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Unter dem Titel „A mio aviso“ fasst die Autorin ihre Ansichten und Einsichten zusammen, die sie im Laufe von fünf Jahren in ihrer Wahlheimat Venedig gewinnen konnte. So ist ein Kaleidoskop entstanden über Einwohner und Touristen, über Normalbürger, Künstler, Kreuzfahrer und Hunde, über die allseits bekannten und die unbekannt-versteckten Sehenswürdigkeiten, über die spezielle Sprache der Venezianer und ihre Lokalpolitik und über den täglichen Kampf gegen den Müll und den Verfall, das in humorvoller Weise die Aspekte eines Lebens in dieser außergewöhnlichen Stadt beleuchtet. Zahlreiche Zeichnungen der Grafik-Designerin illustrieren ihre Anschauungen und vervollständigen diese Impressionen. Claudia Manicolo, in München geboren, studierte nach dem Abitur Grafik und Design und arbeitete danach freiberuflich als Illustratorin. Nach einer beruflichen und privaten Neuorientierung verbrachte sie von 2011 bis 2016 einen Teil ihres Lebens in Venedig. Ihre Tagebuchaufzeichnungen und Illustrationen ergaben die Vorlage für das vorliegende Buch. Heute lebt Claudia Manicolo in Südbaden, nahe der Schweizer Grenze.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Am Morgen
Ansichten
Die Venezianer und ihre Sprache
Die Venezianer und ihre Hunde
Am Fenster
»Gott ist groß«
Davide
Sonntagsspaziergang
Venedig – ein Dorf
La Marchesa
La Coppia
La Contadina
Il Nobile
La Donna
Machilista
La Vecchia
Der Gucci-Taschen-Verkäufer
Paralleluniversum
Ratti
Die »Libreria Aqua Alta«
Mori
La Tintoretta
Bambino – Spaccone – Papagallo
Das Miraculi-Kirchlein
Der Kiosk
Ponte delle Tette
Die »Frari«
Santa Maria del Giglio (Santa Maria Zobenigo)
Heilige (Ein-/Vielfalt auf dem »harten Rücken«)
San Sebastiano
San Pantalon
San Trovaso
Homo Touristicus
Mariano Fortuny
Die Biennale
Die Biennale Palazzi
Der Palazzo Merati
Die Stadt und der Müll
Stampatore di Venezia – oder wie ich den Gutenberg von Venedig traf
Scarpe alla Moda
Venedig, ein Trimm-dich-Pfad
Auf dem Vaporetto
Bella Figura
Pronto Soccorso
Aussichten
Nachwort
»A mio aviso« ist Italienisch und bedeutet »meiner Ansicht nach«.
Zahlreiche Streifzüge durch die Stadt Venedig haben mir eine Fülle von »Ansichten« und »Einsichten« beschert, die naturgemäß alle subjektiv sind, von denen ich aber hoffe, dass sie dazu dienen, diese wunderbare und einzigartige Stadt auf unterhaltsame Weise und abseits der bekannten Pfade kennenlernen zu wollen.
Die Zeichnungen, die ich beigefügt habe, sind, sofern es sich nicht um Heilige oder Geistererscheinungen handelt, nach realen Beobachtungen entstanden.
Mein venezianisches Abenteuer begann mit dem Tag, an dem ich Umberto Baumeister kennenlernte. Ich war damals, nach langen erfüllenden Berufsjahren, »verrentet«. Eine Bezeichnung aus dem Wortschatz deutscher Bürokratenkultur, die eher nach »verhaftet« als nach »befreit« klingt. Zwei Ehen waren begonnen, durchlebt und erfolgreich abgeschlossen, ebenso die Renovierung eines alten hübschen Häuschens mit Garten. Zwanzig Jahre hatte ich einen Großteil meiner freien Zeit in die Renovierung gesteckt, hatte geschliffen und poliert, tapeziert und gestrichen, Boden und Wände herausgerissen und neu aufgebaut und aus einem Unkraut überwucherten Grundstück einen Garten nach englischem Vorbild angelegt. Ich stellte mir eine Zukunft vor, in der ich die Früchte dieser Arbeit genießen und allenfalls so viel an Zeit und Arbeit hineinstecken wollte, um den Zustand zu erhalten. Darüber hinaus wollte ich reisen und mehr Zeit mit meinen Töchtern und Enkeln verbringen, die teils in Italien, teils in Süddeutschland lebten.
Da Genießen und Reisen zwei Dinge sind, die zu zweit erheblich mehr Spaß machen, hatte ich mich in einer Internetpartnerbörse angemeldet, wohl einfach, um »mal zu schauen«, ob ich in meinem Alter und mit meinem Eigensinn überhaupt noch einen Partner dafür finden könnte. Nach einigen netten, aber auch skurrilen Begegnungen lernte ich bei Tee und Apfelkuchen Herrn Baumeister kennen. Schnell stellten wir fest, dass unser Blick in die gleiche Richtung ging, wie ich meinte. Mit der Gabe der kolossalen Übertreibung ausgestattet, entwarf mir Herr Baumeister eine mögliche gemeinsame Zukunft, in der viel von Muße und Genuss und »nebenher« von einigen kleineren »Gestaltungsmaßnahmen« für unser gemeinsames Leben in Deutschland und Venedig die Rede war.
Zu meiner Verteidigung sei gesagt, ich war geblendet und wusste es nicht besser. Bertl (wir nannten uns zu diesem Zeitpunkt bereits beim Vornamen) hatte ein paar Jahre zuvor mitten in Venedig, im Sestiere Castello, eine Wohnung gekauft. Diese Stadt, erläuterte er mit leuchtenden Augen, war sein Traum. Viel Zeit und Kraft hatte er bereits in den Ausbau dieser Wohnung investiert, und es gäbe immer noch »etwas« zu tun, das aber sei nun wirklich nur noch »dem Hobby geschuldet«. In Venedig sei er ein anderer Mensch, da fiele aller Ärger, alle Sorge, alle Anspannung von ihm ab … Ich müsse unbedingt kommen und schauen! Seit fünf Jahren schaue ich nun.
Müßig zu erwähnen, dass »dem Hobby geschuldet« sich als Euphemismus des Jahrhunderts herausstellte. Tatsache ist, dass jeder Aufenthalt von uns den vollen kreativen Einsatz an handwerklichem Geschick, gepaart mit nimmermüdem Optimismus abverlangt. Mit allen Waffen, die uns die Baumärkte zur Verfügung stellen, stemmen wir uns gegen den schleichenden Verfall, der nicht nur unsere Behausung, sondern offensichtlich die ganze Stadt im Klammergriff hat. Entsalzer, Tiefengrund (auch für feuchte Wände) Superhaftprimer und ein von Bertl ausgetüfteltes Verhältnis von verschiedenen Zementmischungen und Abtönfarbe werden dabei über gefühlt hundert Brücken und durch enge Gässchen an den Kriegsschauplatz geschleppt.
Die erste Amtshandlung besteht allerdings darin, den Müll zusammenzuklauben, den überforderte Touristen vor unserer Haustür entsorgt haben in der irrigen Annahme, es handele sich um einen Abfallkorb. Danach werden die Wände inspiziert und zusammengekehrt, was diese in unserer Abwesenheit herausgespuckt haben. Ja, Wände können spucken, und sie machen sogar richtig Krach dabei, es muss sich nur genügend Salz im Mauerwerk gelöst haben!
Dann sinken wir erschöpft in unsere Sessel am Fenster. Eine Gondel zieht vorbei. Das grüne Wasser des kleinen Rios funkelt mit den roten Ziegeln des Palazzo Nicolaj um die Wette. Ach, denken wir, und die altbekannte Freude des Hierseins ergreift uns, ist doch alles gar nicht so schlimm. Und Bertl hat auch wieder eine Idee, wie er dieses Mal die besonders marode Wand zum Schlafzimmer restaurieren kann …
Der Morgen im Castello beginnt mit dem Geschrei und Gezänk der Möwen. Im Halbschlaf nehme ich sie wahr, bevor mich das Geknatter, Gerumpel und Gedröhne der frühen Boote endgültig wecken. Den Rio Santa Marina fahren sie hinauf und hinunter und hinterlassen klatschende Wellenschläge an der Außenmauer unter unserem Schlafzimmerfenster.
Lautstark werden neueste Nachrichten unter den Bootsführern ausgetauscht, Pfiffe und langgezogene Rufe hallen von den Wänden der eng stehenden Häuser wider, die den Kanal säumen. »Oooiiieee! Ich bin der Erste!« könnte man sie grob übersetzen. Sie sichern die Vorfahrt und dienen als Warnung an die anderen beim Durchfahren unter den engen, niedrigen Brücken und beim Einbiegen aus Seitenkanälen. Die Boote sind vollbeladen. Gemüse, Wasser, Maschinenteile, Möbel, Postpakete. Jedwede Fracht gelangt zuallererst über das Wasser an ihren Bestimmungsort, bevor sie, auf Sackkarren verladen, mit reiner Muskelkraft an ihr endgültiges Ziel verbracht wird, begleitet von lauten Rufen »Attenzione! Attenzione!«, die dafür sorgen, dass bummelnde Fußgänger schleunigst beiseite springen.
Den ganzen Tag und bis in den späten Abend werde ich nun umgeben sein von den wuseligen Alltagsgeräuschen im Castello. Durch das gekippte, geöffnete Fenster im Bad lausche ich während meiner Morgentoilette den Stimmen der Vorbeieilenden. Es wird gescherzt, palavert, telefoniert, geschimpft und gesungen! Das Getrappel großer und kleiner Schuhe, das Scheppern der Rollkoffer und das Klackern der Carellos, der Einkaufswägelchen, die die Stufen an unserer Brücke hinauf und hinunter geschubst werden, bilden die Hintergrundmusik. Jetzt kommen auch die Mamas, Papas und Omas vorbei, die ihre Kleinen in den Giardini d. Bambini am Miraculi-Kirchlein bringen. Ihre Ermahnungen, die hellen Stimmen der Kinder, ein gepfiffener, dann ein gesungener Schlager im schönsten Tenor, dargebracht von einem Mann, der zumindest an diesem Tag gute Laune hat … das alles mischt sich mit dem Plätschern meiner Dusche und dem Gurgeln meines Mundwassers zu meiner Morgenmusik.
Ein schöner Tag beginnt.
Venedig ist eine wunderbare, immer noch schöne und vor allem »menschliche« Stadt. Im 20. Jahrhundert hat man sich komplett von Öl- und Kohleöfen verabschiedet und auf Gas umgestellt, das rückstandslos verbrennt. Freundliche Windrichtungen sorgen dafür, dass auch die Emissionen der Industrie aus Mestre keine Beeinträchtigungen darstellen, zumindest keine wesentlichen. Dafür gibt es nun Kreuzfahrtschiffe die sich fleißig bemühen, mit ihren Dieselmotoren dieses »Manko« auszugleichen, doch davon später.
Tatsache ist, der Mensch per pedes hat in dieser Stadt absoluten Vorrang. Kein Auto lässt ihn am Straßenrand warten oder beleidigt mit Auspuffgasen seine Nase, noch trägt es zum Schaden seiner Lunge bei. Nicht einmal ein Fahrrad schneidet ihm den Weg ab. Und da es keine Ampeln gibt, entstehen auch keine Staus. Selbst in den gefürchteten Sommermonaten, wenn zur Ferienzeit Touristenschwärme in die Stadt einfallen und an manchen Stellen kein Quadratzentimeter Pflaster mehr frei zu sein scheint, gibt es immer Bewegung.
So, zu Fuß, kann der Mensch seinen Blick schweifen lassen, kann sich das Tempo geruhsam anpassen und das Auge sich an den Schönheiten der einstigen »Serenissima« erfreuen. An der unglaublichen Fülle von Malerei, Kunst und den prachtvollen Gebäuden, die Zeugnis ablegen vom Geist und Bürgersinn ihrer einstigen Bewohner. In seinem Buch »Venedig ist ein Fisch« bemerkt der Schriftsteller Tiziano Scarpa (ich zitiere frei): Dieser übervolle Kelch an Schönheit sei eigentlich kaum zu ertragen, deshalb habe man an höherer Stelle (gemeint ist wohl die Verwaltungsbehörde der Stadt) ein paar Scheußlichkeiten eingebaut, um dem überreizten Auge die Möglichkeit zu geben, sich auf ein Normalmaß einzupendeln.
In der Tat, das Gebäude der Sparkasse am Campo Manin erfüllt diesbezüglich alle Erwartungen. Es wundert sich der Besucher, wie es möglich war, dafür eine Baugenehmigung zu erhalten. Wo doch allgemein bekannt ist, dass es in Venedig eine strenge, fast möchte man sagen, nahezu unbewegliche Bürokratie gibt, die über das historische Ansehen der Stadt wacht. Dass eine Stadtverwaltung beschließt, dem eigenmächtigen und unkontrollierten Treiben wildwuchernder Renovierungen Einhalt zu gebieten, ist nachvollziehbar. Man brauchte Stauraum? Dann wurde kurzerhand ein gotisches Fenster zugemauert. Man wollte vermieten? Dann wurde eine Zwischendecke eingezogen, byzantinische Simse und Kannelierungen abgeschlagen und genormte Rechteckfenster eingesetzt. Einen solchermaßen »kulturhistorischen« Schaden kann man unter anderem im Corte del Milion betrachten, wo klägliche Überreste von einer einstmals großartigen Bausubstanz zeugen.
So großzügig man Jahrzehntelang über solches Treiben hinweggesehen hat, so rigoros verfolgt man heute die entgegengesetzte Richtung. Für den normalen Hausbesitzer bedeutet dies, dass selbst für die Behebung kleinster Risse an der Fassade ein Antrag gestellt werden muss, was zahllose entnervte Eigentümer bereits zur Aufgabe ihrer mittlerweile maroden Immobilie gebracht hat. Es können Jahre vergehen, bis festgestellt werden kann, ob eine vom Verputz bereits weitgehend befreite Fassade renoviert werden darf. Muss doch erst einmal herausgefunden werden, welche Farbe »ursprünglich« dieses Haus geziert hat. Wobei »ursprünglich« schwer zu definieren ist. Handelt es sich um die zuallererst aufgetragene Farbe nach Baufertigstellung, sagen wir um 1345, oder um die zuletzt im Jahr 1950 übermalte? Feststellbar ist weder das eine noch das andere wirklich, denn mittlerweile findet sich auf den mageren Resten des noch vorhandenen Verputzes ein Konglomerat von Farbschattierungen. Rostiges Eisenrot, schlammiges Braun, moosiges Grün und verwaschenes Grau verbinden sich zu kleinen und größeren Brocken gelösten Verputzes, die nach und nach im Wasser der Kanäle versinken oder, weniger schön, auf dem Kopf eines Dahineilenden landen, der eine schmale Calle durchquert. Und während in der zuständigen Verwaltung die Aktenberge ruhen, setzen Salz, Wasser und Sonne weiterhin den meist schlecht gebrannten Ziegeln zu.
In ihrem Vorwort zu Toni Sepedas originellem Stadtführer »Mit Brunetti durch Venedig« weiß sich die Schöpferin des Kommissars, Donna Leon, in Übereinstimmung mit den geplagten Venezianern, wenn sie konstatiert, dass es kompliziert sei, in Venedig eine Wohnung zu besitzen. Sollte man den Wunsch haben, ich zitiere, »einen erwachsenen Mann weinen zu sehen«, brauche man ihn nur einmal darauf anzusprechen, wie er seine Wohnung renoviere.
John Berendt beschreibt in seinem Buch »Die Stadt der fallenden Engel« ein Gespräch mit einem befreundeten Ehepaar, welches Venedig zu seiner zweiten Heimat auserkoren hatte. Zusammenfassend heißt es da: Die Schwierigkeit, in einer Stadt leben zu wollen, deren historisches Vermächtnis man einerseits erhalten wissen will, deren aufgeblähte und stellenweise korrupte Bürokratie einen aber an diesem Unterfangen verzweifeln lässt, gipfelt in der Aussage, Zitat: »… wenn Sie Hauseigentümer sind, sind Sie verpflichtet, bestimmte Reparaturen an Ihrem Eigentum durchzuführen. Vorher muss aber eine Genehmigung eingeholt werden, die wiederum nur sehr schwer zu bekommen ist. Am Ende müssen Sie städtische Beamte bestechen, damit Sie diese Genehmigung erhalten für Reparaturen, für deren Nichtausführung oder ungenehmigte Ausführung Ihnen dieselben Beamten eine Geldbuße auferlegen …« Dabei wird der Begriff »Bestechung« anschließend relativiert und als »legitimer Teil der Wirtschaft« bezeichnet.«
Diese Aussagen wurden in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts getätigt. Verändert hat sich bis heute nicht viel. Giorgio Orsoni, der das Bürgermeisteramt in Venedig bis 2014 innehatte, wurde wegen Korruption verhaftet, zusammen mit weiteren 35 Personen, darunter ein Senator und ein ehemaliger General der Finanzpolizei. 20 Millionen Euro sollen sie unterschlagen haben, Geld, das für den Bau des Mose-Projekts gedacht war. Die Gesamtkosten für dieses Schleusensystem, welches dafür sorgen soll, dass die Stadt in Zukunft vor Überschwemmungen geschützt wird, die ihre Fundamente nachhaltig schädigen, belaufen sich auf über fünf Milliarden Euro. Geld, das Begehrlichkeiten weckt und von dem man sich im Labyrinth der italienischen Bürokratie leicht bedienen kann. Hier wurde der Begriff »Schleusensystem« kreativ ausgelegt.
Das Loch im Stadtsäckel der Lagunenstadt ist mittlerweile so groß, dass der neue Bürgermeister Luigi Brugnaro damit liebäugelte, Kunstwerke zu verscherbeln, um die Schuldenlast von 60 Millionen Euro zu verringern. Die Gehälter von kleinen Kommunalbeamten und Lehrern wurden bereits gekürzt. Um ihren Zorn über derartige Unzumutbarkeiten publik zu machen, versammelten sie sich auf dem Lido zu einem Protestmarsch, zeitgleich mit den Stars und Sternchen, die über den roten Teppich liefen, um sich anlässlich der Filmfestspiele im Scheinwerferlicht zu sonnen. »Von 900 Euro kann man nicht leben!«, skandierten sie empört. Zu Recht, wie ich meine, schon gar nicht in Venedig.
Bürgermeister Brugnaro handelt sich inzwischen von allen Seiten Häme und Spott ein. Nicht nur der geplante Verkauf von Kunstwerken sorgt für Kritik, auch sein missionarisches Vorgehen gegen den »Genderquatsch«, wie er es formuliert. So hat er zwei Schulbücher auf den Index setzen lassen, die seiner Meinung nach die »Seelen unschuldiger Kinder« verderben. Es geht darin um Familien, in denen jeweils zwei Mamas beziehungsweise Papas ihre Kinder erziehen. Was ihm naturgemäß einen Kleinkrieg mit Elton John beschert hat, der in Venedig ein Haus unterhält. Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagt man. Aus der Luft betrachtet hat Venedig die Form eines dicken Karpfens.
Als kleines Rädchen im Getriebe – geplagt durch aussalzendes Mauerwerk und im ständigen Kampf gegen Feuchtigkeit und bröselnde Ziegel, die stellenweise die Konsistenz und das Aussehen von gut gelungenem Blätterteig aufweisen – betrachten wir erstaunt, wie hurtig ein Palazzo nach dem anderen in ein Hotel umgewandelt wird. Mittlerweile habe ich mir sagen lassen, man könne sich nach eigenmächtiger Renovierung die Genehmigung auch nachträglich ausstellen lassen. Das auferlegte Bußgeld unterschreite deutlich die Kosten, die entstünden, ließe man der Verwahrlosung ihren Lauf. Ich habe mir inzwischen eine eigene Erklärung zurechtgezimmert.
Als sich Ende des 15. Jahrhunderts die Verwaltungsaufgaben der Prokuratoren immer umfangreicher gestalteten (sie waren unter anderem für die komplette Bauaufsicht der Stadt verantwortlich), wurden zusätzlich zu den bestehenden Verwaltungsgebäuden am Markusplatz, den Prokurazien, neue Gebäude errichtet. Größer und prächtiger als die alten waren sie nun mit Wohnungen für die Herren Prokuratoren ausgestattet. Die Herren, aus adligem Geschlecht, mit Macht, Einfluss und Vermögen versehen, sollten nun aus ihren prächtigen Palazzi in deutlich engere Wohnverhältnisse umziehen, was sie nur widerwillig taten. Die damit einhergehende Verdrießlichkeit hat sich wie ein schwerer, feuchter Mantel über die Pulte, Tintenfässer und Perücken gelegt. Und da liegt sie noch Generationen später. Womöglich hat sich sogar ein »Prokurazien-Gen« entwickelt, bestehend aus der leisen Wut der Zurücksetzung und dem Wunsch nach Vergeltung, dem dadurch Sorge getragen wird, dass man seine wie immer geartete Macht dazu benutzt, allen anderen, die nicht nur ihre Häuser behalten durften, sondern darüber hinaus auch noch die Frechheit besitzen, diese renovieren zu wollen, dieses Unterfangen so schwer wie möglich zu machen. Dieses Gen haust in Aktenschränken und Amtsräumen wie ein missmutiger Geist und nährt sich von der Verzweiflung und Ohnmacht der seufzenden Opfer und deren Börse.
Zu Beginn der Sommerzeit gibt es allerdings zunehmend Ansichten, deren Enthüllung man selbst als »freier Geist« nur schwer verdaut. Da läuft man nichtsahnend, in Gedanken schon daheim bei Espresso und einem Rullo Limone, an einer Osteria vorbei, deren große Fensterfront einen weiten Einblick in einen im doppelten Wortsinn geschmackvollen Raum freigibt. Geradezu einladend, um die müden Beine unter einen der kleinen Tischchen zu strecken und Körper und Geist zu erfrischen. Womit man nicht rechnet, ist, dass just an diesem Fenster, mit dem Rücken zur Straße, ein weiblicher Mensch sitzt, in zu engen Hüfthosen und zu kurzem Oberteil. Statt gebackener Reiskugeln wird dem Betrachter ein nackter Hintern präsentiert. Ungerührt schaufelt dieser weibliche Mensch Pasta in sich hinein. Die Welt da draußen geht ihm im wahrsten Sinn des Wortes »am Arsch vorbei«.
Manchem scheint es auch zu mühsam, nach einem Badetag am Lido die Kleidung zu wechseln. So gerät man in den Anblick halbnackter Menschen, die erschöpft durch die abendlichen Gassen schlurfen. Die Badelatschen haben sie anbehalten, wer will schon mit bloßen Füßen in einen Hundehaufen treten!
Was in Kirchen seit langem Usus ist, nämlich Eintritt nur zu gewähren, wenn der Besucher dem Ort gemäß gekleidet ist, hat nun auch die Stadtverwaltung aufgegriffen, allerdings in gemäßigter Form und eher als Bitte formuliert denn als Gebot. Noch wird niemand daran gehindert, halbnackt die Stadt zu betreten, nein, auf Plakaten wirbt ein knuddeliger Löwe dafür, der Besucher möge doch bitte gewisse Regeln des Miteinander und des allgemein respektierten Anstands walten lassen. Der Markus-Löwe – Sinnbild der Stadt Venedig und in der Comicversion eher an Clarence, den schielenden Löwen aus der Uraltserie »Daktari« erinnernd als an die grimmigen Darstellungen, denen man sonst auf Schritt und Tritt begegnet – wird dabei in den unterschiedlichsten Situationen als freundlich ermahnender Helfer dargestellt.
Er trägt den überforderten Touristen bei Aqua Alta auf seinen starken Armen durch die überschwemmten Gassen, zeigt ihm, wie er sich auf den dafür aufgebauten Stegen bewegen soll, damit er nicht hinuntergeschubst wird und sich nasse Füße holt, er weist auf Infostände hin und darauf, dass man schwangeren Frauen, alten Menschen über 70 und selbstverständlich allen, die mit einem Handicap zu kämpfen haben, die dafür vorgesehenen Plätze auf den Vaporetti überlässt. Ganz nebenbei lautet dann die Bitte, der Besucher möge nun seinerseits den nötigen Respekt walten lassen und die Stadt Venedig nicht mit einem Badestrand oder Campingplatz verwechseln. Überdies gäbe es auch in Venedig zahlreiche Möglichkeiten, seinen Müll in Abfallkörben zu entsorgen. Die Kanäle seien dafür nicht vorgesehen.
