oberschüler?“ Ich wurde blass. „Hey! Warte gefälligst!“, hörte ich ihn hinter mir her brüllen.
Bevor ich nachdenken konnte, hatten meine Füße schon den Entschluss gefasst, wegzulaufen. Ohne mich umzudrehen, hastete ich, so schnell ich konnte, durch die Menschenmassen. Jedes Mal, wenn ich mit jemandem zusammenstieß, hagelte es Beschimpfungen: „Hast du sie noch alle?!“, „Pass doch auf!“, „Hey, du Idiot!“ Ich lief an einem riesigen Kinokomplex vorbei und steuerte instinktiv einen Ort an, an dem nicht so viele Neonreklamen leuchteten.
Klonk! Ich hob den Blick, als ich das klappernde Geräusch einer leeren Dose vernahm. In der trüben Dunkelheit sah ich ein grüngelbes Paar Augen aufblitzen. Vor mir stand eine abgemagerte kleine Katze mit struppigem Fell. Wir befanden uns ein Stück entfernt von den großen Hauptstraßen, im Eingangsbereich eines niedrigen Gebäudekomplexes, in dem sich Gaststätten und Bars aneinanderreihten, deren Leuchtschilder erloschen waren. Hier hatte ich mich in eine Ecke gekauert und musste über kurz oder lang eingenickt sein.
„Komm her, Kätzchen“, flüsterte ich und ein heiseres „Miau“ kam als Antwort zurück. Es fühlte sich an, als hätte ich zum ersten Mal seit Langem wieder einen echten Gesprächspartner vor mir, und meine Augen fingen an zu brennen. Aus meiner Tasche holte ich den letzten „Calorie Mate“-Energieriegel hervor, brach ihn in der Mitte durch und legte ihn der Katze hin. Sie stupste ihn mit der Nase an, um daran zu schnuppern. So als wollte sie sich dafür bedanken, fixierte sie mich kurz und begann dann gierig zu fressen.
Sie hatte pechschwarzes Fell, als wäre sie der Finsternis entsprungen. Nur um die Nase herum und an den Beinen war sie weiß, und es wirkte fast, als würde sie einen Mundschutz und Strümpfe tragen. Ich musterte sie genau, während ich mir den Rest des Energieriegels in den Mund schob und langsam kaute.
„Tokio ist ganz schön gruselig, was?“
Die Katze war so sehr mit ihrem Futter beschäftigt, dass sie nicht antwortete.
„Aber weißt du, ich will trotzdem nicht zurück. Auf keinen Fall!“, sagte ich und vergrub mein Gesicht wieder zwischen meinen Knien. In meine Ohren drang eine Mischung aus dem leisen Knabbern der Katze, dem Trommeln des Regens auf dem Asphalt und dem entfernten Heulen einer Krankenwagensirene. Der Schmerz, der mir vom vielen Laufen in den Beinen steckte, schmolz endlich dahin und ich versank wieder in einen leichten Schlaf.
„Wah! Ich glaube, da ist jemand! Nicht im Ernst! Iiih! Was ist das für ein komischer Junge …! Schläft der etwa?“
…
Ein Traum? Nein, da standen tatsächlich Menschen vor mir.
„Ey! Hallo!“, dröhnte mir eine laute Stimme entgegen und ich war schlagartig wach. Ein Mann im Anzug mit blond gefärbten Haaren und Ohrring blickte kühl auf mich herab. Der dunkle Eingangsbereich war hell erleuchtet und neben dem Mann standen zwei Frauen, deren Kleidung Schultern und Rücken kaum bedeckte.
Die kleine Katze war verschwunden.
„Was hast du hier zu suchen?!“
„E-Entschuldigung!“ Hektisch sprang ich auf. Mit gesenktem Kopf machte ich mich daran, an dem Mann vorbeizulaufen, doch ich verlor plötzlich die Balance. Er hatte mir ein Bein gestellt. Mit ausgestreckten Armen riss ich den Mülleimer neben dem Getränkeautomaten mit und knallte auf den regennassen Asphalt. Dabei löste sich der Deckel des Mülleimers und mit großem Getöse verteilten sich die leeren Dosen auf der Straße.
„Hey, alles in Ordnung?!“, rief die eine Frau.
„Kümmer dich nicht um den“, erwiderte der Blonde mit dem Ohrring und legte seinen Arm um ihre Schulter. „Lasst uns lieber unser Gespräch von eben weiterführen. Bei mir könnt ihr mit Sicherheit mehr verdienen. Kommt doch mit rein, damit wir alles Weitere besprechen können.“ Er würdigte mich keines Blickes mehr und schob die beiden in das Gebäude hinein.
„Meine Güte, was ist denn hier los?! Ist ja ekelhaft!“ Angewidert drängte sich ein Pärchen an mir vorbei und trat dabei gegen eine Dose.
„Tut mir wirklich leid!“
Auf allen Vieren kroch ich auf der nassen Straße herum und stopfte hektisch den Müll wieder in den Mülleimer. Dabei handelte es sich nicht bloß um Getränkedosen, auch leere Fast-Food-Behälter und Essensreste hatten sich auf der Straße verteilt. Die vorbeigehenden Menschen zeigten mir deutlich ihre Ablehnung. Ich wollte hier so schnell wie möglich weg, doch erst musste ich das Chaos beseitigen. Verzweifelt griff ich mit bloßen Händen nach aufgeweichten Hähnchenteilen und matschigen Reisballresten. Tränen stiegen in mir hoch und liefen mir zusammen mit dem Regen über die Wangen.
