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Es gibt sie, diese Tage. Tage, an denen alles schief zu laufen scheint. An denen jeder Moment es nur darauf abgesehen hat, dir das Leben schwer zu machen. Doch manchmal wendet sich das Blatt und der Tag gibt dir doch noch die Chance, ihn niemals vergessen zu wollen. 713 - Federspiel ist der Auftakt einer neuen Reihe kurzer Romane von S.A. Hicks.
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Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2017
Es gibt sie, diese Tage.
Tage, an denen alles schief zu laufen scheint. An denen jeder Moment es nur darauf abgesehen hat,
Dir das Leben schwer zu machen.
Doch manchmal wendet sich das Blatt und der Tag gibt Dir doch noch die Chance,
ihn niemals vergessen zu wollen.
Ungeduldig trommele ich mit den Fingernägeln auf dem Tresen. Ich beobachte, wie der junge Mann vor mir nervös auf seiner Computertastatur tippt, die Nase krauszieht und sich dann wiederholt am Kopf kratzt. Gereizt verdrehe ich die Augen und blicke mich um. Die Menschen um mich herum eilen kreuz und quer durch das Foyer. Koffer werden hastig gezogen, geschoben und über die Schwelle zum Aufzug gehievt. Ein Stimmenwirrwarr, das an die Lautstärke eines Hallenbades erinnert, hat die Luft vollends eingenommen und unterstreicht das geschäftige Treiben.
>>Es tut mir leid, Frau Hoffmann. Ich kann Ihre Buchung nicht finden. Sind Sie sicher, dass Sie kein anderes Hotel gebucht haben?<< Der junge Mann sieht mich unsicher an. >>Nein, ich bin sehr sicher bei Ihnen das Zimmer gebucht zu haben. So, wie ich es schon in den letzten fünf Jahren jeden Mai getan habe Herr...<<, verärgert blicke ich auf sein kleines Namensschild, >>...Herr Schmidt!<< Wütend funkele ich den Jüngling an. Was bildet er sich eigentlich ein? Mich als dumme Idiotin darzustellen, die es nicht schafft, im richtigen Hotel ein Zimmer zu reservieren? Pah... Aufgebracht funkele ich ihn an, ohne dabei meine Stimme zu heben. >>Sie werden jetzt bitte versuchen, mir ein Zimmer zu organisieren. Ich habe einen Geschäftstermin morgen Mittag und ich habe nicht vor, auf einer Parkbank zu schlafen. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?<< Ich knalle meine Handtasche auf den Tresen. Der junge Mann schaut mich mit großen, blauen Augen eingeschüchtert an. Dann wendet er seinen Blick wieder auf den Bildschirm und tippt erneut nervös auf der Tastatur. Genervt verdrehe ich die Augen und richte zum dritten Mal meine schwarze Hornbrille.
>>Entschuldigung, dauert das noch lange bei Ihnen?<<, höre ich eine basslastige Männerstimme hinter mir. Ich hole tief Luft, um meine Wut an dem ungeduldigen Fremden hinter mir auszulassen. Energisch drehe ich mich um – und blicke in große dunkelbraune Augen. Ein Mann mit einem Dreitagebart steht vor mir und sieht mich mitleidig an. Ich klappe meinen Mund unverrichteter Dinge wieder zu, da ich beschlossen habe, mir die Energie meiner Hasstirade für den Rezeptionisten aufzusparen. Der Mann hinter mir kann ja nichts für die Unfähigkeit des Personals.
>>Einen kleinen Moment noch, Herr Suárez, wir sind gleich so weit.<<, sagt der junge Hotelmitarbeiter beschwichtigend und nimmt mir somit die Peinlichkeit, entschuldigende Worte für die Wartezeit finden zu müssen. Ich drehe mich wieder um und sehe Herrn Schmidt an, der sich in der Zwischenzeit wohl selbst etwas Mut zugesprochen haben muss: Er blickt mich bestimmend und mit gestrafften Schultern an und sagt: >>Es tut mir leid, Frau Hoffmann. Sie haben weder bei uns eine Online-Reservierung aufgegeben, noch haben wir ein Zimmer frei, das ich Ihnen geben könnte. Bei der aktuellen Messesituation auch kein Wunder. Es tut mir leid, aber dieses Hotel hat kein freies Zimmer für Sie. Versuchen Sie es doch etwas außerhalb der Stadt. In der Innenstadt sind alle Hotels ausgebucht, soweit ich weiß. Wie gesagt: es ist Messe. Und jetzt bitte ich Sie, die Rezeption für den nächsten Gast mit Reservierung freizumachen. Vielen Dank.<< Er richtet seine Aufmerksamkeit auf den Mann hinter mir und würdigt mich keines Blickes mehr. >>Guten Abend, Herr Suárez. Ich hoffe, Sie hatten einen guten Flug. Ihr Zimmer ist in 15 Minuten fertig.<< Freundlich lächelt er an mir vorbei als sei ich Luft.
Wutschnaubend packe ich meine Handtasche und greife nach meinem Gepäck. Ich stampfe stinksauer zu den Toiletten der Hotellobby, stelle meinen Rollkoffer in der Damentoilette ab und gehe in eine Kabine. Dort setze ich mich auf das geschlossene WC, vergrabe das Gesicht in den Händen und schluchze vor Wut. Wie kann mir bloß so etwas passieren? Erneut zücke ich mein Handy und gehe nochmals alle meine Emails durch – gefühlt nun zum hundertsten Mal. Die Reservierungsbestätigung muss doch irgendwo zu finden sein! Ich bin mir so sicher, dass ich reserviert habe. Doch in meinem Posteingang finden sich bloß unwichtige Mails, vor allem haufenweise Werbung. In die Suchleiste des Smartphone tippe ich das Wort „Reservierungsbestätigung“ ein, doch auch hier bekomme ich keinen Treffer aus diesem Jahr, geschweige denn von letzter Woche. Müde und ideenlos lasse ich das Smartphone sinken. Und nun? Es ist 19 Uhr und der Typ an der Rezeption wird wohl nicht ganz unrecht haben: wenn Messe ist, sind alle Hotels ausgebucht. Bis in die Vorstadt will ich nicht fahren, morgen vor meinem Geschäftsessen muss ich noch ein paar Dokumente durcharbeiten und das kann ich schlecht im Bus machen, da mir dort die Ruhe fehlen würde. Ich erhebe mich und gehe aus der Kabine. Am Waschbecken angekommen blicke ich in den Spiegel. Ich streiche kurz mein schwarzes Etuikleid glatt, dann richte ich meine dunklen Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden sind. Ich zücke meinen roten Lippenstift, schminke die Lippen nach und richte erneut meine Brille. Wenigstens sehe ich nicht verheult aus. Ich brauche dringend einen Plan. Zuversichtlich schaue ich mir durch den Spiegel in die Augen und sage mir, dass ich alles hinbekommen kann – wenn ich es denn will. Und ja, ich habe nicht vor auf einer Parkbank zu schlafen!
Leise grummelnd macht sich allerdings gerade mein Magen bemerkbar. Ich denke, ich sollte erst einmal etwas essen gehen - mit leerem Magen denkt es sich ja bekanntermaßen nicht sonderlich gut. Ich schnappe mir meine Handtasche und den dunklen Rollkoffer und verlasse mit starrem Blick die Toilette. Im Foyer ist es mittlerweile etwas ruhiger geworden. Zielstrebig durchquere ich die Lobby und begleitet von dem Klackern meiner Absätze steuere ich auf den Eingang zu.
