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Makoto Shinkai

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Beschreibung

Mitsuha lebt in einem Dorf in den Bergen, sehnt sich aber nach einem aufregenden Leben in der Stadt. So sehr, dass sie eines Nachts sogar beginnt davon zu träumen: Im Schlaf ist sie Taki, ein Junge aus der Metropole Tokio. Als aus dem Traum plötzlich Realität wird und Mitsuha in Takis Körper aufwacht, ist sie vollkommen verwirrt. Wer ist dieser Junge? Was macht sie in seinem Körper? Und vor allem: Wie kann sie das wieder umkehren? Eine berührende Liebesgeschichte durch Zeit und Raum nimmt ihren Lauf… Der Originalroman zu Makoto Shinkais Kinomeisterwerk your name.

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Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Makoto Shinkai

your name.

„your name.“ von Makoto Shinkai

Aus dem Japanischen von Claudia Peter

Originaltitel: „Kimi no na ha.“

Originalausgabe:

Novel your name.

© Makoto Shinkai

© 2016 TOHO CO., LTD. / CoMix Wave Films Inc. / KADOKAWA CORPORATION / East Japan Marketing & Communications, Inc. /AMUSE INC. / voque ting co.,ltd. / Lawson HMV Entertainment, Inc.

First published in Japan in 2016 by KADOKAWA CORPORATION, Tokyo.

German translation rights arranged with KADOKAWA CORPORATION, Tokyo through TOHAN CORPORATION, Tokyo.

Deutschsprachige Ausgabe erschienen bei

© Egmont Manga.digital

verlegt durch Egmont Verlagsgesellschaften mbH,

Alte Jakobstraße 83, 10179 Berlin

1. Auflage 2017

Verantwortliche Redakteurin: Katharina Altreuther

Textbearbeitung: Etsche Hoffmann-Mahler

Gestaltung: Laura Bartels

Koordination: Theresa Lindenstruth

Satz und E-Book: Datagrafix GmbH, Berlin

ISBN 978-3-7704-9702-7

Wie ist dein Name?Erfahre mehr unter

www.egmont-manga.de

Die Egmont Verlagsgesellschaften gehören als Teil der Egmont-Gruppe zur Egmont Foundation – einer gemeinnützigen Stiftung, deren Ziel es ist, die sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Weitere ausführliche Informationen zur Egmont Foundation unter

www.egmont.com

Inhalt

1. KapitelDer Traum

2. KapitelDer Anfang

3. KapitelTage

4. KapitelNachforschungen

5. KapitelErinnerungen

6. KapitelWiederholung

7. KapitelSüßer Kampf

8. KapitelDein Name

Nachwort

KommentarGenki Kawamura

Glossar

1. Kapitel

Der Traum

Eine vertraute Stimme und ein mir bekannter Geruch. Das Licht, das ich so sehr mag, gepaart mit einer angenehmen Wärme.

Ich bin eng an einen mir sehr kostbaren Menschen geschmiegt, zwischen uns nicht der kleinste Spalt. Wir sind untrennbar miteinander verbunden. Wie damals als Säugling an der Mutterbrust spüre ich nicht einen Hauch von Angst oder Verlassenheit. Ein durch und durch süßes Gefühl, ein Gefühl noch nie etwas verloren zu haben, füllt schmerzhaft meinen Körper.

Ich öffne die Augen.

Die Decke.

Das Zimmer.

Der Morgen.

Allein.

In Tokio.

Ach so, ich habe nur geträumt. Ich hieve mich aus dem Bett.

Und in diesen gerade mal zwei Sekunden ist das Gefühl des wohligen Einsseins, das mich bis eben noch umhüllt hat, für immer verloren. Spurlos und ohne jeden Nachklang. Angesichts dieser brutalen Abruptheit schießen mir, ohne dass ich einen klaren Gedanken fassen kann, die Tränen in die Augen.

Als ich morgens die Augen öffne, laufen mir Tränen übers Gesicht. So etwas kommt bei mir immer mal wieder vor.

Und nie kann ich mich an das erinnern, was ich gerade geträumt habe.

Ich betrachte meine rechte Hand. Die Hand, mit der ich mir eben noch die Tränen abgewischt habe. Den winzigen Tropfen, immer noch auf der Spitze meines Zeigefingers.

Und genauso schnell wie die Tränen getrocknet sind, die nur einen Moment lang meine Augenwinkel benetzten, ist auch der Traum verblasst.

Es war etwas unglaublich Wichtiges. Zum Greifen nah.

Ich weiß es nicht mehr.

Ich gebe auf, steige aus dem Bett und gehe ins Bad. Während ich mir das Gesicht wasche, habe ich das Gefühl, dass ich schon einmal über die Wärme und den Geschmack des Wassers erstaunt war. Ich starre in den Spiegel. Und ein Gesicht, das irgendwie unzufrieden wirkt, starrt zurück.

Während ich in den Spiegel schaue, binde ich mir die Haare zusammen. Dann schlüpfe ich in mein Frühlingskostüm.

Ich zurre die Krawatte fest, die ich endlich zu binden gelernt habe, und ziehe den Anzug an.

Ich öffne die Wohnungstür.

Ich schließe die Apartmenttür und vor meinen Augen…

… breitet sich die Landschaft Tokios aus, an deren Anblick ich mich endlich gewöhnt habe. Und so wie ich mir früher ganz selbstverständlich die Namen der Berge gemerkt habe, kann ich mittlerweile die Namen einer ganzen Reihe Hochhäuser aufsagen.

Ich lasse das Gedränge an der Bahnsteigsperre des Bahnhofs hinter mir und fahre die Rolltreppe hinunter.

Ich steige in den Pendlerzug. Ich lehne mich an die Tür und lasse die Landschaft vorüberziehen. Die Fenster der Gebäude, die Fahrzeuge, die Fußgängerbrücken, die ganze Stadt quillt über vor Menschen.

Der Himmel ist weiß und leicht bewölkt, wie so oft zur Kirschblütenzeit. Ein Waggon mit hundert Personen, ein Zug mit tausend Menschen, und eintausend Züge, die diese Stadt durchstreifen.

Und während ich wie immer die Stadt betrachte, merke ich plötzlich:

Ich suche jemanden, jemanden bestimmten.

2. Kapitel

Der Anfang

Dieses Klingeln kenne ich nicht, denke ich im Halbschlaf. Der Wecker? Aber ich bin doch noch so müde. Gestern Abend war ich so ins Zeichnen vertieft, dass es schon Morgen war, als ich zu Bett ging.

„…ki! … Taki!“

Diesmal ruft jemand meinen Namen. Die Stimme eines Mädchens. … Ein Mädchen?

„Taki! Taki!“

Sie klingt dringlich, als wäre sie kurz davor, zu weinen. Eine vor Einsamkeit zitternde Stimme, wie das Blinzeln eines fernen Sterns.

„Erinnerst du dich nicht?“, fragt mich die Stimme ängstlich.

Aber ich kenne dich doch gar nicht.

Plötzlich hält der Zug an und die Türen gehen auf. Stimmt ja, ich bin in einen Zug gestiegen. Und in dem Moment, in dem mir das wieder einfällt, begreife ich, dass ich in einem überfüllten Waggon stehe. Vor mir ein Paar weit aufgerissene Augen. Ein Mädchen, das mich geradewegs anstarrt, während sie sich in ihrer Schuluniform im Gedränge der aussteigenden Fahrgäste immer weiter von mir entfernt.

„Mein Name ist Mitsuha!“, ruft das Mädchen.

Dann löst sie mit einer fließenden Bewegung das Band aus ihrem Haar und hält es mir entgegen. Unwillkürlich strecke ich die Hand danach aus. Ein frisches Orange, wie die feinen Strahlen der Abendsonne, die ins Halbdunkel des Zuges dringen. Ich werfe meinen Körper ins Gedränge, sehe die Farbe und greife entschlossen zu.

Dann wache ich auf.

Die Stimme des Mädchens, oder mehr ein Widerhall davon, noch als leichtes Schwingen auf meinem Trommelfell.

… Ihr Name ist Mitsuha?

Ein unbekannter Name und ein unbekanntes Mädchen. Irgendwie wirkte sie völlig verzweifelt. Ihre Augen standen kurz vor einem Tränenausbruch und die Schuluniform, die sie trug, hatte ich noch nie gesehen. Und dann dieser ernste, alarmierte Gesichtsausdruck, so als trüge sie das Schicksal des Universums auf ihren Schultern.

Na, was soll's?! Es war ja nur ein Traum.

Ohne jede Bedeutung. Ehe ich es mich versehe, kann ich mich nicht mal mehr an ihr Gesicht erinnern. Der Widerhall auf meinem Trommelfell ist bereits verschwunden.

Und doch. Und doch schlägt mein Herz immer noch unnatürlich schnell. Mir ist seltsam schwer ums Herz. Mein ganzer Körper ist verschwitzt. Am besten hole ich erst mal tief Luft.

Hhhh.

„…?“

Bin ich erkältet? Mit meiner Nase und meinem Hals stimmt etwas nicht. Die Atemwege sind ein bisschen enger als sonst. Und meine Brust fühlt sich seltsam schwer an. Sie ist – wie soll ich sagen? – physikalisch schwer. Ich blicke an meinem Körper hinab. Und sehe in ein Tal zwischen zwei Brüsten.

Da ist ein Tal zwischen zwei Brüsten.

„…?“

Auf den Rundungen spiegelt sich die Morgensonne wieder und die weiße Haut leuchtet sanft. Und zwischen den beiden Brüsten staut sich ein tiefblauer Schatten, ähnlich wie ein See.

Da greife ich doch gleich mal zu.

So natürlich wie ein Apfel zu Boden fällt, plumpst dieser Gedanke plötzlich in meinen Kopf.

…?

…!

Ich bin beeindruckt. Wow, denke ich. Was ist das denn?

Mit vollem Ernst knete ich weiter.

Das ist ja unglaublich… Wahnsinn, so ein Frauenkörper…

„… Schwesterchen! Was machst du denn da?“

Als ich in Richtung der Stimme blicke, steht da ein kleines Mädchen und schiebt die Papierschiebetür auf. Während ich die Brüste knete, sage ich das, was mir gerade durch den

Kopf geht:

„Wahnsinn, wie echt sich das anfühlt… Hm?“

Ich sehe mir das Mädchen noch mal genauer an. Sie ist vielleicht zehn, hat zwei Zöpfe, Mandelaugen und wirkt ziemlich frech.

„… Schwesterchen?“

Ich zeige auf mich und sehe sie fragend an. Soll das heißen, die Kleine ist meine jüngere Schwester? In dem Moment sagt sie mit einer Miene, als hätte sie es endgültig satt:

„Pennst du noch, oder was?

Früh-stü-cken!

Mach schon, beeil dich!“

Pitcha! Mit einer ungestümen Bewegung knallt sie die Papierschiebetür zu. Meine Güte, was für ein Wildfang!, denke ich und stehe vom Futon auf. Jetzt, wo sie es sagt, habe ich auch Hunger. Im nächsten Moment bleiben meine Augen an einem Spiegeltisch ganz am Rand meines Blickfeldes hängen. Ich laufe ein paar Schritte über die Tatamimatten und stelle mich vor den Spiegel. Als ich mir das weite Nachthemd über die Schultern streife, fällt es raschelnd zu Boden und ich stehe nackt da. Ich betrachte den Körper im Spiegel von oben bis unten.

Schwarzes, langes, fließendes Haar, das an manchen Stellen vom Schlafen zerzaust ist. Ein kleines, rundes Gesicht mit großen, wissbegierigen Augen und irgendwie fröhlich geschwungenen Lippen auf einem schmalen Hals mit tiefen Grübchen am Schlüsselbein. Zum Glück habe ich mich gesund entwickelt! Die Rundungen meiner Brüste sprechen eindeutig dafür. Die leicht hervorstehenden Umrisse der Rippen gehen über in den sanften Bogen der Hüften. Ich habe zwar noch nie einen weiblichen Körper nackt gesehen, aber das ist ohne jeden Zweifel der Körper einer Frau.

… einer Frau? Ich bin eine Frau?

Plötzlich klärt sich der Nebel des Halbschlafs, der mich bis eben eingehüllt hatte. Mein Kopf ist auf einen Schlag klar und im nächsten Moment bin ich total verwirrt. Dann halte ich es nicht mehr aus und schreie.

* * *

„Du bist echt spät dran, Schwesterchen!“

Als ich die Schiebetür öffne und ins Wohnzimmer trete, fliegt mir Yotsuhas angriffslustige Stimme entgegen.

„Morgen mache ich Frühstück!“

Ich sage das anstelle einer Entschuldigung. Diese Göre ist ein Kind, das noch nicht mal alle Milchzähne verloren hat, und trotzdem bildet sie sich offenbar ein, sie wäre tüchtiger und selbstständiger als ihre ältere Schwester. Da darf man keine Schwäche zeigen, indem man sich entschuldigt. Während ich so sinniere, öffne ich mit einem Klick den Reiskocher und schaufle glitzernden weißen Reis in meine Schale. Ups, das war wohl ein bisschen viel. Na, egal.

„Guten Appetit.“

Ich gieße reichlich Sauce auf das glibberige Spiegelei und schiebe es zusammen mit etwas Reis in den Mund. Haaah, lecker! Jetzt bin ich glücklich. … Hm? Ich spüre einen Blick in der Gegend meiner Schläfe.

„… Heute bist du wieder normal.“

„Hm?“

Ich bemerke Großmutter, die mich genau mustert, während ich kaue.

„Gestern warst du echt schräg drauf!“ Yotsuha sieht mich ebenfalls grinsend an. „Einfach aus heiterem Himmel loszuschreien.“

Loszuschreien? Erst Großmutters Blick, der etwas zu inspizieren schien, das ihr nicht geheuer war, und jetzt dieses Grinsen von Yotsuha, die sich – zweifellos – über mich lustig macht.

„Was? Wie bitte? Wovon redet ihr da?“

Was ist denn los mit den beiden? Die sind ja unausstehlich…

Ding, dong, dang, dooong… – Der Lautsprecher, der an der Wandleiste installiert ist, heult mit unerwartet brutaler Lautstärke auf.

»Guten Morgen, liebe Mitbürger.«

Das ist die Stimme der älteren Schwester meiner Freundin Saya. Sie arbeitet im Rathaus in der »Informationsstelle für Regionales Leben«. Hier in Itomori, einem kleinen Dorf mit gerade mal 1500 Einwohnern, kennt jeder jeden oder wenigstens einen Bekannten von jedem.

»Sie hören die morgendlichen Bekanntmachungen der Kommune Itomori.«

Die Worte, die aus den Lautsprechern plätschern, sind in Abschnitte unterteilt und werden langsam und gemächlich vorgelesen. Da solche Lautsprecher auch im Freien und im ganzen Dorf installiert sind, hallen die Worte in den Bergen wider und überlagern sich wie ein Kanon.

Das ist die Sendung der Radiostation des Katastrophenschutzes, die zweimal täglich – morgens und abends – im ganzen Dorf übertragen wird. Da jedes einzelne Haus einen Receiver hat, werden hier Tag für Tag pflichtbewusst sämtliche Ereignisse des Dorfes bekannt gegeben – sei es nun das Programm des Sportfestes, die Telefonnummer des Winterdienstes, die Neugeborenen von gestern oder die Beerdigungen von heute.

»Bezüglich der Bürgermeisterwahl von Itomori, die am 20. des nächsten Monats stattfindet, gibt die städtische Wahlkommission…«

Krrrz. – Der Lautsprecher an der Wandleiste verstummt. Da sie nicht an die Box herankommt, hat Großmutter einfach den Stecker gezogen. Sie ist über 80 und trägt traditionsbewusst und aus voller Überzeugung immer noch einen Kimono. Aber jetzt verschafft sie ihrem Ärger schweigend Luft. Ganz schön cool, denke ich, während ich zur Fernbedienung greife und ohne zu zögern den Fernseher einschalte. Die Stimme von Sayas Schwester wird abgelöst vom lächelnden Plappern einer Ansagerin von NHK.

»Das Schauspiel eines vorbeiziehenden Kometen, den man nur einmal alle 1200 Jahre beobachten kann, rückt näher. Nächsten Monat ist es endlich so weit. Man geht davon aus, dass der Komet über mehrere Tage hinweg mit bloßem Auge zu sehen sein wird. Angesichts dieser astronomischen Jahrhundertshow sind, angefangen bei der JAXA, Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt mit den Vorbereitungen für ihre Beobachtungen beschäftigt.«

Auf dem Bildschirm erscheint der Text »Komet Tiamat – in einem Monat mit bloßem Auge zu sehen« und das verschwommene Bild eines Kometen. Irgendwie ist unsere Unterhaltung ins Stocken geraten und so sind nur die mit der NHK-Sendung vermischten Geräusche dreier essender Frauen zu hören, ein leises Klappern im Hintergrund, wie heimliches Flüstern im Unterricht.

„… Sag mal, willst du dich nicht endlich mal mit uns versöhnen?“, platzt Yotsuha abrupt und ohne jegliches Feingefühl heraus.

„Überlass das den Erwachsenen“, schieße ich zurück.

Ja, das ist eine Sache unter Erwachsenen. Genau wie die blöde Bürgermeisterwahl.

Piiihiololo!, schreit irgendwo mit seltsam törichter Stimme ein Schwarzer Milan.

„Bis später!“, rufen Yotsuha und ich Großmutter im Chor zu und treten durch die Tür.

Ein prächtiges Vogelkonzert erschallt aus den sommerlichen Bergen.

Als wir den schmalen Asphaltweg entlang der Böschung und ein paar steinerne Treppen hinuntergelaufen sind, reißen die Schatten der Berge auf und alles wird vom warmen Sonnenlicht überflutet. Vor uns liegt ein runder See, der Itomori-See. Seine stille Oberfläche reflektiert die Morgensonne und ist ein einziges unerbittliches Funkeln. Dahinter tiefgrün die aneinandergereihten Berge, blauer Himmel und weiße Wolken. Neben mir ein sinnlos herumhüpfendes kleines Mädchen mit rotem Ranzen und zwei Zöpfen. Und dann bin da noch ich, eine Oberschülerin mit strumpflosen weißen Beinen. Versuchsweise lasse ich in meinem Kopf Hintergrundmusik mit grandiosen Streichern laufen. Wow, das ist ja wie die Eröffnungsszene eines japanischen Heimatfilms! Ein Film von der Sorte »Wir leben ganz japanisch und ganz traditionell auf dem Land.«

„Miiitsuhaaa!“

Als ich die Stimme in meinem Rücken höre, habe ich mich vor der Grundschule bereits von Yotsuha getrennt. Es sind Teshi, der in die Fahrradpedale tritt und etwas unbeholfen wirkt, und Saya, die breit lächelnd rittlings auf dem Gepäckträger sitzt.

„Steig endlich ab!“, sagt Teshi mürrisch.

„Och Mann, du Spielverderber!“

„Du bist echt schwer.“

„Oh, sorry!“

So früh am Morgen und die beiden kabbeln sich schon wieder wie ein altes Ehepaar.

„Ihr beiden versteht euch ja echt gut.“

„Tun wir nicht!“

Und schon sind sich die beiden wieder einig. Ihre ernsthafte Art, alles zu leugnen, ist so komisch, dass ich kichern muss. In meinem Hirn springt die Hintergrundmusik auf ein heiteres Gitarrensolo um. Wir drei sind seit zehn Jahren befreundet: die kleine Saya mit dem schnurgeraden Pony und den geflochtenen Zöpfen, der dünne, schlaksige Teshi mit dem eher uncoolen geschorenen Schädel und ich. Die beiden scheinen sich ständig zu streiten, aber sie tun das in perfekt aufeinander abgestimmtem Tempo und insgeheim glaube ich, dass sie wunderbar zueinanderpassen.

„Heute hast du die Haare wieder ordentlich, Mitsuha!“, sagt Saya, die vom Fahrrad gestiegen ist, grinsend, während sie auf die Stelle tippt, an der mein Haarband sitzt. Ich trage immer dieselbe Frisur.

Geflochtene Zöpfe links und rechts, die ich zu einem Kringel biege und am Hinterkopf mit einem Haarband hochbinde, so wie meine Mutter es mir vor langer Zeit beigebracht hat.

„Hä, Haare? Was meinst du?“

Da fällt mir die merkwürdige Unterhaltung vom Frühstück wieder ein. Wenn sie heute wieder ordentlich sind, heißt das dann, gestern waren sie unordentlich? Ich versuche mich gerade an gestern zu erinnern, da beugt sich Teshi mit besorgtem Gesicht vor.

„Ach ja, hast du dir nun von deiner Großmutter die Geister austreiben lassen?“

„Geister austreiben?“

„Du warst hundertprozentig von einem Fuchsgeist besessen!“

„Häää?“

Seine Worte kommen so unvermittelt, dass ich die Stirn runzele. Saya springt mir mit Überdruss in der Stimme zur Seite.

„Hach, du machst aber auch aus allem was Okkultes! Mitsuha war bestimmt nur gestresst. Stimmt's?“

Gestresst?

„Öh, Moment mal, was meint ihr?“

Wieso machen sich auf einmal alle Sorgen um mich? An gestern… kann ich mich zwar gerade nicht erinnern, aber ich bin sicher, es war ein ganz normaler Tag.

… Huch?

War er das wirklich? Gestern habe ich…

»… Und vor allem!«

Die sonore Stimme einer Lautsprecheranlage verbannt meine Zweifel.

Gegenüber den aneinandergereihten Gewächshäusern auf dem viel zu großen Areal des Parkplatzes der Kommunalverwaltung hat sich eine dichte Menschentraube von etwa einem Duzend Leuten angesammelt. In ihrem Zentrum steht – mit einem Mikrofon in der Hand, deutlich größer als der Rest und mit erhabener Attitüde – mein Vater. Auf der Schärpe, die über der oberen Hälfte seines Anzugs hängt, steht stolz »Toshiki Miyamizu – amtierender Bürgermeister«.

»Vor allem geht es mir um die Fortsetzung unserer Anstrengungen zur Wiederbelebung der Gemeinde und die dafür notwendige Gesundung der kommunalen Finanzen! Denn erst, wenn das gewährleistet ist, wird eine sichere und reibungslose Stadterneuerung möglich. Als amtierender Bürgermeister möchte ich mit Ihrer Zustimmung die bisher von mir vorangetriebene Stadtentwicklung vollenden und ihr zusätzlichen Glanz verleihen! Ich möchte diese Kommune mit neuem Enthusiasmus führen und eine Gemeinde erschaffen, in der alle, vom Kind bis zum Greis, ein sicheres und aktives Leben führen können. Dies ist meine Mission und ich bekräftige hiermit meinen festen Entschluss, sie zu erfüllen.«

Seine geradezu anmaßende, profihafte Ansprache erinnert mich an die der Politiker im Fernsehen und passt so überhaupt nicht zu diesem von Feldern umgebenen Parkplatz, dass ich mich für ihn schäme.

„Miyamizu wird es doch sowieso wieder. So viel Werbung, wie der macht.“

Das von den Zuhörern herüberwehende Gemurmel verschlechtert meine Laune nur noch mehr.

„Ah, Miyamizu!“

„… Morgen.“

Oh, Gott. Die Stimme kommt von einer jungen Dreiergruppe, allesamt Klassenkameraden von mir. Diese Leute, die in der Oberschulhierarchie zur Fraktion der Auffälligen und Coolen gehören, müssen uns aus der Kategorie der Unauffälligen bei jeder Gelegenheit spitze Gehässigkeiten an den Kopf werfen.

„Bürgermeister und Bauunternehmer“, sagt einer von ihnen und wirft affektiert einen vielsagenden Blick auf meinen noch immer sprechenden Vater. Ich blicke auch hin und sehe neben meinem auch Teshis Vater stehen, der über das ganze Gesicht strahlt. Er trägt eine Jacke seiner eigenen Baufirma und eine Armbinde mit der Aufschrift »Toshiki-Miyamizu-Unterstützergruppe«. Der Kerl wendet seinen Blick wieder Teshi und mir zu und fährt fort: „Und ihre Kinder stecken auch unter einer Decke. Klebt ihr so zusammen, weil eure Väter es angeordnet haben?“

Blödmann! Ohne zu antworten, beschleunige ich meinen Schritt, um von dort wegzukommen. Teshis Gesicht bleibt ebenfalls ausdruckslos. Nur Saya wirkt betreten und unglücklich.

„Mitsuha!“, erschallt plötzlich eine laute Stimme. Mir stockt der Atem. Ich fasse es nicht! Mein Vater hat mitten in seiner Ansprache das Mikro gesenkt und brüllt mit seiner natürlichen Stimme zu mir herüber. Und jetzt wenden sich auch die Zuhörer alle gleichzeitig mir zu.

„Mitsuha, Brust raus beim Laufen!“

Ich laufe knallrot an. Diese Ungerechtigkeit treibt mir fast die Tränen in die Augen. Verzweifelt unterdrücke ich den Impuls, wegzurennen, und suche stattdessen mit großen Schritten das Weite.

„Selbst seiner Familie gegenüber ist er streng.“

„Typisch Bürgermeister!“, raunen die Zuhörer.

„Uwah, das ist bitter!“

„Du kannst einem ja fast leidtun“, höre ich meine Klassenkameraden spötteln.

Oh Mann, das ist echt das Letzte!

Die Hintergrundmusik, die bis eben noch da war, ist verstummt, ohne dass ich es bemerkt habe. Und mir fällt wieder ein, dass diese Kommune ohne Hintergrundmusik nur ein beengter, stickiger Ort ist.

Ka, ka, ka!, tönt es von der Tafel, als eine Art Gedicht angeschrieben wird.

Im Zwielicht frage nicht: Wer bist du?

Ich bin die, die vom abendlichen Tau durchnässt

unterm Herbstmond auf dich wartet.

„Zwielicht ist ein anderes Wort für Abenddämmerung. Und was Abenddämmerung ist, wisst ihr ja, oder?“, sagt die klare Stimme unserer Lehrerin Fräulein Yuki, während sie groß »Zwielicht« an die Tafel schreibt.

„Das ist die Zeit, in der weder Tag noch Nacht ist. Die Zeit, in der die Konturen der Menschen verschwimmen und man nicht mehr weiß, wer der andere ist. Die Zeit, in der man sogar Wesen begegnen kann, die keine Menschen sind. Die Zeit, in der man auf Dämonen und Geister trifft, weshalb man sie früher auch »Stunde der dunklen Schatten« genannt hat. Und noch früher hat man sie offenbar auch als »Blaue Stunde« oder »Schummerstunde« bezeichnet.“

Diesmal schreibt Fräulein Yuki »Blaue Stunde« und »Schummerstunde« an die Tafel. Wie bitte? Soll das ein Witz sein?

„Frau Lehrerin, ich habe eine Frage. Muss das nicht »Splitterstunde« heißen?“

Jemand hat es ausgesprochen und ich denke: Genau! Ich weiß natürlich, was Zwielicht ist, aber das Wort, das mir seit meiner Kindheit als Begriff für den frühen Abend vertraut ist, ist »Splitterstunde«. Fräulein Yuki schmunzelt, als sie das Wort hört. Ich muss sagen, für eine Oberschule in der tiefsten Provinz haben wir eine geradezu unangemessen hübsche Lehrerin für klassische Literatur.

„Ist das nicht nur ein mundartlicher Ausdruck dieser Region? Wie man hört, benutzen die älteren Leute in Itomori immer noch Worte aus dem Manyoshu.“

„Tja, wir leben ja auch in der Pampa“, erklärt ein Junge und erntet Gekicher. Stimmt, meine Großmutter benutzt auch manchmal Wörter, die fast ausländisch klingen. Sie sagt beispielsweise immer »Holla« und so.

Verloren in derlei Gedanken blättere ich in meinem Schreibheft und entdecke auf einer Seite, die eigentlich noch leer sein müsste, in großer Schrift den Satz:

Wer bist du?

… Hä?

Was ist das denn? Die Geräusche meiner Umgebung rücken in immer weitere Ferne, so als würden sie von der unbekannten Handschrift aufgesaugt. Das ist nicht meine Schrift, und soweit ich weiß, habe ich mein Heft auch niemandem geliehen.

Hä? Wer bist du? Was soll das denn heißen?

„… Bitte, Mitsuha, du bist als Nächstes dran.“

„Äh, ja!“ Hastig stehe ich auf.

„Lies bitte den Text ab Seite 98 vor“, sagt Fräulein Yuki, und während sie mein Gesicht betrachtet, fügt sie merkwürdigerweise hinzu:

„Heute erinnerst du dich also wieder an deinen Namen, Mitsuha.“

In der Klasse bricht Gelächter aus. Häää? Was haben die denn? Was soll das heißen?

„… Erinnerst du dich nicht daran?“

„… Ne.“

„Echt nicht?“

„Ich sage doch, ne“, antworte ich und schlürfe meinen Bananensaft. Lecker. Saya betrachtet mich, als hätte sie irgendein Wunderwesen vor sich.

„… Ich meine, du wusstest gestern noch nicht mal mehr, wo deine Schulbank und dein Schließfach sind. Deine Haare waren noch vom Schlafen zerzaust und nicht zusammengebunden, das Band deiner Schuluniform hattest du auch nicht um und du warst den ganzen Tag schlecht gelaunt.“

Ich stelle mir das bildlich vor. … Hm?

„Häää?! Ist nicht wahr. Echt?!“

„Ja, du warst gestern so, als hättest du eine Amnesie.“

Panisch versuche ich mich zu entsinnen. Das ist wirklich seltsam. Ich kann mich nicht mehr an gestern erinnern. Doch, ein paar Erinnerungsfetzen sind noch da, und zwar… an irgendein unbekanntes Stadtviertel? Das Spiegelbild… eines Jungen?

Ich versuche, die Erinnerungen irgendwie zurückzuverfolgen. Piiihiololo!, schreit irgendwo mit seltsam törichter Stimme ein Schwarzer Milan. Mittagspause.

Wir sitzen jeder mit einem Getränkepäckchen in der Hand in einer Ecke des Schulhofs und essen.

„Hmmm… irgendwie habe ich schon länger das Gefühl, komisch zu träumen… Ich glaube, das sind Träume über das Leben eines anderen… Hmmm, aber ich erinnere mich nicht wirklich…“

„… Ich hab's!“, sagt Teshi so unvermittelt und laut, dass ich unwillkürlich zusammenzucke. Er hält uns das halb aufgeschlagene Okkultismusmagazin »MU« vor die Nase und fährt mit hitziger Leidenschaft fort:

„Das sind Erinnerungen aus einem früheren Leben! Okay, ich weiß schon, jetzt meint ihr wieder, das wäre nicht wissenschaftlich. Deshalb formuliere ich es anders: Basierend auf der everettschen Viele-Welten-Theorie kann man das damit erklären, dass du unbewusst eine Verbindung zum Multiversum hergestellt hast…!

„Ach, halt die Klappe!“, weist Saya ihn scharf zurecht.

„Aha, dann ist das Gekritzel in meinem Heft wohl von dir!“, schimpfe auch ich.

„Hä? Gekritzel?“

Moment! Nein, das kann nicht sein. Teshi ist nicht der Typ für so alberne Scherze und ein Motiv hat er auch nicht.

„Ach, schon gut. Vergiss es!“, rudere ich zurück.

„Hä? Was denn für Gekritzel? Verdächtigst du mich etwa?“

„Ich sagte doch, vergiss es!“

„Wah, ich fasse es nicht, Mitsuha! Hast du das gehört, Saya? Das war eine falsche Verdächtigung, das war üble Nachrede! Ruf den Staatsanwalt, den Staatsanwalt, ach nein, einen Anwalt, oder? Hm, wen ruft man denn in so einem Fall?“

„Aber gestern warst du echt komisch, Mitsuha“, erklärt Saya, während sie Teshis Beschwerde großzügig ignoriert.

„Bist du vielleicht gesundheitlich gerade irgendwie angeschlagen?“

„Hm, merkwürdig… Meinst du, das liegt am Stress oder so…?“

In Gedanken gehe ich die zahlreichen Zeugenaussagen noch mal durch. Unterdessen ist Teshi schon wieder in sein Okkultismusmagazin vertieft, als wäre nichts geschehen. Dass er so gar nicht nachtragend ist, ist einer seiner großen Vorzüge.

„Das liegt mit Sicherheit am Stress! Und davon hattest du ja in letzter Zeit reichlich, Mitsuha!“

Allerdings. Mal ganz abgesehen von der Bürgermeisterwahl ist heute Abend auch noch diese Zeremonie, vor der mir seit Tagen graut. Immerhin ist das eine kleine Gemeinde und ausgerechnet mein Vater ist der Bürgermeister und meine Großmutter die Priesterin des örtlichen Schreins. Ich vergrabe mein Gesicht zwischen den Knien und stöhne lang und tief.

„Hach, ich will nur noch so schnell wie möglich meinen Abschluss machen und nach Tokio gehen. Dieses Dorf ist einfach zu eng und stickig für mich!“

„Ich verstehe dich! Ich verstehe dich nur zu gut“, nickt Saya verständnisvoll. „Unsere Familie stellt schon zum dritten Mal in Folge die Verantwortliche für die Radiosendung der Kommune. Von den Omas aus der Nachbarschaft werde ich seit meiner Kindheit nur »Radiofräulein« genannt. Und in der Radio-AG der Schule bin ich auch! Ich weiß mittlerweile gar nicht mehr, was ich selbst eigentlich machen will.“

„Lass uns nach dem Schulabschluss zusammen nach Tokio gehen, Saya! In diesem Dorf bleibt man auch als Erwachsener genau da, wo man in der Schulhierarchie war. Wir müssen aus diesen Konventionen ausbrechen! Hey, Teshi, du kommst doch auch mit, oder?“

„Hmmm?“ Teshi schaut gedankenverloren von seinem Okkultismusmagazin auf.

„… Sag mal, hast du uns überhaupt zugehört?“

„Hmmm… Also, ich glaube… ich werde einfach ganz normal hier wohnen bleiben.“

„Haaah.“ Saya und ich stoßen einen tiefen Seufzer aus. Kein Wunder, dass der keine Frau abkriegt! Na ja, ich hatte ja auch noch nie einen Freund.

Mein Blick folgt dem sanften Luftzug des Windes und fällt auf den Itomori-See, der wie immer teilnahmslos, still und friedlich daliegt.

In diesem Dorf gibt es weder einen Buchladen noch einen Zahnarzt. Die Bahn fährt nur alle zwei Stunden, Busse gibt es zwei pro Tag, wir liegen außerhalb des Gebietes, das vom Wetterbericht erfasst wird, und das Satellitenbild auf Google Maps ist immer noch verpixelt. Unser 24-Stunden-Supermarkt macht um neun Uhr zu, aber dafür führt er frische Gemüsesorten und hochwertige landwirtschaftliche Geräte… Na toll!

Auf dem Heimweg von der Schule sind Saya und ich immer noch im Anti-Itomori-Meckermodus.

Es gibt zwar weder einen McDonald's noch einen Burger King, aber Imbissbuden gibt es gleich zwei. Es gibt keine Arbeit, es kommt kein junges Blut ins Dorf und die Sonnenscheindauer ist kurz. Mecker, mecker, mecker. Normalerweise kommt es durchaus vor, dass wir die Entvölkerung unserer Kommune eher erfrischend finden und sogar ein bisschen stolz darauf sind, aber heute sind wir ernsthaft deprimiert.