9. November - Ben Stegmann - E-Book

9. November E-Book

Ben Stegmann

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Beschreibung

Axel Neuhaus und seine Kollegen der britischen 'Military Intelligence' bereiteten sich im September 1989 auf einen heißen Herbst vor. Auch außerhalb Russlands waren die von Gorbatschow propagierten Glasnost und Perestroika sichtbar geworden. Das setzte auch die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik mehr und mehr unter Druck. Es formierte sich ein vielfältiger Widerstand in der DDR: Politiker, die ihr System für unfehlbar hielten. Friedlich gesinnte Oppositionelle. Dazu Systemkritiker, die gewaltbereit waren und unter allen Umständen eine dauerhafte Grenzöffnung erreichen wollten und solche Personen, die einzig an die Sicherung ihres persönlichen Reichtums dachten. In enger Zusammenarbeit mit dem französischen Geheimdienst versuchte der MI6, einzelne Personen und Gruppen zu identifizieren und zu infiltrieren, um so die Basis für einen friedlichen Übergang zu erhalten. Konnte dieses Vorhaben gelingen? Welchen Glauben konnte man Informationen schenken, die auf einen Anschlag am 31. Oktober 1989 in der Lutherstadt Wittenberg hindeuteten? Inwieweit war der russische Geheimdienst und ein in Dresden stationierter KGB-Major, namens Wladimir Putin, involviert? Neuhaus und sein Team mussten sich diese Fragen stellen und schnell handeln. Die Uhr lief gegen sie. Der Autor Ben Stegmann verdeutlicht in seinem histografischen Roman, zu welchen dramatischen Ereignissen es im Oktober und November 1989 hätte kommen können. Stegmann hat beim Schreiben des Buchs viel Wert auf Detailtreue gelegt und auf eine umfangreiche Recherche. Die Handlungen und Dialoge mussten teilweise aus den geschichtlichen Geschehnissen abgeleitet werden und haben daher einen fiktiven Charakter.

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Danksagung

Ich möchte mich bei allen Freunden bedanken, dich mich bei der Fertigstellung des Buchs vielfältig unterstützt haben. Ein besonderer Dank gilt Maurice, der mir auf den letzten Metern der Zielgerade den erforderlichen Kick gab, um durchzuhalten.

Ein Dankeschön auch an Sie, die Leserinnen und Leser dieses Buchs, die mich mit jedem Kauf darin bestärken, die richtige Idee umgesetzt zu haben.

Prolog

»Wir müssen sehen, welche Möglichkeiten sich für uns aus den Entwicklungen im Ostblock, vorrangig in der DDR ergeben. Zu viele politische, aber auch wirtschaftliche Vorteile sind bei einer entsprechenden, positiven Entwicklung zu erwarten«, sagte sie in den Hörer ihres ›sicheren‹ Telefons.

»Nun, ich stimme mit Ihnen überein, jedoch müssen wir auch mit Aktionen von Gruppen oder von einzelnen Linientreuen rechnen, die unsere Ziele zunichte machen oder zumindest verzögern könnten. Wir benötigen dringend vor Ort mehr Personal, um die Lage weiter zu sondieren und um auf einen zeitnahen Politikwechsel hinzuarbeiten.«

»Es bedarf nicht mehr Personal, Graham. Von Ihrer wie unserer Seite des Atlantiks tummeln sich derart viele Leute in den Staaten des Warschauer Pakts, dass es schwer fällt, sie alle als Mitarbeiter der Botschaften und Handelskammern auszugeben. Nein, wir müssen die Kontakte nutzen, die sich schon längst vor Ort befinden. Deren Insiderwissen muss intensiver genutzt und den Entscheidern zugeführt werden. Für mehr ist keine Zeit, die Entwicklungen überrollen uns sonst noch.«

»Wie gelangen wir an die erforderlichen Informationen? Gibt es zurzeit sichere Wege für Dokumente? Sollen wir jemanden suchen, den wir hinüber schicken können?«

»Graham, nicht nur ihr verfügt über einen ganz annehmbaren Geheimdienst. Unser Personal vom MI6 scheint mir oft sogar effektiver zu arbeiten. Ich lasse den besten verfügbaren Mitarbeiter auswählen. Versehen mit allen Vollmachten wird er umgehend nach Berlin reisen.«

»Vollmachten? Der Witz war gut! ›Hallo Erich, ich bin John Doe aus London. Meine Regierung hat mich ermächtigt, am Umsturz mitzuarbeiten!‹«

»Es ist wohl kaum Zeit, zu scherzen. ›Vollmachten‹ bedeutet für mich, dass er alle Entscheidungen, die er für notwendig erachtet, treffen kann. Autonom. Sei es Einflussnahme, technische Sabotage oder das Eliminieren einzelner Personen. Die Interessen meines Landes gehen vor. Und ihr und die anderen könnt dann wieder von unserer guten Vorarbeit profitieren.

Graham, ich muss jetzt wieder in ein Meeting. Das Kabinett muss eingeweiht werden. Ich veranlasse hier alles und halte Sie über die Entwicklungen auf dem Laufenden. Wir telefonieren in den nächsten Tagen wieder.«

Gedankenverloren legte sie den Hörer auf die Telefongabel und ging zurück in den Konferenzraum. »Wir können weitermachen«, sagte ihr engster Berater in die Runde, »die Premierministerin ist zurück«.

*

Morgens um kurz vor halb sechs verließ Markus Tiemann das Haus in der Stahlheimer Straße. Etwas mehr als zwanzig Minuten würde die Fahrt mit der Straßenbahn zu seinem Arbeitsplatz dauern. Der Weg zur Haltestelle war kurz. Er überquerte die regennasse Straße und stellte sich zu den drei anderen Wartenden.

Als er gegen zwei Uhr in der Nacht zu Freitag in seine Wohnung zurückkehrte, war er bis auf die Haut durchnässt. Den Weg von der Sophienstraße in den Ortsteil Prenzlauer Berg hatte er trotz des schlechten Wetters mit dem Fahrrad zurücklegen müssen. Schon an den Abenden zuvor hatte er darauf verzichtet, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, um an die vereinbarten Treffpunkte zu gelangen. Das Risiko, während einer der Fahrten kontrolliert zu werden, hielt er für erheblich. Zu groß war für ihn und die Gleichgesinnten die Gefahr, dass die geplanten Aktionen im Vorfeld entdeckt und damit verhindert werden könnten.

Nachdem die Türen der Straßenbahn geschlossen waren und sich die Wagen in Bewegung gesetzt hatten, war Tiemann in Gedanken bei den Ereignissen der letzten Wochen. Als Mut machend hatte er die endgültige Öffnung der Grenze zwischen Ungarn und Österreich empfunden. Das Gefühl, dass nicht nur oppositionelle Kräfte in der Deutschen Demokratischen Republik auf einen Wandel hinwirken wollten, sondern auch angesehene Politiker aus Bruderstaaten die Perestroika voran brachten.

Vor sechsundzwanzig Jahren kam Markus Tiemann in Weißandt-Gölzau zur Welt. Sein Vater Thomas hatte Anfang der 60er Jahre das Theologie-Studium abgeschlossen, die Vikariatszeit durchlaufen und war später dann für verschiedene Gemeinden der Anhaltischen Landeskirche zuständig. Seine Frau Barbara unterstützte ihn bei seiner Arbeit und kümmerte sich um die Erziehung des einzigen Kindes Markus.

Mit dem Bau der Mauer änderte sich vieles innerhalb der deutschen Kirchen. Der Staat versuchte, mehr Einfluss zu gewinnen und war bemüht, kritische Diakone, Pfarrer und sogar den seinerzeit amtierenden Bischof Delius kalt zu stellen. Von diesen allgemeinen Entwicklungen blieb auch Thomas Tiemann nicht verschont. Nachdem die Staatsführung mit allen Mitteln auf eine Trennung der westdeutschen und der ostdeutschen evangelischen Kirche hingewirkt hatte, entschloss man sich in der DDR, den Bund der Evangelischen Kirchen zu gründen. Es hatte sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gebildet. Anhänger der Kirchen erfuhren regelmäßig Sanktionen, um sie dazu zu bewegen, der Kirche über kurz oder lang abzuschwören. Mancher Gläubige hielt diesem Druck nicht stand und wandte sich ab. Andere arbeiteten als Informelle Mitarbeiter für das Ministerium für Staatssicherheit.

Und so wurde Markus Tiemann schon früh damit konfrontiert, dass die dem Atheismus widersprechenden Thesen nicht den Vorstellungen der politischen Führung entsprachen. Er setzte sich seitdem kritisch, sowohl mit den Lehren der Kirchen, als auch mit den Vorstellungen und Zielen des Sozialismus auseinander. Sein Klassenlehrer an der Köthener Realschule nahm dies mit Wohlwollen zur Kenntnis und hoffte darauf, Markus würde sich vom Gedankengut seiner Eltern abwenden. Jedoch ging es Tiemann vielmehr darum, das Für und Wider des politischen Systems abzuwägen. Trotz seines jugendlichen Alters war es ihm möglich, eine für ihn weitreichende Entscheidung zu treffen. Ohne direkt von seinen Eltern beeinflusst zu werden, entschied er im Jahr 1977, nicht an der Jungendweihe teilzunehmen, sondern statt dessen konfirmiert zu werden. Seine Eltern machten ihm im Vorfeld seiner Entscheidung klar, mit welchen Folgen er zu rechnen hätte. Die Weigerung zur Teilnahme an der Weihefeier kam der Ablehnung des politischen Systems gleich. Dennoch entschied er sich dagegen und wählte den beschwerlicheren, aber für ihn authentischen Weg.

Die von seinen Eltern befürchteten Repressalien folgten umgehend. Markus sah sich dem Druck seiner Lehrer und der Schulleitung ausgesetzt. Dennoch blieb er beharrlich; vertrat seine Ansichten konsequent. Diese Standhaftigkeit hatte zur Folge, dass ihm der Besuch der Oberschule und damit auch ein Studium verwehrt blieben. Wie bei vielen anderen systemkritischen Bürgern war das der Auslöser, aktiv auf einen Wandel hinzuwirken. Tiemann, den es nach dem Ende seiner kurzen Schullaufbahn nach Berlin gezogen hatte, konnte bei Freunden seiner Eltern wohnen und absolvierte im VEB Elektrokohle in Lichtenberg eine Ausbildung zum Lageristen. Im Jahr 1982 schloss er diese ab und arbeitete seitdem im Lager des volkseigenen Betriebs.

Durch die Bindung zur evangelischen Kirche fand Markus relativ schnell Kontakt zu den Mitgliedern seiner neuen Gemeinde in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Er beteiligte sich aktiv an der Gemeindearbeit, begleitete Ausflüge junger Christen in das Berliner Umland, kümmerte sich in seiner Freizeit auch um alleinstehende Senioren. Das Vertrauen anderer Gemeindeglieder genoss er recht bald uneingeschränkt; nicht zuletzt, weil seine Eltern in Berliner Kirchenkreisen bekannt waren. Später dann, als sich die oppositionellen Kräfte mehr und mehr zu Wort meldeten, wurde die Gethsemanekirche zu einem Brennpunkt des ostdeutschen Widerstandes. Von 1987 an fanden dort immer wieder Fürbittgottesdienste statt. Anlass waren zum Beispiel Verhaftungen bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration 1988, die Fälschungen bei der Auszählung der Stimmen zur Kommunalwahl am 7. Mai und das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989.

Die Straßenbahn näherte sich Tiemanns Ziel und verlangsamte die Fahrt. Der Weg zur Haupteinfahrt des Betriebes war relativ kurz, jedoch musste er sich beeilen, um noch rechtzeitig zum Arbeitsbeginn im Lager zu erscheinen. Während er sich den blauen Kittel überstreifte, dachte er noch einmal an die vorherige Nacht. Er war erstaunt und wegen seiner eigenen, friedlichen Grundhaltung zugleich auch verstört, wie gewaltbereit ein Teil der Mitstreiter war, um ihre Ziele durchzusetzen.

Der lange Hupenton, der den Arbeitsbeginn signalisierte, brachte ihn in die Gegenwart zurück.

*

Als Axel Neuhaus die U-Bahn-Station verließ und sich dem Themseufer zuwandte, wünschte er sich, an diesem Tag nicht in das Bürogebäude mit seinen überhitzten Räumen gehen zu müssen. Der Spätsommer hatte London in den vergangenen Tagen Temperaturen von über zwanzig Grad beschert. Gerne hätte er mit Gevorgina den Tag in einem der Parks verbracht oder mit ihr einen Ausflug nach Eaton oder Cambridge unternommen. Stattdessen folgte er dem Strom der Angestellten und betrat das unscheinbare Gebäude. Ein poliertes Messingschild mit der Aufschrift ›Bradstone International Holding Ltd.‹ war neben dem Eingang angebracht und vermittelte den Eindruck, es handele sich um ein Unternehmen in der City, wie so viele andere.

Doch bereits hinter der Pendeltür, die sich direkt hinter der schweren, hölzernen Eingangstür befand, machte jedem Besucher, der beabsichtigt oder unbeabsichtigt eingetreten war deutlich, dass es sich hierbei um keine der üblichen Gesellschaften handeln konnte. Dort, wo in den benachbarten Gebäuden Mitarbeiter geschäftig zwischen den Büros pendelten, Telefone klingelten und die Fax-Geräte laut piepend ihren Partner riefen, herrschte bei Bradstone absolute Stille. Der große holzgetäfelte Raum, an dessen linker Seite zwei lederne Besuchersessel standen, wurde am Kopfende von einem schweren Schreibtisch dominiert. An ihm saß ein uniformierter Mitarbeiter, dem gegenüber sich Neuhaus wie an jedem Tag ausweisen musste. Danach öffnete sich die Aufzugtür automatisch und die Kabine bewegte sich mit ihm, ohne dass er einen Knopf hätte drücken müssen, in das dritte Obergeschoss. Neuhaus trat aus dem Aufzug und wandte sich im Flur nach rechts. Der schwere Teppich nahm jedes Geräusch seiner Schritte auf und als er die Tür seines Büros aufschloss, hörte er, wie sich hinter ihm eine andere Tür öffnete.

»Guten Morgen Axel. Unsere Zeit im Innendienst scheint vorbei zu sein. Rebecca und das Kabinett haben gestern Abend noch lange getagt und seitdem herrscht im Außenministerium geschäftiges Treiben.«

Steven Parks, ein Mitarbeiter, mit dem Neuhaus bereits seit 1984 zusammen arbeitete, sah ihn strahlend an. Zu schön war für ihn die Aussicht, bald wieder außerhalb der Firma und des tristen Gebäudes arbeiten zu dürfen und nicht mehr nur Innendienst leisten zu müssen.

»Wir werden sehen, Steven. Hat sich etwas an der für morgen angesetzten Konferenz geändert?«

Parks entgegnete, keine abweichenden Informationen zu haben. Sie verabschiedeten sich mit einem kurzen Gruß und gingen in ihr jeweiliges Büro. Neuhaus hängte den leichten Sommermantel an die Garderobe, stellte seine Aktentasche neben den Schreibtisch und sah durch das Fenster hinaus auf die Themse. Obwohl er mit seinen 34 Jahren noch nicht zu den alten Hasen der ‘Firma’ gehörte, war ihm klar geworden, dass die aktuellen Entwicklungen in den osteuropäischen Staaten ein Handeln vor Ort erforderten.

Die ›Firma‹ wurde im Jahr 1909 als Teil des ›Secret Intelligent Service‹ gegründet. Die Military Intelligence Section 6, kurz MI6, war seitdem dem ›Ministry of Foreign Affairs‹, dem britschen Außenministerium, unterstellt. Dessen Aufgabe war es unter anderem auch, die Arbeit des Auslandsgeheimdienstes zu überwachen. Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war es Sache des MI6, Mitarbeiter in die Länder einzuschleusen, in denen es die Interessen des Königreichs zu vertreten galt. Anfang der zwanziger Jahre war dies unter anderem Russland. Nach der Machtergreifung durch Hitler geriet Deutschland ins Visier der Auslandsspionage. Bis zum Kriegsende zeigte sich die Effektivität der Arbeit des MI6. Dem Geheimdienst gelang es, in den Reihen des Militärs, aber auch in der Politik Kontakte zu knüpfen und Informanten zu gewinnen. Doch auch der SIS war nicht vor Rückschlägen geschützt. Spionage und Gegenspionage, sowie das ›Umdrehen‹ eigener Agenten ließen danach im Königreich Zweifel am Nutzen des Geheimdienstes aufkommen. Im Rahmen der Kubakrise jedoch gelang es dem MI6, über einen sowjetischen Mittelsmann an Unterlagen zu kommen, die es möglich machten, Nikita Sergejewitsch Chruschtschows Vorhaben aufzudecken.

Neuhaus wurde 1955 in Royal Tunbridge-Wells, einem Ort im äußersten Westen der Grafschaft Kent geboren. Dort wuchs er auf, durchlief seine Schulbildung und studierte danach Wirtschaftswissenschaften und Slawistik in Cambridge. Beide Studiengänge schloß er mit Erfolg ab, wechselte danach in den diplomatischen Dienst und wohnte fortan in London. In der Nähe der London Docks hatte Neuhaus ein Appartment in der Tarbert Walk, einer ruhigen Seitenstraße, gemietet. Es war ihm nicht an teuren Wohnungen in Notting Hill oder Knightsbridge gelegen, auch wenn er diese hätte finanzieren können. Vielmehr mochte er sein unauffälliges Leben im Londoner Bezirk East 1; die Unauffälligkeit, die in seinem Beruf obligatorisch war.

Nachdem er zu Beginn seiner Tätigkeit für den diplomatischen Dienst ausschließlich in Großbritannien eingesetzt war, wurde er von 1983 bis 1985 nach Moskau entsandt. Dort galt er offiziell als Vertreter der ›Chamber of Commerce‹ und sollte die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Königreich und der UdSSR weiter entwickeln. In Wirklichkeit jedoch ging es um das Etablieren eines fortschrittlicheren Präsidentschaftskandidaten, der den seinerzeitigen Präsidenten der UdSSR, Konstantin Tschernenko, beerben sollte. Durch den Tod Tschernenkos, der laut offizieller Quellen aus dem Kreml an den Folgen einer schweren Asthma-Erkrankung starb, wurden die westlichen Interessen verwirklicht und Michail Sergejewitsch Gorbatschow am 11. März 1985 zum Generalsekretär der KPdSU gewählt.

Nach zwei weniger aufregenden Jahren, in denen Neuhaus als Botschaftsmitarbeiter in Buenos Aires eingesetzt war, wurde er im Sommer 1987 nach Warschau geschickt, um als Vertreter Großbritanniens der maroden polnischen Wirtschaft unterstützend beizustehen. Während eines Empfangs, der für Mitarbeiter der ausländischen Botschaften abgehalten wurde und zu dem der polnische Präsidenten Wojciech Jaruzelski eingeladen hatte, lernte Neuhaus Gevorgina Lublin kennen. Die 29jährige Russin arbeitete in der Botschaft der UdSSR im Büro für Visa-Angelegenheiten. Aus dem Kennenlernen entwickelte sich bis zur Abreise Neuhaus’ im Dezember 1988 nach London eine Beziehung. Mit viel Glück gelang es ihnen, diese vor Kollegen, Vorgesetzten und den jeweiligen Geheimdiensten zu verbergen.

*

Als Markus Tiemann seine Arbeitskleidung abgelegt und in seinem Spind verstaut hatte, wurde er vom Lagerleiter, dem Genossen Hertz, gerufen. »Markus, komm noch einmal ‘rein, bevor du gehst.« Tiemann kannte diese Art von Gesprächen, zu denen er in das rundherum verglaste Büro gebeten wurde.

»Setz dich hier auf den Stuhl.« Mit Widerwillen folgte er der Bitte seines Vorgesetzten. »Als ich heute Vormittag in die Verwaltung musste, nahm mich Genosse Schubert zur Seite. Ja, Markus, unser Betriebsleiter!«, sagte er vorwurfsvoll.

Tiemann durfte Hertz gegenüber eigentlich nicht unfair sein, dennoch verzog er sein Gesicht und erhob seinen Blick zum Himmel.

»Mensch, hör auf mit diesen blöden Grimassen, Markus! Ich dürfte dir gar nichts von dem Gespräch erzählen und weiß ich denn, ob nicht der ganze Glaskasten vom MfS verkabelt wurde? Ich gehe ein großes Risiko ein, wenn ich dich auf diesem Wege warne. Begreifst du das? Pass auf, was du mit wem tust.«

Tiemann wusste, dass sein Leben nicht mehr nur ihm allein gehörte. Nicht erst seit den Auseinandersetzungen vor zwölf Jahren. Die Akte beim Ministerium für Staatssicherheit wuchs sicherlich fast wöchentlich. Nicht zuletzt, weil er als gläubiger Christ regelmäßig zu Gottesdiensten in die Berliner Gethsemanekirche ging, sondern auch an den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche teilnahm. Umso wichtiger war es, dass er nun nicht noch weiter auffiel. Er musste seine Arbeit weiterhin zuverlässig erledigen, die Zahl der Kirchenbesuche etwas, aber nicht zu auffällig reduzieren und die Fahrten nach Leipzig vielleicht einmal mehr in einer Fahrgemeinschaft oder per Anhalter vornehmen.

»Hörst du mir eigentlich zu, Markus?«, fragte Hertz.

»Ja doch!«, entgegnete er. »Ich will dir gegenüber doch auch nicht ungerecht sein, aber ich fühle mich mehr und mehr wie in einem Käfig im Zoo in Friedrichsfelde. So, als würde ich von jedem angegafft oder beobachtet werden. Das macht mich mürbe. Das Dumme ist nur, dass ich mich außer durch die uns bekannten IMs in der Gethsemanekirche nicht beobachtet oder bespitzelt fühle. Es muss aber jemand aus meinem näheren Umfeld sein, der Dinge hören kann und diese weiter gibt. Oh, Genosse, noch mehrere Informelle?«

»Lass mich damit in Ruhe. Wie gesagt, pass auf dich auf, Markus. Los und jetzt sieh zu, dass du weg kommst. Carola wartet doch sicherlich schon auf dich.«

Tiemann musste schmunzeln und verabschiedete sich in das Wochenende. Bevor er seinen Spind endgültig abschloss, ordnete er alle Sachen darin so, dass er am nächsten Montag jede Veränderung erkennen musste.

Als er aus dem Gebäude trat, waren am Himmel nur wenige Wolken zu sehen. Der Spätsommer machte seinem Namen alle Ehre. Vor dem Werkgelände angekommen sah er Carola, die den Kopf der Sonne entgegen reckte. So, als wollte sie die Energie der letzten hellen Tage in sich aufsaugen. Markus konnte nicht anders, als in zehn Metern Entfernung stehen zu bleiben und den Anblick seiner Freundin zu genießen.

»Carola,« sagte er, als er dann doch näher an sie heran getreten war »sollen wir bei dem schönen Wetter zu Fuß gehen?« Carola gab ihm einen Kuss, nahm seine Hand und zog ihn hinter sich her. »Erst einmal aber noch in die Kaufhalle! Mal sehen, was es heute wieder nicht zu kaufen gibt.« sagte sie und musste lachen.

»Oh, du mein systemkritischer Engel. Dann werden wir heute Abend mal, statt ein konspiratives Treffen zu veranstalten, leckere Schrippen essen. Hungern für den Frieden!« frotzelte Markus.

Nachdem sie den Einkauf erledigt und schon den größten Teil des Weges zurück gelegt hatten, blieb Carola stehen und sah Markus ins Gesicht.

»Was?«, fragte sie. »Was beschäftigt und bedrückt dich?« In seine Gedanken versunken sah er Carola nicht direkt in die Augen.

»Ich bin angeschwärzt worden. Heute rief mich schon wieder der Kollege Hertz ins Büro und warnte mich vor.« Er wandte ihr seinen Blick zu. »Carola, es muss noch jemanden geben, der Wissen weiterleitet. Wir sind so vorsichtig. Du, ich und die anderen.«

Seine Freundin fragte »Hast du eine Ahnung, wer es sein könnte, dem man nicht zu 100 Prozent vertrauen kann?«

»Hundert Prozent, Carola! Die hast du doch bei niemandem, nur bei meiner und deiner Familie. Jeder kann auf irgendeine Weise dazu gebracht werden, für den Staat zu spitzeln. Jeder!«

»Lass uns in Ruhe nachdenken und auch noch mal mit deinen Eltern sprechen. Vielleicht haben sie eine Idee, wer es sein könnte. Komm, wir telefonieren sie aus der Zelle dort an und verabreden uns für übermorgen mit ihnen. Sie wollten doch eh in den nächsten Tagen nach Berlin kommen.«

Carola deutete auf den öffentlichen Fernsprecher, der trotz seiner vergilbten Farbe gut zu erkennen war und beide machten sich auf den Weg, um das wichtige Telefonat zu führen.

*

Die Londoner U-Bahn-Station ›Shadwell‹ wurde wie an jedem Samstag um 7.30 Uhr noch wenig frequentiert. Einzelne übernächtigte Fahrgäste kamen ihm beim Gang auf den Bahnsteig entgegen. Die einen trugen noch den Business-Anzug des Vortags, die anderen noch ihre Abendkleider oder dunklen Anzüge, bei denen Schlips oder Fliege lose um den Kragen hingen. Axel Neuhaus beachtete sie kaum, sondern war vielmehr bei dem für 9.15 Uhr angesetzten Meeting. Neben ›M‹, dem amtierenden Direktor des SIS, der im wirklichen Leben Jeffrey A. Parker hieß, hatte sich - als Besonderheit - der Außenminister Francis Stapleton angemeldet. Zudem würden Neuhaus’ Kollegen Steven Parks, Frederic Jenkins und sein Vorgesetzter, Captain Alexander Philips, anwesend sein.

Captain Philips war während des Falkland-Krieges Kommandant des Zerstörers ›HMS Sheffield‹. Es war die Aufgabe der Royal Navy, das Seegebiet zwischen Argentinien und den Falkland-Inseln zu überwachen. Argentinen hatte nach sechzehn Jahre währenden und wenig erfolgreichen Verhandlungen mit dem Königreich das Zepter in die Hand genommen und am Abend des 1. April 1982 ein Vorauskommando im Süden der Inseln in Mullet Creak landen lassen. Obwohl beide Länder Mitglied der NATO waren, eskalierte die Situation vor Südamerikas Küste. So wurde im Zuge der Kampfhandlungen am 4. Mai 1982 die Sheffield von einer argentinischen ›Exocet‹, einem See-Zielflugkörper aus französischer Produktion, getroffen. Sechs Tage später sank der Zerstörer. Zum Zeitpunkt des Angriffs befand sich Captain Philips außerhalb der Brücke und wurde schwer verwundet. Durch die Folgen der Verletzungen konnte er später nicht mehr zur See fahren. So wurde er zum SIS versetzt und leitete zwei Jahre später die ›Section 6‹. Schon zu Zeiten seiner Arbeit für die Royal Navy galt er als sehr guter Analytiker, erfahrener Stratege und ebenso sehr als Vorgesetzter, der von seinen Mitarbeitern maximale Leistungen einforderte.

Neuhaus betrat um 8.10 Uhr die Zentrale des MI6, durchlief das tägliche Prozedere und ordnete wenige Minuten später im Büro alle für das Meeting wichtigen Unterlagen. In einer Stunde sollte es seine Aufgabe sein, den Vorgesetzten und Kollegen ein Update über die bislang in Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR erzielten Fortschritte zu geben. Nicht zuletzt spielte auch immer eine wichtige Rolle, ob und welche Anzeichen für Eskalation aus Moskau wahrgenommen wurden. Wichtig waren zu dem Zeitpunkt die aktuell eingegangenen Berichte der MI6-Mitarbeiter und die der befreundeten Geheimdienste. Steven Parks schaute herein und begrüßte Axel. Als Parks die für Neuhaus typische halb freundliche, halb abwehrende Handbewegung sah, wusste er, nicht länger stören zu dürfen und verließ den Raum. Neuhaus ordnete konzentriert alle Unterlagen und bereitete sich in Gedanken ein letztes Mal auf seinen Kurzvortrag vor. M wußte, dass er sich auf ihn und die optimale Vorbereitung solcher Meetings verlassen konnte. Für Parker war Neuhaus die Nummer Eins im aktiven Geheimdienst. Richtig, Neuhaus hatte wegen seiner deutschen Wurzeln nie bei den britischen Streitkräften gedient, das aber war für M kein Makel. Wichtig waren seine Fähigkeiten, die er, wie in Moskau, schon mehrfach hatte unter Beweis stellen können. Axel Neuhaus wirkte durch seine gepflegte Kleidung, sein akzentfreies Englisch, seine Umgangsformen und den Charme, den er verbreiten konnte, auf jeden Menschen sehr positiv. Niemand hätte ihm dem ersten Anschein nach zugetraut, für einen Geheimdienst zu arbeiten und - geschweige denn - seine Arbeiten in jeder Hinsicht effektiv und im Bedarfsfall auch skrupellos auszuführen. Für Parker stellte das einen herausragenden Dienst für die Krone und den Staat dar, für Neuhaus hingegen war es das Erfüllen seines Arbeitsvertrags.

Jeffrey Parker sah in die Runde und endete bei Jessica Holmes, der Stenotypistin, die das Protokoll zu führen hatte. »Jessica, können wir?« Sie nickte. »Gut. Für das Protokoll. Heute ist Samstag, der 16. September 1989. Anwesende Personen sind Außenminister Francis Stapleton, der Chief of SIS, Jeffrey A. Parker, der Leiter des MI6, Captain Alexander Philips, Axel Neuhaus, Frederic Jenkins und Steven Parks. Protokollführerin ist Jessica Holmes. So, damit hätten wir die Formalien erledigt. Es geht heute darum, auf den aktuellen Stand der Entwicklungen in den Warschauer-Pakt-Staaten gebracht zu werden. Die überraschende Grenzöffnung in Ungarn, an der scheinbar keiner der Geheimdienste mitgewirkt hat, die zunehmenden Demonstrationen in der DDR, der nahende Tag der Republik und und und. Wir müssen einen Überblick bekommen. Die Dinge entwickeln sich rasant und ich habe Sorge, dass manches so schnell abläuft, dass sich Hardliner und Linientreue zu Handlungen verleiten lassen, die das Gesamtkonstrukt gefährden. Diesen Kräften müssen wir mit aller Macht entgegen wirken. Nun, genug theoretisiert. Captain Philips, ich denke, es ist an der Zeit, dass Neuhaus uns über die aktuelle Lage in Kenntnis setzt.«

»Danke Sir«, entgegnete Philips. »Meine Abteilung hat in den vergangenen Tagen Informationen der eigenen Mitarbeiter in den Staaten des Ostblocks zusammen getragen. Außerdem haben wir uns wie üblich auch der anderen westlichen Geheimdienste bedient. Vorsichtig - versteht sich, da die Qualität der Informationen, wie wir es in der jüngsten Vergangenheit oft haben erleben müssen, nicht wirklich gut war. Axel Neuhaus hat diese Flut an Daten im Vorfeld dieses Meetings durchgearbeitet und wird nun in seinem Referat die Essenz aus allem vortragen. Axel, bitte.«

Neuhaus stand auf und ging zu einer mit Stoff bespannten Tafel. Dann wandte er sich den Teilnehmern des Meeting zu und begann.

»Herr Außenminister, Herr Direktor, Captain, Gentleman, Miss Parker, ich will versuchen, die von Captain Philips erwähnte Flut an Daten in ein überschaubares Maß an Informationen umzuwandeln.

Seitdem Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU ist, reagiert die Sowjetunion im Normalfall auf Entwicklungen, die wenig mit dem der früheren Staatsdoktrin zu tun haben, eher zurückhaltend und ruhig. Nicht zuletzt war diese erwartete neue Haltung ja ein Grund dafür, Gorbatschows Platzierung zu unterstützen und zu fördern. In jeder Hinsicht zu fördern.

Sehen wir trotzdem die Sowjetunion quasi als das Zentrum.« Im gleichen Atemzug nahm er einen mit der Abkürzung ‘UdSSR’ beschrifteten Pappkreis und heftete ihn in die Mitte der Tafel. »Mit dem Kreml als ‘Wachturm’ ist und bleibt sie aus Sicht des MI6 die Schaltzentrale, in der trotz Glasnost alle Bewegungen und Veränderungen in den anderen Staaten des Paktes beobachtet werden. Uns betreffend sind im Augenblick die Staaten Tschechoslowakei, Ungarn und die DDR von größtem Interesse. Ungarn hat mit der dauerhaften Öffnung der Grenze zu Österreich Tatsachen geschaffen, die über das vom Westen Erwartete weit hinaus gegangen sind. In der Tschechoslowakei formieren sich zurzeit die oppositionellen Kräfte. Der MI6 und seine Verbündeten begleiten sie seit Anfang des Jahres. Kommt es - wie geplant - auch dort zu den gewünschten Änderungen, werden wir intensiver tätig sein. Schon jetzt aber beobachten wir aufmerksam, wie auf die Flucht von DDR-Bürgern auf das Botschaftsgelände der BRD reagiert wird. Jetzt jedoch müssen wir uns nach meiner Ansicht auf die DDR konzentrieren. In dieser kommt es seit ein paar Wochen zu Entwicklungen, die uns an die Phase vor dem Aufstand im Jahr 1953 erinnern. Zumindest werden solche Parallelen deutlich. Und jeder von uns weiß, welche Reaktionen es seinerzeit seitens Moskaus gegeben hat. Aus Geheimdienstkreisen haben wir erfahren, dass sowohl bei den oppositionellen Kräften, als auch in den Kreisen des ZK der SED und der höherrangigen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit eine latente Bereitschaft zur offenen Auseinandersetzung vorhanden ist. Beide Parteien wollen in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen entweder dafür Sorge tragen, dass weiter die Perestroika vorangebracht oder, aus Sicht der Hardliner, eben das verhindert wird und der Arbeiter- und Bauernstaat erhalten bleibt; mit welchen Mitteln auch immer. Es kann nicht in unserem und im Interesse des Friedens in Mittel- und Osteuropa sein, dass es innerhalb der DDR zu Kampfhandlungen kommt. Das würde sich absolut kontraproduktiv auswirken und den zeitlichen Ablauf, bezogen auf die Entmachtung der sozialistischen Führung stark verzögern. Möglicherweise wieder über Jahrzehnte hinweg.« Neuhaus nahm eine weitere Pappkarte, die den Namen der Hauptstadt Berlin trug und heftete sie an die Tafel. Ums sie herum platzierte er vier weitere. Diese trugen die Aufschriften ZK, MfS, NVA und Opposition.

»Wir können davon ausgehen, dass die Nationale Volksarmee in Bereitschaft versetzt und im Bedarfsfall an strategisch wichtigen Punkten der infrage kommenden Orte platziert wird. Unabhänig davon, welche persönliche Überzeugung der einzelne Soldat hat, ist mit Übergriffen zu rechnen. Bereits jetzt können die Oppositionellen, mit denen wir in Kontakt stehen, berichten, dass es vermehrt zu so genannten ›Einvernahmen‹ seitens des MfS kommt. Die Zahl sei spürbar gestiegen, heißt es.«

Das Ministerium für Staatssicherheit versuchte im Rahmen der ›Einvernahmen‹ so sehr Druck auf Abweichler auszuüben, dass diese aus einer Verunsicherung oder aus einer schlussendlichen Erschöpfung heraus bereit waren, ihre Vergehen zuzugeben. Oder sie räumten diese ein, ohne tatsächlich gegen die Gesetze der DDR verstoßen zu haben; nur um weiteren Verhören entgehen zu können. ›Einvernahmen‹, die einer U-Haft gleichzusetzen waren, fanden in den Untersuchungshaftanstalten des MfS statt und dauerten von einem Tag, über mehrere Wochen, bis hin zu Monaten. Insider sprachen davon, dass es nicht das primäre Ziel der Verhöre war, den tatsächlichen Gesetzesbrechern und den wirklichen Gründen auf die Spur zu kommen, sondern Geständnisse in ausreichender Quantität zu erreichen. Die Soll-Erfüllung hatte somit auch hier Einzug gehalten.

»Im Augenblick ist neben Berlin auch von Leipzig als Hauptschauplätzen auszugehen. Kollegen des französischen Auslandsgeheimdienstes SDECE haben von einem ihrer Kontakte im Bezirk Sachsen-Anhalt erfahren, dass für die Lutherstadt Wittenberg Maßnahmen angedacht seien. Nicht, wie zu erwarten wäre, vom Staatsapparat, sondern von der Opposition. Wie diese aussehen sollen oder werden, hat der SDECE noch nicht in Erfahrung bringen können. Ich halte es für wichtig, dass wir dazu selbst Informationen vor Ort sammeln und es niemand anderem überlassen.« Neumann hielt kurz inne, sah zu Captain Philips hinüber und ergänzte: »Mit vielen Städten hätte ich gerechnet. Neben den eben genannten auch Rostock, Magdeburg und Chemnitz. Die Nennung der Stadt Wittenberg bereitet mir zugegebenermaßen Kopfzerbrechen.« Neuhaus nahm eine weitere Karte, auf der Wittenberg und ein Fragezeichen geschrieben standen und heftete sie an die Tafel.

»Bevor ich Ihnen Rede und Antwort stehe, lassen Sie uns noch einmal auf die Hauptstadt zu sprechen kommen. Gentleman, wir haben Informationen, dass eine in Ost-Berlin, um genau zu sein im Ortsteil Berlin-Mitte aktive Gruppe mit allen Mitteln erreichen will, dass die Regierung gestürzt wird. Auch hier herrscht Gewaltbereitschaft. In der gleichen Gruppe Oppositioneller befinden sich jedoch auch Mitglieder, die sehr wohl das Ziel des Machtwechsels verfolgen, aber nicht gewaltorientiert denken und für eine friedliche Lösung einstehen. Teile dieser Gruppe scheinen gut nach Leipzig vernetzt zu sein. Aus meiner Sicht sollte die MI6 umgehend Kontakt zu ihnen aufnehmen und sie in ihrer Arbeit unterstützen.«

Captain Philips und Neuhaus tauschten einen kurzen Blick aus, worauf hin Philips das Wort ergriff.

»Danke, Axel. Gentleman, nun haben wir es in Ost-Deutschland also aktuell mit mindestens drei Brennpunkten zu tun. Wenn nicht sogar mit vier, falls wir die Lutherstadt miteinbeziehen wollen oder müssen. Mein Vorschlag ist es, dass wir zwei unserer Kräfte nach Berlin schicken. Ihre Abreise sollte spätestens am morgigen Tag erfolgen. In Berlin angekommen, wird vorrangig der Kontakt zu den Oppositionellen in Berlin-Mitte aufgebaut. Parallel dazu reist unser zweiter Mann nach Leipzig und schließt sich dort mit unseren Zuträgern kurz. Neuhaus wird die Aufgabe in Berlin übernehmen, Jenkins die Arbeit in Leipzig. Mr. Parks, Sie koordinieren hier in London den Informationsfluss und versorgen die beiden über unsere Botschaft in Ost-Berlin mit allem, was benötigt wird.«

»Captain, sollte Neuhaus nicht auch mit dem SDECE Kontakt aufnehmen, um Klarheit wegen Wittenberg zu bekommen?«, fragte Außenminister Stapleton.

»Sicherlich, Sir, das würde Sinn machen.«, entgegnete Philips, »Ich gehe aber davon aus, dass die Gruppe in Berlin Informationen dazu direkt beschaffen kann. Aus erster Quelle.«

Jeffrey Parker meldete sich zu Wort. »Dann nehmen wir nun zu Protokoll, dass das vorgeschlagene Vorgehen genau so umgesetzt wird. Neuhaus und Jenkins reisen morgen nach West-Berlin. Mein Vorschlag wäre es, dass beide den Zug transit über Frankfurt am Main nehmen. Vor Ort werden sie sich am Montag, den 18. September mit unserem Personal treffen, dieses über die heute getroffenen Entscheidungen informieren und ihre Reisen nach Leipzig, bzw. in den Osten der Stadt fortsetzen. Meldungen erfolgen über die Botschaft in Ost-Berlin. Mr. Parks nimmt über den diplomatischen Dienst ihre Bestellungen entgegen und sorgt für den Versand des Materials als Diplomatengepäck. Ich telefoniere gleich mit Paris, sodass Mr. Neuhaus umgehend, spätestens in West-Berlin Kontakt zum SDECE bekommt. Captain Philips wird mich ständig auf dem Laufenden halten und ich werde dies wiederum gegenüber dem Außenministerium tun. Das alles ihr Einverständnis voraussetzend, Herr Außenminister.«

Francis Stapleton nickte und sagte abschließend: »Gentleman, ich danke Ihnen für die Informationen. Sondieren Sie die Lage schnell und effektiv. Besonders wichtig erscheint auch mir der Wittenberger Aspekt. Ebenso natürlich auch die Situation in den anderen großen Städten, auf die wir uns ebenso konzentrieren müssen. Neuhaus, Jenkins, Sie wissen, mit welchen Vollmachten Sie in die DDR reisen. Ein Auftrag, wie so einige andere zuvor. Bedenken Sie jedoch, dass es infolge dieses Einsatzes zu einer Kettenreaktion kommen kann, mit der niemandem gedient wäre. Wägen Sie also den Einsatz der Mittel sorgfältig ab.« Nach diesen Worten erhob sich der Minister, verabschiedete sich von den anderen Anwesenden und verließ das Haus, um die Premierministerin in der Downing Street aufzusuchen.

Captain Philips wandte sich an Jessica Holmes. »Jessica, kümmern Sie sich um die Fähr- und Zugticktes und um die Ausweise. Heute Nachmittag sollte alles für die beiden bereit liegen.«

»In Ordnung Sir, ich werde das sofort erledigen”, sagte sie und verließ den Konferenzraum.

»Neuhaus, Jenkins, ich zähle auf Sie. Auf Ihre Kreativität, Ihr Feingefühl, aber auch auf Ihren Mut. Viel Erfolg!«, sagte M und verabschiedete sich.

*

»Tut mir leid«, sagte Markus Tiemanns Mutter Barbara, als sie zusammen mit ihrem Mann die Treppe zu seiner Wohnung hinauf gekommen war. »Erst müssen wir unseren Besuch vorverlegen und dann kommen wir noch später als geplant. Puh! Es ist schon 13.00 Uhr durch und Thomas muss für morgen noch an der Predigt feilen.«

Carola hatte sie in Empfang genommen, nahm beide in den Arm und begleitete sie in die Küche, wo Markus mit dem Teekochen beschäftigt war. »Schön, dass Ihr es habt einrichten können, vorbeizukommen«, sagte er.

»Von Einrichten kann keine Rede sein, Markus«, entgegnete sein Vater. »So, wie du dich am Telefon verhalten hast, sprach einiges dafür, dass unser Kommen mehr als notwendig war. Die Predigt schaffe ich auch noch heute Abend nach dem ‘Wort zum Sonntag’«, ergänzte er grinsend. »Also los, ihr beiden, wo drückt der Schuh?«

»Der Genosse Hertz hat mich wieder zu sich gerufen. Um mich zu warnen. Man war an ihn herangetreten, weil, so wie es aussieht, wieder jemand etwas über mich berichtet hat. Immerhin scheint es so wichtig zu sein, dass man die Betriebsleitung des VEB mit einbezogen hat. Carola und ich haben intensiv überlegt, wer als Neuer in die Gemeinde gekommen ist. Aber in der letzten Zeit kommen immer mehr Interessierte zu den Treffen in die Kirche. Da können wir bei Leibe nicht mehr einschätzen, wer sauber und wer von der Stasi ist. Und so verhalten wir uns Unbekannten gegenüber vorsichtig und zurückhaltend. Immer. In unserer Gruppe in Mitte ist auch noch alles wie gehabt. Niemand ist hinzu gekommen, niemand hat die Gruppe verlassen.« Markus goss den Tee in die Tassen und reichte seinem Vater den Zucker.

»Markus, wenn du dich in der Kirche zurückhaltend verhältst, deine Gruppe unverändert geblieben ist, du nach wie vor im Betrieb den Mund hältst und sie doch etwas in Händen halten, dann muss es jemanden aus deinem näheren Umfeld geben, der als Informeller Mitarbeiter arbeitet.«

»Und, Carola, bei dir?«, fragte Barbara Tiemann.

Carola machte ein nachdenkliches Gesicht. »Im Hörsaal der Uni haben wir ja nicht zum Widerstand aufgerufen und wenn wir in der Mensa aßen oder mal wieder in der Charité den Professoren im OP über die Schulter schauen durften, hielten wir uns immer zurück; waren sehr vorsichtig. Das hätte ja auch überhaupt nichts gebracht. Nein, ich glaube auch, wir müssen uns im Privaten umschauen. Nur dort sprechen wir unverkrampft und offen über unsere Ziele.«

»Carola, erinnerst du dich an die Geburtstagsfeier von Ralf?« fragte Markus.

»Ralf? Welcher Ralf?« entgegnete seine Freundin und zog dabei eine Augenbraue hoch.

»Ralf Herler, im Januar waren wir bei ihm zu Hause. In Marzahn. Er hatte doch mit mir die Ausbildung gemacht und arbeitet jetzt im Lager des Reifenwerks.«

»Ja klar, das hatte ich schon ganz vergessen«, sagte Carola. »Das war doch eine ganz nette Feier. Du meinst, einer von den Eingeladenen?«

»Als Ralf und ich in der Küche waren, um den Abwasch zu erledigen, hatten wir Gelegenheit, über Politik zu sprechen. Ohne, dass ich großartig etwas erzählt hätte, sprudelte es aus ihm nur so heraus. Der hat mich damit nicht locken wollen, sondern seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass sich bei uns Dinge ändern müssen. Für ihn sonst ein Bleiben keinen Sinn mehr mache. Ich weiß noch, wie ich mich über seine Aussagen gefreut habe und - ja - ich habe mich hinreißen lassen, offen zu sprechen. Du weißt noch, das zog sich gefühlt ewig hin, bis wir die zehn Teller abgewaschen hatten. Ja und dann stand Ralfs Bruder Sebastian in der Küchentür. Ganz unvermittelt und ich weiß nicht, ab welchem Zeitpunkt er uns zugehört hat. Sebastian war der Große.« Markus deutete mit der Hand in die Höhe. »Der mit seiner Frau und den beiden Kindern dabei war. Kannst du dich besinnen?«

»Logo, an die vier erinnere ich mich noch. Der Sebastian arbeitet als, warte mal. Ja, er arbeitet als Lagerist im ›Centrum Warenhaus‹ und die beiden Kinder sind fein bei ›Fähnchen Fieselschweif‹ untergebracht. Sorry, bei der FDJ.«

Als Markus Tiemann Carola Kraus kennenlernte, war er von Anfang an von ihrer Art, ihrem Charme und von ihrem Humor beeindruckt. Carola studierte an der Berliner Humboldt-Universität Medizin und hatte vor den Ferien das achte Semester beendet. Die zwei ersten Jahre des ›klinischen Studienabschnittes‹ konnte sie in der Charité absolvieren und war auf dem besten Weg, eine sehr gute Chirurgin zu werden. Diesen glatten Verlauf hatte Carola nicht zuletzt den politischen Anschauungen ihrer Eltern zu verdanken, die als überzeugte Kommunisten in der Nähe von Rostock lebten. Schon bevor sie mit Markus zusammen war, hatte sie in Berlin über Kommilitonen Kontakt zu Menschen, die sich einen, wie sie es nannte, humaneren Sozialismus wünschten. Auf Markus hatte Carola schon beim ersten Treffen im ›Prater Garten‹ in der Berliner Kastanienallee ein Auge geworfen. Mit gemeinsamen Freunden hatten sie sich dort getroffen und waren, als bereits alle anderen ihres Weges gegangen waren, noch lange geblieben und vom Leben, ihren Wünschen und Träumen erzählt. Dieses Kennenlernen lag nun mehr als zwei Jahre zurück.

»Wie oft hast du dich seit der Geburtstagsfeier mit Ralf Herler getroffen?« fragte Thomas Tiemann.

Markus dachte nach. »Ein halbes Dutzend mal mindestens. In letzter Zeit des öfteren. Ja, Ralf hat sich seit dem Sommer häufiger gemeldet und wollte sich mit mir auf ein, zwei Bier treffen. Wir sind dann in irgendwelche Kneipen gegangen und haben geredet.«

»Geredet über politische Dinge, vermutlich», mutmaßte sein Vater. »Wenn Ralfs Bruder ein IM ist und die Sache etwas professionell anging, hat er ihm alles entlocken können. Ich weiß nicht, über was ihr im Detail gesprochen habt, denke aber, dass deine Erzählungen auch die Arbeit der ›Gruppe‹ betrafen. Der Staat will alles über jeden wissen. Und nun treten Informationen zu Tage, dass in Berlin-Mitte politische anders Denkende aktiv sind, die Gott weiß was vorhaben und auch - in Teilen zumindest - nicht vor Gewalt zurück schrecken. Markus, da brauchst du dich resümierend nicht zu wundern, wenn das MfS auch im Betrieb erscheint.« Thomas Tiemann dachte mit gesenktem Kopf nach. »Es würde mich nicht wundern, wenn du schon bald zu einer Einvernahme abgeholt wirst und sie dich vielleicht ein, zwei Tage da behalten. Eigentlich wundert es mich, dass das noch nicht geschehen ist.«

*

Der Aufzug in der Normannenstraße war defekt. So musste Stefan Kramme den Weg ins dritte Obergeschoss zu Fuß zurücklegen. Nicht, dass er das zum ersten Mal machte, dafür waren die Aufzüge im Gebäude des ›Ministeriums für Staatssicherheit‹ zu oft außer Betrieb. Seine Lebensweise ließen ihm den Weg in sein Büro beschwerlich werden. Zu viele Zigaretten, zu viel abendlicher Alkohol und auch sein Übergewicht machten sein Leben nicht leichter. Zudem überkam ihn fast täglich eine Unzufriedenheit, weil er es bis zu diesem Tage nicht geschafft hatte, mit einer Frau eine wirklich tiefe Beziehung einzugehen. So wohnte er seit Jahr und Tag alleine in seiner 2-Raum-Wohnung in Potsdam-Babelsberg.

Kramme galt im Kreise seiner Vorgesetzten und der anderen Führungsoffiziere als Hardliner. Als ein Mitarbeiter, der die Interessen des Ministeriums mit Nachdruck und einem im Bedarfsfall rücksichtslosen Vorgehen durchsetzte. Von Vorteil war hierbei sicherlich auch, dass er so seine Unzufriedenheit über sein privates Leben kompensieren konnte. Die Mittel, die er anwandte, hatten sich in einer Vielzahl von Verhören bewährt. So kam es vor, dass er nicht nur in innerhalb Berlins, sondern auch in andere MfS-Untersuchungsgefängnisse entsandt wurde, um bei Einvernahmen von Staatsfeinden zum erhofften Geständnis zu kommen. Und wenn jemand ein Geständnis erreichen konnte, dann war es Kramme. Unabhängig davon, ob der Tatverdächtige tatsächlich gegen geltendes Recht verstoßen hatte oder nicht.

Er schloss die Bürotür auf und schaltete das Licht ein. Es war 15.40 Uhr. In zwanzig Minuten würde der IM Rasputin zum von Kramme terminierten Gespräch kommen. »Samstagnachmittag ist aber keine gute Zeit«, hatte der IM gesagt. ›Lachhaft‹, dachte Kramme. ›Soweit kommt es noch, dass unsere Informellen die Gesprächszeiten bestimmen. Der Samstag ist uns bleibt ein Werktag. Und wenn ich dich in der Nacht hierhin zitiere.‹, sagte er in Gedanken.

Ein letztes Mal überprüfte er das Tonbandgerät, das in einer der Schreibtisch-Schubladen stand. Ebenso, ob das Mikrofon, das in der Deckenleuchte angebracht war, auch wirklich einwandfrei funktionierte. Als es an der Tür klopfte, schaltete er das Gerät ein und rief »Herein!«

Sein informeller Mitarbeiter trat ein.

»Rasputin, fünf Minuten vor der Zeit! Sie bessern sich ja von Mal zu Mal. Zuerst einmal schreiben Sie sich hinter die Ohren, dass ich keine Anrufe wünsche, in denen Sie mir etwas davon erzählen, ein Gesprächstermin würde ›ungünstig liegen‹ oder dass Sie ›sowieso keine Zeit‹ hätten.« Beim Aussprechen der Zitate hatte er das Gesicht verziehend die Hand gehoben und die Anführungszeichen angedeutet. »So etwas gibt es bei mir nicht, verstanden?« brüllte er.

Rasputin wirkte eingeschüchtert, was ja auch das Ziel der Moralpredigt gewesen war.

»Ob Sie das verstanden haben, habe ich gefragt. Meinen Sie, ich werde mich heute Nachmittag nur damit beschäftigen, Ihnen die Benimmregeln aufzuzeigen?«

»Ja«, sagte Rasputin. »Ich habe es verstanden und ich werde auch immer hier sein, wenn Sie es befehlen.«

»Soweit so gut, Rasputin. In unserem heutigen Gespräch geht es um die Gruppe, in der Sie ja seit zehn Wochen ein festes Mitglied sind. Dafür, dass Sie dort sage und schreibe seit siebzig Tagen involviert und scheinbar ja auch akzeptiert sind, kommen wenig Ergebnisse. Gut, dass dieser Tiemann eine ganz besondere Nummer ist, der uns seit Jahren das Leben schwer macht, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Was ist dort aktuell der Stand der Dinge? Ich muss wortgenau wissen, was bei den Treffen gesprochen wird. Wer sagt was? Was wird geplant? Es hilft uns nicht, wenn wir den ganzen Verein hopp nehmen und in Untersuchungshaft bringen. Mitläufer, die keinen Grips haben, müssen auch keine Gefängnisplätze belegen. Das kostet nur Geld und Zeit. Ich will die Köpfe der Gruppe, die für den Staat gefährlichen Mitglieder. Wenn wir die ausmerzen, können mir die anderen zehn gestohlen bleiben. Also, wann treffen Sie sich das nächste Mal?«

»Morgen, Herr Kramme. Morgen Vormittag.«

»Wann und wo? Mensch, muss ich Ihnen denn jede Kleinigkeit aus der Nase ziehen?« fragte er und schlug, um dieser Fragestellung noch mehr Nachdruck zu verleihen, mit beiden Händen knallend auf den Schreibtisch.

Rasputin fuhr zusammen. Die Situation, hier in der Normannenstraße zu sitzen, war an sich schon nicht angenehm. Kramme als Führungsoffizier am Hals zu haben, noch viel weniger. Und so lagen die Nerven des IM schon zum jetzigen Zeitpunkt blank.

»Morgen zwischen elf und halb zwölf kommen die anderen. Das Treffen ist bei Frank Unruh in der Sophienstraße. Die liegt in…«

Weiter kam Rasputin nicht, denn Kramme war wutentbrannt aufgestanden und schrie:

»Halten Sie bloß die Klappe, Sie kleine Wurst! Sie meinen hier, mir den Stadtplan aufzeichnen zu müssen, damit sich das Ministerium auch gut in Berlin orientieren kann? Sie Armleuchter! Sehen Sie zu, dass Sie morgen ‘was Brauchbares mitnehmen und um 0.05 Uhr werden Sie hier pünktlich an meine Bürotür klopfen. In der Nacht von Sonntag auf Montag. Kapiert? Jetzt sehen Sie zu, dass Sie hier raus kommen. Aber ganz schnell!«

Rasputin stand auf, grüßte kurz zum Abschied und verließ nach dem Gang durchs Treppenhaus das Gebäude, so schnell es ging.

*

Es war gegen acht Uhr am Sonntag, dem 17. September 1989, als Markus Tiemann aufwachte. Neben ihm im Bett schlief Carola noch tief und fest. Als er aufstand, deckte er sie noch einmal vorsichtig zu, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging ins Bad. Die frische Kleidung nahm er mit, um Carola danach nicht unnötig stören zu müssen.

Da das Treffen in Frank Unruhs Wohnung für den späten Vormittag verabredet war, hatten er und seine Freundin noch genügend Zeit. Zum einen, um auszuschlafen und auch, um in Ruhe gemeinsam zu frühstücken.

Markus öffnete nach dem Duschen leise die Badezimmertür und ging zurück ins Wohnzimmer, in dem auch das Schlafsofa stand.

»Du kannst es vergessen, Herr Tiemann!«, empfing ihn Carola, die nackt aufrecht im Bett saß. »Still und heimlich aus dem Bett zu verschwinden! Deine Pflicht im Kampf für einen gerechteren Sozialismus magst du vielleicht erfüllt haben, nicht aber den Dienst an mir. So, nun dann flott den Körper wieder von den Textilien befreien!«

Markus erhob die Hand abwehrend und wollte an die Verabredung erinnern.

»Möge er nicht widersprechen!«, sagte Carola mit Nachdruck und erhob ihrerseits die Hand.

Also folgte er der Bitte und zog sich wieder aus.

»Langsamer!«, ermahnte sie ihn. »Ich möchte schon etwas davon haben. Also auch jetzt. Von allem.«

Markus musste grinsen und folgte der neuerlichen Anweisung nicht widerwillig.

»Oh! Was haben wir denn da?«, fragte Carola und strahlte über das ganze Gesicht.

Nachdem auch Markus’ Versuch, das Bett gegen neun Uhr zu verlassen, fehlgeschlagen war, drängte später die Zeit so sehr, dass beide in der Küche nur noch einen schnellen Kaffee im Stehen trinken konnten. Für Essen fehlte mit einem neuerlichen Blick auf die Uhr die innere Ruhe.

Carola gab Markus noch einen langen und zärtlichen Kuss, verdrehte danach schwindelnd die Augen und zerrte ihn mit Nachdruck in den Flur, wo ihre Jacken an der Garderobe hingen.

»Bloß raus hier, sonst findet die Revolution noch ohne uns statt«, forderte sie Markus lachend auf.

Zu Fuß gingen sie zur U-Bahn-Haltstelle ›Schönhauser Allee‹ und mussten nur wenige Minuten auf die Linie 2 in Richtung Alexanderplatz warten. Aus den Erfahrungen der letzten Tage heraus, nahmen Markus und Carola jeden der wenigen Mitfahrer stärker in Augenschein als sonst. Mussten sie sich nun das Gesicht und die Kleidung eines Jeden merken und während der Fußwegs zu Frank Unruh immer wieder über die Schulter schauen, ob ihnen jemand folgt? Über diese Gedanken, die beide unabhängig voneinander sponnen, kamen sie an ihrem Ziel an, verließen die U-Bahn, nahmen den Ausgang und gingen in Richtung Marx-Engels-Platz.

»Lass uns durch die Hackeschen Höfe gehen, ab und zu mal stehen bleiben und uns vorsichtig umschauen.«, schlug Carola vor. »Mir kommt das alles nicht mehr ganz geheuer vor.«

»Du hast recht. Komm! Keine Autos in Sicht, also schnell rüber.«, sagte Markus und so überquerten beide Hand in Hand die Rosenthaler Straße und betraten von dort die Hackeschen Höfe. Auf dem steinernen Boden waren Carolas harte Absätze zu hören und als sie vom Hof II. rechts zum Hof IV. abgebogen waren, hörten beide den Widerhall eines anderen Paares Schuhe. Sie blieben erschrocken stehen und sahen sich an. Bei einem Blick über ihre Schultern war niemand zu sehen.

»Markus, geht’s jetzt bei uns beiden los mit einem wirklichen Verfolgungswahn? Los, lass uns weitergehen.«

Trotz der eigenen Zweifel an ihrem Verhalten, waren sie nun umso aufmerksamer und konzentrierten sich mehr auf die Geräusche hinter, als auf den Weg vor ihnen. Sie ließen den Durchgang zum Sophienhof hinter sich und blieben erneut stehen. Wieder hörten sie die Schritte und gingen, ohne ein Wort zu sprechen, schnell weiter zur Sophienstraße.

Die fremden Schritte hinter ihnen kamen näher. Auch ihre Frequenz hatte sich geändert. Mit dem Verlassen des letzten Hofs wurde die Schrittfolge schneller. Carola und Markus sahen sich im Gehen erneut an. Nun konnte Carola Angst in Markus Gesicht erkennen. Seine Augen hatten sich aus lauter Furcht weit geöffnet. Auch sie gingen nun schneller, liefen fast. Auf dem unebenen Bürgersteig geriet Carola ins Stolpern. Markus griff ihren Arm und verhinderte so einen Sturz.

»Pass doch auf!«, sagte Markus angespannt, »Wir müssen hier weg!«,

Beide gingen schnell weiter, kamen aber nur fünfzig Meter weit, bevor sie von hinten angerufen wurden.

»Markus? Carola?«

Erschrocken fuhren beide herum und sahen am Ausgang der Höfe Ralf Herler stehen, der ihnen zuwinkte.

*

Carola und Markus gingen auf Herler zu, um ihn zu begrüßen. Markus merkte, dass sich sein Magen zusammen zog. Er hatte kein gutes Gefühl mehr, mit seinem Freund zusammenzutreffen. Konnte er noch ein ›Freund‹ für ihn sein?

»Hallo Ralf«, lockerte Carola die Situation zumindest teilweise auf.

»Hallo, ihr beiden«, entgegnete Herler. »Ich hatte Euch schon an der Rosenthaler Straße zugerufen, aber wahrscheinlich habt ihr mich wegen der Straßenbahnen gar nicht hören können. Alles O.K. bei Euch? Ihr macht ein so komisches Gesicht.«

»Alles gut«, sagte Carola. »Wir hatten uns nur etwas erschrocken, als wir fremde Schritte hinter uns hörten. Wir müssen eben sehr vorsichtig sein. Aber, das weißt Du ja auch. Kommt, lasst uns jetzt zu Frank gehen. Ich mag nicht mehr auf der Straße herum stehen. Das ist mir nach wie vor unheimlich.«

So gingen Carola, Markus und Ralf noch einhundert Meter weiter bis zum Haus und klingelten. Es dauerte eine Weile bis Frank Unruh herunter gekommen war und das Tor zur Straße aufschloss.

»Tut mir leid, dass ihr warten musstet.« sagte er, »Ich verriegele jetzt immer das Tor. Auch wenn ich zu Hause bin. Diese Vorsichtsmaßnahmen haben aber auch ihr Gutes.«

Frank ließ sie in die Hof hinein und schloss hinter ihnen wieder ab.

»Sicher ist sicher«, sagte er. »Kommt, lasst uns hochgehen. Ich habe Kaffee und Tee gekocht und der Ofen hat die Zimmer schön aufgewärmt.«

Die vier gingen über das hölzerne Treppenhaus in den ersten Stock, wo Frank seine Wohnung hatte. Die Tür stand offen und von innen konnten sie Stimmen wahrnehmen. Als sie ihre Jacken ausgezogen hatten und ins Wohnzimmer gegangen waren, wärmte sich Carola als erstes am Kachelofen. Sie presste ihre Hände gegen die Kacheln, als wollte sie die Kälte aus ihrem ganzen Körper vertreiben. Über ihre Schulter hinweg begrüßte sie Meike und Susanne, die auf einem Sofa saßen und ihre Tassen in den Händen hielten.

»Hallo, ihr zwei. Tut mir leid, aber ich musste mich erst um meine zarten Pfoten kümmern, sonst ist es bald aus mit der Arbeit als Chirurgin. Es wird wohl langsam Herbst und die morgendliche Kälte geht einem ja durch und durch.«

»Kein Problem, Carola. Wir halten die Tassen ja auch nicht nur zum Spaß in den Händen. Wie läuft’s bei Euch beiden? Ihr seid etwas spät dran.«

»Wenn du aus unserer Verspätung schließt, dass wir neben der revolutionären Arbeit noch andere Dinge tun, die nichts mit der Völkerverständigung, aber mit der Harmonie untereinander zu tun haben, dann liegst du richtig. Ergo: Ja, alles läuft gut«, endete sie Augen zwinkernd.

»So genau wollten wir es gar nicht wissen«, sagte Meike lachend. »Hach, wie lang ist’s her, dass mich mal jemand so richtig… gefordert hat«, bekam sie noch gerade die Kurve.

Frank Unruh kam mit einer Schütte Briketts in das Wohnzimmer und stellte sie am Kamin ab.

»Nachschub, Carola! Wo sind die anderen?«

»Markus musste mal aufs Klo, er hatte so ein Drücken. Ralf und Lukas sind in der Küche, Tassen holen. Ah, da kommen ja die drei!«

»Sehr gut«, sagte Unruh. »Hat jetzt jeder etwas zu trinken? Gut. Arnd kann heute nicht dabei sein, er hat bis 22 Uhr Schicht und Margit muss auf die kleine Svenja aufpassen, die mit ordentlich Fieber im Bett liegt. Dann rief gestern noch Albrecht an. Vormittags ist überraschend seine überfällige Medikamenten-Lieferung eingetroffen. Nun sitzt er am heiligen Sonntag in seiner Giftküche und muss alle rückständigen Salbenbestellungen abarbeiten. Und in Köpenick geht die Schuppenflechte um. Scheinbar ist jedermann gestresst. Aber, wen wundert’s?«

Albrecht Cahna führte in Köpenick eine Apotheke, die er von seinen Eltern übernommen hatte. Mit seinen 45 Jahren war er nach Frank Unruh der zweitälteste der Gruppe. Beide hatten sich in Albrechts Apotheke kennengelernt. Frank war als Betriebsschlosser in einem Betrieb für Galvanotechnik tätig gewesen. Zu oft hatte er Kontakt mit Schwermetallen und wurde 1984, mit 43 Jahren, in die Rente geschickt. Wegen der anhaltenden gesundheitlichen Probleme war Frank ein regelmäßiger Gast in Albrechts Apotheke. Über die Jahre hinweg entwickelte sich eine Freundschaft; nicht zuletzt weil beide die gleiche systemkritische Einstellung hatten.

Arnd Siegemann, dessen Ehefrau Margit auf ihre gemeinsame Tochter aufpassen musste, arbeitete als Busfahrer für die Berliner Verkehrsbetriebe. Er war an einer aus Unruhs Sicht wichtigen Stelle Berlins tätig. Die Verkehrsbetriebe boten vielerlei Möglichkeiten, Personen oder Sachen unauffällig von einem Ort zum anderen zu transportieren. Die 24jährige Meike Wersheim und Lukas Moss waren Carolas Kommilitonen an der Humboldt-Universität. Susanne Königswarter, die für Lukas auf dem Sofa Platz machte und zur Seite rückte, arbeitete als Bibliothekarin der Uni. Am Fenster des Wohnzimmers stand Berthold Levin, der als letzter in die Gruppe aufgenommen worden war. Er verdiente sein Geld als Bauzeichner beim Berliner ›VEB Bau-Union‹.

Die Bibliothekarin Susanne, die es genoss, mit den jungen und weltoffenen Studenten täglich in Kontakt zu sein, hatte die Arbeit der westdeutschen ›Grünen Partei‹ seit der Bundestagswahl 1980 aufmerksam verfolgt und war zu einer überzeugten Anhängerin geworden. Sie hatte ihr Leben vor allem an den ökologischen Zielen der Partei ausgerichtet und achtete streng darauf, sich umweltbewusst zu verhalten. Als stolze Pächterin eines Kleingartens in Berlin-Lichtenberg pflanzte und erntete sie als Öko-Bäuerin Obst und Gemüse. Für Susanne wirkte ihre Arbeit im Privaten jedoch wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Mit den einhundert Quadratmetern, die ihre Parzelle maß, konnte sie nicht viel bewirken. Zwar gab es in der Kleingarten-Kolonie ein gutes Dutzend Gleichgesinnte, dennoch musste man, so war ihre Meinung, aktiv in die Politik gehen, um etwas zu bewirken.

Berthold Levin wirkte nach außen hin sehr introvertiert. Nach seiner Geburt im Jahr 1947 hatten seine Eltern die Entscheidung getroffen, von Westdeutschland in den Osten umzusiedeln. Sie wähnten sich als Juden dort sicherer als im Westen. Die fortwährenden Beschränkungen, die ihre Gemeinde dann auch in der DDR erfahren musste und der von der Sowjetunion mit initiierte Antisemitismus machten Berthold über die Jahre hinweg traurig und depressiv. Für ihn war unbegreiflich, warum die, die unter dem Hitler-Regime so sehr hatten leiden müssen, im Kleinen mit der Nazi-Politik weitermachten.

Frank und Albrecht waren mit der Zusammensetzung der, wie sie es nannten, ›Arbeitsgemeinschaft‹ sehr zufrieden. Wie so oft fanden sich die meisten potentiellen Mitstreiter an den Universitäten. Die jungen Menschen, die noch das ganze Leben vor sich hatten, waren kaum noch bereit, die staatlichen Beschränkungen zu akzeptieren. Ein Leben galt für sie oft nur als solches, wenn auch die Meinungsfreiheit, freie Wahlen und eine uneingeschränkte Reisefreiheit gewährleistet waren. Wegen der Bereitschaft, für diese Ziele kämpfen zu wollen, konnten sie sich wegen ihres Alters noch mit voller Energie einbringen.

*

Rasputin saß nun in der Klemme. Sein Führungsoffizier hatte ihm klar und deutlich gesagt, was er von ihm verlangte. Er musste am folgenden Tag zumindest einen Teil der Karten offen auf den Tisch legen. Auf Krammes Tisch. 0.05 Uhr. Eine lächerlich genaue Uhrzeit, mit der er sich wichtig machen wollte.

›Dennoch, seine Macht und seinen Einfluss im MfS darf ich nicht unterschätzen‹, dachte der IM nach. ›Ich muss für mich zusehen, da morgen wieder raus zu kommen und nicht eingebuchtet zu werden!‹

Es musste ein Bauernopfer geben. Aber wen? Der IM würde seine Informationen so weitergeben, dass sich daraus für Kramme kein Anreiz ergab, die ganze Gruppe hochzunehmen und einzusperren, sondern sich auf einen Redelsführer zu stürzen. So bliebe der Rest ‘Arbeitsgemeinschaft’ in Freiheit.

Es war leicht, sich vorzustellen, wie er sich bildlich gesprochen mit gebleckten Zähnen und sabbernd vor Aufregung auf sein Opfer stürzte, seine Fangzähne in den Hals trieb. Sich daran labte, dass das Blut herausspritzte und er nur noch den finalen Biss ausführen musste. Der Staatsfeind würde noch kurz die Muskeln und Sehnen anspannen. Im proportionalen Verhältnis zur Menge des austretenden Blutes, würden diese langsam erschlaffen. Kramme würde sich daran aufgeilen, wenn es in ein Zucken übergeht und das Herz letztlich den Dienst versagt. Wo nichts mehr zu pumpen ist, brauchte auch nichts mehr zu schlagen. Vielleicht hätte Kramme ja einen Orgasmus, wenn dieser Zustand eintritt. Für Führer, Volk… Nein, für ZK, Volk und Arbeiter- und Bauernstaat. Zuzutrauen wäre es ihm. ›Oh Gott, auf was habe ich mich da eingelassen?‹ Rasputin war mit den Nerven am Ende. Seine politischen Ansichten und die der Familie hatten ihn in diese Falle getrieben. Ja, er stand dazu, dass die Werte des Kommunismus und des Sozialismus durchaus als sehr hoch einzustufen waren. Gut, nicht alles in der DDR lief rund, aber in welchem der Staaten des Paktes war das auch so? Und die im Westen sollten sich mal erst recht zurückhalten. Die Militarisierung schien kein Ende zu nehmen. George Bush, der amerikanische Strahlemann. Für den IM war er nach Ronald Reagan nur die nächste Marionette der Kriegswaffen-Industrie. Rasputin konnte nicht zulassen, dass sich solche Staaten und die Kriecher aus der BRD, die zu allem aus den USA ›Ja und Amen!‹ sagten, auf eine sich dem Westen öffnende DDR warfen, um sie zu okkupieren, auszusaugen, und ihr Mittel- und Langstreckenraketen aufzupflanzen, um der UdSSR weiter und viel effektiver drohen zu können.

›In wenigen Minuten werden wir alle über die Pläne diskutieren. Jeder vertraut jedem. Auch mir! Arnd, Margit und Albrecht fehlen. Ob das stimmt, was Frank gesagt hat? Nicht, dass der Kramme sie bereits eingelocht hat. Nein, davon hätte er gestern irgendetwas erzählt oder es angedeutet.‹

Rasputin wurde immer nervöser und bekam immer wieder feuchte Hände. ›Da stehen und sitzen sie nun und schwenken geistreich ihren Kaffee oder Tee. Der nervenkranke Unruh, die wackeren Studenten der Medizin, die Bücherverwalterin Susanne, Markus und der ewig depressive Levin. Gott, wie mir das Ganze auf die Nerven geht!‹

*

Markus goss sich Kaffee ein, füllte auch eine Tasse für Carola und hielt sie ihr entgegen, als sie sich zu ihm setzen wollte. Carola machte den Eindruck, als sei sie plötzlich sehr nachdenklich geworden. So gab er ihr einen Kuss auf die Wange, was Carola jedoch nur ein verkrampft wirkendes Lächeln entlockte.

»Wollen wir also beginnen?«, fragte Frank Unruh.

»Je eher, desto besser«, antwortete Lukas Moss. »Ich muss mich heute noch zu Hause auf die nächsten Vorlesungen vorbereiten. Oder besser, die alten nachbereiten, um die kommenden überhaupt verstehen zu können.«