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Eine Geschichte, die in Berlin beginnt und in Kanada weitergeht. Eine Geschichte über die erste, große Liebe, über die Frage, was davon nach zwanzig Jahren noch übrig ist. Marion und Thorsten, beide mittlerweile anderweitig verheiratet, begegnen sich ein zweites Mal im Leben.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Stefan Voelker
75 B und Minze frisch
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Impressum neobooks
Danksagungen:
Die hier erzählte Geschichte ist frei erfunden. Das gleiche gilt für die Figuren, die darin vorkommen.
Nicht erfunden sind hingegen diejenigen, die ich hier namentlich nennen möchte. Mein besonderer Dank gilt ihnen. Für ihre Hilfe beim Schreiben, Formulieren, Korrigieren. Für ihr eingebrachtes Fachwissen, für ihre Geduld und letztendlich und insbesondere für ihre Freundschaft und die damit verbundene Zeit, die sie mir geschenkt haben.
Roland Jenz, Oliver Bätzing, Otto Greis, Angelika Sandrock-Specht, Ann-Kathrin Töpper, Svenja Shearer, Wendy Freedman
Coverfoto privat, Vancouver Island, British Columbia, Kanada.
For Bianca – truly, madly, deeply.
Steve W.W. Voelker
75 B und Minze frisch
Der Trip von Mazar-e Sharif im Norden Afghanistans nach Berlin war im September 2011 nicht mehr als eine Tagesreise. Zunächst ein fünfundzwanzig-minütiger Flug vom Camp in Afghanistan über die Grenze nach Termiz in Usbekistan, weiter mit einem Bundeswehr-Airbus vom Typ A310-300 MRT zum Militärflughafen Köln-Wahn und anschließend ein innerdeutscher Flug – ebenfalls mit einer Bundeswehrmaschine – nach Berlin-Schönefeld.
Der Flug von Usbekistan nach Deutschland war mit fünfeinhalb Stunden der längste. Zeit für zwei kleine Mahlzeiten an Bord. Je nach Tageszeit am Abflugort – meistens am späten Vormittag – wurden zunächst Sandwiches, Kaffee, Tee und Erfrischungsgetränke serviert und dann - etwa eine Stunde vor der Landung in Köln– gab es noch ein Stück Kuchen. Wieder mit der üblichen Auswahl an Getränken.
Harald wählte ein Sandwich mit gekochtem Schinken, eingelegt in reichlich Mayonnaise, und ein weiteres mit Schweizer Käse, dreifach belegt. Dazu trank er Kaffee, schwarz, mit zwei Löffel Zucker. Von dem Kuchen eine halbe Stunde vor der Landung in Deutschland nahm er nichts. So kurz vor der Ankunft hatte er noch nie Appetit verspürt.
Diesmal war er zusammen mit zweihundertundvier weiteren Bundeswehr-Soldaten an Bord. Nicht alle nahmen den Anschlussflug von Köln-Wahn nach Berlin. Seine Kameraden kamen von überall aus der Republik und einige wurden von ihren Familien direkt nach der Landung in Köln in Empfang genommen. Die meisten waren wie er sieben Monate im Einsatz gewesen.
Sieben Monate Afghanistan, und du bist ein anderer Mensch.
Mit im Flieger waren auch zwei Sperrholzkisten. Simple Sperrholzkisten, notdürftig im Lager in Mazar zusammengezimmert. Die ursprünglich bereitgestellten Särge aus Bundeswehrbestand – ein paar davon waren im Einsatzland immer vorrätig, für den Fall der Fälle – hatten ein Innenmaß von einem Meter und achtzig. Zu kurz, wie sich herausstellte. Einer der Gefallenen, die mit diesem Kontingent zurück in die Heimat transportiert wurden, war eins-fünfundachtzig, der andere eins-zweiundneunzig. Und aus ästhetischen Gründen hatte der zuständige Spieß das seitliche Wegbrechen der Füße – eine durchaus erwägenswerte Option, um es passend zu machen – ausdrücklich untersagt.
Die Maschine für den Weiterflug von Köln-Wahn in die Hauptstadt war nur halb besetzt. Der Himmel über Berlin zeigte sich freundlich, als der Airbus zur Landung ansetzte. Dunkelblau, mit ein paar vereinzelten Wolken am fernen Horizont im Osten. Der Blick aus dem Kabinenfenster war wie auf ein mit Photoshop bearbeitetes digitales Bild.
Als sich die Gangway absenkte, strömte klare und frische Luft in das Innere der Maschine. Es roch nach Heimat.
Harald wurde von seiner Frau Marion und seinem Sohn Joshua abgeholt. Sie warteten direkt auf dem Rollfeld, was für den üblichen zivilen Passagierverkehr ein absolutes No-Go war. Security konnte jedoch vieles möglich machen, wenn deutsche Soldaten in die Heimat zurückkehrten. Und ja, natürlich half auch die Anwesenheit der Presse- und Fernsehleute ein wenig.
Marion sah umwerfend aus: schwarze, flache Schuhe zu einer ebenso schwarzen Jeans, die enger hätte nicht sein können. Dazu ein breiter Gürtel, der wie echtes Leder wirkte und mit allerhand Glitzerkram durchsetzt war. Die weiße Bluse, die sie trug, war schlicht und gab ihr etwas von einer fast schon seriösen Note. Darüber eine braune Lederjacke – farblich passend zum Gürtel, halb geöffnet, aus weichem Material mit ein paar unregelmäßig eingearbeiteten Cuts. Die lässige Jacke relativierte die Seriosität der Bluse. Harald genoss ihren Anblick.
Joshua, er war vor kurzem sieben geworden, kannte die Abhol-Routine nur zu gut. Seine Haare waren dunkler als noch vor sieben Monaten, als Harald ihn das letzte Mal gesehen hatte. Und länger. Er war jetzt so groß! Jetzt verstand Harald, warum damals, als ER Kind gewesen war, alle diese Tanten und sonstiger Besuch immer wieder gesagt hatten, wie groß er doch geworden war. Es hatte genervt, immer das gleiche zu hören. Und doch war es das Offensichtlichste, wenn man Kinder – nicht umsonst Heranwachsende genannt - nach langer Zeit wiedersah.
Harald hasste den Trubel mit der Presse am Flughafen. Diese mehr oder weniger gestellten Wiedersehensfotos mit den Familien. Oder - ein Leckerbissen für die Kameras - ein Bild von einem Soldaten in Uniform, wie er zum ersten Mal sein Baby im Arm hält, das während seiner Abwesenheit im Einsatz das Licht der Welt erblickt hatte.
Furchtbar sowas. Eine echte Show.
Und dann diese geltungsbedürftigen Kameraden, die entweder einer aufgemeierten BILD-Journalistin mit perfekt-bonbonrosa-lackierten Fingernägeln und einem Ausschnitt so tief wie die Niagarafälle über die Blutlachen bei dem Zwischenfall mit den beiden Gefallenen berichteten. Oder einem biederen Schlipsträger vom ZDF mit finsterer Miene und Lesebrille die Opfer eines Schusswechsels in Kundus bis ins kleinste Detail auseinander erklärten.
Alles Selbstdarsteller, die sich beweihräuchern lassen wollten, dachte Harald. Wenn es nach ihm ginge, sollten alle diese Presseheinis gar keinen Zugang zu den rückkehrenden Soldaten haben. Wofür gab es denn die Pressestellen der Bundeswehr und des Auswärtigen Amtes? Die waren doch eigens dafür da, die Öffentlichkeit über die Einsätze zu informieren. Oder etwa nicht?
Harald und Marion begrüßten sich wie immer. Es war mittlerweile wie ein Ritual: Küsschen, Umarmung, nochmal Küsschen. Harald hob den Kleinen hoch, der sich sogleich das rote Barett schnappte und es sich aufsetzte.
„Papa, ich habe jetzt Super Mario Kart auf meinem Nintendo DS!“, sagte Joshua. Er hielt ihm das Gerät unter die Nase.
„Im Ernst? Ist ja super!“
Harald wollte einfach nur die Bälle flach halten, solange sie in der Öffentlichkeit waren, wollte auf keinen Fall riskieren, dass die Presseleute gerade noch auf ihn aufmerksam wurden und ihn mit ein paar ergreifenden Fragen zu der ganzen Afghanistan-Sache zu einem deutschen Helden der Neuzeit kürten.
So schnell wie möglich waren sie im Auto verschwunden und auf dem Berliner Ring. Nach Hause, Richtung Zehlendorf. Marion saß am Steuer, wie jedes Mal, wenn sie ihn abholte.
Joshua saß hinten und spielte Super Mario Kart auf seiner Konsole. Es ballerte, zischte und krachte aus den Lautsprechern.
Harald dachte an die Kinder, die er in Afghanistan gesehen hatte.
Marion hielt den Wagen konstant auf hundert Stundenkilometer. Sie sprachen wenig, nur über Oberflächlichkeiten. Sie formulierte ihre Fragen so, als sei er soeben von einem viertägigen Fahrradtrip auf Mallorca zurückgekehrt. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass er seine Zeit brauchte, um sich zu akklimatisieren. Der Unterschied zwischen dem, was hinter ihm lag und dem, was ihn hier zuhause als Realität erwartete, war einfach zu krass.
Harald war alles andere als ein großer Redner, ob nun mit oder ohne Afghanistan-Einsätze. Hinzu kam, dass sie nie wissen konnte, wie sein augenblicklicher Gemütszustand war, wenn sie ihn vom Flughafen abholte. Die Erlebnisse aus dem Einsatz waren noch frisch. Wie Wandfarbe, die noch nicht trocken war. Einige dieser Erlebnisse waren alles andere als das, auf was man die Soldaten auf den entsprechenden Lehrgängen in Hammelburg/Bayern versucht hatte vorzubereiten.
Sie wusste, dass er über einiges nie mit ihr sprechen würde. Nicht weil er nicht durfte, sondern weil er nicht KONNTE.
Nach einer Weile Schweigen - im Radio liefen gerade die ersten Takte von Grönemeyers ‚Vollmond‘ – fragte sie: „Und sonst ... alles klar bei dir?“
Ihre Stimme klang so, als hätte sie diesen Satz lange einstudiert und schon bedauerte sie, ihn ausgesprochen zu haben. Sie wollte nicht, dass er merkte, wie nervös sie war, wie unruhig, wie ängstlich. Jedes Mal, wenn sie ihn abholte und sie sich nach Monaten wiedersahen, hatte sie Angst, einen anderen Ehemann zurückzubekommen als den, den sie hatte in den Einsatz ziehen lassen. Es ging jedes Mal nur darum, dass er möglichst schnell den Krieg wieder AUS und sein Zuhause wieder IN den Kopf bekam. Und sie wusste, dass das nicht selbstverständlich war.
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Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. War es nicht das, was sie immer sagten?
‚Die kleinen Dinge ...‘ Harald verzog das Gesicht. Als ob er nicht selbst beurteilen könnte, was in seinem Leben lebenswert war und was nicht. Und überhaupt: was waren denn bitte schön die KLEINEN Dinge? Und wenn es denn schon die kleinen gab: Was waren dann die GROSSEN?
Zuhause angekommen hatte er seinen Seesack im Flur abgestellt und war direkt ins Badezimmer gegangen. Erst einmal runter mit dem Dreck.
Er senkte den Kopf und ließ das heiße Wasser auf seinen Hinterkopf prasseln. Mit der Rechten stützte er sich an der Wand ab. So konnte er es stundenlang aushalten. Der heiße Wasserdampf, seine Haut benetzt von dem nicht minder heißen Wasser. Herrlich.
Eines dieser kleinen Dinge eben.
Hier, zu Hause in Berlin, gab es keinen Wüstensand, der sich in alle Körperfalten einnistete, sobald man aus der Dusche wieder heraustrat. Schon bevor man die Uniform wieder anzog, klebte dieser verdammte Sand an der Haut. Nistete sich nicht nur am Körper ein, sondern auch an und in allen Ausrüstungsgegenständen, Fahrzeugen, Waffen, Küchenutensilien und in den Gelenken von Klappstühlen und mobilen Feldbetten. Blockierte einfach alle beweglichen Teile, vor allem dann, wenn es darauf ankam, dass sie funktionierten.
Harald öffnete die Augen, sein Blick auf den Duschabfluss gerichtet. Da war er wieder, der Sand. Kringelte sich als feiner Wasserstrudel um den Abfluss. Ganz so, als wäre das sein gutes Recht. Erstaunlich, wieviel er von diesem Sand mit nach Berlin geschleppt hatte, wieviel davon an seinem Körper auf den Tausenden von Kilometern haften geblieben war. Hatte er nicht kurz vor dem Abflug in Mazar-e Sharif bereits geduscht?
Doch das war heute früh gewesen. Ewigkeiten her. Vor dem Abflug von Afghanistan nach Deutschland, zurück in die Heimat. Zuvor noch Frühstück, Papierkram, Übergabe an den nachfolgenden Zugführer, Abschluss-Check-Up beim Sani, Antreten im Camp. Nicht zu vergessen das Zusammenpacken von unendlich viel Gerödel und Klamotten. Viele hervorragende Möglichkeiten, sich eine nicht unbeträchtliche Menge Sand an allen erdenklichen Ecken und Enden des menschlichen Körpers einzufangen.
Sand soll ja auch reinigende Wirkung haben. Also was soll’s, vielleicht war es sogar ganz gut fürs Abflussrohr der Dusche. Wer weiß schon, was sich da so alles festgesetzt hat. Zum Beispiel Marions lange Haare, die können so ein Abflussrohr schon mal ordentlich blockieren. Das mag man gar nicht meinen, wie schnell sowas geht. Da kam so eine Handvoll Sand mal ganz gelegen.
Nach zwanzig Minuten hatte er genug von der feuchten Hitze der Dusche. Er drehte den Regler zu und stieg aus. Das Badehandtuch, weinrot und dick wie ein Teppich, roch nach Lavendel. Er trocknete sich sorgfältig ab und ergriff wie selbstverständlich seine Erkennungsmarke, die er über die eine Ecke des Wandheizkörpers gehängt hatte.
Dann betrachtete er sich im Spiegel.
Natobräune. Die Hände und Arme dunkelbraun bis zum unteren Ansatz des Bizeps‘. Gesicht, Hals und Nacken ebenfalls, mit elegantem, spitz zulaufendem Dreieck in der Mitte der Brust. Seit langem war es das erste Mal, dass er sich in einem Spiegel, der größer als eine Untertasse war, betrachten konnte.
Schmal war er geworden. Und alt. Erschreckend alt.
Die Bundeswehr hatte ihn in den vergangenen vier Jahren dreimal nach Afghanistan geschickt. Der erste Einsatz 2008 war in Kundus. Einfach alles war neu für ihn gewesen. Das Land, die Menschen, die Arbeit im Camp und vor allem die Patrouillen auf den Straßen der Stadt waren eine andere Welt.
Dann der zweite Einsatz, 2009, diesmal Mazar-e Sharif: nach einer knappen Woche fühlte er sich bereits wie zu Hause. Konnte seine paar Brocken Paschtu, eine der vielen Sprachen, die hier gesprochen wurden, aus der Erinnerung an seinen ersten Einsatz abrufen und sich so vor allem mit den Kindern unterhalten, wenn er draußen auf Patrouille war.
Als er nach vier Monaten wieder heim nach Berlin zurückgekehrt war, zählte er insgeheim die Tage bis zu seinem dritten Einsatz. Freiwillig meldete er sich diesmal für die ‚Quick Reaction Force‘ - QRF, wieder in Kundus.
„Das gibt einen gehörigen Bonus, Marion! Die zahlen gut dafür … und ja: Ich bin vorsichtig!“ hatte er ihr gesagt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er selbst schon kein Interesse mehr an der Höhe des Wehrsolds. Oder was seine Frau über den Einsatz dachte. Für ihn zählte nur, wieder in Afghanistan zu sein. Der zweite Einsatz hatte ihn für immer verändert. In Mazar-e Sharif hatte ihn der Krieg eingeholt.
Er fuhr sich mit der Hand durch die noch nassen Haare. Seine Erkennungsmarke rasselte an der Kette. Das Geräusch war ihm so vertraut, es würde ihm nur dann auffallen, wenn es nicht da wäre.
Er ging hinüber ins Schlafzimmer, vorbei am Kinderzimmer. Marion las Joshua vor dem Schlafengehen noch eine Geschichte vor.
Im Schlafzimmer brannten beide Nachttischlampen, die Bettdecke war zurückgeschlagen. Harald atmete tief durch, sog den frischen Duft der Laken in sich ein. Sein Blick ging zu den Kissen: vier auf jeder Seite, wie gewohnt. Schon immer hatten sie es mit den Kissen gehabt. Je mehr Kissen, desto besser. Sie beide liebten diesen Kissenwahnsinn.
Einmal hatte sie ihn gefragt, ob sie nicht mal etwas Neues im Bett ausprobieren wollten. Ja, hatte er geantwortet, wir sollten noch mehr Kissen mit ins Bett packen. Sie lachte und warf mit einem der Schlafzimmerkissen nach ihm. Doch statt extra Kissen probierten sie tatsächlich etwas Neues an diesem Abend aus. Es hatte ihm gut gefallen.
Er legte sich nackt auf die Bettdecke, stopfte sich zwei Kissen – ein großes weinrotes und ein kleines weißes – hinter den Kopf. Die Beine spreizte er leicht an. Mit der Fernbedienung schaltete er sich durch das deutsche Abendprogramm. Den Ton stellte er auf STUMM.
Beim Werbeblock von PRO 7 blieb er hängen. Es war vieles mit dabei, was er noch nicht kannte. Zum Beispiel Kelloggs: die hatten neue Frühstücksflocken herausgebracht während er in Afghanistan die westliche Welt verteidigt hatte. Die sogen jetzt die Milch noch viel besser auf, als sie das in den bisherigen zwanzig Jahren schon getan hatten. Und der Hammer war: sie taten dies ohne pappig zu werden! Sie hatten eine Schoko-Vollmilch-Glasur, und selbstverständlich weniger Kalorien als JE ZUVOR!
Erstaunlich.
„Magst du die Bettwäsche?“ fragte Marion. Ihre Stimme war gedämpft, als sie ins Zimmer kam. Ein paar Hennes & Mauritz-Models liefen über den Bildschirm, präsentierten den Sommerschlussverkauf. Mit beiden Händen - bemüht, so wenig Lärm wie nur irgend möglich zu machen – schloss Marion die Schlafzimmertür.
„Habe ich vor zwei Wochen bei Ikea gekauft. War runtergesetzt“, sagte sie. Und dann, nach einer Weile: „Ich hätte aber noch den Bon, falls sie dir nicht gefällt.“
Er schaute zu ihr hinüber. Sie hatte seine khakifarbene Feldjacke übergestreift, nicht zugeknöpft. Darunter trug sie einen schwarzen Tanga, ein kleines Dreieck durchsichtigen Stoffs. Sonst nichts.
Er schluckte.
„Bettwäsche? Ja, die ist klasse, die Bettwäsche“ sagte er.
Sie kam auf ihn zu. Ihre Hüften schwangen hin und her, wie in Zeitlupe. Die Feldjacke öffnete sich leicht bei jedem Schritt, den sie tat.
„Bettwäsche von Ikea war schon immer recht gut“, sagte sie. Ihre Stimme war sanft.
Sie kniete sich hin, vor dem Bett, ohne den Blick von ihm zu lösen. Sie ergriff die Fernbedienung, schaltete den Fernseher aus und legte die Arme auf der Matratze ab. Die Feldjacke spreizte sich weit auseinander.
„Ich hatte heute den ganzen Tag lang keinen BH an. Ich weiß doch, wie gerne du mich ansiehst ohne diese hässlichen Streifen auf der Haut.“
Sie begann, mit ihren Fingern an seinem Penis herumzuspielen. Er schaute ihr dabei zu, konnte sehen, wie sehr sie es anmachte, ihn zu berühren. Ihr Blick wanderte seinen Körper entlang, über seine muskulösen Oberschenkel, seine Taille, seine Brust. Er hatte durchaus in seiner Mitte so etwas, was das Wort ‚Six-Pack‘ verdiente. Der Einsatz in der Wüste ließ nicht zu, dass zu viele Fettreserven an seinem Körper haften blieben, genaugenommen gar keine. Marion schien das zu schätzen. Sie hatte diesen Blick, den sie nur hatte, wenn sie sich seinen nackten Körper ansah, ihn ganz in sich aufnahm. An ihren Augen konnte er sehen, dass ihr gefiel, was sie sah.
Er beobachtete ihre langen Finger, wie sie ihn bearbeiteten, spürte den Kitzel, den ihre Hand durch ihre langsamen Bewegungen an seinem Geschlecht auslöste. Warm, elektrisierend, erwartungsvoll. Ihre Finger umschlossen ihn nun vollends. Er war erregt. Emotional erregt. Bis zum Anschlag geladen.
So lange war es nun her, einfach so fürchterlich lange, dass Marion ihm so nahe gewesen war. Sieben endlose Monate in der Wüste hatte er auf diesen Augenblick gewartet, hatte es sich schlicht und einfach verdient, verwöhnt zu werden. Und sie wusste, wie sie das machen musste, wusste, wie sie ihn um den Verstand bringen konnte.
Aber irgendetwas stimmte nicht, blockierte ihn. Er konnte nicht, körperlich.
Wenn sie in den zurückliegenden Monaten am Telefon gesprochen hatten, dann hatte sie es wie keine andere verstanden, ihn anzumachen. Oh ja. Übers Telefon. Darin war sie unschlagbar. Mit ihren Worten konnte sie ihn im Handumdrehen bis zum Siedepunkt bringen. In Afghanistan zu sein, im Einsatz, und dann Marion am Telefon zu haben - mit einer Stimme, die sie nur für ihn reserviert hatte - und die ihm mit dieser Stimme erzählte, was sie schon alles nicht mehr anhatte.
Das war es, was ihn anmachte.
Hier und jetzt war das anders, ganz anders. Er war nicht mehr in Afghanistan, und er hatte sie auch nicht am Telefon. Er war zu Hause in Berlin, mit ihr zusammen in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer. Sie war so gut in dem, was sie mit ihm tat. Oh ja, das war sie.
Aber er war blockiert, kein Zweifel. Es tat sich einfach nichts bei ihm.
„Mit den Gedanken noch bei der Ikea-Bettwäsche?“ fragte sie. Ganz sanft, ganz leise, so als wollte sie die Stimmung nicht verderben. Sie streifte sich die Feldjacke langsam über die Schultern. „Fass mich an“, sagte sie.
Er tat, was sie sagte, genoss jede Berührung, jede Liebkosung. Und doch ... er konnte nicht. Wie ein Motor, der nicht anspringen wollte. Seine Lust dümpelte tief in ihm vor sich hin, wollte nicht durchstarten. KONNTE nicht durchstarten.
Es lag nicht an ihr, weiß Gott nicht. Ihr Körper war perfekt. Ihre Bewegungen, ihr Geruch, ihre Wärme. Alles an ihr schrie nach Lust, nach Vereinigung.
Aber da war diese Mauer, die irgendwann und gänzlich unbemerkt in seinem Kopf gewachsen sein musste, die ihm bis heute völlig unbekannt gewesen war. Eine Barriere, die unüberwindbar schien. Mächtig. Unumstößlich. Angsteinflößend. Und doch so real. Eine reine Kopfsache war das, eine verdammte Ohnmacht.
Da war diese Frau - seine Frau! - mittlerweile nur noch mit einem hauchzarten String bekleidet, die sich an ihm rieb und die es ihm leicht machte und die so willig war, oh ja so willig! Aber er konnte nicht, er konnte einfach nicht. Nicht hier, nicht heute.
Er konnte es nicht ertragen, nicht mit Marion, nicht mit ihrem nackten Körper, konnte diese feuchte Nähe, diese Wärme, die sie ausstrahlte, diese Weiblichkeit, er konnte es nicht ertragen. Nicht mit ihr so hautnah an ihm dran. Er konnte nicht!
Plötzlich wurde ihm klar, dass die Dinge sich verändert hatten, dass ER sich verändert hatte. Und weder die weinrote Ikea-Bettwäsche noch Marion hatten etwas damit zu tun.
Marion wusste um ihre Wirkung auf Männer.
Männer kamen nicht umhin sich nach ihr umzudrehen. Auf der Straße, im Restaurant, im Büro. Eigentlich überall.
Sie war neununddreißig Jahre alt, naturblond, und die Schwangerschaft hatte sie von Figurkatastrophen verschont. Glück gehabt. Sie gehörte zu dem Typ Frau, bei der die erotische Ausstrahlung mit dem Älterwerden zu- und nicht abnahm.
Wobei, auch bei ihr war vor ein paar Jahren die Zeit gekommen, wo sich ihr Stoffwechsel nicht mehr ganz so nach ihrem Wunschprogramm verhielt. Die Zeiten, wo die Pfunde vom Wochenende spätestens am darauffolgenden Mittwoch wieder vergessen waren, waren Geschichte, ein für alle Mal. Im Büro hatte sie mal das Wort ‚Hüftenglück‘ gehört und zuerst hatte sie sich gefragt, was damit wohl gemeint sein könnte. Doch dann verstand sie – die Hüfte war bei den meisten Frauen das erste Opfer von Chips und Eis und Popcorn und leckeren Soßen - und fand den Begriff sehr passend.
Aber warum sollte sie auch verschont bleiben von den üblichen Problemzonen, die sich unausweichlich aufdrängten? Vor allem, wenn man nichts dagegen unternahm. Und da wollte sie den Hebel ansetzen, wollte dem ‚Hüftenglück‘ entgegenwirken. Also machte sie sich ihre Gedanken über Bauch, Beine, Po – und fing mit dem Joggen an. Erst langsam, kurze Strecken, nicht weiter als zwei Kilometer. Schnelles Gehen und Laufen im Wechsel. Dann immer schneller und immer weiter. Drei – vier – fünf Kilometer, nach zehn Wochen lief sie unbeschwert und locker bis zu zehn Kilometer durch den Grunewald und es strengte sie nicht mehr an als ihren Einkaufswagen durch den Supermarkt zu schieben. Ihre oberste Devise: Regelmäßigkeit! Es gab keine Ausreden, solange nicht eine ernsthafte Erkrankung sie vom Laufen abhielt.
Als junger Teenager hatte sie die Hoffnung, dass es in Sachen Oberweite anders laufen würde als bei ihrer Mutter. Bei ihrer Mutter konnte von ‚Weite‘ in diesem Bereich nicht die Rede sein, und das bereitete der heranreifenden Marion zunehmend Sorge. Mit dreizehn wartete sie täglich sehnsüchtig auf den Augenblick, wo ihr Körper endlich loslegen würde mit der Ausbildung fraulicher Rundungen. Sie wusste, dass es Hormone waren, die diese Sachen regelten, hatte sich sogar den entsprechenden Namen der wichtigsten, weiblichen Hormone gemerkt: Östrogene. Und auf diese Östrogene lauerte sie wie der Angler, der sehnsüchtig darauf wartete, dass die Pose abtauchte und die Jagd nach dem Fisch endlich losgehen konnte.
Es ging irgendwann los. Allerdings eher zaghaft und bescheiden. Mit sechzehn hatte sie eine handliche Apfelform in der Bluse, zu wenig für ihren Geschmack. Sie heulte sich eine ganze Woche lang in den Schlaf, verweigerte den Blick in den Spiegel, verwarf den Traum von Körbchengröße C – oder sogar mehr! - und arrangierte sich an einem verregneten Freitagabend nach vier einsamen Bacardi-Cola mit der Vorstellung, dass ein satter Fundus an Push-up-BHs ein ständiger Begleiter in ihrem Leben sein würde.
Wenn Bekannte oder Freunde gefragt werden würden, was sie von der Ehe von Marion und Harald hielten, dann würden sie sagen, dass diese Partnerschaft eine harmonische, gut-funktionierende, vorbildliche Ehe war. Sie würden sagen, dass sie wünschten, ihre eigene Ehe würde so gut laufen wie die von Marion und Harald.
Tatsache war, dass Marion ihren Mann jeden Tag ihrer Ehe anlog. Und um die Sache zu einem ausgewachsenen Hollywood-Drama abzurunden, log sie ihren siebenjährigen Sohn Joshua gleich mit an. Sie war eine gute, verlässliche Lügnerin, hatte über all die Jahre eine gewisse Routine und Sicherheit erworben. Übung macht den Meister!
Während ihrer Kindheit in Garmisch-Partenkirchen war ihre Mutter ihr ultimatives Vorbild gewesen. Von ihrem zu kleinen Busen mal abgesehen war ihre Mutter so, wie Marion als Erwachsene und insbesondere als Frau sein wollte.
Als Marion dann nach und nach herausfand, dass ihre Mutter es selbst mit der Wahrheit nicht so genau nahm - vor allem was die Treue zu ihrem Ehemann, Marions Vater, anbelangte - fing dieses Bild von der unfehlbaren, vor der Unwahrheit gefeiten Super-Mama an zu bröckeln wie eine Sandburg, die von der herannahenden Flut weggewaschen wurde.
Jetzt war sie selbst Mutter von einem Kind, welches sie über alles liebte, und die Lüge über Joshuas Vater nagte an ihrem Gewissen. Ein steter Vorgang, der an die Substanz ging. Langsam, aber fortwährend. Wie bei einem Baum, dessen Stamm von einem Biber angenagt wurde. Holzspan für Holzspan ging flöten, die Wunde an dem Stamm immer tiefer, kreisrund, immer schmaler wurde der Stamm, bis er sein eigenes Gewicht nicht mehr halten konnte und zur Seite wegfiel. Das war dann das Ende.
Nach der Geburt ihres Sohnes und dem anschließenden heimlichen Vaterschaftstest mithilfe eines durchgekauten Kaugummis und des nachts abgeernteten Kopfhaares war die Sache erst einmal ganz klar für sie gewesen: Die Wahrheit über Joshuas leiblichen Vater galt es für sich zu behalten. Was nutzte es, die Dinge aufzuklären? Keinem war damit geholfen. Keinem. Weder Harald noch Joshua.
Also warum nicht so lange schweigen, bis sie es eines Tages selbst vergessen hat? Zeit heilt alle Wunden, sagen sie. Oder etwa nicht? Und – mal ehrlich: Auch die Wahrheit wurde mit den Jahren immer wässriger und unscheinbarer, und irgendwann war sie durchlöchert wie ein Schweizer Käse. War es nicht so, dass Wahrheiten, über die nicht geredet wurde und die auch so gut wie keiner kannte, sich am Ende wie von selbst erledigten? Also ‚erledigen‘ im Sinne von ‚gar nicht passiert‘?
Alles war gut, so wie es war. Und wenn nicht, dann half es immer, sich für den einen oder anderen Abend schön elendig in den Schlaf zu heulen und darauf zu hoffen, dass es am nächsten Morgen irgendwie weiterging.
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Zwei Tage nach Haralds Rückkehr ging Marion zur Eröffnung des Cafés ihrer besten Freundin Nicole. Harald war mit eingeladen, zog es aber vor, stattdessen zu Hause auf der Couch zu sitzen und einen Film zu schauen. Nicht das erste Mal, dass er sie alleine ausgehen ließ. Vieles hatte sich seit Haralds Afghanistan-Einsätzen geändert.
„Du riechst saugut, Mama“, sagte Joshua, als sie ihn kurz vor ihrem Aufbruch ins Bett brachte. „So fruchtig.“
„Oh, danke. Was für ein Kompliment von einem jungen Mann wie dir!“
„Was ist ein Kompliment, Mama?“
„Erkläre ich dir morgen. Schlaf jetzt, mein Schatz.“
Sie verabschiedete sich von Harald und sah mit einem flüchtigen Blick die DVD ‚Hamburger Hill‘ auf dem Tisch liegen. Das Titelbild zeigte Armeehubschrauber, die tief über verbrannte Erde flogen, darunter bis an die Zähne bewaffnete, amerikanische Soldaten. Ein Kriegsfilm, wieder mal. Vietnam oder so was. Als ob er vom Krieg nicht schon genug gesehen hatte.
Marion trug an diesem Abend einen kurzen, schwarzen Rock in Kombination mit einer transparenten, weißen Bluse. Für den Fall, dass sich die Party auf den großzügigen Außenbereich des Cafés verlagern könnte, hatte sie eine dunkle Suzy-Shier-Strickjacke mitgenommen.
Auf die Tische im Café hatte Nicole weiße Porzellanschalen mit einer Unzahl von Schwimmkerzen stellen lassen. Sowohl auf der langen Theke als auch an der Fensterseite befanden sich Arrangements mit gelben Tulpen, überall verteilt waren Glasschalen mit leckeren, belgischen Schokoladensplittern, angereichert mit Sultaninen, Korinthen und Zibeben.
Nicole eröffnete den Abend mit einer Ansprache. Professionell, selbstbewusst, so ganz ohne Lampenfieber und souverän wie eine Ansagerin vor der Wetterkarte im Ersten. Trotz der High Heels, die sie trug, hatte sie den nächstbesten Stuhl bestiegen und augenblicklich die volle Aufmerksamkeit ihrer Gäste erhalten.
„Warum denn Café Link-Up?“ Eine Männerstimme flüsterte Marion ins Ohr. Sie drehte sich zur Seite und schaute zu ihm hoch: pechschwarze Haare, nach Irokesenart zu einzelnen Spitzen formiert. Farblich passend dazu eine Brille mit einem auffällig dicken Brillengestell. Er war mittleren Alters, Südländer, etwa einen Kopf größer als sie, gutaussehend und gut rasiert. In der Hand hielt er ein bereits leergetrunkenes Sektglas.
„Wie bitte?“ fragte Marion zurück, ihre Stimme mit einem leicht-genervten Unterton.
„Ja ... ich meine das Café hier.“ Er kam ganz nah an ihr Ohr heran. „Es soll ‚Café Link-Up‘ heißen und ich frage mich – warum?“ Ein melodischer Akzent schwang in seiner Stimme mit. Er roch nach teurem After Shave.
„Vielleicht weil sich die Menschen hier im Café kennen lernen sollen“, erwiderte sie.
„Oh ja. Das könnte sein“, sagte er. Sein Grinsen war noch etwas breiter geworden. „Dann sollten wir doch mit gutem Beispiel vorangehen und die Ersten sein, die sich hier kennenlernen. Mein Name ist Pablo, und wenn ich das so sagen darf: Sie sehen bezaubernd aus!“
Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal das unzweifelhafte Gefühl hatte, dass ein Mann ein so eindeutiges Interesse an ihr gezeigt hatte. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass sie seit ihrer nunmehr achtjährigen Ehe nicht mehr so direkt und unbefangen von einem anderen Mann angesprochen worden war. Sie war überrascht, als ihr klar wurde, wie zufrieden, ja fast schon glücklich sie das machte.
„Wollen wir uns nicht lieber nach der Ansprache weiter unterhalten?“, sagte Marion und deutete zu Nicole hinüber, die immer noch auf dem wackeligen Stuhl stand.
„Okay, ich hole schon mal zwei frische Gläser Sekt. Halten Sie mir unbedingt den Platz hier neben sich frei. Sie müssen mir gleich noch Ihren Namen verraten. Abgemacht?“
„Abgemacht.“
Was tat sie da? Was sollte das hier? Da kam ein Pablo daher, hat den richtigen Haarschnitt, das richtige Lächeln und das richtige After Shave, und sie ließ sich nach drei Sätzen zur Platzhalterin einteilen? Wie kam er darauf, dass sie Sekt trinken wollte? Und warum sollte sie ihm ihren Namen verraten? Als nächstes fragt er nach ihrer Nummer und ob sie kommenden Samstag schon was vorhabe ...
Kurze Zeit später war er wieder da, stellte sich direkt neben sie und reichte ihr ein Glas Sekt hinüber. „Die Ansprache ist zu Ende“, sagte er. Der Sekt perlte aufgeregt im Glas. Sie griff danach und konnte augenblicklich die Sektperlen auf ihrer Haut spüren, die unablässig über den Glasrand hüpften.
„Wie lautet er nun?“ Pablo blickte ihr tief in die Augen. Er hatte diese Gesichtszüge, markant, das Kinn kantig und mit einem breiten Grübchen. Tom Selleck, kein Zweifel.
„Ich heiße Marion. Und ... ich bin verheiratet.“
Sein Blick wich keinen Moment von ihr. Der Mann war gut, wusste, was er tat und wie er auf Frauen wirkte. Seine gesamte Mimik verriet ihr, dass sie genau das war, was er heute Abend gesucht hatte.
„Dann stoßen wir doch an, Marion! Auf die Eröffnung von Cafés wie dieses hier und auf bezaubernde, verheiratete Frauen!“
Sie ließen ihre Gläser klingen und Marion konnte nicht anders, als dabei in Pablos dunkle Augen zu schauen. Dieser Mann war weiß Gott kein Anfänger. Und: er trug keinen Ring.
Aber ... was sollte das hier werden? Ein Flirt? Der Beginn einer Romanze? Oder nicht mehr als eine nette Unterhaltung zwischen zwei Menschen, die sich zufällig bei der Eröffnung eines Cafés über den Weg gelaufen waren?
Und warum hatte sie überhaupt erwähnt, dass sie verheiratet war? Den Ehering an ihrem Finger hatte ein Mann wie Pablo doch bereits bemerkt, als sie bei ihrer Ankunft den Raum betreten hatte. Oh ja, solche Männer wussten, worauf sie achten mussten, wenn sie auf Beutejagd waren.
Bevor Marion sich für Harald und damit für ein solides Familienleben entschlossen hatte, gab es mehr als nur einen Pablo in ihrem Leben. Einige hatten es lediglich geschafft, das Bett mit ihr zu teilen und waren am nächsten Tag wieder verschwunden. Aber das war okay. Es waren schlichtweg One-Night-Stands. Marions goldene Regel für solche Fälle: niemals die Telefonnummer preisgeben und niemals die Jungs mit in ihre eigene Wohnung nehmen.
Sie hatte es in vollen Zügen ausgekostet: ihre Jugendlichkeit, ihre Unbeschwertheit und die Männer und die Partys und diese gierigen Blicke, wenn sie kurzberockt und in den höchsten High Heels der Saison zur Tür hereinkam. Diese verlangenden Augen, die die Formen ihres Körpers wie eine Schablone abtasteten, um Augenblicke später den Jagdinstinkt tief im testosterongetränkten Bewusstsein zu wecken.
Aber das alles war jetzt vorbei. Es war ein anderes Leben gewesen; etwas, was man irgendwann einmal hinter sich lassen musste.
Am Ende von Nicoles Ansprache prosteten ihr alle zu, klatschten und jubelten. Sie hatte mehr als nur eine Träne im Auge, als sie sich wieder vom Stuhl herabhelfen ließ und sogleich von einer Gruppe weißgekleideter Gäste, die ein wenig an Krankenhauspersonal erinnerten, eingenommen wurde. Sie strahlte und Marion konnte ihr ansehen, dass es ihr gut ging und dass sie erleichtert war, die Ansprache hinter sich zu haben.
„Wie lange denn schon?“, fragte Pablo.
„Sie meinen ... wie lange ich schon verheiratet bin?“
„Ja ... lassen Sie mich raten ...“ Er musterte sie eingehend und legte seinen Kopf auf die Seite. Marion hatte den Eindruck, dass er ihr so noch tiefer in die Augen blicken konnte. „Eine Frau wie Sie, Marion, die ohne ihren Mann zu einem Empfang geht, ist schon etwas länger verheiratet.“
Sie nahm einen Schluck von ihrem Sekt. „Das sind ja ganz gewagte Schlussfolgerungen! Vielleicht ist mein Mann auch gerade arbeiten oder liegt mit einer Erkältung auf der Couch. Oder passt auf unsere sechs Kinder auf.“
„Sie haben sechs Kinder? Nein! Wirklich nicht ... keine sechs. Sie haben höchstens ein Kind. Junge oder Mädchen?“
Okay, hundert Punkte für Pablo.
„Ein Junge. Und um der nächsten Frage vorweg zu greifen: er heißt Joshua.“
Nicole verabschiedete sich mit endlosem Schulterklopfen und Umarmungen von den in weiß gekleideten Gästen und ging mit einem breiten Lächeln im Gesicht auf Marion und Pablo zu.
Nicole, ihre beste Freundin. Sie hatten sich bei einem Autounfall kennengelernt. Vor acht Jahren, eine halbe Ewigkeit war das her. Marion war gerade mit ihrem Freund Harald von Bayern nach Berlin gezogen und Nicole war zu dieser Zeit mit einem Piloten zusammen. Auf dem Parkplatz eines Griechischen Restaurants rammte der Pilot mit seinem Audi in Marions Ford Fiesta.
Der Pilot war bald Geschichte. Nicole hingegen traf die Unfallgegnerin ihres Ex-Freundes zwei Tage später beim Shoppen in einem Dessous-Geschäft wieder. Die beiden Frauen waren sich auf Anhieb sympathisch, hatten kurzerhand ihre Einkaufstüten gegriffen, sich in das nächstbeste Café gesetzt und sich schon bald über viel wichtigere Dinge unterhalten als über Piloten, die nicht Autofahren konnten.
„Amüsiert ihr euch?“, fragte Nicole. Mit leichtem Schritt kam sie auf Pablo und Marion zu. Sie sah bezaubernd aus: Ihre großen, blauen Augen waren perfekt geschminkt, ihr leicht gelocktes, helles Haar perfekt frisiert und ihr ehrliches, unverwechselbares Lächeln, das Marion schon immer beeindruckt hatte, zeigte perfekt sortierte, weiße Zähne.
„Oh ja. Großartig“, sagte Pablo und blickte wieder zu Marion. „Vor allem deine Gäste sind hinreißend!“
Es gelang den Frauen, Pablo davon zu überzeugen, dass er sich sehr nützlich machen konnte, wenn er sich für das ein oder andere Häppchen am Buffet anstellen würde. Manchmal war es so einfach mit den Männern.
Als sie alleine waren, sagte Nicole: „Harald ist also nicht mitgekommen. Schade ... hatte mich schon gefreut, mal wieder kräftig eine Runde Tequila mit Salz und Zitrone mit ihm zusammen runter zu kippen. Naja, vielleicht das nächste Mal. Sag‘ mal: Wie lange war er jetzt weg gewesen? War doch jetzt länger als vier Monate, oder?“
„Zweihundertundzwölf Tage, beinahe sieben Monate. Fehlten zwei Tage.“
„Und ... da war die Wiedersehensfreude doch sicher unendlich groß, oder? Seit vorgestern ist er wieder hier, richtig?“
Marion zog eine Augenbraue hoch, blickte auf den Boden. „Ja, seit vorgestern,“ antwortete sie. Ihre Lippen waren aufeinandergepresst. Der rosa Lippenstift, den sie trug, wirkte noch ein wenig blasser. „Weißt du, Nicole ...“
Nicole griff nach der Hand ihrer Freundin. „Oh Marion, meine Liebe, ich versteh‘ schon. Es ist wieder so wie nach seinem letzten Einsatz. Stimmt’s?“
Marion atmete tief durch. „Du weißt ja, wie er so ist. Wie er so geworden ist, seitdem er bei Afghanistan mitmacht.“ Sie schluckte. „Er wird mir immer fremder, Nicole, ist mit seinen Gedanken gar nicht hier, gar nicht BEI MIR. Er ist ständig in Unruhe, auf der Suche nach irgendetwas. Er fasst mich nicht mehr an, jedenfalls nicht wie früher. Weißt du, was ich meine? Keine Leidenschaft, keine Freude mehr über das Wiedersehen. Auch Joshua gegenüber ist er abweisend. Nicole, ich habe den Eindruck, es wird immer schlimmer mit ihm.“
Nicole schaute sie an. „Marion, meine Liebe. Hör‘ zu: wir beide müssen uns mal richtig ausquatschen. Ich meine: DU musst dich mal richtig ausquatschen. Aber nicht jetzt und nicht hier! Wir reden später darüber. Versprochen.“ Sie nahm ihre Freundin in den Arm. „Tut mir leid, dass ich überhaupt das Thema aufgebracht habe. Ich dachte, ihr beiden seid vor lauter Wiedersehensfreude in den letzten zwei Tagen nicht mehr aus dem Bett herausgekommen.“
„Ja, so war es nicht ganz ... “
Nicole und Marion saßen an einem Tisch nahe der Theke, zwischen ihnen eine angebrochene Flasche Rotwein, zwei halbvolle Gläser und ein Laptop. Es war zwei Uhr nachts und selbst Pablo - er hatte von all den Gästen am längsten durchgehalten – hatte sich schließlich mit einem extrabreiten Dauergrinsen verabschiedet. Er hatte sich im Laufe des Abends immer besser mit einer Flasche Jack Daniels arrangiert, wurde gegenüber Marion immer mutiger und lud sie am Ende ein, sich von ihm in seinem eigenen Restaurant in die Geheimnisse der spanischen Küche einweihen zu lassen. Ganz sanft und sehr einfühlsam, hatte er versprochen. Das war die Stelle, wo Marion die Notbremse gezogen hatte.
Nicole zeigte ihrer Freundin die neue Internet-Präsentation ihres neuen Cafés. Für die Zukunft hatte sie die Idee, hier auf ihrer Website kleinere Geschichten rund um Berlin oder auch über die Herkunftsländer von guten Kaffeesorten zu veröffentlichen.
Der Rotwein zeigte seine Wirkung und immer wieder gackerten sie wie 14-jährige Schulmädchen. Bald verloren sie das Interesse an der Website und fragten sich stattdessen, was Brad Pitt wohl gerade tat und mit wem er es tat und warum Bildschirme von Laptops nicht gleich als Touchscreen daherkamen. Das würde den Umweg über die Tastatur einsparen und alle wären glücklich. Oder nicht? Und ja: was würde good old Brad Pitt davon halten?
„Der Empfang war klasse!“ sagte Nicole. Marion hatte sie das letzte Mal bei der Feier zu ihrem dreißigsten Geburtstag so lallen hören. „Ich bin so happy, dass das alles geklappt hat. Das ist so geil! Und ungemein wichtig für den Start, verstehst du? Die Leute, die heute hier waren, sind wichtig. Multiplikatoren, verstehst du? Und dann unser nettes Personal ...“
„Nun hol‘ mal wieder Luft, meine Liebe“, sagte Marion und nahm einen Schluck Rotwein. „Das wird schon klappen hier mit deinem Café. Alles ist gut! Und die Nusstorte von deinem Konditor ... ein Traum.“
Beide waren sie beim dritten Glas. Das dritte, nachdem sich Pablo von ihnen verabschiedet hatte. Marion rieb sich die Schläfen. Morgen früh würde sie wieder dieses Pochen hinter den Augen haben.
„Gib doch mal den Namen von diesem Typen ein, den du vor Harald hattest“, sagte Nicole. Sie deutete auf die Tastatur des Laptops. „Wie hieß der doch gleich?“ Sie hatte das Glas Rotwein in der Hand, der Wein schwappte gefährlich umher. „Holla, ist auch egal ... Ich weiß nur noch, dass der auf den Fotos, die du mir mal von ihm gezeigt hast, so fürchterlich große Hände und Füße hatte und du mir nicht verraten wolltest, ob auch alles andere bei ihm so groß war.“
„Du meinst Simon?“, fragte Marion. Sie beobachtete das Glas in der Hand ihrer Freundin.
„Ja, Simon ... so hieß der. Und, wie war das nun mit dem? War wirklich alles groß und gewaltig an dem oder nicht?“
„Nicole, sag mal, was redest du da bloß für einen Schmarrn?“
„Hey, kein Schmarrn, meine kleine Bayern-Zenzi! Entspann dich doch mal ein bisschen ... Mann, bin ich voll ...“
„Vielleicht hättest du dich als Gastgeberin nicht wirklich so betrinken sollen. Und dann als Frau ... ich sag’s ja nur ...“
Nicole wiegte mit dem Kopf hin und her, wie ein Kreisel, der kurz vor dem Umfallen war. „Jawohl, Frau Oberlehrerin! Willst also nicht über Simon reden, okay. Willst dich auch nicht weiter mit mir zusammen betrinken, auch okay.“ Sie nahm einen Schluck Rotwein. „Aber warte: Gib doch mal den Namen von deinem Thorsten ein.“
Marions Augen wurden wässerig. Sie griff nach ihrem Rotweinglas.
Thorsten.
„Das ist nicht mein Thorsten“, sagte sie und blinzelte mehrmals.
„Schätzchen, ich weiß! Aber du musst der Realität ins Auge sehen. Thorsten und du und Joshua ... ihr seid auf ewig miteinander verbunden. Prost, meine Liebe!“
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Es war in der Schule, wo Marion und Thorsten sich das erste Mal begegneten. Thorsten war nach den Sommerferien als Neuzugang in Marions Klasse an das Werdenfels-Gymnasium in Garmisch-Partenkirchen versetzt worden. Beide waren sie vierzehn.
„Ich möchte euch Thorsten vorstellen“, sagte die Klassenlehrerin. Ihr Name war Frau Eichmann und noch nie hatte Thorsten eine Frau mit so wenig Oberweite gesehen. Frau Eichmann hatte praktisch gar nichts. Er stand neben ihr vorne neben dem hölzernen Pult und blickte in zweiunddreißig uninteressierte Gesichter.
Der Klassenraum roch stark nach frischer Farbe. Thorsten fühlte sich seit dem Augenblick, in dem er den Raum betreten hatte, übel. Vor Aufregung vor dem ersten Schultag hatte er nichts gefrühstückt gehabt und der Gestank der Farbe gab ihm den Rest.
„Thorsten kommt aus Hamburg und ist neu hier bei uns. Es wäre nett, wenn ihr ihn hier bei uns willkommen heißt.“
„Hamburg? Wo ist denn das?“ Es war ein Junge in der vorletzten Reihe. Lange Haare, kaugummi-kauend, offene Schnürsenkel.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, Richard. Oder?“, sagte Frau Eichmann. „Und nimm das Kaugummi raus. Also gut ... ihr habt jetzt gleich Mathematik bei Herrn Obermeier. Ich bin nur kurz reingekommen, um euch Thorsten vorzustellen. Wir sehen uns dann in der Dritten für Deutsch.“
Bevor sie ging, grinste sie Thorsten an, zwinkerte zweimal mit dem rechten Auge. Noch vor der dritten Stunde erfuhr er von einem seiner neuen Mitschüler, dass Frau Eichmann den ganzen Tag über vor sich hin zwinkerte. Immer nur rechts.
Der Zufall wollte es, dass es an diesem Tag nur einen freien Platz im Klassenraum gab. Es war der Platz neben Marion. Thorsten setzte sich hin und schaute aus dem Fenster. Es war klares Wetter und er konnte von hier aus direkt auf die Zugspitze sehen. Ein gigantischer Berg, inmitten einer ganzen Reihe von felsigen und spitz-aufragenden Gipfeln im sogenannten Wettersteingebirge, das sich südlich von Garmisch erstreckte und die natürliche Grenze zum Nachbarland Österreich bildete.
Das flache Hamburger Umland und die ständig salzige Meeresbrise, die man erst dann wahrnahm, wenn sie plötzlich fehlte, war weit, weit entfernt. Thorsten hatte das Gefühl, er sei nicht nur in einem anderen Teil Deutschlands, sondern in einer ganz anderen Welt gelandet.
Herr Obermeier hatte alle siebten, achten und neunten Klassen in Mathematik. Ein Mit-Fünfziger, der noch nie ohne Anzug und Krawatte gesichtet worden war. Selbst wenn man ihm zufällig nachmittags beim Einkauf begegnete trug er nichts Anderes. Er hatte zügellose, naturgelockte Haare, schwarzbraun und immer fettig. Die Schüler nannten ihn ‚Waldi‘. Keiner wusste, warum. Aber der Name passte gut.
Waldi war so verliebt in Binomische Formeln, Satz des Pythagoras, Wurzelziehen und Quadratische Gleichungen, dass ihn alles andere, was während seiner Unterrichtsstunden um ihn herum passierte, wenig interessierte. Einige der Schüler lasen Zeitschriften, spielten Karten oder unterhielten sich über das Kinoprogramm. Herr Obermeier bekam von alledem nichts mit.
Marion blätterte zusammen mit ihrer Sitznachbarin in einer Modezeitschrift, während Waldi sich um die binomische Plusminusformel bemühte. Thorsten schaute gelangweilt zur Zugspitze und fragte sich, ob es in Hamburg wohl jetzt gerade regnete und ob dort ebenfalls heute die Schule wieder begonnen hatte. Seine Übelkeit war immer noch da.
Hamburg. Seine Heimat. Sie hatten dort in einer Straße mit roten Backsteinhäusern gewohnt. Die Dächer waren aus grünlich-schimmerndem Kupfer, typisch für die Häuser der ehemaligen Gilde, der Kaufleute und Seefahrer der Hansestadt. Schaute man zum nördlichen Ende der Straße heraus, konnte man die Kräne des Hamburger Hafens ausmachen.
Thorstens Mutter war in diesem Sommer im Alter von vierzig Jahren gestorben. Völlig unerwartet. Für Thorsten war eine Welt zusammengebrochen. Alles, was er hatte, war zusammengebrochen. Das Leben konnte so unfair sein.
Sein Vater war Hochseekapitän und so gut wie nie zu Hause. Nach dem Tod der Mutter musste jemand her, der sich um Thorsten kümmerte, während sein Vater die Weltmeere befuhr. Und würde der nächste für die Obhut von Thorsten in Frage kommende Verwandte, Onkel Hermann, nicht gerade in Garmisch-Partenkirchen, im südlichsten Zipfel von Bayern, zuhause sein, dann könnte Thorsten sich heute noch mit seinem Freund Michael zum Skateboard-Fahren am Elbufer treffen und darauf hoffen, dass die kleine Schwarzhaarige aus der 8b, deren Name er nun im Leben nicht mehr erfahren würde, wieder zuschaute, wenn er seinen 360-Grad-Überschlag mit dem Board hinlegte. Das war seine Spezialität, keiner konnte das so gut wie er.
Irgendwann einmal zwischen der Plusminusformel und ersten Lösungsansätzen von Herrn Obermeier alias Waldi bekam Thorsten von Marion einen Zettel über den Tisch zugeschoben. Der Zettel war in der Mitte gefaltet. Thorsten öffnete ihn und las:
FISCHKOPP
Alles in großen Buchstaben, mit Kugelschreiber geschrieben. Eher eine Jungens- als eine Mädchenschrift. Thorsten blickte hoch, die Reihen entlang und entdeckte an der Fensterseite zwei Jungs, die beide zu ihm hinüberblickten. Als sich ihre Blicke trafen, öffneten und schlossen sie ihre Münder und rissen dabei ihre Augen weit auf. Wie gestrandete Fische.
Thorsten schaute weg. Seine Übelkeit war plötzlich wie weggeblasen. Er nahm den Zettel zur Hand, holte einen Kugelschreiber hervor und schrieb auf die Rückseite:
‚Ein Bayer beim Arzt. Der Doktor schaut ihm ins Ohr und sagt: Könnten Sie sich bitte das andere Ohr abdecken, die Sonne blendet!‘
Er faltete den Zettel wieder zusammen und tippte Marion auf die Schulter. Sie schaute ihn an. Ihre in Falten gelegte Stirn konnte nicht verbergen, dass ihr Gesicht etwas Frisches und Unschuldiges ausstrahlte. Überrascht stellte Thorsten fest, dass manche Mädchen aus der Nähe betrachtet eine sofortige, elektrisierende Wirkung auf ihn haben konnten.
Er hielt ihr den Zettel hin. Sie griff danach und schob ihn weiter zu ihrer Klassenkameradin auf der anderen Seite. Diese zögerte, öffnete den Zettel und las den Text. Sie kicherte. Marion sah sie an, beugte sich näher zu ihr und las ebenfalls den Text. Nun kicherte auch sie, hielt sich dabei die Hand vor den Mund. Thorsten lächelte sie an.
Sie hatte blondes Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel. An dem Ringfinger der Hand, mit der sie ihren Mund abdeckte, trug sie drei feine Goldringe. Ihre Finger waren schlank und grazil.
„Hast du dir das gerade einfallen lassen?“, fragte sie, immer noch die Hand vor dem Mund.
„Ja und nein. Ehrlich gesagt ist der Witz aus Hamburg. Aber da geht der mit Ostfriesen. Habe ich auf die Bayern umgedichtet.“
„Über sowas können wir Bayern aber gar nicht lachen.“
„Ja, das sehe ich gerade.“
Marion hielt einen Moment inne, dann sagte sie: „Wie kommt es eigentlich, dass jemand aus Hamburg nach Garmisch umzieht?“
„Mein Onkel lebt hier. Bei dem wohne ich jetzt.“
„Ach so. Ja dann ist ja alles klar.“ Sie hatte ein schmales Gesicht und ihre Augen waren großartig. „Hast dir gedacht, da erzählst du mal eben deinen Eltern in Hamburg, dass du zu deinem Onkel nach Bayern ziehen willst und springst in den Zug und weg bist du.“
„Nein. So ist das nicht.“
„Ja, denkst du, wer blond ist, ist gleich blöd? Das glaubt dir doch keiner mit deinem Onkel und so. Was ist denn mit deinen Eltern? Sind die plötzlich tot oder was?“
Thorsten erwiderte nichts. Er konnte nicht, dachte an seine Mutter. Seitdem sie tot war, dachte er ununterbrochen an sie. Auch die gelegentliche Übelkeit, die ihn jetzt zu den unmöglichsten Zeiten ereilte, kannte er gar nicht von früher. Erst seitdem sie tot war.
Früher ... das war noch gar nicht so lange her. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, da lag sie im Krankenbett des Tropeninstituts in Hamburg. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie bereits, dass sie diese Nacht nicht überleben würde. Er hatte ihr versprechen müssen, dass, was auch immer käme, er vor allem anderen immer das Ehrliche und Gerechte in den Menschen suchen sollte. Dass er nie ungerecht und gemein gegenüber anderen sein dürfte, dass er die Schöpfung achten und sein Glück nicht in materiellen Dingen allein suchen sollte. Sie war sehr gläubig gewesen.
Er hatte nicht alles verstanden, was sie ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Aber er wusste, dass er sie immer lieben würde. Seine Mutter war eine Frau mit Prinzipien gewesen. Ja, das war sie.
Sie starb an einem Dienstag. An Malaria.
Nach ihrem Tod musste Thorsten oft über das nachdenken, was sie gesagt hatte. Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Er fragte sich, was bitte schön gerecht daran war, wenn einem die Mutter wegstirbt, nur weil sie ihren Mann auf einer seiner Seereisen begleitet hatte und dabei unglücklicherweise irgendwo beim Landgang in Afrika von einer Malaria-Mücke gestochen wurde? Das war doch alles andere als gerecht, oder? Diese Ungerechtigkeit schrie doch nur so zum Himmel. Lauthals!
Und wenn es einen Gott gab, konnte der dafür sorgen, dass Thorstens Gefühle sich nicht gegen seinen Vater richteten, nachdem dieser ihn nach dem Verlust der Mutter auch noch aus seiner gewohnten Umgebung herausriss und ihn ans andere Ende von Deutschland verfrachtete? Nach Garmisch-Partenkirchen, zu seinem Onkel, den er kaum kannte. Am untersten Ende von Deutschland!
„Ich will dich nicht in ein Internat geben“, hatte sein Vater erklärt. „Du musst dich ohnehin mit neuen Freunden und einer neuen Umgebung arrangieren, und bei deinem Onkel Hermann kennst du wenigstens ein paar Gesichter. Es ist das Beste für dich.“
Kurz nach dem Tod seiner Mutter hatte Thorsten einmal zufällig den geöffneten Email-Eingangsordner seines Vaters auf dem Bildschirm gesehen. Er wollte ihn sofort schließen, weil er es für falsch hielt, Emails, die nicht für ihn bestimmt waren, zu lesen, konnte dann aber nicht widerstehen.
Und so erfuhr er, dass sein Vater sich seit dem Tod seiner Frau unzählige Male auf Stellenanzeigen beworben hatte. Alles Jobs jenseits der Seefahrt, alle an Land, wo er abends regelmäßig bei seinem Sohn zu Hause gewesen wäre. Wie bei einer fast vollständigen Familie.
Im Alter von zweiundvierzig Jahren und keinerlei Erfahrung in irgendeiner Karriere, die nichts mit der hohen See zu tun hatte, hatte sein Vater jedoch keine Chance. Er war ein Seebär, sein Leben lang hatte es ihn hinaus auf die See gezogen. Und so hagelte es ausschließlich Absagen. Wenn er überhaupt eine Antwort bekam.
„Was ist nun mit deinen Eltern?“, hörte Thorsten seine Sitznachbarin erneut fragen. Ihre Stimme schien im Gegensatz zu vorher ernsthaft besorgt. So als hätte sie eine Vorahnung.
Thorsten sah an ihr vorbei und konnte an der Fensterseite wieder die beiden Jungs ausmachen, die mittlerweile seine Antwort auf dem Zettel erhalten hatten. Sie erhoben geschlossen ihre Fäuste vor ihren Gesichtern. Keiner der beiden konnte über seinen auf den Zettel gekritzelten Witz lachen.
„Nichts ist mit meinen Eltern!“, sagte Thorsten. Er sagte es zu laut, jeder in der Klasse konnte es hören. Herr Obermeier hielt kurz mit der Kreide an der Tafel inne. Nach einem Augenblick sagte er: „Bisschen leiser bitte!“, und setzte seine Aufzeichnungen an der Tafel fort.
Thorsten hatte mit einem Mal nur noch das Gesicht seiner Mutter vor Augen. Sie war noch so jung gewesen, als sie starb. Und wie sehr er ihre Nähe geliebt hatte, insbesondere als er noch kleiner war. Beim Fernsehen saß sie oft neben ihm auf der Couch und spielte mit seinen Haaren. Sie hatte diese beruhigende Art gehabt. Wann immer sie bei ihm war gab es keine Sorgen und keinen Kummer, alles war in Ordnung und alles war gut. Sie hatte ihn manchmal ‚Knuddel‘ genannt. Aber immer nur, wenn sie alleine waren. Selbst sein Vater wusste nichts davon.
„Was ist denn los?“, sagte seine Sitznachbarin zu ihm. Ihre Stirn war in Falten gelegt. Sie und das Mädchen neben ihr blickten ihn fragend an.
Und plötzlich konnte er nicht anders, plötzlich liefen die Tränen seine Wangen herunter. Er weinte um seine Mutter, die tot war, die nicht mehr zu ihm zurückkam, die ihn nie mehr ‚Knuddel‘ nennen würde. Seine Mutter, die einfach so weggestorben war, viel zu früh, viel zu ungerecht. Oh ja, so ungerecht.
Er wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht, stieß seinen Stuhl zurück und rannte zur Klassentür. Die Übelkeit war wieder da. Die beiden Jungs, die ihn als ‚Fischkopp‘ bezeichnet hatten, klatschten sich mit einem High-Five ab. Herr Obermeier drehte sich zur Klasse um und sagte: „Bisschen leiser bitte!“
Thorsten verschwand in den Gang und zog die Klassentür mit einem Schwung hinter sich zu. Der Schlag hallte durch den Flur, ließ die Fenster auf der Außenseite vibrieren. Dann brach es aus ihm heraus, er heulte bitterlich, ließ die Tränen kommen und über seine Wangen fließen. Er rannte los. Egal wohin, Hauptsache weg.
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Nicole zog den Laptop zu sich heran. Sie bediente ein paar Tasten. „Nur mal eben gucken tut doch nicht weh“, sagte sie. „Sag‘ mal eben den Nachnamen von Thorsten.“
„Nicole ... nur zu deiner Information: Ich bin verheiratet. Da suche ich doch nicht nach anderen Männern im Internet!“
„Viele Frauen sind verheiratet und unterhalten sich trotzdem mit anderen Männern. Sogar im Internet.“
„Andere Frauen können meinetwegen machen, was sie wollen. Und den Ex-Freund anzuschreiben ist doch wohl was Anderes, oder?“
„Marion, er ist der Vater deines Sohnes! Er ist nicht irgendein Ex-Freund. Mein Gott, nun komm mir nicht so katholisch daher.“
Marion schaute sich im Café um. Sie waren alleine. Zwei besoffene Frauen, die davon träumten, einmal zusammen mit Brad Pitt zur selben Zeit im selben Raum zu sein. Oder noch mal siebzehn zu sein und ganz von vorne anfangen zu können. Oder – noch besser! – siebzehn zu sein und zusammen mit Brad Pitt noch einmal von vorne anzufangen.
Nicole war der einzige Mensch, dem sie je das Geheimnis um Joshuas leiblichen Vater anvertraut hatte. Ihr Mann Harald wusste nicht, dass sein Sohn nicht von ihm war, und Joshua, ihr Sohn, hatte keine Ahnung, dass er seinen wahren Vater noch nie gesehen hatte.
Sie leerte ihr Rotweinglas in einem Zug. „Er heißt Thorsten Mager.“
„Na also, Süße, war doch gar nicht so schwer.“ Nicole rülpste. Es roch säuerlich. „Sorry.“
Sie gab ‚Thorsten Mager‘ in die Suchleiste bei Facebook ein. Für Sekunden blickte sie auf den Bildschirm, runzelte schließlich die Stirn. „Also, da gibt es eine ganze Handvoll Typen mit diesem Namen.“
Marion zögerte, rutschte dann auf der Sitzbank näher an ihre Freundin heran. Dicht wie Ölsardinen in der Dose saßen sie nebeneinander und starrten auf den Bildschirm.
„Ich hole mal eben noch was zu trinken, und du bist ein gutes Mädchen und schaust dir artig die Fotos an und pickst den Richtigen raus“, sagte Nicole. Sie schnappte sich die beiden leeren Weingläser, stand vom Tisch auf und lehnte sich für einen Moment an die Tischkante. Als sie sich ausbalanciert hatte, ging sie los.
Marion atmete tief durch.
Warum nicht? Warum also nicht nach Thorsten gucken? Nicole hatte recht: was war schon dabei, nach alten Freunden im Internet zu suchen. Zu erfahren, was aus ihnen geworden war, was sie jetzt machten, ob sie verheiratet waren, Kinder hatten oder was das Leben sonst mit ihnen angestellt hatte? Alle machten das, nicht wahr? Im Internet nach Menschen suchen, die einem mal etwas bedeutet haben.
Sie sah sich die Fotos mit dem Namen ‚Thorsten Mager‘ an. Beim fünften Foto setzte ihr Herz für einen Schlag aus. Das war er, kein Zweifel. Sie hatten sich das letzte Mal vor acht Jahren gesehen, er hatte sich kaum verändert. Dieses Kinngrübchen, diese marineblauen Augen, Tom-Cruise-Augen. Sein schwarzes Haar immer noch voll und naturgelockt. Er war gut gebräunt, aber das war er damals schon immer. Nur die nunmehr deutlichen Falten um seine Augen herum und an den Mundwinkeln gaben ihr die Gewissheit, dass es sich bei dem Foto tatsächlich um ein aktuelles handeln musste. Er sah immer noch verdammt gut aus.
„Was soll’s“, sagte sie zu sich selbst. Sie loggte sich bei Facebook ein und – ohne ein zweites Mal darüber nachzudenken und damit Gefahr zu laufen, unterwegs den Mut zu verlieren - schickte eine Freundeanfrage zu Thorsten.
„Wie sieht’s aus?“, fragte Nicole. Sie kam mit zwei gut gefüllten Rotweingläsern in den Händen zurück und nahm neben ihrer Freundin Platz.
„Ich habe ihn gefunden. Was soll ich schreiben?“
„Zeig mal her ... wie sieht er jetzt aus?“ Nicole war Thorsten nie begegnet, kannte ihn nur von Fotos.
Marion schob ihr den PC hin. Nicole nickte. „Hat sich nicht schlecht gehalten, dein Thorsten. Wow, ein richtig Hübscher! Diese Augen, die erinnern mich irgendwie an ... an ... wer war das doch gleich?“
„Tom Cruise.“
„
