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Das Motiv des Puzzles, zu welchem dieses Buch Teile zu geben versucht, ist kein geringeres als das der Menschheit. Selbstgefällig stolziert Marco durch sein Leben. Ergaunerte Annehmlichkeiten und rauschende Partys versüßen ihm den Alltag. Doch ausgerechnet beim bisherigen Höhepunkt seiner Untergrund-Machenschaften mischen sich ungeahnte Gegenspieler ein. Unfreiwillig hineingezogen in höherdimensionale Vorgänge beginnt für Marco ein Kampf in parallelen Welten, um eine multiglobale Katastrophe zu verhindern...
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Seitenzahl: 703
Veröffentlichungsjahr: 2020
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» Um Balance zu finden, muss man in Extremen gedacht haben. «
Farblos [0]
Farblos [1]
Farblos [2]
Farblos [3]
Dispersiv [4]
Dispersiv [5]
Dispersiv [6]
Komplementär [7]
Komplementär [8]
Weiß [9]
Gelb [10]
Gelb [11]
Orange [12]
Komplementär [13]
Schwarz [14]
Komplementär [15]
Komplementär [16]
Sepia (Grün) [17]
Sepia (Grün) [18]
Sepia (Grün) [19]
Sepia (Grün) [20]
Sepia (Rot) [21]
Sepia (Rot) [22]
Sepia (Rot) [23]
Grün [24]
Grün [25]
Grün [26]
Farbwirbel [27]
Farbwirbel [28]
Farbwirbel [29]
Farbwirbel [30]
Farbwirbel [31]
Farbwirbel [32]
Farbwirbel [33]
Farbwirbel [34]
Farbwirbel [35]
Transparent [36]
Worte des Autors
Die Erde, der blaue Planet, eine kleine Oase im sonst lebensfeindlichen Universum. Diese Kugel mit ihren gewaltigen Ozeanen, abwechslungsreich geformten Landmassen und teils üppiger Vegetation ist der Ort, an dem wir uns befinden. Wer mit »wir« gemeint ist? Das sind die Menschen. Die höchste Lebensform auf der Erde. Intelligenz und der freie Wille über unser Handeln heben uns über alle weiteren Bewohner des Planeten hinweg. Diese Eigenschaften ließen uns Gesellschaftsformen gründen, Ozeane überqueren und Städte errichten. Mehr und mehr technische Errungenschaften insbesondere der letzten zwei Jahrhunderte prägen das moderne Bild und ließen uns sogar die Schwerkraft überwinden.
Die Menschheit befindet sich in der Mitte des 21. Jahrhunderts westlicher Zeitrechnung. Nunmehr 8,5 Milliarden Individuen bevölkern die Oberfläche. Ein jeder hat seine Geschichte. Egal wie bedeutend oder unbedeutend man sich in der Menge fühlen mag, am Ende formt nur die Summe aller Geschichten unsere Zukunft.
Jemand saß in einem modern geschnittenen Drehsessel und beobachtete nachdenklich das Geschehen. All seine Gedanken schweiften durch die Vergangenheit, ergründeten die Gegenwart und versuchten darüber hinaus die Zukunft vorherzusehen. Gesteuert durch sanfte Handgesten ließ er Hologramme vor sich rotieren. Ein Dutzend dreidimensionale, virtuelle Bilder der Erde schwebten im bläulichen Ton des künstlichen Lichts gemächlich durch den Raum. Bedächtig spulte er die Aufzeichnungen der Jahrhunderte hin und her auf der Suche nach einer Lösung für sein Puzzle. Plötzlich meldete sich der Computer mit einem sanften, pulsierenden Signal und markierte einen einzelnen Koordinatenpunkt auf einem der Hologramme. Der Beobachter wurde stutzig. Daraufhin stand er aus seinem Sessel auf und zog sich den entsprechenden Planeten heran. Mit flinken Handbewegungen ließ er sich die Vergrößerung des Bereiches anzeigen. Er verschränkte seine Arme hinter dem Rücken und als stünde er nun am Fenster eines hohen Gebäudes, schweifte sein Blick über eine fremde Stadt.
Die neuen Sneakers gefielen ihm. Passten ausgezeichnet zu seiner ausgewaschenen blauen Jeans, dem grauen Shirt und der schwarzen Lederjacke. Mussten natürlich geschont werden, so neu wie sie waren... Laufen kam gar nicht in Frage. Insbesondere wenn doch so viel bequemere Fortbewegungsmittel zur Wahl standen. Bloß gut, dass man heutzutage Kaufhäuser mit Tiefgaragen ausstattete. Ein ausreichend überzeugender Grund die achthundert Meter durch die Stadt mit seinem schwarzen Ford Mustang zu fahren. Gefühlvoll massierten seine neuen Schuhe das Gaspedal im Leerlauf des Motors. Der aufsteigende Geruch von verbranntem Benzin und das laut nachhallende Dröhnen im tiefliegenden Parkdeck zauberten ihm ein Lächeln aufs Gesicht. Nun ging es wieder ab ins Viertel. Marco war heute lässig drauf. Er ließ seinen Arm aus dem Fenster hängen, kaute offen auf einem Kaugummi und wippte mit dem Kopf zum lauten Bass der aufgedrehten Rapmusik. Die Vibrationen aus den nachgerüsteten Subwoofern übertrugen sich auf die Karosserie des Wagens und das erzeugte Kribbeln auf seiner Haut bereitete Marco sichtlichen Genuss. Derzeit liefen die Dinge einfach prächtig für ihn.
Als die Ampel der letzten Kreuzung auf Grün schnippte, trat er noch einmal kräftig aufs Gas. Laut quietschten die Reifen beim Einbiegen auf die kleine Parkfläche des Denkmalplatzes und ebenso drastisch brachte er den Wagen quer über zwei markierten Bereichen zum Halten. Seine Kumpels hatten es sich schon auf der Parkbank, der kleinen Mauer sowie auf der Skulptur bequem gemacht. Freudig grölten sie über Marcos Auftritt. Einer zerschmiss sogar euphorisch eine fast leere Bierflasche auf den Steinplatten, um die Aktion zu würdigen. Die Sonne stand bereits tief am westlichen Himmel, beleuchtete die Fläche und den Wagen aber immer noch kräftig. Mit der definiertesten Form von Gelassenheit stieg Marco aus und drehte sich in Richtung des Applauses. Betont baute er seine Körpergröße von einem Meter neunzig vollständig auf, wobei sich das Leder seiner Jacke über dem Brustkorb und den Oberarmen spannte. Sein kurzes, schwarzes Haar glänzte gepflegt durch das eingebrachte Gel und in ähnlicher Manier grinste Marco im eigenen Wohlgefallen unter seiner verspiegelten Sonnenbrille hervor. In sanft lässigem Schwung schlug er kurz darauf die Fahrertür zu, spuckte seinen Kaugummi in die Gegend und schlenderte der Gruppe entgegen. Alle vier lümmelten sie schon herum: Tino, Patrick, Jimmy und Jeff. Zusammen mit Marco bildeten die Fünf eine eingeschworene Clique. Hier an der Skulptur lag ihr bevorzugter Treffpunkt und hier hatten sie sich auf dem drei Meter großen Marmorstein verewigt. Quer über das schwungvoll geschnittene Objekt glänzte in silbrigem Graffiti das eindrucksvoll gelungene Bild eines Schlachtschiffes. Ein mit Kanonenrohren bestückter Koloss, der sich seinen Weg durch die gischtbesetzten Wellen einer rauen, blutroten See bahnte. Ringsherum, teils schon auf den Seitenflächen, ordneten sich die individuellen Bombings der einzelnen Gruppenmitglieder. Jeder, der nicht vollkommen blind umherrannte, konnte auf die Art sehen, dass hier das Revier der ’Dreadnought Crew’ begann und dass man sich vor ihr in Acht nehmen sollte.
Marco begrüßte jeden einzelnen seiner Kumpels mit lasziven Gesten und abgestimmten Handschlägen. Nur Jimmy nickte er aus der Entfernung zu, da dieser junge Hitzkopf heute auf die Skulptur geklettert war und dort oben grölend und albern herumturnte.
’Hoffentlich tut sich der Tollpatsch nicht noch selbst weh', schoss es Marco argwöhnisch durch den Kopf. Solches Gehampel kannte er sonst nur von Jeff, bei dem man nie sicher sein konnte, welche Sorte Drogen er sich am Tag schon reingepfiffen hatte. Dieser rutschte unruhig wie immer auf der Parkbank hin und her, als ob es keine bequeme Position für ihn gäbe. Grundlos kichernd strich sich Jeff seine braunen, halblangen Haare aus dem Gesicht und angelte mit einem Arm hinter der Lehne, bis er endlich das Gesuchte fand.
»Jo Marco, willste erstma’ ’n Bier?«, stellte er als rhetorische Frage und warf im selben Moment bereits eine Flasche herüber. Geschickt fing Marco sie auf und antwortete profan: »Logo! Kühl und blond bleibt meine Schwäche.« Grinsend zückte er sein Feuerzeug, hebelte den Kronkorken auf, dass dieser in die Gegend flog, und nahm sofort einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Bei der Gelegenheit glitt seine Hand ein weiteres Mal in die Jackentasche und zog aus einer sich darin befindlichen Schachtel eine Zigarette hervor, die er mit den Lippen entgegennahm. Nach dem Entzünden zog er Luft durch den glimmenden Tabak ein und ließ beiläufig das Feuerzeug wieder in der Tasche verschwinden. Elegant und cool stieß er den Qualm seitlich aus; fühlte sich entspannt und bereit für den heutigen Abend.
»Also Leute, was geht ab?«, fragte Marco lässig in die Runde. »Habt’er schon ’nen Partyplan?«
Ehe noch jemand eine halbwegs sinnvolle Antwort hätte geben können, quengelte Jimmy von oben herab: »Ich hab’ Hunger! Wenn ich mir nich’ bald was zwischen die Kiemen schiebe, geh’ ich kaputt!« Dabei tat er so, als könne er sich vor Schwäche kaum noch auf der Statue halten. Patrick unterbrach in dem Moment den Sturztrunk seines Bieres und rollte die Augen. »Und ich dreh’ irgendwann durch, wenn ich sein Gejammer den ganzen Abend ertragen muss«, ließ er mit kratziger Stimme verlauten. Übertrieben packte er seine Bierflasche mit beiden Händen und tat, als wolle er sie erwürgen; brach kurzerhand aber in Gelächter aus, in das auch Jimmy einstieg.
»Uuhhh, sieh’ dich vor Jimmy!«, stachelte Jeff den Spaß noch etwas an. »Sonst schmeißt dich Pat durch die Kante, wie neulich die drei Wichser in unser’m Klub!«
Alle lachten sie laut, da sie sich der glorreichen Schlägerei erinnerten. Auch Tino ließ sich erweichen und die lockere Stimmung rang ihm einen Schmunzler aus der sonst kühlen Miene ab. Verhalten hatte er das Geschehen vom schattigsten Platz auf der Steinmauer aus beobachtet. Die dunkelblonden Haare fielen ihm leicht ins Gesicht und die drahtigen Finger hielten eine Zigarette, an der er ein letztes Mal zog.
»Bevor also jemand zu Schaden kommt«, ergriff er gelassen das Wort, »lasst uns besser als erstes ’nen Imbiss am Bahnhof holen.«
Jimmy richtete sich auf und strahlte über beide Backen. Aber auch die anderen waren nicht abgeneigt.
»Ansonsten scheint mir heute die Westroute durch die Stadt angemessen zu sein«, fügte Tino hinzu. »In Itchy’s Bar Vorglühen und dann ab zum Stage-3-Klub.«
Ausnahmslos grinsten die Kumpels zustimmend in die Runde.
»Eine vortreffliche Wahl, Sir!«, ahmte Jeff betonend einen englischen Butler nach.
Tino erhob sich von seinem Platz. »Und lasst die Stadt wissen, dass die Dreadnoughts präsent sind!« Kraftvoll schlug er seine Faust an die Brust und erhob sie unter zustimmendem Gegröle der anderen gen Himmel.
Mit einem Mal stürzte ein jeder wie auf Kommando den Rest seines Bieres die Kehle herunter, stellte oder warf die Flasche beiseite, wo sie eben gerade in die Landschaft passte und raffte sich auf. Jimmy sprang in das Blumenbeet und rollte sich theatralisch ab. Marco nahm noch einen letzten Zug von seiner Zigarette und schnipste den Stummel auf die Steine. Heute mochte er die Glut nicht wie gewohnt austreten; immerhin waren seine Schuhe ja neu.
Zügig überquerten die Fünf den Parkplatz. Gegenüber von Marcos Mustang stand Tinos tiefergelegter Fünfer BMW, dessen Silberlack und konkave Felgen bereits äußerlich zu verstehen gaben, dass er in puncto Sportlichkeit dem Mustang nicht nachstand. Gleichermaßen verteilte sich die Gruppe auf beide Fahrzeuge und bei erster Gelegenheit jagten sie auf die breite Straße Richtung Süden durch die Stadt. Marco drehte wie schon auf der Hinfahrt die Musikanlage laut auf und ließ die Fenster runter, sodass es von den Hausfassaden zurückhallte. Im Eifer des Moments konnte Jeff auf Marcos Beifahrersitz wiedermal nicht stillhalten. Er richtete sich seitlich auf und bugsierte seinen Oberkörper aus dem Fenster, um den Fahrtwind zu genießen.
»Woohooo!!!«, grölte er laut umher, einfach weil ihm der Sinn danach stand. In rasantem Tempo schlängelten sich beide Fahrzeuge auf der mehrspurigen Straße durch den mäßigen Abendverkehr und wiederholt schnellte Tinos BMW rechtsseitig auf gleiche Höhe heran. Jimmy auf dem Rücksitz musste wiedermal alles nachmachen. Er ließ die Fensterscheibe zur Gänze herab und hing sich ebenso jubelnd nach draußen. Amüsiert von den Blödeleien schaute Marco gelegentlich herüber, während er weiter im Slalom durch den Verkehr navigierte. Beim nächsten Blick nach vorn strahlten ihn plötzlich Bremslichter an. Überrascht zog er das Lenkrad nach links, um noch rechtzeitig in die nächste Lücke einzuscheren, woraufhin Jeff sein Gleichgewicht verlor. Erst nach eifrigem Rudern mit den Armen purzelte er zurück in den Sitz. Sofort fing er an, über sich selbst zu lachen und auch Marco feixte.
Auf halber Strecke passierten sie einen zentralen Platz in der Stadt. Mehrere Straßenbahnlinien schlängelten sich über die Fläche. Rechterhand ragte das Kaufhaus dreistöckig empor, aus dem Marco die neuen Sneakers hatte. Noch viel stärker aber dominierte auf der linken Seite die hohe Fassade des Krankenhauses das Stadtbild. Über den Platz mussten sie noch hinweg und danach an der nächsten Kreuzung rechts. Immer den Straßenbahnschienen entlang, denn die führten direkt zum Hauptbahnhof.
Langsam schob sich die Sonne über den Rand des Horizonts und die Stadt veränderte ihr Antlitz. Die beste Tageszeit, wie Marco fand. Denn in der Mischung aus Dämmerung und den bereits fahl erstrahlenden künstlichen Lichtern machte sein schwarz lackierter Mustang einfach einen brachialen Eindruck. Ein klares Statement auf der Straße. Auf dem Vorplatz des Bahnhofs bot sich ihm eine verlockende Gelegenheit, dies zu demonstrieren. Mit dröhnendem Motor und qualmenden Reifen vollführte er einen dreihundertsechsig Grad Burnout, sodass viele Leute nach der Quelle des Radaus guckten. Den meisten war es danach prompt wieder egal; manche Passanten schimpften, andere jubelten. So oder so genoss Marco die Aufmerksamkeit.
Am Zwischenhalt angekommen parkten sie ihre Fahrzeuge in der Fußgängerzone direkt am Bahnhofsgebäude. Wer den Platz kannte, nutzte die Stelle gern. Ungeduldig drängten sie sich an die Imbissbuden. Jeff legte aus, bis ein jeder etwas in den Händen hielt. Doppelt verpackt zum Mitnehmen, denn dort essen wollten sie nicht, obgleich Jimmy schon wieder quengelte. Noch ein kurzes Stück fuhren sie Richtung Küste herunter und hielten an einem gern genutzten Rastplatz. Mit sanftem Rauschen trat der Fluss aus unterirdischen Kanälen wieder hervor und nebst der überspannenden Brücke luden einige Bänke an den Uferhängen zum Blick auf die jetzt im schimmrigen Dunkel liegende Meeresmündung ein. Sowohl die starke Strömung des Flusses als auch große Schiffe, die östlich den Hafen ansteuerten, sorgten an dieser Stelle stets für etwas Kurzweil.
Wie es gerade kam, fläzten sich die Fünf auf die Parkbänke. Jimmy war der erste.
»Endlich!«, keuchte er und versenkte schier sein halbes Gesicht in das erstbeste Paket des mitgebrachten Fast Foods. Im Vergleich dazu hätte man die Vorgehensweise der anderen als ’genüsslich vornehmes Speisen’ betiteln können.
»Immer wieder herrlich dieses ungesunde Zeuch!«, kommentierte Jeff.
Nachdem bei allen der gröbste Hunger gestillt war, ergriff nun Marco mit noch halbvollem Mund das Wort: »Wo wir grad so schön versammelt sind, hört ma’ kurz zu Leute.« Er schluckte den Bissen runter.
Jeff und Jimmy konnten ihre Albernheiten nicht lassen...
»Oooch, eine Geschichte!«
»Märchenonkel Marco erzählt am Lagerfeuer!«
Marco jedoch blieb ernst. Er ignorierte die Kommentare und starrte mit geheimnisvoller Mimik ins Leere.
»Einer meiner Kontaktleute weiß irgendwas. Morgen soll ich ihn nochmal treffen und erfahre Details. Haltet euch den Abend frei, dann bequatschen wir, ob da was für uns abzugreifen geht.« Sein Blick huschte zu Tino herüber, denn von dessen Reaktion war alles abhängig. Dieser gönnte sich kurze Bedenkzeit. Er zog an seiner Zigarette und stieß den Qualm lässig zur Seite aus, bevor er antwortete.
»Klar. Bin jetzt schon gespannt auf deinen neuesten Plan. Die letzten haben uns jedenfalls ’nen gehörigen Kick verpasst.«
»Genau!«, bestätigte auch Patrick. »Das lassen wir uns nicht entgehen!«
Marco fuhr ganz leicht ein gehässiges Schmunzeln über das Gesicht. Gründlich knüllte er Reste, Papier und Alufolie seiner Mahlzeit zusammen und betrachtete die kompakte Masse für einen kurzen Moment. Unvermittelt sprang er von der Lehne der Parkbank und schleuderte den Ball so weit er konnte. Mühelos schluckte das schwarze Wasser des Flusses den Müll und trug ihn mit der Strömung fort. Nun stand auch Tino auf, holte bereits Schwung und mit den Worten: »Aber heut’ wird erstmal gefeiert!«, warf er seinen Müllball noch ein gehöriges Stück weiter als Marco, woraufhin es ihnen die anderen mit bestmöglichem Einsatz gleichtaten.
Anschließend fuhren sie in die westliche City zu Itchy’s Bar. Ein netter rustikaler Schuppen gleich neben dem Erotikladen. Dort kippte jeder zum Vorwärmen schon zwei drei Bier und noch einen Kurzen zum weiteren Anheitern. Schnell tat der Alkohol seine versprochene Wirkung und das Level an guter Stimmung stieg ebenso wie die Menge an dummen Sprüchen.
Gegen elf Uhr siedelten sie in den Stage-3-Klub um. Jeff hatte wie immer ein paar bunte Überraschungspillen dabei und verteilte welche an seine Freunde. Den Rest vertickte er im Laufe des Abends unauffällig vor den Toiletten. Marco verzichtete heute ausnahmsweise darauf. Das war ihm sein schickes Auto wert. Gegen ein paar schmackhafte Cocktails in der noch jungen Nacht war jedoch sicher nichts einzuwenden. Zumal Marco alsbald seinen festen Vorsatz, den Alkoholpegel mit vollem Körpereinsatz abzutanzen, auch in der Realität zu verfolgen begann. Die laute Musik hämmerte in ihre Schädel und durchfuhr spürbar ihre Körper. Ohne noch zu wissen, was sie wirklich taten, ließen sie sich vom schwerelosen Gefühl in der Menge treiben und so vergnügten sie sich mit den anwesenden Ladies die halbe Nacht auf der Tanzfläche.
Die Treppen schwankten als Marco zu seiner Wohnung hinaufging. War wohl doch ein bisschen viel heute Abend. Das hatte er beim Autofahren noch ganz anders eingeschätzt, aber nun musste ihn das Treppengeländer doch besser ein wenig stützen. Er torkelte in den dritten Stock, hatte einige Mühe, den passenden Schlüssel zu finden, betrat dann aber umso glücklicher seine Wohnung. Eine kräftige Mütze Schlaf war dringend angeraten, daher bog er sofort nach rechts in das Schlafzimmer ab. Marco schaffte es gerade noch, Jacke und Schuhe loszuwerden, bevor er haltlos ins Bett fiel und einschlief.
Leise glitt die automatische Tür hinter ihm zu. Sein weißer Anzug saß hervorragend an seiner Statur. Seine Arme hielt er hinter dem Rücken verschränkt und gemächlich schritt er durch das geräumige Labor. Die meisten Computer und Bildschirme waren aktiv, doch Mitarbeiter fanden sich nur wenige. Er trat seitlich an eine Frau heran, die nachdenklich eine große Anzeigetafel betrachtete.
»Guten Abend, Trace«, begrüßte er sie.
Überrascht schaute sie den unerwarteten Gast an und lächelte, als sie ihn erkannte.
»Ach, du bist’s«, sagte sie sanft. »Schön dich zu sehen. Was treibt dich zu so später Stunde noch hierher?« Eigentlich kannte sie die Antwort auf ihre Frage schon.
»Es lässt mir einfach keine Ruhe«, sprach er wie erwartet. »Gibt es schon neue Erkenntnisse?«
»Leider nein«, gestand sie schwermütig. »Sechsundneunzig Kerne des Clusters rechnen bereits Tag und Nacht daran, aber die jetzigen Startwerte sind für den enormen Umfang des Parameterfeldes einfach noch zu ungenau, um eine verlässliche Statistik zu generieren. Mehr, als du schon hast, kann ich momentan nicht liefern. Wir können froh sein, dass das Phänomen so frühzeitig von dir entdeckt wurde«, versuchte sie ihn noch zu beruhigen. Stillschweigend nahm er es hin.
»Sobald es Fortschritte gibt«, setzte er vorsichtig an, »synchronisiere bitte mein privates Netzwerk, ja?«
»Selbstverständlich«, bestätigte sie.
»Ich habe noch eine zweite Bitte«, offenbarte er nach einer kurzen Pause. »Ich bin obendrein über ein gesondertes Signal gestolpert, dessen Bedeutung ich noch nicht abschätzen kann.« Bei diesen Worten trat er an das Eingabepanel eines Computers heran und begann komplexe Koordinaten einzutippen, woraufhin die Anzeigetafel ein Planetenhologramm vergrößerte und die ihm schon bekannte Stelle markierte.
»Sofern du einen Rechenkern entbehren kannst, lass bitte einen vollständigen Scan laufen.« Erwartungsvoll sah er sie an und sie nickte.
Licht drang durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen und ebenso vermochte das Fensterglas es nicht, all das Vogelgezwitscher und die sonstige Geräuschkulisse von draußen abzuhalten. Der Strahl eindringenden Tageslichts traf Marco mittlerweile im Gesicht; so weit war die Sonne schon herumgewandert. Er blinzelte, knurrte leise und drehte sich Richtung Wand. Gut fünfzehn Minuten lag er noch dösend da, aber dann half es nichts mehr. Er mühte sich in eine Sitzposition auf den Rand des Bettes und griff nach dem Wecker. Dreizehn Uhr Siebzehn verlautete die digitale Anzeige.
’Na ja, immerhin etwas’, dachte Marco bei sich. Sein vorsorglich gesetzter Notfall-Timer musste nicht zum Einsatz kommen und so passte alles noch entspannt in seinen Plan. Heute hatte er nur eine wichtige Sache zu erledigen: Seinen Informanten treffen. Den heutigen Nachmittag hatten sie sich schon ausgemacht. Wann und wo genau, wollte dieser noch bekannt geben. Marco warf einen prüfenden Blick auf sein Handy. Keine Nachricht. Auch nicht schlimm. Es verblieb demnach wohl sogar noch mehr Zeit, als er dachte, um gemächlich in Schwung zu kommen. Er stand auf, schnappte sich frische Sachen aus dem Kleiderschrank und stapfte Richtung Badezimmer.
Für einen mehr oder minder allein lebenden Junggesellen in dieser Stadt, hatte Marco eine stilvolle, geräumige Wohnung ergattert. Kontakte sind eben alles. Und es schadet auch nicht, überzeugende Argumente für Verhandlungen bereitzuhalten. So hatte ihn sein Charme und eine glückliche Fügung in einer lauen Sommernacht an die Tochter seines jetzigen Vermieters geführt. Natürlich wollte Papi nicht, dass das rein zufällig dabei aufgeschnappte Webcam-Video online geht. Welche Eltern würden das schon wollen? Für seine wohlwollende Verschwiegenheit erhielt Marco zu freundschaftlich günstigen Konditionen seine jetzige Bleibe, welche ihm wirklich gefiel. Wohnzimmer und Flur waren an der Längsseite halboffen miteinander verbunden. Nur ein mittig stehender Pfeiler und ein halbhohes Geländer trennten die Bereiche voneinander ab, bis es zur Küchentür hineinging. Zudem lag das Wohnzimmer durch die eigenwillige Architektur des Gebäudes einen halben Meter tiefer als der Rest, sodass es insgesamt noch geräumiger erschien. Linkerhand führten einige Stufen hinab. Davor zierte die Wand ein mittig eingelassener alter Kamin, dessen Esse man jedoch schon lange zum Wohle der Zentralheizung vermauert hatte. An der Front erhellten zwei große Balkonfenster den Raum, zwischen denen ein breiter Sessel zur Gemütlichkeit einlud. Dieser wies rechterhand auf den Fernseher. Das gute Stück maß immerhin fünfundsechzig Zoll in der Diagonale, denn wenn die Kumpels vorbeischauten, sollten diese vom Ecksofa hinten am Flurgeländer ja auch noch was sehen können. Natürlich kannte Marco die Ansicht seiner Bude in- und auswendig. Daher schaute er kaum mehr hin auf dem morgentlichen Weg ins Badezimmer.
Seine Routine brauchte ihre Zeit. Schließlich soll ja alles stimmen, bevor man sich nach draußen begibt. Auffallen aber wollte er nicht. Der graue Kapuzenpulli und die schwarze Jeans würden heute ihren Zweck erfüllen. Kurz nach zwei, Marco saß in der Küche und schaufelte sich eine Schüssel Cornflakes mit kalter Milch rein, als plötzlich sein Handy vibrierte. Endlich die lang erwartete Nachricht: ’15:30 Treffpunkt B.’
Marco bestätigte. Entspannt lümmelte er sich die verbleibende Zeit in seinen Sessel vor die Spielekonsole und machte mit größter Genugtuung digitalem Ungeziefer den Garaus. Bald brach er auf. Schnappte nur das Nötigste: Handy, Brieftasche, Wohnungsschlüssel, und schlüpfte heute doch noch einmal in seine alten, ausgelatschten Turnschuh, die ihn zügig durch das Treppenhaus hinab nach draußen brachten.
Erwartungsvoll stand sein Mustang dort am Straßenrand. Nur zu gern hätte Marco einen kleinen Ausritt gemacht. Für die heutige Sache aber war der Wagen zu auffällig. Sein Kontakt hatte sich schon des Öfteren bezahlt gemacht; keinesfalls wollte Marco dessen Anonymität leichtsinnig gefährden. Stattdessen ging er zu Fuß vor bis zum Denkmalplatz und sprang in die erstbeste Straßenbahn. Wachsam und dezent musterte Marco die Leute. Trotz des einheitsgrauen Wetters wuselten in der Innenstadt viele geschäftig ihren Dingen nach und er tat gut daran, sich in ihrer namenlosen Menge zu verstecken. Der Bahnhof, auf dessen Vorplatz sich die Straßenbahnlinien sammelten, bot eine gute Gelegenheit, die Fährte zu verwischen; nur für alle Fälle. Umsteigen musste man hier eh. Marco betrat das Gebäude und nahm bewusst einige Umwege über Rolltreppen und Bahnsteige, um schließlich aus der Eingangshalle des westlichen Flügels heraus in die nächste Straßenbahn zu huschen.
Unentwegt zogen die Büro- und Geschäftsgebäude aus kaltem Stahlbeton an der Fensterscheibe vorüber und wichen nach und nach pragmatischen Fabrikhallen. Dieses Viertel hatte seine besten Tage schon lange erlebt. Kein Wunder, dass sich beim Verlassen der Innenstadt die Passagiermenge längst ausgedünnt hatte, denn um diese Tageszeit wollte niemand hierher. Vorletzte Haltestelle; alleingelassen stieg Marco aus und verfolgte mit konzentriertem Blick, wie die Bahn abbog und der Wendeschleife entgegenfuhr. Er kehrte sich ab. Ein brüchiger Plattenweg führte ihn tiefer in das alte Industriegebiet. Bald schützten links und rechts hohe Mauern die Fabriken und Arbeitshallen vor neugierigen Blicken. Die Uhr zeigte bereits zwei Minuten nach halb, als Marco hinter der folgenden Ecke durch einen Spalt in der Mauer schlüpfte. Gras und Unkraut ragten ihm teils bis zur Hüfte. Der überführende Highway, getragen von massiven Pfeilern, schattete einen Anteil der Fläche ab und hinter dem Schatten standen die halb zerfallenen Überreste einer alten Baracke. Marco vergewisserte sich mit einem prüfenden Blick durch eine ausgebrochene Stelle im Beton der Mauer, dass ihm niemand gefolgt war. Im nächsten Moment holte er aus seinem Portemonnaie eine verabredete Menge Geldscheine hervor, schob sie als kleingefaltetes, geklammertes Bündel in die Fronttasche seiner Jeans und näherte sich bedächtigen Schrittes dem baufälligen Gemäuer.
Ob sein Kontakt schon wartete? Noch sah er nichts und betrat wachsam die marode Eingangshalle. Nur stellenweise drang spärliches Licht durch eingeschlagene Scheiben und verwaschene Schatten krochen an den vergilbten Tapeten hinauf. Die staubige Luft lag Marco schwer auf der Brust. Still stand er da und schaute angestrengt in die dunklen Durchgänge, welche zu den hinteren Räumlichkeiten führten.
»Psssssst...!«, drang es plötzlich aus einer dieser Richtungen.
Offenbar wurde Marco bereits erkannt und er rief flüsternd zurück: »Ben, bist du das?«
»Wer denn sonst?«, kam es ebenso laut geflüstert zurück. »Oder erwartest du noch andere Gäste?«
Marco ging in die Dunkelheit des einen Hinterzimmers und wurde sanft hinter die Ecke gezogen. Seine Augen benötigten einen Moment, um sich an das schwache Licht zu gewöhnen, bevor auch er sein Gegenüber eindeutig erkannte. Die schwarzen Rasterlocken, die dunkelbraune Haut und die drahtigen Arme prägten Bens Erscheinungsbild. Die tief sitzende, ausgebeulte Hose und die Jeansweste, die er immer trug, machten ihn zusammen mit dem Talisman an seiner Goldkette unverkennbar.
»Schön, dass du weiter auf unserer Seite spielst, Ben. Nun lass mal hören, was du für Neuigkeiten hast.«
»Hey hey hey...«, bremste Ben Marco aus. »Wo sind deine Manieren? Erst die Formalitäten bitte ja? Den Kaffeeklatsch können wir dann immer noch machen.«
Marco wusste sehr genau, worauf Ben hinaus wollte. Aber das war schon okay. Er zog das geklammerte Geldbündel aus der Tasche und überreichte es ihm in einem Handschlag. Dieser prüfte nur grob die Ordnungsmäßigkeit und steckte es weg.
»Danke, Mann. Bin froh, dass dir mein gefährdeter Arsch noch was wert is’. Also pass auf... die Lieferung kommt diesmal vom Inland, klar? Morgen Nacht, geplant etwa drei Uhr, wird ein LKW die Baustofffabrik im Osten der Stadt erreichen. Schätzungsweise zehn Kilo Koks sind zwischen der sonstigen Ladung versteckt.« Ben selbst machte große Augen und stand mit offenem Mund da. Sein Kopf fing automatisch an zu nicken, um sich selbst die Größe seiner getroffenen Aussage zu bestätigen.
Marco allerdings blieb ruhig und guckte nur skeptisch. Er ging gedanklich schon ein paar weitere Schritte durch und fragte profan: »Und was passiert dann damit?«
Ben guckte kurz verdattert, bevor er in leichte Rage kam. »Na wie, was passiert damit? Glaubste, die mischen weiße Farbe damit an und streichen die Mauern vom Kinderheim oder was? Das Zeug soll natürlich in der Stadt vertickt werden!«
Marco verzog grimmig sein Gesicht, da Ben ihn wohl für blöd hielt. Er sah aber ein, dass er seine Frage nicht präzise genug gestellt hatte. »Nein Mann, das mein’ ich nich’. Spätestens die Frühschicht in der Fabrik entlädt doch den LKW und findet den Stoff! Also was passiert noch in der Nacht mit den Paketen? Für wen ist das Zeug überhaupt diesmal bestimmt?« Er schaute Ben mit leicht gekniffenen Augen an und spürte, dass dieser nicht so recht antworten wollte. Ben rollte die Augen, wiegte das Gewicht seines Körpers von einem Knie auf das andere und wieder zurück. Marco rührte keine Miene, bis Ben sein Schweigen brach: »Verdammt, Mann! Dass du auch immer die nervigen Fragen stellen musst, solange ich noch hier bin. Machen doch andere Leute auch nich’.«
»An wen geht das Zeug, Ben?«, drängte Marco mit fester Stimme.
Nach kurzem Drucksen rückte Ben endlich heraus: »An die Desperados.«
Marco hatte es irgendwie schon geahnt und er versuchte sich die Auswirkungen auszumalen. In Gedanken versunken behielt er ohne Zutun die Starre in seinem Gesicht. Daraufhin fühlte Ben sich genötigt, nun wirklich alles preiszugeben, was er wusste: »Camuro hat wohl einen Mann in dieser Baustofffirma. Er und der Fahrer vom Truck sollen das Zeug noch nachts verladen und ins Versteck der Bande bringen.« Ben wollte noch Ratschläge geben: »Du kannst nicht alle Straßen auf ’nen beliebigen LKW überwachen und ebenso wenig kannste zum Frühstück bei Camuro klingeln und um ’ne Spende bitten. Wenn also jemand das Zeug abfangen will, dann geht das nur nachts in der Fabrik.« Er nickte zur Selbstbestätigung noch einmal groß und wurde dann still, ließ dabei aber die Unterlippe offen runterhängen.
Marco sammelte sich wieder. »Schon gut, Mann. Also danke für die Info. Ich werd seh’n, ob sich was tun lässt.«
Er schlug Ben zum Abschied herzlich gegen die Schulter, sodass dieser leicht das Gesicht verzog.
»Immer nett, mit dir Geschäfte zu machen«, gab ihm Ben mit auf den Weg, während er seine Schulter mit der anderen Hand rieb und noch eine Weile im Dunkeln abwartete.
Marco hingegen verließ das Gebäude, stapfte wieder durchs hohe Unkraut, schlüpfte durch den Mauerspalt und begab sich auf den Rückweg zur Straßenbahnhaltestelle. Er zückte sein Handy und textete an Tino: ’Trommel mal die Jungs zusammen. Pizza spendier’ ich.’ Dann ging er nachdenklich aber zügig seines Weges.
Sanft erhellte bläuliches Licht das gesamte Zimmer. Dieses Mal schwebten die zwölf Hologramme nicht mehr geordnet im Kreis, sondern formten eine scheinbar irreguläre, dreidimensionale Anordnung im Raum. Wieder dieser Mann in seinem weißen Anzug; er stand mitten darin und begutachtete nachdenklich jeden einzelnen Planeten. Als er aus der Menge heraustrat, begann der Computer, gestrichelte Linien in die Simulation zu zeichnen und Rechnungen durchzuführen, deren Ergebnis in einem gesonderten Feld zur Anzeige kam. Argwöhnisch starrte der Mann auf einen roten Balken und die beistehende Zahl. Mit versteinerter Miene nahm er zur Kenntnis, wie der Computer das Ergebnis von sechs auf acht Prozent korrigierte.
Viertel nach acht; Marco war spät dran, als er seinen Wagen vor Tinos Wohnung parkte. Dafür aber roch es fantastisch aus den noch warmen Pizzakartons, welche den Beifahrersitz beanspruchten. Die Jungs würden es ihm verzeihen. Entspannt schnappte er alles Nötige, schlenderte durch den gemauerten Hofeingang und klingelte an der Tür. Penetrant surrte die Entriegelung und ließ Marco passieren, woraufhin ihn auf mittlerer Höhe des schwarz-weiß gefliesten Korridors der offenstehende Wohnungseingang empfing. Mit einem Fuß schob er die knarzende Tür hinter sich zu, bis sie ins Schloss schnappte. Sogleich durchschritt er den Flur, begrüßte die Anwesenden in der geräumigen Küche und warf die Pizzakartons auf den großen Tisch. Jimmy fiel wiedermal über das Mitgebrachte her, als müsse man es noch auf der Jagd erlegen. Ungeachtet dessen, dass Jeff sich zu verspäten schien, widmeten sich auch die anderen bereits ihrer Mahlzeit. Neugierig setzte Patrick dazu an, Marco mit Fragen löchern zu wollen, doch Tino hielt ihn zurück, bis Jeff um halb neun endlich hereinstolperte. Er machte einen leicht gestressten Eindruck aber wohl nicht mehr als sonst auch.
»Tschuldigt die Verspätung, Leute! Musste auf dem Weg hierher noch ein paar Stammkunden versorgen und da hat’s bissel gedauert. Mmmm... lecker Käsepizza!« Ohne weitere Worte angelte er sich seinen Anteil, während Tino das Wort ergriff: »Nun da wir vollzählig sind, steigt auch bei mir die Neugier. Dann lass mal hören, was du zu sagen hast.«
Alle schauten gespannt auf Marco. Dieser beugte sich aus der eben noch lässig zurücklehnenden Haltung vor, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und verschränkte seine Hände.
»Also gut, hört zu. Folgendes wird passieren: Morgen Nacht erreicht ein LKW aus dem Inland die Stadt. Irgendwo in der Ladung sind Pakete mit Drogen versteckt, die wir uns krallen könnten. «
Sofort wurde Jeff hellhörig, schaute auf, aber kaute beiläufig an seinem Pizzastück, während Marco weiteres preisgab: »Und nicht etwa eine handvoll Billigzeug, nee. Es ist feinstes Kokain... etwa zehn Kilo davon.«
Jeff blieb der letzte Bissen fast im Halse stecken und er musste sehr laut schlucken, um wieder Luft zu bekommen. Ein erstauntes Raunen ging durch die Runde.
»Geiler Scheiß!«, rief Jeff, als er wieder freien Atem hatte. »Habt ihr ’ne Vorstellung, was der Stoff Wert ist? Wenn wir uns das Zeug unter den Nagel reißen und in der Stadt verhökern, dann haben wir ausgesorgt!« Er ließ sich an die Lehne seines Stuhls zurückfallen und grinste über sein ganzes Gesicht. Patrick und Jimmy stimmten in verhaltenem Jubel mit ein.
Nur Tino bemerkte Marcos verbleibende Ernsthaftigkeit.
»Langsam Jungs. Scheint, als hätte Marco noch nicht alles gesagt... wo ist der Haken an der Sache?«
»Der Haken«, offenbarte Marco, »ist der eigentliche Empfänger.« In diesem Moment zog er sein Smartphone hervor und begann es flink zu entsperren, während er weiter ausführte: »Wär’s für irgend ’nen reichen Schnösel und dessen Gartenparty, würd’ ich’s gar nicht erwähnen. Aber im konkreten Fall...« Für jeden sichtbar legte er das Gerät mit dem vorbereiteten Kartenausschnitt in die Mitte des Tisches, »...soll das Zeug an dieser Stelle an unsere guten Freunde aus dem Ostviertel übergeben werden.«
Jeffs Grinsen verschwand und für einen Moment trat Schweigen ein, bis Patrick mit seiner kratzigen Stimme voller Ehrfurcht zu hören gab: »Camuro und seine Desperado Bande...«
Nur Jimmy verstand das Problem nicht. »Mir vollkommen Wurscht, wie die sich nenn’! Wir greifen uns die Ware und wer was dagegen hat, kriegt auf die Fresse!«
»Du hast keine Ahnung, was du da redest, Mann!«, hielt Patrick sofort dagegen. »Ich bin Camuro schon begegnet. Mit dem Kerl ist nicht zu spaßen! Der würde dich Grünschnabel sogar dann noch mit links fertig machen, wenn er mit der Rechten nebenher genüsslich seine Alte befummelt. Boss, du weißt, ich folge deinem Wort, aber hiervon sollten wir die Finger lassen. Selbst wenn wir uns die Lieferung morgen schnappen können... kriegt Camuro irgendwas spitz, dann haben wir bald ein Messer im Rücken!«
Gegenseitig grummelten sich Patrick und Jimmy an, bis Tino gebietend die Hand erhob. »Beruhigt euch... Seh’ ich prinzipiell genauso, Pat. Und umso mehr frag’ ich mich, warum Marco es dennoch vorschlägt...?« Tinos Blick war in der ganzen Zeit nicht einmal von seinem Gegenüber abgewichen und auch dieser blieb betont regungslos.
»Das kann am besten Jeff euch beantworten, wenn er mal scharf nachdenkt.« Marco deutete mit der linken Hand auf seinen Sitznachbarn und stichelte ihn mit einem neckischen Blick. »Was glaubst du, was auf dem Schwarzmarkt passiert, wenn zehn Kilo Kokain unter die Leute gebracht werden? «
Der sonst so nervöse Jeff nahm sich sichtlich zusammen und beugte sich nun auch nach vorne auf den Tisch. »Wenn zehn Kilo Koks auf den Markt kommen und sich das unter den gängigen Konsumenten rumspricht, dann befürchte ich, dass dieses Zeug alles andere verdrängt. Die kleineren Dealer inklusive uns hätten Sendepause. Derzeit machen wir noch acht Riesen Gewinn jeden Monat; das könnten wir für ’ne Weile knicken... schlimmer noch!«, bekräftigte Jeff seine Aussage. »Wenn die ihr Business verstehen, kurbeln sie mit den ersten Umsätzen den Nachschub an. Dann können die kleinen Dealer ihre Koffer packen und den Desperados gehört die ganze Stadt.«
»Verdammt, Mann«, seufzte Jimmy. »Das können wir doch nicht zulassen, Tino.«
Alles wartete auf seine Reaktion. Er nahm sich noch einen Moment Bedenkzeit. Auch Marco harrte der Dinge, während das Problem erdrückend und unumgänglich auf dem Tisch lag. Nun hing alles Weitere von Tinos Entscheidung ab. Er atmete einmal schwer und schaute wieder direkt zu Marco. »Und du vertraust deinem Informanten in der Sache?«
»Das tue ich«, bestätigte er.
»Na gut Leute. Ist zugegeben eine verzwickte Lage. Ihr wisst aber so gut wie ich, was wir alles tun mussten, um uns den jetzigen Respekt und Namen in der Stadt zu erarbeiten. Und ich werde mir das nicht ohne Kampf nehmen lassen!«
»Jawoll!«, stimmte Jimmy zu und ballte seine Fäuste.
Patrick hingegen war eher vorsichtig. »Ist gut, Boss. Werd’ dich nich’ hängen lassen. Will nur nicht, dass mich im Schlaf einer absticht... wenn die spitzkriegen, dass wir sie beklauen und dann selber das Zeug in der Stadt verhökern, na dann gute Nacht Freunde.«
Tino versuchte sofort, seinen treuen Weggefährten zu beruhigen: »Immer schön der Reihe nach. Erstmal müssen wir an das Zeug rankommen. Marco und ich schauen uns heut’ Nacht diese Fabrik an und schustern einen Plan zurecht. Ansonsten geb’ ich dir aber Recht; wenn uns der erste Schritt gelingt, muss der Stoff danach verschwinden!«
Jeff war entsetzt und sprang halb vom Tisch auf, um sich Gehör zu verschaffen. »Willst du etwa alles einfach zum Klo runterspülen!? Da blutet mir das Herz! Das können wir nicht machen!«
»Hast du ’ne bess’re Idee?«, entgegnete Tino genervt. »Und sag jetzt nich’, dass du dir persönlich alles reinziehen willst! Selbst zu fünft wären wir Monate damit beschäftigt und zu nichts anderem mehr zu gebrauchen.« Dabei verrollte er die Augen.
Gerade als Jeff sich gnatzig wieder auf seinen Stuhl fallen ließ, kam Marco ein Geistesblitz. »Jeff? Wie weit reichen eigentlich deine Kontakte? Kriegst du wen aus Übersee organisiert, der uns die volle Ladung abnimmt? Wenn wir das nämlich hinkriegen, dann wenden wir unerkannt das drohende Desperado-Imperium ab und gleichzeitig klingelt es gewaltig in unserer Kasse.« Zur Untermalung seiner Idee setzte er ein charmantes Verkäuferlächeln auf, dessen erfolgreiche Wirkung nicht lange auf sich warten ließ.
»Lässt sich sicher machen«, grübelte Jeff und kraulte sich dabei am Kinn. »Wenn alle einverstanden sind, wüsste ich da schon zwei drei, mit denen man Derartiges arrangieren könnte.«
Tino schaute durch die Runde, doch keiner der anderen machte Anstalten, noch etwas zu äußern. »Alright Leute. So wird’s! Jeff, schubs vorsichtig deine Kontakte an, aber versprich denen nichts, was wir noch nich’ haben, klar? Einfach nur auf den Zahn fühlen. Marco, du und ich, wir checken heut’ Nacht die Lage. Start drei Uhr hier bei mir. Pat, Jimmy, ihr kümmert euch um Ausrüstung. Vergesst Masken und Handschuhe nicht. Morgen Abend um sechs wieder hier, dann sprechen wir Details durch. Falls was is’, bei mir Meldung abgeben! Alles klar, Dreadnoughts!?«
Alle nickten zustimmend.
»Dann packen wir’s an!« Bekräftigend schlug er mit der Faust auf den Tisch und die anderen taten es ihm mit begleitendem Gebrüll nach. Dann zerstreuten sie sich geschwind, um den jeweiligen Aufgaben nachzukommen.
Die Nacht lag düster über der schlafenden Stadt. Nur wenige Laternen sowie ein halbvoller Mond, der ab und zu durch die Wolken lugte, sorgten vereinzelt für geworfene Schatten. Gewollt vereinsamt bewegte sich ein schwarzes Fahrzeug durch die Straßen. Marco bemühte sich sehr, den Motor ruhig zu halten. Man wusste ja nie, wie viele Augen und Ohren selbst zu solcher Zeit noch wachten. Die digitalen Ziffern auf dem Display zeigten drei Uhr zweiundzwanzig. Tino saß auf dem Beifahrersitz und navigierte mit seinem Smartphone.
»Vorn an der Kreuzung links, dann kommen wir bald dran vorbei. Hältst du es für klug, direkt davor zu halten?«, fragte er argwöhnisch.
Dezent korrigierte Marco ihn: »Hab’ nich’ gesagt, dass ich halten will. Werd’ einfach dran vorbeifahren. Ein einzelnes Auto mitten in der Nacht, was einmal irgendwohin fährt, macht hoffentlich noch keinen nervös. Aber so können wir uns ein erstes Bild von der Gegend machen und halten dann ’nen Block weiter in ’ner Nebenstraße.«
Nach dem letzten Abzweig ging es noch ein ganzes Stück die Straße hinunter. Die Fabrik lag weit im Südosten der Stadt, fast schon an der Küste. Als sie dicht an der Nordseite vorbeifuhren, wirkten die schweren Mauern um das Gelände fast erdrückend. Dennoch ragten der Gebäudekomplex und die Fertigungshalle darüber hinweg. Das mächtige, zweiflügelige Stahltor sah alles andere als einladend aus und erfüllte somit nur zu gut seinen Zweck. Tino und Marco bogen abermals ab und hielten mit beruhigendem Abstand zu ihrem Zielobjekt in einer Parkbucht. Die gegenüberliegende Baustelle eines vielgeschossigen Rohbaus kam ihnen mehr als gelegen. Sie stiegen aus, schnappten sich einen Rucksack aus dem Kofferraum und schlichen auf das Gelände. Gespenstisch schlackerten die Abdeckplanen des Baugerüstes im schwachen Wind. Bis in den fünften Stock kletterten Marco und Tino hinauf und begutachteten von dort mit den mitgebrachten Ferngläsern die Begebenheiten auf dem Fabrikareal. Lückenlos ragten die Mauern ringsum auf eine gleichmäßige Höhe empor. Gebäudekomplex und Fertigungshalle standen direkt verbunden zentral auf der Fläche. Hier und da verriegelten große Metalltore die Front, vor denen sich eine ausladende Rangierfläche eröffnete. An der rechten Flanke der Fertigungshalle knüpften Gerüste und Verladestationen an, die teils bis in die hinterste Ecke des Geländes an die Mauer heranreichten. Förderbänder fügten sich in das Geflecht aus Stahl ein und verschwanden auf höherer Ebene in der Fertigungshalle. Die breite Glasfront im zweiten Stock gab bei der nächtlichen Dunkelheit nur begrenzt Einblick in das Innenleben, doch schienen sich die Stahlgerüste dort fortzusetzen. Sie umschlangen auf mehreren Ebenen schwere Maschinerie und versorgten diese mit Material. Mehrfach flüsterten sich Tino und Marco verschiedene Ideen über Einstiegsmöglichkeiten, Risiken und Fluchtwege zu.
»Was ist mit Kameras?«, fragte Tino letztlich skeptisch, doch Marco wiegelte ab: »Ach! Doch nich’ in der alten Bruchbude! Und welcher Idiot will schon Kies klauen!?« Er setzte sein Fernglas ab. »Ich hab’ genug gesehen. Lass uns abhauen.«
Tino stimmte zu und sie verschwanden so unbemerkt, wie sie gekommen waren.
Sonnenlicht strahlte in einen spärlich möblierten Raum. Jemand stand am Terrassenfenster und blickte hinaus. Auf einmal sprang der holographische Projektor an und meldete bildhaft einen eingehenden Anruf von Trace. Erst das begleitende Summen holte den Mann aus seinen Gedanken und er wandte sich um. »Anruf akzeptieren«, gehieß er dem Computer und mitten im Raum startete die Bildübertragung.
»Bitte verzeih die Störung. Es gibt Neuigkeiten«, meldete sie destiniert und er folgte gespannt ihren Ausführungen.
»Wir haben die Transpondersignatur des Signals isoliert und einen vollständigen Vektorraumscan durchgeführt.« Sie machte eine bedächtige Pause und sagte bedeutsam: »Der Trigger ist kein Ort... er ist personengebunden. Und noch kurioser ist, dass unsere Residuensimulation eine vergleichbare Signatur im hypothetisch extrapolierten Knoten vorhersagt. Kannst du dir einen Reim darauf machen?«
Er unterbrach den Blickkontakt und antwortete: »Leider noch nicht. Aber das ist äußerst interessant und eröffnet neue Möglichkeitsszenarien. Unbedingt weiter beobachten!«, gab er ihr zu verstehen.
Verständnisvoll nickte sie und beendete das Telefonat.
Am nächsten Tag traf sich die Gruppe erneut in Tinos Küche. Marco hatte eine grobe Skizze des Fabrikgeländes vorbereitet und erläuterte die geplante Vorgehensweise: »Hier hinten steigen wir ein. Dort reicht das Gerüst bis an die Mauer heran. Patrick, hast du den Wurfhaken vom letzten Mal noch? «
»Jo Marco, hab ich! Bin heut’ Mittag extra noch am Schuppen von mein’ Opa vorbei.«
»Ausgezeichnet. Über das Gerüst kommen wir auf die Förderbänder und die laufen oben in die Fabrikhalle rein.«
Gespannt folgten alle seinen Ausführungen.
»Innen sind um die Maschinen herum ebenso Gerüste, über die man wieder runter kommt. Kinderspiel bis dahin. Knifflig ist die Frage, wann wir zugreifen.« Marco guckte in die Runde, kontrollierend ob auch alle aufmerksam waren. »Mein Informant sagte, dass die Desperados einen Insider in der Fabrik haben, der dort auf die Lieferung wartet. Wir wissen aber nicht, ob es ein ausgemachtes Zeichen gibt. Schalten wir ihn also zu früh aus, fährt der LKW eventuell nie auf das Gelände. Verpennen dürfen wir die Übergabe natürlich auch nicht! Ist der Stoff erst verladen, hauen die ab auf nimmer Wiedersehen. Wir müssen uns also hier auf die Lauer legen.« Marco deutete auf seiner Skizze auf eine beschriftete Nebenstraße, die Richtung Fabrikgelände verlief und von der man weitreichend das Eingangstor sehen konnte. »Sobald der LKW auf dem Gelände ist, steigen wir ein.«
Alle nickten bestätigend.
»Wenn wir durch die Eintrittsluken der Förderbänder reingekrochen sind, müssen wir die Situation beobachten und einen passenden Zeitpunkt abwarten. Kontaktmann und Fahrer werden sicherlich in der Fabrikhalle in Ruhe verladen wollen. Die großen Maschinen bieten Deckung zum Anschleichen. Wir müssen zwei Ebenen runter. Auf Kommando knocken wir die beiden aus, greifen uns das Zeug und hauen ab!«
»Yeah!«
»So wird’s!«
»Klingt nach ’nem spitzen Plan!«, stimmten alle begeistert mit ein.
Nun fehlte noch das letzte Puzzlestück. Tino hakte an dieser Stelle ein: »Und, Jeff? Wie schaut’s von deiner Seite aus? Hast du potentielle Käufer gefunden?«
»Jo, Chef. Hab’ prima Neuigkeiten«, sagte dieser strahlend. »Hab’ tatsächlich ’nen seriösen Interessenten an der Angel. Er wartet auf Bestätigung, dass wir liefern können. Wenn es so ist, kommt er für den Deal in drei Tagen per Motorboot zum Hafen.«
Daraufhin setzte Tino zu ein paar abschließenden Worten an: »Dann ist ja alles klar, Männer! Macht euch frisch, zieht dunkle Klamotten an und dann legen wir uns auf die Lauer.«
Die Wolken am Himmel stemmten sich an diesem Abend unnachgiebig gegen die Sonne, sodass die Dunkelheit der Nacht deutlich früher hereinbrach als gewöhnlich. Kühles Neonlicht drang noch bis spät in den Abend aus dem Inneren der Fabrik und große Flutlichter erhellten den Hof. Die Männer der Spätschicht arbeiteten stets bis zweiundzwanzig Uhr und auch danach dauerte es noch seine Zeit, ehe alle die letzten Tätigkeiten abgeschlossen, die Sicherheitskleidung abgelegt und sich bis zum nächsten Tag verabschiedet hatten. Heute versprach Alfredo seinen Kollegen, den abschließenden Kontrollgang zu machen. Der letzte Mann verriegelte stets das große Haupttor von innen, löschte nach und nach alle Lichter und verließ dann im Normalfall über den kleinen, separaten Personaldurchgang das Gelände. Doch Alfredo tat dies nicht.
Die Zeit verging. Die Fabrik lag düster in der Nacht und in einer Nebenstraße fuhr leise und ohne Licht ein silberner Wagen vor. Alle fünf Mitglieder der Dreadnought Crew lagen startbereit auf der Lauer und lösten sich bei der Überwachung ab. Weitere Stunden gingen dahin. Die Warterei zog sich quälend in die Länge. Ab halb drei hielten Jeff und Patrick die Augen auf, während die anderen dösten. Gelangweilt erhellte Jeff per Knopfdruck zum dritten Mal innerhalb von fünf Minuten das Ziffernblatt seiner Armbanduhr. Zwei Uhr siebenundvierzig. Griesgrämig schaute er zu Patrick herüber, welcher Richtung Seitenscheibe gähnte. Dann aber stutzte Jeff und fokussierte seinen Blick konzentriert auf das Haupttor.
»Ich glaub’, da tut sich was«, flüsterte er und griff zum Fernglas.
Durch einen schmal geöffneten Spalt zwischen den Torflügeln lugte ein Mann hervor und schaute sich wachsam in alle Richtungen um.
»Pssssst...Leute!«, versuchte Jeff die Aufmerksamkeit der anderen im lauten Flüsterton zu ergattern. »Ich glaub’, es ist soweit!«
Auch Patrick war mittlerweile überzeugt und rüttelte die anderen endgültig wach.
»Lass seh’n!«, forderte Tino das Fernglas und bekam es prompt herübergereicht.
Gemächlich schob sich das Tor auf.
»Tatsache«, bestätigte er. »Der Typ hat echt die ganze Zeit da drin gehockt.«
Kaum eine halbe Minute verging, bis sich ein kleiner LKW der Einfahrt näherte und leise darin verschwand. Sofort begann Alfredo, das Tor wieder zu schließen. Ein letztes Mal schaute er sich wachsam um, bevor er den verbliebenen Spalt endgültig zuzog. In dem Moment gab Tino den Startschuss: »Alles klar, Leute. Das isses. Die Sache wird ernst. Masken auf, Handschuhe an und Konzentration!«
Während seiner Worte taten die anderen schon, wie ihnen geheißen wurde.
»Und denkt dran: Klappe halten, bis die zwei k.o. sind! Vor allem keine Namen! Nichts was uns verraten könnte.« Nun stülpte auch Tino sich seine schwarze Maske über.
Alle fünf sprangen sie aus dem Auto und schlichen zügig an den umliegenden Gebäudemauern, Büschen und Zäunen entlang. In Windeseile erreichten sie die angedachte Ecke der Außenmauer. Während Jeff aus Jimmys Rucksack den Wurfhaken samt Strick kramte, positionierten sich Patrick und Marco nahe an der mehr als drei Meter hohen Mauer und formten Trittstufen mit ihren Händen. Mit ihrer enormen Armkraft warfen sie Tino förmlich hoch auf die Mauerkante. Unter Spannung klammerte er sich fest und schaute sich mit raschen Blicken auf dem Gelände um. Niemand zeigte sich auf dem Innenhof. Auch kein LKW. Offenbar behielt Marco auch damit Recht und sowohl Fahrer als auch Kontaktmann hatten sich für die Übergabe in die Fertigungshalle zurückgezogen. Tino schwang sich nun vollständig auf die Mauer und drehte sich um. Sofort warf ihm jemand den Haken samt Seil hinauf und er verankerte es im Stahlgerüst hinter der Mauer. Inzwischen hatte Jimmy auch die Wurf-Route genommen. Die restlichen drei aber zogen sich am Seil die steinerne Wand empor. Jeff und Jimmy verstauten das Werkzeug wieder, während Tino, Marco und Patrick bereits über die Förderbänder schlichen. Die eng gefassten Öffnungsluken nötigten sie, durch den staubigen Schmutz vom tagsüber hier transportierten Material zu kriechen, welcher sich überall an ihre Kleidung schmierte. Aber es half ja nichts. Tino war schon mit kompletter Körperlänge ins Innere der Halle hineingekrabbelt und Marco folgte dicht dahinter. Beide riskierten einen Blick über den Rand des Förderbandes.
Die Halle lag immer noch im Dunkeln, allerdings nicht so sehr, wie man vermutet hätte. Einige dieser Verarbeitungsanlagen liefen offenbar automatisiert die Nacht hindurch. An ihnen leuchteten auch jetzt noch Kontrolllampen, welche einen schwachen Lichtschein in den Raum abgaben. Zudem breitete sich eine beständige Geräuschkulisse aus Brummen, Klackern und Surren in der Halle aus. Mittig auf unterster Ebene stand der LKW, einzig durch eine kleine Glühbirne schwach beleuchtet und die beiden Männer daneben unterhielten sich gerade. Erst jetzt, nachdem sie sich geeinigt hatten, gebot der Fahrer mit einem Wink seinem Gegenüber, es ihm gleichzutun und Schritt für Schritt etliche Hebel und Sicherungen an der Heckklappe zu lösen.
Tino und seine Leute nutzten die Hintergrundgeräusche der Fabrikmaschinerie sowie deren massive Stahlkörper vorteilhaft als Deckung und schlichen auf mittlere und untere Ebene der Versorgungs- und Wartungsgerüste des Maschinenparks herab. Die beiden Männer hatten mittlerweile die Heckklappe des LKWs geöffnet und der Fahrer stieg in die Ladefläche hinein. In aller Ruhe reichte er unterschiedlichste Pakete der Lieferung heraus. Eines nach dem nächsten nahm der andere diese entgegen, um sie auf einem beistehenden Tisch vorsichtig zu öffnen. Anschließend kramte er gezielt darin herum, entnahm kleinere Päckchen daraus und verstaute diese einige Schritte abseits in schwarze Reisetaschen. Marco und Jeff hatten sich auf unterster Ebene schon weit herumgeschlichen und hielten sich bereit, den Außenstehenden anzugreifen, der mit den Taschen hantierte. Jimmy und Patrick behielten von schräg gegenüber die Ladeklappe im Auge. Um alles sehen zu können, positionierte sich Tino auf der mittleren Ebene, sodass auch seine Komplizen ihn sehen konnten. Geballt hielt er die Faust nach oben und wartete auf den nächstbesten Moment. Alles hielt für wenige Sekunden den Atem an. Jetzt nur keinen Mucks machen. Der Fahrer reichte ein weiteres Paket nach draußen und ging wieder tief in den Laderaum hinein. Alfredo drehte sich mit dem Paket weg vom LKW. Ein weiteres Mal wollte er sich zum Tisch begeben, um zu entpacken. Tinos Arm schnellte nach vorn. Jeff und Marco sprangen aus ihrer Deckung hervor, rissen gemeinsam Alfredo zu Boden und erstickten seinen Schrei mit ihren Lederhandschuhen, bis er durch Marcos kräftigen Schlag ohnmächtig wurde. Irritiert von den Geräuschen schaute der Fahrer aus dem Laderaum heraus. Da stürmten bereits Patrick und Jimmy aus dem Hinterhalt heran, packten ihn an den Armen und zerrten ihn so kräftig von der Ladekante, dass er mit lautem Scheppern gegenüber in ein metallenes Regal krachte. Der Lärm drang weit durch die Halle bis in die Flure und Räumlichkeiten des benachbarten Gebäudekomplexes.
Umgehend wurde jemand hellhörig. »Boss, da stimmt was nicht«, sprach derjenige mit leichtem spanischem Akzent in sein Telefon. »Schick Verstärkung los. Ich geh’ nachsehen, was das war.« Der Fremde steckte sein Telefon weg und schlich sich leise durch die Korridore.
Währenddessen waren Patrick und Jimmy noch mit dem Fahrer beschäftigt, welcher nochmals versuchte, sich aufzurappeln. Ohne zu zögern stürzte Jimmy sich auf ihn und schlug ihn zu Boden. Ruhe kehrte ein. Dann fesselten und knebelten sie beide Männer. Nur zur Sicherheit; wusste ja keiner, wann die wieder munter werden. Marco atmete noch recht schnell. Ein letzter Stoß Adrenalin schoss durch seinen Körper. Er genoss im Nachhinein die Erregung über den Ablauf der Aktion und verfiel bereits innerlich in Euphorie darüber, dass sein Plan funktionierte.
»Ab hier freie Bahn«, sprach er gedämpft durch seine Maske in die Runde. »Schnappt euch die Ware und dann weg hier.«
Jeff, Patrick und Jimmy griffen sich die bereitliegenden Taschen und machten sich über die restliche Ladung im LKW her. Marco stieg das Gerüst zu Tino hinauf, der sich mit verschränkten Armen offen auf der mittleren Ebene postiert hatte, um alles zu begutachten. Als sie nebeneinander standen und sich durch die Masken in die Augen schauten, schlug Tino seinem Kumpel wohlwollend auf die Schulter.
»Wiedermal ausgezeichnet, dank deiner Ideen.« Geschwind zog er einen Schlüssel aus der Hosentasche und drückte ihn Marco in die Hand. »Hol’ schonmal den Wagen ran, dass wir hier wegkommen. Und geh außen rum, wie wir gekommen sind; besser, wir müssen das Tor nicht benutzen.«
Marco schmunzelte zufrieden aber unkenntlich hinter seiner Maske und nickte. »Geht klar, Chef.«
Er ging los, bog einige Meter hinter Tinos Rücken ab und stieg eine abzweigende Treppe auf die oberste Ebene hinauf. Er wusste nicht, dass jemand sie beobachtete. Der Fremde hatte sich unbemerkt auf etwa zehn Meter an sie herangeschlichen. Er musterte die beiden Eindringlinge. Nahm nur die zwei wahr. Nun, da einer wegging, sah er seine Chance. Unterschwellige Geräusche der laufenden Maschinen erfüllten weiterhin die Halle. Von einem nahestehenden Regal griff sich der Fremde ein Brecheisen. Tino ahnte nichts von alldem und schaute weiter seinen Komplizen beim Packen zu. Marco indes lief die ersten Schritte über das Förderband und schaute noch einmal nach unten auf das Geschehen. Er sah zwei gefesselte, bewusstlose Kerle, die sie schön gelinkt hatten. Er sah drei seiner Kumpel, die die Beute einkassierten. Ebenso sah er Tino eine Ebene höher, der mit verschränkten Armen alles begutachtete und er sah einen Fremden, der wenige Schritte hinter Tinos Rücken mit einem Brecheisen zum Schlag ausholte.
Marcos Herz blieb fast stehen. Seine Gedanken überschlugen sich. Er konnte Tino nicht warnen, ohne seinen Namen zu rufen; alles andere wäre sinnlos und zu spät. Noch ehe sein Gehirn eine brauchbare Lösung erstellen konnte, befand sich sein Körper bereits im Sprung. Elend lange Millisekunden vergingen und der Mann mit Brecheisen kam Marcos Kumpel, Chef und Vorbild Tino gefährlich nahe. Doch dann stürzte Marcos Körper im letzten Augenblick mit gewaltigem Schwung auf den Angreifer hinab und riss ihn mit sich. Mit lautem Radau krachten sie gemeinsam gegen das gegenüberliegende Geländer des Steges und die dünnen Metallrohre bogen sich, bevor sie durch die Masse und Aufprallwucht der beiden Männer endgültig aus ihren Verschraubungen rissen. Beide stürzten unkontrolliert und mit Geschrei weiter in die Tiefe. Das Brecheisen klirrte laut beim Aufschlag auf den Boden. Der Fremde klatschte flach und hart auf den Beton. Marco hingegen kam durch Zufall halbwegs mit den Füßen aber in starker Rückenlage auf. Vom Schwung überwältigt riss es ihn nach hinten und er schlug hart mit dem Hinterkopf gegen ein Maschinengehäuse. Langsam legte sich der Lärm. Abgesehen von verschwommenen Stimmen nahm Marco in den letzten Sekunden nichts mehr wahr. Ihm wurde schwarz vor Augen und er verlor das Bewusstsein.
Reges Treiben herrschte an diesem Tag im Labor. Menschen in weißer Kleidung liefen geschäftig und strukturiert zwischen den Arbeitsstationen hin und her. Heute bemerkte Trace ihn sofort. Sie ging ihm entgegen und hielt dabei ihre Arme umschlungen, als wäre ihr kalt.
»Die Wahrscheinlichkeit steigt weiter an«, teilte sie schweren Herzens mit. »Der Wert ist mittlerweile als signifikant zu betrachten.«
Gefasst nahm er es hin, denn er hatte schon damit gerechnet. »Gib es öffentlich bekannt. Wir brauchen mehr Helfer, falls unsere Primärstrategie zum Einsatz kommen muss. Ich werde als Alternative die Quelle des Sekundärsignals begutachten.«
Trace ahnte, was er vorhatte und gab eines zu bedenken: »Wenn du den Jungen hier her holen willst, solltest du vorher Bescheid geben.« Eindringlich schaute sie ihr Gegenüber an.
»Ja, da hast du natürlich Recht. Ich kümmere mich sofort darum.«
Besorgt folgte ihr Blick, als er durch die Menge ging. Vage sah sie noch, wie er an einem Schaltpult Eingaben tätigte und das zugehörige Gerät hell zu leuchten begann. Er trat durch einen Bogen aus Licht und verschwand.
Vorsichtig öffnete Marco die Augen. Weißes Licht blendete ihn. Alles war verschwommen. Er blinzelte, musste aber sofort seinen Augen eine Pause gönnen. Er spürte seinen Herzschlag und Luft strömte in seine Lungen. Drückende Kopfschmerzen machten sich bemerkbar. Ein leiser, periodischer Piepton drang an sein Gehör, passend zum Rhythmus seines Herzens. War das etwa eines dieser Geräte... war er etwa im Krankenhaus? Eine Tür ging auf und schloss sich wieder. Schritte waren zu hören. Marco unternahm einen zweiten Versuch etwas zu sehen. Das Licht wurde erträglich und die verschwommenen Schemen langsam deutlicher. Eine Person beugte sich über ihn und das Gesicht wurde klar. Eine junge Frau blickte ihn an. Marco musste blinzeln. Die Frau wich zurück und er drehte seinen Kopf, um sie nicht aus dem Sichtfeld zu verlieren. Schmerz breitete sich in seinem Schädel aus und er verzog sein Gesicht, zwang sich aber schnell wieder, die Augen offen zu halten. Ein weißer Kittel kleidete die Frau und sie kontrollierte etwas an den piependen Geräten. Nun setzte sie sich ans Bett und beugte sich erneut über ihren Patienten. Eine angenehme, ruhige Stimme fragte: »Herr Litschek...? Herr Litschek, können Sie mich hören?«
Er blickte in ihr hübsches Gesicht. Die langen braunen Haare hatte die junge Frau zusammengebunden und so fielen sie über ihre linke Schulter herab. Marco war gewillt zu antworten.
»Ja... ich höre sie«, brachte er langsam und mit leiser, gebrechlicher Stimme hervor.
»Sehr gut«, fuhr die Frau lächelnd fort. »Keine Sorge, Sie kommen bald wieder auf die Beine. Sie haben ganz schön was auf den Kopf bekommen und wegen der Gehirnerschütterung mehr als einen Tag geschlafen. Aber so wie es aussieht, sind keine Folgeschäden zu erwarten und die sonstigen blauen Flecken verschwinden auch bald wieder.« Sie lächelte abermals und gab Marco einen Moment, um zu verstehen.
Er verarbeitete ihre Worte und versuchte kontrollierend seine Finger und Zehen zu bewegen. Es klappte, er war beruhigt.
»Ruhen Sie sich bitte noch ein paar Stunden aus. Ich glaube, wir können Sie dann auch bald wieder entlassen.« Die Frau stand auf und verließ den Raum.
Marco fasste sich mit der Hand an die Stirn. Sein Schädel brummte und es erschienen diverse Bilder vor seinem inneren Auge. Ein Seil an einer Mauer, irgend so ein Typ mit mittellangen, braunen Haaren und einem Stück Pizza im Mund, ein LKW in der Nacht, Leute mit schwarzen Masken und abgepacktes weißes Pulver. Allessamt Bruchstücke, die sein Verstand nun verzweifelt versuchte, in einen Zusammenhang zu bringen. Es dauerte eine Weile, doch dann erinnerte er sich an seine vier Freunde Tino, Patrick, Jimmy und Jeff und an den Abend in der Fabrik. Was war nur geschehen? Hatten sie es geschafft? Wer hatte ihn hierher ins Krankenhaus gebracht? Er versuchte sich zu beruhigen. Wenn es völlig schiefgegangen wäre, würde jetzt sicher ein Polizist an seinem Bett sitzen. Er musste mit Tino reden. Wo war sein Smartphone? Hatte er es etwa verloren? Oder hatten es ihm die Ärzte abgenommen? Unruhe und Ärger waren vergebens. Er musste abwarten, bis er hier raus kam. Eine Weile noch ruhte sich Marco aus. Er aß Suppe zum Mittag. Schlief. Die Kopfschmerzen ließen etwas nach. Bald jedoch wurde er unruhig und es hielt ihn nicht mehr im Krankenbett. Marco stand am Fenster und schaute hinaus. Sein Blick schweifte über all die Häuser und Straßen. Rechterhand lag das Stadtzentrum mit hohen Glasfassaden und vielbefahrenen vierspurigen Asphaltschluchten. Linkerhand der Hafen mit seinen Containerdepots, Verladekränen und angelegten Frachtschiffen. Er blickte den Küstenstreifen entlang und über die Wohnviertel auf dem Hügel. Er erkannte seine Stadt, seine Herkunft. Die Erinnerungen kehrten zurück und er war wieder er selbst.
Die Tür öffnete sich hinter ihm. Die Krankenschwester bat ihn mitzukommen und Marco folgte. Dabei ließ er stets ein paar Schritte Abstand, um den besten Blick auf ihre weibliche Linie zu behalten, für die er sich innerlich begeisterte. In einem Sprechzimmer bekam er von einem Arzt einen abschließenden Befund und ein paar gute Ratschläge. Marco hörte nicht zu. Ihm war es egal, was der Mann vor ihm redete.
’Wann bekomm’ ich bloß endlich mein Handy zurück?', dachte er ungeduldig. ’Muss doch langsam mal checken, wie’s meinen Leuten geht.’
Nach Verabschiedung durch den Arzt und Abholung seiner Sachen ging Marco durch das Foyer des Krankenhauses. Sein Blick war gesenkt und fixiert auf das zurückerhaltene Smartphone. Gerade noch genug Saft und eine neue Nachricht von Tino: ’Respekt für deinen Einsatz, Mann! Wenn du Heim kommst, wird gefeiert! ’
Marco las die Nachricht mit Genuss und grinste in sich hinein. Sein Plan schien also geklappt zu haben. Er kramte in seinen Taschen. Die nötigsten Verbrauchsgüter hatte er immer mit dabei: Kippen, Feuerzeug und zum Glück auch ein paar Kaugummis. Schließlich lag er fast zwei Tage rum und konnte sich nicht die Zähne putzen. Er warf sich gleich zwei Stück ein. Nun kam Marco bereits auf den belebten Vorplatz des Krankenhauses. Drei Blocks entfernt begann sein Viertel. Nervig weit, um die Strecke zu laufen. Eine Station konnte er noch mit der Straßenbahn fahren, bevor diese in eine andere Richtung abbog. Er hatte Glück. Es hielt gerade eine passende auf dem Vorplatz. Die Menschenmenge strömte zu den geöffneten Türen und im Nu war die Bahn brechend voll. Marco drängte sich noch vor ein altes Mütterchen, um den letzten Platz in der Tür zu ergattern. Während der kurzen Fahrt textete er zurück an Tino. ’Bin raus aus dem Saftladen. Alles cool. Haben wir gut abgeräumt? Steht die Einladung noch? ;-) ’ Kurz steckte er das Handy weg. Die Bahn hielt und Marco stieg aus. Kaum ein paar Schritte gegangen ertönte bereits ein SMS-Signalton. Erneut zückte er sein Smartphone und fixierte es wiederum mit gesenktem Blick. Tino hatte sofort geantwortet.
’NICE Bro! B-) Und wie wir abgeräumt haben!’
Beim Lesen folgte bereits die nächste Zeile.
’Haben wir großteils dir zu verdanken. ’
Wieder folgte ein Umbruch.
'Ich organisier' dir deine Party! Wohoo!’
Marco tippte fleißig zurück. Stur und unachtsam lief er geradeaus durch die Menschenmenge. Er war sich seiner großen Statur und seiner Wirkung bewusst. Wer nicht schnell genug auswich, musste eben mit einem Rempler klarkommen.
’Sweet ^^ ', schrieb Marco zurück.
