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Im Sommer 2022 wurde auf den deutschen Schienen ein historisches Experiment durchgeführt, das 9-Euro-Ticket war dafür in die Welt gesetzt worden. Zig Millionen Menschen nahmen daran teil, Jimmy K. war einer von denen, die am engagiertesten mitmachten. Jede Woche innerhalb der drei Versuchsmonate war er mit seinem magischen Ticket unterwegs zu Zielen, die nahezu ganz Deutschland abdeckten. Aus seiner Erzählung erfahren wir, was sich in deutschen Regionalzügen und Bahnhöfen ereignete und damit auch, wohin das ganze Land schlingerte. Spannendes, Alltägliches, Amüsantes, Erschreckendes, mit einer Prise Satire gewürzt. Aus dem erhofften Sommermärchen wurde eine Odyssee. Züge dominierten das Experiment, und so konnte es nicht ausbleiben, dass wir von Fahrplänen, Uhrzeiten und Verspätungen, aber auch von Masken lesen. Jimmy K. erzählt von seinen Erlebnissen in den Städten, die er besuchte. Die aktuelle Politik und gesellschaftlichen Strömungen in Deutschland flossen in seine Erzählung ein, da sie die Menschen in den Zügen bewegten und allgegenwärtig waren. Er schaut zunächst auf die Entstehung des Experimentes zurück. Dann folgen die Schilderungen der einzelnen Reisen und er enthält sich auch nicht einer Bewertung des Versuchs. Seine 9-Euro-Ticket Odyssee ist ein großes, gleichsam lehrreiches, Lesevergnügen, das auch alle, die über eine Neuauflage dieses Tickets nachdenken, kritisch studieren sollten. Steigen wir gemeinsam ein, der Zug fährt, wenn er nicht verspätet ist, gleich ab!
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Manfred Görk, 1954 geboren, studierte Volkswirtschaft und lebt heute bei Heidelberg. Er war über viele Jahre in internationalen Projekten tätig, die ihn rund um den Globus führten. Nach seiner beruflichen Karriere begann er, zu schreiben. Seine Bücher handeln von China, Neuseeland und jetzt zum ersten Mal von seinem eigenen Land. Er war sicher einer der leidenschaftlichsten Teilnehmer am großen 9-Euro-Ticket Experiment des Sommers 2022. In dieser Erzählung nimmt er uns mit in die Züge, mit denen er durch Deutschland schlingerte.
Weitere Veröffentlichungen:
Land der Mitte – Impressionen aus einer anderen Welt (2017, ISBN: 9783958-405707). Dieses Buch ist auch in der chinesischen Übersetzung erschienen (2018, ISBN: 9-783748-199090).
Herr Gao und der Gelbe Fluss (2020, ISBN: 9-783752-687187).
Lockdown in Neuseeland – CORONA Reise-Tagebuch (2020, ISBN: 9-783750-442498). Dieses Buch ist auch in der englischen Übersetzung erschienen (2020, ISBN: 9-783751-935128).
Kontaktaufnahme: [email protected]
Für alle Schaffner und Schaffnerinnen
»Ein guter Reisender Hat keine festen Pläne Und denkt nicht An das Ankommen.«
Lao-Tse
Vorwort
It’s All Over Now, Baby Blue
Wiedergeburt von Bussen und Bahnen
Countdown
Probefahrt zu Bischöfen und Kaisern
Grie Soss und Spundekäs
Dreierlei: Saar – Mosel – Rhein
Rheinmetropolen: Bönnsch, Alt und Kölsch
Bajuwaren und Franken
Aus Bayern heraus – nach Bayern hinein
Eierschecke und Rauchbier
Romantische Straße und West-Franken
Steine, Hermann und die Ratten
Schwäbisches Meer und Kuckucksuhren
Moin moin, Musikanten
Der Echte Norden
Zugabe: Mein Badner-Land
Gespräch mit Chiara Fiore
Orte und Betreiber
Die Deutsche Bahn entschuldigt sich
Im Sommer 2022 wurde auf den deutschen Schienen ein historisches Experiment durchgeführt, das 9-Euro-Ticket war dafür in die Welt gesetzt worden. Zig Millionen Menschen nahmen daran teil, Jimmy K. war einer von ihnen. Ich vermute, dass nur wenige andere sich so engagiert beteiligten, wie er. Jede Woche innerhalb der drei Versuchsmonate war er mit seinem magischen Ticket unterwegs zu Zielen, die nahezu ganz Deutschland abdeckten. Aus seiner Erzählung erfahren wir, was sich in deutschen Regionalzügen und Bahnhöfen ereignete und damit auch, wohin das ganze Land schlingerte. Spannendes, Alltägliches, Amüsantes, Erschreckendes. Es wurde kein Sommermärchen, es wurde eine Odyssee.
Züge dominierten das Experiment, und so konnte es nicht ausbleiben, dass wir von Fahrplänen, Verspätungen, und Masken lesen. Jimmy K. erzählt uns von seinen Erlebnissen in den Städten, die er besuchte und deren Besonderheiten, vereinzelt spricht er auch über Orte, an denen er nicht ausstieg, die er aber für einen Besuch empfehlen möchte. Die aktuelle Politik und gesellschaftlichen Strömungen in Deutschland flossen in seine Erzählung ein, da sie die Menschen in den Zügen bewegten und allgegenwärtig waren.
In den ersten Kapiteln schaut der Autor zurück auf die Entstehungsgeschichte des Experimentes. Sie werden erfahren, wieso es 3 Monate lang dauerte, wie der Monatspreis von 9 Euro zustande kam und wie es zum Gesetz wurde. Nach den Schilderungen der Ereignisse bis zum Start am 1. Juni, folgt der Hauptteil mit den Erzählungen der insgesamt 13 Reisen.
Schließlich rundet die Wiedergabe des Interviews, das ich Anfang September mit Jimmy K. führte, den 9-Euro-Sommer 2022 ab. Wenn Sie so wollen, können Sie daraus seine Bewertung des Experimentes herauslesen.
Jimmys ›9-Euro-Ticket Odyssee‹ war für mich ein großes Lesevergnügen, bei dem ich viel über das Land nördlich der Alpen lernte.
Steigen wir gemeinsam ein, der Zug fährt, wenn er nicht verspätet ist, gleich ab!
September 2022, Chiara Fiore, Journalistin
Ich stand am hinteren Ende des Bahnsteigs, mit freiem Blick auf alles, was rund um die Gleise des Bahnhofs der Kleinstadt, die nicht weit entfernt von meinem Wohnort lag, geschah. Diesen Ort bezeichnete ich oft als meinen Heimathafen, obwohl dort keine Schiffe fuhren, sondern Züge verkehrten und meine Heimat außerdem in einer anderen Stadt zu finden war. Wo genau, konnte ich auch nicht mit Bestimmtheit sagen, aber hier war sie nicht, soviel war klar. Ich nutzte diesen Bahnhof aus dem schlichten Grund, dass er bequem von meinem Zuhause zu erreichen war, weil es von dort in akzeptablen Zeitabständen Anschluss an das Fernstreckennetz der Deutschen Bahn gab und, was nicht geringzuschätzen war, weil es immer genügend Parkplätze in seiner unmittelbaren Umgebung gab, wo das Auto mehrere Tage und Nächte, noch dazu kostenlos, auf meine Rückkehr warten konnte.
Am Bahnsteig 1 wartete heute Nacht eine Menschentraube, darunter Schaulustige aus der Kleinstadt, ein Team des regionalen öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders, eine Handvoll Reporter von Zeitungen und, wie gemunkelt wurde, auch zwei Vertreter der Regierung, die eilends aus der Landeshauptstadt mit dem Hubschrauber angereist waren. Einer von ihnen war der Verkehrsminister persönlich, der andere jemand vom Energieressort. Ersterer ein Herr, Letztere eine Dame, die Ministerialdirektorin, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
Die runde Bahnhofsuhr zeigte fünf vor Zwölf. Ihre schwarzen Zeiger der Stunden und Minuten waren im Dunkel nur schemenhaft zu erkennen, da die Innenbeleuchtung der Uhr ausgefallen war, was wohl an der zerbrochenen Glasscheibe vor dem Ziffernblatt lag. Das war nichts Neues, das war bereits seit vielen Monaten so. Auch die Bahnsteigbeleuchtung reichte nicht aus, um den wichtigen Moment, der jetzt, kurz vor Mitternacht, nur noch fünf Minuten entfernt war, ins rechte Scheinwerferlicht zu rücken. Der rote Sekundenzeiger hingegen war wegen seiner leuchtenden, progressiven Farbe deutlich zu erkennen. Er bewegte sich gleichförmig von einem Strich zum nächsten. Sicher wusste er nichts davon, dass er im Fokus der Betrachtung stand, denn die Anwesenden schauten abwechselnd nach links, um im Dunkel der Nacht auf den noch regennassen, matt glänzenden Schienen das herannahende Stahlross zu entdecken, dann wieder nach rechts, um den roten Zeiger zu beobachten und ihn am liebsten so in seiner Bahn zu steuern versuchten, dass seine Schritte perfekt mit dem fahrplanmäßig erwarteten Eintreffen der RB 999 im Einklang waren. Schließlich war es kein Zufall, dass genau dieser Kleinstadtbahnhof für das große Ereignis ausgewählt wurde, denn es gab zwar genügend andere Bahnhöfe in Metropolen mit frisch renovierten Fassaden und mehr als drei Bahnsteigen, aber in keinem von ihnen sollte ein Zug um Mitternacht exakt um 24 Uhr eintreffen. In den Orten, die die Leute kannten, gab es planmäßige Ankünfte um 23:27, 23:52 oder 00:02 Uhr, aber das war nicht passend für das heutige Ereignis, für das große Finale, für den Schlusspfiff.
»Da kommt er!«
Jemand hatte den Zug in der Ferne erkannt, was nicht schwerfiel, waren doch die drei Scheinwerfer, als gleichschenkliges Dreieck angeordnet, eindeutig einer Lokomotive zuzuordnen. Ich wusste, dass man heutzutage nicht mehr von Lokomotive spricht, sondern meist von Zugmaschine oder Triebwagen, aber ich liebte dieses alte Wort und entschied für mich, niemals etwas anderes als Lokomotive zu sagen. Der obere Lichtkegel war stärker und heller als die beiden anderen, die unten links und rechts angebracht waren. Der Kopf der Lokomotive strahlte und trieb einen matten Glanz auf die polierten Gleise, sodass sie zwei helle Linien in die Nacht zeichneten, die am Ende ihrer Reichweite zu einer verschmolzen, um sich dann aufzulösen und in die drei Lichter aufzugehen. Das Ende kam näher, immer näher, Sekunde um Sekunde.
Ich war selbst erst wenige Stunden zuvor an diesem Bahnsteig angekommen, meine letzte Bahnfahrt hatte genau hier geendet, wo jetzt die Menge wartete. Als ich eintraf, gab es noch das übliche Geschehen, das man von einem Kleinstadtbahnhof kennt, genauso, wie am späten Nachmittag des Silvestertages noch normales Treiben in den Städten und Dörfern herrscht. Jetzt, kurz vor Mitternacht, war alles anders, genau wie die Menschen wenige Minuten vor 24 Uhr in der Silvesternacht auch von einer ganz besonderen Stimmung ergriffen werden. Die Leuchtdioden der Datumsanzeige gleich unter der runden Uhr zeigten ›Mittwoch, 31.08.2022‹. Als der Zug näherkam, ertönte blechern die Ansage aus den verbeulten Trichter Lautsprechern:
»Auf Gleis 1 hat Einfahrt RB 999 aus …«
Es war nicht mehr zu verstehen, woher der Zug kam, denn die Menge erwachte urplötzlich, Stimmengewirr, Rufe, Hin- und Herlaufen, es war vier vor Zwölf. Das Fernsehteam justierte noch einmal die Kameras, der Reporter machte eine letzte Probe mit dem Mikrofon, es war drei vor Zwölf, als die beiden mehr weiß als gelb leuchtenden Scheinwerfer neben der Kamerafrau eingeschaltet wurden. Zwei vor Zwölf, RB 999 war jetzt deutlich zu erkennen, nicht nur die Lok, sondern auch die ersten Waggons. Die Regionalbahn näherte sich müde, aber erhaben ihrem Ziel. Der Herr und die Dame der Regierung wurden aufs Neue frisch gepudert, nur keine glänzenden Stellen im Gesicht, wenn sie gleich ihren großen Erfolg mithilfe der Kamera in die Wohnzimmer des Landes schicken würden.
Eine Minute vor Zwölf. Das Schnaufen und Quietschen der Lok übertönten die jetzt aufgewühlte Menge. Ich stand noch immer an meinem Platz. Warum war ich überhaupt hier? Ich hatte dieses Vorhaben nie in Zweifel gezogen, hatte die Gunst der Stunde in vollen Zügen genutzt, war neugierig, war in den letzten zweiundneunzig Tagen Teil des Systems geworden, dieses Mikrokosmos, der so viele in seinen Bann gezogen hatte. Ich musste einfach hier sein, denn es war auch meine Geschichte.
Der rote Zeiger hüpfte auf seiner Kreisbahn unaufhaltsam weiter, der Zug rollte auf den Laufsteg. Beide waren unbeeindruckt, sie erledigten ihre Arbeit, wobei der Lokführer Einfluss auf die Geschwindigkeit seines Fahrzeuges hatte, der Zeiger hingegen nur das ausführte, was in sein funkgesteuertes Uhrwerk einprogrammiert worden war.
10 – 9 – 8:
»Bitte von der Bahnsteigkante zurücktreten, der Zug fährt ein.«
7 – 6:
Die Lok erreichte bereits die Mitte des Bahnsteigs. Quietschende Bremsen und das schrille, die Nachtluft zerschneidende Aufheulen der Räder auf den eisernen Schienen, übertönten das Stimmengewirr.
5 – 4 – 3:
Der letzte Waggon benötigte noch zehn Meter, bis er den Bahnsteig erreichen würde, der Lokführer hatte ein Fenster geöffnet und winkte. Er war jetzt auf der Höhe meiner Position und ich hob meine Hand zum Gegengruß in die Nacht.
2 – 1:
Ein letztes starkes Schütteln erregte die Regionalbahn.
Null:
Sie stand!
»Dieser Zug endet hier, bitte nicht einsteigen«, dröhnte es aus dem Lautsprecher.
Die Standardansage vom Band wurde eingespielt, obwohl jeder wusste, dass es jetzt nicht mehr weiterging, die Leute waren nur hierhergekommen, um das Ende live mitzuerleben. Die Vertreter der Presse und das Kamerateam suchten sich die besten Plätze vor den Türen des mittleren Waggons. Sie liefen dazu noch ein paar Meter mit dem Zug. Schrittzuhalten war wegen dessen langsamer Geschwindigkeit nicht schwer. Endlich öffneten sich ächzend die ersten Türen. Ich wusste mittlerweile über die Leute, die aus den Waggons herausquollen, Bescheid. Nicht dass ich auch nur einen persönlich kannte, aber ich war mir darüber im Klaren, um welche Charaktere es sich handelte, was in ihren Köpfen vor sich ging, ich war über ihre Erlebnisse, ihre Freude, ihre Frustration, ihre Eigenarten, ihre Motivation, ihre Leidensfähigkeit und ihr Glücksgefühl bestens im Bilde, schließlich war ich einer von ihnen gewesen, ich gehörte zum Club.
Manche Passagiere rannten taumelnd zum Ausgang des Bahnhofs, rissen sich die Maske von Mund und Nase, sogen die feuchtwarme Nachtluft ein und ließen die Reporter links liegen, obwohl die Mikrofone und Kabel es ihnen nicht leicht machten, zu entkommen. Andere setzten sich erst einmal auf eine der wenigen Bänke am Bahnsteig, wieder andere strahlten, weil sie es geschafft hatten, weil sie bis zum letzten Tag durchgehalten hatten. Diejenigen mit den halb leeren Bierflaschen in der Hand blieben gerne vor der Kamera stehen und schrien etwas kaum Verständliches in die Mikrofone, ein Zugbegleiter sagte, dass er sehr erleichtert sei, zeigte aber gleichzeitig einen Hauch von Wehmut, weil er den Stress bereits vergessen und nur noch das Schöne in Erinnerung hatte. Das war keine Sternstunde des Interviews, aber das wussten die Leute vom Fernsehen und machten mit eingeübter Routine ihre Arbeit. Schlussendlich fanden sich doch noch eine Handvoll Passagiere, die gerne in das Mikrofon sprachen und wenig aufgeregt ganz sachlich ihre Gedanken äußerten.
Ich blickte zu den beiden aus den Ministerien. Sie verhielten sich etwas tölpelhaft, als sie versuchten, ganz lässig einigen der Reisenden die Hände abzuklatschen, waren sie doch die offiziellen Stellvertreter der Staatsorgane, die den Sommer 2022 so einzigartig gemacht hatten, die zumindest den Weg geebnet hatten, auf dem Millionen von Menschen gefahren waren. Jeder wusste, dass die beiden nicht einmal am Entwurf des zugrunde liegenden Gesetzestextes mitgearbeitet hatten, das waren ihre Kollegen und Kolleginnen in Berlin, doch sie hatten auf lokaler Ebene stets versucht, den Menschen die Richtigkeit des Vorhabens schmackhaft zu machen, waren gelobt und angegriffen worden, so wie immer, wenn die Zentrale Entscheidungen trifft und die lokalen Einheiten für die operative Umsetzung verantwortlich sind. Schließlich standen sie selbst zum Interview bereit. Sie sprachen von einem großartigen Erfolg, zeigten sich dankbar darüber, dass so viele Menschen das Angebot angenommen hatten, versprachen, sich für eine Fortsetzung einzusetzen, irgendwann, in, das musste man diskutieren, abgewandelter Form, in Summe aber waren sie sich sicher, dass das Experiment gelungen war. Ich hörte nicht weiter zu, ich wusste zu genau, welche auswendig gelernten Floskeln aus ihren Mündern kommen würden, das war schließlich ihr routinierter Job in der Öffentlichkeit. Aber ich gab ihnen rundum recht, es war ein gelungenes Experiment.
Langsam wurde es leerer, die Tristheit des Bahnsteigs nahm Oberhand, als ich müde Richtung Ausgang schlenderte. Zurück blieben der halb aus der Verankerung gerissene Mülleimer, dessen Inhalt sich zur Hälfte auf den Bahnsteig ergoss, die Zigarettenkippen, die gleich den Papierkugeln einer Schnitzeljagd den Weg wiesen, die in Zerstörungsabsicht gesprühten Graffiti, die jeden künstlerischen Anspruch vermissen ließen, der Obdachlose, der jeden Abend hierherkam, um einigermaßen vor Regen, Kälte oder Hitze geschützt die Nacht zu verbringen. Zurück blieb auch der rote Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr, der weiter tickte, immer weiter, um der Leere einen Rhythmus zu geben, der Zeiger, der nichts von dem verstand, was gerade zu Ende gegangen war. Auch die RB 999 blieb zurück, die im Laufe der Nacht auf ein Abstellgleis rangiert werden würde, um in den frühen Morgenstunden des 1. September 2022 wieder unter normalen Bedingungen nach Irgendwo zurückzufahren. Die große Leere hatte begonnen, als ich zu Hause ankam.
Das Spiel des Sommers hatte sein Ende gefunden. Wer war der Sieger? Gab es überhaupt einen? Wie immer bei solchen Anlässen würde eine sorgfältige Analyse erfolgen und ein Abschlussbericht veröffentlicht werden, soviel war klar. Während ich das Ereignis direkt am Bahnhof erlebt hatte, gab es im Fernsehen Sondersendungen, damit jeder an den Feiern teilhaben konnte, diejenigen, die in den letzten drei Monaten selbst Teil des Geschehens waren, genauso wie die anderen, die sich aus grundsätzlichen Erwägungen strikt geweigert hatten, mitzumachen. Die größte Gruppe aber waren diejenigen, die es einfach mal ausprobiert hatten, ein oder zweimal eine Reise machten und sich sonst nicht weiter darum kümmerten. Die Reporterteams waren gut instruiert worden, um ihren Stimmen den markanten Ton, ihren Worten die bildhafte Illustration zu geben.
»Aus, aus, vorbei. Das Spiel ist aus. Keine Verlängerung, kein Elfmeterschießen, es ist vorbei.«
Der Chefkommentator des Regierungsfernsehens selbst ließ es sich nicht nehmen, den Rückblick einzuleiten. Er sagte diese Worte am 1. September 2022, an einem Donnerstag, kurz nach null Uhr. Zu mehreren Bahnhöfen der Republik gab es Blitzschaltungen, was zu dieser Uhrzeit sehr ungewöhnlich war, wenn wir mal von der medialen Omnipräsenz des Fernsehens in der Silvesternacht absehen. Aber die Sondersendungen zu dieser ungewöhnlichen Zeit waren der Größe des Geschehens vollkommen angemessen, schließlich hatte es Ähnliches in der Geschichte der Republik noch nie gegeben. Nach zweiundneunzig Tagen lagen sich die Sieger in den Armen, die in dieser Nacht ihren Erfolg im Rausch ertränkten, bis sie am nächsten Tag vom stechenden Kater, der Hirn und Leib in Besitz genommen hatte, in den Alltag zurückgeworfen wurden, in das graue Einerlei, in die leere Zeit ohne Bus, ohne Bahn, ohne das spottbillige Sonderticket.
›The summer of love‹, das große Happening auf eisernen Schienen, der Schweiß des Sitznachbarn, die grölende, saufende Skatrunde, die an verschmutzte Scheiben gepressten Gesichter, das drängelnde Schieben durch die Waggons, die fluchenden Gleichgesinnten, die wehklagenden Alten, die coolen und die genervten Zugbegleiter, das alles war plötzlich nicht mehr da. Würde jemanden etwas fehlen? Was würde jetzt kommen? Die Sieger hatten die Fragen der Kritiker wieder in den Ohren, die im Mai gefragt hatten, was denn der Plan ab September sei und wie ein generelles Zukunftskonzept für den öffentlichen Nahverkehr aussehen solle. Sie würden sich bald damit beschäftigen, heute Nacht aber nicht.
»Es fährt kein Zug nach Irgendwo …«, skandierten ein paar Spätheimkehrer, die den Chefreporter gerade live gehört hatten. Die Mehrzahl sagte, es würde so weitergehen wie vor dem Rausch, es würde sich langfristig nichts Grundlegendes ändern. Sollten sie recht behalten? Niemand wagte eine Prognose.
Anfang September 2022 war alles wie vorher. Die Gewerkschaften hatten es nicht geschafft, für Zugführer und Servicepersonal, Zugbegleiter und Fahrplan-Jongleure ein paar Tage Sonderurlaub herauszuholen. Alle waren am Ende ihrer Kräfte, aber es ging einfach weiter. Die Schaffner und Schaffnerinnen sahen wieder ihre Stammkundschaft, die zur Arbeit fuhr und das gefiel ihnen. Nicht wenige wollten die letzten drei Monate rasch vergessen, sie sahen sie als Unfall, der sich nicht wiederholen durfte. Manche waren offen für einen Neuanfang, in den die Erfahrungen einfließen mussten. Anfang September waren mehr Autos als je zuvor auf den Straßen unterwegs. Die CO2-Einsparungen von drei Monaten wurden innerhalb nur einer Woche wieder aufgefressen.
Maya und ich saßen in dieser Nacht noch lange auf dem Sofa, das Handy in der linken Hand, die Blätterfunktion der Foto-App mit der rechten Hand bedienend. Im Hintergrund lief Musik von Van Morrison, leise, aber schön anzuhören:
»You must leave now, take what you need, you think will last, But whatever you wish to keep, you better grab it fast … And it's all over now, Baby Blue.«
Hoch- und runterscrollen. Fotos von Deutschland, von Bahnhöfen und Schienen, Altstädten und Kneipen. Kirchen und Rathäusern, Biergläsern und Weinflaschen, lachenden und weinenden Menschen. Wir sahen auf unseren Videos vorbeiziehende Weinberge, Wiesen, Wälder, Flüsse, triste Gebäude, blendende Sonnenstrahlen und rauschende Regenstürme. So viel in so kurzer Zeit. Wir hatten die 9-Euro-Ticket Odyssee überlebt.
»Erinnerst Du Dich an diesen Ort, Jimmy, ich habe den Namen schon vergessen?«, fragte Maya.
»Natürlich«, antwortete ich, »an alles! Das bleibt!«
Es begann gegen Ende des Winters, erste warme Tage kündigten den Frühling des Jahres 2022 an, als den Menschen wie ein Blitz aus heiterem Himmel von den Medien Berichte über herannahende Krisen ins Hirn getrommelt wurden. Unser Geld würde immer weniger wert sein, die Menschen würden frieren, wenngleich auch erst im nächsten Winter, wir würden viel mehr fürs Tanken ausgeben müssen, ebenso für Spargel und Erdbeeren, Brot und Bier, Gemüse und Fleisch, schlicht für alles, was zu einem anständigen Leben gehört, alles würde teurer werden, sehr viel teurer. Das Gespenst der Inflation kam am sonnendurchfluteten Tag, denn bei Lichte betrachtet war es bereits vor ein paar Monaten in unser Leben getreten, doch bisher wurde sie von Regierung, Zentralbank und Medien nicht sonderlich beachtet und schon gar nicht bekämpft. Plötzlich hatte man eine Ursache für die Preissteigerungen entdeckt, die nicht in der eigenen Verantwortung lag. Die Macht des Bösen schlechthin, in Moskau beheimatet, wurde den Bürgern als einziger Verursacher aufgetischt, als hätte man dieses externe Ereignis abgewartet, ja herbeigesehnt. Jetzt hörten und lasen die Menschen, was sie ohnehin schon wussten. Wir werden die Inflation jeden Tag spüren, so lauteten fortan die Schlagzeilen in den Medien. Rasch, wen wunderte es, kamen Forderungen auf den Tisch, dass der Staat eingreifen müsse. Hilfe, lieber Staat, tue etwas für Deine Bürger, für Dein Volk, senke die Steuern, was sage ich, schaffe Steuern komplett ab, zumindest auf bestimmte Produkte, und gib uns darüber hinaus direkte finanzielle Zuwendungen für den Lebensunterhalt, zur Erhaltung des Lebens schlechthin. Wenigstens zur Fortführung eines kärglichen Daseins solltest Du etwas tun, oh mein Staat.
In den Ministerien wurden diese Stimmen wohl gehört und unerwartet rasch bekamen Beamte von ihren Chefs die Order, sich etwas zu überlegen:
Achtung: Satire (Anfang)!
»Dieses Mal muss es schnell gehen, sonst wird der Missmut in der Bevölkerung zu groß, was uns ihre Gunst kosten kann.«
Eine Kommission wurde gegründet und darin waren die Kompetenzen unterschiedlicher Ressorts gebündelt. Verkehr, Finanzen, Energie und Umwelt lernten rasch, Ressort übergreifend zu agieren und schon am Ende der ersten Arbeitssitzung präsentierte sie ein erstes Ergebnis, die Überschrift für die Wohltaten war bereits gefunden worden: ›Energiesteuersenkungsgesetz‹ sollte der Name des Regelwerkes sein, das jetzt mit Inhalt gefüllt werden musste. Das war nicht geringzuschätzen, denn was immer am Ende an Leistungen festgesetzt werden sollte, musste schlussendlich in einen Gesetzestext gegossen werden. Schon drei Tage später traf man sich wieder, jeder hatte also genügend Zeit, um gut vorbereitet, mit konkreten Vorschlägen in die Sitzung zu gehen. In der Tat legte jede und jeder etwas auf den Tisch. Die mit Weitsicht zusammengestellte Arbeitsgruppe bestand aus je einem männlichen Vertreter und einer weiblichen Vertreterin je Ressort, Chef der Kommission war allerdings ein Mann. Ich war mir sicher, dass es an der Eile des Auftrags lag, einem Staatssekretär des Finanzministeriums die Leitung der Gruppe zu übertragen und ihm das letzte Wort zu geben.
Ihre Ideen flossen nach intensivem Abwägen von Für und Wider in die Rohfassung des Gesetzestextes ein. Man schlug als ersten Akt eine direkte Zahlung von pauschalen Geldbeträgen vor, die an jeden Kopf der Bevölkerung ausgezahlt werden sollten. Wir wollen an dieser Stelle darüber hinwegsehen, dass schlussendlich doch ein großer Teil der Menschen nicht in den Genuss dieser Zahlung kommen sollte und denen, die Begünstigte sein würden, ein Teil in Form von Steuern sofort wieder entzogen werden sollte. Das zu diskutieren, ist aber hier nicht relevant. Man dachte auch daran, auf einen Teil der Steuern auf Benzin und Diesel zu verzichten, zumindest vorübergehend, für einen noch näher zu bestimmenden Zeitraum und man wollte mit einer genialen Idee den öffentlichen Nahverkehr so attraktiv gestalten, dass sehr viele Autofahrer ganz freiwillig zum erstmaligen Umstieg auf Bus oder Bahn bereit wären. Darüber würde sich auch das Klima freuen, wusste die Vertreterin des Umweltministeriums in der ersten Pressekonferenz zu betonen.
»Lass den Kleinwagen stehen, nimm den Bus! Lass Deinen SUV in der klimatisierten Garage, steige um auf die Bahn!«
So oder ähnlich klangen die ersten Ideen der holprigen Slogans der begleitenden Marketing-Kampagne. Doch mit Appellen allein war es natürlich nicht getan, wusste doch jeder, dass der öffentliche Nahverkehr in vielen, vor allem ländlichen, Regionen viel zu schwach ausgebaut war und dass er dort, wo es ihn gab, wegen der hohen Fahrkartenpreise nicht attraktiv genug war, um mit dem Auto erfolgreich konkurrieren zu können. Nun gut, die Verfügbarkeit generell oder die Verkürzung von Fahrzeiten war in der knapp bemessenen Zeit nicht grundlegend zu verbessern, das wollte man daher gar nicht erst in Angriff nehmen, aber an den Preisen konnte doch bestimmt geschraubt werden.
Für dieses konkrete Ziel wurde der Kommission eine Woche Zeit gegeben. Acht-plus-Eins, acht für die kreative Arbeit und einer als Chef für die Koordination, der bei Stimmengleichheit in der Arbeitsgruppe derjenige mit der ultimativen Entscheidungskompetenz sein sollte, machten sich an die Detailarbeit. Klar, die finalen Entscheidungen würden natürlich auf höherer Ebene getroffen, er war aber derjenige, der entschied, was dem Minister vorgelegt werden sollte. Da Kommissionen einen Namen benötigten, um kurz und prägnant angesprochen werden zu können, nannten die Damen und Herren sich selbst die ›G9‹, die ›Gruppe der 9‹, gelegentlich sogar die ›Gruppe der 9 Weisen‹.
Die Ministerialbeamten brüteten und überlegten, doch wenig kluge Ideen lagen am Ende des Tages im Nest. 10 % Rabatt auf alle Tickets oder Montag ist S-Bahn-Tag oder jeder zahlt nur die Hälfte, das war alles wirklich nicht überzeugend.
»Lasst Euren Gedanken freien Lauf«, rief der Leiter der Arbeitsgruppe in den Raum, »ich will etwas von Euch hören.«
»Kostenlos für einen Monat«, schallte es durch den Raum.
Was für eine verrückte, gleichsam revolutionäre Idee, aber doch nicht so schlecht, um sie nicht intensiver zu diskutieren.
»Nehmen wir einen kleinen Betrag für einen Monat, wie wäre das?«
»Gut, gut, aber für welches Gebiet?«
»Jeweils für den gesamten Verkehrsverbund, in dem jemand wohnt, dann wird es bestimmt attraktiv.«
»Und wofür?«
»Na für alles, für alle Busse, S-Bahnen, U-Bahnen.«
Ohne diese Idee weiter konkretisiert zu haben, wurde sie bereits wenige Stunden später in den Medien präsentiert, bejubelt und zerrissen. Wer hatte geplaudert? Schlau denkende Kritiker meldeten sich umgehend zu Wort.
»Wenn jemand im Verkehrsverbund A wohnt, seine Arbeitsstelle aber im Verbund B liegt, muss er dann zwei von diesen neuen Schnäppchen-Tickets kaufen?«
»Was ist, wenn es gar keine Busanbindung gibt?«
Es gab viele weitere Gegenstöße, die in den Medien breit diskutiert wurden, und im Grundtenor hieß es nichts anderes, als dass man mit den ersten Ideen nicht zufrieden war. Die Debatte wurde fortgesetzt.
»Wir sollten ein Ticket anbieten, das neben dem eigenen Verkehrsverbund auch einen benachbarten Verbund einbezieht.«
»Warum nur einer, warum nicht alle?«
Es war spät geworden und man vertagte sich auf den nächsten Vormittag. Da der Tagungsort der Arbeitsgruppe aber nicht in Berlin, sondern in Hamburg war – fern des normalen Arbeitsplatzes kommt man eben leichter zu kreativen Lösungen – hatte man verabredet, vor Beginn der nächsten Sitzung sehr früh am kommenden Morgen den Hamburger Fischmarkt zu besuchen. Nach einem Matjesbrötchen und einem morgendlichen Korn, das gehörte zum Ritual und selbst die grün gekleidete Dame aus dem Umweltressort konnte sich nicht davor drücken, wollte man dann weiter beraten.
Sich den Schlaf noch immer aus den Augen reibend, standen die Arbeitsgruppenmitglieder am Stand von Aal-Heinrich, nachdem sie vorher an ein paar anderen Buden vorbeigeschlendert waren, diesen aber keine große Beachtung geschenkt hatten. Hier am Fischstand war es bereits um fünf Uhr in der Früh recht voll und laut und so blieben sie neugierig stehen.
»Moin, ihr müden Krieger, was macht ihr hier, ihr wollt Fisch, denk’ ich mir? Jou, da seid ihr hier genau richtig bei mich. Guck ma, beste Qualität, frisch und gesund, genau das, was Du jetzt brauchst, siehst ein wenig müde aus.«
Aal-Heinrich hielt ein großes Stück beschichtetes Papier in seiner Linken und griff mit der Rechten in die Auslagen.
»Komm, guck mal, was ich Dir da aufs Papier lege. Ein langer frischer Aaaaaal, wie der duftet. Und dazu den Kabeljau hier, den leg’ ich noch obendrauf und den Seelachs und diese wunderbare Dorade. 20 Euro für alles, nur 20 Euro, nur heute Morgen, nur bei Aal-Heinrich, nur für Dich! Was, willste nicht, is Dir zu teuer. Mann oh Mann, was bist Du denn für ein Knauser. Egal, ich mach’ noch den Alaska Lachs dabei und die zwei Grünen Heringe (der Bärtige der Arbeitsgruppe grinste seine grün gekleidete Kollegin an). 20 Euro, alles zusammen nur 20 Euro. Jetzt nimm die Tüte und hau ab, der Kumpel neben Dir will auch drankommen. Was, Du willst immer noch mehr? Komm, da schmeiß’ ich noch zwei Makrelen mit darauf. Immer noch nicht genug? Was soll's, weil Du’s bist, ich muss verrückt sein, geb’ ich Dir noch zwei Schillerlocken mit dabei und die Tüte Krabben hier auch noch. Jetzt is aber genug, willste jetzt? 20 Euro, Danke. Findste gut hier? Freut mich. Kannst mich doch mal loben dafür. Da geht er hin mit der Riesentüte für 20 Euro, ich muss wirklich verrückt sein, heute Morgen, keinen Euro habe ich dabei verdient, nicht mal einen Cent.«
Da kann er drei Monate lang Fisch essen, murmelte einer aus der Gruppe staunend in die kühle Morgenluft und schaute dem froh gelaunten Käufer hinterher. Wenig später waren sie wieder im Meetingraum. Bisher war der Chef nicht hereingekommen, er musste noch kurz mit dem Minister telefonieren, und so vertrieben sie sich die Zeit damit, Aal-Heinrich zu imitieren.
»20 Euro für eine Woche mit dem Bus. Was, nicht attraktiv genug? Komm, ich leg’ die U-Bahn und die alte Straßenbahn mit dazu. Reicht das aus?«
»Nein, zu wenig! Ich biete mehr, ich geb’ Dir die Regionalbahn obendrauf und mit der kannst Du auch im Nachbarkreis rumkutschieren, was sage ich, im ganzen Bundesland. Ich muss verrückt sein. Und den Regionalexpress in ganz Süddeutschland oder ganz Norddeutschland.«
Völlig in Rage flogen die halb garen Sätze durch die Runde.
»In ganz Deutschland, in der ganzen Republik. Alles, was ihr wollt. Alles für einen Monat für jeden.«
»Für 9 Euro!«
Völlig ekstatisch war die Dame in Grün aufgesprungen und hatte geschrien: »Für 9 Euro!«
In diesen Moment kam der Chef herein und fand seine Gruppe geradezu im Taumel ob des genialen Paketes, dass sie gerade geschnürt hatte. Ihm blieb nicht viel mehr als zu fragen, wie sie denn auf 9 Euro gekommen seien?
»Na, weil wir neun sind«, rief die Grüne, so einfach ist das. Alle feixten vor Begeisterung und schlugen sich ihre Hände auf die Schenkel. Weil wir 9 sind. An diesem frühen Morgen also gebar die ›Gruppe der 9‹ das 9-Euro-Ticket.
Die zuständigen Damen und Herren Minister waren mehr als erfreut, als sie so schnell ein Ergebnis vorgelegt bekamen. Sie hätten es einfach abnicken können, aber die ministerielle Handschrift durfte nicht fehlen, das waren sie ihrer Position in den Medien und gegenüber ihrem Chef, dem Kanzler höchstpersönlich, schuldig. Das Geld sei knapp, befanden sie und strichen die Fernverbindungszüge, die ICEs und die ICs. Die Finanzen seien in einem schlechten Zustand, aber die Lage sei nicht so ungünstig, um das Angebot nur auf einen Monat befristen zu müssen. Das war ihr Beitrag.
Bei den abschließenden Beratungen war einer der Minister persönlich anwesend, damit letzte Fragen umgehend geklärt werden konnten.
»Wie lange soll es denn gültig sein?«, fragte er in die Runde. Das war in der Tat sehr bedeutend und ehe man in eine Fachdiskussion darüber einsteigen konnte, zog der Vertreter des Finanzressorts einen Becher mit einem Würfel aus seiner Jackentasche, es war ein gelber Würfel mit roten Punkten und schon schüttelte er den Becher, schlug in auf den Tisch und hob ihn im großen Bogen nach oben. Was sahen sie? Die Drei.
»Ich schlage vor, dass das Ticket drei Monate lang gültig sein soll«, seine Stimme war plötzlich ganz ohne Emotionen, die Sachlichkeit in Reinform, sodass dem Minister nichts anderes blieb, als nickend zuzustimmen. Das 9-Euro-Ticket würde also drei Monate lang genutzt werden können.
»Und ab wann soll es den Menschen da draußen im Land zur Verfügung stehen?«, wollte der Minister wissen. Das war in der Tat auch nicht unbedeutend, musste doch einiges vorbereitet werden. Andererseits durfte es auch nicht zu lange hinausgeschoben werden, denn die Bürger sollten schon recht bald von der Regierungsarbeit profitieren. Der Würfelmann griff erneut in seine Tasche und warf einen zweiten Würfel, es war ein grüner, ebenfalls mit roten Punkten, in den Becher und gab ihm zum Schütteln seiner Kollegin, die heute ein eng anliegendes moosgrünes Kleid trug, in dessen Seiten zwei lange schmale aalartige schwarze Streifen eingearbeitet waren, die, aus der Ferne betrachtet, raffiniert geschnittene Schlitze zu sein schienen. Sie war nicht sonderlich vertraut mit dem Würfeln, denn in ihrer Fraktion wurde nichts dem Zufall überlassen, da war alles in klare Statuten gegossen. Nun, alles stimmte nicht so ganz, denn dass das 9-Euro-Ticket ein relevantes Entscheidungsfeld werden würde, ahnte beim letzten Parteitag niemand. Mit Unterstützung ihres Sitznachbarn, der ihr beim Schütteln tatkräftige Hilfe leistete, donnerte auch sie den Becher, dem schon ordentlich schwindelig geworden war, auf den Tisch, hob ihn hoch und schrie:
»2 mal 3! 2 mal 3 ist 6 und 6 ist Juni.«
Der Minister sah es mit Wohlwollen und ging zum Mittagessen in die Kantine oder, falls dort nichts Schmackhaftes angeboten werden sollte, in sein kleines Lieblingsrestaurant, nicht weit entfernt, am Ufer des Flusses.
Damit hatte die Arbeitsgruppe ihren Auftrag erfüllt und wurde aufgelöst. Der Vorschlag aus diesem kreativen Gremium wurde den Experten übergeben, die der Gesetzessprache mächtig waren, um daraus einen Text zu formulieren, der dem Bundestag zur Abstimmung vorgelegt werden musste. Wiederum eine andere Gruppe von Experten grübelte jetzt darüber, wer das Ganze bezahlen sollte. Man einigte sich auf eine Aufteilung der Kosten. Der Bund sollte einen Teil übernehmen, die Länder den anderen. So ist es in den Behörden, den Bürgern wird es egal sein, sie sind letztlich doch die Zahlenden über ihre Steuern und Abgaben, für sie ist es nicht von Belang, ob ihr Geld in der Verfügungsgewalt der Landesfinanzminister oder der des Bundesfinanzministers liegt.
Die ursprüngliche Idee, für die Pendler, die jeden Tag mit teuer zu betankenden Autos zur Arbeit fuhren, den öffentlichen Nahverkehr für diese Fahrten attraktiv zu machen, war längst in Vergessenheit geraten. Es wurde ein Rundum-Wohlfahrts-Paket für alle, insbesondere für diejenigen, die Zeit hatten.
Achtung: Satire (Ende)!
Kurz vor dem 1. Juni, dem geplanten Beginn der Gültigkeit, war die Verabschiedung im Bundestag vorgesehen. Schließlich wurde das Gesetz auf die Tagesordnung des 19. Mai 2022 gesetzt, einem Tag voller Beratungen, die sich vom frühen Vormittag bis gegen Mitternacht hinzogen. Irgendwann zwischen 21 und 22 Uhr begann dann die Debatte über das Energieeinsparungsgesetz und das 9-Euro-Ticket war ein Teil davon. Die Aussprache im Plenarsaal verlief eher träge und von den wenigen anwesenden Abgeordneten ergriffen nur diejenigen das Wort, die sonst fast nie am Rednerpult zu finden waren. Die kaum fünfzig Parlamentarier waren von ihren Fraktionschefs so ausgewählt worden, dass die Verabschiedung nie gefährdet war. Diese kleine Schar von Hinterbänklern machte dem Volk das großartigste Geschenk seit dem Bestehen der Republik. Selbst diejenigen, die an einzelnen Punkten des Gesetzes Kritik vorbrachten, stimmten letztlich zu, um das Große und Ganze nicht zu gefährden, wie sie betonten. Ein Abgeordneter war sich sicher, dass die jungen Leute im Sommer bestimmt viel Spaß mit dem Schnäppchen-Ticket haben würden, ein anderer gratulierte der älteren Generation und freute sich darüber, dass Rentnerinnen und Rentner wieder ihre Enkelkinder besuchen könnten und das nahezu kostenlos. Ich verfolgte die Debatte online im Livestream des Bundestags. Das Abstimmungsergebnis hatte ich natürlich erwartet, sodass meine Gedanken bereits um die gesellschaftliche Relevanz des Vorhabens kreisten. Als Erstes kam mir in den Sinn, dass es noch vor wenigen Wochen die Coronaimpfung war, die es den Enkeln ermöglichte, zu den Großeltern zu fahren, und jetzt, der Kreis schloss sich, war es das 9-Euro-Ticket, das den Omas und Opas den Gegenbesuch gestatten sollte.
Im Hintergrund wurde in den letzten Tagen vor der entscheidenden Sitzung des Bundesrates das Problem der Finanzierung heftig diskutiert. Weil ein nicht geringer Anteil der Kosten von den Ländern übernommen werden sollte, war deren Zustimmung im Bundesrat erforderlich. Zwei Länder aus der Südhälfte der Republik drohten offen mit Ablehnung, wenn ihr Kostenanteil nicht signifikant reduziert werden würde. Es blieb unbekannt, ob es zu wirklich ernsthaften Verhandlungen darüber kam, jedenfalls war keine Änderung in den Gesetzestext eingearbeitet worden, als die Sitzung der Ländervertretung am Freitag, dem 20. Mai 2022, um 9 Uhr begann.
