56 Feiertagsgeschichten - Bemigu - E-Book

56 Feiertagsgeschichten E-Book

Bemigu

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Feiertagsgeschichten, die das Leben beschreiben. Unterschiedliche Charaktere meistern ihr Leben. Alle Geschichten spielen sich an Feiertagen ab. Die Protagonisten existieren im wirklichen Leben - natürlich unter anderen Namen. Es flossen viele Gespräche in diese Geschichten ein.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bemigu

56 Feiertagsgeschichten

Geschichten aus dem Osten

Inhaltsverzeichnis

58 Feiertagsgeschichten

Impressum

58 Feiertagsgeschichten

Das Nikolausgeschenk

Nikolaustag 2013. Werner Waschlewski fühlt sich nicht so gut. Er befindet sich gerade in St. Moritz. 1822 Meter über dem Meeresspiegel.

Werner wohnt seit 1945 in Ückermünde. Sein Haus steht direkt am Oderhaff. Er schaut seit 68 Jahren auf das flache Wasser zwischen Usedom und der vorpommerschen Küste. Nachts hört er das Rauschen der Wellen. Ückermünde liegt 4 Meter über Normalhöhennull.

Er spürt einen unangenehmen Druck in den Ohren. Добро пожаловать! sagt die Frau an der Rezeption zu ihm.

Werner versteht die Begrüßung, denn er wurde 1940 in Lauenburg geboren, in Hinterpommern. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Stolp. 1945 kamen die Russen. Seine Eltern setzten ihn in den großen Bollerwagen und flüchteten ostwärts. Sie fanden in Ückermünde Obdach bei einem Vetter seines Vaters.

Die Dame an der Rezeption beäugt ihn mißtrauisch. Denn Werner starrt einfach zurück. Und sagt nichts. Schließlich hat er seinen besten Anzug an. Dazu einen fast neuen Wintermantel, der allerdings noch in der DDR produziert wurde. Aber er hatte ihn bisher nur dreimal getragen. Warum sollte er ein Russe sein?

Sprechen sie deutsch? fragt Werner. Natürlich.

Denn die junge Frau (Melanie) an der Rezeption ist keine Russin und auch keine Schweizerin. Sie ist einfach eine junge Frau, die aus Goldberg kommt. Goldberg war mal eine kleine Stadt im Kreis Lübz, Bezirk Schwerin. Melanie wurde 1988 dort geboren – kurz vor dem Ende der DDR. Heute gehört Goldberg zu dem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern (MV), welches am 3.Oktober 1990 der BRD beitrat. MV selbst wurde am 3.Oktober 1990 gegründet. Dort leben heute ca. 1,6 Millionen Menschen. Die Arbeitslosenquote beträgt offiziell 11 Prozent. Melanie darf während der Saison in St. Moritz arbeiten. Es lohnt sich, wenn man nur arbeitet und schläft.

Waschlewski bekommt seinen Zimmerschlüssel und schlurft zum Fahrstuhl. 3.Etage, Zimmer 321. Das Zimmer sieht gemütlich aus. Schokolade auf dem Kopfkissen, Bad tadellos, 35 Fernsehprogramme und 3 Videokanäle mit Sexfilmen für alte Böcke. Kostet natürlich Geld – aber weniger als eine echte Nummer.

Alles begann damit, daß seine Tochter vor einem Jahr hier war. Und völlig begeistert. Folgerichtig schenkte sie ihm diese Reise. Drei Nächte und vier Tage. Seine Tochter Sylvia ist nach ihrem Studium nach Heidelberg gezogen und hat eine Zahnarztpraxis; zusammen mit ihrem schwäbischen Ehemann.

Sylvia fliegt dreimal pro Jahr irgendwohin. Werner bekommt dann diese Ansichtskarten, auf denen alles so aussieht, als wären alle Menschen glücklich und ständig im Urlaub.

Werner hatte nach 47 Arbeitsjahren seinen Rentenbescheid bekommen. Netto 812,89 Euro. Sein ganzes Leben schuftete er im VEB Gießerei und Maschinenbau „Max Matern“ Torgelow. Heute ist das eine GmbH. Er kennt dort niemanden mehr.

Es ist 21.00 Uhr. Werner versenkt sein Gebiß im Zahnputzbecher und fällt ins Bett.

Morgens um 7.30 Uhr quält sich Waschlewski in den Speisesaal. Er ist der einzige Gast. Nachts rumorte es überall im Hotel. Offensichtlich konnten die Russen nicht schlafen und mußten Wodka saufen.

Waschlewski besucht das Buffet. Er vermißt seine pommersche Schlackwurst. Die kommt immer noch aus Pasewalk, aber der Inhaber ist jetzt ein  Dipl.-Ing. Detlef Deutschländer. Und das ist ein Wessi mit nerviger Werbung.

Egal, wir sind in der Schweiz. Werner genießt den guten Kaffee und die herrliche Aussicht.

Heute steht eine Tour zum St.Moritz-Bad auf dem Plan. Danach die Attraktionen des Ortes. Am liebsten würde er sofort abreisen. Aber seine Tochter hat die Telefonnummer des Hotels. Er muß durchhalten.

Gegen 9.00 Uhr sitzen alle im Bus. Russen und Wessis. Waschlewski kommt sich vor wie Antimaterie. Bloß nicht irgendwo irgendwas berühren – sonst gibt es eine Explosion.

Er fragt sich, was er seiner Tochter nicht geben konnte. Warum bestraft sie ihn so. Immerhin durfte sie einmal im Jahr im GENEX-Katalog blättern und für 200 DM bestellen. Das war ein Privileg. Sylvia trug nur Levis oder Wrangler.

Irgendetwas ist schief gelaufen. Sie telefonieren 4 mal im Jahr. Weihnachten, Silvester und an den Geburtstagen. Waschlewski schließt die Augen und denkt an sein Haff. Er wird noch am Abend abreisen. Was soll er hier. Er möchte nach Hause. Dann ans Grab seiner Frau und dort einfach nur etwas sitzen.

Danach zu Kurt, der hat immer einen doppelten Korn. Einfach schweigen und auf die Pfütze zwischen Usedom und dem Festland schauen.

Der Bus bleibt liegen. Nach 5 Kilometern. Waschlewski freut sich. Er hofft, daß es nicht mehr weiter geht. Leider kommt nach 2 Stunden Hilfe. Der Bus fährt wieder.

Das St.Moritz-Bad hat Waschlewski nie gesehen. Er winkt einem Taxi zu und läßt sich ins Hotel fahren. Von dort zum Flughafen.

Abend sitzt er todmüde und glücklich in seiner Küche und schaut aufs Haff. Die Wellen sind wie immer. Alles ist grau. Aber er ist glücklich.

Er lächelt und nippt an seinem Darguner Bier. Werner Waschlewskis Welt ist wieder in den Fugen…

Das Kennenlernen beim Weihnachtsessen

Gunnar hatte sich bei einer dieser Agenturen gemeldet, die Alleinstehende beim Kochen verkuppeln will. Gunnar wohnt im Prenzlauer Berg. Er ist 39 – eher schon Vierzig, denn Ende Januar ist es soweit.

Heiligabend. Gunnar schwingt sich auf sein Diamant-Fahrrad und steuert das Bötzow-Viertel an. Dort warten 3 Frauen und 2 Männer auf ihn. Jeweils ein Mann und eine Frau kochen zusammen. Heute beginnen Frauke und Heiner.

Frauke ist 35, kinderlos, ledig, arbeitet in einer Marketingagentur und kommt aus Bremen. Heiner ist Braunschweiger, 37, ledig und hat eine eigene Kanzlei für Familienrecht.

Gunnar kommt ursprünglich aus Zwickau. Aus der Stadt der Trabanten. Aber das ist schon lange her – damals gab es noch den Bezirk Karl-Marx-Stadt.

Gunnar wird freundlich begrüßt. Es gibt irgendein Trendgetränk, dessen Namen er nie gehört hat und sofort wieder vergißt.

Frauke ist für seinen Geschmack zu laut und zu dick. Die zweite Frau, Wencke, kommt aus Köln und ist 37. Sie studiert hier auf Lehramt. In 3 Jahren ist sie fertig. Sie hat aber eine Brille und lacht andauernd. Nicht sein Fall. Die dritte aber, Sabine, macht einen guten Eindruck. Vielleicht kann er ja mit ihr zusammmen kochen. Sabine kommt aus Nürnberg. Aber sie spricht nicht so. Sabine erzählt ihm nicht, was sie hier macht.

Außerdem sind da noch Maximilian, Münchner, arbeitet am Kuhdamm in einer großen Steuerberatungskanzlei. Und Dieter aus Bochum, der hier als Unternehmensberater aufgeschlagen ist.

Tolle Runde, denkt Gunnar. Wenn die über ihre Kindheit reden, schlafe ich ein. Das Esssen wird serviert. Die Vorspeise sieht aus wie Grünzeug mit Vogelfutter. Alles sehr gesund, sagt Frauke. Und alles aus dem Bioladen. Dazu einen ökologischen Landwein.

Gunnar vertieft sich in sein Essen. Das Gespräch kreist um Bio und Öko und Vegetarier. Gunnar schweigt und würgt an seiner Vorspeise. Er würde jetzt gern ein Radeberger trinken und dazu einfach eine Boulette mit Senf essen.

Es späht zur Terrasse. Die ist riesig. Da kann er bestimmt eine Zigarette rauchen. Denn die anderen sehen nicht so aus, als hätten sie irgendwelche Süchte. Der 1. Gang ist geschafft. Gunnar verdrückt sich auf die Terrasse. Dort gönnt er sich seine geliebet F6 und überlegt, was wohl als nächstes kommt.

Der Hauptgang ist irgendwas Zermatschtes aus dem Ofen – aber ganz lecker. Sagt jedenfalls Heiner. Lustlos stochert Gunnar in dem Brei und merkt, wie die anderen jetzt über Waldorfschulen und Gymnasien reden. Da hält er lieber den Mund.

Seine POS „Fritz Heckert“ und dann die EOS „Clara Zetkin“ sollte er wohl lieber nicht erwähnen. Irgendwie merkt er, daß er lieber in Marzahn oder Hellersdorf sitzen würde. Aber vielleicht ist es dort mittlerweile genauso.

Nach dem 2.Gang schnell wieder auf die Terrasse. Sabine stößt zu ihm. Sie erzählt, daß sie 1989 mit ihren Eltern über Ungarn geflüchtet ist. Aus Görlitz. Da kommt doch der Ballack her? Genau. Du langweilst dich? fragt Sabine. Nö – ich hab bloß keine Ahnung, worüber die reden. Sabine gluckst und blinzelt ihm zu.

Das Dessert. Ein Obstsalat. Alles Bio. Super. Lecker. Die anderen scheinen entzückt. Gunnar schaufelt mutig das Zeug in sich hinein. Sabine beobachtet ihn heimlich und zwinkert.

Gunnar wünscht sich in seine Stammkneipe. Denn jetzt kommt die Spielerunde. Monopoly, Cluedo, Siedler von Catan. Er kennt Dame, Mühle, MauMau und Skat. Oder Mensch-ärgere-dich-nicht.

Auch Sabine hat Schwierigkeiten. aber sie macht tapfer mit. Gunnar schaut auf die Uhr und geht erstmal rauchen. Als er zurück kommt, hat Maximilian einen Zettel an der Stirn, darauf steht: Hornochse. Alle sehen es und Maximilian muß den Begriff erraten.

Gunnar ist es jetzt zuviel. Er sagt, daß es spät sei. Er steht auf. Auch Sabine steht auf. Sie gähnt und murmelt etwas. Zusammen verlassen sie die schicke Wohnung. Kommst du mit auf eine Boulette und ein Bier in den Anker? Klar, sagt Sabine.

Sie sitzen und essen und trinken und lachen bis morgens um 6.00 Uhr. Draußen ist es noch dunkel. Sabines Wohnung ist gemütlich. Ihr Bett ist groß. Als es hell wird, schlafen sie beide ein.

Weihnachten kann kommen. Frohe Weihnacht! murmelt Gunnar.

Auf der Schloßbrücke

Karl wurde am 7. Oktober 1949 geboren. Nach der Acht-Klassen-Schule machte er eine Lehre zum Kfz-Schlosser. 1965 war er dann Facharbeiter und durfte an Trabis und Wartburgs rumschrauben. Manchmal auch an ausländischen Fabrikaten.

Sein Vater war erst 1947 aus Rußland zurückgekommen. Mit einem Arm und einer durchschossenen Lunge. Er starb 1955. So wuchs Karl mit seinem Bruder und seiner Mutter auf. Sie waren Schlüsselkinder. Die Mutter arbeitete als Sekretärin in einem Kombinat. Abends sah man sich beim Abendbrot.

1970 lernte Karl ein Mädchen aus Berlin kennen. Zwei Jahre später wohnte er mit ihr in einem alten Mietshaus in Mitte. Chausseestr. Kurz vor der Mauer. Karl baute in der Wohnung und nach fünf Jahren waren sie beide zufrieden. Kinder bekamen sie nicht. Seine Frau war 1991 gestorben.

Seitdem versuchte er, den Kopf oben zu behalten. Die Neunziger waren nicht einfach. Er tingelte von einer Werkstatt zur anderen. Dazwischen immer wieder Arbeitslosigkeit.

Als er 1999 seinen Fünfzigsten feierte, war die DDR schon längst Geschichte. Seit neun Jahren.

Karl durfte vor 3 Jahren in Rente gehen. Besser – er mußte. 800 Euro bekommt er monatlich. Die Wohnung kostet 420 ,- warm. Da bleibt nicht viel übrig.

Jetzt an seinem 66. Geburtstag steht er auf der Schloßbrücke und überlegt, ob er springen soll.

Er war bis 1989 ein zufriedener Mensch. Mit seiner Frau fuhr er jeden Sommer nach Ungarn – mit dem Wartburg und dem Bastei-Anhänger. Einmal waren sie sogar auf der Krim – da wurde seine Frau ausgezeichnet. Sie hatten sich 1981 ein billiges Haus im Umland kaufen können – für 8.000 Mark.

Sie hatten alles und waren zufrieden. Es gab keine Unsicherheit. Sie planten von einem Urlaub zum nächsten. Sehnsucht nach dem Westen verspürten sie beide nicht. Ihnen reichten die Ostsee, die Karparten, das Schwarze Meer oder der Balaton.

Als seine Frau gestorben war, verkaufte er das Häuschen und zog in eine Zwei-Zimmer-Wohnung nach Heinersdorf. Jetzt stand er aber auf der Schloßbrücke und blickte ins schmutzige Wasser.

Er war unendlich müde und lustlos. Die letzten 25 Jahre hatten ihn geschafft. Nur Hektik, Angst, Unsicherheit und Druck. Das alles lastete auf ihm.

Und es wurde nichts besser. Nachrichten verfolgte er schon lange nicht mehr. Wozu? Die Katastrophen im Land, das mal seines war, sah er täglich beim Spazierengehen.

Karl schüttelte den Kopf und ging zum S-Bahnhof. Entscheidung vertagt.

Ein tierischer Pfingstsonntag

Krüger wanderte schon seit einer Stunde gemütlich durch den Zoo. Vorbei an Elefanten, Bären und Tigern. Im Schlangenhaus hatte es bestialisch gestunken.

Er näherte sich dem Freigehege der Schimpansen. Irgendwie kam ihm einer von denen bekannt vor. Das Gesicht – ist das nicht sein Abteilungsleiter?

– Müller sind sie das? Was machen sie da?

Müller war jetzt seit 8 Jahren sein Chef. Er kam damals frisch aus Dortmund in die Firma und wurde sofort Abteilungsleiter. Krüger war schon seit 20 Jahren in dieser Firma. Nie eine Beförderung. Nie ein Lob. Besonders unter Müller hatte er zu leiden.

– Ja Krüger, ich bin es. Holen sie mich hier raus. – Mensch Krüger. Wie sind sie denn da reingekommen? – Das weiß ich nicht. Ich bin aufgewacht und war hier. – Müller, sie sehen wie ein richtiger Affe aus. Bananen haben sie auch. Warum wollen  sie denn raus? – Ich will nach Hause! – Ach was, sie können doch den ganzen Tag spielen und habe nette Affen hier. – Krüger, machen sie die Tür auf. – Nö. Sprechen sie doch mit ihrem Wärter. Ich bin nicht zuständig. Außerdem kann ich mich gut erinnern, wie sie letztes Jahr meine Gehaltserhöhung abgelehnt haben. Und vor 3 Jahren haben sie mir den Dienstwagen gestrichen. – Den bekommen sie zurück. Und eine Gehaltserhöhung. – Müller, das geben sie mir schriftlich. – Aber ich kann doch nicht schreiben. – Was? Wieso nicht? – Können Affen schreiben? – Dann haben sie Pech. Ohne Unterschrift passiert hier nichts.

Müller war nämlich so penibel, daß kein Euro ohne seine Unterschrift ausgegeben wurde. Krüger konnte sich jetzt prima rächen.

– Als Affe gefallen sie mir ganz gut. Sie waren schon immer einer. Jetzt sehen sie auch wie einer aus. – Krüger, wenn ich hier raus bin, werde ich sie feuern. – Haha, wer läßt schon einen Affen frei. Sie werden schön hier bleiben. Ich werde in der Firma Bescheid sagen, daß sie hier eine neue Stelle haben. Dann kommen bestimmt alle mal vorbei.

Krüger hielt sich den Bauch und sah schon die ganze Belegschaft vorbeimarschieren und mit Bananen werfen. Das würde ein Fest werden. Denn Müller hatte sich nur Feinde gemacht. Hier im tiefsten Osten hatte er sich wie ein Diktator aufgespielt.

– Krüger! Ich gebe ihnen Zehntausend Euro! – Mehr ist es ihnen nicht wert? Außerdem bin ich nicht käuflich. Sie haben doch  immer gepredigt, daß wir keine Geschenke annehmen dürfen. Und haben sich selbst alles eingesteckt.   Meinen sie, wir wissen nicht, wer ihre Villa bezahlt hat? – Mensch Krüger. Das ist doch jetzt egal. Ich gebe ihnen Zwanzigtausend! – Nö. Es ist gut so. Ich sehe sie nicht mehr im Büro und komme sie sonntags hier besuchen.  Äpfel mögen sie auch? Oder lieber etwas Kopfsalat?

Ein Wärter näherte sich. Krüger sprach ihn an.

– Sagen sie mal, der Affe dort mit dem Schlips ist ziemlich frech. – Stimmt, der macht nur Probleme. Der tut so, als wäre er was Besseres. – Stecken sie ihn doch in eine Einzelzelle. Dann wird er ruhiger. – Kennen sie den? – Ja, der war mal mein Chef. Passen sie gut auf, daß er nicht entwischt. – Darauf können sie sich verlassen. Hier ist noch keiner abgehauen.

Krüger ging fröhlich pfeifend weiter. Er freute sich schon auf sein Büro. Zum ersten Mal seit acht Jahren.

Henrys Himmelfahrt

Henry war gerade im Biergarten angekommen. Kurz vor 12. Eigentlich wollte er hier nur einen Schweinsbraten essen. Dazu ein oder zwei Maß.

Hier in der Nähe von Regensburg kam ihm alles fremd vor. Seit 2 Jahren vertrieb er sich die Zeit damit, nicht aus dem Sattel zu fallen. Denn das ging verdammt schnell.

Er hatte sich auch noch nicht an diese merkwürdigen Feiertage gewöhnen können. Christi Himmelfahrt, Mariä Himmelfahrt. Und diese freien Tage gingen ihm sowieso am Arsch vorbei. Denn der Job, der ihn vor vier Jahren hierher verschlagen hatte, war nach einem Jahr schon wieder wegrationalisiert.

Seitdem lebte er erst von ALG I, dann ALG II. Sämtliche Vorstellungsgespräche gingen in die Hose. Henry gehörte nicht zu den Leuten, die morgens schon einen halben Liter Gorillapisse tranken, wie die Personaler, die ihn interviewten.

Damals in Seelow mußte er keine Bewerbungen schreiben und sich als Schauspieler perfektionieren. Einen Arbeitsvertrag bekam man, indem man einen Anruf tätigte, sich eine Viertelstunde unterhielt und danach per Handschlag den Arbeitsvertrag besiegelte. Das ging so bis 1989.

Als die D-Mark kam, war es auch damit vorbei. Überall saßen plötzlich Leute, die aus irgendwelchen Waldschulen Westdeutschlands hergeschickt wurden. Die benahmen sich wie Kinder. Henry behielt seine Arbeit bis ins Schicksalsjahr 2009. Dann machte auch sein Betrieb dicht.

Sie hatten der D-Mark und der Treuhand widerstanden. Doch die große Weltwirtschaftskrise fegte sie alle hinweg. Sein Chef, mit dem er zusammen 26 Jahre in diesem Betrieb gewesen war, zuckte nur mit den Schultern. Aber er gab ihm die Hand und wünschte ihm das Allerbeste.

Ein baumlanger Kerl setzt sich an Henrys Tisch. Sie nicken sich zu. Henry ißt weiter. Nach weiteren zehn Minuten bekommt der Riese seine Haxn.

Henry bestellt seine zweite Maß und der Riese zwinkert ihm zu. Und fängt an zu erzählen. Er kam vor 2 Monaten aus Lauchhammer. Haus verkauft und weg. Irgendwo hin, wo es Jobs gibt. Bis jetzt läuft es ganz gut. Thomas heißt er.

Sie sind ein Jahrgang. Und unterhalten sich über die 70er und 80er. Nach der fünften Maß gehen sie pinkeln.

Thomas ist Vorarbeiter und sucht gute Leute. Henry soll am Montag vorbeikommen. Ohne Bewerbungsschreiben. Einen Tag auf Probe. Als Zimmermann.

Wenn du dir nicht zu dämlich anstellst, bist du eingestellt, sagt Thomas. Henry nickt und verabschiedet sich.

Wat geiht mi dat an

Fritz fischte schon lange nicht mehr. Er war 1950 hier geboren worden – das war seine Heimat.

Er konnte sich nichts anderes vorstellen. 40 Jahre DDR – und nun schon 32 Jahre BRD.

Sein Vater hatte ihm immer erzählt, daß sie am Falschen Meer wohnen. Fritz verstand das damals nicht. Denn er kannte die Ostsee nicht, an der sein Vater in Hinterpommern aufwuchs.

Heute verstand er ihn. Aber Vater war schon lange tot.

Was solls, Fritz schloß den Schuppen ab und machte es sich vor dem Fernseher gemütlich. Bis 22 Uhr würde er durchhalten. Maximal.

Silvester war ihm scheißegal. Hier war es immer ruhig. Die jungen Leute hatte der Kapitalismus in den Westen getrieben. Hier wohnten nur noch alte, arme Ossis und reiche, alte Wessis.

Wat geiht mi dat an.

Fritz war 20 Jahre lang bei der Hochseefangflotte der DDR tätig.  Er war kaum zu Hause. 1990 änderte sich alles. Die Wessis machten alles platt.

Er ging zurück ans Haff und arbeitete für eine Fischerei-Genossenschaft. Sie fischten auf dem Haff und dann kamen die EU-Fangquoten. 2014 durfte er in den Vorruhestand gehen.

Fritz sah ja ein, daß kleine Fische durch die Netze flitzen müssen, damit sie groß werden können. Aber die Polen sahen das nicht ein. Sie machten immer weiter. Der Fischbestand im Haff verringerte sich dramatisch.

Fritz wußte auch, daß  Polen der größte Nettoempfänger der EU ist.

Wat geiht mi dat an.

Er stopfte sich eine Pfeife und trank seinen Tee dazu. Schwarzer Tee mit einem Löffel Zucker.

Sein kleines Haus hatte ihm sein Vater vererbt. Fritz hatte es in den letzten Jahren so restauriert, daß es ihn ganz sicher überleben würde.

Noch ein paar Holzscheite in den Kamin. Es wurde gemütlich. Fritz schmunzelte.

Im Televisor kam nur Scheiße. Seine Fernbedienung glühte schon. Er schaltete das Teufelsding aus und sah lieber dem Feuer im Kamin zu.

Wat gait mi dat an.

Das war der Lieblingsspruch seines Vaters. Der hatte immer für seine Familie gesorgt und alles andere beiseite geschoben. Er kroch schon vor zehn Uhr ins Bett – verpassen konnte er also nichts.

Morgen würde er auf den Friedhof gehen um die Gräber seiner Eltern zu besuchen.

Lucys Abenteuer und Heiligabend

Um Lucys Geschichte zu erzählen, muß man weit ausholen. Lucy von Hohenfeld wurde in Bonn geboren und verbrachte dort ihr ganzes Leben – bis sie nach Berlin zog.

Mit 20 Jahren hatte sie endlich ihr Abitur geschafft – nur einmal mußte sie eine Klassenstufe wiederholen.

Was sollte sie nun machen? Sie wollte zur Bundeswehrmacht und dann einen Einsatz beim Nigger in Afrika. Aber ihr Vater riet ihr ab.

Bisher waren ja alle Verteidigungsmissionen der BRD im Ausland grandios gescheitert. Afghanistan, Mali usw. Lucy sah das ein. Ihr Vater war schließlich Staatssekretär in einem Ministerium. Der wußte vieles. Ihre Mutter war auch eine hohe Beamtin – in Brüssel bei der EU. Beide waren stramme Wähler der Grünlackierten.

Lucy hatte beide kaum gesehen. Sie wurde von einer Kinderfrau aufgezogen, die sie liebte. Und die war seit zwei Jahren tot.

Es hielt sie nichts mehr in Bonn, das nur ein großes, spießiges Dorf war. Sie wollte nach Berlin. Endlich leben!

Ihr Vater sollte eine Wohnung für sie in Marzahn mieten. Kein Problem – die Alten verdienten genug Kohle. 2000 Euro Taschengeld pro Monat sollten reichen. Das waren nicht mal 70 Euro pro Tag.

Am 1. Oktober zog Lucy in ihre Wohnung in Berlin-Marzahn. Sie wollte Ossis kennenlernen. Das lief irgendwie schief. In einer Kneipe sprach sie ein junger Mann an – er hatte ihr Tattoo am Hals betrachtet. Peter Maffays Gesicht.

Er fragte sie, warum sie die rumänische Wanderwarze am Hals hätte.

Welche Warze?

Na den Maffay.

Wegen dem Lied – Über sieben Brücken mußt du gehen.

Soso. Das ist aber von Karat.

Schon war er weg. Lucy grübelte. Wer war Aber von Karat? Diesen Adelsnamen hatte sie noch nie gehört.

Sie hörte von den Klimaklebern und nahm Kontakt auf. Eigentlich interessierte sie das ganze Thema nicht – aber der Zusammenhalt in der Gruppe war prächtig. Alle kamen so wie sie von westdeutschen Dörfern und wollten was erleben.

Es gab nur einen Haken: Die wohnten alle in Westberlin. Und der Weg dorthin war weit. Also rief sie ihren Vater an. Sie wollte nach Charlottenburg, Wilmersdorf oder Schöneberg umziehen. Ihr Vater besorgte ihr die Wohnung in Schöneberg. 1200 Euro warm. Fast geschenkt.

Herr von Hohenfeld ging danach in sein Arbeitszimmer und genehmigte sich drei gut gefüllte Gläser Whisky. Eine mißglückte Ehe und eine mißratene Tochter, die ihn 40.000 Euro im Jahr kostete. Wäre sie im Nigger, dann würde sie nichts kosten.

Scheidung kam auch nicht in Frage. Er legte sich auf die Schlafcouch im Arbeitszimmer und schnarchte gemütlich vor sich hin.

Lucy bezog ihre neue Wohnung in Westberlin.

Heiligabend war sie in eine 3er WG der Klimakleber eingeladen. Es würde eine fette Ente mit Blaukraut und Klößen geben. Lucy freute sich darauf.

In der Wohnung war es gemütlich warm. Alle saßen mit kurzen Hosen und T-Shirts da. Zwei Männer und ein Mädel. Vielleicht würde sie einer der beiden ja auch ficken. Der Alkohol floß in Strömen.

Gegen zwei Uhr morgens fuhr Lucy ungefickt und besoffen mit einem Taxi zu ihrer Wohnung. Sie weinte schon im Auto.

Der freundliche Fahrer brachte sie bis an die Wohnungstür. Lucy schmiß sich aufs Bett und schlief sofort ein. Sie träumte von schnatternden Gänsen.

Kein Grund zum Feiern

Klaus war heute in Erfurt angekommen. Er war tagelang in Thüringen umhergeirrt – von einem Amt zum nächsten, um seinen Tagessatz an Sozialleistungen zu bekommen.

Er hatte keinen Wohnsitz und kein Konto mehr.

Das Jahr 1990 hatte alles weggespült, was er bis dahin hatte und kannte. Seitdem ging es nur noch abwärts. Immer wenn er dachte, er könnte nicht tiefer sinken, passierte es trotzdem.

Nun war er ein arbeits- und wohnungsloser Penner.

In der DDR wäre das nicht möglich gewesen. Da hatte er alles für ein glückliches Leben gehabt. Aber seit der Annexion von 1990 war seine Existenz bedroht. Tag für Tag.

Er war müde – todmüde.

Klaus mußte pinkeln. Er holte seinen Lümmel aus der Hose. Der stank erbärmlich, weil er seit Wochen kein Wasser mehr gesehen hatte.

Auch seine Klamotten stanken und starrten vor Dreck. Klaus hatte viele Nächte im Wald übernachtet. Nun sollte es anders werden. Ein anderer Penner hatte ihm von einem Abrißhaus in Erfurt erzählt. Da wollte er hin.

Klaus schlenderte zum Domplatz. Dort war es gewaltig laut. War schon Faschingszeit?

Er schaute auf sein Pre-Paid-Telefon. Heute war der 3. Oktober. Also kein Fasching.

Neugierig beobachtete er das Treiben auf dem Platz. Er verstand nicht, was die da so feierten. Es sah auch alles so inszeniert aus. Klaus lief schnell weiter.

Er mußte an den Stadtrand – dort sollte das Haus stehen.

Zwei Stunden später erreichte er sein Ziel. Vor dem Haus lungerten ein paar Penner rum, soffen Bier und hatten einen Grill angeschmissen.

Der Größte von den Pennern sprach ihn an.

Wer bist du?

Klaus aus Ostberlin. Seit einem Jahr obdachlos.

Ich bin Jürgen. Willkommen in unserem bescheidenen Palast. Bierchen?

Ja – gerne. Was feiert ihr hier eigentlich?

Wir feiern nicht. Wir begehen den Tag der Zweiheit. Die einen leben in Armut und die anderen in Saus und Braus. Das Fleisch auf dem Grill hat uns ein befreundeter Jäger spendiert. Wildschwein vom Feinsten.

Riecht gut.

Warte mal eine halbe Stunde, dann wird gegessen. Vorher erzählst du uns deine Lebensgeschichte.

Klaus sprach über sein verkorkstes Leben. Alle lauschten aufmerksam und stöhnten manchmal.

Dann gab es Wildschwein.

Klaus bezog seinen Schlafplatz und war zufrieden. Hier würde er vorerst bleiben.

Mascha und Sascha

Mascha machte sich zurecht. Es war Frauentag und sie war eingeladen.

Doch die ganze Zeit mußte sie an ihren Zwillingsbruder denken. Sie hatten zusammen 9 Monate im Bauch ihrer Mutter verbracht und dort viele Gespräche geführt.

So kam es ihr heute vor. Ihr Bruder war nun schon lange tot.

2010 gingen sie zusammen nach Odessa – ein internationales Unternehmen hatte sie eingestellt. Odessa war eine wunderbare Stadt.

Doch dann kamen 2014 die Faschisten an die Macht. Sie putschten die Regierung weg und versuchten alle Russen umzubringen und alles Russische auszulöschen.

Mascha mußte mit ansehen, wie ihr Bruder im Gewerkschaftshaus von den Faschisten verbrannt wurde. Den Tag würde sie nie vergessen. Er stand am Fenster und schrie. Alles stand in Flammen.

Er verbrannte mit vielen anderen. Sie konnte ihn nicht einmal beerdigen. Nichts war von ihm übrig – außer ihre Erinnerung an ihn.

Danach flüchtete sie nach Donezk – zu einer Tante ihrer Mutter. Donezk wurde täglich von den Faschisten aus der Ukraine mit Granaten beschossen.

Als sie vom Einkaufen kam, war das Wohnhaus verschwunden. Und ihre Großtante auch. Da war nichts mehr. Eine Rakete hatte alles zerstört.

Mascha schlug sich bis zur russischen Grenze durch. Sie wollte nach Hause. Und das war Rostow am Don.

Sie war nach ein paar Tagen glücklich dort angelangt.

Zwei Menschen hatte sie verloren. Und es störte sie gewaltig, daß die westlichen Medien nichts über den brutalen Krieg der ukrainischen Faschisten berichtete. Nein im Gegenteil – die wurden von den USA und der EU finanziert.

Sie mußte manchmal an Afghanistan denken; ihr Vater hatte dort in den 80ern gekämpft und eine Hand verloren. Sie wußte alles über den Krieg, den der Westen inszeniert hatte. Es war immer das gleiche Muster.

Mascha mußte jetzt abschalten. Sie freute sich auf die Feier. Tolja – ein Schulfreund – hatte sie eingeladen. Es würden so ca. 10 Gäste bei ihm und seiner Frau sein.

Die Männer würden kochen und die Frauen würden rumsitzen und Wein trinken und sich bedienen lassen.

Sie lief und hüpfte auf dem Weg zu Tolja. Es war eine Freude in ihr, die sie nicht unter Kontrolle bringen konnte.

Die tiefe Trauer, die sie seit Jahren in sich trug, war jetzt still und nicht mehr erdrückend.

Tolja begrüßte sie an der Wohnungstür mit einem Blumenstrauß. Seine Frau zog sie gleich ins Wohnzimmer und schenkte Wein ein.

Mascha fühlte sich wohl. Hier war sie geboren, hier war ihre Heimat.

Rußland. Unendlich groß, zärtlich und weise.

Silvester auf dem Balkon

Irina saß auf dem Balkon und schaute in den Himmel.

Da war kein Stern zusehen. Nur grau an grau.

Tiger saß neben ihr und sagte nichts.

Irina wurde am 1. Januar 1990 geboren. Also in der DDR. Darauf war sie stolz. Sie mußte kein Land angeben, welches sie nicht mochte.

Ihr Bruder Sascha war 12 Jahre älter und nun schon seit 2 Jahren ständig in Sibirien. Er wollte auch dort bleiben. Bei seinem letzten Besuch hatte er Tiger mitgebracht. Ein kleiner wilder Kater.

Irina behielt ihn. Tiger hatte sich an die neue Umgebung gewöhnt und war jetzt ein lieber Kater. Vorhin hatten sie sich eine in Folie gedünstet Forelle geteilt.

Sascha hatte ihr viel über die DDR erzählt. Und die Eltern sowieso.

Irina hatte Informatik studiert und danach noch drei Jahre für ein großes Unternehmen gearbeitet. Dann machte sie sich selbständig.

Als sie 25 war, schenkten ihre Eltern ihr das Wohnmobil. Seitdem war sie nur unterwegs – sie brauchte nur ihren Laptop und das Handy. Die Arbeit erledigte sie unterwegs.

Nun war das alle vorbei. Sie verließ ihre Wohnung kaum noch. Lebensmittel und Getränke ließ sie sich liefern.

Das Wohnmobil schlummerte auf dem Parkplatz. Bestimmt für immer. Die Besatzer aus dem Westen dachten sich immer neue Wahnideen aus.

Wenn es im Hals kratzt, mußt du zu Arzt.

Ihre Oma hätte darüber gelacht. Da gab es warmes Salzwasser zum Gurgeln.

Irina schaute auf die Armbanduhr. Noch 12 Minuten bis Mitternacht. Dann würde ihr Bruder über Skype anrufen. Er wollte mit ihr anstoßen. Ihr Sektglas stand schon bereit und der Laptop in Lauerstellung.

Tiger schnarchte leise. Es gab auch kein Feuerwerk – kein Geknalle.

Die Straßen waren ausgestorben. 2022 konnte beginnen.

Katrin feiert Geburtstag

Es war der Blick auf das vertraute Umfeld, wenn sie aus dem Fenster sah. Schon als Kind kannte sie nur dieses Panorama. Das hier war ihre Heimat.

Aber eins hatte sich verändert: Ein Gebäude war verschwunden.

Katrin war etwas älter als der Fernsehturm – aber nur einen Monat. Der Turm gehörte zu ihrem Berlin, seit sie denken konnte. Links davon die Marienkirche, daneben die Wasserkaskaden, weiter vorne der Neptunbrunnen und gleich dahinter das Rote Rathaus.

Der Palast an der Spree war verschwunden. Die Wessis hatten ihn nach der Annexion abgerissen – angeblich wegen Asbest. Dumme Ausrede – in ganz Europa verbaute man Asbest. Aber die Westberliner Gebäude stehen noch alle.

Der Abriß war ein poltischer Akt der Besatzer. Das wußte jeder hier. Nun stand dort ein häßliches Schloß, welches die Ostberliner nicht mochten. Ein Protzbau der Besatzer.

Wie hatten sie sich damals in der Palastdisco vergnügt! Und danach noch mit einer Flasche Wein am Neptunbrunnen die Nacht genossen.

Katrin hatte nach dem Abitur an der Humboldt studiert und mittendrin verschwand die DDR. Sie unterrichtete danach an einem Gymnasium. Das tat sie heute noch. Vielleicht noch 10 Jahre und dann würde sie in den Ruhestand gehen.

Die Fahrt mit der TransSib würde dann endlich stattfinden. Mindestens sechs Wochen. Manu, ihre beste Freundin, freute sich auch schon darauf. Heute abend konnten sie wieder Reisepläne schmieden. Wo stieg man aus? Welche Stadt war interessant?

Sie setzte sich an den Schreibtisch, um noch ein paar Klausuren zu korrigieren. Um sechs war sie mit Manu verabredet. Manu wollte kochen und zu Hause bleiben. Aber feiern würden sie sowieso. Das Ritual hatten sie beibehalten.

Heute war bereits der 72. Jahrestag ihres Landes, daß über Nacht verschwunden war. Manu und sie erinnerten sich gerne an dieses kleine und stolze Land.

Die Erinnerungen konnte ihnen auch niemand nehmen.

Der Alptraum

Werner wachte schweißgebadet auf. Er hatte einen Alptraum.

Was hatte er geträumt? War das ein Blick in seine Zukunft?

Er setzte sich in die Küche und wartete, daß der Kaffee endlich durchgelaufen war.

Die Regierung hatte nach den ganzen Ausgangssperren nun auch das häusliche Leben total eingeschränkt. Es gab schon wieder ein neues Ermächtigungsgesetz.

Nach 22.00 Uhr durfte man nicht mehr den Televisor oder das Licht einschalten. Das galt bis fünf Uhr morgens.

Begründet wurde es mit einem Klimanotstandsgesetz.

Sein Auto durfte er nur noch an zwei Tagen pro Woche benutzen.Dazu gab es große Aufkleber an den Seitentüren. Bei ihm stand Di und Do drauf. Also war das ganze Wochenende futsch. Er konnte seine Eltern nicht mehr besuchen, weil dort kein Zug hinfuhr. Und mit Bussen hätte er einen Tag gebraucht, um den Ort zu erreichen.

Fleisch durfte er noch einmal pro Woche kaufen. Dafür gab es Bezugsscheine. Pro Kopf durfte man nur 500 Gramm kaufen.

Zigaretten waren auf 100 Stück pro Woche beschränkt. Gegen Bezugsscheine.

Pflichtimpfungen waren vorgeschrieben. Dreimal pro Jahr. Wer einen Termin nicht wahrnahm, wurde unsanft von der Polizei abgeholt und zwangsgeimpft. Obendrein gab es ein Bußgeld von 500 Euro.

Die Zwangssteuer pro Wohnung für den möglichen Empfang der Propagandasender war auf 80 Euro pro Monat gestiegen. Wer nicht zahlte, kam in den Knast.

Wer sich nicht an die gendergerechte Sprache hielt, wurde ebenfalls bestraft. Bußgelder ab 100 Euro aufwärts.

Bargeld gab es auch nicht mehr. Nur noch die lächerlichen Zahlen auf seinem Kontoauszug.

Werner trank den Kaffee und schüttelte den Kopf. Der Traum verfolgte ihn noch immer.

Er schaute auf den Kalender – 8. Mai 2021. Ein Sonnabend. Tag der Befreiung durch die Sowjetarmee. Den gab es auch nicht mehr. Man hatte ihm alles genommen, was das Leben lebenswert machte.

Da war nur noch eine große Leere und Sinnlosigkeit in seinem Leben. Er hatte schon an Selbstmord gedacht. Aber er war wohl zu feige.

Werner spülte seine Kaffeetasse aus und ging in den Park. Dort saß er auf einer Bank und schaute den Schwänen und Enten zu, die den kleinen See bevölkerten. Die lebten in Freiheit. Er beneidete sie und fragte sich, warum er nicht zu ihnen gehörte.

Es gab keine Antwort. Nur Fragen.

Karl mit Mainelke und kleiner Katze

Karl hatte sich eine Mainelke an die Brusttasche seines Hemdes geheftet. Der 1. Mai war schon immer ein besonderer Tag für ihn gewesen.

Das war ein Feiertag, an dem man lustig war, das schöne Wetter genoß und irgendwo an einem See grillte und reichlich trank.

Oder man ging in eine Kneipe und feierte und tanzte dort.

Karl hatte sein ganzes Arbeitsleben im Bergbau verbracht. Also tief unter der Erde und ohne Sonnenlicht. Als er Rentner wurde, waren seine Knochen ziemlich kaputt.

---ENDE DER LESEPROBE---