A Coffee for Christmas - Ruby Jordan - E-Book

A Coffee for Christmas E-Book

Ruby Jordan

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

 Berührende Winterromance mit Tiefgang in Kanada – für Fans von Laurie Gilmores »Meet me in Autumn« und Tonia Krüger  Von Kaffeeduft, Zimtschnecken und neuen Träumen  »Verständnis leuchtete in Rose' ausdrucksstarken Augen auf und sie kaute auf ihrer Unterlippe. ›Ich dachte, du hättest diesen Tag vergessen.‹«  An einem kalten Wintertag in Vancouver trafen Rose und Simon als Kinder zum ersten Mal aufeinander und verstanden sich auf Anhieb. Doch Rose konnte nicht bleiben. Fast zwanzig Jahre später verschlägt es sie kurz vor Weihnachten erneut in die Stadt, wo sie verzweifelt nach einem Sponsor für ihr feministisches Magazin sucht. So stolpert sie zufällig wieder in Simons Leben, der nach einer traumatischen Verletzung im Café seines Onkels arbeitet. Rose und ihre chaotische doch liebenswerte Art bringen Simons Alltag, an den er sich gerade erst wieder gewöhnt, gehörig durcheinander. Doch vielleicht finden sie in diesem Chaos verpasster Träume mit ein wenig Winterzauber am Ende genau das, was sie am dringendsten brauchen ... 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher: www.piper.de

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »A Coffee for Christmas« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

Content Note: Diese Geschichte enthält Erwähnungen eines schweren Unfalls sowie Beschreibungen von Diskriminierung und Panikattacken inklusive Phantomschmerzen.

© Piper Verlag GmbH, München 2025

Redaktion: herzgestein Lektorat

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: © Alexa Kim »A&K Buchcover«

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com und Depositphotos.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

A Coffee Corner Playlist

Prolog

Simon

Rose

Kapitel 1

Rose

Kapitel 2

Simon

Kapitel 3

Rose

Kapitel 4

Simon

Kapitel 5

Rose

Simon

Kapitel 6

Rose

Kapitel 7

Simon

Kapitel 8

Rose

Kapitel 9

Simon

Kapitel 10

Rose

Kapitel 11

Simon

Kapitel 12

Simon

Kapitel 13

Rose

Kapitel 14

Rose

Kapitel 15

Simon

Kapitel 16

Rose

Kapitel 17

Simon

Kapitel 18

Rose

Kapitel 19

Rose

Kapitel 20

Simon

Kapitel 21

Rose

Kapitel 22

Simon

Kapitel 23

Rose

Kapitel 24

Simon

Kapitel 25

Rose

Kapitel 26

Simon

Kapitel 27

Rose

Kapitel 28

Simon

Kapitel 29

Rose

Epilog

Simon

Rose

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Widmung

Für unsere pelzigen SchreibbegleiterDexi & Sammy (✝)

A Coffee Corner Playlist

Just Like Christmas – Low

Frosty The Snowman – Michael Bublé & The Puppini Sisters

The Christmas Song – The Ravonettes

One I’ve Been Missing – Little Mix

It’s Beginning To Look A Lot Like Christmas – Bing Crosby

Christmas Is Going To The Dogs – Eels

Remember To Remember Me – Isak Danielson

Stop The Cavalry – Jona Lewie

Maybe This Christmas – Ron Sexsmith

Santa Baby – Ariana Grande & Liz Gillies

Bring The Snow – Sam Palladio

This Time Of The Year – Snow Dept. feat. Jesper Pettersson

The Smallest Man Who Ever Lived – Taylor Swift

Step Into Christmas – Elton John

Angels From The Realms Of Glory – Beth Hart

One More Sleep – Leona Lewis

Driving Home For Christmas – Chris Rea

Lover – Taylor Swift & Shawn Mendes

Prolog

Simon

Fünf Tage bis Weihnachten, neunzehn Jahre zuvor

»Das ist das zweite Mal diesen Monat!«

Stöhnend verdrehte Simon die Augen. »Na und? Ich bin sowieso grottenschlecht. Da machen ein paar Verweise keinen Unterschied.« Sobald die Worte seinen Mund verlassen hatten, wollte Simon sie schon wieder zurücknehmen. Es gefiel Onkel John überhaupt nicht, wenn er so sprach. Selbst wenn es die Wahrheit war.

»Simon Joseph Weathers«, polterte er und richtete sich zu seiner vollen und mit ein Meter fünfundneunzig eindrucksvollen Größe auf. Simon würde niemals zugeben, wie sehr ihn das selbst mit fünfzehn Jahren noch einschüchterte. »Nimm nicht immer alles so auf die leichte Schulter! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ein schlechter Abschluss besser ist als keiner? Und wenn du dich ein bisschen mehr anstrengen würdest, Junge, könntest du …«

Den Rest von Onkel Johns Predigt blendete Simon aus. Inzwischen konnte er sie eh auswendig. Er müsse sich bloß etwas mehr konzentrieren, würde John sagen, ein bisschen mehr lernen, dann könne er seine schlechten Noten mit Leichtigkeit verbessern. Schlau wäre er schließlich und solle deshalb endlich aufhören, so ein Sturkopf zu sein und sich auf den Hosenboden setzen.

Bla, bla, bla.

Simon hatte das alles schon dutzendmal gehört, und sosehr er Onkel John mochte, in diesem Punkt war er wie alle anderen. Denn Simon strengte sich an, bloß machte das am Ende keinen Unterschied. Egal, wie verbissen er versuchte, seinen Schnitt zu verbessern, er schaffte es nicht. Sich auf die Schule zu konzentrieren, seine Aufmerksamkeit so lange am Stück zu bündeln, war nicht nur die reinste Folter für ihn, es war ihm sogar unmöglich.

Allerdings glaubte ihm das leider niemand. Alle dachten, Simon wäre einfach faul und er war es inzwischen leid, sie zu korrigieren. Sollten sie von ihm halten, was sie wollten.

Immerhin wurde Onkel John nie so böse wie Mom, wenn das Thema Schule aufkam. Der Gedanke daran verschlechterte Simons miese Stimmung noch weiter. Wenn seine Mom von dem Verweis erfuhr, würde sie ausflippen.

Ein tiefer Seufzer holte Simon in die Gegenwart zurück, in das kleine Café, das Onkel John gehörte und das eine Art Zufluchtsort für Simon und seinen kleinen Bruder Tommy geworden war.

»Was genau ist da heute passiert, Simon? Warum hast du diesen anderen Jungen geschlagen?«, fragte Onkel John und Simon stellte erleichtert fest, dass der Ärger aus seiner Stimme wich. Das war einer der Gründe, warum Simon gern Zeit mit dem alten Mann verbrachte. Im Gegensatz zu ziemlich jedem anderen Erwachsenen in Simons Leben kümmerte es Onkel John, was mit ihm geschah. Dabei waren sie nicht einmal wirklich verwandt. »Simon?«, drängte John, die Arme vor der Brust verschränkt, und Simon stöhnte auf. Es hatte keinen Sinn, das Ganze weiter hinauszuzögern.

»Luke Sanders hat Tommys Leinwand kaputt gemacht.«

Onkel Johns Miene verdüsterte sich. »Sein Kunstprojekt? Für den Wettbewerb?«

Simon nickte stumm und trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tresen. So schwer die Schule für Simon war, so leicht fiel sie seinem kleinen Bruder. Besonders der Kunstunterricht hatte es Tommy angetan. Er hatte echtes Talent und sein Kunstlehrer hatte ihn ermutigt, an einem Wettbewerb teilzunehmen, damit er ein Stipendium gewinnen und auf eine richtige Kunstschule gehen konnte. Und nun hatte dieser Mistkerl Luke alles zerstört. Allein der Gedanke daran reichte aus, dass sich Simons Hände zu Fäusten ballten. Irgendjemand hatte Luke eine Lektion erteilen müssen, und obwohl Tommy im Gegensatz zu Simon einen großen Freundeskreis hatte, war keiner der Jungen stark genug, um es mit Luke aufzunehmen. Simon schon. Außerdem sah er es als seine brüderliche Pflicht an.

»Dieser verfluchte Bengel!« Onkel John schimpfte laut und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. »Damit ist er eindeutig zu weit gegangen!«

Simon hob die Augenbrauen. Luke hatte so etwas schon öfter getan. Aus irgendeinem Grund hatte er es auf Tommy abgesehen, aber so wütend wie jetzt hatte Simon Onkel John deswegen noch nicht gesehen. Überhaupt hatte er seinen Onkel nur einmal zuvor so aufgebracht erlebt. Schnell versuchte Simon, diese Erinnerungen abzuschütteln.

»Deshalb habe ich ihn ja geschlagen«, murrte er und Onkel John hob drohend den Zeigefinger.

»Egal, was dein Großvater immer gesagt hat, Gewalt ist niemals die Lösung, Junge. Du hättest mich anrufen sollen.« Dann drehte er sich abrupt zu Kendra um, seiner einzigen Angestellten, die am anderen Ende des Tresens damit beschäftigt war, die Kuchenauslage aufzufüllen. »Ich muss für eine Weile weg, Kendra. Kannst du auf alles aufpassen?«

Kendra richtete sich auf und blies sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie war ungefähr so alt wie Mom, und Simon überragte sie bereits um einige Zentimeter. Nicht, dass sie das weniger einschüchternd machte. Niemand legte sich mit Kendra an, wenn er wusste, was gut für ihn war.

»Klar. Zum Mittagsansturm sind es ja noch ein paar Stunden hin, und selbst wenn es voll wird, dann warten die Leute eben. Geh du mal und mach diesem Luke so richtig Feuer unter dem Hintern, ja?«

Onkel John verdrehte die Augen. Kendra grinste nur und versuchte nicht einmal, so zu tun, als hätte sie nicht gelauscht. Simon lachte. Bis sich John erneut zu ihm umdrehte. Der ernste Ausdruck auf seinem wettergegerbten Gesicht vertrieb schnell wieder jegliche Leichtigkeit. »Und du machst deine verdammten Hausaufgaben! Wenn ich zurück bin, will ich dich arbeiten sehen, Si.«

Er hat mich bei meinem Spitznamen genannt, dachte Simon, das war immerhin ein gutes Zeichen. Er nickte. »Ja, Sir.«

»Gut.« Damit wandte sich Onkel John ab, griff nach seinen Autoschlüsseln und verschwand aus der Tür. Für einen Moment starrte Simon ihm hinterher. Es erstaunte ihn jedes Mal, wie entschlossen John für ihn und Tommy Partei ergriff. Das tat sonst keiner. Mom war immer zu beschäftigt, um sich groß um sie zu kümmern. Simon nahm ihr das nicht übel, jedenfalls nicht sehr. Allein für zwei Jungs zu sorgen, war sicher nicht einfach.

»Deine Hausaufgaben machen sich nicht von allein, Kleiner«, flötete Kendra und Simon stöhnte erneut, was ihr ein Lachen entlockte. Er wusste, Widerstand war zwecklos, auch wenn sich alles in ihm vor Anspannung zusammenzog, wenn er nur an den Berg Hausaufgaben dachte, den er vor sich hatte. Dennoch zog er seinen Rucksack zu sich heran, kramte seine Bücher hervor und machte sich an die Arbeit.

Zumindest versuchte er es.

Rose

Rose stieß ein gedehntes Stöhnen aus und schmiss die Fernbedienung vor sich auf das Doppelbett, nachdem sie gerade den dritten Disney-Film des heutigen Tages beendet hatte. Es war nicht so, dass sie keine Disney-Filme über Prinzessinnen und ihre süßen Tierbegleiter mochte, doch bereits seit gestern Mittag war der Flachbildschirm die einzige Unterhaltung in dem sonst so trostlosen, viel zu großen Hotelzimmer, das sie sich mit ihrem Vater teilte. Die meiste Zeit behandelte ihr Dad sie sogar selbst wie eine Prinzessin und schlug ihr keinen Wunsch aus.

Wenn er dann mal da war.

Und das war der entscheidende Punkt: Wenn er dann mal da war! Ihr Vater war Leiter eines, wie er sagte, riesengroßen Medienunternehmens, das seine gesamte Aufmerksamkeit forderte. Bis in die Nacht hinein tippte er auf seinem Handy herum oder saß vor seinem Laptop, weshalb sie häufig erst spät einschlafen konnte. Sie hatte ihn schon mehrmals darum gebeten, sie während seiner Geschäftsreisen mit einer Nanny zu Hause zu lassen, was er ihr jedes Mal verwehrte.

»Ich möchte dich einfach gern bei mir haben, Süße«, antwortete er dann und mittlerweile hatte Rose die zahlreichen Versuche aufgegeben. Was bedeutete, dass sie nun erneut in einem Hotelzimmer wie diesem festsaß und sich die Zeit vertreiben musste, bis eines der unzähligen Meetings ihres Vaters endete. Sie hatte keine Ahnung, wann das sein würde.

Auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung begann Rose, im Zimmer hin und her zu wandern. Sie könnte noch ein wenig in ihrem Buch lesen oder Hausaufgaben machen, die ihre Privatlehrerin ihr mitgegeben hatte, doch sie war von beidem wenig begeistert. Während sie an das Fenster herantrat, beobachtete sie mit sich vor Überraschung weitenden Augen, wie langsam zarte Schneeflocken auf den Asphalt von Vancouvers Straßen fielen. »Wow!«, flüsterte sie in die Stille des Hotelzimmers hinein. In den letzten Jahren waren Rose und ihr Vater oft zur Weihnachtszeit verreist, weshalb sie kaum etwas vom kanadischen Winter mitbekommen hatte. »Schnee kurz vor Weihnachten …« Sie konnte sich kaum sattsehen.

Daraufhin fasste sie einen Entschluss, den ihr Vater später sicherlich mit einer Standpauke belohnen würde. Doch sie war es leid, in diesem Hotelzimmer herumzusitzen. Sie wollte die Schneeflocken mit ihrer Zunge fangen, die weihnachtlich beleuchteten Straßen entlangschlendern und sich Zuckerwatte an einem Stand des Weihnachtsmarktes um die Ecke kaufen. Am liebsten hätte sie es mit Dad zusammen getan, doch da dieser beschäftigt war, würde sie eben allein losziehen.

Rose zog sich ihre rosafarbene Winterjacke, Mütze und Handschuhe über, wobei ein schelmisches Grinsen auf ihren Lippen wuchs. Vorfreude packte sie, unbändige Vorfreude darüber, endlich aus diesem Hotelzimmer herauszukommen und etwas Weihnachtsstimmung zu erleben. Heiligabend war schließlich bereits in wenigen Tagen.

Kurz nachdem Rose die Schlüsselkarte des Hotelzimmers sicher in der Innentasche ihrer Winterjacke verstaut hatte, und mal laufend, mal springend die Treppen des Hotels nach unten nahm, spürte sie auch schon die ersten Schneeflocken auf ihrem Gesicht. Eine davon fing sie mit der Zungenspitze auf, wie sie es sich vorgenommen hatte.

»Noch besser, als ich es mir vorgestellt habe«, murmelte sie und drehte sich vor Freude einmal im Kreis. Keiner der vorbeigehenden Menschen nahm von ihr Notiz, und so beschloss Rose, den leuchtenden Sternen und Lichterketten an Häusern und Straßenlaternen zu folgen, bis sie auf einen Zuckerwattestand stoßen würde oder schlicht keine Lust mehr hatte. Letzteres konnte sie sich kaum vorstellen, denn sie liebte Weihnachten und wenn es nach ihr ging, würde sie die Vorweihnachtszeit viel ausgiebiger genießen, als es zurzeit möglich war.

Als die Kälte auf ihren Wangen sanft zu stechen begann, lief sie los und blieb immer wieder vor geschmückten Schaufenstern von Kaufhausketten oder Einzelhändlern stehen, die sie nicht kannte. Ihre Neugier sprudelte förmlich über, sodass sie am liebsten überall hineingegangen wäre. Letztendlich schlenderte sie immer weiter, denn ohne ihren Dad konnte sie sich all die schönen Dinge ja nicht kaufen – Rose war sich nicht einmal sicher, ob sie dieses Jahr einen Weihnachtsbaum haben würden. Im letzten Jahr war ihr Vater zu sehr im Stress gewesen, das Jahr davor hatte er sich noch die Zeit genommen und mit ihr zusammen einen Baum ausgesucht, sogar während sie auf Reisen waren. Die Chancen standen also fünfzig-fünfzig. Rose hoffte auf einen Weihnachtsabend mit Baum. Es erinnerte sie vage an ihre Mutter, die früher mit ihr zusammen den Baumschmuck angebracht hatte. In ihren Gedanken waren davon nur noch Schemen übrig, als würde man durch Milchglas sehen, und etwas in ihrer Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Sie wünschte, sie könnte sich besser an ihre Mutter erinnern.

Rose atmete durch und steuerte auf die Bank in der Nähe eines Lokalfensters zu, hinter dem Leute an runden Tischen saßen. Noch immer fielen Schneeflocken vom Himmel und ein Mann spielte ein paar Meter weiter auf einer Gitarre ein Weihnachtslied. Sie nahm an, dass es Last Christmas war, war sich jedoch nicht sicher.

»Es ist perfekt. Ich wünschte, du könntest es sehen und hören, Mum«, murmelte sie, nachdem sie dem Straßenmusiker eine ganze Zeit lang zugehört hatte. Wie lange, wusste sie nicht so genau.

»Was hast du gesagt?«

Rose fuhr erschrocken zusammen und blickte in die großen kakaobraunen Augen eines Jungen, die ihr auf Anhieb Lust auf eine heiße Schokolade machten, und der mindestens einen Kopf größer war als sie. Er schob sich direkt in ihr Sichtfeld und ging nun leicht in die Hocke.

»Ach, nichts«, stotterte sie zunächst und verschränkte verlegen ihre Finger ineinander. »Ich habe mit mir selbst gesprochen.«

Der Junge vor ihr nickte und strich sich die dunkelblonden Haare aus der Stirn. »Verstehe. Und ist alles okay? Du sitzt bereits seit einer halben Stunde allein hier draußen herum.«

Nervös schnappte Rose nach der kalten Winterluft und sah auf ihre Armbanduhr mit grünem Lederband. »Oh!«

»Oh, genau«, bestätigte der Junge und grinste. »Ist dir nicht langsam kalt?«, fragte er sie dann und das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht.

»Ehrlich gesagt, schon etwas. Und ich muss auch zum Hotel zurück.« Rose blickte unschlüssig die Straße hinunter. »Wenn ich wüsste, wie ich dorthin zurückkomme.«

»In welchem Hotel bist du?«

»Im Wedgewood.« Rose legte die Stirn in Falten. »Ich bin aus dieser Richtung gekommen.« Sie deutete nach rechts und der Junge an ihrer Seite wandte sich in dieselbe Richtung.

»Ich kenne den Weg dahin. Soll ich dich begleiten?«

Rose überlegte sich sein Angebot, wog das Risiko ab, denn ihr Vater hatte ihr eingetrichtert, nicht mit fremden Leuten mitzugehen. Doch dieser Junge wirkte so … harmlos. Trotz seiner Größe. Und seine großen braunen Augen blickten freundlich und waren voller Wärme. Rose mochte ihn auf Anhieb. Also entschied sie sich, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen. »Das wäre nett. Kommst du hier aus Vancouver?«

»Ja, meinem Onkel gehört das Café hinter dir.«

Rose drehte sich um und beobachtete das Geschehen hinter dem Fenster, in dessen rechter Ecke ein großer leuchtender Weihnachtsbaum stand. Dampfende Becher und Teller mit Kuchenstücken wurden serviert, Menschen unterhielten sich oder betrachteten die Speisekarte. Jetzt, wo sie sich darauf konzentrierte, konnte Rose auch den Duft nach Plätzchen und allerlei Süßem ausmachen. »Es sieht gemütlich da drinnen aus. Wie heißt du eigentlich?«

»Simon. Und du?«

»Ich bin Rosalyn.«

Simon grinste erneut. »Also gut, Rosalyn, dann bringen wir dich mal zurück ins Hotel.«

Kapitel 1

Rose

Dreißig Tage bis Weihnachten

Mehrere Telefone klingelten gleichzeitig, ein Drucker ratterte in einer der hinteren Ecken und das Zischen der überteuerten Kaffeemaschine, die ein Muss für ihr erstes eigenes Großraumbüro gewesen war, erklang in ihrem Rücken.

Rose brauchte einen Kaffee. Am besten sofort. Glücklicherweise war die Maschine fast fertig und sie griff wie eine Ertrinkende nach dem dampfenden Becher.

Während die rettende Flüssigkeit wohltuend über ihre Zunge floss, ließ sie den Blick durch den Raum hinter der Glasscheibe schweifen, die sie vom Rest der Redaktion trennte. Die meisten ihrer Angestellten arbeiteten auf Hochtouren und unterhielten sich teilweise laut über die Schreibtische hinweg miteinander. Das Büro war offen gestaltet und lud mit hellen Farben, vielen Pflanzen und nur wenigen Ruhebereichen zum Miteinander ein. Ein Vorsatz, der gut funktionierte, und Rose war stolz darauf, doch heute konnte selbst dieses Gefühl der Genugtuung sie nicht aufheitern.

Dieser Tag war ein absolutes Desaster, dabei war es gerade mal elf Uhr morgens. Ihr Handy lag stumm in ihrer Manteltasche; ihr überquellendes Mailpostfach war stressig genug. Sie hoffte inständig, ihr Vater würde so schnell nichts von alldem hier mitbekommen. Ansonsten könnte sie sich wie immer auf eine Welle von Ratschlägen und Vorhaltungen gefasst machen. Und das konnte sie heute nicht verkraften.

Rose fuhr sich genervt durch das schulterlange Haar und griff nach einem Zopfgummi in ihrer offenen Handtasche neben sich. Die Haare mussten aus ihrem Gesicht verschwinden, denn sie benötigte einen kühlen Kopf zum Nachdenken und keine Strähne, die sie dabei kitzelte und nervte.

Nachdem sie sich einen Zopf gebunden und die gläserne Bürotür hinter sich geschlossen hatte, atmete sie mehrmals tief durch, den Kaffeebecher erneut in ihren Händen. Sie brauchte einen Plan, und zwar sofort. Noch besser wäre es bereits vor einer Stunde gewesen, doch nun war das berüchtigte Kind in den Brunnen gefallen und zum ersten Mal seit Gründung ihres eigenen Magazins FemJam musste sie beweisen, was sie als Chefin wirklich taugte. Und sie wollte dieses Problem allein lösen, obwohl es eigentlich sogar zwei Probleme waren. Vor einer Stunde hatte die Druckerei Bescheid gegeben, dass einer ihrer Plotter über Nacht ausgefallen war und sich die Charge ihres Dezember-Magazins somit verspäten würde – was in ihrer Branche einer mittelschweren Katastrophe gleichkam. Und zu allem Überfluss saßen ihr die freien Redakteure, Models und Journalistinnen und Journalisten im Nacken, die bezahlt werden wollten. Ganz zu schweigen von ihren Festangestellten.

Der Anruf, der das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht hatte, war allerdings erst vor einer Stunde eingetroffen. Rose konnte es noch immer kaum fassen, gleichzeitig brodelte es in ihrem Magen wild vor aufgestautem Zorn. Am meisten missfiel ihr die Genugtuung, die zentimeterdick und triefend in jedem von Cormiers Worten mitgeschwungen hatte.

»Ms Clarke, die inhaltliche Ausrichtung ihres Magazins hat sich im letzten halben Jahr zu stark verändert. Sie passt nicht mehr in das Repertoire von Magazinen und Verlegerinnen, die ich sonst regulär unterstütze. Ich ziehe mich deshalb zunächst aus ihrem Geschäft zurück. Das heißt, ab nächster Woche, dem ersten Dezember.«

Mit anderen Worten: Liebe Ms Clarke, ich ziehe mein Investment ab sofort zurück, da mir Ihr Magazin zu progressiv geworden ist. Wie Sie so kurzfristig Ihre ausstehenden Rechnungen bezahlen, ist mir egal.

Rose hätte es im Grunde vom ersten Tag an wissen müssen, denn Alexander Cormier war in der Branche sonst nicht gerade dafür bekannt, ein großer Verfechter von Feminismus und Diversität zu sein, noch dafür, Magazine oder Bücher zu ebendiesen Themen selbst zu verlegen. Über sein großartiges Angebot hatte sie sich allerdings damals nicht beklagt, was im Nachhinein mehr als naiv gewesen war. Sein Ausstieg kurz vor der Weihnachtsausgabe, die mit Goldfolierung und Extraheft besonders kostspielig war, brachte Rose und ihr junges Team in ernst zu nehmende finanzielle Schwierigkeiten.

Sie stützte die Arme auf ihren Schreibtisch und rieb sich die Schläfen. Ein leichter Schweißfilm lag auf ihrer Stirn und das Deckenlicht blendete sie massiv.

Ich benötige einen Investor, der wahrhaftig zu FemJam passt und ebenfalls feministische Entwicklungen unterstützt. Am besten eine weibliche Sponsorin …

»Ich habe eine Idee, die unsere Probleme auf einen Schlag lösen könnte!« Theo DeLacorte, der Chefredakteur ihres Magazin-Babys und Rose’ bester Freund seit Collegezeiten, riss schwungvoll die Tür zu Rose’ Büro auf und stand mit einem weiteren großen Schritt direkt vor ihrem Schreibtisch. Selbstverständlich hatte er wie immer nicht zuvor geklopft. Sie ließ die Hände sinken und sah blinzelnd zu ihm auf. Weiße Flecken tanzten dabei vor ihren Augen. Wahrscheinlich sollte sie die Glühbirnen in diesem Deckenlicht gegen eine wärmere Variante austauschen.

»Pst, nicht so laut, Theo! Das muss erst mal unter uns bleiben.« Rose hatte ihrem Freund und Geschäftspartner vor einer halben Stunde die unheilvolle Nachricht zum Absprung ihres Hauptinvestors verkündet, woraufhin die Rädchen in seinem Kopf offenbar unablässig gearbeitet hatten. Was typisch für ihn war. Die meiste Zeit seines Lebens war Theo ein Workaholic, der nicht gleich die Flinte ins Korn warf und immer für sie da war. Auch in dieser Situation ließ er sie nicht im Stich.

Viel zu motiviert schloss er die Tür und zog sich einen Stuhl an den Tisch heran. »Ich habe einen Plan, Rosy.«

»Okay, und welchen?« Sie runzelte die Stirn.

»Über einen befreundeten Journalisten konnte ich herausfinden, dass die Turcotte-Schwestern ab übermorgen in Vancouver sein werden.«

Rose setzte sich auf und war mit einem Mal hellwach. Noch hellwacher, als sie es nach ihrem Kaffee ohnehin schon war. »Die Turcotte-Schwestern? Wirklich?«

»Jap, genau die.« Ein selbstgefälliges Lächeln huschte über sein Gesicht, das sie nur nicht mit einem Schnauben kommentierte, weil sie ihn über die Maßen gern hatte. »Ich habe Davies kontaktiert und er führt in den nächsten Tagen ein Interview mit den Schwestern. Er kennt die Managerin der beiden sehr gut und hat mir versichert, dass er versucht, ein Gespräch mit dir zu arrangieren. Dein Flug von Toronto nach Vancouver geht morgen früh um neun Uhr.«

Rose konnte ein Aufjauchzen nicht unterdrücken und schlug die Hände vor den Mund. Die Turcotte-Schwestern mit ihrem eigenen Modelabel, das für diverse Körperformen und Models jeglichen Alters stand, waren der Sechser im Lotto, den sie so dringend benötigte. Die Schwestern sprachen von sich in den Medien freiheraus als Feministinnen und ihr Label war in der Vergangenheit sogar schon als revolutionär bezeichnet worden. Es war bekannt, dass sie selektiv begonnen hatten, in junge Unternehmerinnen zu investieren, was Rose’ Chance sein würde. Sie sprang von ihrem Schreibtischstuhl auf. »Du bist der Beste, Theo! Was hätte ich ohne dich in diesem Schlamassel getan?« Rose ging auf ihren Freund zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Dir wäre sicherlich auch etwas eingefallen, ich war lediglich ein klein wenig schneller.« Er deutete einen geringen Abstand mit seinem Daumen und Zeigefinger in der Luft an, woraufhin er ihr ebenfalls einen Kuss auf die Wange pflanzte. Seine Hand verharrte dabei unterhalb ihres Rückens.

»Angeber!«, schalt sie ihn und verpasste ihm einen Klaps auf den Oberarm.

»Ein Angeber mit guten Ideen und den noch besseren Verbindungen, meinst du?«

»Deshalb habe ich dich eingestellt, und jetzt raus hier. Ich muss mich auf das Gespräch vorbereiten, ein Dutzend Mails beantworten und mich um diese Unzuverlässigkeit von einer Druckerei kümmern.« Rose deutete mit einem Grinsen zur Tür.

»Du bist der Traum einer Chefin, du schaffst das schon alles.«

»Höre ich da einen gewissen ironischen Unterton?«

Theo hob abwehrend die Hände, als er die Tür des Büros hinter sich schloss.

***

Theo

Hast du deine Arbeitsmappe undPräsentation dabei?

Theos Nachricht erschien ganz oben auf dem Display von Rose’ Telefon, nachdem sie gerade mit dem Koffer in der einen und dem Handy in der anderen Hand den Flugmodus deaktiviert hatte. Ihre Nacht war schlaflos gewesen und heute Morgen hatte sie in der Eile fast ihren Laptop vergessen.

Rose

Alles dabei, mach dir keine Gedanken,Mom. 😊

Theos Antwort kam prompt, woraus sie schloss, dass er ebenso aufgeregt war wie sie selbst. Außerdem war er ein kleiner Kontrollfreak, was er sich selbst nie eingestehen würde.

Theo

Vermassel es nicht, Boss. 😉 Ich halte dich mit weiteren Details bezüglich desTreffens auf dem Laufenden und melde mich sofort, sobald Davies mir Datum und Uhrzeit zusendet.

Ein Lächeln schob sich auf ihre Lippen, das sogleich von einem Gähnen abgelöst wurde. Sie könnte jetzt ein Mittagsschläfchen vertragen, genau wie etwas zu essen, wobei Letzteres noch warten konnte. Zuerst musste sie dieses Terminal verlassen und einen Mietwagen finden.

Die Mietwagensuche lief glücklicherweise zügig ab, was der zähe Verkehr jedoch wieder ausglich. Mit einem Seufzen ließ sie sich deshalb bald darauf in die Kissen des Doppelbetts fallen, nachdem sie heil in der Tiefgarage ihres Hotels geparkt und das Einchecken hinter sich gebracht hatte. Ein Stöhnen entfuhr ihr und sie schmiss die Schuhe einfach neben sich. Der Stress dieser Welt durfte erneut in ein bis zwei Stunden über sie hereinbrechen.

Doch als Rose unbeabsichtigt drei Stunden später wieder erwachte – sie hatte den Wecker ihres Telefons überhört, was sonst so gut wie nie vorkam –, war da noch keine neue Nachricht von Theo, mit der sie fest gerechnet hatte. Unruhig ging sie in ihrem Hotelzimmer auf und ab.

Gibt’s schon was Neues?, fragte sie ihn schließlich, als sie es nicht mehr aushielt. Dankbarerweise antwortete er fast augenblicklich.

Theo

Nein, noch nicht, aber mach dir keineGedanken. Die Turcottes sind wohlmindestens 5 Tage geschäftlich in derStadt. Kann ich sonst irgendetwas für dich tun?

Rose

Ja, am besten dich hier herschaffen. Ich bin so überaus schlecht im Warten und Geduldig-Sein.

Theo

Ich weiß. 😉 Und ich wäre jetzt viel lieberbei dir. Dieses Großraumbüro ist ganzschön miefig, weißt du?

Rose schickte ihm ein Herz und den grinsenden Pile-of-Poo-Emoji hinterher, bis sich ihr Magen erneut zu Wort meldete. Ihr Zeichen, das Handy beiseitezulegen und sich im Bad frisch zu machen, damit sie sich endlich ein Abendessen besorgen konnte.

Als sie die schweren Gardinen des Hotelzimmers öffnete und sich die atemberaubende Skyline von Vancouver mit ihren Gebirgshügeln in der Ferne vor ihr erstreckte, kamen Erinnerungsfetzen in ihr hoch, die sie abermals kurz von ihrem Vorhaben ablenkten. Sie war schon einmal in Vancouver gewesen, ebenfalls in einem riesigen Hotelzimmer wie diesem, ihr Vater auf irgendwelchen Meetings. Da war sie zehn oder elf Jahre alt gewesen … Und ihre Gedanken schweiften zu einem Jungen mit braunen Augen, der sie im Schneegestöber zurück zum Hotel begleitet hatte. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Sie hatte diesen Jungen nie wiedergesehen, doch sie hatte ihn sehr gemocht.

Rose ließ die Vorhänge los und machte sich zu Fuß auf den Weg in den Trubel und Lärm der Großstadt hinein. Es war mittlerweile fast sechs Uhr abends und die ersten Lichter der städtischen Weihnachtsbeleuchtung flammten nacheinander auf. Gerade rechtzeitig, dachte Rose und ließ sich für einige Straßen von der Masse treiben. Sie hatte kein bestimmtes Ziel und sich nicht vorab erkundigt, wo man in der Nähe des Hotels gut essen konnte. Sie wollte vielmehr den Zufall entscheiden lassen und dabei die Weihnachtsstimmung genießen, die sonst in ihrem hektischen Alltag viel zu häufig unterging. Trotzdem, oder gerade deswegen, hatte Weihnachten noch immer einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen, was wohl auch der Grund war, wieso die Weihnachtsausgabe von FemJam dieses Jahr so exklusiv ausfiel. Sie sehnte sich zu dieser Zeit im Jahr mehr als sonst nach Ruhe, einem Haufen süßem Gebäck und Songs von Michael Bublé in Dauerschleife. Und nach einem Gingerbread Latte, der jetzt geradezu himmlisch wäre.

Rose bog in eine kleine Einkaufsstraße ein, die ihr vage vertraut erschien. Sie glaubte, als Kind schon einmal hier gewesen zu sein. Während sie die Straße weiter hinabschlenderte, musste sie nach einer Weile feststellen, dass sie heute eine Vielzahl der Geschäfte nicht mehr wiedererkannte, und sie meinte bereits, sich geirrt zu haben. Obwohl … Rose hielt inne und vergrub die Hände in ihren Manteltaschen. Ihr Blick fiel auf eine Holzbank vor einer breiten Fensterfront, an der Schneeflocken und Schneemänner aus Pappe hingen. Diese Bank und das Café dahinter schienen ihr wiederum sehr vertraut, doch sie war sich noch immer nicht hundertprozentig sicher.

»John’s Coffee Corner«, murmelte sie und entschied sich, hineinzugehen. Die Neugier und ihr Kaffeedurst waren mittlerweile groß und vielleicht würde sie drinnen ja sogar etwas zu essen bekommen. Ihrem Erinnerungsvermögen half das sicherlich ebenso auf die Sprünge. Zwar wünschte sich ein irrationaler Teil ihres Herzens, den Jungen von damals noch einmal zu sehen, so unwahrscheinlich das auch war. Doch er war nichts als eine ferne Erinnerung, die sie heute nicht mehr ganz loslassen konnte.

Kapitel 2

Simon

Neunundzwanzig Tage bis Weihnachten

Das Café war brechend voll. Schon den gesamten Vormittag über blieb kein einziger Tisch für mehr als ein paar Minuten am Stück unbesetzt, und das stellte Simon vor eine gewaltige Herausforderung. Es war das erste Mal in den sechs Monaten, in denen er wieder für John arbeitete, dass er zur Rushhour eingeteilt war. Der Lärm und der Anblick von etlichen sich bewegenden Körpern um ihn herum machten Simon nervös. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er im Geiste verschiedene Wege abging, um im Notfall aus dem Café zu entkommen, und er vermied es, der vielen Kundschaft den Rücken zu kehren.

Es war absolut lächerlich. Und doch zuckte Simon zusammen und ließ beinahe den Cappuccino fallen, den er gerade vorbereitete, als ein Mann etwas zu laut lachte. Seine Finger zitterten und sein Herz schlug ihm bis zum Hals, während er der Kundin ihren Kaffee reichte und ihr Geld entgegennahm.

Er atmete tief durch, um seine angespannten Nerven unter Kontrolle zu bekommen und die Erinnerungen in Schach zu halten, die seit seiner Entlassung aus der Navy wie bösartige Schatten in seinem Kopf lauerten. Gerade als er sich einigermaßen beruhigt hatte, klingelte das Telefon und ließ ihn erneut zusammenzucken. Kendra, die heute mit ihm hinter dem Tresen stand, schnappte sich den Hörer, nahm den Anruf allerdings noch nicht entgegen. Stattdessen wandte sie sich an Simon.

»Warum machst du nicht gleich deine Pause, Si? Ich komm hier draußen allein klar«, sagte sie und in ihren blauen Augen spiegelte sich Besorgnis. Simon biss die Zähne zusammen. Er hasste es, wie sie ihn ansah, hasste, wie schwach er war und wie ihn die alltäglichsten Dinge noch aus dem Gleichgewicht brachten. Am meisten hasste er, dass Kendra recht hatte. Er brauchte eine Pause. Also zwang er sich zu einem Nicken und die Erleichterung war Kendra deutlich anzusehen, als ihre Schultern sich entspannten und sie den Anruf endlich entgegennahm.

Der bittere Geschmack von Schuld und Wut legte sich auf Simons Zunge, dick und schwer, doch er schluckte die Gefühle herunter. Es war nicht Kendras Schuld, dass er sich noch nicht wieder vollständig an das zivile Leben gewöhnt hatte. Sie wollte lediglich helfen. Er durfte seine Frustration nicht an ihr auslassen.

Ruckartig wandte sich Simon stattdessen dem nächsten Kunden zu, wobei seine Bewegung etwas unkontrollierter ausfiel als beabsichtigt, und ein dumpfer Schmerz fuhr in seinen rechten Oberschenkel. Er ignorierte ihn.

»Willkommen in John’s Coffee Corner. Wie kann ich Ihnen helfen?«, begrüßte er den jungen Mann, der vor dem Tresen wartete, und verlagerte dabei unauffällig sein Gewicht auf das gesunde Bein. Er trug nun seit einem Jahr eine Prothese, und die meiste Zeit war es zu einer Routine für ihn geworden, die er kaum noch wahrnahm. Nur manchmal plagten ihn diese Schmerzen. Simon wusste, inzwischen waren sie größtenteils in seinem Kopf und rührten vom Stress her, doch das machte es nicht weniger frustrierend. Ganz im Gegenteil. Er hatte gehofft, die Physiotherapie würde dabei helfen, bisher war der Erfolg ausgeblieben.

»Einen Marzipan Latte mit Zimt, bitte.«

Er konzentrierte sich wieder auf das Hier und Jetzt und zwang sich zu einem Lächeln. »Kommt sofort.«

Während er das Getränk zubereitete, sog er tief den Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen ein, der sich wie Balsam auf seine Seele legte. Der Geruch, genauso wie die Arbeit, erinnerte ihn an seine Kindheit, die er größtenteils hier in der Coffee Corner verbracht hatte, und war in seinem Gehirn fest verbunden mit Gefühlen von Sicherheit und Liebe. Das machte es leichter, sich umzudrehen und dem Kunden seinen Marzipan Latte mit einem Lächeln zu reichen, das nicht mehr ganz so gekünstelt war.

»Simon«, sagte Kendra sanft und trat an ihn heran. Erst als er sie ansah, legte sie vorsichtig eine Hand auf seine Schulter. Augenblicklich kam die Erinnerung daran wieder hoch, was geschehen war, als sie ihn letzte Woche mit einer solchen Berührung erschreckt hatte.

»Nimm deine Pause. Ich halte hier die Stellung. Der Ansturm lässt sicher gleich nach. Der Weihnachtsmarkt um die Ecke öffnet bald.«

Simon nickte und drückte kurz Kendras Hand. »Danke, Kenny. Ich werde mal sehen, ob ich noch ein paar Lichterketten für das Schaufenster auftreiben kann. Wenn etwas ist, dann rufst du mich an, okay?«

Kendra stieß ein amüsiertes Schnauben aus und schüttelte leicht den Kopf, wobei ihr inzwischen stahlgrauer Pferdeschwanz hin und her schwang und den blumigen Duft ihres Shampoos verströmte. »Eine Pause ist nicht dafür da, Dekoration für den Laden zu kaufen, Si, aber mach du mal. Du bist genauso stur wie John, es lohnt sich nicht, dagegen anzureden. Und ja, ich habe deine Handynummer, falls ich dich brauche. Genauso wie gestern schon, und den Tag davor und den Tag davor …«

Simon verdrehte die Augen, doch Wärme breitete sich in seiner Brust aus. »Ich bin in einer halben Stunde zurück.«

Kendra winkte nur ab und wandte sich dem nächsten Kunden in der Schlange zu, also machte Simon auf dem Absatz kehrt und verschwand im hinteren Teil des Cafés. Er ging den kurzen Flur entlang, an der Küche vorbei und durch die Holztür in das Büro am Ende. Dort streifte er seine Schürze ab, schnappte sich Portemonnaie, Handy und Schlüssel und zog sich seinen Mantel über, bevor er durch die Hintertür hinaus auf die winterlichen Straßen Vancouvers trat.

Eisige Luft wehte ihm entgegen und einige Schneeflocken legten sich auf seinen dunkelblonden Schopf. Einen Moment lang stand Simon einfach in der Gasse, auf die die Hintertür hinausführte, und atmete tief durch, genoss, wie die Kälte in seiner Lunge zu kristallisieren schien. Allein hier draußen ging es ihm augenblicklich besser und der Anflug einer Panikattacke, deren Herannahen er den gesamten Morgen über gespürt hatte, verschwand endlich. Die Stille tat ihr Übriges.

Simon gab sich noch fünf Minuten, in denen er bloß dastand und atmete und an nichts zu denken brauchte, bevor er sich in Bewegung setzte. Raus aus der Gasse und mitten in das Gedränge, das auch diesen Vormittag wieder auf der Einkaufsstraße, auf der John’s Coffee Corner lag, herrschte. Doch anstatt sich auf die Menschen zu fokussieren, konzentrierte sich Simon lieber auf die Weihnachtsdekorationen, die inzwischen alle Schaufenster schmückten. Nun, alle bis auf das des Cafés, und es wurde höchste Zeit, das zu ändern.

Der erste Dekorationsversuch, den sie dieses Jahr unternommen hatten, war wie verflucht gewesen. Ein Großteil der Lichterketten funktionierte nicht mehr und die Box, in der sich der Baumschmuck und die Tischdeko befunden hatten, war heruntergefallen, weshalb sie beim Öffnen nur Scherben vorgefunden hatten. So war alles, was bisher im Café hing, einige Stechpalmenzweige sowie Schneeflocken und Schneemänner aus Pappe, die Simons Bruder Tommy und dessen Sohn Jacob vorletztes Jahr zusammen gebastelt hatten.

Bei dem Gedanken an seinen Neffen breitete sich Wärme in Simons Brust aus und er beschleunigte seine Schritte, bis er endlich den kleinen Dekoladen an der Ecke betrat. Jacob war sieben und liebte Weihnachten, und als er mit seiner Mutter Beth zuletzt das Café betreten hatte, war er so enttäuscht gewesen, dort keine bunten Lichter vorzufinden. Zwar sollte Jacob heute nach der Schule von seiner Großmutter abgeholt werden, da Beth länger arbeiten und Tommy Vorbereitungen zur Eröffnung seiner neuesten Kunstausstellung treffen musste, doch es würde nicht lange dauern, bis der Kleine wieder im Café vorbeischaute.

Außerdem würde ein wenig Weihnachtsstimmung zu verbreiten sicherlich dabei helfen, Simons innere Unruhe zu zerstreuen.

***

Eine halbe Stunde später trug Simon zwei prall gefüllte Einkaufstüten durch den Hintereingang in das Café. Schnell hängte er seinen Mantel auf, band sich seine Schürze um und wusch sich die Hände, bevor er zu Kendra hinter den Tresen eilte. Nun, da sein Kopf klarer war und die Panikattacke nicht mehr hinter jeder Ecke lauerte, fühlte er sich schlecht, sie mit so viel Kundschaft allein gelassen zu haben.

Es schien, als hätte er sich keine Sorgen zu machen brauchen. Kendra wirkte wie die Ruhe selbst, als sie eine Reihe wiederverwendbarer Silikonbecher in Weihnachtsoptik mit dampfendem Kaffee befüllte. Sie winkte ihm mit einem Lächeln zu, um zu signalisieren, dass sie seine Rückkehr wahrgenommen hatte, und reichte die Getränke über den Tresen. Als das Grüppchen Touristen glücklich plaudernd davonzog, stellte Simon fest, dass sich das Café bereits ein wenig geleert hatte. Ruhig war es bei Weitem noch nicht, und so stürzte er sich wieder in die Arbeit, deren Ablenkung er öfter benötigte, als ihm lieb war. Beschäftigt zu sein, tat ihm gut, hielt die Erinnerungen an den Unfall fern, der sein Leben mit einem donnernden Schlag für immer verändert und ihm sein Bein genommen hatte. Es half ihm dabei, sich nicht ganz so nutzlos zu fühlen. Nun, die meiste Zeit jedenfalls …

Bald hatte sich der Trubel gelegt, ganz wie Kendra es vorausgesehen hatte. Nur noch vereinzelt saßen ein paar Kundinnen und Kunden an den Tischen, und diese schienen gerade keine Aufmerksamkeit zu benötigen.

Simon drehte sich zu Kendra. »Ich werde mal die Lichterketten aufhängen.«

»Hast du tatsächlich welche gekauft? Simon, ich hab dir doch gesagt, dass du das nicht in deiner Pause machen sollst.«

»Zu spät. Außerdem sind wir der einzige Laden in der Straße, der seine Weihnachtsdekoration noch nicht vollständig aufgehängt hat. Mr Sahir hat mich heute Morgen schon gefragt, ob alles in Ordnung ist, weil wir sonst nie so spät dran sind.«

»Mr Sahir hat zu viel Zeit«, entgegnete Kendra belustigt. »Tu du nur, was du nicht lassen kannst, mein Junge.«

Mit einem Grinsen beugte sich Simon zu Kenny hinunter und umarmte sie. Gerade als er sich wieder von ihr löste, klingelte die Glocke über der Tür, und in dem Moment, in dem sie sich umdrehten, wurde der Eingang von einer riesigen Tanne versperrt.

Auf Kendras fragend hochgezogene Augenbraue hin zuckte Simon mit den Schultern. »Ich habe Baumschmuck gekauft. Da war es logisch, gleich den Baum zu bestellen.« Er eilte zur Tür, um dem Lieferanten mit dem Weihnachtsbaum zu helfen.

Kendra seufzte. »Du und John, ihr beide seid euch verdammt ähnlich«, murmelte sie. »Beides Sturköpfe, und insgeheim ein wenig weihnachtsverrückt.«

Simon sah das nicht als Beleidigung.

***

Den Rest des Mittags verbrachte er damit, das Café in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Sobald der Baum an seinem gewohnten Ort neben dem Kamin stand, dekorierte Simon ihn. Er hängte die Lichterketten in die Fenster und platzierte eine Reihe Keramikfiguren auf den Tischen. Rentiere mit Schlittschuhen, Weihnachts- und Schneemänner in diversen Posen, Eishockey spielende Elche und Eulen …

Binnen weniger Stunden verwandelte sich die Coffee Corner in ein kitschiges Weihnachtsparadies, und Simon freute sich schon darauf, Jacobs Gesicht zu sehen, wenn er das nächste Mal das Café betrat. Er war so versunken in seiner Arbeit, dass er kaum bemerkte, wie die blasse Wintersonne langsam hinter den Häusern verschwand und die Welt draußen in buntem Glitzern erstrahlte.

Irgendwann riss ihn Kendras Stimme aus seiner Trance. »Simon?«

Etwas an ihrem Tonfall ließ ihn die Stirn runzeln. Er setzte die letzte Keramikfigur auf den Tisch und drehte sich zu ihr um. »Ist alles in Ordnung?«

Mit einem Kopfschütteln hielt Kenny ihm das Telefon hin, das Simon erst jetzt bemerkte. »Es ist Tommy. Die Schule hat angerufen. Anscheinend ist eure Mutter nicht aufgetaucht, um Jacob abzuholen.«

Siedend heiße Wut schoss Simon in die Adern und für einen Moment färbte sich sein Sichtfeld rot. Dann zwang er sich dazu, diese Gefühle wegzuschließen, und überwand schnell die Distanz zwischen sich und Kendra.

»Ich hole ihn«, sagte er, sobald er das Telefon am Ohr hatte. Er verschwendete keine Zeit mit einer Begrüßung.

Tommy atmete erleichtert auf. »Danke, Si. Manchmal wüsste ich nicht, was ich ohne dich machen würde.«

Die Worte seines Bruders lösten ein unangenehmes Ziehen in Simons Magengegend aus, also ging er nicht weiter darauf ein. »Kannst du in der Schule Bescheid geben? Ich sollte so in zwanzig Minuten da sein.«

»Die wissen schon, dass jemand kommt, und Jacobs Lehrerin kennt dich ja, das gibt also keine Probleme. Hör mal, ich muss los. Hier geht gleich die nächste Besprechung los. Beth holt Jacob dann heute Abend bei dir ab. Danke noch mal, großer Bruder!«

Damit legte Tommy auch schon auf.

Simon wusste nicht so recht, was er davon halten sollte, dass sein Bruder offensichtlich fest mit seiner Hilfe gerechnet hatte. So fest, dass er sein Kommen in der Schule bereits angekündigt hatte. Einerseits war er froh, wie sehr Tommy ihm nach all den Jahren, die sie sich nicht gesehen hatten, noch immer vertraute. Andererseits …

Andererseits verschwendete er gerade Zeit.

»Kann ich deinen Wagen nehmen, Kenny?«, fragte Simon und legte das Telefon zurück auf seine Station. »Ich bin heute hergelaufen.«

»Selbstverständlich. Der Schlüssel ist in meiner Jackentasche, ich parke gleich gegenüber.«

Simon nickte dankbar und eilte nach hinten, um die Autoschlüssel zu holen. Hastig riss er sich die Schürze vom Leib und zog mit ruckartigen Bewegungen seinen Mantel an. Währenddessen brodelte es weiterhin in seinem Inneren und er versuchte verzweifelt, die Gefühle zu unterdrücken. Er wollte nicht, dass Jacob ihn so wütend sah. Allerdings konnte er es einfach nicht fassen. Nach all den Jahren hatte sich seine Mutter offenbar kein Stück verändert. Simon wusste, sie liebte ihre Söhne und ihren Enkel, doch offensichtlich nicht genug, um sich an Absprachen zu halten, geschweige denn zuverlässig zu sein. Wie oft hatte Simon früher selbst vor dem Schultor gestanden und gewartet, nur um dann festzustellen, dass seine Mom nicht kommen würde?

Gerade als er aus dem hinteren Bereich des Cafés hervortrat, schellte die Türglocke erneut. Reflexartig hob er den Kopf, um den oder die Kundin zu begrüßen. Als sein Blick die Frau fand, die gerade das Café betreten hatte, blieb ihm schlagartig die Luft weg.

Sie war atemberaubend schön.

Hochgewachsen und schlank mit silbrig-blonden Haaren, die ihr in sanften Wellen über die Schultern fielen. Ihre Augen waren groß und dunkel und dominierten ihr ovales Gesicht, das eine gerade Nase und perfekt geschwungene Lippen aufwies.

Simon fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen und sein Herz klopfte wild, als die schöne Fremde einige langsame Schritte tat und dabei das Innere des Cafés neugierig musterte. Etwas an der Art, wie sie sich bewegte, zupfte an seinen Erinnerungen, allerdings hatte Simon keine Zeit, darüber nachzudenken. Jacob wartete auf ihn. Sosehr er auch bleiben und dieser merkwürdigen Anziehung nachgehen wollte, musste er sich beeilen. Also riss er seinen Blick endlich los und eilte an der betörenden Fremden vorbei zur Tür, die hinter ihm ins Schloss fiel.

Kapitel 3

Rose

Neunundzwanzig Tage bis Weihnachten

Nachdem Rose einen Fuß in das Café gesetzt und die Glocke ihr Eintreten angekündigt hatte, fühlte sie sich wie in einem Déjà-vu. Das Geräusch hallte in ihrem Kopf nach, schrill und hell, und sie verharrte instinktiv, um sich den Innenraum des Cafés genauer anzusehen. Die liebevoll aus Pappe gebastelten Schneemänner und Schneeflocken kamen ihr nicht bekannt vor, ebenso wie die meisten eher neu aussehenden Tische und Stühle. Der Kamin in der Ecke mit einem Weihnachtsbaum daneben wirkte hingegen vertraut.