Aachen mal anders - Günther Matthias Köschgens - E-Book

Aachen mal anders E-Book

Günther Matthias Köschgens

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Beschreibung

Das Leben in den frühen 60er-Jahren in der Kaiserstadt – Günther M. Köschgens (*1952), waschechter »Oecher«, bringt wertvolle Kindheitserinnerungen aus dem Alltag einer Arbeiterfamilie wieder ans Licht. Geschmückt mit eigenen Fotos, Anekdoten sowie Witz und Verstand lädt der Autor dazu ein, in die vergangene Welt des Aufbaus und »Wirtschaftswunders« einzutauchen. Sozialkritisch betrachtet er dabei die neuen Erwerbs- und Konsummöglichkeiten und lässt sich von der Sehnsucht nach individueller Mobilität mitreißen. Ein ausgedehnter Stadtbummel durch Aachen mit dem von Zigarettenrauch durchsetzten Atem des Zeitgeistes.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2020

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GüntherMatthiasKöschgens, 1952 als Sohn des Heizungsmonteurs Jakob (»Köb«) Köschgens in Aachen geboren, begann schon als Zweitklässler, seine Kreativität durch die Schreibkunst, anfangs nur auf kleinen Zettelchen, zum Ausdruck zu bringen. Inspiration erhielt er besonders durch seine Familie in einem alteingesessenen Aachener Mehrgenerationenhaushalt.

Eine Lehre bei einem Malerbetrieb brach er frühzeitig ab. 1966 fand er seinen Weg und seine Leidenschaft in der Ausbildung zum Schweizerdegen der »Schwarzen Kunst«, ein Gehilfe, der sowohl setzen als auch drucken konnte.

Erst im (Un-)Ruhestand ergreift der Autor die Initiative, all seine wertvollen Kindheitserinnerungen in der autobiografischen Geschichte eines ausgedehnten Stadtbummels zusammenzufassen.

Impressum

1. Auflage 2020

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Abbildungsnachweis (Umschlag):

https://pixabay.com/de/photos/dom-aachen-aachener-dom-religion-

2461913/Bild v.Sofi Layla (Fond) – https://pixabay.com/de/photos/schwarz-

und-wei%C3%9F-monochrom-jahrgang-5241512/Bild v. Nika Akin

Abbildungsnachweise im Buch:

Privatarchiv d. Verfassers außer auf d. S. 125 u. 188 (Privatbesitz Ute Mainz) und auf d. S. 83, 94, 95,122, 168 (Sepp Linkens), 173 (G. Wolf, Verlag Schweers + Wall), 194 (Sepp Linkens). – Trotz intensiver Recherche und großer Bemühungen konnten weder Verlag noch Autor bei manchen Abbildungen die Urheberrechte bzw. den Ursprung der Abbildung klären, um Nachdruckrechte bei den Rechteinhabern einzuholen. Sollten sich dennoch Ansprüche ergeben, sind wir für Hinweise dankbar. Wir werden diese prüfen und berechtigte Ansprüche abgelten.

Print:

ISBN-10: 3-96123-007-2

ISBN-13: 978-3-96123-007-5

e-Book:

ISBN-10: 3-96123-013-7

ISBN-13: 978-3-96123-013-6

Für meinen Sohn Alexander

Mit Dank an

Bernd, Ulla, Martha, Alex, Britta

und die Eilendorfer

Es ist Samstagnachmittag

Papp auf der Couch

ERSTES KAPITEL

Es war ein Samstag, Anfang der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wir befanden uns inmitten der Ära Adenauer. Vater, für mich Papp, ruhte sich auf unserer Couch mit den zeittypischen polierten Holzarmlehnen aus. Unterm Kopf hatte er sich zwei von Mutter bestickte Cocktailkissen geklemmt und auf den Bauch war seine Lieblingslektüre, der Kleinanzeigenteil der Aachener Volkszeitung, niedergesunken. Diese Offerten erstreckten sich in der Wochenendausgabe über wenigstens acht Seiten, von A wie »Auto-«, über H wie »Heiratsmarkt«, bis Z wie »Zugelaufen«.

Das Mittagsschläfchen im Wohnzimmer gönnte sich der 47-Jährige, um sich von der Gartenarbeit bei Onkel This zu erholen. Onkel This, der auf den Namen Matthias getauft war, sich in seinem Dunstkreis aber nie mit seinem amtlichen Vornamen nennen ließ, war mein Patenonkel und für Papp Schwager und Chef in einer Person.

Eine Tonsur, umrahmt von schwarzem Haar, zierte den Hinterkopf des untersetzten Kölners mit dem unvermeidlichen Namen Schmitz. Seine Denkerstirn betonend, war es hoch angesetzt. Als ältester Sohn eines Volksschullehrers durfte er in den Zwanzigerjahren als einziges von zehn Kindern auf das damals noch schulgeldpflichtige Gymnasium wechseln. Nach dem Abitur sollte er, wenn es nach dem Willen des Vaters gegangen wäre, Theologie studieren, mit dem Ziel, später einmal ein katholischer Pfarrer zu werden. Diesen Herzenswunsch erfüllte der Sohn, dem es nie an Selbstbewusstsein mangelte, jedoch nicht. Stattdessen nahm er, seiner Affinität entsprechend, ein Studium an der Aachener Ingenieurschule auf.

In den 30er-Jahren hielt der frisch examinierte Ingenieur der Heizungs- und Klimatechnik der Aachener Region die Treue mit dem Vorsatz, hier eine Heizungsfirma zu etablieren. Zum einen besaß er durch die Studienzeit gute Ortskenntnisse und zum anderen knüpfte er auf der Suche nach ersten Auftraggebern schon frühzeitig Kontakte zu leitenden Verwaltungsmitarbeitern des Eschweiler-Bergwerks-Vereins. Als führendes Bergbau-Unternehmen mit mehreren Steinkohlezechen war er Arbeitgeber Nr. 1 im linksrheinischen Revier und somit der dickste Fisch, den Onkel This in seinen Gründungsträumen an der Angel hatte.

Zuvor aber sammelte er als junger Angestellter einige Jahre Praxiserfahrung.

Während dieser Zeit bekam sein Traum eines schönen Tages Beine, denn es tat sich die Chance auf, seine Tentakel bis in die Vorstandsetage des EBV auszubreiten. Konkret geschah das durch reinen Zufall in dessen Casino in Kohlscheid.

Bei einem kaufmännischen Praktikum saß er mit den Bediensteten der Verwaltungszentrale an einem Kantinentisch zum Mittagessen, als ihm gegenüber der stellvertretende Vorstandsvorsitzende mit einer Suppenterrine Platz nahm. This ahnte nicht, dass es sich um ein so hohes Tier handelt und sprach den vermeintlich kaufmännischen Angestellten keck an: »Guten Appetit …, und was machen Sie hier so beruflich?« Dem verdutzten Vizedirektor fiel beinahe der Löffel in die Kartoffelsuppe, denn so salopp hatte ihn hier noch keiner angesprochen. Erst recht kein Praktikant. Als es sich Onkel This allmählich erschloss, wen er da vor sich hatte, ließ er sich nichts anmerken und ging sofort in die Offensive. Er machte diesen einflussreichen Menschen mit seinen Existenzgründungsplänen bekannt. Nach allen Regeln der Rhetorik versuchte er, ihn von seiner Fach- und unternehmerischen Kompetenz zu überzeugen. Mein Onkel redete sich beinahe um Kopf und Kragen, während die Kartoffelsuppe des EBV-Vorstands dabei immer kälter wurde. Der Schuss hätte leicht nach hinten losgehen können.

Ist er aber nicht. Die leidenschaftlich vorgetragene »Bewerbungsrede« wurde von Erfolg gekrönt, denn wenige Tage später saß This bei genau diesem Herrn vor einem voluminösen Biedermeierschreibtisch aus auffällig hellem Holz. Auf dessen Schellackoberfläche herrschte ungefähr das Gegenteil seiner eigenen schöpferischen Unordnung.

Mit der Frage, ob das opulente Schreibmöbel aus Birkenholz sei, hatte Onkel This diesmal einen unverfänglicheren Aufmacher parat. Im Laufe des weiteren Dialogs erfuhr er, dass sein Gesprächspartner erst vor Kurzem damit begonnen hatte, private Baupläne zu schmieden. Es klickte in seinem Kopf und spontan bot er ihm an, unverbindlich ein Konzept für ein beheiztes kleines Schwimmbad im geplanten Souterrain auszuarbeiten.

Sein Gegenüber war von diesem Angebot und später von den Entwürfen so angetan, dass er ohne Umschweife einschlug. This hatte sein erstes Etappenziel erreicht. Der junge Kölner Existenzgründer hatte den Fuß in der Tür des Eschweiler-Bergwerks-Vereins stehen.

Der Ur-Impuls aber, sich nicht in der Heimatstadt selbstständig zu machen, ging von seiner Abneigung gegen den »Kölschen Klüngel« aus. Nach This’ Meinung hatte diese Vetternwirtschaft die Rheinmetropole wie eine gierige Krake im Griff. Onkel This, der passionierte Weißweinfreund, meinte damals abfällig: »Diese alteingesessenen Klüngeler treffen sich regelmäßig im »Früh«. Dort reißen sie den Köbesen die Reagenzgläser mit dem Mädchenbier aus den Rondellchen. Und wenn sie genug davon intus haben und auf Betriebstemperatur sind, fangen sie an, sich die Bälle, sprich lukrativen Aufträge zuzuspielen.«

Als Neueinsteiger wäre er, besonders was kommunale Ausschreibungen betraf, seiner Einschätzung nach in Köln kaum auf einen grünen Zweig gekommen.

Dass Onkel This jedoch viel mehr durch die Liebe in Aachen hängenblieb, ist ein Gerücht, das nie bestätigt, aber auch nie von ihm dementiert wurde. Diese seine große Liebe und spätere Ehefrau, trat Anfang der 40er-Jahre im Voreifeldorf Schevenhütte in sein Leben.

This, der sich kurz zuvor als Mieter eine Dependance im Souterrain der großen Villa eines Kunden in Schevenhütte eingerichtet hatte, lernte dort das angestellte Hausmädchen, Papps Schwester Agnes, kennen. Der Grund war, dass sein florierender Betrieb in der Aachener Josef-von-Görres-Straße aus allen Nähten platzte. Vorausschauend hatte This bei Kriegsbeginn begonnen, Material zu horten. Und im Nu war einschließlich seines Büros alles mit Kesseln und ganzen Batterien von Ventilen, Rohren und Radiatoren zugestellt. Er musste sich den Weg zum Schreibtisch, in dem er seine geliebten Zigarren lagerte, förmlich »mit der Machete« bahnen.

In Schevenhütte dagegen konnte er in Ruhe administrativ schalten und walten, fern der von Luftangriffen bedrohten Kaiserstadt … und Zeit zur Pflege des zarten Pflänzchens Liebe muss dort wohl auch noch geblieben sein.

Schevenhütte 1943

Hausmädchen Agnes strebt zu Höherem

Gefangen im Erdloch-Lager

Gegen Ende des ersten Jahres der Nachkriegszeit unterbreitete Onkel This Papp ein Stellenangebot. Das kam überraschend. Vater erbat sich daher eine kleine Bedenkzeit, stand er als gerade aus Gefangenschaft Heimgekehrter doch noch ganz unter dem Eindruck von monatelangem Lagerkoller. Er war einer von tausenden Soldaten im berüchtigten »Erdloch-Lager« auf den Rheinwiesen bei Remagen gewesen. Dort hatte die US-Armee die Gefangenen wie eine Rinderherde zusammengetrieben.

Für die geschwächten Männer bedeutete das die spärlichste Verpflegung wie Wassersuppe mit ein wenig Brot und keine medizinische Versorgung. Übernachtet wurde unterm Sternenhimmel in mit bloßen Händen gegrabenen kleinen Höhlen im sandigen Boden. Gegen Kälte schützte man sich notdürftig mit grobfaserigen Filzdecken aus Armeebeständen. Viel zu wenige davon waren vorhanden, die Kriegsgefangenen prügelten sich darum. Material für den Barackenbau und ein größeres Kontingent an Zelten traf erst Monate später aus England ein. Für viele der Ausgemergelten zu spät. Nach den ersten Wochen hinter dem hoch aufgerollten Stacheldraht, so schilderte Papp, waren schon hunderte Kameraden an Unterkühlung, Ruhr und infolge Unterernährung gestorben.

Er sagte: »Die Zeit der Gefangenschaft habe ich nur überstanden, weil ich als Fahrer des Verpflegungs-Lkws in der Lage war, mir eine Reserve anzufuttern, als unsere Niederlage abzusehen war.« Dabei nickte er nachdenklich: »Diese Reserve fehlte den meisten Lagerinsassen«.

Weiteres Glück im Unglück dieses menschenunwürdigen Daseins hatte Papp nur eine Woche nach der Internierung. Die Amerikaner erfuhren, dass er in Russland auch für die Ausgabe des Essens an die Kompanie zuständig gewesen war und setzten ihn neben einigen anderen geeigneten Gefangenen als Kellner und Tellerwäscher in ihren Offiziersbaracken ein. Das brachte Papp den Vorteil, wenigstens stundenweise dem Elend auf dem riesigen Morastfeld entrinnen zu können. Er empfand es als Privileg, deswegen öfter zum Duschen und Entlausen mittels einer zähen, roten Paste abkommandiert zu werden. Was die Körperhygiene anbetrifft, mussten die Kameraden Abstriche machen. Unter strenger Bewachung badeten sie einmal wöchentlich im muffigen Brackwasser eines kleinen Rheinarms, was natürlich noch eine zusätzliche Infektionsgefahr darstellte.

Rückblickend auf diesen kurzen aber prägnanten Lebensabschnitt konnte Papp später, immer wenn er Mutter oder Oma in der Küche beim Geschirrabtrocknen antraf, sich die Bemerkung »Warum tut ihr euch so viel Arbeit an, macht es doch wie die Amerikaner!« nicht verdrücken.

Vater erklärte, die Amis hätten ihm beigebracht, dass das Abtrocknen völlig überflüssig sei. Sie wiesen ihn an, sich mit hitzefesten Handschuhen auszustatten und nach dem Spülvorgang das Geschirr durch eine große Schüssel mit siedend heißem Wasser zu ziehen.

Durch die schockartige Hitzeeinwirkung wurden alle Keime abgetötet, während die Porzellanoberfläche augenblicklich abtrocknete. Die Teller konnten dann unverzüglich gestapelt und eingeräumt werden. Diese rationelle Arbeitsmethode muss Papp wohl sehr beeindruckt haben.

Aber schon im alten Kaiserreich festzementierte Haushaltsregeln konnte selbst er als »Familienvorstand« nicht mal eben im Handstreich revolutionieren – da waren die beiden Hausfrauen resistent. Und wenn er ihnen das Spülverfahren aus der Neuen Welt noch hundert Mal anpries. In einem Anflug von Resignation schloss er: »Die beiden haben nur Angst, sich die Finger zu verbrennen.«

Andererseits wurde Papp kurz vor Kriegsende von einem Amerikaner um ein Haar erschossen. Es geschah während der Ardennen-Offensive. Für diese wurde seine stark dezimierte Truppe nach dem Rückzug aus Russland von den Generälen des Führers noch einmal in den Kampf an die Westfront geschickt. Anfangs gelang es den Männern noch, den aus der Normandie vorrückenden US-Truppen Paroli zu bieten und ihnen empfindliche Verluste zuzufügen. Dabei erbeuteten Papps Leute unter anderem einen dreiachsigen Studebaker-Lkw, der reichlich mit haltbaren Nahrungsmitteln und Reservekraftstoff beladen war.

Eine Woche später wendete sich das Blatt. Die Amis bekamen immer mehr Luftunterstützung aus England. Auch Papps Truppe wurde von den Tieffliegern, die mit ihren MGs auf alles schossen, was sich in der Landschaft bewegte, ins Visier genommen. Einer der belgischen Bauern hatte groß »COW« auf seine grasenden Kühe aufgemalt. Papp kommentierte: »Da konnt‘ dä Buur nur hoffen, dat dä Tommy am Abzuchshahn jenge Analphabet wor.«

Um sich den britischen Adleraugen zu entziehen, flüchtete Vater mit dem gekaperten Cornedbeef-Laster querfeldein in die dichten Wälder zwischen Spa und St. Vith.

Stundenlang schlich er mit dem Allradler orientierungslos unter Baumkronen und zwischen hohen Nadelbäumen umher, in der Hoffnung auf seine Leute zu stoßen. Permanent angespannt und immer auf der Hut vor den alliierten Streitkräften. Erst als die Nacht dem Tage Platz machte, erblickte er ein versprengtes Häufchen deutscher Landser. Zu seinem Entsetzen beschossen die ihn sofort. Klar, er saß in einem US-Lkw. Geistesgegenwärtig warf Papp sich unter die Lenksäule. Die provisorisch am Seitenfenster befestigte Wehrmachtsfahne hatten die Soldaten im Morgengrauen wohl übersehen. Es waren tatsächlich Überlebende der eigenen Kompanie. Sie schleppten sich, mehr oder weniger schwer verwundet, mühsam voran, um den Anschluss an ihre Truppe nicht völlig zu verlieren.

Die Windschutzscheibe und drei Reifen des Trucks waren nun zerschossen. Papp kümmerte sich darum, dass die Soldaten mit Verbandsmaterial und Nahrungsmitteln versorgt wurden. Letztere waren, zumindest für Kriegsverhältnisse, üppig wie im Schlaraffenland an Bord. Die ausgehungerten Männer stürzten sich auf die dunkle Schokolade und fielen dann über die Lucky Strikes her. Vermutlich durch den Lärm, der auf den Baguagewagen abgefeuerten Schüsse, wurden sie wenig später von Panzergrenadieren aufgespürt. Im Nebel zogen diese den Kreis immer enger, bis zur überfallartigen Entwaffnung.

Als deren Kommandant, ein massiger Stoppelbart mit Doppelkinn, den von Papp im Dickicht notdürftig getarnten Lkw entdeckte, baute er sich vor den Deutschen auf und brüllte wutschnaubend: »Who is the driver of this truck?« Dabei hielt er sein Maschinengewehr auf die Gefangenen und schwenkte es langsam hin und her. Papp, der Englisch nicht verstand, zuckte nur mit den Schultern. Keiner seiner Kameraden verriet ihn, obwohl sie angesichts der bedrohlichen Situation Todesängste ausstanden.

»Das Schweigen meiner Leute hat mir wohl das Leben gerettet«, berichtete Papp. »Auf den Wink eines Kameraden warf ich die Wagenschlüssel in hohem Bogen aus unserer Gruppe heraus, so dass sie klimpernd auf dem Waldboden landeten – direkt vor die Springerstiefel des Kater-Carlo-Verschnitts. Er fing sofort an, wie ein Berserker zu schimpfen. Erneut erhob er sein MG und entließ eine ohrenbetäubende Salve knapp über unsere Köpfe.«

Papp wurde es vor Angst ganz eng ums Herz, als er das Tackern der Projektile beim Einschlagen in die Baumstämme hinter sich vernahm. Der Stoppelbart verzog dabei keine Miene. Dann nistete sich ein Grinsen in sein Vollmondgesicht. Er ließ die eingeschüchterten Männer abführen und unter der dunkelgrünen Lkw-Plane verschwinden.

Anschließend riss ein farbiger Südstaaten-GI die Wehrmachtsfahne vom zurückeroberten Truck und befestigte »Stars and Stripes«. Er zog sein Sturmfeuerzeug, steckte den schwarzen Adler auf weißem Grund an und flötete dabei gut vernehmbar das Deutschlandlied. Als Abschluss der Inszenierung zündete er sich am letzten züngelnden Flämmchen eine Zigarette an, die er beim Wegtreten lässig zwischen seinen vollen Lippen runterhängen ließ.

Später, im Schutz der fortgeschrittenen Dämmerung, zog ein Bergungspanzer den lädierten Lastwagen mit den entwaffneten Wehrmachtsangehörigen an Bord mit Hilfe einer dicken Kette über Forstwege, die von schweren Fahrzeugen zerfurcht waren, zu einer verlassenen Abtei in Stavelot, die jetzt eher einer Festung glich. Im Klostergarten warteten schon einige Hundert in Gefangenschaft genommene Soldaten.

Für Papp war der Zweite Weltkrieg zu Ende.

Nicht direkt einwilligen, sondern vor einem richtungsweisenden Lebensschritt lieber noch einmal schlafen, war Papps Maxime nach Onkel This’ Stellenangebot. Seine Gedanken gingen dahin, dass eine zu schnell getroffene Entscheidung sich im ungünstigsten Fall als krasser Missgriff herausstellen könne. Nicht von der Hand zu weisen war schließlich, dass er von Haus aus kein Heizungsmonteur, sondern ausgebildeter Maschinenschlosser – und das mit Herzblut – war!

Die praktische Prüfung schloss Papp damals, es war noch in der Weimarer Republik, mit einer glatten Eins ab, die Theorie: na, ja. Seine Passion war es, im Team, wie es auf Neudeutsch heißt, die zeichnerischen Vorgaben von Konstrukteuren einer Aachener Maschinenfabrik umzusetzen. Es machte ihm Freude, eigene Intuitionen und Verbesserungsvorschläge einzubringen. Bei den meisten Erzeugnissen handelte es sich um maßgeschneiderte Maschinen für Kunden aus der Industrie.

Gelegentlich berichtete er interessierten Zeitgenossen, dass er am Bau der seinerzeit schnellsten Würfelzuckermaschine der Welt nicht ganz unbeteiligt war. Diese Konstruktion ging 1940 per Tieflader nach Bremerhaven und anschließend per Frachtschiff über den großen Teich nach Chicago. Der Export ging problemlos über die Bühne, weil Amerika noch nicht in den Krieg eingetreten war.

Lange noch trauerte Papp einem Zeitungsausschnitt aus den VDI-Nachrichten mit einem Bericht darüber nach. Der war mit anderen persönlichen Dingen Plünderern zum Opfer gefallen, die Vaters Wohnung nach einem Luftangriff durchwühlten, nachdem die Druckwellen Türen und Fenster eingedrückt hatten. Das geschah, als er fern der Heimat an der Ostfront kämpfte, während zeitgleich seine Mutter und seine Schwester Agnes im beginnenden Bombenhagel, einmal mehr um ihr Leben rennend, den Luftschutzbunker an der Peliserkerstraße erreichten, Sekunden bevor das schwere Stahltor von zwei Flakhelfern zugeschoben wurde.

Vater befand sich jetzt in einer Zwickmühle, denn neben dem Stellenangebot stand eine Zusage des geschäftsführenden Gesellschafters seines alten Arbeitgebers im Raum. Der hatte Papps Engagement nicht vergessen und wollte ihn unbedingt wiedereinstellen, sobald die Produktion in der von Brandbomben heimgesuchten Maschinenbauhalle wieder anlaufen könne.

Bei einem Ortstermin konnte sich Papp vom traurigen Anblick seines ehemaligen Arbeitsplatzes überzeugen. Der verrottete Maschinenpark war übersät mit verbogenen und verbrannten Trümmern der Dachkonstruktion. Augenblicklich wurde ihm klar, dass man die Sanierung eines solch komplexen Betriebes nicht mal eben aus dem Hut zaubern konnte. Erst recht nicht in einer vom Mangel geprägten Zeitphase unmittelbar nach einem verlorenen Krieg.

Und das Entnazifizierungsverfahren der Siegermächte, immerhin waren viele Maschinenbaufirmen in den Kriegsjahren auch Zulieferer der Deutschen Wehrmacht, beschleunigte das Ganze nicht gerade. Es würde bis zu einem möglichen Neubeginn mit Sicherheit noch einige Zeit ins Land gehen. Zeit ohne Einkommen für Papp.

Dagegen könnte es beim Schwager sofort losgehen mit der Wiederaufnahme der dem täglichen Hunger die Stirn bietenden Existenzsicherung. Obwohl mein Patenonkel, wie Papp einwarf, aus Sicht der Amerikaner auch nicht gerade eine weiße Weste trug. War This doch einige Jahre lang brav Beiträge zahlendes Mitglied der NSDAP gewesen.

Im Laufe der Anhörung bei der US-Bezirksregierung, die sich im fast unversehrt gebliebenen Haus des Politischen Tageblatts (später Aachener Nachrichten) auf der Theaterstraße eingerichtet hatte, stellte sich heraus, dass er nie als politisch aktiver Nazi aufgefallen war. Vielmehr war er, wie er es dem US-Kommissar darlegte, 1938 in die Partei eingetreten, weil er sich davon Rückenwind beim Expandieren seines Betriebes, respektive mehr Umsatz, versprach. Er habe gar das Leben seiner halbjüdischen Bürohilfe geschützt, indem er ihr im Tiefkeller der Firma hinter eingelagerten Heizkesseln und Rohren ein Versteck eingerichtet habe! Onkel This muss bei seinen Rechtfertigungen ein so bedeutungsschweres Gesicht gemacht haben, dass sie ihm seine Gewerbezulassung umgehend zurückgaben.

Papp führte sich derweil vor Augen, ob, und wenn ja, wie viele Pferdefüße die Wundertüte eines Arbeitsverhältnisses bei der eigenen Verwandtschaft beinhalten könnte.

Diese Ungewissheit trieb ihn mehr um, als der Umstand, einen Arbeitsplatz in einem im Winter geschützten Fabrikgebäude gegen eine Beschäftigung in von Wind und Wetter durchpeitschten, noch fensterlosen Rohbauten einzutauschen. Da hatte ihn die Zeit an der Front genügend hartgesotten. Vor allem die eisigen Nächte in den russischen Wäldern, wo sie in ihren Wehrmachtszelten die näherkommenden Wölfe hatten schaurig heulen hören.

Papp, der Heimkehrer, schwankte hin und her. Die Nacht vor der fälligen Entscheidung gestaltete sich für ihn dann auch schlaflos.

Erst in den frühen Morgenstunden baute die in ihm brodelnde Aufbruchsstimmung so viel Druck auf, dass sie schließlich die Weiche stellte. So entschied er sich letztendlich für den Schwager und sollte es nicht bereuen.

1952 wird This Patenonkel

Er riecht wie ein voller Aschenbecher – hoffentlich wachse ich schnell, dass dieses Auf-den-Arm-Nehmen aufhört

Zeit der »Lucky-Strike-Währung«

Onkel This entpuppte sich in den chaotischen ersten Nachkriegsjahren für seine Familie, aber auch für die Rest-Belegschaft seines Betriebes als unermüdlicher Organisator lebenswichtiger Grundnahrungsmittel. Dabei nutzte der im ländlichen Kölner Stadtteil Longerich aufgewachsene Pädagogensohn den guten Draht seines Vaters zu Bauern der Umgebung. So erwies sich neben seiner Eloquenz, die ihm angeborene Zielstrebigkeit immer klar zum Vorteil.

Paradebeispiel dafür ist die Auftragsbesprechung bei einem Konfitürenhersteller anlässlich dessen Umzug in den Aachener Norden: Gewissermaßen so ganz nebenbei handelte This günstige Mietkonditionen für die dann freiwerdenden Räume aus, in denen bis zum Umzug Marmelade gekocht und gelagert wurde. Sie befanden sich in den hinteren Anbauten des Hauses Kongressstraße 6. Dort bildeten sie die Keimzelle der Produktions-Standorte, mit denen der Süßwarenhersteller heute zu Deutschlands Top 3 zählt und sie passten ideal als zukünftiges Domizil für die aufstrebende Heizungsfirma. Als i-Tüpfelchen setzte Onkel This noch die Zuteilung eines Zehnliter(!)-Eimers »Feinste Auslese« pro Kopf und Monat für seine bald auf der Großbaustelle Jülicher Straße arbeitenden Männer durch.

Natürlich konnte niemand so viel Aprikosenmarmelade auf einmal verputzen. Daher machten die Monteure, getreu dem Plan des alten Fuchses, einen Deal damit. Am Küchentisch füllten die Ehefrauen diverse gesammelte Gläschen ab, die anschließend für kleines Geld bei Freunden und in der Nachbarschaft reißenden Absatz fanden.

Dank seiner Geschäftsbeziehung zum EBV-Vorstand zweigte Onkel This in den späten Vierzigerjahren immer wieder mal eine Fuhre Schwarzes Gold ab. So nannte man wertschätzend die Steinkohle. Sie war für den Normalbürger schwer erreichbar geworden. Es hing mit der Verknappung durch Reparationsleistungen an die Siegermächte zusammen. Kurz gesagt ging der Großteil der geförderten Kohle direkt nach Frankreich und Großbritannien.

Um die Familie versorgen zu können, betrieb This jetzt hier seinen eigenen »kölschen Klüngel«.

Es war ihm hoch anzurechnen, dass er die Mühe nicht scheute, mit seinem – unterm Heu einer Voreifelscheune über den Krieg geretteten – Motorrad sporadisch bei Papps Familie vorzufahren. In Spenderlaune zauberte er dann einen gut gefüllten Sack Kohlen aus dem Seitenwagen. Dieses bootsförmige Gebilde hatte Vater in der Betriebswerkstatt aus Eisenrohren zusammengeschweißt und mit selbst gedengelten Blechen verkleidet. Ergänzt wurde es mit dem Anbau einer Halbachse und dem Ersatzrad eines abgewrackten Ford Eifel und letztendlich noch gemäß This‘ 250er DKW grün-schwarz lackiert und per »Spezialmuffen à la Papp« mit ihr verbunden.

Zwischendurch gab es, so wie man heute Gastgeschenke wie Blumen oder Wein als Präsent mitbringt, immer wieder mal eine Kiste mit »Original EBV-Anthrazit-Briketts« für den Küchenherd. Wobei sich die Bretter der kleinen Holzkisten prima zum Anheizen eigneten. Solche Mitbringsel steigerten bei den neugierigen Nachbarn den Neidfaktor auf einer Skala von eins bis zehn auf mindestens elf. Selbst mussten sie mit mühsam zusammengesuchtem Reisig aus dem Stadtgarten oder vom schon arg leergefegten Lousberg Vorlieb nehmen. Steinkohle als Brennstoff, wie This sie mitbrachte, galt als der reinste Luxus – Schwarzes Gold eben.

Papp wurde die Sache langsam unangenehm und er sprach seinen Schwager an: »This, du fährst mit zu viel Zweitaktgetöse vor.« Er nahm sich Vaters Einwand zu Herzen und fortan rollte er nur noch zu späterer Abendstunde ohne Beleuchtung und mit rechtzeitig ausgeschaltetem Motor wie eine sich anschleichende Katze vor die Tür des Hauses Jülicher Straße 182. Im schwachen Schein des gelblichen Gaslaternenlichts würde von daher die Ankunft des Gespanns nicht mehr bemerkt. Hoffte er.

So schulterte er bei seinem nächsten Besuch den Klüttensack besonders vorsichtig auf und trug ihn, sehr um Diskretion bemüht, in die zweite Etage des Anbaus, was die vermaledeiten Dielen der Treppe jedoch nicht bereit waren zu honorieren. Sie knarrten lauter als je zuvor. Papp und Onkel This verfluchten sie jedes Mal aufs Neue.

Was diese Zeit des Brennstoffmangels bei den Menschen bewirkte, können heute wohl nur noch ganz wenige Zeitzeugen nachempfinden, die damals in mit Wellpappe »verglasten« Trümmerbehausungen Stein und Bein froren. Es gab 1946 im Stadtgebiet gerade mal noch 6.000 mehr oder weniger nutzbare Wohnungen. In Aachen hausten viele in ihren Kellern, weil darüber Zerstörung herrschte.

Je nach Alter unterschiedlich persönlichkeitsprägend, wirkten sich die ersten Nachkriegsjahre bei den verbliebenen Einwohnern aus. Die Besatzungsmächte bekamen die Verwaltung der Stadt nicht richtig in den Griff und so überwogen Unordnung und Anarchie. Von Glück konnte reden, wer in der Zeit bis zur Währungsreform über »Vitamin B« verfügte, denn ohne Tauschware respektive Beziehungen lief gar nichts. Einige Zeitgenossen – der eine bezeichnete sie als clever, der andere als skrupellos – nutzten angesichts der Notlage die Gunst der Stunde und stiegen zu regelrechten Schwarzmarkt-Königen auf. Manche von ihnen erwirtschafteten sich auf diesem illegalem Terrain die sprichwörtliche »güldene Nase«. »Oder einen Goldfinger«, warf Papp ein und betonte: »Ma konnt’ at wörm alles jelde – et wor mä unbezoehlbar.«

Immer wieder samstags …

Im hinteren Anbau des Hauses Jülicher Straße 182 verbrachte der Autor seine ersten Lebensjahre Wie hat man sich einen Schwarzmarkt anno 1946 vorzustellen? Sicher nicht so, dass Stände aufgebaut waren und auch nicht, dass einer in der Öffentlichkeit mit dem Bauchladen herumlief. Es wäre angesichts der Patrouillen der Alliierten Siegermächte für jeden der illegalen Händler der sicherste Weg in den Arrest gewesen, inklusive Beschlagnahmung seiner wertvollen Schmuggelware.

Nein, in der Regel liefen die Geschäfte verdeckt in Privatgemächern ab. Über Mund-zu-Mund-Kommunikation kam man an die nicht ganz uneigennützigen Mitbürger, die einem beim Überlebenskampf nützlich sein konnten.

... meldet sich der kleine Hunger.

Die meisten Schwarzmarkthändler waren von daher lichtscheue Gestalten und agierten sehr vorsichtig. Kannte man welche und klingelte bei ihnen zu Hause, so riefen sie durch die geschlossene Tür: »Parole?« Wer das tagesaktuelle Kennwort nicht kannte, hatte ein Problem. Den Code erfuhr man von gewissen »Strohmännern mit Menschenkenntnis«, die die Passanten auf dem Marktplatz oder vor der Ruine des Elisenbrunnens unauffällig taxierten, um sie dann direkt anzusprechen. Kam es zu einem Deal, kassierten sie vom Händler eine Provision. Meist in Naturalien.

Aus der Not heraus geboren, hatten zwei Jungs aus Papps Nachbarschaft eine besondere Geschäftsidee. Sie lebten, wie so viele, mit ihrer Mutter in äußerst prekärer Wohnsituation. In ihrem Falle im Obergeschoss unter einem teilweise eingestürzten Dachstuhl.

Die Kriegshalbwaisen boten im Tausch gegen Essbares auf einer auf den Gehweg gelegten Decke selbst geschnitzte Bremsklötze für Fahrräder an. Den Rohstoff hebelten sie mit einem Schraubendreher aus den Fugen des Kopfsteinpflasters, wo vereinzelt noch abgebrochene Stücke von Vollgummireifen steckten. Auf solchen fuhren in den 1920er- und 1930er-Jahren Pferdefuhrwerke und betagte Lkws dermaßen hart polternd über die Jülicher Straße, dass auf den Wandkonsolen der Anwohner die Tassen anfingen, bedrohlich Richtung Vorderkante zu wandern.

Bis zur Gründung der Bundesrepublik machten die Alliierten den Versuch, eine provisorische Währung zu etablieren. Sie nannte sich Renten-Mark (später Reichsmark), kurz gesagt R-Mark. Leider war sie durch die im zerstörten Deutschen Reich fehlende volkswirtschaftliche Wertschöpfung ohne Deckung, also faktisch nur besseres Spielgeld. Da boten sich die Lucky-Strike-Zigaretten, die die Besatzungssoldaten stangenweise mitbrachten, als inoffizielle »Leitwährung« geradezu an. Die GIs verkauften sie für zehn R-Mark – pro Zigarette wohlgemerkt. Pall Malls, die waren etwas länger, sogar für zwölf.

Der größte Teil der verbliebenen Stadtbevölkerung – der weibliche Überschuss war kriegsbedingt enorm – stand derweil mit der zugeteilten Lebensmittelkarte in der Hand vor der Ausgabestelle geduldig in der langen Schlange.

So auch Mutter und Oma. Letztere, die ihre Kindheit im ländlichen Broichweiden verbracht hatte, träumte dabei von Presskopf mit Grünkohl. Die Realität sah bescheidener aus. Nach langer Wartezeit wurden ihr von den Amis ein Liter Milch, zwei Eier, ein Viertelpfund Butter und ein Grahambrot ausgehändigt. Das war die Wochenration für einen Erwachsenen, 900 Kalorien pro Tag. Inmitten der skurrilen Trümmerlandschaft wurde die Redewendung »Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel« zum weitverbreiteten geflügelten Wort.

Aus dem Saft verkümmerter Zuckerrüben, die sie im Herbst vereinzelt auf abgeernteten Äckern fanden, kochten sich die gebeutelten Stadtbewohner den einzigen Brotaufstrich, den man sich noch leisten konnte, wenn man sich nichts mehr leisten konnte. Sie nannten ihn »Säem«.

Das für Reparaturaufträge benötigte Installationsmaterial war auch für Onkel This schwer zu beschaffen.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich die Teile, oftmals ausländischer Herkunft und teils mit problematischen Linksgewinden, im Tausch gegen Zigaretten oder Bohnenkaffee zu besorgen. Diese Ware organisierte er bei diversen Schwarzhändlern, denen er neben dem nicht so gern gesehenen R-Mark-Bargeld fachmännische Sanierungsarbeiten sozusagen als »Muskelwährung« anbot.

In diesen Kreisen lernte er auch den einarmigen Schmugglerkönig mit dem »goldenen Finger« kennen. Der startete einige Jahre später, als das Wirtschaftswunder richtig in Schwung gekommen war, noch einmal durch, wurde Immobilieninvestor und als solcher einer der treuesten Kunden der Heizungsfirma.

»Schießbefehl« an der Westgrenze

Echter Bohnenkaffee war für die meisten Deutschen in den normalen Ladenlokalen nicht mehr erschwinglich und damit zu einem Luxusgenussmittel geworden. Infolgedessen machte sich das Schmuggeln im Dreiländereck breit.

In Schmidt am Rursee wurde die zerstörte Dorfkirche St. Hubertus dank großzügiger Spenden vieler steuerhinterziehender Kirchengänger in kürzester Zeit schöner als je zuvor wiederaufgebaut. Bis heute ist sie unter dem Namen Sankt Mokka, wie die Nordeifeler sie augenzwinkernd tauften, bekannter, als unter ihrem richtigen Namen.

Die Kehrseite der allgemeinen »Schmuggelitis«: Es hat mindestens 50 Tote gegeben. Ortskundige deutsche Zollbeamte legten sich, getarnt mit Laub, im grenznahen Forst, wie zum Beispiel zwischen Lichtenbusch und Vaalserquartier, auf die Lauer. Sie hatten, was die Vorschriften für den Gebrauch der Schusswaffe betraf, damals mehr amtlich zuerkannten Ermessensspielraum als Polizeibeamte.

So durfte ein Zöllner seine Dienstpistole auch einsetzen, wenn seiner Einschätzung nach ein Schmuggler auf der Flucht nicht mehr anders zu stoppen war – also selbst dann, wenn der Beamte persönlich gar nicht unter Bedrohung stand. Tragischerweise wurden nicht nur Erwachsene, sondern auch von ihnen beauftragte, durch den Wald hetzende Kinder und Jugendliche von den Kugeln getroffen … für ein paar Päckchen Kaffee und Zigaretten. – Diese Auswüchse rücksichtslosen Gebarens wurden anfänglich von Amts wegen mit großem Vertuschungsaufwand der Öffentlichkeit weitgehend ferngehalten. Es war der Verdienst eines Aachener Zeitungsjournalisten, der mit seinen gefahrvollen Recherchen vor Ort Licht in das unappetitliche Thema brachte. Seine mutigen Veröffentlichungen mündeten in die polizeiliche Festnahme und drei Wochen Untersuchungshaft im Kölner »Klingelpütz«.

Die Reaktion darauf waren scharfe Proteste der empörten Bevölkerung. Und das sorgte wiederum für europaweite Schlagzeilen. Jedoch dauerte es noch bis Mitte der Fünfzigerjahre, bis die in den DDR-Gazetten, wie auch in einigen linksgerichteten westdeutschen Tageszeitungen »Schießbefehl an der Westgrenze« genannte Vorschrift durch einen gesetzlichen Widerruf aus Bonn aufgehoben wurde. Untermauert wurde diese Aufhebung durch Inkrafttreten einer stufenweisen Senkung der bis dahin überteuerten deutschen Bohnenkaffee- und Zigarettensteuer bei kontinuierlicher Erhöhung in den Beneluxländern. Auf diese Weise, weil nun immer weniger lohnend, erledigte sich das Dreiländereck-Phänomen allmählich von selbst. Für die kommunistischen Machthaber im Osten versiegte damit eine willkommene, in ihren zensierten Medien gern genutzte Steilvorlage für antiimperialistische Propaganda.

Aus der »R-Mark-Zeit« stammte die immer wieder auftauchende Legende von den mit Perserteppichen ausgelegten Kuhställen der Landwirte, denen die hungerleidenden Städter ihre Sachwerte gegen Butter und Speck anboten.

Fakt war, dass es an den Wochenenden scharenweise mit den wenigen noch einsatzfähigen Zügen vom Westbahnhof aus auf Hamsterfahrt ins Jülicher Land ging. Die dreiachsigen, zum Teil ihrer hölzernen Innenausstattung beraubten Waggon-Veteranen rollten auf abenteuerlich zusammengeschusterten Gleisen. So hatte dieser außerfahrplanmäßige »Nahrungsbeschaffungsexpress« bei der Bevölkerung schnell den Spitznamen »Schüttelejupp«. Vom Hauptbahnhof aus gingen Züge nur in Richtung Köln oder Belgien, weil die Überführung Königstraße in Richtung Mönchengladbach noch in Trümmern lag.