5 Sekunden zu früh - Janusz Kulik - E-Book

5 Sekunden zu früh E-Book

Janusz Kulik

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Beschreibung

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der wegen seiner Motorik-Probleme keine Ausbildungsstelle findet und versucht, sich seinen Lebensunterhalt mühsam zu erkämpfen.

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Seitenzahl: 51

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Am 29.-ten Mai 2015 um 9 Uhr 30 ruft mich der Vermieter von meinem Sohn Daniel an. Er fragt mich:

Was ist mit Daniel los? Die Polizei ist da, die Wohnung ist verplombt.“

Verplombt, Daniels Wohnung?“,fragte ich zurück. Hatte mein Sohn

sich geschlagen? Mit Haschisch oder Kokain gehandelt?

„Hat er was gestohlen? Was hat der Bub angestellt?“ das kann doch nicht sein. Er ist ein braver Junge.Und würde so etwas nie tun.

„Rufen Sie bitte die Polizei in Frankfurtan“, sagte der Vermieter.

Fragen Sie, was da los ist.“

„Guten Tag, ich bin der Vater von Daniel Kulik.

Können Sie mir sagen, was mit meinem Sohn passiert ist?“, frage ich bei der Polizeizentrale. Eine

Frauenstimme antwortet mir: „Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Ich muss in den Akten suchen. Wir rufen Sie zurück.“

Verplombt, Daniels Wohnung, Schlägerei, Haschisch,

Kokain, Diebstahl.

Was hat er angestellt?

Es klingelt an der Tür. Ich mache auf.

Zwei Polizisten kommen rein.

„Sind Sie der Vater von Daniel?“

„Ja.“

Wir müssen Ihnen eine traurige Nachricht mitteilen.“

„Ja.“

„Ihr Sohn hat sich heute um 5 Uhr 55 vor den Zug geworfen.“

„Kann ich ihn noch retten?“, rast mir durch den Kopf.

Die Frage kommt aus mir nicht heraus. Ich merke, es ist sinnlos zu fragen.

„Wo war das?“. „In Bockenheim. Der Zugführer hat ihn nicht gesehen.

Erst der Zugführer von dem nächsten Zug hat ihn an den Schienen liegen gesehen und die Polizei angerufen.“

Tot. Nicht möglich. Tot.

Daniel. Mein Sohn. Ich verliere den Boden unter den Füßen.

Nicht wahr. Er ist tot.

„Brauchen Sie Hilfe?“

„Nein. Danke, ich komme klar“, sage ich zu den Polizisten.

Die Polizisten verlassen die Wohnung.

Ich weiß, ich kann den Schmerz nicht alleine bewältigen.

Ich rufe meine Tochter Anna und meine Lebensgefährtin Ulli an.

„Anna, kannst du bitte kommen, es ist was Schlimmes mit Daniel passiert.“

Nicht möglich und wahr. Ich sehe vor meinem inneren Auge wie der Zug Daniel erfasst,- sein Gesicht, seine Arme und Beine zertrümmert, Arme und Beine meines Sohnes, seinen ganzen Körper.

Ich sehe einen Film von seinem und meinem Leben in ein paar Sekunden:ein Film im Kopf, der in dem Moment, als der Zug auf ihm aufschlägt, endet. Als meine Tochter kommt, sage ich:

„Anna, Daniel hat sich unter den Zug geworfen.“

Wir beide brechen in der Umarmung in Tränen aus.

Der Schwester Schmerz und der Vaterschmerz vereinen sich.

Meine Lebensgefährtin kommt weinend rein. Sie hat schon was Schlimmes geahnt.

„Daniel hat sich vor den Zug geworfen.“- sage ich zu ihr.

Wir alle drei zusammen können nicht aufhören zu weinen.

Wieso, warum, warum, warum frage ich immer wieder, warum hat er das gemacht?

„Was hat der arme Kerl die ganze Nacht durchgemacht, um sich um 5 Uhr vor den Zug zu werfen?

Er kämpfte und kämpfte das ganze Leben lang und jetzt hat er verloren.

Wieso hat er mich nicht angerufen und gesagt, dass es ihm schlecht geht, mich gefragt, ob ich ihm helfen kann.

Hatte er Geldprobleme?

Wie damals vor ein paar Jahren? Ich habe ihn doch mehrmals gefragt: „Daniel, sage mir bitte, wenn du Geld brauchst.“

„Ich brauche kein Geld“, hatte er immer wiederholt. Wenn er von mir wegging mit diesem unsicheren Lächeln, als ob er sich entschuldigen wollte, dass er schon geht, sagte ich immer: „Daniel, passe auf dich auf.“

„Papa, ich bin kein Kind mehr, ich kann schon selbst auf mich aufpassen.“

Vor dem Einschlafen habe ich auch immer gesagt:

„Daniel, passt auf dich auf“, mit der Hoffnung, dass er die Worte telepathisch mitbekommt.

Was hat der Kerl sein Leben lang kämpft. Ich erinnere mich, wie er damals die Ausbildungsstelle bei einem Metzger bekommen hat. Die Stelle wollte keiner annehmen.

Er ist um 4 Uhr morgens aufgestanden. Mit dem Bus zum Bahnhof.

Mit dem Zug nach Darmstadt. In Darmstadt mit dem Bus weiter Richtung Heidelberg und weiter mit einem regionalen Bus, der nur einmal pro Stunde, auch bei minus 20 Grad im Winter kam, zu dem Bauernhofmetzger. Wenn der Zug sich verspätet hat, saß er eine Stunde bei minus 20 Grad an der Haltestelle.

Zurück denselben Weg. Er kam um 19 Uhr nach Hause.

Wo sollte er aber mit seinem schlechten Zeugnis eine Stelle bekommen?.

Keine Chancen. Er wusste, es gab für ihn nichts anderes.

Jede Woche hat er ein paar Bewerbungen geschrieben, monatelang und keine Antwort bekommen.

Als es im Winter sehr kalt war, kam ich früher aus der Nachtschicht zurück,

habe ihn zu dem Bauernhof mit dem Auto gefahren. Manchmal, als ich ihn abholen kam bei minus 10 Grad draußen, war er bekleidet mit einem weißen Mantel, hatte die Gummistiefel an, stand bis zu den Knöcheln im Wasser und verarbeitete das Fleisch der geschlachteten Tiere. Meistens waren das die Gänse, weil es kurz vor Weihnachten war, aber auch Rinder. Er bekam dafür 300 Euro im Monat. Der Staat zahlte 200 Euro und der Bauernhofmetzger 100 Euro dazu. Für den Metzger war das ein glänzendes Geschäft, denn für einen Arbeiter, der 8 Stunden täglich bei ihm geschafft hat,

hat er nur 100 Euro im Monat bezahlt. Nach einem Jahr war das vorbei, dann hat einen neuen „Lehrling“ eingestellt.

„Wie hast du das ausgehalten, Daniel?“, habe ihn mal gefragt.

„Ich weiß selber nicht, Papa.“

Was hat er gekämpft? Und jetzt den Kampf verloren. Warum kam er nicht zu mir?.

Warum hat er nicht gesagt: „Papa, mir geht es nicht gut.“

Wir hätten doch darüber reden können. Ich hätte ihm doch helfen können. Aber er wollte nie über seine Probleme sprechen.

Wenn ich ihn fragte, ob er was braucht, sagte er:

„Ich brauche nichts.“

„Brauchst du Geld, Daniel?“ „Nein, ich brauche kein Geld.“

„Jetzt hat er seinen Frieden“,sagt meine Lebensgefährtin.

„Was für Frieden, Ulli?“

„Man weiß nicht was er noch in seinem Leben hätte kämpfen müssen,

was er für Enttäuschungen hätte einstecken müssen. Und mit dem Alter wäre es für ihn immer schwieriger geworden.

Und wenn du einmal nicht mehr da bist, wer sollte ihm da noch helfen?“

„Ja, das weiß keiner.“

Auch eine andere Episode aus seinem Leben kann ich nicht vergessen:,