Inhalt
Impressum 2
Vorwort 3
Kapitelübersicht 6
Kapitel 1 9
I Love You for Who You Are 9
Kapitel 2 29
Thor 29
Kapitel 3 51
He, She, It 51
Kapitel 4 69
How Much Does This Weight? 69
Kapitel 5 86
Fat, Fem and Asian 86
Kapitel 6 103
Terror 103
Kapitel 7 119
Deep in the Shadows 119
Kapitel 8 138
Invisible 138
Kapitel 9 154
Eternity 154
Kapitel 10 170
File 811/2017 170
Kapitel 11 187
Final 187
Charaktere – Persönliche Daten 203
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2020 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-178-5
ISBN e-book: 978-3-99107-179-2
Lektorat: Dr. Annette Debold
Umschlagfotos: Thuy-Mi Nguyen, Instagram: xenowa_art
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Vorwort
Wir befinden uns in einer Zeit, in der die bunte LGBTQ-Welt fast vollständig vom Rest der Welt akzeptiert wird. Doch wie sieht es in dieser Welt tatsächlich aus? Schwule und Lesben, Transgender und weitere Diverse kämpfen seit 1969 und länger für ihre Rechte, für mehr Akzeptanz, für Gleichgerechtigkeit.
Ich als schwuler Mann sage – fangt alle bei EUCH selbst an, bevor ihr etwas von anderen erwartet! Und ich werde in den eigenen Reihen gehasst.
811 aus 17beschreibt das schwule Leben in der schwulen Welt aus Sicht der schwulen Außenseiter. Ich möchte mit diesem Buch jene Menschlichkeit nahelegen, die die LGBTQ-Welt sich wünscht, selbst aber oft vergisst. In meinem Buch werden Oberflächlichkeit und Stereotypen in Gefühle und Sonderbarkeiten umgewandelt. Was fühlt wohl ein gutaussehendes Model, wenn es einem übergewichtigen Menschen mit Pickeln und vielen – in der Gesellschaft über Jahrzehnte antrainierten – Makeln begegnet? Natürlich Abscheu. Wie schön ein Mensch ist – unabhängig von seinem Aussehen, seiner Herkunft oder seiner Religion – sieht so gut wie niemand, und noch weniger sehen dies in der LGBTQ-Welt zwischen den eigenen Reihen.
In 811 aus 17 geht es um eine kleine Gruppe Freunde, die sich im Leben finden und gemeinsam den Alltag erleben. Es ist ein Leben, das mit Humor, Drama und dem allgemeinen Wahnsinn in einer Weise beschrieben wird, wie es nur aus den Händen und Erfahrungen eines Betroffenen beschrieben werden kann. 811 aus 17 soll dort ankommen, wo die Welt schön und bezaubernd ist und wo man solche Menschen, wie unsere Protagonisten nicht sieht oder nicht wahrnimmt, wie sie wirklich sind.
Alle Charaktere, ihre Namen, Alter, Herkunft und Berufe sind fiktiv. Alle Protagonisten haben ein reales Rollenmodell, ihre Geschichten sind aber frei erfunden. Parallelen zu Personen, dessen Namen gleich sein könnten oder zu Geschichten, die manche Personen in ähnlicher Weise erlebt haben könnten, sind rein zufällig.
An dieser Stelle möchte ich mich zunächst für die Freigabe der realen Personen für meine Protagonisten bedanken, dafür, ihr Leben in eine fiktive Figur umzuwandeln und eine Geschichte entstehen lassen zu dürfen.
811 aus 17 widme ich meinen Eltern, deren Erziehung mir beigebracht hat, meine Wünsche und Träume zu verfolgen und dennoch den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren. Ich bedanke mich auch bei meinen Arbeitskollegen und vor allem meinen engsten Freunden, die mich inspiriert und zur Vervollständigung dieses Projekts ermutigt haben.
Mein größter Dank gilt:
Ricky Wallenborn
Sebastian Matthes
Dylara Maria Blasius
Christoph Huppert
Martin Abegg
Nina Ernst
und vielen mehr.
Ich als schwuler Mann bin in meiner eigenen schwulen Welt ein schwuler Außenseiter. Ist das denn richtig?
Joshua Luvsya
Kapitelübersicht
Kapitel 1:
Walter, ein übergewichtiger Finanzberater mit irischen Wurzeln, verliebt sich in den leicht femininen verträumten Marvin und beginnt ein Leben mit ihm in Berlin. Nach einigen Jahren zieht es den Iren jedoch zurück in seine Heimat Rodgau, wo er sich schon auf seine damals zurückgelassenen Freunde freut. Allerdings stellt sich ihm die Frage, ob Marvin diesen Schritt mit ihm gehen wird.
Kapitel 2:
Ruben war ein übergewichtiger Teenager, hat sich zusammengerissen und sich und seine Seele hartem Training unterzogen. Der sensible blonde Hüne ist in seiner Beziehung mit einem Türken nicht glücklich und erwischt diesen zudem noch beim Fremdgehen. Ruben glaubt sich in seiner Seele zerrissen und sucht Zuflucht bei seinem besten Freund Hoang, der allerdings ganz andere Schwierigkeiten hat.
Kapitel 3:
Die Transgenderfrau Sophie muss harte Rückschläge einstecken, bevor sie sich in ihrem neuen Körper und Leben wiederfindet. Das Glück ist ihr hold und schenkt ihr einen bezaubernden Ehemann, aber dennoch bleibt es nicht immer rosig, und ihre geliebte Mutter erkrankt an Krebs. Im Krankenhaus trifft Sophie nach längerer Zeit einen längst verlorenen Freund wieder.
Kapitel 4:
Der kleine Hoang ist zu einem angesehenen Arzt herangereift. Allerdings hat er einen seltsamen Männergeschmack und findet nur sehr schwer die Liebe. Nachdem er geglaubt hat, die wahre Liebe gefunden zu haben, muss er feststellen, dass das Leben es doch nicht so gut meint, und Herbert stirbt. Unter Schock muss Hoang nun alle Erledigungen bewältigen und erfährt ein dunkles Geheimnis.
Kapitel 5:
Walter kommt mit Marvin aus Berlin nach Rodgau und plant, Marvin einen Heiratsantrag zu machen. Hierzu benötigt er die Hilfe seiner Freunde, die ihn tatkräftig unterstützen. Das Schwierige hierbei ist allerdings, die Vorbereitungen des Antrages geheim zu halten. Was bei einer kleinen Gruppe Freunde nicht einfach ist. Bei dem Antrag passiert jedoch etwas Unerwartetes, und eine wichtige Bezugsperson ist verschollen.
Kapitel 6:
Nach der Trennung von Ahmet lernt Ruben Moe kennen, der ihn zuerst vergöttert und anhimmelt. Aber der Schein trügt. Der Araber hat auch andere Seiten an sich, die sich Ruben nie gedacht hatte, und bringt den Hünen in pikante Situationen. Als Ruben sich schwört, sich nicht wieder verlieben zu wollen und einfach nur Single zu bleiben, lernt er unverhofft Oliver kennen und verliebt sich Hals über Kopf in den Rocker.
Kapitel 7:
Die Hochzeit von Walter und Marvin steht an, und die Planung läuft perfekt. Marvin erinnert sich an sein Leben vor Walter und erkennt, wie gut es ihn jetzt doch getroffen hat. Jedoch verschwindet plötzlich einer, und man glaubt, die Hochzeit absagen zu müssen. Alles wendet sich wieder zum Guten, und es wird eine große Hochzeit gefeiert.
Kapitel 8:
Zurück in der Zeit und an den Anfang gesetzt, erlebt Hoang das Leben auf eine ganz andere Art und Weise, wie er es zuvor gewohnt war. Er beobachtet seinen Umkreis und ist im Zwiespalt zwischen Glück und Unglück gefangen. Aber auch der schönste Sonnenschein bringt Schatten mit sich, und Hoang glaubt, unsichtbar geworden zu sein.
Kapitel 9:
Das Leben der Freunde nimmt seinen natürlichen Lauf. Ruben heiratet Oliver. Marvin und Walter beziehen ein gemeinsames Haus. Rahmit findet ein neues Hobby und einen Freund. Aber der Schein trügt, und es passiert etwas Unglaubliches, was alle aus der Bahn wirft. Nachdem Marvin wieder in Berlin ist, kommt Hoang und hilft ihm aus der unglücklichen Lage – zu einem sehr hohen Preis.
Kapitel 10:
Herr Rechtsanwalt Fahid Dogan lässt sich seine allererste Akte bringen und ruft sich seine Erinnerungen zu dieser Akte wieder ins Gedächtnis. Neben schönen und interessanten Erinnerungen denkt er auch an sein Leben als schwuler Junganwalt zurück und wie er sich in Martin verliebte.
Kapitel 11:
Die Akte ist noch immer nicht durchgelebt, und der bärige Fahid nimmt sich die Zeit, auch die letzten Winkel seines Gedächtnisses abzusuchen. Er stellt alle Erlebnisse zusammen und nimmt Kontakt zu jemand längst Vergessenem auf, um seine Akte endlich schließen zu können.
Kapitel 1
I Love You for Who You Are
Anm.:
– Fetteingerückte Passagen sind die GedankenWalters.
–Kursiveingerückte Passagen beschreiben die Gedanken derUmgebung.
–Unterstricheneingerückte Passagen sind die GedankenMarvins.
10.02.2012
Fleisch, das alles ist Fleisch. Und ich fühle es. Es ist Fleisch. Alles Fleisch und ich fühle es. Nicht ihr, ihr dünnen mageren Hupfdohlen mit den perfekten Haaren und den schicken Klamotten. Ich bin fett – so ist es halt. Ich weiß, dass das nicht schön ist. Also hört auf, mich anzusehen, als ob ich euch gleich fressen würde. Hm, jetzt habe ich Hunger.
Walter Jenkins
„Heute ist es so weit! Ich treffe ihn jetzt das erste Mal!“ Aufgeregt und erwartungsvoll packte Walter seine Arbeitstasche zusammen. Walter hatte ihn, Marvin, über Kommentare eines gemeinsamen Bekannten online auf Facebook kennengelernt. Die beiden hatten einen Beitrag kommentiert und waren so ins Gespräch gekommen. „Dieser scheiß Euro-Job geht mir echt auf die Nerven!“, dachte Walter, als die leitende Mitarbeiterin des Büros ihn zu sich winkte. Er hätte vor 5 Minuten Feierabend gehabt. Zum Glück war jetzt nichts, die Frau wollte nur ein schönes Wochenende wünschen. Einerseits genervt, andererseits erleichtert, warf sich Walter die Jacke über den breiten fleischigen Rücken und begab sich zum Ausgang des Großraumbüros vorbei an mehreren kleineren Arbeitsplätzen von Kollegen, mit denen er nichts anfangen konnte. Dies beruhte auf Gegenseitigkeit.
Oh, seht euch mal diese kleine dünne Schwuchtel an. Erinnert mich ein wenig an Hoang, nur dünner und in die Länge gezogen. Wie kann man nur 1,90 m groß sein und bloß 50 kg wiegen? Gebt dem was zu essen! Oh, der hat mir zugewunken mit seinem hässlichen Grinsen. Ich weiß schon was er denkt: Endlich geht dieses fette Vieh, und ich kann dem Boss einen blasen.
Innerlich lachend öffnete Walter die Bürotür und atmete die Berliner Luft tief ein. Es roch ein wenig käsig und er zog die Deodorantflasche aus seiner Tasche, um sich noch ein wenig frisch zu machen. Die Schweißperlen auf seiner Stirn wischte sich der rothaarige Mann mit der blassen Haut mit dem Handrücken ab, und er schüttelte sich etwas. Es war schon ein wenig frisch an diesem Nachmittag, aber die Sonne war draußen, und jeder winzige Sonnenstrahl ließ Walters Herz einen kleinen Satz machen. Er nahm sein Smartphone heraus und googelte sich den schnellsten Weg zum vereinbarten Treffpunkt.
Er denkt bestimmt, ich bin so ein Freak, der ihn füttern möchte, bis er platzt und sich in die Hosen macht. Aber ich mag ihn wirklich. Er ist intelligent, witzig und boshaft. Vielleicht mag er ja Yoga? Welche Tasche trage ich denn zu dem Date? Oh nein, meine Fingernägel sehen aus. Ich muss zur Maniküre und meine Haare, meine drei Haare müssen auch noch gerichtet werden. Ach herrje, ich habe gar keine Zeit. Er muss mich wohl so kennenlernen, wie ich bin. Er mag mich bestimmt nicht.
Walter erinnerte sich, wie Marvin ihn gefragt hatte, ob sie sich zum Kaffee treffen sollten. Die Nachricht kam einerseits so plötzlich, andererseits war es schon sehr nach Walters Geschmack. Er dachte zurück, wie er Marvins Profil durchstöbert hatte und wie seine Begeisterung mit jedem Klick gewachsen war. Heute Morgen kam diese Frage – und was sollte er auch anderes antworten als „JA!“? Außerdem war es Walter leid, sich immer nur durch die Gegend zu vögeln und dann allein zu Hause zu sitzen und über den vergangenen Tag zu grübeln. Obwohl er nicht in das Beuteschema vieler Leute passte, hatte Walter in Berlin viel Spaß, viel Saft und viele Abenteuer. Aber irgendwann mal sollte Schluss sein. Denn schließlich war Walter schon fast 25 Jahre alt und hatte noch nichts Festes im Leben erreicht. Keinen richtigen Job, obwohl er Finanzwesen studiert hatte, und keinen Partner… einen Partner zu haben, das wäre das Größte für ihn gewesen.
Brumm, boom, bang, kaboom. Godzilla is in the house! Deo, ich brauche unbedingt etwas frisches Stinky unter die Arme. Warum sind die Arme so schwer? Hey, wer hat meine Arme angeklebt? Ach, das war ich selbst. Schweiß mit Fett macht UHU. Okay. Noch 200 m bis zum Alexanderplatz. Boah, wo kommen die Menschen her? Hey, der sieht gut aus, ob er einen hübschen Lolly für mich hat? Be my sugar Daddy! HAHAHA … nope, nein, der sieht nicht groß aus. Teenie weenie! Mann! Habe ich kranke Gedanken!
Walter war dann pünktlich am Alexanderplatz in Berlin. Er wartet. Von Marvin war nichts zu sehen, keine Message, kein Anruf, nichts. Es war bereits 16.00 Uhr – 30 Minuten nach vereinbarter Zeit – 16:10 Uhr, 16:15 Uhr … Hunderte Menschen gingen an Walter vorbei. Die einen schauten ihn abwertend an, die anderen musterten ihn wie ein Stück Vieh. Wiederum andere haben ihn nicht einmal registriert und sind einfach an ihm vorbeigegangen als wäre er einfach nur ein Baum im Weg. „Gut, mal wieder einer von DIESEN Idioten … ich warte noch 15 Minuten, und wenn er um 16:30 Uhr nicht da ist, geh ich heim …“, dachte sich Walter und tänzelte unauffällig von einem Fuß auf den anderen. Er rückte schnell seinen Schritt zurecht und schaute sehnsüchtig durch die Gegend, ob nicht doch irgendwer Interessantes erscheinen wollte.
Seht euch mal den da an! Er sieht etwas psychopathisch aus. Er schaut ständig aufs Handy. Wie kann so jemand Fettes wie er, mit weißer Haut und rotem Zottelkopf, ein Date haben? Das ist doch widerlich. Machen wir lieber einen großen Bogen um ihn herum. Er wird uns sonst noch auffressen.
Marvin Sonntag
„Heute ist es so weit! Ich treffe ihn jetzt das erste Mal!“ Aufgeregt und erwartungsvoll stand Marvin in seiner Küche, noch nicht geduscht – die Frühstücksschale halb voll mit Müsli – in dem Facebook-Profil blätternd. Es war schon 14:00 Uhr, vom Chatten her wusste Marvin, dass Walter noch auf der Arbeit war – ein lausiger Euro-Job war es, glaubte er. „Wieso sitzt man bei einem Euro-Job bis 15:00 Uhr im Büro?“,dachte Marvin und setzte sich auf die Couch zurück. Dann blätterte er in dem Modemagazin und betrachtete die hübschen Modelle mit ihren perfekten Gesichtern und wunderschönen Fingernägeln. Marvin schaute an sich herunter, die Brust und der Bauch verdeckten die Sicht auf seine Oberschenkel, und er sah nur seine Füße in den dreckigen Socken, die auf dem dreckigen Wohnzimmertisch ruhten. Dann blätterte er weiter in dem Magazin und blieb bei einem Artikel über einen Drogendealer hängen. Der Artikel war spannend, aber auch erschreckend schmerzlich. Es war ja nicht lange her. Dann legte er das Magazin zur Seite und schaute auf seine Uhr. „Scheiße! Ich bin zu spät!“
Er wird mich nicht mögen. Egal was ich mache, ich bin ihm bestimmt zu tuntig. Meine Güte, wie denke ich da über mich? Hm, die Seife riecht gut. Das Shampoo ist so toll. Das kühle Wasser auf meiner weichen Haut ist ein Traum. So schön, wenn man unter dem Wasserfall in den Tropen steht und dir überall nackte muskulöse Hengste Trauben zum Naschen reichen. In den eigenen Gedanken verloren sein ist wunderschön. Es ist das Beste. Diese feinen Trauben und diese schönen Männer. Scheiße, wach auf!
Schon fast wütend machte sich Walter auf zur nächsten Haltestelle. Er wusste, diese eine Bahn würde er eh nicht schaffen, die 135 kg waren einfach zu schwer zum Rennen. In der Ferne sah er diese eine Bahn schon, die er sowieso verpassen würde. Einige Passagiere stiegen aus und Walter hörte lautes Geschimpfe. „Oh, da macht so eine kleine dünne Tante wieder eine Szene!“,freute sich Walter, als er näherkam. Er liebte es, wenn Menschen Szenen machten. Besonders Menschen, die ihm und seinem Aussehen keine Beachtung schenkten und mit sich selbst beschäftigt waren, erfreuten Walter, wenn sie aus ihrer Haut fuhren und dabei lächerlich aussahen. Die dünne Frau wurde von einem Typ mit Kappe und Rucksack aus der Bahn geschoben und schimpfte laut und hysterisch. Der Typ rannte los und an Walter vorbei. „Der roch aber fein!“
Hey, warte mal. Das ist er doch! Schlaftablette auf Speed. Der Rucksack sieht süß aus. Und der Hintern. Oh ja, das ist er doch. Was?! Hat er mich nicht erkannt, oder wie? Ich bin doch so fett, mich kann man nicht übersehen. Hey, bleib stehen. Oh, das ganze Fleisch. Jetzt muss ich ihm noch hinterher und die 50 m zurückgehen. Das ist echt anstrengend. Kann mich jemand anschieben?
„Scheiße … scheiße …Aus dem Weg, du alte Hexe!“, schimpfte Marvin und schob die dünne Frau aus der Bahn raus. Er war eindeutig zu spät. Marvin nahm seine 105 kg und sprintete, so schnell er konnte, zum Treffpunkt – ohne Rücksicht auf Verluste. Und er war zu spät. Der Treffpunkt war leer. Kein Walter zu sehen. Marvin zog sein Handy aus der Tasche, nahm seine Kappe ab und fächerte sich ein wenig Luft zu. „Bestimmt wieder so ein Typ, der mich verarschen will!“,dachte Marvin, als er merkte, dass er keine Nachricht bekommen hatte. Er setzte die Kappe zurück auf seinen braunen Zottelkopf, um die wuscheligen Haare wieder plattzudrücken. Seine auf die Nasenspitze heruntergerutschte Brille setzte er mit dem Mittelfinger elegant nach oben. Er wollte schon wieder gehen, als dann doch eine Nachricht kam: DREH DICH UM!
Bitte, bitte sei kein Arsch. Oh nein, keiner mehr da. Nein, warum bin ich immer so blöd? Bestimmt wieder so ein Typ, der mich verarschen will! Och Mann, ich setze mich gleich auf einen Hydranten zur Abregung. Oh, eine Nachricht.
Die beiden reden miteinander, als würde es uns nicht geben. Was soll der Scheiß? Wisst ihr denn nicht, wer wir sind? Wir sind die Schönen, die Reichen, die tollen Menschen, die die Welt erobert haben. Alle Welt sieht zu uns auf. Hallo?! Seht ihr uns denn nicht? Hier oben! Hier sind wir, die, die ihr niemals sein werdet! Hier! Wir umkreisen euch, ihr seid so fett, Ihr seid die Sonne und wir die kleinen Planeten. Hallo? Hört ihr uns? Ich glaube, die verlieben sich.
„Und es gibt Edamer.“, sagte Marvin ohne große Begeisterung, als er davon erzählte, welche Käsesorten in seiner Familie gegessen würden. Mit begeisterungslosem Blick hörte Walter ihm zu. „Sei still und schau mich nur an. Er hat so ein schönes Gesicht. Ich sterbe gleich. Sprich nicht weiter. Ich bin hungrig. Er hat ein echt schönes Gesicht.“„… Gouda ist nicht so wirklich beliebt bei uns, aber ich mag das schon. Am besten überbacken. Hast du schon einmal diese …“ Um Marvin am Weiterreden zu hindern, drückte Walter ihm einen dicken Kuss auf die Lippen. Lange. Mit Zunge. Die Zeit fror ein. Das war für Walter äußerst untypisch, und er war selbst von sich überrascht. Er hatte sich sonst nie wirklich getraut, impulsiv zu sein und zu tun, was er gerade wollte. Sonst war Walter eher pedant durchgeplant, alles bis ins Detail berechnet. Selbst seine Sextreffen waren durchgeplant und auf seine Ziele ausgerichtet gewesen. Alles musste so geschehen, wie Walter es geplant hatte. Außer jetzt. Jetzt war es anders.
Er schmeckt genauso gut, wie er riecht. Und sein Gesicht, ich könnte mich draufsetzen. Aber dann erstickt er. Er hat ein so schönes Gesicht. Ohne Makel. Ohne – warte mal, trägt er Make-up? Rouge? Oh Gott, wie schwul. Ich habe hier eine kleine Schwulette. Eine männliche Schlumpfine! Ich bin Gargamel.
Oh Gott, er küsst mich. Er küsst so gut. Ich bin eine Prinzessin. Ich habe meinen Ritter in eiserner, halt, nein, er hat keine Rüstung. Das ist Fleisch.
Die beiden saßen jetzt schon 4 Stunden lang in diesem Café. Sahen sich in die Augen. Lächelten sich zu und unterhielten sich – nicht nur über Käse – über alles, was im Leben so passiert. Walter machte sich gerne über sein eigenes Gewicht lustig. Er war sich aber auch bewusst, dass sein Übergewicht nicht gerade zu den Schönheiten der Welt gehörte. Doch das schien Marvin egal zu sein. Sie redeten und küssten sich. Es war, als würden zwei Herzen mit Käse übergossen ineinander schmelzen. Walter erzählte davon, wie seine Mutter ihn im April letzten Jahres vor die Tür gesetzt hatte und er mit seinem letzten Ersparten nach Berlin gereist war. Eigentlich wollte Walter nur die Stadt sehen und neue Leute kennenlernen. Dass das Neue-Leute-kennenlernen reines „Ficken“ war, ließ er vorerst bei seinen Erzählungen aus. Dann erzählte er, wie wohl er sich doch in Berlin fühlte. So frei von Familie und niemand konnte ihm was sagen. Dennoch vermisste Walter seine besten Freunde vom Land, mit denen der Kontakt derzeit nur sehr schleppend zu halten war. Walter war übergewichtig, rothaarig mit irischer Abstammung und hatte Sommersprossen. Die grünbraunen Augen machten ihn zum typischen Ginger, in dreifacher Masse. Aber das schien Marvin umso mehr zu interessieren. Marvin hingegen fand sich selbst eher langweilig, ein einfacher Typ mit einfachem Lebensstil und einfachen Interessen und nicht sonderlich interessant. Er war Verkäufer in einem Möbelgeschäft und räumte jeden Tag die Regale in seiner Abteilung ein, Kleinkrams wie Tischlampen und Kabel und Glühbirnen. Es gab nichts Aufregenderes, als einen Möbelverkäufer, der Lampen verkaufte und alte Damen darin beriet, welche Lampe welches Licht in deren Schlafzimmer erzeugte. Marvin war nicht sonderlich von sich selbst überzeugt gewesen.
5 Jahre später im Februar 2017
„Das war der Moment, in dem ich meinen Seelenverwandten gefunden habe!“, schrieb Walter auf das Blatt. Er hatte eine unglaublich schöne Handschrift. Fünf Jahre waren Walter und Marvin schon ein Paar. Es gab so viele Höhen, so wenige Tiefen, so viel Freude und auch ein wenig Schmerz. Er erinnerte sich, wie er einmal mit Marvin in einem großen Kleidergeschäft war, weil er neue Oberteile brauchte und alle Moden, die in der Übergrößenabteilung angeboten wurden, allesamt in hässlicher depressiver Farbe waren. Ein einfaches Hemd in Größe XXL zum Beispiel, das es in der normalen Herrenabteilung in mindestens zehn verschiedenen Farben gab, war in der Abteilung nur in Dunkellila oder Grauschwarz erhältlich. Um ein T-Shirt zu finden, welches Lebensfreude und Freiheit ausstrahlte, musste Walter stundenlang suchen, während Marvin, der um einiges schlanker als er war, keine Probleme und bereits nach einer halben Stunde alle seine Sachen gefunden hatte. Walter hatte manchmal kein Glück mit Kleidung. Und wenn er etwas fand, das er mochte, hatte Marvin es bereits, und es war Walter unangenehm, das gleiche Teil zu kaufen.
Walter musste laut und herzhaft lachen. „Warum lachst du?“, fragte Marvin, der seinen hübschen Kopf ins Büro steckte und Walter unter der Brille hervor ansah. „Ich habe nur an die Jägermeistertour gedacht.“, antwortete ihm Walter mit einem frechen Grinsen.
Marvin: „Oh, gruselig. Was schreibst du da?“
Walter: „Ich schreibe Hoang einen kleinen Brief.“
Marvin: „Wir haben auch Telefone.“
Walter: „Ich bin ein klassisches Beispiel für Klasse.“
Walter erinnerte sich zurück an diesen Abend, an dem einige ehemalige Studienkollegen zu Besuch waren und sie eine kleine Party gaben und im Anschluss noch um die Häuser zogen. Die Kollegen und er selbst vertrugen, durch langes Training während des Studiums, reichlich Alkohol. Marvin hingegen, der in der Zeit eine Fastenzeit eingelegt hatte, vertrug eher weniger, wollte aber nicht hinterherhängen und kippte bei jeder Runde der Gruppe einen Jägermeister mit. Das Endergebnis war, dass Walter seinen Partner in dessen eigenem Abendessen neben dem Bett in der ersten gemeinsamen Wohnung wiederfand, weder ansprechbar noch zu jeglicher Bewegung fähig. „Weißt du noch, wie eklig das war, dass ich dein Abendessen aufwischen musste und du nur ‚Tut mir leid, tut mir leid‘ flüstern konntest?“ Beide sahen sich tief in die Augen. Und lachten herzhaft. „Ich geh zum Yoga, soll ich dir was vom Markt mitbringen?“, fragte Marvin, der sich aus der Umarmung löste. „Den Yogatrainer und eine Packung Feenstaub“, scherzte Walter, der sich wieder an den Brief machte. „Hoang braucht unbedingt Feenstaub!“ Lächelnd verließ Marvin das Büro. Walter schaute seinem Partner verliebt hinterher.
Ich werde diesen Mann zu meiner Frau nehmen. Oder so. Bloß nichts verraten.
In dem Moment, in dem Walter Marvin das erste Mal geküsst hatte – um den Käse zum Schweigen zu bringen – begann für ihn das große Leben. Walter hatte Energie. Er wuchs an sich und war verliebt. Marvin war Walters dritte Beziehung. Die vorangegangenen Partner hatten es nicht einmal zum ersten Jahrestag geschafft. Der erste hatte nach drei Monaten Walter einfach überall in den sozialen Medien blockiert und sich nie wieder gemeldet, der zweite hatte Walter einfach nach 8 Monaten vor die Tür gesetzt mit der Begründung, er habe jetzt was Besseres gefunden und brauche ihn nicht mehr. Nachdem sich dann Walter bei Ruben über die misslungenen Beziehungen ausgeheult hatte, hatte er angefangen, sein Herz in eine Schatulle zu stecken und einfach nur das Leben und alle Typen zu nutzen, die ihm über den Weg kamen. Und hin und wieder auch mal ein oder zwei wegzustecken. Aber nicht mit Marvin. Walter liebte Marvin.
Flashback zum 13.02.2012
Er ging am nächsten Montag zum Jobcenter und wollte endlich richtige Stellenausschreibungen haben. Schließlich hatte er Finanz- und Wirtschaftswesen in Frankfurt am Main studiert und – in einem Plüschrahmen – ein Diplom. Es konnte doch nicht so schwer sein, ein Schwergewicht in einer Bank einzustellen. Mit Ungeduld wartete Walter, der nur schwer in den Stuhl dieser dürren Jobcenterangestellten gepasst hatte, und schaute sie mit engen Augen an. „Du dünnes Weib – tipp schneller!“,dachte er und musste fast lachen. Die kurdische dürre Frau blickte ihn herablassend an. Ihr Blick ging von seinem Gesicht über seine Brust runter bis zum Bauch und wieder rauf. „Ich habe hier eine offene Stelle bei einer Internetfirma, Herr Jenkins. Das war es aber auch. Mehr gibt es nicht. Ansonsten hätte ich nur noch leichte Tätigkeiten, die zu Ihnen passen könnten.“, sagte die Dame gelangweilt und offensichtlich angewidert von Walters Fettleibigkeit. Ihre Augen wanderten stetig von seinem Bauch zu ihrem Monitor und zurück. „Drucken Sie mir das aus.Und wenn Sie Ihren Ton ein wenig ändern würden. Ich bin fett, nicht blöd. Höchstwahrscheinlich ist mein Abschluss doppelt so viel wert wie Ihrer und dreimal so schwer wie Sie. Was bekommen Sie denn zu essen? Sie verhungern ja noch!“ Fast wäre Walter über das Ziel hinausgeschossen. Manchmal geschah es, dass Walter seine Gedanken nicht im Verborgenen halten konnte und er schrie einfach los. Zum Glück konnte er sich an diesem Tag beherrschen. Denn er hatte einen hübschen –wenn auch nicht unbedingt seinem Typ gerechten – jungen Mann kennengelernt.
Ich hätte sie auffressen sollen. Dann hätte ich ihr Wissen und ihre Zugangsdaten zu den Stellenausschreibungen. Bestimmt haben die sogar ein System, wen sie vermitteln wollen und wen nicht. Schade, dass man heutzutage eingeladen werden muss, um einen Job zu bekommen. Jemandem die Tür einrennen macht heute keinen guten Eindruck mehr. Ich mache einen exzellenten Eindruck. Ich drücke exzellent ein!
Anfang März 2012
Er bewarb sich auf die drei Stellen, die ihm die Kurdin ausgedruckt hatte. Und bekam drei Absagen. „Du könntest dich ja bei uns bewerben“, sagte Marvin beim vierten Date im Restaurant. „Wenn wir zusammenarbeiten würden, würden wir wohl die ganzen Betten im Möbelhaus testen.“, erwiderte Walter frech und spielte auf das Thema an, über das sie noch nicht einmal gesprochen hatten – SEX. Marvin errötete. „Oh Gott! Ich sterbe. Er ist so süß – oh, ich habe eine Erektion!“,dachte Walter, als er die roten Wangen liebäugte. Aber es war Walter nicht mehr peinlich, ein Zelt unter seinem Bauch aufgebaut zu haben. Er war verliebt. Und diesen jungen Mann mit den kurzen braunen Haaren und den roten Wangen wollte er nicht mehr gehen lassen. Es war ein anderes Gefühl, es war teilweise beängstigend und teilweise wunderschön. Und diese Anziehung. Marvin war gar nicht Walters Beuteschema, aber diese Anziehung. Es ließ sich für Walter nicht in Worte fassen, was er empfand. Er empfand etwas ganz Fremdes. Etwas ganz was Warmes. Etwas ganz Neues.
Sei froh, dass ich mich so gut zügeln kann, du kleine geile Schnecke. Ich könnte mich über dich rollen und dir die Welt auf dem Pans servieren. Oh Mann, bist du so süß und sexy. Deine Augen und diese Wangen. Wie sehen deine Arschbacken aus? Ich will die knabbern. Oh ja, du verstehst mich. Ich sehe es. Du verstehst mich.
„Hat er gerade auf Sex angespielt? Oh, ich bekomme eine Erektion!“,dachte sich Marvin und wurde rot. Er schaute Walter an, er lächelte und starrte ihn an. Keine andere Reaktion, nur ein breites Grinsen und ein ihn ausziehender Blick. „Er ist eingefroren! Steif! Wie kann man nur so attraktiv sein?!“,versuchte Marvin seinen eigenen Blick abzuwenden, doch er blieb in dem frech eingefrorenen Gesicht hängen. „Wenn meine Beine nicht so breit wären, würde ich die jetzt übereinanderschlagen.“ Es war merkwürdig, aber auch schön. Es war richtig. Er war verliebt. Zum Diner gab es eine klare Suppe und für Marvin einen frischen Salat mit Nüssen und Hühnerbruststreifen. Walter hatte nach der Suppe ein deftiges Steak mit Bratkartoffeln. Die beiden verliebten Männer aßen still und schweigend, sich aber in die Augen schauend, auf und berührten sich hierbei unter dem Tisch mit den Kniescheiben. Beide spürten die Funken fliegen und lächelten sich ständig verliebt an. Die Kellnerin, die den Tisch abräumte, verzog für einen kurzen Moment ihre chirurgisch gemachte Nase, als sie sah, wie sich die beiden mit den Fingerspitzen berührten und sich immer näherkamen.
Seht mal, da drüben die beiden Speckschwaden dort! Die fressen sich gleich auf! Nehmt euch ein Zimmer, oder besser, nehmt euch eine Küche! Das ist ja unbegreiflich, dass zwei Dicke sich ineinander verlieben können. Die sind doch nur zur eigenen Belustigung da. Meine Größe braucht mehr von diesen niederen Wesen, die mich vergöttern und mich hoch in den Himmel tragen.
Im April 2011 hatte ihn damals seine Mutter aus dem Haus geworfen, und er zog vom Land in die Hauptstadt. Damals war er schwer übergewichtig, unzufrieden, traurig und wütend. Er war arbeitslos, kannte kaum jemanden in Berlin. Nur einige wenige Fickfreunde, bei denen er ein paar Tage übernachten konnte – gegen das übliche „Mach den Mund auf!“-Prinzip. Es waren nicht wenige. Aber das klingt besser als „eine Armee“. Walter hatte schon immer ein sehr schönes und junges Gesicht, Sommersprossen und strahlende Augen, dank seiner irischen Wurzeln. Das wussten die Typen gerne auszunutzen – und manchmal gefiel es Walter auch. Und genauso konnte es für ihn weitergehen, denn er war ein schwuler Mann in einer großen Stadt, die unglaublich viele Möglichkeiten bot, sich flachlegen zu lassen oder flachzulegen. Dennoch war es nicht einfach, etwas zu finden, denn meistens bekam er auf den Datingseiten Absagen und wurde des Öfteren grundlos blockiert, nur weil er nicht in das Beuteschema passt. Und wenn Walter Glück hatte, fand er sich auch mal in einer Gruppe ausgehungerter Männer wieder.
Oh ja, nehmt mich und füllt mich mit eurer Sahne! Macht aus mir ein Eclair extra-ordinaire, ihr geilen Hengste! Was? Nur drei Tropfen?! Wo ist mein schwer verdienter Saft?! Next! Oh Gott, ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich jetzt in den letzten drei Stunden gekommen bin. Dieser Gangbang ist der Hammer. Single und als Brunnen dienen, das ist das Beste! Next!
Dann fand er im Dezember 2011 seine erste eigene „Absteige“ und konnte über das Jobcenter einen lausigen Euro-Job beginnen als Bürobote, täglich von 12:00 – 15:00 Uhr, von Mittwoch bis Freitag, in einer lausigen Anwaltskanzlei. Der Job war ihm nicht gerecht, aber er machte ihn. Schließlich gab es auch in der Kanzlei Gelegenheiten, Druck abzulassen und auch mal einen netten Reißverschluss zu öffnen und sein Gesicht darin vergraben zu können. Und einige Klienten kamen dann öfter in die Kanzlei, nur um nach der Besprechung beim Anwalt für eine Viertelstunde auf der Toilette zu verschwinden.
In dieser Anwaltskanzlei gibt es nur einen Anwalt, der sexy ist. Nur einen! Und der ist mit einem Mann verheiratet und hat zwei Kinder. Was zur Hölle läuft da schief? Und diese Tucke da, dieses dünne Ding, ich wette, er schleicht sich immer nach Feierabend zum Boss unter den Tisch! Ich wette!
Und dann verliebte er sich in Marvin. Marvin war drei Jahre jünger als Walter. Süß, ruhig und ein wenig verträumt. Marvin arbeitete in einem namhaften Möbelgeschäft als Verkäufer. „Marvin hat das Gesicht eines Engels!“, schwärmte Walter damals, als er mit Hoang telefonierte. Auch Marvin war manchmal übergewichtig, jedoch schwankte dessen Gewicht immer im Rahmen 20 kg plus/minus. Walter hingegen blieb schöne stämmige 130 bis 140 kg. „Der lässt mich einfach fett zurück!“, beschwerte sich Walter mal bei Hoang scherzhaft. Jedoch hatte Walter hierbei einen kleinen Anflug von Angst. Angst, Marvin zu verlieren.„Was ist, wenn Marvin jetzt eine tolle Figur bekommt? Er verlässt mich bestimmt!“,fürchtete Walter und teilte seine Gedanken direkt mit Hoang. Was sich bis heute nicht bewahrheitet hat. Dennoch machte Marvin in einigen Phasen deutlichere Fortschritte zu einer besseren Figur als Walter, was ihn schon manchmal sehr ärgerte. Aber er beruhigte sich auch schnell wieder, denn Marvin hatte auch andere Phasen, in denen er dann fast gleich mit Walter auf der Waage war.
März 2017
Vor einigen Monaten, im September 2016, nachdem er von einer Beerdigung aus Rodgau zurückkam, hatte Walter sodann das Bedürfnis verkündet, nicht mehr in Berlin leben zu wollen. Er hatte Heimweh. Zwar hatte er einen gut bezahlten Beruf gefunden. Aber dennoch vermisste er die Kühe, die frische Luft, das frisch gemähte Gras und seine Freunde aus dem ländlichen Dorfleben. „Stopp, ich mag die Leute zu Hause doch gar nicht!“Aber er hatte das Gefühl, nach Hause zu müssen.
Ich weiß noch ganz genau, wie die mich immer angesehen haben. Besonders zum Abitur hin, als meine Klasse aufgelöst wurde und ich in diese kleine Streberklasse kam, wo diese Tussi mit der Tunte rumhing und behauptete, die Tunte wäre ihr Freund. Hoang war so schwul, der furzte rosa Plüschwolken. Na schön, es gibt schon einige Leute, die ich vermisse.
Marvin hatte Walters alten Freundeskreis bisher nur über Videochat kennenlernen können. Hierzu zählten ein durchtrainierter blonder Hüne, der mit seinen 1,92 m größer als alles war, was Walter kannte, ein sehr kleiner, unscheinbarer, manchmal besserwisserischer Asiate, der nur dann den Mund aufmachte, wenn er es unbedingt musste, und eine Transgenderfrau, die im Gegensatz zu den anderen zwei, die gleiche vorlaute Klappe hatte, wie er selbst. „Mein Freundeskreis erinnert an eine schwule Version von American Horror Story!“, lachte Walter, als er Marvin von ihnen erzählte.
Ende März 2017
Aber Marvin hatte auf Walters Umzugswunsch noch gar nicht reagiert. „Er wurde so still, machte den Abwasch und ist dann ins Bett.“,dachte Walter und fürchtete, er müsse nunmehr allein zurück aufs Land. „… Mit freundlichen Grüßen, Walter Jenkins“, Unterschrift. Seine Kündigung hatte er fertig. Dies bedeutete noch 1 Woche arbeiten, dann die Kündigungsfrist einhalten und dann 2 Monate Vorbereitung. Er kratzte sich seinen zotteligen Rotschopf und sah einen Moment aus wie Pumuckl, in zehnfacher Masse. Der Weg war noch weit. „Und ich habe scheiße Schiss davor!“
Ich bin jetzt fast 6 Jahre lang in Berlin. Ich hatte einen beschissenen Berufsstart. Aber der Sex, ja, der Sex war geil. Und so oft. Ich kann es echt nicht glauben, dass es so viele Drecksschweine gibt, die mir mein Gesicht mit ihrem Lebenssaft tränken wollen. Aber ich möchte nicht allein zurück. Ich habe die Liebe meines Lebens gefunden, und das alles soll an Heimweh scheitern? Nein, das darf daran nicht scheitern. Ich bin fett, und meine Chancen, jemand neues kennenzulernen, der sich in mich verliebt, sind so gering. Eher furze ich Goldstaub und kann Pokémon damit tauschen.