99 Treppen - Ludwig Lierth - E-Book

99 Treppen E-Book

Ludwig Lierth

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Beschreibung

Am frühen Morgen betritt der Tod eine Kleinstadt im Osten Deutschlands, in meiner Heimat. Er besucht mich auf meinen Lebensstationen. Ich erzähle ihm von meinen Vorfahren, den Großeltern, den Eltern und von mir; Episoden aus Kindheit und Schulzeit, vom Studium und der beruflichen Laufbahn vor und nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Während der Tod von Station zu Station geht, liest er in den Papieren, die ich ihm viele Jahre lang schickte; Notizen aus dem Tagebuch meines verborgenen Lebens, in das ich über 99 Treppen immer wieder hinab stieg, eines Lebens voller Ausschweifungen, Sucht und Gier. Ein Traum aus Kindheitstagen verhinderte den Abstieg auf die 100. Treppe und gab mir die Chance, die 99 Treppen wieder hinauf zu steigen. Der Tod vernichtet alle Papiere, bevor es zur letzten Begegnung kommt. Jetzt steige ich die 100. Treppe hinab. Mein Traum endet.

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2021

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99 Treppen

TitelseiteImpressum

99 TREPPEN

Er nimmt den ersten Zug in der Frühe, um zeitig da zu sein. Die Mitreisenden, die in seinem Abteil sitzen, steigen an der vorletzten Station aus. Er ist allein, als er den Vorplatz des Bahnhofs verlässt und den Weg zur kleinen Stadt antritt. Mit Gepäck hat er sich nicht belastet, das Etwas in seiner linken Hand benutzt er ab und zu wie einen Wanderstock, um auf dem taufeuchten Boden nicht auszurutschen.

Ich kann ihn noch nicht sehen, aber ich ahne sein Kommen.

Er geht ruhig und bedachtsam; er hat Zeit. Als er den Stadtrand erreicht, fallen die Strahlen der aufgehenden Sonne auf die Dächer der Häuser, die in den Zwanziger – und Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut wurden. Der Berg hinter der Stadt liegt im Dunklen.

Hunger verspürt er nicht, aber ein Kaffee würde ihm gut tun, zumal der Besuch der ersten Station ansteht. Er kennt sich hier aus und bleibt an einem der Gartentore stehen. Ein paar Mal klingelt er. Dann kommt ein älterer Herr aus dem Haus und begrüßt den frühen Besucher,

„Tritt ein, es ist ja wohl nicht zu verhindern.“

„Bei dir mache ich gerne eine erste Rast bei ‘ner Tasse Kaffee, wenn du es mir erlaubst.“

Sie setzen sich in die Wohnstube, gleich hinter der Haustür. Es ist angenehm warm.

Der Besucher streckt die Beine aus und sieht dem älteren Herrn ins Gesicht,

„Schön, das Häuschen, macht einen gemütlichen Eindruck, passt zu diesem Ort; nicht so klobig, kalt und protzig wie die neuen Kästen da am Ende der Straße.“

„Es ist das Siedlungshaus meiner Großeltern, Anfang des vorigen Jahrhunderts

erbaut. Der Großvater war leitender Ingenieur in einem großen Industriebetrieb, die Großmutter vor ihrer Heirat Wäscherin gewesen. Vier Kinder, meine Mutter und ihre drei Brüder, wuchsen hier auf.“

„Erzähl‘ mir mehr über deine Großeltern.“

„Das mache ich. Ich erinnere mich oft an die Großeltern, gerne war ich bei ihnen. Oft kam es vor, dass ich die Tage hier verbrachte, bevor ich in die Schule kam, mitunter von früh an bis zum Abend. Mein Vater hatte mit seiner Werkstatt zu tun und die Mutter arbeitete auf der Post; bei den Großeltern war ich gut aufgehoben.

Mitte der Fünfzigerjahre ging der Großvater in Rente. Er war froh, genügend Zeit zu haben, sich nicht nur um Haus und Garten, sondern auch um seine Enkel kümmern zu können. Direkt neben dem Sitzplatz installierte er einen geräumigen Sandkasten, in dem ich stundenlang spielte, Burgen und Murmelbahnen baute. Nachdem ich ein dickes Indianerbuch gelesen hatte, gestaltete ich das Sandkastenpanorama um. An Stelle von Burgen entstanden Indianerdörfer. Es rollten keine Murmeln mehr die Sandbahnen hinunter; die Indianer waren mit Überfällen und kriegerischen Auseinandersetzungen beschäftigt. Hingebungsvoll spielte ich die Schlacht am Little Big Horn nach, so wie ich sie auf einer Zeichnung gesehen hatte.

Manchmal, wenn die Großeltern sich nach dem Mittagessen zum Ruhen hingelegt hatten, schlich ich mich zum Sandkasten hinaus, ließ die Indianerschlacht eskalieren und setzte das Indianerdorf in Brand. Einmal konnte ich die Flammen nicht rechtzeitig wieder löschen, und die Großeltern erwischten mich bei meinem Unfug. Sie schimpften mit mir und erzählten schlimme Geschichten vom Krieg, der erst vor ein paar Jahren zu Ende gegangen war. Bomben waren auf die Städte gefallen, in brennenden Häusern kamen viele Menschen zu Tode, auch Kinder. Nach diesen Erzählungen hatte ich keine Lust mehr, mit dem Feuer zu spielen, und verlor auch bald das Interesse an den Indianerschlachten.

Vom Krieg zu hören, war für uns Kinder nichts Besonderes; Ruinen sahen wir in der nahen Großstadt, wenn die Mutter mit uns in der Straßenbahn durch die Stadt fuhr, um einen ihrer Brüder zu besuchen. Von der Besetzung des Landes durch die Sowjetarmee, den Plünderungen und Vertreibungen von Menschen aus ihren Häusern erfuhr ich erst einige Jahre später, während der Schulzeit, da ging ich bereits in die vierte oder fünfte Klasse.“

Er hält inne und gießt Kaffee in zwei Tassen; dann fährt er fort,

„In den ersten Maitagen des Jahres 1945 marschierten die Russen ein. Der Chef meines Großvaters, der Direktor des großen Industriebetriebes, stellte sich beherzt und mutig mit der weißen Fahne vors Betriebstor. Ihm waren in den letzten Kriegsjahren russische Zwangsarbeiter zugewiesen worden, die in der Produktion arbeiteten. Sie wurden ordentlich behandelt und mit Nahrungsmitteln versorgt. Dem Direktor stellten sie ein gutes Zeugnis aus, als sie von den Militärbehörden danach befragt wurden. Sein humanes Verhalten half ihm jedoch nichts. Er wurde denunziert, verhaftet und kam in einem der Arbeitslager um, die die neuen Machthaber auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager der Nazis errichteten.

Alles das erfuhr ich noch viel später, als ich zum Teenager reifte und mir allmählich bewusst wurde, welches Elend Krieg und Nachkriegszeit über die Menschen brachte, welche Probleme Eltern und Großeltern zu lösen hatten, was für Sorgen und Leid sie verkraften mussten.

Wir Kinder wurden in der Schule zur unverbrüchlichen Freundschaft mit der Sowjetunion und ihrer ruhmreichen Armee erzogen; die Wahrheit über die Ereignisse während und nach dem Einmarsch der russischen Truppen erschloss sich uns nur stückweise. Über die massenhaften Vergewaltigungen von Frauen durch die Soldaten wurde nicht gesprochen, genauso nichts erzählt von den oft willkürlichen Verhaftungen; davon, dass Missliebige und Denunzierte in Lagern zu Tode kamen oder nach Sibirien deportiert wurden.“

Er bricht ab und sieht seinen Besucher fragend an,

„Ich weiß nicht, ob dich das interessiert, ich will dich nicht langweilen.“

„Nein, nein, mach weiter, erzähle noch ein bisschen was von den Großeltern. Sie waren so wichtig in deinen Kindheitsjahren.“

„Großmutter hatte im Haus und im Garten viel zu tun. Wenn sie mal etwas Zeit hatte, machte sie Märchenstunde mit mir. Sie las aus dem großen Märchenbuch der Brüder Grimm vor, ‚Hänsel und Gretel‘, ‚Rapunzel‘, ‚Rumpelstilzchen‘, ‚Aschenputtel‘, ‚Frau Holle‘ und ‚Der Wolf und die sieben jungen Geißlein‘. Sie hatte eine warme und einprägsame Stimme. Wenn sie vorlas, wurden die Gestalten aus den Märchen lebendig. Vor meinen Augen liefen Hänsel und Gretel durch den Wald zum Hexenhaus, Rumpelstilzchen tanzte von einem Bein aufs andere, und Frau Holle schüttelte Schneeflocken aus ihren Kissen. Manchmal fürchtete ich mich, wenn der Wolf die kleinen Geißlein fraß. Aber dann beruhigte mich die Großmutter : ‚Es ist doch nur ein Märchen‘.“

Er schmunzelt vor sich hin; ein Lächeln begleitet seine weiteren Erinnerungen,

„Großvater weckte bei mir das Interesse am Basteln. Im Keller des Häuschens hatte er sich eine kleine Werkstatt eingerichtet; dort vermittelte er mir erste handwerkliche Fertigkeiten. Er zeigte mir, wie man aus einem Stück Holz einen Stern aussägt, wie gebohrt und gefeilt wird. Mit dem Hammer einen Nagel einschlagen, mit dem Schraubenzieher Schrauben eindrehen und mit Sandpapier Unebenheiten beseitigen, diese Dinge lernte ich vom Großvater. Später in der Schule gab es eine Arbeitsgemeinschaft ‚Modelflugzeugbau‘, in der ich zwei Jahre lang mitwirkte. Zu Beginn hatte ich den anderen Kindern einiges voraus; der Großvater hatte mir in ganz jungen Jahren schon eine Menge beigebracht.

Großvater weckte auch meine Neugier auf die Naturwissenschaften, vor allem auf Physik und Chemie. Das kam mir in der Schule sehr zugute. Es gab Leistungsvergleiche in diesen Fächern, auch zwischen den Schulen wurden Wettbewerbe ausgetragen. Mit seinem Sinn für wissenschaftliche und technische Zusammenhänge gab mir der Großvater gute Ratschläge, wenn es um knifflige Aufgaben ging. Mit ihm konnte ich trainieren und mich auf die Leistungsvergleiche vorbereiten. Wenn mir dann später ein Sieg im Wettbewerb gelang, war es auch sein Verdienst gewesen. Und er war stolz auf mich.“

Er bemerkt, dass sein Besucher unruhig geworden ist.

„Was ist ?“, spricht er ihn an, „bist du hungrig ? Möchtest du ein Brötchen, vielleicht ein Ei dazu ?“

„Nein, danke, ich breche auf, ich muss weiter.“

„Natürlich; komm, wir teilen uns noch den Rest vom Kaffee. Und eine letzte Geschichte, die mir gerade eingefallen ist, als ich dir das Ei anbot.“

Er schenkt ein und räuspert sich; seine Augen glänzen ein wenig, als er weiterspricht,

„Der Garten am Haus der Großeltern war nicht groß; Großvater pachtete deshalb ein Stück Land vom Nachbarn. Dorthin baute er einen Hühnerstall. Fünf, sechs Hühner bekamen jeden Tag ihr Futter und bedankten sich mit schönen großen Eiern. Nur ein kleiner Teil davon blieb zum eigenen Verzehr im Hause, die meisten Eier wurden zur Aufkaufstelle gebracht. Ein gewisses Quantum wurde abgegeben, um dafür Futtermittel zu erhalten. In den Jahren nach dem Krieg waren Lebensmittel streng rationiert; auch Hühnereier unterlagen der staatlichen Bewirtschaftung und Kontrolle.

Mir waren die Hühner immer etwas unheimlich geblieben. Wenn ich sah, wie sie nach Körnern pickten, dachte ich an Max und Moritz aus dem Wilhelm – Busch – Album; die letzten Verse, als die beiden Übeltäter durch die Mühle gedreht und als Körner verfüttert wurden.“

Er verdreht die Augen und zitiert,

„ ‚Her damit, und in den Trichter schüttelt er die Bösewichter.

Rickeracke, Rickeracke geht die Mühle mit Geknacke.

Hier kann man sie noch erblicken, fein geschroten und in Stücken.

Doch sogleich verzehret sie Meister Müllers Federvieh‘.

Lachen konnte ich darüber nicht, mir grauste vor so viel Brutalität.“

Sie trinken beide ihre Tassen leer und stehen auf.

Der ältere Herr geleitet seinen Besucher zum Gartentor und wünscht ihm einen guten Weg. Der Besucher geht ein paar Schritte; dann dreht er sich um,

„Es war gut, mit dir zu sprechen. Du weißt, wir sehen uns wieder.“

Er geht bis zum Ende der Straße, biegt nach rechts ab und bleibt nach wenigen Metern stehen. Er zieht einen dicken Packen Zettel aus der Innentasche seiner Jacke und beginnt zu lesen, was ich ihm geschickt habe.

1.Treppe

Ich hatte wieder geträumt, gestern Nacht, den Traum aus Kindheitstagen. Doch die vielen Treppen haben jetzt eine andere Bedeutung als vor vielen Jahren. Ich werde die erste Treppe nach unten heute Nacht hinabsteigen.

Soeben bin ich vom Business – Dinner mit meinem polnischen Geschäftspartner zurück ins Hotel gekommen. Das Erste, was nach dem Öffnen der Tür zum Hotelzimmer ins Auge fällt, sind die Kärtchen, die in den vergangenen Stunden unter der Tür hindurch ins Zimmer gesteckt wurden : Telefon- Nummern vom Escort – Service, Namen, Alter, Haarfarbe und Körpermaße einzelner Damen sowie deren Stunden – Honorar.

‚Ruf einfach an‘ – praktischerweise gleich auf Deutsch geschrieben; die Angestellten in der Rezeption geben gerne Hinweise zu allein reisenden Geschäftsleuten und deren Nationalität.

Ich gehe erst einmal Duschen und Zähne putzen. Ordentlich wieder anziehen lohnt sich nicht – ich ziehe mir den Bademantel über und setze mich an den kleinen Tisch gegenüber dem Bett. Die Minibar steht gleich daneben. Ich mixe mir einen doppelten Wodka – Lemon und beruhige meine Nerven. Ich bin fest entschlossen zum Tabubruch, aber ein wenig aufgeregt. Vor mir auf der Tischplatte liegen fünf Kärtchen; ich habe sie verdeckt aufgelegt und untereinander vermischt – das Schicksal soll jetzt entscheiden. Ich decke ein Kärtchen auf und wähle die Nummer des Escort – Service.

„Ja, hallo, was wünschen sie ?“, fragt eine polnische Männerstimme in gut verständlichem Deutsch.

„Bitte ein Mädchen, jung und nicht so groß“ – ich stocke kurz – „mit schönen Brüsten.“

„Ja, bitte warten ein paar Minuten.“

Er hat nicht nach meinem Namen gefragt, nicht nach der Nummer meines Zimmers. Wahrscheinlich hockt er hier im Hotel, möglicherweise in der Rezeption.

Ich komme nicht dazu, mir einen zweiten Wodka – Lemon zu genehmigen. Es klopft an der Tür. Vorsichtshalber lasse ich die Tür geschlossen und frage laut, „Ja – bitte ?“

„Ihre Bestellung.“, kommt es gedämpft zurück.

Ich öffne. Ein junger Mann betritt das Zimmer, gefolgt von zwei sehr jungen Damen, die eine schwarzhaarig, die andere blond. Überrascht trete ich zurück,

„Eine reicht.“

„Wie sie wünschen, aber sie können wählen : Lisa oder Anjoschka, beide aus Ukraine.“

Ich entscheide mich für Lisa, die Blonde. Noch bevor ich nach dem Preis fragen kann, kommt er zum Geschäft,

„Es ist einhundert DM für eine Stunde. Wenn sie verlängern wollen, rufen sie mich an. Ich bekomme das Geld jetzt gleich.“

Ich habe den Hunderter zusammengefaltet in der Tasche des Bademantels stecken, sodass die Transaktion schnell vollzogen ist.

Der junge Zuhälter schiebt Anjoschka wieder nach draußen und winkt mir kurz mit der Hand zu,

„Viel Vergnügen.“

Das werde ich haben; die Erregung beginnt zu steigen.

„German or English ?“, frage ich Lisa, „Deutsch oder Englisch ?“

„Deutsch, ein bisschen.“, antwortet sie.

Ich lade sie zu einem Glas Champagner ein, aber sie lehnt dankend ab,

„Nein, bitte ein Glas Wasser nur.“

Mache ich gerne, das Glas hat sie sich schon hingestellt.

Ich schenke mir einen Wodka ein, sie kommt zu den Details des Geschäfts,

„Französisch ist ohne … alles andere mit Gummi.“

„OK“, ich bin einverstanden.

„Darf ich ins Bad, frischmachen ?“, fragt Lisa.

„Aber klar.“

Sie verschwindet für ein paar Minuten ins Bad. Ich angele mir eine kleine Whiskyflasche aus der Minibar, deren Inhalt ich mir zur Beruhigung schnell einverleibe. Ich stehe auf, als sie zurück ins Zimmer kommt. Ihren schwarzen Büstenhalter und das schwarze Höschen hat sie noch an.

„Na, dann gib dir Mühe.“, fordere ich sie auf.

„Ich gebe mein Bestes.“

Sie springt auf mich zu, umschlingt meinen Hals mit ihren Händen und umklammert mich um den Bauch herum mit ihren Oberschenkeln. Weich gegen hart … aber Bademantel und Höschen sind noch dazwischen.

Ich setze sie ab, öffne den BH – Verschluss, streife die Träger von ihren Schultern und ziehe ihr das Höschen aus. Dann schiebe ich sie auf Abstand.

„Lass mich erst einmal anschauen … schöne Brüste hast du.“

„Danke.“

„Wie alt bist du ?“

„Zweiundzwanzig.“

Gut sieht sie aus, meine Lisa für die nächsten Minuten, leicht gebräunte Haut, etwas stämmige Oberschenkel, die Schamhaare zum kleinen Dreieck zurecht gestutzt. Ich lasse meinen Bademantel zu Boden fallen und lege mich aufs Bett. Sie kniet sich neben mich. Mit einer Hand stützt sie sich auf, die andere Hand fasst nach mir.

„Mach es langsam und ganz sanft.“, ermahne ich sie noch, dann fühle ich ihre Lippen. Ihre Brüste wippen ein wenig. Mit meiner linken Hand befühle ich ihre Brustwarzen, mit der rechten Hand drücke ich ihren Kopf herunter,

„Tiefer.“

Lange halte ich nicht mehr durch; ich schiebe sie an den Schultern nach oben.

Sie streift das Kondom über und setzt sich auf mich drauf. Ihre Brustwarzen streifen über meine Brust, als sie sich zu mir herunter beugt. Mit beiden Händen fasse ich in ihre Titten und drücke den Oberkörper nach oben. Sie seufzt ganz leise. Ich hebe und senke sie ein paar Mal, dann drehe ich sie auf den Rücken und lege ihre Oberschenkel über meine Schultern. Ihre Hände kreuze ich oberhalb ihres Kopfes zusammen und halte sie dort mit einer Hand fest. Meine andere Hand lege ich unter ihren Po,

„Komm, stöhne … stöhne für mich.“

Aber sie erlaubt sich nur ein weiteres Seufzen.

Dann geht es schnell und ich sacke zusammen. Sie schnappt sich das Kondom und verschwindet im Bad. Ich decke mich hastig zu, als sie zurück kommt. Sie hat sich noch nicht wieder angezogen, zeigt fragend auf meine Armbanduhr : noch zwanzig Minuten bis zur vereinbarten vollen Stunde. Aber ich bin zufrieden, keinerlei Lust auf Verlängerung.

„Möchtest du … später … noch einmal ?“

„Nein, Lisa, alles OK.“

„Na, dann … Ciao.“

Sie verschwindet wieder im Bad, nimmt ihre Handtasche, wirft mir einen kurzen Blick zu – und schwupp ist sie fort.

‚Die erste Treppe nach unten‘ kann ich gerade noch denken, dann schlafe ich ein.

Er geht weiter, jetzt eiligen Schrittes; er hat noch viel zu erledigen am heutigen Tag.

Er verharrt vor einem freistehenden Haus. Der schmutzig rote Klinkerbau kontrastiert eigenartig mit den neumodischen grünen Ziegeln auf Dach und Türmchen. Unter dem Giebel prangt eine Tafel mit der Jahreszahl 1820. Im Haus wohnen zehn Parteien; er braucht etwas Zeit, sich zu orientieren. Auf sein Klingeln hin öffnet sich ein Fenster im ersten Stock. Der bärtige Mann, der heraus schaut, verzieht missmutig das Gesicht,

„Ach du … du kommst ungelegen.“

„Sei nicht so unhöflich und lass mich rein.“

Seufzend schließt der Bärtige das Fenster; nach ein paar Minuten öffnet er die Haustür. Er geht voraus, der Besucher folgt ihm.

„Bitte setze dich mit an den Schreibtisch am Fenster. Und entschuldige meine Unhöflichkeit, aber ich bin gerade dabei, Ordnung in die Briefmarkensammlung zu bringen. Jahrzehntelang hat sie vor sich hin gestaubt. Ich war ja immer unterwegs, da war für die Sammlung keine Zeit“

Der Besucher zieht sich einen Stuhl an den Schreibtisch und nimmt Platz. Sein Gastgeber hat sich gefasst,

„Kaffee kann ich dir nicht anbieten, aber ein Glas Wasser … oder einen kleinen Obstler ?“ – vielsagend verzieht er die Augen, aber sein Angebot wird rundweg abgelehnt.

„Was sind das für Marken ?“ , der Besucher beugt sich interessiert über das aufgeschlagene Album.

„Das sind Marken aus Kanada.“

„Du hast eine Menge Briefmarken aus diesem Land; überall sehe ich sie.“

„Mit Kanada verbinden sich viele meiner Kindheitserinnerungen. Die Geschichte beginnt hier in diesem Haus – soll ich erzählen ?“

Der Besucher blickt ihn erwartungsvoll an,

„Selbstverständlich, deswegen bin ich heute hier.“

„Der Vater meiner Großmutter, väterlicherseits, also mein Urgroßvater, war Kaufmann. Noch vor der Jahrhundertwende startete er mit einem Kolonialwarenladen in die Selbständigkeit. Zuvor war er bei einem großen Handelskontor angestellt gewesen und hatte dort einschlägige Kenntnisse erworben und Erfahrungen gesammelt. Deutschland verfügte über Kolonien in Afrika und trieb umfangreichen Handel mit anderen Ländern, die auch Kolonien besaßen, England, Frankreich und Holland. So kamen überseeische Lebens- und Genussmittel ins Land. Im Kolonialwarenladen wurden Zucker, Kaffee, Reis, Kakao, Tabak, Tee und Gewürze verkauft. Das Geschäft lief sehr gut, der Urgroßvater konnte dieses stattliche Haus erwerben, in dem meine Großmutter zur Welt kam.

Es gelang dem Urgroßvater, das Ladengeschäft glimpflich durch den 1.Weltkrieg, die Wirren der Nachkriegszeit und durch die immensen Schwierigkeiten der Inflationsjahre 1922,1923 zu bringen. Deutschland verlor den Krieg und damit auch seine Kolonien; der Handel mit den Feindstaaten England, Frankreich, Holland kam während des Krieges zum Erliegen und sprang nach dem Krieg nur sehr zögerlich wieder an. Alles schlechte Voraussetzungen, mit Kolonialwaren zu handeln. Der Urgroßvater erweiterte das Sortiment und strukturierte es um. Verkauft wurden jetzt alle Grundnahrungsmittel, Kartoffeln, Mehl, dazu Waschmittel, Seife, Petroleum, der gesamte Haushaltsbedarf. Später kamen noch Farben dazu und Eisenwaren für Haus und Garten. Aus dem Kolonialwarenladen wurde ein Tante – Emma – Laden. Eine ganze Reihe von Angestellten war notwendig, um das vielgestaltige Sortiment an den Mann und an die Frau zu bringen.

Anfang der Dreißigerjahre übergab der Urgroßvater das Geschäft an seinen Schwiegersohn, den Ehemann meiner Großmutter. Die Weitergabe an die folgende Generation war bereits programmiert, aber die große Geschichte, die Politik der Mächtigen auf dieser Welt, schmiss alle Pläne über den Haufen.

Von den vier Söhnen meiner Großmutter wurde einer, mein Onkel, Kaufmann wie der Urgroßvater. Der zweite Sohn, mein Vater, hatte zum Ladenbetrieb keine Lust. Er liebte die Natur, er wollte hinaus ins Freie, die Enge des Büros war ihm ein Gräuel. Was mit den anderen beiden Söhnen war, weiß ich nicht, sie gingen wohl zeitig ganz andere Wege.

Während seines letzten Schuljahres kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen meinem Vater und meinem Großvater. Sie waren sich uneins über den weiteren Lebensweg meines Vaters. Aber der setzte sich durch und begann 1934, an der Universität Bonn – Poppelsdorf Landtechnik zu studieren. Vor allem die Maschinen, die zunehmend auf den Feldern zum Einsatz kamen, hatten sein Interesse geweckt. Der Leiter des dortigen Instituts für Landtechnik beschäftigte sich mit der Entwicklung eines Mähdreschers für europäische Verhältnisse. In Nordamerika, in den USA und in Kanada, hatte der Mähdrescher bereits den Siegeszug in der Getreideernte absolviert und der Landwirtschaft einen beachtlichen Entwicklungssprung verschafft. In Deutschland stand man noch am Anfang; der erste eigene Mähdrescher, gebaut von der Firma CLAAS, kam 1936 auf den Markt.

Die Mähdrescher – Aktivitäten des Instituts für Landtechnik hatten für meinen Vater und dessen Studienkollegen und Stubenkamerad in Bonn weitreichende Folgen. Mit Unterstützung und auf Vermittlung der Universität reisten sie 1938 nach Kanada und heuerten als technische Hilfskräfte auf einer großen Farm an. Für die Universität bestand das Ziel, die aktuelle Entwicklung der Mähdreschertechnik und deren Bewährung in der Erntepraxis unmittelbar vor Ort verfolgen zu können. Für meinen Vater und dessen Kumpel war es Herausforderung und Chance zugleich. Sie widmeten sich der Aufgabe mit Einsatz und Hingabe.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 änderte sich für die beiden Deutschen in der kanadischen Provinz zunächst nicht allzu viel. Der postalische Austausch mit der Heimat funktionierte noch, wenn auch unter erschwerten Bedingungen; Briefsendungen dauerten länger, und zuweilen kam es vor, dass Pakete von den Grenzbehörden geöffnet und kontrolliert wurden. Ihrer Arbeit konnten die jungen Techniker ungehindert nachgehen. Sie waren in die dörfliche Gemeinschaft freundschaftlich integriert, zu Sportveranstaltungen gerne gesehen und als trinkfeste Wirtshausbesucher anerkannt. Über ihren lockeren Umgang mit den Dorfschönen wurde ab und zu mal getuschelt, ernsthafte Konflikte entwickelten sich daraus nicht. Dies änderte sich schlagartig, als die USA Ende 1941 in den Krieg eintraten. Gewisse, bisher weitgehend versteckte Ressentiments schlugen in offene Ablehnung gegenüber den Deutschen um. Bereits Anfang 1942 durften sie auf der Farm nicht mehr mitarbeiten, später auch ihre Wohnunterkunft nicht mehr verlassen. Es kam zu mehreren Befragungen durch lokale Polizeibeamte und im März 1942 schließlich zu ihrer Verhaftung. Auf Betreiben der USA wurden alle Deutschen einkassiert, die in Amerika nicht rechtzeitig untertauchten, und das nicht nur in den USA und in Kanada, sondern auch in Mexiko und allen Ländern Mittel – und Südamerikas.“

„Warum das ?“, der Besucher hatte bisher aufmerksam zugehört, ohne weitere Fragen zu stellen, „was können junge deutsche Techniker dafür, dass ihre Regierung in der fernen Heimat Krieg führt mit fremden Mächten ?“

„Es war die Angst der Amis, dass die Deutschen auf dem amerikanischen Kontinent eine sogenannte ‚Fünfte Kolonne‘ bilden könnten, eine geheime Armee im Untergrund, die Sabotageakte und Mordanschläge ausführt. Nahezu ausnahmslos trafen die Verhaftungen Zivilisten, die an den kriegerischen Unternehmungen Deutschlands völlig unbeteiligt waren. Das spielte keine Rolle, sie wurden verhaftet, interniert oder abgeschoben. Mein Vater wurde nach Deutschland ausgeflogen. Sein Kumpel, der Jude war, durfte Kanada in Richtung England verlassen. Nach einem Jahr in England emigrierte er nach Australien.“

„Aha, daher die australischen Briefmarken in deiner Sammlung.“

„Anfang der Fünfzigerjahre nahm er Kontakt zu meinem Vater auf, und sie schrieben sich regelmäßig. In den Siebzigerjahren wollte er meinen Vater hier in der DDR besuchen. Davon musste mein Vater leider Abstand nehmen. Er arbeitete in einem Instandhaltungsbetrieb in der Landwirtschaft. Für Kontakte mit dem nichtsozialistischen Ausland, zu dem Australien gehörte, brauchte er eine Genehmigung seiner Arbeitsstelle. Diese bekam er nicht; auch interessierte sich die Stasi, die Staatssicherheit, dafür, wieso er Besuch aus einem kapitalistischen Land bekommen sollte. Mit den Herren vom Staatssicherheitsdienst war nicht zu spaßen, und mein Vater hatte schon genug andere Probleme zu lösen.“

Der Besucher blättert ein wenig in den Alben, die voll sind mit kanadischen und australischen Briefmarken. Dann wendet er sich an seinen Gastgeber,

„Wie ging es weiter mit deinem Vater, zurück in der Heimat ?“

„Als Spezialist für Mähdrescher schickte man ihn in das von der Wehrmacht eroberte Frankreich. Die Kornfelder im Pariser Becken waren das ideale Testgelände für die neuesten Modelle aus der Mähdrescher – Produktion. Schneller und besser ernten, mehr Sicherheit für die Versorgung der deutschen Bevölkerung, Stabilisierung der Heimatfront, das waren die politischen Ziele.

Für Politik hatte sich mein Vater bisher nicht interessiert, alles Militärische war ihm höchst zuwider. Er stand der Nationalsozialistischen Bewegung nicht nur skeptisch, sondern ablehnend gegenüber, was auch ein Grund für ihn gewesen war, nach Kanada zu gehen. Im besetzten Frankreich wurde er mit den Realitäten des von den Nazis entfesselten Krieges konfrontiert. Er kam in Kontakt mit Menschen, die Opfer von Repressionen und Übergriffen auf die Zivilbevölkerung wurden. Konflikte mit Stabsstellen der Wehrmacht und lokalen SS – Einheiten, die ihm ein zu humanes Umgehen mit Einheimischen vorwarfen, eskalierten und führten dazu, dass er in die Heimat zurück beordert wurde. Dass ihm aus seinem Verhalten kein Strick gedreht wurde, hatte er vermutlich seinem ehemaligen Schullehrer zu verdanken, der bei den NS – Bonzen hohe Achtung genoss.“

„Wie das ?“, wieder hakt der Gast ein, „was weißt du über den Schullehrer deines Vaters ?“

„Dieser Lehrer war in seiner Jugend Kommunist gewesen. Zu Beginn seiner Ausbildung zum Lehrer legte er die proletarische Gesinnung ab. Anfang der Dreißigerjahre schloss sich dann den Nationalsozialisten an. Er baute die Ortsgruppe der NSDAP mit auf, und war in ihr sehr aktiv, absolvierte voller Begeisterung eine der Ordensburgen für den Führernachwuchs. Als Offizier der Wehrmacht geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und kam in ein Lager. Vom ersten Tag in Gefangenschaft an setzte er all sein Sinnen und Trachten daran, zu fliehen; in Gedanken ging er alle möglichen Varianten durch, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Er nutze jede Gelegenheit, die Umzäunung des Lagers auf Schwachstellen abzusuchen und die nächtlichen Gewohnheiten des Wachpersonals zu beobachten. Zusammen mit einem Kumpel gelang ihm in einer regnerischen Nacht die Flucht. Wochenlang flohen sie Richtung Westen, Richtung Heimat. Nur nachts konnten sie sich fortbewegen, tagsüber mussten sie sich in den Wäldern verstecken; zu groß war die Gefahr, entdeckt zu werden. Hilfsmittel zur Orientierung besaßen sie nicht, keinen Kompass, keine Karte. Sonnenstand und Sternbilder wiesen ihnen den Weg. Eiserner Wille und der unerschütterliche Vorsatz, niemals aufzugeben, trieben sie vorwärts. Mehrere hundert Kilometer hatten sie bereits geschafft, als Dorfbewohner sie in ihrem Versteck aufspürten und sie von herbei gerufenen Militärpolizisten festgenommen wurden. Bei der Festnahme kam es zu einem Handgemenge; der Kumpel wurde von den Polizisten erschossen. Wieder in Lagerhaft, musste der Lehrer  lange auf die Freiheit warten. Erst Anfang der Fünfzigerjahre brachte ihn der Transport ehemaliger Lagerinsassen nach Deutschland zurück.

Weder die Katastrophe des Krieges noch die Zerstörungen in der Heimat bewirkten bei diesem Lehrer eine Veränderung der politischen Ansichten. Er blieb ein überzeugter Nationalsozialist. Zweifel an Rechtschaffenheit und Großartigkeit des Führers kamen ihm nicht.

Um erneut in den Schuldienst zu gelangen, zog der Lehrer das kommunistische Gesinnungsmäntelchen wieder an. Er wurde ein strammer Diener der neuen Staatspartei und machte Karriere bis hin zum Kreisschulrat.

Mein Vater urteilte über die Naziherrschaft völlig anders. Für ihn waren die verübten Gräueltaten eine Schande für alle Deutschen. Seine Worte ‚Die Nazis, das war eine Bande von Verbrechern‘, habe ich noch im Ohr.“

Dem Erzähler ist es warm geworden. Er geht zum Fenster und öffnet es einen Spalt weit. Hastig atmet er die kühle Morgenluft ein. Er hält inne, als er in seinem Rücken die Stimme des Besuchers vernimmt,

„Es gibt so viel Unheimliches auf dieser Welt. Das Unheimlichste seid ihr Menschen.“

„Das ist nicht von dir“, er schließt das Fenster und setzt sich zurück an den Schreibtisch, „der Spruch ist aus der Antigone von Sophokles.“

Eine Weile schweigen sie sich an, dann räuspert sich der Besucher,

„Und dein Vater ? Wie erging es deinem Vater, als er den Einsatz in Frankreich beenden musste und in die Heimat zurück kam ?“

„Er bekam den Auftrag, auf einem großen Gut, hier in der Nähe, Praxiserprobungen verschiedener Mähdreschertypen durchführen. Da sein Vater ganz überraschend starb, kam ihm noch die Aufgabe zu, den Tante – Emma – Laden weiter zu führen. Es gelang ihm, beides zu managen.

Mit dem Ende des 2.Weltkrieges im Mai 1945 veränderten sich die Lebensumstände gravierend. Die Russen marschierten im Osten Deutschlands ein. Unter deren Schutz etablierten die Kommunisten ihr Herrschaftssystem nach sowjetischem Vorbild. Der Besitzer des Guts, auf dem die Erprobungen der Mähdrescher stattfanden, wurde enteignet und als angeblicher Kriegsverbrecher hingerichtet.

Das Ladengeschäft konnte mein Vater zunächst weiterführen, mit immensen Problemen und hohem persönlichen Einsatz Waren beschaffen und verkaufen, die Existenz der bald sich vergrößernden Familie sichern. Später übergab er das Geschäft einem Cousin und machte eine Werkstatt für Fahrräder auf. Das dafür notwendige handwerkliche Geschick hatte er sich an den Mähdreschern erworben.

Der roten Diktatur der Kommunisten in der DDR stand mein Vater genauso ablehnend gegenüber wie der braunen Diktatur der Nationalsozialisten. Er bekämpfte das System nicht, er war kein Dissident, aber er ging auf Abstand zu allen, die sich politisch für die sozialistische Gesellschaftsordnung engagierten. Daraus machte er uns Kindern gegenüber kein Hehl. Kritische Distanz zu halten, sich von der kommunistischen Propaganda nicht verführen zu lassen, das versuchte er zu vermitteln.

Meine Mutter hielt sich aus politischen Diskussionen heraus. Vor dem Krieg arbeitete sie im Büro einer Versicherung; nach dem Krieg begann sie bald, auf der Post zu arbeiten. Mit den Irrungen und Wirrungen des Politikbetriebs hatte sie bei der Versicherung genug zu tun gehabt. Davon hatte sie für alle Zeiten die Nase voll.“

„Du hattest vorhin von Kanada erzählt“, unterbricht ihn der Besucher, „ein Land, das für den Lebensweg deines Vaters eine große Rolle spielte. Gibt es noch irgendwelche Verbindungen dorthin ?“

„Nein, leider nicht. Geschäftlich war ich ein paar Mal in Montreal und in British Columbia; außer Flughäfen, Betrieben der Kunden und Hotels sah ich nichts weiter vom Land. Ich weiß auch gar nicht genau, wo die Farm war, auf der mein Vater und sein Kumpel arbeiteten.

Als Kind war mir Kanada in Gedanken nahe, wenn ich im Fernsehen die Weltmeisterschaften im Eishockey verfolgte oder die Eishockey – Mannschaften bei den olympischen Spielen um Medaillen kämpften.

Wenn Kanada gegen die Sowjetunion antrat, fieberte ich für die kanadische Mannschaft mit, sie sollte die Russen besiegen. Ganz selten war das der Fall, die russische Mannschaft dominierte viele Jahre lang den Rest der Welt, was mich unheimlich wurmte. Es war die Abneigung gegen die sowjetische Vorherrschaft, die vom Vater auf uns Kinder überging und uns das Leben lang nicht wieder verließ.“

„Du hast mir so viel erzählt von deinem Urgroßvater, deinem Vater und diesem Lehrer. Deine Großmutter und deren Geschwister haben wohl keinen Platz in deinen Erinnerungen, oder ?“

„Eine Menge schlimmer Geschichten müsste ich dir da erzählen, aber ich sehe, dass du aufbrichst.“

Der Besucher ist aufgestanden, er sieht den Erzähler scharf an,

„Ich kenne diese schlimmen Geschichten. Gibt es sie auch in deinem Leben ?“

„Wie kommst du darauf ?“, fragt der Erzähler, sichtbar unruhig geworden.

Der Besucher winkt ab,

„Lass jetzt. Denke darüber nach und gib mir die Antwort, wenn wir uns wieder sehen.“

Der Besucher geht schnell zur Wohnungstür und hinaus ins Freie. Der Erzähler macht keine Anstalten, ihm zu folgen. Er setzt sich zurück an den Schreibtisch, streicht liebevoll über die Album - Seiten mit den Kanada – Briefmarken und denkt nach. Er denkt an die Zeit, die ihm noch bleibt … und an die schlimmen Geschichten, nach denen ihn der Besucher gefragt hat. Er hat Tränen in den Augen. Eine kurze Zeit lang denkt er an Reue und Sühne, dann wischt er sich mit einer Hand über die Stirn, gleichsam um lästige Erinnerungen zu vertreiben.

Er klappt das Album zusammen, geht zum Kühlschrank und genehmigt sich den Obstler, den der Besucher ihm ausgeschlagen hatte. Die halbvolle Flasche nimmt er mit zum Sofa und trinkt sie mit hastigen Schlucken leer.

,Recht hat der Grönemeyer ‘, huscht es durch seinen Kopf, ‚Alkohol ist das Schiff, mit dem du untergehst‘.

Der Besucher überquert die Straße vor dem Haus und wendet sich nach links, Richtung Stadtzentrum. Nach ein paar Minuten verlangsamt er seinen Schritt,

zieht die Zettel aus der Jackentasche und liest im Gehen weiter.

2.Treppe

Ich bin zurück in Warschau. Das Geschäftsessen mit dem Kunden ist mit unbefriedigendem Ergebnis zu Ende gegangen; wir haben uns zu den Preisen nicht verständigen können. Befriedigung anderer Art will ich noch erzielen : ich werde mit Anjoschka vögeln.

Das Taxi bringt mich zum Hotel. Ich bemühe das Mobiltelefon und rufe den Escort – Service an, der mir vor vier Wochen Lisa brachte. Die schwarzhaarige Anjoschka war als Alternative dabei gewesen – und dieselbe will ich dieses Mal. Es ist kurz nach 23:00 Uhr, das Taxi braucht noch 20 Minuten, dann Einchecken, 2, 3 Wodka schnell an der Hotelbar, ins Zimmer, Koffer auspacken, Duschen, … ich bestelle Anjoschka für 1:00 Uhr.