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Christina Maria Hesse ist am 15. März 1961 in Telgte geboren und hat erst am 12. April 2016 das Leben begonnen. Seelenschmerz, Tränen und Leid wurden erst nach 55 Jahren durch Seelenheil, Lachen und unendliche Liebe ersetzt! Sie lebt heute im schönen Olsberg, im Hochsauerland. Warum es aber ein „Plus 1“ gibt, und wie sie es mit viel Mut, Hartnäckigkeit und neu erstarktem Lebenswillen geschafft hat, das Lebensglück schließlich doch zu finden - davon erzählt dieses Buch auf bewegende und inspirierende Art und Weise!
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Christina Maria Hesse
55 Plus 1
Lebensgeschichte
AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG
FRANKFURT A.M. • LONDON • NEW YORK
Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit. Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.
©2017 FRANKFURTER LITERATURVERLAG
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Medien- und Buchverlage
DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN
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Lektorat:Gerrit Koehler
Fotografien im Innenteil: Studio M. Fotografie / Olsberg
ISBN 978-3-8372-2096-4
Einer wundervollen Frau, der Mutter meines Ehemannes Uwe Hesse, möchte ich mein Buch widmen.
Martha Hesse nahm mich in den Arm und ich sagte „MAMA“ zu ihr.
Ich hatte nach 55 Jahren eine Mutter.
„Mama, ich liebe Dich.“
55 …
Mittwoch, 15. März 1961
Mein Geburtstag!
Meine Kindheitserinnerungen sind eigentlich weg, wenn da nicht diese Karussells in meinem Kopf wären, die besonders in der Nacht ihre Fahrt aufnehmen.
Die Gondeln an meinen Karussells sind bunt, leuchtend, hell, freundlich, dunkel, furchteinflößend, beängstigend … je nachdem welcher kleine Wicht, Engel oder Teufel, gerade die Fahrt beginnt.
Eltern, ja auch ich hatte Eltern.
Meine Mutter war eine Frau aus Eis, Gefühle und Emotionen, Zärtlichkeit und Fürsorge … ein Fremdwort für sie. Aufgewachsen bin ich in einem Geschäftshaushalt, mein Vater arbeitete in seiner Metzgerei und meine Mutter im Laden, wobei sie sich viel Freizeit, Auszeit, Urlaub und Geld gönnte. Liebe Worte, in den Arm nehmen, das fehlte.
Zwei ledige Schwestern meiner Mutter standen Vater zur Seite. Die eine, Tante Margret schmiss den gesamten Haushalt und die andere, Tante Fine, führte den kleinen „Emma-Laden“ und das Administrative. Auch die Aufsicht bei meinen Hausaufgaben wurde von ihr mit Liebe gemacht. Meine Mutter …? Wo war meine Mutter?
Heute denke ich … dass es fast wie in einer Sekte war. Viele Menschen, auch fremde Menschen, die Einblick hatten in unsere Familie. Eigentlich etwas sehr Intimes, aber bei uns waren immer „Andere“ dabei. Es war auch immer so ein „nach außen.“
Da draußen dachten die Menschen, dass wir eine tolle Familie sind, wohlhabend und mit mehreren Generationen unter einem Dach. Mit geistig minderbemittelten Angestellten, die ach ja so froh sein konnten, bei uns zu sein. Ich habe das aber als grausig empfunden. Fremde putzten mein Zimmer, wehe es lag eine Unterhose unterm Bett …! Gleich wurde gepetzt!
Kleine Geheimnisse waren gar nicht möglich, denn die Schlimmste von ihnen schaute in alle Schubladen und Ecken.
An meinem 8. Geburtstag durfte ich ein paar Freunde aus meiner Klasse einladen. Kuchen und Kaba gab es in der großen Küche zwischen Metzgerei und Lebensmittelladen. Und wieder waren diese Fremden mit dabei, allen voran die verhasste Gertrud. Ein Kindergeburtstag wie ihn kein Kind sich wünscht. Keine Spiele, keine liebevollen Gesten meiner Mutter … eben Kuchen, gebacken von Tante Margret, und Kaba.
Aber dann …! Geschäftsschluss um 18.30 Uhr! Es kamen die Eltern meiner Freunde, um diese abzuholen. Da plötzlich begann die Party. Meine Mutter war da und hatte ihren Auftritt. Es gab Getränke, Gespräche übers Geschäftsleben und natürlich viel, viel Angeberei. Den Nachmittag über hatte meine Mutter kein Interesse an „meinem Tag“!
Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt, da war ich im 5. Schuljahr. Abschied am Bus … keine Mutter. Proviant gemacht, abholen am Bus … keine Mutter. Eine Angestellte übernahm diese Aufgabe. Na ja, ich kannte es nicht anders. Aber dann zu Hause in meinem Zimmer ein weiterer großer Schock.
Meine Mutter, die sonst nie darin war, sich nicht interessierte, sondern immer nur fremde Hausangestellte, die putzten und meckerten, wenn etwas unter meinem Bett lag, war in meinem Zimmer!!!!
Mit einem blauen Müllsack, und hatte alles, was ihr nicht gefiel, entsorgt, weggeworfen und vernichtet. Für mich waren das so wichtige Dinge, die ich liebte. Zeichnungen, Schreiberei, Bastelarbeiten, Heiligenbildchen meiner Oma, Bonbonpapiere, aus denen ich irgendwelche für mich schönen Sachen gemacht hatte … alles weg!!!!
Aber … neue Vorhänge! Hellgrüne Tülldinger, hässlich, unpassend für mich, hingen dort. Eine Aktion meiner Mutter als MUTTER!
Mein Vater war mein Freund und Vertrauter meine Kindheit hindurch. Er hatte eine kleine Ranch mit Tieren und es war schön. Gern fuhr ich mit ihm durch seine Jagd und beobachtete mit ihm die Tiere. Sogar ein Uhu-Pärchen lebte dort. So selten und für mich so nah. Als wir einmal ein verlassenes Rehkitz fanden, zog Vater es mit einer Liebesperlenflasche auf, und dieser kleine Rehbock „Hansi“ war zahm und so zutraulich. Frech war er auch. Wenn er unserem Jagdhund „Heidi“ zu nah kam, nahm dieser Reißaus!
Auch ein kleines Kälbchen, das nicht geschlachtet wurde, weil mein Vater es nicht übers Herz brachte, gehörte zu meinem Zoo. Sogar reiten konnte ich auf ihm. Ein Turmfalke, der vor das Schaufenster geflogen war und sich verletzt hatte, lebte in meinem Kinderzimmer in einer Kiste, wurde gesund und war mein treuer Bewacher.
Kinderjahre, die eigentlich beneidenswert sind … aber … es fehlte mir so sehr eine liebevolle Mutter. Auch die Rosenmontage, der Karneval, waren sehr speziell in meiner Kindheit.
Ich sah, wie meine Klassenkameraden mit ihren Eltern nach Münster oder Warendorf zum Umzug fuhren, verkleidet mit Mama und Papa, aufgeregt und mit so viel Freude und Spaß. Bei uns war das ganz anders. Und wieder war es eine Tante, die mir irgendein Ding auf den Kopf setzte und … „HELAU!“ Am Sonntag vor dem Rosenmontag wurden große Musikboxen vor unseren Geschäften aufgehängt, hunderte Berliner-Kuchen geordert, Sonderangebotsschilder aufgehängt und Mengen Sekt gekühlt.
Um 7 Uhr am Rosenmontag ging es dann los. Der ganze Ort wurde beschallt mit Helau-Musik. In Telgte gab es keinen Umzug. Aber… meine Eltern und ihre Leute sorgten für Riesenrabatz.
Natürlich stand der Umsatz an diesem Tag im Vordergrund und die Menschen strömten in unsere Geschäfte. Natürlich war da auch Spaß und Freude, aber für mich …? Ich lief umher. In den Blumenladen, in den Lebensmittelladen, in die Metzgerei. Überall Menschen, nette Menschen. Alle sprachen mit mir und waren ausgelassen, aber ich war wie ein Gast, es war kein Zuhause, keine Mutter die mit mir Spaß hatte, kein Vater, der mit mir lachte. Fremde Menschen, die Geld brachten, Umsatz… das war wichtig.
Mittags war der Spuk vorbei. Es wurde abgebaut, aufgeräumt, Geld gezählt! Und dann gingen meine Eltern mit den Damen und Herren der Nachbargeschäfte in eine Kneipe an der Ecke. Ich …? Ich war wieder mit den Tanten allein. Mein Rosenmontag war vorüber.
Ich sah, das andere Kinder in der Schule und meine Freundinnen Mütter hatten, die Hausfrau waren und immer da. Ach wie toll fand ich das! Eine Mama, die Zeit hat, shoppen geht, kocht und backt. Ohne Hausangestellte und Putzfrau. Wie toll fand ich es, wenn die Kinder von ihren Wochenenden erzählten … mit den Eltern spazieren gehen, Zeit verbringen, Spaß haben.
Ich war Sonntag für Sonntag bei den Tanten. In deren Wohnzimmer schauten wir die Augsburger Puppenkiste. „Urmel aus dem Eis“, „Die Blechbüchsenarmee“ oder so etwas. Es war lustig, und bei den Tanten gab es Saft und Süßes zum Fernsehen. In der Küche der Tanten stand ein Eckschrank mit Plattenspieler. Märchenplatten liebte ich, besonders „Hänsel und Gretel“. Aber … diese Platten standen nicht in meinem Zuhause, bei meinen Eltern. Nein, in der Küche der Tanten. Wie verrückt ist das!
Meine Erstkommunion fand auch in diesen Räumen statt. Es wurde aufgefahren und bewirtet. Und wieder machte Tante Margret die ganze Arbeit. Meine Mutter kümmerte sich um ihr neues Kleid.
Der Gang am Nachmittag zur Andacht war wieder wie es nirgends war. Tanten und Fremde gingen mit. Ich liebte meine Tanten und ich bete noch heute zu ihnen, ich habe sie sehr gern gehabt. Und dennoch sah ich damals als Kind in meinem weißen Kleid die anderen Kinder. Mit Mama, Papa, Oma und Opa. Eine kleine Familie, heile Welt. Es stand bei ihnen die Kommunion im Vordergrund und der Sinn daraus.
Bei uns war es ein Schaulaufen der Geschäftswelt mit Kleidern und Hüten wie aus einem Magazin. Da halfen mir auch die vielen, vielen Geschenke der Untergebenen meiner Eltern und die der vielen Kunden und Geschäftspartner nicht. Liebe und Geborgenheit, von Mama in den Arm genommen werden und von Mama das Blumenkränzchen aufgesetzt bekommen … das allein war mein Wunsch. Wie oft war ich im Wohnzimmer meiner Eltern? Ich habe keine Erinnerung daran, kann aber genau sagen, wie es in den Privaträumen der Tanten ausgesehen hat.
Ab und zu fuhren meine Eltern auch gemeinsam einen Sonntag raus, ohne mich. Und auch die beiden Tanten, besonders Tante Margret, wäre auch so gern mal rausgekommen. Ich sah immer ihren traurigen Sehnsuchtsblick.
Heute denke ich … oh ja, die Tanten waren damals jünger als ich heute, und … nur schuften! Tante Margret war eine Schönheit, schwarze Haare, Kurven, Temperament. Sie war eine Rassefrau, aber immer nur im Arbeitskittel und von morgens bis abends für meine Eltern im Einsatz.
Heute denke ich, dass es meiner Mutter ein Leichtes gewesen wäre, Tante Margret einmal mitzunehmen. Sie hätte sicher einen tollen Mann gefunden, aber … meine Mutter hätte eine nichts kostende Arbeitskraft verloren.
Fleischerball, Jägerball, all das besuchten meine Eltern. Wie kann ein Mensch so berechnend und kalt sein? Wie kann eine Frau, eine Mutter so sein? Ich war 12 Jahre alt. Ich schrieb einen Brief …
Liebe Mama, ich möchte so gern einmal, dass du Zeit für mich hast. Wir könnten spazieren gehen oder etwas anderes unternehmen. Andere Kinder machen so viel mit ihren Müttern. Ich möchte nicht immer nur bei den Tanten und fremden Leuten sein. Ich hab dich lieb und wünsche mir Zeit mit dir. Ich habe dir so viel zu erzählen!
Ich ging in den Laden, vorne wo die Kunden standen und gab meiner Mutter meinen Brief. Und was geschah … ich wurde so sehr ausgeschimpft wie nie. Was mir denn einfällt, so einen Brief zu schreiben!!!!!!!!!
„Du hast alles, andere Kinder haben nicht so große Häuser und Angestellte. Andere Mütter müssen sparen und du bist undankbar“, schimpfte meine Mutter. Sie verstand den Sinn meines Briefes nicht. Wieder stand nur das „Nach außen“ im Vordergrund. Ruhm und Geld! Dabei stand nichts Böses darin … nur dass ich Sehnsucht nach einer Mama habe.
Aber das Schlimmste für mich war immer, dass kein Problem, rein gar nichts bei uns privat, in unserer Familie blieb. Alles, aber auch alles bekamen fremde Leute mit. Klar, die Hausangestellten und Verkäuferinnen waren immer da, aber unter ihnen waren grauselige Frauen, und so gelangte alles nach draußen. Meine Mutter stellte sich immer über mein Wohlergehen, meine Gefühle als Tochter, als ihr Kind. Das Alter meiner Pubertät war sehr schlimm für mich, ich wurde erwachsen. Der erste BH und mein Interesse an Jungs. Kleidung und Schminken, vielleicht eine andere Frisur? Das alles war nicht wichtig und von Interesse für meine Mutter. Es waren ja immer genug Leute da, zu denen ich hätte gehen können. Fremde, Fremde eben, die angestellt waren für Geld … welches Gefühl hatten die für meine Sorgen? Nicht das geringste!
Mein erster Friseurbesuch mit 13 Jahren endete dann auch… heute würde man es als Mobbing bezeichnen, im Fiasko! Tante Fine bekam eine neue Dauerwelle und nahm mich mit… ich bekam auch EINE! Oh nein, meine wunderschönen Haare, dick, gesund, glänzend und eigentlich sehr schön. Ich wollte doch nur mal etwas Neues, Anderes, Modernes. Ich bekam eine Frisur, die aussah wie die von den Tanten. Dauerwelle. Kraus, strohig und einfach unmöglich. Und das mit 13!
