88 – Ein Empath in Deutschland - Clara Warhola - E-Book

88 – Ein Empath in Deutschland E-Book

Clara Warhola

0,0
21,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der frühe Tod des Vaters reißt Clara Warhola mit sechs Jahren aus dem Leben. Haltlos driftet sie in ihrer Jugend in die elitäre Drogenszene, kämpft mit Depressionen. Als die Krankheit in ihren Zwanzigern erneut zuschlägt, beginnt sie ein Tagebuch – und erkennt, dass sie selbst der Schlüssel zu ihrer Heilung ist. Die Hoffnung auf schulmedizinische Hilfe weicht dem Wunsch, sich selbst zu begegnen. Clara entwickelt ein Retreat-Konzept mit Ritualen und Struktur. Wird sie es schaffen, sich selbst zu lieben?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 Vindobona Verlag

in der novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-903574-96-0

ISBN e-book: 978-3-903574-97-7

Lektorat: Juliane Johannsen

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag

www.vindobonaverlag.com

Erster Teil

Weihnachten 1995 Wie alles begann

Ich denke, ich war ein glückliches Kind, bis ich sechs Jahre alt war. Ich hatte einen Papa, eine Mama und lebte in einem schönen Haus mit Garten und hatte mein eigenes großes Zimmer mit vielen Spielsachen. Ach, wie habe ich meinen Vater geliebt.

Zurückblickend verbinde ich meine guten Erinnerungen nur mit ihm, alles andere scheint wie ausgeblendet, wie aus meinem Gehirn gelöscht, obwohl ich die meiste Zeit mit meiner Mutter verbrachte. Aber die guten und schönen Erinnerungen verbinde ich nur mit ihm, meinem Papa.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er je gegen mich eine Hand erhoben hat, es könnte möglich sein, aber ich habe keine Erinnerung mehr daran, wobei ich noch sehr genau weiß, wie meine Mutter mich damals mit einem Gürtel oder Schuh durchs Haus jagte und ich versuchte, mich vor ihr unter der Eckbank zu verstecken, aber sie bekam mich früher oder später immer zu fassen. Es tat natürlich weh, etwas auf den Hintern zu bekommen, aber was mir mehr wehtat und bei mir seelische Wunden hinterließ, war die Frage, wie kann die Person, der ich so gut wie schutzlos ausgeliefert bin, die mich bedingungslos lieben sollte, wirklich versuchen mir wehzutun, mich zu verletzen. Natürlich habe ich das damals nicht so formulieren können, aber es beschreibt so ziemlich das Gefühl, das ich jedes Mal dabei empfand. Wieso hat Mama mich nicht lieb? Ja, ich habe etwas Böses getan, aber wieso hat Mama mich nicht mehr lieb, wieso will sie mir Aua tun, war eine Frage, die mich immer wieder beschäftigte und mich sehr lange Zeit verfolgte. Vielleicht habe ich es einfach nicht verdient, geliebt zu werden. Der Papa hat mich immer geliebt, für ihn war ich, egal was ich getan habe, seine „kleine Prinzessin“ und so behandelte er mich auch, aber bei meiner Mutter war ich mir immer sehr unsicher. Meine Leistungen schienen auch nie wirklich zu reichen. Doch um das zu erklären, muss ich etwas ausholen.

Mein Vater verstarb, als ich sechs Jahre alt war. Wir waren zu Urlaub in dem Heimatland meiner Mutter und mir, in Brasilien. Ich würde es etwas weiter ausführen, aber die einzigen Informationen und Erinnerungen, die ich habe, sind, dass er einen Autounfall hatte und 13 Tage später seinen Verletzungen erlag. Die einzige Erinnerung im Zusammenhang mit seinem Tod ist, dass meine Mutter und ich im Flieger zurück saßen und meine Mutter weinte und ich fragte sie, warum sie denn weine, und sie antwortete, dass sie traurig sei, dass sie für eine sehr lange Zeit nicht mehr in ihre Heimat zurückkönne. Ich nahm das erst mal so hin und sah wieder aus dem Fenster und kurz danach erfuhr ich erst, dass mein Vater verunglückt war. Ich weiß nicht mehr, wer es mir sagte, wie und wie ich darauf reagierte. Ich weiß nur noch, dass mir diese Unterhaltung wieder einfiel und ich mir dachte, der Papa ist tot und die Mama denkt nur an sich. Was mich schon zunächst sehr verletzte, abgesehen von dem Tode meines Vaters, was natürlich ein unbeschreiblicher Schmerz war. Mein Ein und Alles war weg und schließlich war nichts mehr so, wie es war. Wir mussten aus unserem Haus in eine 2-Zimmerwohnung ziehen, in einen anderen Stadtteil, weg von meinen Freunden, unsere Schlange namens „Hermann“ war weg, alles war weg. Und meine Mutter war sehr traurig, aber vor allem sehr zornig. Aus heutiger Sicht kann ich es verstehen, aber damals war es wie ein Schlag ins Gesicht, wenn ich wegen meines Vaters traurig war und einfach nur getröstet werden wollte, aber das Einzige, was kam, war Ablehnung, mir gegenüber, aber vor allem meinem Vater gegenüber, sodass ich beschloss, einfach nichts mehr zu sagen. Ich sprach natürlich immer noch sehr viel und über viele Dinge, nur nicht darüber, wie traurig ich doch war, und besonders nicht mit meiner Mutter, denn dort fand meine Trauer keinen Platz. Ich trauerte hauptsächlich alleine im Stillen für mich oder mit Außenstehenden wie meiner Tante und meinem Onkel väterlicherseits. Doch nicht einmal dort konnte ich mich wirklich fallen lassen, weil ich nun Angst hatte, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, bis ich versuchte, sie ganz für mich zu behalten. Ich weinte sehr viel und diese Traurigkeit zeigte sich immer wieder in psychosomatischen Symptomen wie Bauchschmerzen und später Migräne- und Heulanfällen, wenn es um meinen Vater ging, und irgendwie schienen alle begriffen zu haben, dass es mir nicht gut ging, nur meine Mutter hatte keine Zeit, mein Leid zu sehen, da sie so sehr mit ihrem eigenen Leid und ihrer unendlichen Wut auf meinen Vater beschäftigt war, dass sie es einfach übersah.

Wir fingen an, uns oft zu streiten, da sie meinen Vater immer wieder schlecht machte, und wer hätte ihn denn vor ihr verteidigen sollen, wenn nicht ich, sodass sie das Streitgespräch, das sie mit ihm suchte, eigentlich immer wieder versuchte, mit mir auszufechten. Ich war schließlich nicht nur noch traurig, sondern auch wütend, wütend auf sie und wütend auf ihn. Warum musste er gehen und mich in diesem Chaos zurücklassen? Wieso muss ich jetzt hinter ihm herräumen, seine Position einnehmen? Ich bin ein Kind, ich versteh das alles nicht, aber ich bin wütend. Und diese Wut verspüre ich teilweise immer noch. Es ist ein Gefühl, missbraucht worden zu sein, nicht sexuell oder physisch, sondern psychisch und seelisch. Mein Vater war weg und hinterließ eine Lücke und lauter unerledigte Dinge, die, wie es schien, nun an mir lagen, zurechtzubiegen. Wie konnte ich jemals all diese Last in so jungen Jahren tragen können, aber irgendwie versuchte ich es und doch schien es mir, als wäre ich nie genug gewesen. Ich versuchte und versuchte und trotzdem fand meine Mutter immer etwas an mir zu kritisieren oder vielleicht auch andere, aber bei ihr fiel es mir natürlich am meisten auf, denn was auch immer ich tat, tat ich alles für sie und ihn, aber hauptsächlich auch für sie. Wobei ich wieder auf meine Aussage zurückkomme, meine Leistungen schienen nie wirklich auszureichen.

Ich war in der vierten Klasse, hatte immer noch diese schwere, nicht zu bewältigende Last auf meinen Schultern zu tragen und genau so fühlte es sich auch an, eine tiefe Traurigkeit in mir, die ich versuchte, irgendwo in mir zu vergraben, und dann gab es ja da noch das alltägliche Leben, die Hausaufgaben etc. Ich versuchte zwar immer gute Leistungen in der Schule zu haben und mir gefiel die Schule auch sehr, aber es waren so viele Dinge, um die ich mich ständig kümmern musste, die niemand irgendwie wahrnahm. Aber sobald meine Leistungen in der Schule eher mäßig waren, war meine Mutter sofort hellhörig und ermahnte mich, ich solle mehr lernen und andere Kinder würden das auch hinbekommen und wären in dem Fach viel besser als ich und ich müsse mindestens genauso gut sein wie diese Kinder, wenn nicht besser. Da war ich nun in der 4. Klasse, wir hatten das Fach Heimat und Sachkunde und ich fing einfach an zu weinen und hörte nicht mehr auf. Ich konnte nicht mehr. Die Belastung war zu groß, es war einfach zu viel, mehr, als ich jemals hätte in diesem Alter tragen sollen. Doch ich tat es, ich tat es aus Liebe, aus Liebe zu meiner Mutter. Hätte ich diese Liebe nicht gehabt, wäre ich niemals fähig gewesen, dies alles auszuhalten. Und doch schien es nie genug zu sein.

Der ständige Streit

Eine sehr große Umstellung war es, auf einmal in einer Wohnung leben zu müssen, in einem anderen Stadtteil fernab von allem, was mir bis dahin wirklich vertraut war. Ich fragte meine Mutter, wieso wir denn umgezogen seien und sie log, sie hätte in so einem großen Haus alleine Angst gehabt, was mich wieder einmal wütend machte, da ich dachte, jetzt ist nicht nur der Papa weg, da muss sie mir alles nehmen. Aber diese Wut wurde schnell durch Verwirrung ersetzt, als ich eines Nachts, als meine Mutter davon ausging, ich wäre schon im Tiefschlaf, wobei ich noch damit beschäftigt war, in mein Kissen zu weinen, telefonierte. Sie sprach mit einer Freundin und erzählte ihr, mein Onkel hätte alles genommen und sie hätte nichts mehr und mein Vater hätte sie auch mittellos gelassen und wie schlimm und böse diese Familie sie doch behandle. Natürlich war ich, ihr werdet es nicht anders erwartet haben, erst mal sehr wütend, aber dann auch sehr verwirrt. Denn diese Frau schickte mich seit Schulbeginn nachmittags immer zu meinem Onkel und meiner Tante, da sie arbeiten musste, um uns ein gutes Leben, abgesehen vom monatlichen Lebensunterhalt, den sie aus meinem Erbanteil erhielt, finanzieren zu können. Wie konnte sie da einerseits die Menschen, die zu dieser Zeit mein einziger Halt und mein einziger Lichtblick waren, so beschimpfen und schlecht machen, aber andererseits, wenn diese Leute doch so schlecht und böse waren, mich täglich dort hinschicken wollen. Ich verstand es einfach nicht und obwohl ich viel lieber meine Zeit bei meinem Onkel und meiner Tante verbrachte, ging ich ihnen mit der Zeit immer mehr aus dem Weg, da meine Mutter mich immer wieder dazu anstiftete, nach dem Geld zu fragen, und ob ich dies und das haben könnte, weil die Mama kein Geld hatte. Irgendwann weigerte ich mich, nach irgendetwas zu fragen, weil ich keine Lust mehr hatte. Wieso kann sie nicht selbst ihren Mund aufmachen und für das einstehen, was sie will? Immer musste ich vorgehen und für sie sprechen und immer wieder erschienen mir die Antworten meines Onkels plausibel und die Reaktionen meiner Mutter darauf irrational. Wer von den beiden recht hatte oder nicht, war und ist für mich nebensächlich, denn dadurch verlor ich meine Familie. Diese Streitigkeiten um das verdammte Erbe kosteten mich zum Schluss meine Familie, denn mit den einen konnte ich nichts mehr zu tun haben und mit der anderen wollte ich nichts mehr zu tun haben. Irgendwann, als ich schon 19 Jahre alt war, kam endlich die Lösung – ein Rechtsanwalt! Meine Mutter und ihre Freundinnen redeten immer wieder auf mich ein, ich solle doch einen Rechtsanwalt zurate ziehen, der sich um meine Erbangelegenheiten kümmern sollte, bis ich 25 Jahre alt bin. Ich war begeistert davon, denn dann würden diese Streitigkeiten endlich nicht mehr auf meinem Rücken ausgefochten werden, sondern auf dem Rücken des armen Rechtsanwaltes. Welch Erleichterung! Damit verlor ich die Verbindung zu meiner anderen Hälfte der Familie nun ganz, aber es war ein Preis, den ich meiner Meinung nach zahlen musste, um endlich Ruhe zu haben, denn ich hielt es nicht mehr aus.

Ich glaube, das ist der Grund, weshalb ich nicht mit Geld unbedingt wirklich gut umgehen konnte, denn es bedeutete mir nichts mehr. Es hat meine Familie zerstört, ein Blatt Papier mit Ziffern und einem Bild darauf war dafür verantwortlich, dass ich es vorzog alleine zu sein, als mich noch einmal wegen Geld zu streiten. Es klingt vielleicht abgedroschen und vielleicht muss man es erlebt und gefühlt haben, aber Geld kann dir zwar schöne Dinge kaufen, aber keine Liebe und glaubt mir, ohne Liebe ist man so gut wie tot. Aber man muss es natürlich auch ganz nüchtern betrachten, ohne Geld, kein täglich Brot und wenn, wird das sehr schwierig machbar sein in der heutigen Zeit.

Der Ausbruch

Nachdem ich nun Jahre damit verbracht hatte, alles für mich zu behalten, und mich immer mehr seelisch zurückgezogen hatte, musste schließlich der Tag kommen, an dem alles raus musste. Es fing langsam an, indem ich einem Freund, ich glaube, einen zwei Seiten langen Brief schrieb, in dem ich erklärte, dass ich es nicht mehr aushielte und nur noch sterben möchte, dass ich diesem ganzen Leid ein Ende setzen möchte. Es war ein sehr verzweifelter Brief und ich wollte jemanden an meinem Leid teilhaben lassen, ich konnte es nicht mehr für mich behalten, dachten doch alle stets, ich wäre ein Sonnenschein und niemals traurig.

Aber wem sollte ich diesen Brief geben? Meiner damaligen besten Freundin? – Nein, lieber nicht, sonst macht sie sich noch zu sehr Sorgen und sie soll glücklich sein, muss sie doch selbst einmal den Tod ihres eigenen Vaters verkraften. Sonst einer Freundin? – Nein, ich möchte niemanden traurig machen. Also entschied ich mich dafür, ihn einem Jungen aus meiner Klasse zu geben, der nett war, aber mit dem ich nicht so befreundet war, als dass er sich um mich gesorgt hätte. Ich hatte meine Wahl getroffen und er erhielt den Brief, aber es schien, als würde er ihn tatsächlich ignorieren, aber irgendwie war ich auch erleichtert, denn ich wollte nicht darüber reden, ich wollte nur, dass es jemand weiß, dass wenigstens ein Mensch weiß, wie ich mich wirklich fühlte und das reichte mir.

Es war in einer Zeit, als wir Schüler unsere Grenzen austesteten.

Wir schwänzten Schulstunden und schlichen uns aus dem Schulgebiet raus und gingen in ein Café, das nahe gelegen war. Mir kam das alles nur zurecht, denn an einen normalen Alltag konnte ich mich schon lang nicht mehr gewöhnen, es verlangte zu viel Kraft ab, die ich brauchte, um überhaupt morgens aufzustehen. Na ja, eines Tages schwänzten wir vermutlich wieder eine Stunde und saßen in dem Café, ich habe keine Erinnerung mehr daran, wie es dazu kam, aber ich kann mich daran erinnern, dass ich anfing zu weinen und es einfach aus mir heraussprudelte und erst da begriff der Junge, dem ich meinen Brief zuvor einmal gegeben hatte, dass ich diesen Brief durchaus ernst gemeint hatte und ihn nicht auf den Arm nehmen wollte, was mich wieder etwas lächeln ließ. Aber das war der Tag, an dem sich alles änderte. Ich konnte es nicht mehr aufhalten, ich konnte meine Traurigkeit und Einsamkeit nicht mehr für mich behalten. Ich musste sie ausleben und es hatte sich so viel aufgestaut, dass es mich letztendlich 4 Jahre meines Lebens kostete, bis ich wieder alles aufgearbeitet hatte und wieder einigermaßen normal empfinden und sein konnte. Dies war der Tag, an dem mein Leben wirklich zu einer auch für andere sichtbaren Hölle wurde.

Danach ging es nur noch bergab für mich, nun wussten zwar andere, wie es mir erging, und wollten für mich da sein, aber ich konnte es nicht mehr aufhalten, es musste raus und genau das verschaffte mir immense Erleichterung auf der einen Seite, aber schreckliche Komplikationen im normalen Zusammenleben mit meiner Mutter und meinem Bruder, den meine Mutter aus Brasilien aus einer früheren Liaison nach Deutschland geholt hatte, und dem normalen alltäglichen Leben wie zur Schule gehen. Ich versuchte mich zwar anfangs noch zusammenzureißen, aber dann fand ich nette Leute, denen es allen nicht so gut erging und die gerne mal einen durchzogen und genau dort fühlte ich mich wieder gut.

Auszug meiner Schriften:

Ich weiß nicht, einerseits bin ich traurig, andererseits hab ich eine Wut in mir …

Von Anfang an erst mal, also meine Ma ist im Krankenhaus und alle wollen mir einreden, es sei meine Schuld, das ist aber irgendwie voll bescheuert. Ich war vielleicht ein Grund, der letzte Anstoß, aber nicht der alleinige Grund.

Ich bin so sauer, wütend, weil ich Menschen, die Selbstmord begehen, so bemitleide, und ich finde, das ist der größte Scheiß, den man machen kann … Ok, ich habe mich selbst versucht umzubringen, weil ich keinen Bock mehr habe, aber ich hab mir gedacht, das kann ich Ma nicht antun … Ok, sie wäre dann nicht alleine, sie hätte meine Brüder und Freunde, aber trotzdem … Nachdem ich kein einziges scharfes Messer gefunden hatte, um mich aufzuschneiden, und Bru meinte, dass, wenn man sich mit Pillen umbringen will, man an seiner eigenen Kotze erstickt, hatte ich überlegt, mich wenigstens zu ritzen, um mir selbst wehzutun, um … Ich weiß nicht … Nachdem Nikias in Berlin war, habe ich mir überlegt, abzuhauen, so wie die Natas, eine Satanistin, die ich kennengelernt habe, aber Berlin kostet zu viel und ich bin zu schwach. Denn wenn ich jetzt fliehe, werden die Sorgen mich wieder einholen, und zwar noch viel schlimmer …

Eigentlich sollte man sich zu Hause am wohlsten fühlen. Ich fühl mich überall wohl außer in den Heimen, die ich hab.

Wenn ich daran denke, nach Hause zu gehen oder zu bleiben, kommt es mir vor, als würde ich ersticken und dass ich dort nicht bleiben kann … Ich weiß nicht, warum … Eine Sache, die mich beschäftigt, ist, alle reden davon, dass man sich selbst lieben soll und bla bla bla, aber wie?? Hat mir noch niemand gesagt. Wie lernt man, sich selbst zu lieben, wie um Himmels willen, kann mir das jemand sagen, das ist nämlich die hauptsächliche Antwort auf meine Fragen, aber wie kommt man dahin … Ich suche nach einer Person, für die es sich zu leben lohnt, wenn ich nicht für mich leben will, und ich weiß, dass das falsch ist, weil ich einzig und allein für mich leben muss, aber wenn ich für mich selbst keinen Wert habe, wie soll ich für was leben, das mir nichts bedeutet … Ich bin für mich nichts Besonderes, nicht mein eigener Freund und kein Feind, einfach neutral, einfach da … Kann nimma schreiben.

Fortsetzung folgt …

Die grüne Welle Teil 1

Es war eine Gruppe von Menschen, die alle nicht aus einem gut behüteten Zuhause kamen und ihre Päckchen zu tragen hatten. Ich versuchte, immer allen zu helfen, und vergaß jedoch mich sehr oft dabei, denn für mich war das Leben eigentlich sowieso schon vorbei, aber ich achtete stets darauf, dass es den Menschen um mich herum gut ging und nahm meine Energie aus dem Glück anderer.

Das erste Mal, als ich je mit Drogen wirklich in Berührung kam, war eines Freitags, als ich mal wieder Schule schwänzte und zu einem Freund aus der Parallelklasse fuhr, von dem ich wusste, dass er auch schwänzte. Seine Mutter war des Öfteren mal unterwegs oder arbeiten, wer weiß das schon so recht. Jedenfalls hatte er gerade erst eine neue Lieferung Lachkapseln bekommen und da fiel ihm auf, dass er ja noch psychedelische Pilze übrig hatte, und fragte mich, ob ich denn nicht den Rest haben wolle, denn das Zeug müsse sowieso weg. Er wog es ab und fragte nach meinem Gewicht, damit ich nicht zu viel esse, und gab sie mir anschließend doch alle. Sie schmeckten widerlich, also nahm ich meine Babycreme, die ich für die Lippen benutzte und roch an ihr, während ich die Pilze aß und runterschluckte. Er meinte, ich solle einfach alle essen, eins mehr oder weniger macht jetzt auch nichts mehr aus. Ich vertraute ihm und eigentlich, wenn schon, wenn ich sterbe, dann hat das Ganze endlich mal ein Ende.

Danach baute er noch einen Joint und ich versuchte mich noch an einer Lachkapsel und lachte die meiste Zeit nur noch. Er meinte irgendwann, wir würden zu einer Freundin in die Stadt fahren, die auch nicht in die Schule gegangen war. Er setzte mich in das Wohnzimmer und ich sollte warten, bis wir losgingen. Ich weiß nicht, ob es schon die Pilze waren, die anfingen zu wirken, oder das Gras, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mir vorkam wie in einem Film oder auch Videospiel. Egal, was er sagte oder tat, für mich war es so, als hätte ich das alles schon einmal erlebt, ein immer wiederkehrendes Déjà-vu. Zur selben Zeit meinte ich auch, er wäre mein König und gleichzeitig mein Zuhälter, weil er immer wieder kam und mich fragte, ob alles ok sei und dass wir gleich losgehen würden und mich immer wieder anherrschte, ich solle doch sitzen bleiben und ich kam mir vor wie seine Prinzessin, aber auch wie eine Hure, die ihm aufs Wort gehorchen musste, weil sonst etwas Schlimmes geschehen würde. Irgendwie, irgendwann gingen wir los und saßen in einer Tram und erst sahen all die Menschen reich aus, alle hatten Pelzmäntel an und je näher wir der Stadt kamen, wurden die Leute und dann auch Schulkinder immer asozialer in meinen Augen. Ich lachte fast die ganze Fahrt über, weil ich dachte, den Grund des Ganzen erkannt zu haben. Ich fühlte mich so schlau, weil ich in meiner Welt erkannt hatte, dass das alles ein Spiel war und ich war die Hauptperson. Überall wimmelte es von Spionen und ich fand es so amüsant, dass die anderen nicht wussten, dass ich wusste, dass es ein Spiel war. Eine ganz neue Art der „Truman Show“. Schließlich mussten wir endlich aussteigen und ich brabbelte unverständliches Zeug, das keinen Sinn ergab. Wir gingen über eine kleine Brücke, doch in meinen Augen schien es mir wie ein einziges schmales Brett zu sein, über das ich gehen musste, und ich hatte Todesangst in den reißenden Fluss zu fallen und setzte also einen Fuß vor den anderen. Für mich war es einfach nur ein loses schmales Brett. Als wir ein zweites Mal dorthin gingen und ich nicht unter psychedelischen Pilzen stand, fragte ich ihn, ob er denn verrückt sei, mich auf Pilzen nur über so ein schmales Brett entlang gehen zu lassen und jetzt die normale Brücke zu benutzen, die mehr als 3 Meter breit war. Er lachte und meinte, es wäre der gleiche Weg gewesen und ich konnte es nicht glauben und musste loslachen. Doch zurück zu meinem Trip. Es gibt nicht mehr allzu viel zu erzählen, außer dass irgendwann die Wirkung schwächer wurde, mittlerweile waren wir eine Gruppe von Menschen und standen an einem Brunnen, um auf jemanden zu warten, und da kam es mir: „Ich muss meinen Ring in den Brunnen werfen, um das Spiel zu gewinnen.“ Es ging das ganze Spiel über nur darum, dorthin zu gelangen, um den Ring in den Brunnen zu werfen. Gott sei Dank, war es kein echter Ring, sondern eher etwas aus einem Kaugummiautomaten, den ich als Erinnerung an etwas trug. Ich warf ihn rein und dann war das Spiel zu Ende. Ich fühlte mich immer noch etwas benebelt, aber ich war wieder ganz da und dann gingen wir stellen und zogen wieder einen durch oder mehrere.

Wir waren ein schlimmes Pack. Wir schwänzten regelmäßig gemeinsam die Schule und verbrachten die ganze Zeit nur damit, Gras aufzutreiben, zu rauchen und zu essen, das war unser ganzer Lebensinhalt. Wenn nur die Idee aufkam, stellen zu gehen, wurde schon 1., 2., … gerufen, um die Reihenfolge auszumachen, wer als Erstes an dem Joint ziehen durfte. Anfangs machten wir alles noch ziemlich geheim, aber nach einer Weile fühlten wir uns so sicher und irgendwie war es uns auch egal, ob wir erwischt werden würden, dass wir an öffentlichen Plätzen und Restaurantketten unsere Joints zusammendrehten. Man sollte meinen, ich hätte Hunderte von Euros dafür ausgegeben, aber um ehrlich zu sein, ich habe kein einziges Mal in meiner ganzen Drogenhistorie Geld dafür ausgegeben und kann bis heute nicht einmal eine Zigarette drehen. Die Dinge, die nicht guttaten, bekam ich sogar noch nachgeworfen. „Hier nimm, geht schon klar, bist doch die kleine Priscilla.“ Ich war immer die kleine Priscilla, auf die man aufpassen musste, weil, wer weiß, was sonst passieren würde, und ich liebte es, einmal umsorgt zu werden. Diese Freunde waren wie die Familie, die ich nicht hatte. Sie umsorgten mich, nahmen mich in die Arme, wenn ich weinte, und redeten mit mir.

Auszug meiner Schriften:

Ich geh morgen raus, hol mir erst mal 2 neue Nummern, mach mich hübsch, sodass ich mir gefalle, falls möglich, und werde morgen jemand nettes sehen, ich werde mich nicht sinnlos nerven lassen, ich werde ganz relaxed sein und gute Laune haben und ich schreib mit ’nem Marlborostift. Na ja, egal …Es ist alles voll cool, man wird halt von jedem total beschissen, weil jeder von sich ausgeht und erst an seine Bedürfnisse denkt, mach ich auch, aber nicht absichtlich, aber wenigstens hab ich Leute, also Personen, die ich sehr mag, auch wenn sie mich bescheißen würden. Wär halt traurig, aber ich kann mein Herz nicht zurückfordern und der N***, um das einmal klarzustellen, war jedes Mal das Beste, was mir in jenen Momenten passieren konnte. Er hat mir Geborgenheit gegeben und mir gezeigt, dass ich was wert bin und mir geholfen … Ok, er hat das nicht wirklich gemacht, um mir zu helfen, aber das hat es und das zählt und nichts anderes und ich hasse es wirklich, wenn die mir versuchen zu erklären, wie egal ich dem N*** bin … Sie wollen mir helfen, wisst ihr, was ihr redets … Egal, aber so was könnte die „Freundschaft“ kosten, da versteh ich keinen Spaß, also pssst, und der B*** hat so fette Probleme, das versuche ich jetzt den anderen klar zu machen, damit sie ihm helfen, weil er voll krank ist, und ich will ihm nicht helfen, außerdem ist das Hilfe genug. Er versucht, mir zu helfen, aber das, was er immer vermutet oder meint zu wissen, ist für mich Blödsinn … Es hilft mir nicht weiter und ich bekomm nur noch nen Wutanfall! Es wird mir besser gehen, aber nicht wegen dem, was er sagt, vielleicht sagt er Sachen, die stimmen, aber im falschen Moment und dann haben seine Worte keine Bedeutung. Er wird glauben, es wär sein Verdienst, dass es mir gut gehe, aber es wird nicht so sein, weil ich das alles alleine verarbeite in meinem Kopf.

Beispiel: Man erklärt ’nem kleinen Kind, dass man Billionen, also sehr viele Bakterien, tötet, wenn man sich mit der Hand über die Stirn fasst. Es ist die Wahrheit, aber wenn das Kind, das nicht glaubt, wird es genau so sein wie vorher, also nichts dazugelernt haben, es nicht glauben, auch wenn es so ist und das Kind kommt ganz alleine darauf, dass es stimmt … Ach keine Ahnung, wie man das erklären kann … Egal …

Die Einsicht, dass ich lieben kann, hilft mir sehr, es ist gut zu wissen … Ich weiß, wenn ich was falsch mache, aber wenn ich mich nicht davon überzeugen kann, bringt es mir nichts … Ich hab voll Hunger … Ich will was Süßes essen. Also tomorrow ist „der Neuanfang“ einfach nur „Der Tag“ „My big fat wedding“, ne, Spaß „My big day“. Ich werd noch mal zurückfallen, aber aus eigener Blödheit, aber das legt sich wieder!

Es ist voll spät. Meine Ma ist schon reingekommen und hat gesagt, ich soll aufhören, und ich glaub, das ist jetzt auch besser so.

Ich seh gar nicht mehr, wie ich schreib, weil ich meine Augen zumach und versuch, in der Zeile zu bleiben … Also es geht dann morgen oder so weiter, muss ja erzählen, ob es mein big day war! Love you forever und immer wieder oder scho wieda … Ich schreib Schmarrn, war an mich gerichtet …

Ich bin so glücklich, dass ich euch habe! Großes Lob an mich auch, irgendwo muss ich das ja auch aufschreiben, oder … Ok, ich glaube, langsam wird’s chaotisch, ich erkenn kaum noch, was ich schreibe.

Die grüne Welle Teil 2

Jeder Tag glich dem anderen. Es machte für mich nicht wirklich einen Unterschied, ob ich wach war oder schlief. Hauptsache, nicht denken müssen, Hauptsache, nichts fühlen. Ich war ein Wrack, doch nach außen hin hatte ich stets ein Lächeln auf dem Gesicht, tanzte in den Clubs, trank wie ein Schlot und hatte Spaß. Ja, ich hatte Spaß und ich habe gerne gelacht und es gab bestimmt Tausende von lustigen Momenten, die mir leider alle entfallen sind, da ich jahrelang mein Gehirn darauf trainiert hatte, zu vergessen, und ich habe vergessen, nur nicht die Dinge, die ich vergessen wollte. Natürlich war das normale Kiffen irgendwann nicht mehr genug und wir fingen an, mit Medikamenten zu experimentieren. Wer kam auf diese Idee? Was soll’s, wird schon schief gehen. Also wurden „nicht verschreibungspflichtige Hustenstiller“ aus der Apotheke geholt und für jeden einzeln abgezählt nach Körpergewicht. Ich bekam immer so um die sechs bis acht Tabletten. Eine der Nebenwirkungen war Juckreiz und ich kann mich an einen Silvesterabend bei einer Freundin erinnern, an dem wir vor dem Abendessen alle die Tabletten eingenommen hatten und irgendwann während des Essens fing es an, unheimlich zu jucken, und ich ging ins Bad und kratzte mich überall. Es hörte nicht mehr auf, zu jucken, und am Tisch fingen wir an zu kichern, weil die anderen sich auch anfingen zu kratzen, aber wir es nicht zu auffällig machen durften, da die Mutter noch anwesend war. Dann war das Essen endlich zu Ende und wir gingen ins Zimmer und ich fing an, Halluzinationen zu bekommen. Meine letzte Erinnerung an den Abend ist, dass wir auf dem Weg in den Hof waren, um das Feuerwerk mitzuerleben, und ich mich an einen Freund hängte und meinte, er solle auf mich aufpassen und mich halten. Ende.

Von da an nahmen wir diese Tabletten öfters und sahen high Filme über Drogen an, welch Ironie.

Es waren coole Trips, aber nie lange genug, denn diese unendliche Leere und Traurigkeit holte mich immer wieder ein. Ich war ständig auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit und schrieb sehr viele Gedichte, um meinen Gefühlen ein Ventil zu verleihen. Dabei entstand mein Lieblingsgedicht, es reimt sich zwar nicht, aber es drückte genau das aus, was die Liebe sehr lange für mich bedeutete und wie sie sich teilweise heute noch für mich anfühlt:

Poetische Gedanken eines Dichters, philosophisch interpretiert

Ein schrecklicher Schmerz eignet sich mir an …

Ich habe den Wunsch, die Hoffnung, dass ich durch die Liebe, durch jemanden, den ich liebe und der mich wirklich liebt, glücklich werde …

Ich wünsch mir doch einfach nur diese Liebe und gleichzeitig verstecke ich mich vor ihr, denn die Liebe, die mich glücklich machen wird, wird jene sein, die mich verletzen wird … Und doch ist das das Einzige, was ich mir so sehr ersehne, wie absurd es doch ist, ich wünsche mir das Allerschönste auf der Welt und doch ist das Allerschönste der größte Schmerz, den ich je erfahren werde und doch will ich es … und ich will es wirklich … ich wünsche es mir so sehr, und … wie lange noch, ok, ich habe noch das ganze Leben vor mir, aber wieso nicht jetzt?

Wenigstens eine kleine vorübergehende Liebe, die mir Freude schenkt, die diesen Schmerz lindert …, nur ein bisschen, so viel ist das doch nicht verlangt … und doch ist es alles, aber …

Bitte, wie lange noch, ich will nicht mehr traurig sein, ich will glücklich sein, ich will diese Lücke, diese Schlucht füllen und den Schmerz aus meinem Leben verbannen …

Ein anderes gibt mein Gefühl schön wieder, das ich damals empfand, und beschreibt meine Flucht aus der Realität:

Moment

Moment, verweile doch nur noch einen Augenblick

Kann ich denn nicht einfach weiterschlafen und in meiner Traumwelt bleiben?

Was ist, wenn ich mich weigere aufzuwachen?!

Ich kann doch schlafen

bis mein Prinz kommt und mich in seine sorgenlose Welt bringt,

in der es mir scheint, als würde ich immer noch träumen.

Wär, welches ich gerade vorschwärmte, nicht wundervoll?

Einfach zu schlafen und zu träumen … und erst wieder aufzuwachen, wenn der Sturm vorüber ist?

Um nun in meiner Geschichte weiterzukommen. Es war eine Zeit, in der sich mein Freundeskreis veränderte. Alte Freunde gingen, neue kamen hinzu und alle liebte ich sie auf die eine oder andere Weise, denn die Liebe war alles, was mir blieb. Sie gab mir Hoffnung, denn jedes Mal, wenn ich mich am Abgrund wiederfand, blickte ich auf und sah meine Zukunft, meinen Traum vor mir. Mein Traum stand schon sehr früh fest: Ich wollte Menschen helfen. Ich wollte nicht, dass einer nur im entferntesten das erleiden muss, was ich erlitt. Oftmals dachte ich aber auch, dass es Menschen gibt, denen es sehr viel schlechter geht als mir, die ein viel härteres Schicksal zu tragen hätten, und machte mir Selbstvorwürfe, so egoistisch zu sein, zu denken, dass meine Sorgen relevant seien. Aber der Gedanke daran, dass ich es eigentlich doch ganz gut getroffen hatte, machte es nicht besser. Ich wusste, was ich fühlte, und dieser Schmerz war für mich real. Doch wann immer ich mich ganz unten befand, blickte ich auf und sah meine Zukunft, wie vielen Menschen ich doch helfen könnte, und das gab mir Hoffnung und diese Hoffnung heißt: Liebe. Wäre sie nicht gewesen, gäbe es mich nicht mehr. Sie steckt in allem, was ich tue, und sie gab mir Kraft, immer wieder aufzustehen, mich aufzuraffen und den Willen weiterzumachen, auch wenn ich mich am nächsten Tag wieder am Abgrund befand, sie ließ mich immer wieder aufstehen. Andere nennen es Gott, ich nenne es Liebe, denn der Liebe ist es egal, an was wir glauben, wie wir aussehen, denn sie begleitet uns immer und ist in jeder einzelnen Bewegung. Sie ist weder gut noch böse, sie ist alles und nichts und deshalb das Mächtigste und Wichtigste im Leben, zumindest in meinem Leben.

Jedes Mal, wenn ich einen neuen Hoffnungsschub erfuhr, löste ich mich von dem damaligen Freundeskreis, um mich dann aber in einer viel schlimmeren Umgebung wieder zu finden. Es war, als ginge ich einen Schritt vorwärts und wieder zwei zurück. Es ging nicht vorwärts, ich versuchte es immer wieder, aber es war, als würde mich etwas immer wieder zurückziehen. Eine obskure Macht wie eine Art Kette, die an mir hing und mich jedes Mal wieder nach hinten zurückzog. Ich versuchte zu gehen, um dann aber wieder von meiner Vergangenheit eingeholt zu werden. Es gab keinen Ausweg und die Kraft reichte nicht, um mich aufrecht zu halten, weshalb ich mich sehr schnell einfach wieder fallenließ und hoffte, beim Aufprall so zugedröhnt zu sein, dass ich es nicht spüren würde.

Chemie: Note 1

Der Freundeskreis mischte sich immer wieder durch. Es kamen Neue hinzu, es gingen aber auch viele oder ich ging und fand mich bei neuen alten Gesichtern wieder.

Ich kann zu dieser Zeit nicht sehr viel sagen, das alleinige Kiffen war schon lang nicht mehr genug und wir fanden etwas Neues: Goa, eine Musikrichtung und Techno oder was immer das war. Auf jeden Fall konnte man das nüchtern gar nicht ertragen, aber die Jungs standen total darauf und ich schloss mich einfach an. Mir war es ja egal, denn mir war das Leben an sich immer noch egal, wobei meinen Traum am Ende des Tunnels als Hoffnungsschimmer immer im Blick.

Wer mir das erste Mal Ecstasy gab, weiß ich auch schon lang nicht mehr, ich nahm es einfach. Das erste Mal war schon ein ungewöhnliches Gefühl, aber nicht unbedingt schlecht, sondern ziemlich gut sogar. Ich tanzte die ganze Nacht durch und auf einmal gefiel mir sogar diese Art von Musik. Die Welt gab es nicht mehr, es gab nur noch mich und die Musik, wir tanzten im Einklang. Ich spürte den Rhythmus der Musik und bewegte mich dazu, es war wie in einer Art Trance, es gab mich nicht ohne die Musik und die Musik nicht ohne mich, wir waren eins. Doch bevor nun jemand auf die Idee kommt, sich eine Pille einzuwerfen, sollte er weiterlesen. Ich habe mich an diesem Abend ein paar Mal übergeben und wer weiß, was da noch alles geschah, denn ich war nicht mehr auf dieser Welt. Ich nahm es noch ein zweites Mal und dann noch ein drittes Mal und dieses letzte Mal hatte verheerende Folgen.

Ich ging mit ein paar Freunden in unseren damaligen Stammclub und da kam einer meiner damals liebsten Freunde zu mir und bot mir eine Pille an und ich habe sicherlich nicht „Nein“ gesagt und sie genommen, doch dieses Mal war es anders. Da ich sowieso nicht in wirklicher Tanz- und Wohlfühlstimmung war, war ich etwas deprimiert, weswegen ich auch die Pille nehmen wollte, da ich dachte, danach würde es mir wieder besser gehen. Ich wartete darauf, dass die Wirkung endlich einsetzte und ich Spaß haben könnte, aber es kam anders. Mir war plötzlich furchtbar schwindelig und ich bekam kein einziges Wort mehr richtig heraus, andere im Club kamen vorbei und fragten, wie viel ich denn getrunken hätte, dabei hatte ich erst zwei Bier gehabt. Ich konnte nicht mehr aufrecht stehen und ich bat diesen einen Freund, mich wegzubringen. Ich flehte die Jungs an, die wussten, dass ich auf Droge war, mich so schnell wie möglich da raus zu schaffen. Ich dachte, ich würde sterben, ich hatte eine schreckliche Angst, ich hielt es kaum noch aus. Ich wollte mir die Pulsadern aufschneiden, damit das endlich zu Ende sei. Es war ein Höllentrip! Irgendwann kamen wir endlich bei einem Freund daheim an und ich fragte immer wieder nach dem anderen Freund, in den ich zu der Zeit sehr verliebt war und der länger im Club geblieben war. Ich wollte, dass mich jemand hält, ich wollte, dass dieses schreckliche Gefühl aufhört. Die ganze Traurigkeit, der ganze Schmerz und diese unendliche Leere in mir waren auf einmal so real. Ich lebte in ständiger Flucht vor meinen Gefühlen und nun waren sie alle da, ohne Schutzvorrichtung. Ich war ihnen vollkommen ausgeliefert und ich hielt das nicht aus. Mir blieb die Luft weg, ich bekam unheimliche Panik und irgendwann begriffen auch die anderen zwei, die bei mir waren, wie schlecht es mir doch ging. Sie boten mir daraufhin Kokain an, etwas, das ich bis dahin nur aus Filmen kannte. Sie meinten, es würde mich von diesem Trip wieder runterholen und danach sollte es mir besser gehen. Damals zog ich meine erste Line, wie man im Dogenjargon dazu sagt. Ich war mir nicht sicher, was mich nun erwarten würde, aber nach einiger Zeit war ich sehr hibbelig und fing an, wie ein Wasserfall unsinniges Zeug zu brabbeln. Ich war plötzlich schrecklich hyperaktiv und obwohl mein Körper mir sagte, dass ich müde und schlapp sei, mir der Blick aus dem Fenster verriet, dass es schon wieder Tag war, konnte ich nicht schlafen. Ich wollte schlafen, aber ich konnte es einfach nicht, was mich verrückt machte. Ich glaube, ich ging erst am nächsten Tag wieder schlafen. Das war das letzte Mal, dass ich Ecstasy zu mir nahm, weil man es einfach nicht kontrollieren kann und ich wirklich Todesängste verspürte und das erste Mal, dass ich Koks ausprobierte.

Leise rieselt der Schnee

Was soll ich zu dieser Zeit sagen? Es war die schlimmste, aber auch gleichzeitig die geilste Zeit meines Lebens bisher. Ein Leben der Extreme von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Letztendlich war es eine einzige Party mit schrecklichen Katern. Neue Umgebung, neue Freunde, gleicher Schmerz. Wir koksten so ziemlich jeden Tag und waren ständig unterwegs oder machten einfach eine Hausparty aus Bequemlichkeit.

Eines Tages, nach einer durchzechten Nacht, saßen Vincent und ich alleine am Glastisch und unterhielten uns und schließlich fragte ich ihn, ob er schon einmal etwas gezogen hätte und er meinte, ja, einmal. Ich fragte, ob er Lust hätte, irgendwann wieder etwas zu ziehen, und da kam heraus, dass er das schon mehr als einmal gemacht hatte, und wir beschlossen, für das nächste Wochenende etwas zu besorgen. Schließlich war Wochenende und ich kam mir vor wie in einem Film, wie ein Superstar oder Rockstar, der sich eine Nase zieht. Es hat schon was Edles. Wir fingen klein an, aber von Zeit zu Zeit brauchten wir immer mehr, um eine deutliche Aufhellung der Stimmung zu vernehmen, und zum Schluss ging es nur darum, etwas zu ziehen, um „normal“ zu sein. Jedoch bis es so weit kam, war es eine Hammerzeit. Wir fühlten uns wie die Kings of Frankfurts Streets. Uns beiden gehörte die Welt und wir genossen es. Irgendwann zog man nicht mehr, weil man sich einen Effekt erwartete, sondern weil einfach das Gefühl, sich etwas durch die Nase zu ziehen, und dieser metallische Geschmack im Gaumen einen Kick auslösten. Unsere Nasen waren ständig zu und als seine damals noch nicht Ehefrau dazukam, wurde es zu „organisiertem Koksen“, wie ich es nannte. Ein Dutzend Nasensprays, Taschentücher, Vitamintabletten und sogar Nasenspülungen, um sie für die nächste Line wieder freizubekommen. Krank, nicht wahr? Aber das musste sein. Mir war das zum Schluss sowieso schon alles zu viel, aber ich wollte eh nur sterben, also was sollte es.

Wir verbrachten Dienstag bis Sonntag immer im selben Club und hauten uns die Birne weg. Wieso nicht montags? Tja, da hatte der Club geschlossen. Das war auch wirklich der einzige Grund. Wir waren oftmals tagelang wach, ohne zu bemerken, wie die Tage vergingen, und ich wog zum Schluss nur noch 45 Kilos, aber wenn ich in den Spiegel sah, empfand ich mich als fett. Wir hatten eine total verzerrte Sichtweise auf uns selbst und schwebten in anderen Sphären.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was wir gemacht haben, und eigentlich rückblickend gesehen, waren wir doch sehr langweilig und monoton, aber es gab uns eine vermeintliche Auszeit von unserem Kummer, der uns doch immer wieder zu schnell wieder einholte, aber das war egal, die nächste Line würde das schon regeln. Es waren ständig Leute in der Wohnung und doch war es auch meine einsamste Zeit. Ich ging oftmals auf die Toilette, erlaubte mir, zwei Tränchen zu weinen, und ging mit einem Lächeln wieder zurück. Ich glaube, es hat niemand bemerkt, wie oft ich doch geweint habe im Heimlichen. Aber wir hatten wirklich eine Mordsgaudi und Vincent und ich waren unzertrennlich und ich liebte das. Zu diesem Zeitpunkt waren er und das Kokain mein einziger Lebensinhalt. Alles andere war unwichtig, nicht relevant. Vincent und Priscilla, die Könige der Welt, zumindest Frankfurts, aber auch nur in unseren Köpfen.

Vincent und Priscilla, Priscilla und Vincent

Das erste Mal lernte ich ihn über einen Freund kennen, mit dem ich zu dieser Zeit viel Kontakt hatte. Es sollte auf eine Party gehen und davor gingen wir aber zu Vincent nach Hause. Er saß dort mit zwei Freunden, die bis heute zu meinen Freunden gehören, und einer Freundin draußen im Garten und wir tranken Alkohol. Man kam ins Gespräch und lernte sich kennen, man trank mehr, irgendwann landete ich mit im Whirlpool und zum Schluss in seinem Bett. So viel zu unserer ersten Begegnung. Ich und meine damalige beste Freundin, Verena, integrierten uns schnell in die neue Clique und machten öfters mal was mit ihnen. Nach dieser ersten Nacht stellte sich aber schnell heraus, dass mir dieser Vincent doch nicht so sympathisch war. Ich konnte mit ihm nichts Wirkliches anfangen, wir waren nicht auf einer Wellenlänge und so schieden sich dann auch erst mal wieder unsere Wege, irgendwie.

Längere Zeit später hatte er die Schule erfolgreich beendet und war in eine Wohnung im Zentrum Frankfurts gezogen und so kam es, dass ich ihn eines Abends in meinem neuen Lieblingsclub wieder traf. Diesmal war es aber anders. Ich unterhielt mich mit ihm und wir blödelten rum. Er hatte seit geraumer Zeit eine feste Freundin, die er sehr liebte und von der er auch sagte, dass er durch sie ein besserer Mensch, ein besserer Mann geworden sei und Frauen nun mit Respekt behandle. Er schien mir auch wirklich verändert und ich mochte ihn auf Anhieb. Das war der Anfang einer tiefen und innigen Freundschaft. Wir gingen immer zusammen weg, unterhielten uns und hatten einfach Spaß. Ich verbrachte die meiste Zeit bei ihm in der Wohnung und wir spielten uns aufeinander ein. Ich wusste zwar, dass er vermögend war, aber ich dachte immer, er würde die Wohnung von seinen Adoptiveltern bezahlt bekommen und dachte mir einfach nichts Großes dabei. Wir waren ein eingefleischtes Team. Dadurch, dass ich so viel Zeit bei ihm verbrachte und ständig dort übernachtete, schien es mir nur gerecht, wenn ich ihm im Haushalt half, für ihn einkaufen ging und die täglichen Dinge des Alltags erledigte. Ich war zwar immer noch ein gebrochenes und tieftrauriges Kind, aber bei ihm fand ich Heimat. Er wurde zu meiner Familie, sodass mir alles drum herum egal wurde, solange er da war, solange wir füreinander da waren, ging es mir gut.

Er wurde sehr früh von einer etwas älteren Frau adoptiert, die leider verstarb, als er sieben Jahre alt war, und ihn anscheinend auch hin und wieder geschlagen hatte, die ihm aber auch ihr ganzes Vermögen vererbt hatte. Wir waren schon ein halbes Jahr lang unzertrennlich befreundet, als ich erst erfuhr, dass er so viele Millionen vererbt bekommen hatte, wie gesagt, dachte ich mir nichts Großes dabei, schließlich waren seine zweiten Adoptiveltern auch wohlhabend und wir waren alle reich. Ich war etwas schockiert erst mal, als ich es erfuhr, vor allem, dass ich tagein, tagaus bei ihm lebte und er nie ein Wort darüber verloren hatte. Im Nachhinein finde ich es gut, denn so konnte er sich sicher sein, dass ich seinetwegen mit ihm befreundet war und mich nicht wegen seines Geldes an ihn hängte wie viele andere.

Er war ein sehr trauriger Junge und ich spürte und konnte diesen unendlichen Schmerz nachvollziehen, weswegen wir uns so gut verstanden und was uns wirklich verband. Wir brauchten einander, wir gaben uns Halt und ich hätte alles gegeben, damit es ihm gut ging. Hätte er eine Niere gebraucht, ich hätte sie ihm, ohne zu zögern, gegeben. Ich würde sie ihm auch jetzt ohne jedes Zögern einfach geben. Mein Leben gehörte ihm, denn wie sollte ich ohne ihn leben. Das sagten wir immer einander. Ich war sein Herz und er mein Leben. Wir gehörten zusammen. Er hatte seine Beziehungen und Affären, ich hatte meine Liebschaften, aber am Ende des Tages würden wir uns zusammensetzen und erzählen. Ich würde für ihn lügen, damit er sich nicht in seinen Affären selbst verstricken und es auffliegen würde und er würde für mich da sein, wenn ich Liebeskummer hatte. Wenn er zu viel getrunken hatte und aggressiv war und sich geprügelt hatte oder irgendwelche Gegenstände wieder mal zerstörte, stand ich ihm zur Seite, denn ich wusste, dass diese unendliche Wut, die er hatte, nicht auf die Situation bezogen war, sondern aus früheren Verletzungen stammte, aus Fragen, die er nie beantwortet bekam. Ich konnte seinen Schmerz verstehen und das fühlte er. Er zeigte sich stets als starken Mann, der feiern konnte wie kein anderer, der keine Geldsorgen hatte und dem es einfach nur gut ging, der seine Freiheit auskostete. Er hatte die gleiche Maske wie ich aufgesetzt, ich das Mädchen, das ständig lachte und bis in die Puppen durchtanzte und für jeden Spaß zu haben war, aber wir konnten uns so sehen, wie wir wirklich waren. Wir konnten einander wirklich sehen, hinter die Masken schauen, die wir uns täglich aufsetzten. Zum Ende hin fiel es uns aber durch die Drogen immer schwerer, bzw. mir, diese Scharade aufrechtzuerhalten. Ich war am Ende meiner Kräfte. Sie reichten nicht einmal mehr für eine Fassade aus. Wir sagten uns immer, dass wir uns liebten, aber natürlich nur auf rein freundschaftlicher Basis, auf familiärer Basis, aber nach einiger Zeit, fast schon gegen Ende unserer Freundschaft änderte sich mein Gefühl zu ihm. Ich hatte ihm so oft gesagt, dass ich ihn liebte, dass diese wirkliche, aber platonische Liebe in romantische Liebe umschlug. Doch zu dieser Zeit hatte ich ihm bereits die Hexe vorgestellt, wie ich sie nannte, und sie verliebte sich in ihn und da sie eine Freundin von mir gewesen war und er mein bester Freund war, hielt ich mich zurück. Ich empfand es als wichtiger, unsere Freundschaft zu pflegen, als alles durch eine misslungene Beziehung zu zerstören. Ich hatte es ihr mitgeteilt und meinte danach aber auch sofort, dass ich nichts in dieser Richtung unternehmen würde und ihr helfen würde, dass er sich für sie interessiert, was schließlich auch klappte. Heute haben sie zwei gemeinsame Kinder, dem ersten gaben sie den Namen, den ich ihm damals vorgeschlagen hatte, und nun sind sie verheiratet und besitzen den Nachtclub, von dem er und ich immer scherzten, dass wir ihn kaufen würden, da wir dort sowieso jeden Tag verbrachten. Das waren drei Dolchstöße, die mich tief trafen, auch lange nachdem wir nicht mehr befreundet waren. Denn es scheint, er würde unser Leben, das wir für uns vorgesehen hatten, einfach mit einer anderen leben. Es wäre mir fast lieber gewesen, er hätte ein ganz neues Leben ohne mich begonnen, als unsere gemeinsamen Träume mit der Hexe zu verwirklichen.