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Nara hat sich vorgenommen, Drachen zu töten - jetzt könnte ein Drache ihre einzige Hoffnung sein.
Von der Königin und ihrer Armee gesucht, begeben sich Nara und der Drachenwandler Darius auf eine gefährliche Suche. Die Schreienden Wälder sind nichts für schwache Nerven; Monster, das Böse und die Gefahr lauern in jedem Schatten. Sie müssen die Insel der Elemente erreichen oder alles, was ihnen lieb und teuer ist, aufgeben. Doch der Elfenkönig, der dieses Land beherrscht, hat andere Pläne. Das Paar muss sich Rätseln, Höhlen und bösen Wesen stellen, um die verborgenen Steine der Elemente zu finden. Die Gemüter erhitzen sich, die Spannungen zwischen den beiden nehmen zu, und der Stress und der Druck drohen sie endgültig auseinanderzureißen ... oder sie auf eine Weise zusammenzubringen, die sich keiner von ihnen je hätte vorstellen können. Zuerst müssen sie alles überstehen, was dieses Abenteuer ihnen zumutet.
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Zum Buch
Von der Königin und ihrer Armee gesucht, begeben sich Nara und der Drachenwandler Darius auf eine gefährliche Suche. Die Schreienden Wälder sind nichts für schwache Nerven; Monster, das Böse und die Gefahr lauern in jedem Schatten. Sie müssen die Insel der Elemente erreichen oder alles, was ihnen lieb und teuer ist, aufgeben. Doch der Elfenkönig, der dieses Land beherrscht, hat andere Pläne. Das Paar muss sich Rätseln, Höhlen und bösen Wesen stellen, um die verborgenen Steine der Elemente zu finden. Die Gemüter erhitzen sich, die Spannungen zwischen den beiden nehmen zu, und der Stress und der Druck drohen sie endgültig auseinanderzureißen ... oder sie auf eine Weise zusammenzubringen, die sich keiner von ihnen je hätte vorstellen können. Zuerst müssen sie alles überstehen, was dieses Abenteuer ihnen zumutet.
Zur Autorin
Rina Vasquez ist eine Autorin aus England. Wenn sie nicht gerade selbst schreibt, taucht sie in Fantasy- und Liebesromane ein – oder verliert sich in den dramatischen Welten von Telenovelas. Ihre Geschichten sprühen vor Action, Geheimnissen und natürlich Romantik.
Rina Vasquez
A Kingdom of Shadows
Schwelender Zorn
Roman
Aus dem Englischen von Andreas Heckmann
reverie
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel A Kingdom of Shadows bei Wildfire, London.
© Rina Vasquez
Deutsche Erstausgabe
© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe
reverie in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH,
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung vom Verlag, nach einem Entwurf von Books and Moods
unter Verwendung von Motiven von Shutterstock
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783745705225
www.reverie-verlag.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin, des Urhebers und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für alle, die furchtbare Angst vor etwas haben, denen es aber zu peinlich ist, es anderen zu sagen.
Denkt daran: Sich zu ängstigen, ist in Ordnung.
Was macht jemand wie du allein in einer Taverne?«
Ich wende mich dem Mann zu, der neben mir an der Theke sitzt und mir inzwischen allzu vertraut ist.
Mein Blick kehrt über die Versammlung betrunkener Gäste, die mit ihren Krügen anstoßen und die Bänke mit Honigwein bespritzen, zu dem Mann neben mir zurück. Sein feines braunes Haar lässt mich unwillkürlich grinsen, obwohl ich insgeheim von ihm abgestoßen bin. »Ich dachte mir, ich kann einen Drink vertragen.«
Erleichtert sehe ich, dass er dem Barmann ein Zeichen gibt, uns zwei Krüge Bier zu zapfen. Er lächelt freundlich und schiebt mir mein Getränk zu. Ich gebe mir Mühe, mich nicht zu bewegen, denn mir ist unbehaglich zumute.
»Sind wir uns schon mal begegnet?«, fragt er.
Allerdings.
»Kommt drauf an«, erwidere ich und neige den Kopf auf die Seite.
Er lacht dröhnend und abscheulich. Sofort verbinde ich sein Lachen mit dem Rost von Eisengittern im Kerker. Alt, ekelerregend und für das Ohr unangenehm. »Ich bin mir nicht sicher – hast du mich mal um einen Gefallen gebeten?«
Ich nehme den Krug und lächle angestrengt. »Nie.«
»Wirklich nicht?« Er tut überrascht. »Ich kann mich an all die Bitten erinnern, die du für deine Brüder vorgebracht hast, als du noch ein Kind warst.«
Ich richte den Blick auf meinen Krug, sehe sein Grinsen auf der Metalloberfläche gespiegelt, greife nach meinem Messer und drücke ihm mit rascher Bewegung die Klinge gegen den Bauch. Niemand merkt es, niemand schaut auch nur in unsere Richtung. Ich war ganz unauffällig. Ivarron hat eine Braue gehoben, und ich frage leise: »Woher weißt du, dass ich das war?« Darius hat mich durch einen Zauber geschützt, sodass Ivarron mich nicht hätte erkennen dürfen.
»Dummes Mädchen«, sagt er, vom Messer unbeeindruckt. »Ich kenne alle aus diesem Dorf und merke, wenn jemand mich hinters Licht führen will.« Sein Blick gleitet zu meiner linken Hand. »Außerdem fällt mir nur eine Person ein, die immer einen Handschuh trägt, um zu verdecken, was sie hasst.«
Die Erinnerung an den Mann, mit dem ich den ersten Kuss getauscht habe, lässt mich das Messer fester gegen Ivarrons Bauch drücken. »Die Landkarten, die du bei dir zu Hause hattest – wo sind die?«
»Du gibst also zu, dass du bei mir eingebrochen bist?« Er schnalzt mit der Zunge, verzieht den Mund zu einem schiefen Grinsen und spielt den Enttäuschten. »Ich dachte, du hättest mehr bei mir gelernt, Naralía.«
»Du hast mich wie eine Sklavin behandelt.«
»Tu nicht so, als würdest du die Arbeit für mich nicht vermissen, da es doch danach aussieht …« – er mustert meine Kleidung – »… als habe sich dein Traum, Venatorin zu werden, nicht erfüllt.«
Mit meiner ungerührten Miene ist es vorbei. Ivarron lacht über meine offenkundig verräterischen Züge. »Sag mir einfach, wo du die Karte vom Screaming Forest hast.« Obwohl ich ihm das Messer energisch an den Bauch drücke, ist meine Stimme zu Ivarrons Vergnügen kaum mehr als ein Flüstern.
»An deiner Stelle würde ich ihr gehorchen.« Diese Worte kamen nicht aus Ivarrons Mund.
Hinter ihm steht nun Darius, lehnt einen Arm auf die Theke und lässt eine Goldmünze zwischen seinen Fingern spielen.
»Sie kann sehr gefährlich werden, wenn sie etwas will.« Seine Stimme klingt wie üblich beinahe scherzhaft, und sein flirtender Blick trifft auf meine zornigen Augen.
»Was machst du hier?« Ich beiße die Zähne zusammen und ärgere mich über seine offenkundige Unfähigkeit, sich an meine Pläne zu halten. Ich hatte ihm gesagt, er solle mit Tibith draußen warten.
Darius lächelt mich nur an, und Ivarron klatscht in die Hände, dass seine vielen Ringe klirren, und sagt: »Das ist ja spannend: Meine alte Fallenstellerin arbeitet mit dem berüchtigten Goldenen Dieb zusammen. Ich muss sagen, ich hatte jemanden erwartet, der …« – er mustert Darius von Kopf bis Fuß – »… einschüchternder ist.«
Mit einem falschen Lächeln senkt Darius den Kopf. »Mutig.« Sein Flüstern ist eine Drohung, die die Luft zwischen ihnen durchschneidet. »Das gefällt mir an Männern meines Alters. Und jetzt gib uns die Landkarte.«
Ivarrons Blick springt nach unten, wo Darius mit der Hand aus Schatten ein Messer formt.
Sofort will ich eine höhnische Bemerkung machen. Wenn ich Ivarron mit meinem Messer schon nicht habe einschüchtern können, wie soll dann –
»Aber gern.«
Ich runzle die Brauen über Ivarrons Gehorsam. Er sieht mich widerlich grinsend an, steht auf, nickt der Barfrau zu und sagt mit verächtlicher Handbewegung zu uns: »Mir nach.«
Darius und ich tauschen einen Blick: Trauen wir ihm?
Ich habe Darius auf der Reise hierher berichtet, was für ein Mensch Ivarron ist. Prompt hat seine Miene sich im fahlen Sonnenlicht verhärtet, vermutlich, weil ihm die Idee widerstrebt, sich an ihn um Hilfe zu wenden.
Mir gefällt sie auch nicht.
»Bleib an meiner Seite«, flüstert Darius in mein Ohr und legt mir die Hand ins Kreuz.
Ich möchte mich mit einer Beleidigung revanchieren, doch die vielen Blicke, die uns treffen, lenken mich zu sehr ab. Allerdings läuft mir eine verräterische Erregung über den Rücken, dem Behagen ähnlich, als ich Darius aus dem Kerker befreit hatte.
Ich streife seine Hand ab. »Darf ich dich daran erinnern, dass ich ihn besser kenne als du?«
Mit leisem Lachen raunt er mir ins Ohr: »Und darf ich dich daran erinnern, dass ich es war, der deine Schulden bei ihm beglichen hat, Goldie?«
Ich funkle ihm in seine goldenen, dreist schimmernden Augen, beschließe aber, nicht auf ihn einzugehen und Ivarron zu folgen. Er führt uns durch eine Tür auf der linken Seite der Taverne. Ein widerlicher Gestank nach Urin und Schimmel hängt in der Luft eines langen Flurs, aber weil ich viel Zeit im Kerker verbracht habe, komme ich mit solchen Gerüchen klar. Die Dielen knarren unter unseren Schritten, bis wir am Ende des Korridors in eine Kammer treten. Sonnenlicht fällt durch ein schmales Fenster, und Ivarron umrundet einen zugemüllten Tisch. All seine Gefäße, wertlosen Schmuckstücke und Bücher befinden sich in einem Holzregal hinter ihm. Er scheint jeden Pokal, den er für die Verletzung magischer Geschöpfe gewonnen hat, ausgestellt zu haben.
Lange habe ich seine Sammlung von Klauen, Fängen und Feenflügeln wachsen sehen, und nach jedem Besuch bei Ivarron ist sie in meinen Albträumen zurückgekehrt.
»Mich hat schon lange niemand mehr nach einer Karte des Screaming Forest gefragt.«
»Warum sind all deine Sachen jetzt hier?« Ich mache mir nicht die Mühe, ihm zu erklären, wozu ich die Karte brauche. Das muss ich ihm ohnehin nicht sagen.
»Tapetenwechsel.« Ivarron macht eine raumgreifende Geste. »Das ganze Lokal gehört jetzt mir.«
Ich kann mir vorstellen, wie viel Widerwärtiges er getan haben muss, um an die Taverne zu kommen.
»Also, Nara.« Er lässt sich auf einem Stuhl nieder und klatscht erneut in die Hände. »Was bietest du mir für die Karte?«
»Geld, denn das liebst du doch sehr.«
Dem stimmt Ivarron schamlos zu. »Allerdings.«
Das kam zu selbstverständlich. Er ist sehr leicht zu durchschauen.
»Aber heute will ich kein Geld.« Er lehnt sich zurück, und sein Glasauge blinzelt nicht. »Sondern etwas anderes.«
In meinem Magen regt sich Verärgerung. »Wir haben nichts anderes.«
Darius nähert sich mir langsam, während Ivarron mich mit selbstgefälligem Lächeln mustert. »Ich will keinen Gegenstand, den du stehlen kannst. Ich will ein Geheimnis wissen … deine größte Sehnsucht.« Neugier steht in seinem gesunden Auge, das nun Darius anblickt. »Was seid ihr bereit, für diese Landkarte zu tun?«
Schweigend überdenke ich seine Worte. Wenn ich Ivarron etwas nie verzeihen werde, dann seine ruchlosen Deals und seine Lust, andere mit Informationen zu erpressen, die er seinen Opfern entlockt hat. Das hat er mit Menschen getan, die ich aus meinem Dorf kenne. Ich habe sie in Ivarrons altes Zuhause treten und in dem Glauben wieder herauskommen sehen, die beste Entscheidung ihres Lebens getroffen zu haben, obwohl sie alles ausgeplaudert hatten.
»Und wenn ich dir einen wertvollen Anhänger überlasse?«
Habe ich mich verhört? Ich werfe Darius, der Ivarron unverwandt ansieht, einen überraschten Blick zu.
Einen Anhänger?
Seit wann –
Ich erstarre, als er den Rivernorth-Anhänger aus der Tasche zieht. Das schimmernde Gold spiegelt sich in Ivarrons Augen, als wäre er plötzlich in Trance gefallen.
Darius lässt den Anhänger an einem Finger pendeln. »Der hat denen gehört, die dieses Land früher regiert haben, den Rivernorths.« Er neigt den Kopf zur Seite und verzieht seine vollen Lippen zu einem Grinsen. »Wäre dir dieser Anhänger nicht lieber als ein dummes kleines Geheimnis?«
Zuletzt habe ich den Rivernorth-Anhänger am Tag vor Darius’ Verhaftung gesehen.
»Verführerisch.« Ivarron trommelt mit den Fingern auf seinen Schreibtisch, steht auf und will den Anhänger nehmen.
Darius zieht seine Hand zurück. »Erst die Landkarte.«
Ivarron ballt die Faust, weil ihm das nicht gefällt, kehrt aber hinter den Schreibtisch zurück. Gespannte Stille erfüllt das Zimmer, während seine Hände über die Tischplatte gleiten. Dann fischt er einen Schlüsselbund aus seiner Jackentasche, öffnet eine Schublade, nimmt ein aufgerolltes Pergament heraus, geht zu Darius und überreicht ihm die Karte. Bei all dem liegt Anspannung in der Luft. Darius zögert, sieht mich kurz an und lässt den Anhänger in Ivarrons Hand fallen.
Trotz unseres Erfolgs lässt der Druck in meiner Brust nicht nach.
»Es war mir ein Vergnügen, dich wiederzusehen, Nara«, sagt Ivarron zu mir, und ein unfreundliches Grinsen verzerrt seine schmalen Lippen, während Darius die Karte entrollt.
»Ich wünschte, das könnte ich auch sagen.«
Lachend hebt er den Anhänger gegen das Licht. »Wie habe ich dich vermisst, Trapper.« Er steckt ihn ein, und unwillkürlich beobachte ich seine Bewegungen. »Du warst meine beste Fallenstellerin, obwohl auch Idris sehr begabt war. Ob er das von eurem Vater hatte oder …« – er macht eine Pause – »… von Illaria?«
Ich funkle ihn an, als er den Namen meiner Mutter ausspricht. »Wage es nicht, noch einmal ihren –«
»Das ist sie nicht.«
Aus meiner Wut wird bei diesen anklagenden Worten Verwirrung, und als ich ihn ansehe, spüre ich Darius’ Zorn.
»Er hat uns eine gefälschte Karte gegeben.« Darius wirft das Pergament auf den Schreibtisch, und Ivarron blickt sehr amüsiert und neugierig drein.
Nein, das muss ein Irrtum sein. »Woher weißt du das?«
Darius behält Ivarron im Blick. »Ach, Goldie, in meinen vielen Jahren als Dieb sind mir einige Kartografen begegnet, die mir gezeigt haben, wie man eine Fälschung erkennt. Die, von denen du diese Karte bekommen hast, dürften die richtige Karte behalten und dir eine falsche überlassen haben.«
Es ist zu einfach gewesen.
»Ich habe dich unterschätzt, Goldener Dieb.« Ivarron neigt den Kopf zur Seite und verzieht den Mund zu einem gefährlichen Lächeln. »Unsterbliches Blut oder nicht – du erweist dich als nützlich.«
Egal, was Ivarron vorhat – weder Darius noch ich wollen länger mitspielen. Ich hatte schon zu oft mit seinen Tricks zu tun.
»Wo ist die echte Karte?« Darius macht einen langsamen Schritt auf Ivarron zu.
»Wie wäre es mit einem anderen Handel?« Ivarron zeigt mit dem Finger auf ihn. »Du gegen die Karte.«
Darius’ Anspannung erfüllt die Luft und erschwert das Atmen. Ivarrons Vorschlag steigert seine Wut noch weiter.
»Schließlich«, ergänzt Ivarron mit breiter werdendem Grinsen, »wollte ich immer einen Drachen als Haustier.«
Es ist ganz still, doch Darius’ Zorn ist so vernehmlich, dass er die Wände pulverisieren könnte.
»Habe ich etwa einen Nerv getroffen mit diesem –«
Keine halbe Sekunde später macht Darius einen weiteren Schritt, packt Ivarron an der Kehle und knallt ihn gegen das Regal. Zwei Gefäße zerbrechen am Boden, und Ivarron stößt ein schrilles, sadistisches Lachen aus.
Sofort fasse ich Darius an der Schulter und sage mahnend seinen Namen. Im nächsten Moment schon ruft Ivarron: »Vorsicht – auch ein mächtiger Gestaltwandler wie du lässt sich mit nur einem Tropfen davon zähmen.« Er hebt ein Fläschchen empor –
»Neoma-Blut«, flüstere ich. Die Flüssigkeit strahlt hell wie etwas absolut Außergewöhnliches.
Darius lässt Ivarron los. Ich springe zwischen die beiden, und Ivarron massiert sich mit verwirrtem Blick den Hals.
»Es hat sich schnell rumgesprochen«, sagt Ivarron. »Als bekannt wurde, dass der Goldene Dieb dank des glorreichen Neoma-Baums gefangen wurde, wusste ich, dass es an dir lag, Nara.«
Meine Muskeln spannen sich bei dieser Erinnerung an.
»Ich hatte viele meiner Leute Fläschchen mit dem Blut dieses Baums für meine Sammlung besorgen lassen, sie aber anders beschriftet – deshalb wurde ich nie erwischt. Als du dir versehentlich eines der Fläschchen gegriffen hattest, beschloss ich, der Sache nachzugehen, und schnappte bald auf, dass die Venatoren das Blut des Neoma-Baums gegen Gestaltwandler und Drachen einsetzen. Ich brauchte nicht lange, um festzustellen, dass du dahinterstecken musstest, Nara.«
Erinnerungen an die Nacht von Darius’ Gefangennahme bohren sich wie Glasscherben in meinen Verstand. Seine Hand umklammerte einen Pfeil, und Blut quoll aus seiner Brust …
Kaum tauchen diese Bilder wieder auf, lässt mich Pferdewiehern zum Fenster herumfahren.
Bei Solaris, nein.
»Du bist der berühmteste Flüchtling von Emberwell, Nara.« Ivarrons Worte triefen vor Spott, und Venatoren schwärmen auf dem Marktplatz aus. »Seit Tagen patrouillieren Venatoren auf Befehl der Königin im Dorf. Wie hätte ich einer derart saftigen Belohnung widerstehen können?«
Ich beiße mir auf die Wange, um meinen Zorn zu mäßigen. »Du hast sie alarmiert.«
Er hebt korrigierend einen Finger und grinst. »Das war die Barfrau, aber die Königin hat mir eine großzügige Belohnung für deine Gefangennahme und die des Goldenen Diebs angeboten.«
Wir sind verraten worden, durchfährt es mich, und ich vergegenwärtige mir, dass Ivarron schon immer illoyal war.
»Wir müssen los.« Darius packt mich am Arm und zieht mich zur Tür, doch ich bleibe stehen und starre Ivarron an. Meine Backenzähne mahlen stärker, je länger ich ihn ansehe.
»Ich wünschte, du hättest einmal anders sein können«, sage ich, und er hebt die Brauen mit einem Anflug von Heiterkeit. »Denn es gab eine Zeit, da dachte ich, du bist wie ein Vater für mich.« Ungläubig lache ich auf und schüttle den Kopf. »Aber was weiß eine Dreizehnjährige schon?«
Diese unerwartete Bemerkung erschüttert das dreiste Selbstvertrauen, das Ivarron immer mit sich herumträgt. Sein Lächeln wird zu einem schmalen Strich, und die Stimmen der Venatoren nähern sich. Dass er mit verschwommenem Blick auf seinen Stuhl sinkt, ist das Letzte, was ich sehe, ehe Darius mich aus dem Zimmer zieht. Ich versuche, dieses Bild zu vergessen, während wir durch die Taverne eilen, uns an Leuten vorbeidrängeln und aus der Tür stürmen. Helles Licht empfängt uns, und das Erste, was ich sehe, ist Tibith, der vom Boden heraufwinkt.
»Hallo, Miss Nara! Haben Sie die Landkarte?«
Darius und ich tauschen einen enttäuschten Blick, und ich sage stöhnend: »Das nicht gerade.«
Tibith blinzelt nur. Schon entdeckt uns ein Venator von Weitem und ruft seine Kollegen. Rasch wirft Darius einen anderen Zauber über uns und verbirgt unser wahres Aussehen. Wir schieben uns über den Marktplatz. Leute drängen an uns vorbei, und ich blicke zu Boden und bete, dass wir es zurück in den Wald schaffen, ehe jemand merkt, wer wir sind.
»Mist«, raunt Darius neben mir.
»Was ist?«
»Meine Magie lässt nach. Ich habe heute zu viel davon gebraucht.«
Nein, nicht jetzt. Nicht, wenn wir es fast geschafft haben.
Links und rechts führen Wege teils in die Felder, teils in andere Dörfer, doch dann –
»Da drüben!«, ruft ein Venator, und mich erfasst Panik.
Leute bleiben stehen und schauen. Venatoren zücken ihre Schwerter und eilen auf uns zu.
»Komm«, ächzt Darius und packt mich fester am Arm. Wir flüchten zwischen Männern, Frauen und Kindern hindurch, die erschrocken nach Luft schnappen.
Kaum haben wir den Marktplatz verlassen, fliegen das lange Gras, die frischen Früchte und die Felder vorbei, auf denen ich meine Kindheit verbracht habe, denn nun renne ich. Das Galoppieren der Pferde und die Rufe der Venatoren sind leiser als das Dröhnen meines Herzens, und ich erinnere mich, dass mein Zuhause nicht weit von hier entfernt war.
Sonnenlicht fällt durch die Wipfel vor uns, und ein Karren mit Heu taucht auf. Als wir ihn erreichen, öffne ich sein seitliches Gitter, und alles Futter fällt heraus und blockiert den Venatoren den Weg.
»Ich wusste, dass du im Grunde eine Verbrechernatur hast«, ruft Darius lachend, und ich schüttle den Kopf, während wir durch den Wald hetzen. Als ich noch düster dreinblicke und ihn zu ignorieren versuche, will schon ein Lächeln auf meine Lippen treten. Tibith prescht uns voraus, und Darius springt über den gleichen umgestürzten Baum, den ich mit Illias an dem Tag sah, an dem ich das Rümen tötete. Er streckt die Hand aus, um mir zu helfen, aber ich werfe ihm einen verärgerten Blick zu, setze allein über den Stamm und überhole Darius.
So stur ich auch sein mag – diesen Wald kenne ich besser als irgendwer sonst. Darum bleibe ich stehen, als ich auf ein bestimmtes Muster aus Ästen und Flechten zuhalte, und inspiziere keuchend, was vor mir liegt.
Dornen und Schatten markieren diesen schmalsten Zugang zum Screaming Forest. Hunderte Male habe ich mich gefragt, wie es wäre, hindurchzugleiten, denn ich wollte wissen, was sich dahinter verbirgt.
Männerstimmen reißen mich aus meiner faszinierten Betrachtung: Venatoren nähern sich uns zwischen den Bäumen.
»Goldie«, sagt Darius, und ich wende mich seiner freundlich befehlenden Stimme zu, »wir müssen weiter.«
Ich schaue in seine warmen, unwiderstehlichen Augen und kann nicht anders als nicken. Ein letztes Mal betrachte ich den Eingang, und mein Magen zieht sich bei dem Gedanken an die Geheimnisse dieses Waldes zusammen. Dann überschreiten Tibith, Darius und ich die Schwelle nach Terranos.
Wir springen über Stämme und sind umgeben von unendlich vielen Bäumen. Obwohl meine Beine müde sind und ich schwer atme, halten wir nicht an. Äste zerren an meinem Umhang, und ich schütze mein Gesicht, um keine Kratzer abzubekommen.
Endlich verlangsamt Darius das Tempo, weil keine Venatoren in Sicht sind, und wir machen auf einer Lichtung Rast. Tief atme ich die Waldluft ein, drehe mich einmal um mich selbst und mustere alles ringsum. Der Wald ist voller uralter Wurzeln, die Bäume sind so groß, dass sie die Sonne verdecken, und ragen so hoch auf, als wollten sie jeden fangen, der ihr verbotenes Gebiet zu betreten wagt. Das einzige Licht, das hier und da durchs Blätterdach dringt, reicht nur für ein diffuses Halbdunkel.
Auch Darius mustert den Wald. Noch immer bin ich wegen unserer Auseinandersetzung mit Ivarron sehr aufgebracht und frage: »Warum hattest du den Rivernorth-Anhänger dabei, ohne mir davon zu erzählen?«
Er lacht überrascht auf und fährt sich durchs Haar. »Ist jetzt der richtige Moment, um zu streiten, Goldie?«
Mit dir immer.
»Wir haben keine Landkarte.« Ich stapfe durchs hohe Gras auf ihn zu. »Wir sind im Screaming Forest und haben keine Ahnung, wohin wir uns bewegen sollen. Außerdem wären wir fast gefangen genommen worden.«
Meine Verärgerung lässt ihn eine Braue heben, doch da taucht Tibith zwischen uns auf. »Schon gut, Miss Nara. Darry kann ja seine Kräfte einsetzen!«
Darius blickt auf und seufzt angespannt. »Nein, Tibith, meine Kräfte sind hier wirkungslos.«
»Warum das denn?«
»Verschiedenen Quellen zufolge wehrt der Elfenkönig alle Welt von seinem Land ab.«
Tibith lässt die Antwort auf sich wirken, blinzelt zweimal und quiekt aufgeregt: »Dann kann doch Miss Nara ihre Kräfte nutzen!«
»Hier wirkt gar keine Magie«, stelle ich klar, doch Tibiths unschuldig zur Seite geneigter Kopf zeigt, dass er noch immer nicht versteht. »Davon abgesehen verfüge ich über keinerlei Kräfte.«
»Und ich hatte dich für etwas Besonderes gehalten, Goldie.«
Wie bitte?
Ich zeige mit dem Finger auf Darius. »Willst du mich provozieren?«
»Immer.«
Die Falte zwischen meinen Brauen wird tiefer, je länger ich ihn anfunkle. Ich trete so nah an ihn heran, dass mein Finger seine Brust berührt, und er verzieht belustigt die Lippen. »Anders als du brauche ich zum Überleben keine Magie; komm also nicht angekrochen, wenn dich was angreift.«
»Ich komme nie angekrochen, Goldie.« Leise, düster und sinnlich setzt er hinzu: »Normalerweise kriechen die Leute zu mir.«
Verärgert setze ich ihm den Finger fester auf die Brust. »Warum dich jemand mögen soll, ist mir schleierhaft.«
»Tja, Goldie.« Behutsam schiebt er meinen Finger weg. Unsere Gesichter sind nur Zentimeter voneinander entfernt, weil er sich runtergebeugt hat, um auf Augenhöhe mit mir zu sein. »Das denkst du bloß, weil du nicht das Vergnügen hattest, mit mir zu schlafen.«
»Lieber küsse ich einen Kobold«, höhne ich.
»Das hab ich schon.« Er grinst. »Und ich muss sagen: Treet hat fantastisch geküsst.«
Ich unterdrücke ein zorniges Knurren. Darius weiß genau, wie er mich auf die Palme bringen kann, und hat auf alles, was ich sage, eine geistreiche Antwort. Statt meine Zeit damit zu verschwenden, ihm weiter zuzuhören, werfe ich ihm einen vernichtenden Blick zu und rufe Tibith, denn mit ihm allein würde ich diese Reise viel lieber machen.
Aber er antwortet nicht. Wir sehen uns sofort dort um, wo Tibith eben noch gewesen ist. Wo ist er hin?
Ich mache einige Schritte, verzweifelt auf der Suche nach einem Fleckchen orangem Fell. »Hat ihn jemand geschnappt?«
»Ich –« Darius verstummt. Hinter uns knackt ein Ast, und ein Schatten zischt vorbei. Wir fahren bei dem Geräusch mit gezückter Klinge herum.
Ein Rascheln zwischen den Bäumen nähert sich und verstummt. Schon ist mein Ärger besorgten Ahnungen gewichen. Ich schaffe das, schärfe ich mir ein.
»Was mag das sein?«, flüstere ich, meinen Rücken an den von Darius gedrückt. »Trolle? Gefährliche Nymphen? Feen, die einem die Seele aus dem Körper saugen?«
»Wenn du weiterredest, fangen sie mit deiner Seele an.«
Hoffentlich wird er gefressen. »Sag einfach –«
Plötzlich springt ein kleines Geschöpf hervor, dessen Fell an einigen Stellen karamellfarben schimmert. »Ein Kaninchen?« Seufzend stecke ich meine Waffe weg und wende mich wieder Darius zu. Damit habe ich am wenigsten gerechnet.
»Moment.« Darius hält mir die Finger vors Gesicht, und seine Augen werden schmal. »Das ist kein Kaninchen.«
Stirnrunzelnd sehe ich den Hasen in Gegenrichtung davonhoppeln. Er stößt ein grässliches Geräusch aus, beginnt zu zucken und verwandelt sich in ein missgestaltetes, haarloses Geschöpf ohne Augen, aber mit vielen Reihen scharfer Zähne, die ihm kreisförmig aus dem Kopf ragen. Ich verziehe das Gesicht und beobachte, wie das Wesen zwischen hohen Bäumen verschwindet.
Diesen Anblick werde ich nie loswerden.
»Ich habe Früchte gefunden, Darry!«
Tibith kommt mit leuchtend roten Beeren aus dem Gebüsch geschlendert.
»Iss die nicht.« Darius schlägt sie ihm aus der Pfote. »In diesem Wald müssen wir allem misstrauen, vor allem verführerisch leuchtenden Beeren.« Schnaubend sieht er sich um. »Wir sollten hier unser Lager aufschlagen und morgen früh überlegen, wie wir weiterreisen.«
Ausnahmsweise kann ich nicht widersprechen. »In Ordnung. Wer wacht in der ersten Hälfte der Nacht?«
»Ich«, sagt Darius. »Denn du dürftest noch launischer sein, wenn du nicht geschlafen hast.«
Zum Totlachen.
Ich setze ein gezwungenes Lächeln auf. »Im Gegenteil.« Kaum bin ich an ihm vorbeigegangen, höre ich sein tiefes Lachen.
Ich schaue über Darius’ Schulter auf das improvisierte Bett, das er aus Laub aufgeschichtet hat, und muss schmunzeln. »Sieht fast so gut aus wie mein behelfsmäßiges Lager in deiner Hütte.« Er dreht sich zu mir um. Ich erinnere mich gern daran, wie er mich dort auf einen Haufen Kleidung gelegt und meine Wunden geheilt hat.
Sein Blick fällt auf das Laub und hebt sich wieder zu mir. Dann stützt er sich mit dem Arm an einen Baum. »Betten werden überschätzt; außerdem habe ich seit über zwanzig Jahren in keinem mehr geschlafen.«
Sein seltsames Eingeständnis scheint einen versteckten Schmerz zu enthalten und lässt mich die Stirn runzeln. »Im Ernst? Halten Gestaltwandler es so?«
Lachend löst er sich vom Baum. »Das nehme ich an.«
Kurz und knapp – und damit für Darius untypisch.
Unwillkürlich werfe ich ihm einen mitfühlenden Blick zu, obwohl mir klar ist, dass ihm an meinem Mitleid am wenigsten liegt. Ich will ihn schon fragen, ob er darüber sprechen mag, da unterbricht uns lautes Schnarchen. Ich blicke nach rechts, wo Tibith rücklings im Gras liegt. Sein pelziger Bauch hebt und senkt sich in tiefem Schlaf.
Ein Lächeln tritt auf meine Lippen, und spontan frage ich etwas anderes. »Wie habt ihr euch kennengelernt?«
»Gehört das noch zu deinen fünf Fragen an mich?«
Sein eingebildetes Grinsen lässt mich eine Braue heben. Nein, ich werde immer eine Frage an ihn haben, egal, was ich damals beim Lügnerwürfeln gewonnen habe.
Er bemerkt meine Entschlossenheit, gibt leise seufzend nach und betrachtet Tibith. »Mit dreizehn habe ich ihn gefunden. Einige Leute haben nach ihm getreten, und ich habe sie zur Rede gestellt. Seitdem folgt Tibith mir, wohin ich auch gehe.« Bei dieser Erinnerung schaut er schmunzelnd zu Boden. »Unser erster gemeinsamer Raubzug galt einer Bäckerei – seitdem ist er ganz begeistert von Brot.«
Im Screaming Forest, durch den nur ein leiser Nachtwind streicht, ist es jetzt ganz still, und niemand würde vermuten, dass es hier von gefährlichen, todbringenden Geschöpfen nur so wimmelt. Der Gedanke an das, was die beiden seit ihrer Begegnung alles erlebt haben müssen, lässt mich lächeln. »Und dann hast du ihm das Sprechen beigebracht«, sage ich leise und ohne meine Bewunderung zu verbergen.
»Das war nicht leicht, aber ich habe es hinbekommen.«
»Ich habe nie jemanden getroffen, der sich wie du die Zeit genommen hat, einem Tier das Sprechen beizubringen oder sich so darum zu kümmern, wie du es mit Tibith tust, vor allem nicht in Emberwell.«
Als er nicht antwortet, hebe ich den Kopf. Sein Blick dringt tief in meine Augen, und ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel. »Ist das ein Kompliment, Goldie?«
»Das hättest du gern«, gebe ich zurück.
»Nicht nötig«, sagt er mit verschmitzt funkelnden Augen. »Schließlich weiß ich längst, dass du heimlich auf mich stehst.«
Und wieder hat er mich so verärgert, dass ich es nicht in Worte fassen kann. »Jedes Mal, wenn ich denke, wir haben ein vernünftiges Gespräch, beschließt du, es zu sabotieren.«
Er summt mit lässigem Lächeln und verschränkt die Arme vor der Brust. »Was soll ich sagen? Du provozierst das eben, Goldie.«
Wieder mal bin ich verwirrt, und in meinem Magen dreht sich ein Strudel. »Du bist der schlimmste Reisebegleiter, an den ich geraten konnte, und ich kann kaum glauben, dass ich nun an dich gefesselt bin«, stoße ich wütend hervor, ohne die Konsequenzen meiner Worte zu bedenken.
Für einen kurzen Moment meine ich, etwas Verletztes in seinem Blick zu entdecken. »Ich bin auch nicht begeistert darüber«, gibt er gespielt amüsiert zurück. »Aber welche andere Option habe ich schon?«
»Vielleicht probierst du, einfach mal den Mund zu halten.« Ich mustere ihn streng, beuge mich vor und zeige mit dem Finger auf ihn. »Und komm bloß nicht auf die Idee, etwas Seltsames zu machen, während ich schlafe!«
»Etwas Seltsames?« Seine Lippen zittern, als würde er ein Lachen unterdrücken.
»Du weißt, was ich meine – mir Wanzen anzulegen, mich aufzuschrecken. Übrigens bekomme ich nicht so leicht Angst, das kannst du also vergessen –«
»Bist du sicher, dass du nicht leicht Angst bekommst?«
Ich zögere kurz, mustere das herausfordernde Schimmern in seinen Augen und hebe eine Braue. »Und du?«
»Ich habe als Erster gefragt, Goldie.«
»Und ich als Zweite«, scherze ich, und er schmunzelt resigniert.
»Du bist die sturste Person, der ich je begegnet bin.«
»Danke.« Ich lächle kurz. »Und jetzt Gute Nacht«, setze ich barsch hinzu und schiebe jedem weiteren Geplauder einen Riegel vor, indem ich mich einrolle und von ihm wegdrehe.
Was ich bereits bedauere, als ich die Augen schließe.
Gedanken plagen mich. Erinnerungen an den Kerker, an die Ardenti-Drachin, die ich töten musste … an Lorcan, all das brandet auf mich ein und schnürt mir die Kehle so zu, dass ich meine Brust mit den Händen umklammere. Doch ich bin zu störrisch, um auch nur ein Wort zu sagen, liege nur da und warte, dass meine Gedanken sich auflösen.
Was machen wir nur hier?
Wieder ist ein Tag in diesem Wald vergangen, ein Tag, an dem uns nichts auch nur ansatzweise Bedrohliches oder Gefährliches begegnet ist. Ich sollte mich glücklich schätzen, aber alle paar Stunden zieht Darius mich damit auf, ich solle aufpassen, sonst fiele ich kopfüber in ein Sumpfloch. Und so habe ich begonnen, mir Gedanken darüber zu machen, was »Glück« bedeutet.
Kein Wunder, dass meine Ungeduld einiges Gezänk verursacht. Tibith versucht uns dann stets klarzumachen, dieser Wald sei kein Ort für Streitereien.
Doch davon hat er uns bisher nicht überzeugen können.
Womit wir wieder in der Gegenwart wären. Vorhin haben wir beschlossen, uns auf einer Lichtung auszuruhen.
Tibith kugelt sich ein Stück entfernt im Gras, und ich sehe, dass Darius ihn lächelnd beobachtet.
»Wie ist das so?«, will ich wissen, und er sieht mich fragend an. »Wie fühlst du dich als Gestaltwandler, wenn du nicht über deine Kräfte verfügen kannst?«
Er hebt eine Braue, und ich weiß schon, was er denkt.
Ich verdrehe die Augen. »Meine Frage ist ernst gemeint und zählt nicht zu denen, die ich beim Würfelspiel gewonnen habe.«
Seine dunklen Brauen rücken zusammen, und er mustert mich neugierig. »Bist du demnach an Gestaltwandlern so interessiert, dass du mehr über uns erfahren willst? Oder bedeute nur ich dir etwas?«
Warum habe ich ihn nur gefragt? »Lass gut sein.«
Ich will mich schon abwenden, da seufzt er und sagt: »Es fühlt sich an, als blockiere etwas meine Kräfte.«
Ich sehe ihn wieder an. Auf seine Arme gestützt lehnt er im Gras.
»Als wäre ein Deckel zu fest auf ein Glas geschraubt.« Je länger er vor sich hin starrt, desto mehr runzelt er die Stirn. »Ich spüre, dass meine Magie aus dem Glas will, kann den Deckel aber nicht lösen, sosehr ich es auch versuche.«
»Und selbst deine Gestalt kannst du nicht wechseln?« Ich kann nicht leugnen, dass seine Macht mich überwältigt hat, als ich ihn erstmals in seiner Drachengestalt gesehen habe.
Er wirft mir einen Seitenblick zu, schüttelt den Kopf und zeigt mir seine scharf geschliffenen Eckzähne. »Die hier habe ich immerhin noch.«
»Herzhaft zubeißen zu können, ist sicher nützlich, wenn wir tiefer im Wald sind«, scherze ich mit leisem Lachen, und er schüttelt schmunzelnd den Kopf.
Solche Momente erinnern mich daran, dass sich für uns alles geändert hat. Das Mädchen, das seinem Boss versprochen hat, einen mächtigen Drachenwandler zu fangen, arbeitet nun mit dem Drachenwandler zusammen, damit diesen Wesen Gerechtigkeit widerfährt.
»Seltsam, oder?« Ich mustere ihn und kaue auf meiner Unterlippe. »Wenn wir uns nicht an die Gurgel gehen, kann ich deine Gesellschaft sogar genießen.« Prompt schimmern seine Augen wieder anmaßend, und er neigt den Kopf zur Seite. Sofort ergänze ich: »Bilde dir nur nichts ein.«
Sein Lächeln wird breiter und ist wie immer wunderschön und verführerisch. »Schon geschehen, Goldie.«
Wie nicht anders zu erwarten.
Eine angenehme Stille legt sich über uns, und ich kann den Blick nicht von seinem Lächeln lösen. So viel ist in der Zwischenzeit passiert, dass wir nie über unseren ersten Kuss damals im Wald reden konnten, und nach meinem Eindruck will Darius dieses Thema nicht als Erster ansprechen.
Noch immer sage ich mir, dieser Kuss war ein Fehler, ein Ausrutscher aufgrund der chaotischen Verhältnisse, die uns damals aneinanderbanden.
Doch das ändert nichts daran, dass ich weit öfter daran denke, als ich sollte.
Sein Blick springt zu meinen Lippen, und sein Lächeln schwindet, als er mich sichtbar atmen sieht. »Nara«, flüstert er, doch ich schaue weg und bin verwirrt und verlegen.
»Ich esse besser von dem, was Gus uns eingepackt hat –«
Darius nimmt mein rechtes Handgelenk, ehe ich im Gepäck stöbern kann. »Bitte beantworte mir eine Frage.«
Panik ergreift mein Herz.
»Gestern Abend …« – seine Worte lassen mich ihn misstrauisch mustern – »… hast du im Schlaf etwas gesagt.«
Bilder des Albtraums der letzten Nacht tauchen unvermittelt vor meinen Augen auf. Es war der Albtraum, der mich immer wieder heimsucht, seit ich den Ardenti getötet habe.
Ich zucke eine Achsel und schlucke vernehmlich. »Ich rede eben im Schlaf – du bist nicht der Erste, der mir das sagt.« Ich stehe auf und mustere die Umgebung. Auch er erhebt sich und tritt besorgt auf mich zu.
Wie ich das hasse!
Es zeigt mir, dass ihm etwas an mir liegt, obwohl er mir immer wieder sagt, dem sei nicht so.
Aufgrund der Befürchtungen meines Herzens fände ich es besser, wenn er mich als jemanden betrachten würde, der ihm von Nutzen ist. Das wäre einfacher.
»Du hast einen Drachen erwähnt.« Seine goldenen Augen verdunkeln sich vor Sorge. »Und Sarilyn.«
»Ich verstehe nicht, warum du meinen dummen Traum erwähnen musst. Natürlich habe ich von Sarilyn geträumt. Schließlich sind wir ihretwegen in diesem Wald.«
Er glaubt mir nicht.
»Versuch nicht, meinen Herzschlag zu erlauschen«, flüstere ich, obwohl er das vermutlich gar nicht kann, da es sich um eine seiner blockierten Gestaltwandlerfähigkeiten handeln dürfte.
Sein Kiefer mahlt. Diese Seite an mir ist er gewohnt, die sture, stachlige Nara, die es vorzieht, ihn zu hassen.
»Das muss ich gar nicht«, raunt er. Obwohl ich etwas darauf antworten möchte, beiße ich mir auf die Wange, und wir mustern uns reglos.
»Darry, Darry!« Tibith kommt angerannt, doch Darius sieht mich unverwandt an. »Ist noch Brot da?«
Ich zwinge mir ein empörtes Ausatmen ab, unterbreche unseren Augenkontakt, sehe Tibith an, ziehe Brot aus dem Rucksack und gebe es ihm. »Hier«, sage ich und schaue wieder Darius an. »Mir ist der Appetit vergangen.«
Ich sitze an einem Bach, der recht normal wirkt im Vergleich zu den blubbernden Seen, auf die wir bisher gestoßen sind, schöpfe mit hohlen Händen Wasser und trinke es. Zum Glück ist mein schlimmer Durst mit den letzten Tropfen gestillt, und ich setze den Weg fort.
Im Morgengrauen sind wir losgezogen und haben seitdem keine Pause gemacht. Was sich nach einer stundenlangen Wanderung anfühlt, hat wohl kaum sechzig Minuten gedauert, und ich habe den Boden sorgfältig auf jedes Anzeichen von Treibsand abgesucht. Auch erinnere ich mich an alle Details meiner abendlichen Unterhaltung mit Darius. Und beim Aufwachen waren mir meine besorgten Gedanken noch präsenter als zuvor.
»Du bist heute furchtbar still«, sagt Darius mit leisem Lachen von hinten, während meine Fingerkuppen über trockenes Moos an den Baumstämmen streichen. Seit dem Aufwachen sind das unsere ersten Worte. »Normalerweise hättest du mich um diese Zeit schon mehrfach beleidigt.«
»Ich denke nur nach«, erwidere ich schwach und sehe zu, wie Tibith selbstvergessen vor uns über den Boden kugelt.
»Worüber?«
»Über verschiedene Möglichkeiten, dich umzubringen.«
Ich kann mir sein Lächeln denken, als er mich flötend bittet: »Erzähl.«
»Damit du meine Anschläge überlebst? Netter Versuch.«
»Also hegst du bisher keine ausgefeilten Mordpläne.«
»Glaub mir, ich habe mir Hunderte von Vorgehensweisen ausgedacht, dich um die Ecke zu bringen. Dafür habe ich sogar eine neue Liste aufgestellt.«
»Was stand auf der alten Liste?«
»Auf meiner Hassliste?«, frage ich und bleibe stehen, um Atem zu schöpfen. »Da stand nur dein Name drauf, zehnmal.« Ich wende mich zu ihm um, kann mich aber nur auf das samtig schimmernde Sonnenlicht in seinem onyxfarbenen Haar und das goldene Funkeln seiner Augen konzentrieren.
Seine Mundwinkel zucken. »Klingt eher nach Obsession. Hast du meinen Namen geküsst, nachdem du ihn aufgeschrieben hast?«
Schwein.
»Hast du von mir geträumt?« Er bemerkt meinen wachsenden Ärger, und sein Lächeln wird stärker. »Hast du dir vorgestellt, wie ich nackt aussehe?«
Ich runzle die Stirn. Er wartet eindeutig darauf, dass ich ihn beleidige und mich noch mehr über alles ärgere, was er sagt. Doch seltsamerweise denke ich zugleich, dies sei seine Art, uns in normales Fahrwasser zurückzusteuern.
Mit geschürzten Lippen atme ich langsam aus, um mich zu beruhigen. Meine Züge entspannen sich. »Ja, habe ich.«
Plötzlich sieht er nicht mehr belustigt drein, und weil ich weiß, dass ich ihn erwischt habe und er nun angespannt ist, schlendere ich lässig auf ihn zu. »Und ich habe mir diverse Szenarien überlegt«, flüstere ich und streiche mit den Fingerspitzen seinen Arm hinauf.
Wie unerwartet und verführerisch von mir.
Und ein weiteres Spiel zwischen uns.
Wieder in der Normalität.
»Zum Beispiel?«, fragt er heiser und stirnrunzelnd.
»Na ja«, hauche ich und betrachte die straffen Muskeln seines Oberarms, die den Ärmel spannen. »Zuerst stelle ich mir vor, dass du mich berührst …« – ich nehme seine Hände und lege sie auf meine Hüften – »… und zwar hier.«
Er mustert mich, folgt all meinen Bewegungen. »Dann«, flüstere ich, und mein Atem streicht über seine Haut, »lässt du sie zu meinen Schenkeln gleiten.« Ich schiebe seine Hände abwärts, schaue dabei grinsend auf und strecke mich, während er vernehmlich schluckt.
Ich gewinne.
Nun schiebe ich seine Hände weg und trete einen Schritt zurück, doch er schlingt mir den Arm unvermittelt um die Taille und drückt mich wieder an seine Brust. »Dass ich täte, was du mir gerade gezeigt hast, erscheint mir sehr unwahrscheinlich, Goldie«, raunt er kühn.
»Ach?« Ich neige den Kopf zur Seite und hebe die Brauen. »Warum?«
Er grinst, als zählten meine Herausforderungen nicht. »Weil es unbedeutend ist im Vergleich zu dem, was ich gern tun würde und wonach du dich heimlich sehnst.«
Mir fällt die Mimik aus dem Gesicht.
»Es ist zu brav, zu sehr auf Sicherheit bedacht«, sagt er mit einem Lachen, das tief aus seinem Bauch kommt. »Und wir wissen beide, dass du nicht so bist, Goldie. Willst du wissen, warum?«
Ich sage kein Wort, und er redet weiter.
»Weil du alles fühlen willst. Du willst erleben, wie es ist, den Verstand zu verlieren. Aber damit nicht genug.« Seine Stimme ist reine Verführung und erhitzt mein Blut, bis es kocht. Mit der Zunge fährt er sich über die Unterlippe und mustert dabei meinen Mund. »Du möchtest bestraft werden; du sehnst dich nach jemandem, der dir gegenüber so dominant auftritt, wie du es selbst bist, und das genügt noch nicht, Goldie. Du schmachtest auch nach einer Erlösung, die nur ein Drache – und zwar einer, den du verabscheust – dir gewähren kann.«
Was passiert hier?
Meine Handflächen an seiner Brust werden ganz heiß. Seine Lippen schweben über meinem Mund, und eine Stimme in meinem Kopf sagt mir, ich soll ihn wegstoßen, doch ich rühre mich nicht. Mein Mund ist leicht geöffnet, meine Augen sind halb geschlossen, seine Hand gleitet meinen Rücken hinunter, und ich verliere den Verstand.
»Aber natürlich«, flüstert er, während ich seine volle Unterlippe betrachte und die Bewegungen seines Halses beim Reden, »ist das rein hypothetisch, doch zum Glück weiß ich, dass ich eine gewisse Wirkung auf dich gehabt habe, Goldie.« Er lässt mich los, zwinkert mir zu und geht an mir vorbei. »Mir war ja klar, dass du auf mich stehst.«
»Du –« Enttäuschung erfüllt mich, und mit verzerrtem Gesicht fahre ich zu ihm herum. »Du Flitzpiepe!«
»Flitzpiepe?« Er geht lässig weiter. »Das Wort kannte ich noch nicht.«
»Man lernt eben nie aus.« Es bereitet mir große Genugtuung, ihm diesen Spitznamen verpasst zu haben.
Nun dreht er sich doch um und legt sich vorgeblich gekränkt die Hand auf die Brust. »Du weißt mich wirklich mit Worten zu verletzen.« Seine Stimme wird zu einem Flüstern, und er rümpft schadenfroh die Nase. »Garstige Sterbliche.«
Ich unterdrücke einen Wutanfall, vertrete ihm den Weg und zwinge ihn so, stehen zu bleiben. »Garstige Sterbliche oder nicht – ich bin noch immer diejenige, die dich aus dem Kerker befreit hat.«
Wir stehen uns so nah gegenüber wie zuvor, und aufgrund des Zorns, der ihm entgegenschlägt, beugt er sich vor.
»Und ich habe dich bei den Abschlussprüfungen gerettet.«
Ich balle die Fäuste. »Ich hatte einen Plan.«
»Du bist eingebildet, Goldie.« Seine Stimme klingt sehr heiter. »Und du akzeptierst die Wahrheit selbst dann nicht, wenn sie direkt vor deiner Nase liegt.«
Ich beiße die Zähne zusammen und wünsche mir heimlich, er hätte weniger recht.
»Es kommt mir fast vor«, sagt er, »als wäre alles nur ein Spiel für dich.«
»Damit hast du doch angefangen!«
»Und wer gewinnt bis jetzt?«
Weil ich darauf keine Antwort habe, stocke ich. Prompt verzieht sich sein Mund zu einem triumphierenden Grinsen.
»Miss Nara gewinnt!«
Tibiths Ausruf lässt mich blinzeln, und ich blicke nach links, wo er mit den Ohren schlackert und Darius ansieht.
»Du gibst ihr am Ende immer nach, Darry.«
Bei Solaris!
Ich klatsche in die Hände, und ein kurzes höhnisches Lachen entfährt mir, als ich mich zu Darius umdrehe. Sein Stirnrunzeln verrät, wie beleidigt er ist. »Ja, ich gewinne gegen dich«, sage ich, »nicht nur beim Lügnerwürfeln! Und weißt du was? Ich gewinne von nun an immer …« – mit angespanntem Lächeln weiche ich zurück – »… weil du die Fähigkeit verloren hast, dich gegen meine Argumente zu behaupten und ich –«
Ich liege am Boden.
Nur dass es kein fester Boden ist, sondern sich zähflüssig und kalt anfühlt und mich völlig durchnässt.
Weil es sich um Matsch handelt.
Der nach Verwesung stinkt.
Ich schau aus dem Graben auf, in den ich gefallen bin, und schon erreicht mich das Gelächter von Darius, der am Rand erscheint und sich vor Schadenfreude den Bauch hält. »Was sagtest du gerade, Goldie?«
Ich stoße ein wildes Knurren hervor.
»Dass du von nun an immer gewinnst?«
Wieder entfährt mir ein Knurren, und ich rapple mich auf, rutsche aber sofort aus und lande erneut im Matsch.
»Dreck steht dir gut, Goldie, er ist ziemlich –«
Mit zitternden Knien komme ich auf die Beine, packe ihn am Fußknöchel und reiße ihn zu mir in den Schlamm.
Wir stolpern übereinander, landen noch tiefer im Morast und kämpfen mit dem sumpfigen Untergrund, bis wir völlig mit Matsch bedeckt sind.
»Du bist die schrecklichste Person, die mir je begegnet ist!«, fauche ich, werfe ihm Schlamm ins Gesicht und pflanze mich mit gespreizten Beinen über ihm auf. Lachend packt er meine Taille, wirft mich um und erhebt sich seinerseits über mich. Ich schlage nach seiner Brust und stoße animalische Geräusche der Wut aus, doch er schnappt meine Handgelenke und drückt sie in den schleimigen Dreck.
»Das geht für dich nicht gut aus, Goldie, und das weißt du.« Seine Nase berührt meine, und wir atmen schwer. »Wenn du unvernünftig handelst, verlierst du immer gegen mich – auch wenn du glaubst, mir überlegen zu sein.«
Er bringt mich erst dazu, unvernünftig zu handeln.
Er ist ein berauschendes Abenteuer, von dem ich nicht genug bekommen kann.
»Dann lass mich los«, hauche ich mit dem letzten Rest Geduld, den ich noch besitze.
Er mustert mich von oben und lässt nicht los. Wir holen im gleichen Rhythmus Luft, atmen schnell und hart. Obwohl er vor Dreck starrt, schimmern seine Augen wie goldener Honig.
Als er sich endlich erhebt, wird mir sofort eiskalt, und ich fühle mich plötzlich entsetzlich schlecht.
Langsam arbeitet er sich aus dem Morast und legt einen Arm um meine Taille, um mir herauszuhelfen. Ausnahmsweise widersetze ich mich nicht. Tatsächlich bin ich zu betäubt, um etwas zu sagen und –
»Äh, Darry?« Tibiths vor Anspannung zitternde Stimme lässt uns aufschauen.
Er steht am Rand der Lichtung und starrt hinter uns. Ein seltsames Gefühl befällt mich, als ich mich umsehe.
Hinter dem schlammigen Graben sind Knochen von Tieren, vielleicht auch Menschen aufgehäuft.
Der Boden bebt. Ich fahre zu Darius herum und umklammere seine Unterarme. Wir kämpfen darum, uns aufrecht zu halten. »Das ist nicht bloß Schlamm«, sage ich und spähe in die Tiefen des Waldes, während unter der Oberfläche etwas auf uns zurast.
Der Matsch wellt sich, und eine riesige, tausendfüßerartige Kreatur mit starkem, undurchdringlichem Außenskelett bricht daraus hervor. Sie kreischt laut auf und bleckt mehrere Reihen rasiermesserscharfe Zähne in ihrem Mund.
Nur ein Biss, und wir wären zerstückelt.
Dünne Tentakel sprießen dem Wesen aus dem Schädel. Ich bekomme große Augen, als es eine grellgrüne Substanz in unsere Richtung spuckt, drücke Darius zu Boden und lande auf ihm, während Tibith sich panisch in seinem selbst gemachten Kokon durchs Gras kugelt und »Monster, Monster, Monster!« schreit.
»Was ist das?«, frage ich.
Darius runzelt die Stirn. »Bist du nicht die Expertin, wenn es um die Bestimmung von Geschöpfen geht?«
»Nicht bei Wesen wie diesem!«
Er packt mich an der Taille, schaut über meine Schulter und rollt uns zur Seite. Ich liege unter ihm, als ein Schuss der flüssigen grünen Substanz neben uns zu Boden klatscht. Der Schlamm zischt und brennt – das muss Säure sein!
Das Geschöpf spuckt erneut und verfehlt uns nur knapp. »Siehst du die Ranke dort?« Darius weist mit dem Kopf nach rechts. Nickend schaue ich zum Ende des Grabens. »Zieh dich daran aus dem Schlamm hoch.«
Was? »Du wirst dich doch nicht für mich opfern?«
Meine Bemerkung scheint ihn nicht zu belustigen, obwohl ein Lächeln um seine Mundwinkel spielt. »Ich will dafür sorgen, dass wir nicht gefressen werden.«
Er löst sich von mir, sodass ich aufstehen und mich zum Ende des Grabens durchschlagen kann. Das schrille Gebrüll des Wesens schallt von den Bäumen zurück, während ich mich durch den Matsch arbeite, beinahe wieder ausgerutscht wäre, endlich die Ranke zu fassen bekomme und mich daran festhalte. Dann blicke ich mich um und sehe Darius mit einem Schwert in der Hand bei dem Knochenhaufen knien.
»Miss Nara, passen Sie auf!« Tibiths Warnung lässt mich gerade noch rechtzeitig zu dem Geschöpf schauen, das seine Säure wieder in meine Richtung spuckt. Ich ducke mich, und die Säure trifft die Ranke. Mit großen Augen sehe ich, wie einzelne Blätter sich zersetzen, und stelle mir vor, dass es fast mir so ergangen wäre. Ich erhebe mich erneut und packe die ramponierte Ranke, um mich aus dem Matsch zu ziehen.
»Festhalten, Miss Nara!«, quietscht Tibith und versucht, mich aus dem Graben zu zerren. Tatsächlich schaffe ich es auf allen vieren hinaus. »Wir müssen Darry helfen!«
Ich richte mich auf und wende mich Darius zu, der das Geschöpf abwehrt.
Mit gezückter Klinge sehe ich, wie er sich zur Seite rollt, doch dann trifft ihn die giftige Säure. Sofort blicke ich zu dem Monster, das sich wie ein Käfer bewegt, sich aufrichtet und zum Angriff bereit macht.
Mir kommt ein Gedanke.
Das Wesen ähnelt einem Tausendfüßer.
Sein Zuhause besteht aus feuchtem, nein, nassem Matsch.
Tausendfüßer verabscheuen Wärme …
»Der braucht Hitze«, flüstere ich. Kaum habe ich das begriffen, rufe ich Darius zu: »Der braucht Hitze!«
Er wirft mir einen finsteren Blick zu und duckt sich, weil das Geschöpf nach ihm schlägt. Mit im Hals schlagendem Herzen suche ich die Gegend ab und entdecke Äste am Boden.
»Tibith, hol mir von den Ästen, so viele du kannst«, befehle ich, sinke auf die Knie, greife mir einen Stock und ziehe die Rinde ab. Der Matsch auf meiner Haut ist noch nass und macht es schwerer, das Holz zu bearbeiten.
Von hinten erreicht mich Schmerzgebrüll, und ich blicke mich um. Darius hat den Tausendfüßer an der Seite verletzt, aber das reicht nicht. »Mach zu, Goldie!«, ruft er, während Tibith mit so dicken Ästen auftaucht, dass ich staune, wie ein so kleines Wesen sie schleppen kann.
Perfekt.
Ich greife einen Ast aus dem Haufen, nehme mein Messer, schneide ein Stück Stoff aus meinem langärmeligen Umhang und lasse Tibith den Ast festhalten, während ich ein Loch ins Holz bohre. Auf einem Bein kniend, drücke ich den Ast runter und reibe den Stock mit den Händen immer schneller im Loch. Bange Augenblicke vergehen, ehe ein Rauchfaden aufsteigt. Aufatmend blase ich in die Glut, um die Flammen anzuheizen.
»Na kommt, kommt schon, kommt –« Ein weiteres Kreischen lässt mich verstummen. Schweiß rinnt mir über die Stirn, und Tibith wimmert panisch.
Kurz darauf schlägt eine kleine Flamme empor. Ich werfe Tibith einen triumphierenden Blick zu, weiß aber, dass ich schnell sein muss, und nehme mir einen anderen Ast, während er mir das Stück Stoff gibt, damit ich es um das Holz wickle.
Ich stehe auf, entzünde die improvisierte Fackel, hüpfe, ohne nachzudenken, in den matschigen Graben zurück und kämpfe mich zu Darius vor. Er blickt mir mit leichtem Stirnrunzeln in die Augen, und das Wesen konzentriert sich auf mich. Darius versucht, seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen, während ich mit der Fackel nach dem Tausendfüßer stoße. Der kreischt in blankem Schrecken auf und spuckt sein Gift nach mir, doch ich weiche aus und treffe genau den Punkt, an dem eins der Beine an seinem Körper anliegt. Der Tausendfüßer fährt brüllend herum und greift nun mich an. Ich wälze mich durch den Schlamm und verliere dabei die Fackel, sehe Darius aber losspringen und mit dem Schwert nach der Brandwunde zielen. Der um sich schlagende Tausendfüßer ist von dieser Attacke überrascht, und die Klinge durchstößt die dicke, knotige Haut unter dem Außenskelett und dringt ihm tief in den Leib. Prompt quillt dicker, blauer Schleim hervor.
Das Geschöpf zittert und brüllt, während seine Tentakel Gift in alle Richtungen spritzen. Darius zerrt ihm das Schwert aus dem Leib und schlägt es in einen Tentakel, während das Monstrum in den Matsch stürzt. Der blaue Schleim spritzt überallhin, vor allem auf Darius.
Atemlos erhebe ich mich und mustere ihn. Seine Brauen rücken angewidert zusammen, als er an der klebrigen Substanz auf seiner Kleidung zupft. Während Tibith unseren Sieg bejubelt, breche ich in unbändiges Gelächter aus.
Ich lache, bis mir das Zwerchfell wehtut und ich kaum mehr Luft holen kann.
Ich lache … wie damals im Drachenversteck.
Dann wische ich mir die Tränen aus den Augen und werde wieder ernst. Darius neigt den Kopf zur Seite und mustert mich mit einer Miene, die ich nicht entschlüsseln kann.
»Was ist?«
Er schüttelt den Kopf, und ein Lächeln tritt auf seine Lippen. »Nichts, aber … du solltest öfter lachen, Goldie.«
Dass seinen Worten der übliche Spott fehlt, lässt mein Lächeln ersterben. Ich lege die Finger an die Mundwinkel, streife den rissigen Matsch vorsichtig von den Lippen, senke die Hand und räuspere mich. »Wir sollten weiterziehen, ehe es dunkel wird. Vielleicht gibt es hier noch weitere Riesentausendfüßer.«
Er nickt stumm und betrachtet das tote Untier, und ich versuche, nicht daran zu denken, dass es sich einen Moment lang gut angefühlt hat, es zu befreien.
Unser Feuer lodert auf der Lichtung und erhellt die Nacht. Terranos ist kälter, als ich es aus Emberwell gewohnt bin, und obwohl uns die Magie von Darius in diesen Wäldern nichts nutzt, weiß auch er, wie man fast aus dem Nichts ein Feuer entfacht. Doch ich bezweifle, dass er unter der Kälte so leidet wie ich, denn Gestaltwandler haben immer eine gewisse Binnenhitze.
Ich gehe zu ihm, und mein Magen grummelt heftig. Der Gedanke an das letzte Stück Käse, das wir von dem, was Gus uns gegeben hat, übrig haben, lässt mich entmutigt schnauben.
Darius scheint es nicht zu hören, obwohl ich mich neben ihm niederlasse und die Knie an die Brust ziehe. Nach dem Kampf vorhin habe ich im nahen Fluss gebadet und die einzigen Sachen angezogen, die ich zum Wechseln dabeihabe – eine weiße Korsettbluse und Beinlinge.
Ich wärme meine Hände am Feuer und sehe Darius an. Er trägt eine saubere Kniehose und ein Hemd, und Tibith schläft auf seinem Schoß.
»Diesmal solltest du ein wenig schlafen«, sage ich.
Er starrt wie hypnotisiert in die Flammen. »Ich bin nicht müde.«
Lügner.
»Du hast tagelang nicht geschlafen.« Nach den Abschlussprüfungen in der Arena hatte ich ihn eine Woche nicht gesehen, doch beim Treffen mit Gus waren mir seine dunklen Tränensäcke nicht entgangen. »Das weiß ich, weil ich selbst kaum schlafen kann.«
Er stößt ein ungläubiges Lachen aus und sieht mich endlich an. »Vor ein paar Stunden hast du dich noch in einem Graben voller Matsch mit mir geprügelt. Warum tust du jetzt so, als würdest du dir wegen mir Sorgen machen, Goldie?«
»Das könnte ich dich jedes Mal fragen, wenn du mich wieder gerettet hast.«
Daraufhin schweigen wir, und er löst widerstrebend den Blick von mir.
Sein Verzicht auf eine nervige Antwort macht mich beklommen. Was geschehen ist, hat ihn offenkundig verändert. Wir alle gehen mit Kummer unterschiedlich um. Während Illias und Iker ihn zeigten, haben Idris und ich ihn mit uns selbst abgemacht. Das ist noch immer so.
Die meisten Leute rechnen damit, Trauer zu empfinden, aber was sie nicht erwarten, ist die tiefe Leere, wenn eine geliebte Person stirbt. Jeder Tod, den ich miterlebt habe, hat mich verändert, und nach Lorcans Tod war ich völlig verwirrt und fühlte mich … verloren.
Ich räuspere mich, als mir etwas einfällt, und zupfe an meinen Fingernägeln. »Ich weiß, wir haben nicht mehr darüber gesprochen seit –«
»Lass es.« Seine Stimme klingt so mutlos wie mahnend. Ihm ist klar, was ich sagen will.
In mir schwillt etwas zur Größe eines Felsbrockens. »Er hat mir gesagt, ich soll dir sagen, du sollst verfolgen, was du dir wünschst«, bemerke ich leise.
Mit verhärteter Miene sieht Darius ins Feuer. Heikle Sekunden vergehen, Wind pfeift durch den Wald, und die Bäume scheinen um Hilfe zu schreien. Endlich flüstert er: »So einfach ist das nicht.«
»Kein Wunsch ist einfach zu verwirklichen.«
»Erst recht nicht, wenn er unerreichbar ist.«
»Woher willst du das wissen?«
Er mustert mich mit herzzerreißendem Blick. Geheimnisse stehen darin und verheerende Versprechungen. »Ich verdiene nicht, dass ein solcher Wunsch wahr wird.«
Anspannung liegt in der Luft.
Wie gut, dass ich liebend gern gehasst werde.
Das hat er während der Kämpfe in der Arena zu Erion gesagt.
Nie werde ich begreifen, warum du unbedingt von so vielen gehasst werden willst.
Das habe ich vor seiner Gefangennahme gesagt.
Ich zucke zurück, als Darius mir mit den Fingern über die Wange fährt, und halte den Atem an.
»Noch immer klebt Matsch an dir, Goldie.« Sein Daumenballen gleitet weiter und berührt sekundenlang meine Lippen. »Wäschst du dich überhaupt mal richtig?«
Er lenkt vom Thema ab.
Ich schiebe seine Hand weg und schüttle den Kopf. »Bist du je länger als einen Moment ernst?«
Er grinst lässig und betrachtet meine Hand, die noch auf seiner liegt. Sofort ziehe ich sie weg wie von einer glühenden Herdplatte. »Ich denke, du kennst meine Antwort darauf«, sagt er.
»Warum mache ich mir überhaupt die Mühe, mit dir wie mit einer normalen Person reden zu wollen?« Ich stehe auf und streife mir eventuellen Dreck vom Hintern ab. Darius beobachtet das zögernd, und ich sage verärgert: »Ich gehe Holz für das Feuer holen.«
»Nur zu.« Er zeigt auf die verschiedenen Bereiche des Waldes, in die vier Wege führen.
Ich werfe ihm einen finsteren Blick zu und nähere mich dem Pfad, den auch er beim Holzsuchen genommen hat, bleibe aber auf halber Strecke stehen, hole rasch Luft, tippe mit dem Fuß ungeduldig auf den Boden und beschließe, umzukehren und ihn anzusehen.
Sein Blick ruht auf mir. Neugier und Belustigung funkeln in seinen vom Feuer beleuchteten Augen.
»Alle Anständigen verdienen, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen«, sage ich, und sein Lächeln wird schwächer. »Und falls Lorcan wollte, dass du einer Sache nachgehst, dann tu das. Der Einzige, der dich davon abhält, bist du.«
Ich wende mich ab und gehe, um keine weitere resignierte Reaktion zu erleben, die mir womöglich nicht gefällt.
Wie eine Wahnsinnige führe ich halblaute Selbstgespräche, während ich schmale Pfade entlanggehe und Zweige und dornige Blätter beiseiteschiebe. Ich habe Darius harte Worte an den Kopf geworfen und überlege, ob sie wirklich nötig waren. Bis vor Kurzem kannte ich schließlich nur eine Seite von ihm. Manchmal möchte ich ihm Hunderte Fragen stellen, obwohl wir nach meinem Sieg im Drachenversteck anders verblieben sind. Zu anderen Zeiten denke ich, die Dinge sollten unausgesprochen bleiben.
Seufzend schüttle ich den Kopf und verspüre den unangenehmen Drang, die geschnitzte Sonne, die Lorcan mir zurückgegeben hat, aus der Tasche zu ziehen. Stattdessen zücke ich meinen zweischneidigen Dolch, und meine Gefühle schnüren mir fast die Kehle zu.
In den Tagen, die ich nach den Abschlussprüfungen in einem Zimmer der Gestaltwandler verbrachte, habe ich die gleiche Figur geschnitzt wie in meiner alten Hütte.
Die Ardenti-Drachin.
Mein Daumen streicht über ihre fein gearbeiteten Schuppen aus Ebenholz. Die Figur ist eine Erinnerung daran, dass die Drachin hätte leben und ich die Tapferkeit hätte besitzen sollen, mich von Anfang an gegen die Königin zu wenden.
»Solaris in Menschengestalt.« Die Worte lassen mich abrupt stehen bleiben. »Beschützerin von Land und Leben.«
Langsam drehe ich mich um, und meine Brauen rücken beim Klang der ätherischen Stimme zusammen.
»Solaris, Solaris, Solaris.«
Magisch angezogen bewege ich mich in die Richtung, aus der die Stimme kommt.
»Die Sonne blüht neu, denn sie hat ihren Mond gefunden.«
Leiras Vision.
»Tod«, zischt die Stimme, »Regentschaft, Auferstehung.«
Ich schlage mich durchs Unterholz, bleibe zwischen hohen Bäumen stehen und blicke über einen schimmernden See, der sich blau und golden kräuselt und in den sich ein Wasserfall ergießt.
Nie habe ich etwas Zauberhafteres gesehen. Die Szenerie wirkt wie einem unfassbar schönen Traum entsprungen. Daran ändert auch das Dröhnen nichts, mit dem der Wasserfall auf Felsen prallt.
Mit zur Seite geneigtem Kopf nähere ich mich dem See, bis meine Füße das Ufer erreichen und ich mein strahlendes Spiegelbild im gekräuselten Wasser erblicke.
»Naralía.«
Wieder höre ich die Stimme, heller diesmal und wie im Chor.
»Komm zu uns.«
»Wofür steht ihr?« Meine Stimme klingt schläfrig und benommen, und mein Dolch entgleitet mir und fällt ins Gras.
»Für Freiheit.«
Lächelnd schließe ich wie selbstverständlich die Augen und ziehe meine Stiefel aus. Ich bin weit weg und doch nah, gebannt und erschöpft. Ich weiß nicht, was das hier ist, kann aber nicht aufhören, lasse den linken Fuß überm Wasser pendeln und tauche ihn ein. Sofort erfüllt mich beruhigende Wärme am ganzen Leib, und bezaubert lasse ich mich fallen.
Sollte es ein Aufklatschen gegeben haben, habe ich es nicht gehört. Ich sinke. In mir löst sich etwas, das spüre ich, und eine Kraft zieht mich immer tiefer dem entgegen, was sich Freiheit nennt.
Fernes Gelächter hallt in meinem Kopf und gemahnt mich an die schimmernden Wellen des Sees. Schon bin ich weit in meiner Vergangenheit.
Und erinnere mich an etwas lange Vergessenes.
Mit hellem Lachen renne ich durch die Straßen einer alten Stadt, die meine Mutter gern besucht.
Hier gibt es die besten Läden für Holzarbeiten.
Als zwei Murmeln, die sie für mich auf dem Markt erworben hat, auf den Boden kugeln, sagt sie, ich solle vorsichtig sein. Leute gehen vorbei, schnalzen missbilligend mit der Zunge und sehen zu, wie ich den Murmeln nachhetze, um sie zurückzuholen.
Eine Kugel kann ich aufheben, und ich lächle, doch die andere prallt gegen den Schuh eines Passanten.
Als ich aufschaue, sehe ich einen Jungen mit kurzem braunem Haar und verschlissenem Gewand.
Er nimmt die Murmel und betrachtet sie zwischen Daumen und Zeigefinger, während die Sonne darauf glitzert.
»Die gehört mir«, sage ich und gehe auf ihn zu.
Ruckartig hebt er den Kopf, und seine haselnussbraunen Augen weiten sich vor Furcht. Er scheint nicht zu wissen, ob er reden oder schweigen soll.
Ich muss ihn verängstigt haben.
»Du kannst sie behalten, wenn du magst.« Ich wippe auf den Zehen. »Meine Mutter sagt, ich soll netter sein.«
Damit ich Freunde finde.
Obwohl ich niemals Freunde finden werde.
Nur meine Brüder sind meine Freunde.
Vielleicht kann dieser Junge jetzt mein Freund sein, aber er wirkt noch immer verängstigt und auch … zögernd.
»Bist du also nicht nett?«, fragt er schließlich.
Obwohl mich die Frage ärgert, sage ich: »Natürlich bin ich nett.« Selbstbewusst hebe ich mein Kinn. »Wenn ich nett sein will.«
