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Im vierten Teil der schottischen Krimireihe fasst Kathy den Entschluss, endgültig kürzer zu treten um sich mehr der Familie zu widmen. Doch wie immer kommt es anders. So werden bei Selbstmordopfern Miniatursärge gefunden, die augenscheinlich alle von derselben Person stammen. Ein Serienmörder geht um. Und wäre das nicht schon genug, taucht ein totgeglaubter Gangster in Perth auf und beginnt die Polizei zu erpressen. Angeblich ist er im Besitz des legendären Krönungssteins, des Stone of Scune. Es gibt also viel Arbeit für Kathy und so wird das erhoffte kürzer treten zur Farce...
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Abbey Grove
Edinburgh: Zwei Wochen später
Der Entschluss
Montag, der erste Arbeitstag
Der Deal
Der neue Fall
Welles bei Edinburgh
In Kathys Büro
Welles
Die Geschichte der Särge
Die Stadt in der Tiefe
In der Nacht
Edinburgh
Kathy kann es nicht lassen
Der Fall breitet sich aus
Blaire Thomsen
Perth
Der nächste Tag
Vermisst
Loch Ness: Das U-Boot ist weg
Edinburgh
Der Tod von Jack Peters
Die Kuratorin lügt
Edinburgh
Das Auto im See
Liz und Lesley Bernett
Tom und der Taucher
Perth: Kathy und Müller
Edinburgh
Abbey Grove: Elisabeth Grand
Perth: Die Katastrophe
Perth: Müller
Edinburgh
Aberdeen
Edinburgh
Oder doch nicht? Denn Müller ist weg!
Die Insel
Inverness
Wenn man Edinburgh in nördlicher Richtung verlässt, erreicht man nach knapp zwölf Kilometern das malerisch gelegene Abbey Grove. Sanfte Hügel, sattgrüne Wälder, riesige Kornfelder und zwei kristallklare Seen umgeben ein kleines Dorf, das sich seit Jahren gut entwickelt. Heute leben dort etwa sechshundert Einwohner, die sich fast ausschließlich von der Landwirtschaft und einer gut florierenden Whiskey-Brennerei ernähren. Und doch, so schön es dort auch ist, verbirgt dieser Ort eines der schrecklichsten Geheimnisse in der Geschichte Edinburghs. Denn am Rande dieser herrlichen Landschaft befindet sich noch heute eine Einrichtung, dessen Namen man in den vergangenen 180 Jahren nur flüsternd erwähnte. Die Nerven-Heilstätten St. Marien.
Dieser Komplex erstreckt sich über mehrere Hektar und steht seit gut dreißig Jahren leer. Zunächst existierte dort über fast 200 Jahre eine mehr schlecht als recht besuchte Abtei. Deshalb entschlossen sich die dortigen Kirchenherren gemeinsam mit ortsansässigen Kaufleuten, dem damaligen König diesen Komplex zu schenken, um dafür auf ewig von allen Steuern befreit zu werden.
Damals war Edinburgh, was die medizinische Forschung betraf, führend in ganz Europa. Mehrere wissenschaftliche Einrichtungen beschäftigten sich mit der Suche nach den Geheimnissen der Medizin. Und so entstand neben einer gut florierenden Universität, diese Anlage zur Forschung im Bereich der Neurologie.
Auf Grund der etwas abgelegenen Lage wurden aber hier zunächst die Pestkranken der Stadt behandelt, besser gesagt, hierher zum Sterben gebracht. Die Leichen wurden in riesigen Massengräbern in der näheren Umgebung verscharrt oder verbrannt. Der letzte Ausbruch von 1850 dauerte gut drei Jahre und forderte allein in und um Edinburgh fast 2250 Tote. Immerhin über die Hälfte aller Einwohner. Tag und Nacht rollten die Pestkarren, um die Infizierten und Erkrankten aus der Stadt zu bringen. Mit Pferdefuhrwerken wurden sie dann nach Abbey Grove gebracht. Und wer bis dahin noch nicht tödlich erkrankt war, holte sich den Rest auf der Fahrt dorthin.
Im Herbst 1853 beschloss die Stadtregierung, die leer stehenden Pesthäuser kontrolliert abzubrennen. Dabei kam es durch massiven Funkenflug zu einem Großbrand, der fast die halbe Stadt vernichtet hätte, wenn nicht tagelange Regenschauer der Feuersbrunst Einhalt geboten hätten. Irgendwie hatte Gott wohl ein Einsehen mit der geschundenen Stadt.
Etwas später dann wurden in Abbey die Kliniken der Nerven-Heilkunde Britanniens untergebracht. Eine vornehme Umschreibung für den größten Komplex von Irrenanstalten. Über 2000 Patienten konnten hier zeitgleich stationär behandelt werden, oder für immer hinter schweren Mauern verschwinden. Dass dabei dem Missbrauch Tür und Tor offen stand, kann man sich denken.
Dieses Kapitel in der Vergangenheit von Abbey Grove gehört wohl zu den dunkelsten in der medizinischen Geschichte der Stadt überhaupt und ist nur mit den Experimenten der Nazis in den KZs während des zweiten Weltkrieges zu vergleichen. So wurden hier von selbsternannten Ärzten und Pseudo-Wissenschaftlern, die eigentlich Sadisten der übelsten Art waren, unter dem Deckmantel der medizinischen Forschung zahllose Experimente am und mit dem Menschen durchgeführt. Die Schreie der gequälten und geschundenen Kreaturen hallten Tag und Nacht durch die endlosen Flure und Korridore.
Keiner der Anwohner des Dorfes wusste so ganz genau, was da hinter den Mauern vor sich ging. Und keiner wollte es je wissen. Hunderte von Patienten wurden eingeliefert und verschwanden auf nimmer Wiedersehen. Man sagt, wer sich eines missliebigen Nebenbuhlers entledigen wollte, der schickte ihn hierher.
Erst Anfang der 70er Jahre wurde die Anstalt aufgelöst und die Patienten auf verschiedene Krankenhäuser des Landes verteilt.
Und so endete eines der grausamsten Kapitel in der Geschichte Edinburghs für immer. Man sagt, dass die Ersten, die die unterirdischen Zellen in Abbey betraten, mit einem Schock das Labyrinth der Gänge wieder verließen und selbst in Krankenhäuser eingeliefert wurden. So unvorstellbar grausam war das, was sie vorfanden.
Nun standen die Häuser und Baracken seit über 30 Jahre leer und rotteten vor sich hin. Schon mehrfach wurden Anträge an das Stadtparlament gestellt, Abbey Grove abzureißen. Doch scheiterte das immer wieder an den hohen Kosten und dem Antrag der Liberalen, dort eine Mahn- und Gedenkstätte einzurichten. Und so passierte dort seit Jahren erst mal nichts, und die ohnehin belasteten Gemäuer verfielen nach und nach.
Doch hinter vorgehaltener Hand wurde im Dorf gemunkelt, dass in bestimmten Nächten wieder Schreie aus den tiefen Kellern zu hören sind. Das war natürlich Unsinn. Doch wer wusste es schon genau?
Genau wusste man nur, dass in den vergangenen zwölf Monaten des Öfteren ein altersschwacher hellblauer Kombi an einem der Gebäude vorfuhr und der Fahrer mehrere Stunden in einem der Häuser verschwand. Niemand kannte ihn oder wusste, was er dort machte.
Seit einer Woche war dann plötzlich ein grauer Bentley aufgetaucht. Er hielt an derselben Stelle, an der vorher der Kombi geparkt hatte. Und wieder verschwand der Fahrer im Haus. Einmal war er sogar zu zweit. Ein anderes Mal schleppte er große Koffer ins Haus.
Im Dorf-Pub war die verfallene Anlage schon immer das Thema, was Stoff für die wildesten Spekulationen bot. Von geheimnisvollen unterirdischen Werkstätten bis hin zu Geistererscheinungen reichten dabei die Themen. Und so fassten sich eines Tages ein paar Mutige aus dem Dorf ein Herz und gingen, nachdem sie das Kommen und Gehen des merkwürdigen Wagens ein paar Tage beobachtet hatten, in Richtung dieses Hauses. Sie hatten sich Mut angetrunken und doch begleitete sie die Angst vor dem Unbekannten. Bei dem Haus handelt es sich um den ehemaligen Küchentrakt des damaligen Patientenbereiches IV bis VI.
Vorsichtig betraten sie den ersten Raum. Kalte feuchte Luft schlug ihnen entgegen. Alles sah verfallen, verrottet und irgendwie unheimlich aus. Die Fenster zerschlagen, Decken und Treppen eingestürzt. Überall stand Gerümpel im Weg. Der Weg in die Kellerräume war unmöglich zu betreten. Riesige Eisenträger ragten bizarr in den Raum hinein. Schwere Betonteile und Unmengen an Glasscherben versperrten den Weg und machten einen Abstieg in die unterirdischen Räume unmöglich. Licht gab es keins, und so erhellten lediglich ein paar Sonnenstrahlen den ansonsten dunklen Raum. Was konnte der Fremde hier nur gewollt haben? Bis auf ein merkwürdiges Surren, das aus irgendeiner Ecke zu kommen schien, herrschte Totenstille. Angst kroch in ihnen hoch, und so waren alle froh, als sie den maroden Bau wieder verlassen hatten.
Am Abend kursierten dann im Pub die wildesten Vermutungen und Geschichten über diese unheimlichen Gemäuer. Gerüchte machten die Runde und jeder, der mit in dem Haus war, erfand neue Details, die er dann bis ins Unermessliche ausmalte. Auch über das merkwürdige Surren wurde spekuliert. Bis sich plötzlich der alte Ben, der über zwanzig Jahre dort als Techniker gearbeitet hatte, meldete.
„Niemand sollte dort hinabsteigen! Glaubt mir, dort sind Dinge geschehen, die jeden, der es einmal gesehen hat, bis an sein Lebensende verfolgen werden.“
Die anderen, die schon das eine oder andere Guiness getrunken hatten, fingen an zu lachen. „Was du schon erzählst, alter Mann. Hast du dir das Gehirn weggesoffen, oder?“ „Nun“, murmelte Ben: „Ich weiß, was ich weiß. Und was das Gehirn betrifft, so gab es da Spezialisten. Glaubt mir, auf die wollt ihr heute bestimmt nicht treffen“. „Ach hör doch auf, alter Mann. Du mit deinen Schauergeschichten.“ Eine Weile war Ruhe im Pub. Plötzlich erhob sich der Alte und gesellte sich zu der Gruppe der Mutigen. „In welchem Haus ward ihr?“ „Ich glaube eine VI stand an der Tür, bzw. an dem, was davon noch übrig war.“ Ben sah sie vielsagend an. „Der Abstieg zur Hölle“, murmelte er. Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Dann weiß ich auch, was das Surren bedeutet“. „Was denn? Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Los, rück schon raus mit der Sprache.“ Der Alte wurde merklich nervös und schlurfte zurück zu seinem Tisch. „Ein Guiness für unseren Gast!“, riefen die drei anderen. Dann setzten sie sich alle zu ihm an den Tisch. „Hier, für dich“. Damit schoben sie ihm das Bier rüber. Der kippte das Glas in einem Zug. „Also, was versteckt sich hinter dem Geräusch?“Nach einem Moment fing der Alte an zu erzählen.
„Es ist ein Fahrstuhl. Wir nannten ihn nur den Aufzug zur Hölle. Es gibt dort einen Lastenaufzug, mit dem früher Patienten, Essen, aber auch Leichen von und nach ganz unten transportiert wurden. Ich dachte, das Ding wurde damals zerstört, aber wenn ihr dieses Surren gehört habt, dann gibt es ihn immer noch.“ „Moment mal, alter Mann. Wenn ich das richtig verstehe, dann kommt man von dem Küchentrakt direkt in die unterirdischen Gewölbe? Das ist ja voll krass, Alter!“ „Nun, voll krass würde ich das eher nicht nennen. Eher unheimlich und krank. Ja krank trifft es wohl am besten. Ich kann euch nur warnen. Geht da niemals runter. Da unten trefft ihr überall auf den Tod. Ich habe da Dinge gesehen, die verfolgen mich noch heute, und das in jeder Nacht.“ Doch er konnte reden, wie er wollte, die anderen hörten ihm längst nicht mehr zu. Sie waren bereits am Überlegen, wie und wann sie dort hinunter wollten. „Ich kann euch nur warnen!“, rief der Alte noch mal, dann verließ er kopfschüttelnd den Pub. Das Letzte, was er noch aufschnappen konnte war, dass einer der Mutigen etwas von morgen Abend 20.00 Uhr rief. „Die sind wahnsinnig, alle wahnsinnig. Aber sie werden schon sehen. Ich habe sie jedenfalls gewarnt.“ Damit schlurfte er in die Dunkelheit.
Am nächsten Tag beobachteten die drei, ob sich was auf dem Gelände der ehemaligen Irrenanstalt tat. Doch alles blieb ruhig. Auch der einsame Besucher tauchte nicht auf. Und so betraten die drei, bewaffnet mit Baseball-Schlägern und starken Taschenlampen, den alten Küchentrakt und sahen sich zunächst um. Hatten alle bis dahin lautstark über das Haus und seine Geschichte diskutiert, so verstummten die Gespräche, sobald sie in der zerstörten Küche standen. Es sah genauso verfallen aus wie am gestrigen Tag. Aber wer hätte auch hier etwas verändern sollen? Und wieder war bis auf das leise Surren nichts zu hören. Vorsichtig begannen sie nach dem Aufzug zu suchen. „Hier ist er!“, rief plötzlich einer der drei und leuchtete auf eine rostige Metalltür. Sofort eilten seine Freunde zu ihm und der Strahl von drei Taschenlampen war auf die Tür gerichtet. Keiner rührte sich. Man konnte ihre Angst förmlich spüren.
„Was ist, wollen wir nun runter oder nicht?“ Alle nickten, doch keiner machte Anstalten, sich der Tür zu nähern. Endlich fasste sich einer ein Herz und öffnete vorsichtig die alte Fahrstuhltür. Licht flammte im Inneren der Kabine auf. Der Innenraum war über und über mit Rost- und anderen merkwürdigen Flecken bedeckt. Modriger Geruch strömte von irgendwo her. „Na los, ihr Feiglinge, kommt rein. Ich denke, wir wollen runter!“ „Und du denkst, dass das Ding noch funktioniert?“ „Oh ja. Und im Übrigen werden wir es ja gleich wissen.“
Laut Aufzug-Tableau ging es drei Stockwerke in die Tiefe. Die Tasten schienen oft benutzt worden zu sein, denn sie sahen speckig und abgenutzt aus. Zögernd betraten auch die anderen den Aufzug, wobei der leicht absackte. Vor Angst hielten alle die Luft an. „Wo soll es hingehen?“ „Ich denke, zunächst in die erste Etage.“ „Na dann ab nach unten. Statten wir dem Teufel einen Besuch ab.“ „Lass das, damit macht man keine Scherze.“
Die Tür schloss sich und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Nach einem kurzen Moment blieb er stehen und die Tür öffnete sich. Ein dunkler Gang, der nach rechts und links führte, wurde sichtbar. Eine merkwürdig süßliche Luft füllte die Kabine. Vorsichtig leuchteten sie in die unendlich scheinenden Gänge. Die Wände waren bis zu einer Höhe von zwei Metern mit grüner Ölfarbe gestrichen. Darüber waren die Wände und Decken geweißt. Auf Grund der feuchten Luft hing die Deckenfarbe in vielen Stücken herunter. Alle fünf bis sechs Meter gingen Räume, besser gesagt Zellen, rechts und links ab. Diese waren gefliest und ursprünglich wohl vergittert. Jetzt standen sie weit offen. Vorsichtig betraten sie die ersten beiden Zellen. Außer einem Bett, einem Hocker und einer Toilette waren die Räume leer. Eine kleine vergitterte Lampe an der Decke spendete damals wohl etwas Licht. An den Betten waren Fixiergurte angebracht, mit denen die Patienten ruhig gestellt werden konnten. „Kommt, lasst uns weiter runter. Mir ist hier nicht wohl bei dem Gedanken, gefesselt auf einer der Pritschen zu landen.“ „Nun hab dich nicht so, du Angsthase.“
Kaum wieder im Aufzug, drückten sie den Knopf, der in die zweite Kellerebene fuhr. Als sich die Tür öffnete, sah es dort wie in der ersten Ebene aus. Also beschlossen die drei, weiter nach unten zu fahren. Als sie unten ankamen, stolperten sie fast über mehrere Roll-Tragen, die neben dem Aufzug abgestellt waren. Kühle modrige Luft umfing sie. In dem langen Gang flackerte die eine oder andere Lampe. Die Deckenfarbe lag in unzähligen Teilen am Boden. Zwischen den einzelnen Räumen lagerte verschiedener medizinischer Müll. Unzählige kaputte Geräte stapelten sich zwischen maroden Infusionsständern, alten Bettgestellen und jeder Menge an Ledergurten und Mullbinden, zum Teil gebraucht. „Ich will nicht wissen, wozu die Gurte benötigt wurden.“ Etwas abseits standen zwei speckig aussehende Holzstühle. An den Seiten hingen Ledergurte herunter, und die Füße wie auch die Sitzflächen waren mit dunklen Flecken übersät. „Das waren bestimmt ihre Folterstühle und die Flecken da, sind sicher Blut. Oh Gott, was haben die hier unten nur getrieben?“
„Kommt mal hier rüber!“, rief ein anderer. Er stand in einer Zelle und leuchtete in eines, von vier gefliesten Löchern. Jedes knapp einen Quadratmeter groß und etwa zwei Meter tief. Ein Schlauch, der an einem Wasseranschluss befestigt war, machte deutlich, was hier unten passiert war. „Hier standen die Patienten bis zum Hals im Wasser.“ Mehrere abgeschnittene Gummischläuche lagen in den Ecken. „Damit haben sie die armen Schweine dann auch noch geschlagen.“ „Hier unten hört dich keiner schreien.“
Plötzlich war ein metallisches Geräusch aus der Richtung des Aufzuges zu hören. „Was war das?“ „Keine Ahnung, aber ich glaube, der Aufzug fährt nach oben.“ „Das bedeutet, es kommt jemand!“ „Los, wir verstecken uns da drüben.“ Schnell rannten die drei in die Zelle gegenüber und warteten auf das oder auf den, der da kommen würde. Es dauerte einen Moment, dann öffnete sich tatsächlich die Aufzugtür. Ein kleiner älterer Mann mit einer Tasche und einer Lampe bewaffnet, trat vorsichtig aus der Tür. „Hallo, hallo, ist da jemand?“, hörten sie ihn rufen. Es war eine freundliche, aber doch energische Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
„Ich halte das nicht aus. Ich gehe da jetzt raus.“ „Halt die Klappe“, flüsterten die anderen.
„Ich weiß, dass hier jemand ist. Los zeigen Sie sich, sonst, ich kann auch ungemütlich werden.“ „Woher weiß der, dass wir hier sind?“ „Nun, weil er den Aufzug rufen musste, du Depp.“ „Du hast recht.“ Stille umfing alle. „Ich zähle jetzt bis drei, dann…“
In diesem Moment ließ einer der Jungs seine Lampe fallen, die mit lautem Poltern auf dem gefliesten Boden aufschlug und über den Gang rollte. Mit einem dumpfen Knall wurde die Fahrstuhltür zugeschlagen und der Aufzug setzte sich in Bewegung. „Der Typ haut ab!“ „Na Gott sei Dank. Konntest du ihn sehen?“ „Nicht deutlich. Aber ich denke, er war so um die fünfzig oder älter.“ „Moment, seid mal leise. Hört ihr das?“ Alle lauschten jetzt angestrengt in die Stille. „Da ist nichts.“ „Doch, ich habe es deutlich gehört. Es klang wie ein Stöhnen oder Wimmern. Leise aber deutlich. Da, da ist es wieder.“ Und richtig, von irgendwoher konnte man ein leises Weinen oder Schluchzen hören. „Hier ist jemand.“ Alle drei erstarrten wie zur Salzsäule. „Das kommt von da.
“ Der Schein der Lampe erhellte einen Teil des dunklen Ganges. „Los, lasst uns nachsehen.“ „Hast du 'ne Macke? Wer weiß, wer da auf uns wartet? Los, lasst uns von hier verschwinden.“ Doch die beiden anderen waren schon auf dem Weg. Vorsichtig tasteten sie sich den dunklen Gang entlang und leuchteten dabei in jede der Zellen. Plötzlich hielten sie an und winkten ihrem Kumpel zu. „Komm her, der Typ ist hier drin!“
Das, was sie da sahen, ließ ihnen den Atem stocken. Auf einer Liege lag ein Mann. An Händen und Füßen mit Lederriemen gefesselt. Sogar der Kopf war fixiert und im Gesicht trug er eine Ledermaske. Rechts und links erhielt er Infusionen in beide Arme. Neben seinem Mund hing eine Wasserflasche, aus der er mittels eines kleinen Schlauches Wasser trinken konnte. In der ganzen Zelle stank es fürchterlich nach Fäkalien. Und wie man deutlich sehen konnte, hatte er sich wohl in die Hosen gemacht.
„He, Sie, können wir Ihnen irgendwie helfen?“ „Hallo, wer sind Sie?“ „Wie lange sind sie schon hier? Wissen sie das?“ Doch der Mann reagierte nur auf das Licht. Seine Augen flatterten im Schein der Taschenlampen. Der Typ ist sediert. Bitte!“ Auf dem Boden lagen mehrere Ampullen mit Prodophynol 800. Einem der stärksten Beruhigungsmittel, welches nur in Krankenhäusern verabreicht werden darf. Der Patient befindet sich dabei in einer Art Dämmerzustand und bekommt so gut wie nichts von seiner Außenwelt mit. „Hier sind auch ein paar Spritzen.“ „Wir müssen ihn hier rausbringen.“ „Und wie willst du das machen?“ „Die Lederriemen sind mit Schlössern gesichert. Und selbst wenn, was machen wir dann mit ihm?“ „Jungs, ich will hier raus. Mir ist schlecht!“ Damit lief der erste in Richtung Fahrstuhl. „Und mir ist egal, ob der Typ da oben auf uns wartet.“ „Halt! So warte doch! Wir kommen mit!“ „Wir verschwinden gemeinsam von hier und rufen die Bullen. Sollen die sich doch um den Typen hier kümmern.“ „Gute Idee!“ Inzwischen hatten sie den Fahrstuhl erreicht. Und als sich die Tür wieder öffnete, atmeten alle befreit auf und sprangen hinein. Sofort setzte er sich in Bewegung. Und im Erdgeschoss angekommen, waren alle froh, dass niemand auf sie warte. Kaum draußen, liefen sie die gut vierhundert Meter bis zum Ortsrand. Keiner blickte sich nochmal um, aus Angst, jemand könnte sie verfolgen.
Kaum im Pub angekommen, bestellten sie drei Bier und tranken diese in einem Zug aus. Der alte Ben saß wie immer schweigend an seinem Tisch und starrte vor sich hin. „Na, seid ihr ihm begegnet?“ Doch die drei tranken bereits den zweiten halben Liter. „Die Angst kriecht in einem hoch und sie lässt euch nie wieder los. Nicht wahr?“ „Halt die Klappe, alter Mann. Gib mir das Telefon!“ Ohne seinen Namen zu sagen, meldete er der Polizei den seltsamen Fund in einer der unterirdischen Zellen. Es dauerte eine Weile, bis ein Beamter ihn ernst nahm. Schließlich war der Komplex seit gut dreißig Jahren geschlossen. „Das kann ja sein, Sir, aber wir haben den Typen selbst gesehen. Und sie sollten sich beeilen, denn der macht es nicht mehr lange.“ Dann legte er auf. „Noch eins“, damit deutete er auf sein leeres Glas. „So, so, ihr ward also tatsächlich da unten? Hätte ich euch nicht zugetraut.“ Der Wirt sah die drei aufmerksam an. „Ihr seht aus, als wärt ihr dem Leibhaftigen begegnet.“ „Ich weiß nicht, wem wir da unten begegnet sind. Aber da war einer kurz unten. Und er hat uns gedroht. Und dann…“, doch damit verstummte er. „Was, dann? Nun komm, rede weiter. Hier, das Bier geht aufs Haus.“ „John hat seine Lampe fallen gelassen und der Typ ist verschwunden. Und kurz danach haben wir dann den anderen gefunden. Gefesselt an sein Bett liegt er da in seiner eigenen Scheiße. Der ist völlig High.“ „Und dann, was passierte dann?“ „Dann sind wir getürmt. Mich kriegen da keine zehn Pferde noch mal runter.“ In diesem Moment rasten zwei Polizei- und ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene am Pub vorbei in Richtung der Ruine. Die drei starrten sich an und rannten den Autos nach. Gut hundert Meter vom Haus entfernt blieben sie stehen und warteten auf das, was da passieren würde.
Es dauerte fast anderthalb Stunden, bis die Sanitäter jemanden auf einer Trage hinaus brachten. Der Krankenwagen raste dann sofort mit Blaulicht und Sondersignal davon.
Die Beamten, dagegen, blieben weiter in dem Haus. Inzwischen waren weitere Fahrzeuge der Kriminaltechnik eingetroffen.
„Die suchen jetzt wohl nach Spuren?“ „Na klar, was denn sonst.“
„Hoffentlich finden sie keine von uns.“ „Sollen wir ihnen nicht besser von dem Typen erzählen? Wer weiß, vielleicht ist das ja der, der den anderen da unten versteckt hat? “ „Bist du wahnsinnig? Natürlich ist das der Typ. Nachher kommt der wieder und dann liegen wir da unten festgeschnallt auf so einer Pritsche. Oder in so einem Wasserloch, nein danke. Willst du das?“ „John hat recht. Kommt, lasst uns hier verschwinden.“ Damit trotteten die drei in Ruhe in Richtung Pub. Wie konnten sie auch ahnen, dass sie aus einer der Nebenruinen aufmerksam durch ein Teleobjektiv beobachtet und fotografiert wurden. Ein hämisches Grinsen überzog das Gesicht des Mannes. „Es macht gar nichts, dass ihr ihn gefunden habt. Der stirbt sowieso und wenn nicht, dann werde ich ihn nochmal besuchen.“
Für den Mann, der zufällig befreit wurde, ging die Sache mehr oder minder gut aus. Die Ärzte konnten nicht sagen, ob und wann er wieder aus dem Trauma erwachen würde. Auf jeden Fall wird er bleibende Gehirnschäden davontragen, denn die Verabreichung von Prodophynol 800 über einen derartigen Zeitraum bleibt nicht ohne Folgen. Da der Mann keinerlei Papiere bei sich trug, dauerte es mehr als zwei Wochen, bis er identifiziert werden konnte.
Es handelte sich um Jack Peters, Obdachloser aus Edinburgh und seit Wochen verschwunden. Sein Kumpel, Dave Plummer, blieb jedoch weiter verschwunden. Wie sich später herausstellte, war er in der Nachbarzelle festgehalten und vor gut einer Woche abgeholt worden. Aber das, sollte erst alles später heraus kommen.
Denn bis jetzt war es noch kein Fall für Special-Superintendentin Kathy McGore, denn die befand sich zu dieser Zeit noch in Urlaub.
Edinburgh im August, das heißt herrliches sonniges Wetter, übervolle Hotels und Pensionen, jede Menge an Touristen und Urlaubern, volle Strände und für die Polizei einen rapiden Anstieg von Taschendiebstählen und Einbrüchen. Also nichts Besonderes. Und schon gar nichts für Kathy McGore. Alles war so wie immer. Und so hatte sie die Zeit genutzt und war mit ihrer neuen kleinen Familie in den Urlaub gefahren. Zwei Wochen wandern in den Bergen. Und die waren heute vorbei.
Es war Sonntag, kurz vor 19.00 Uhr. Kathy, Paul und die junge Hündin Princess waren gerade von ihrem ersten gemeinsamen Urlaub in ihr beschauliches Heim am Stadtrand von Edinburgh zurückgekehrt. Kaum stand das Auto, wurde auch schon die hintere Tür aufgerissen und der Hund schoss aus dem Wagen, sprang über die Pforte und rannte in eine Ecke des Gartens, um sich dort zu erleichtern. Während dessen stürmte Paul in das Bad. Also blieb es wie immer an Kathy hängen, das Gepäck ins Haus zu schleppen. „Natürlich helfe ich dir, ist doch kein Ding“, hatte Paul noch vor Minuten getönt. Und jetzt saßen er und Princess bereits in dem breiten Lieblingssessel der beiden und zappte sich durch mehr als dreißig Kanäle des Fernsehers. „He, komm her, das musst du sehen. Zwei Tote bei einem Karussell-Unfall in Perth! Wahnsinn!“ „Würde ich ja gerne, mein Schatz, aber das Auto leert sich nicht von alleine. Könnte der gnädige Herr die Güte besitzen und mir, verdammt noch mal, helfen?“ „Ja gleich. Ich will nur noch die Fußballergebnisse sehen.“ „Welchen Teil von jetzt und sofort haben seine Lordschaft nicht verstanden? Denke dran, ich bin Waffenträger.“
Beim letzten Teil des Satzes nahm ihre Stimme einen leicht bedrohlichen Klang an. „O.k., ich komme.“ Damit stürzte Paul aus dem Zimmer und gab Kathy, die sich noch immer mit den Koffern plagte, einen flüchtigen Kuss.
Danach stürzte er in Richtung Auto. Vorher nuschelte er noch etwas, das wie „Ich hab dich lieb“ klang. Princess, nun fast schon ein Jahr alt, sprang übermütig neben ihm her. Im Nu hatte er die restlichen Sachen aus dem Mini geladen und da passierte es. Der Hund entdeckte sein Lieblingsspielzeug Einen gelben Gummi-Ball. Den schnappte sie sich und jagte damit die Straße entlang. „Nein Princess! Jetzt nicht. Los, komm zurück! Bitte!“ Zum Glück war zu dieser Zeit kein anderes Auto in der Straße unterwegs und so konnte er sicher sein, dass sein Hund nicht überfahren wird. „Komm zurück, los!“ Kathy stand amüsiert am Gartenzaun und beobachtete Paul, wie der krampfhaft versuchte, dem Hund Gehorsam beizubringen. „Da wirst du wohl selber laufen müssen, mein Lieber.“ Paul maulte noch eine Weile herum, dann warf er die Sachen wieder ins Auto und rannte dem Hund hinterher. Die hatte nur darauf gewartet und war nun der festen Überzeugung, dass Herrchen mit ihr spielen wollte. So niedlich das auch aussah, es zwang Kathy, das Auto weiter allein auszuladen. Endlich, nach fast zwanzig Minuten, raste der Hund, immer noch mit dem Ball in der Schnauze, zurück in den Garten und versteckte sich unter der kleinen Gartenbank. Das war ihr Lieblingsplatz, wenn sie ausspannen wollte. Kurze Zeit später erreichte auch Paul den Garten. Er war völlig außer Atem und ließ sich erschöpft auf die Bank fallen. Kathy hatte inzwischen Limonade gemacht und kam mit einem großen Glas in den Garten. „Hier, mein Held. Und Glückwunsch, die Kleine hört ja aufs Wort. Nur nicht aufs erste. Fast so wie du. In einer Stunde gibt es Abendbrot. Ich will nur noch schnell meine Post durchgehen und dann fange ich sofort an. Was hältst du inzwischen von einer Dusche? Du riechst, mein Kind. Wie dein Hund. Nur die darf das.“ Damit strich sie ihm liebevoll über den Kopf und verschwand im Haus.
Paul trank das Glas in einem Zug aus. Dann steckte er seinen Kopf unter die Bank. „Und jetzt zu dir, meine Liebe. Das eben war ja wohl nichts, oder?“ Weiter konnte er nicht mit ihr schimpfen, denn er sah in das süßeste Hundegesicht, das der liebe Gott je erschaffen hatte. Gerade wollte er noch etwas sagen, da leckte ihre weiche Zunge ihm sanft über das Gesicht. Wer konnte so einem Tier da noch böse sein? Paul seufzte tief, was der Hund als Zeichen dafür sah, auf seinen Schoß zu springen. Rasch rollte sie sich zusammen und kurze Zeit später befand sie sich im Land der „Hundeträume“. Auch Paul machte es sich bequem und bald schnarchten beide um die Wette. Kathy saß an ihrem Schreibtisch und wühlte sich durch einen Berg von E-Mails und einigen Briefen. In den Tageslisten der Polizeizentrale Edinburgh, die ihr regelmäßig zugesendet werden, war alles aufgelistet, was die Kollegen zur Zeit in Atem hielt. Neben zwei, bereits aufgeklärten Morden, mehreren bandenmäßigen Einbrüchen, diversen Autodiebstählen, war nichts dabei, was Kathys Interesse weckte. Aber das sollte sich bald ändern. „Was hattest du vorhin von einem Unfall mit zwei Toten erzählt!“, rief sie in Pauls Richtung. Doch sie erhielt keine Antwort. „Hey, was ist mit dir?“ Sie ging in den Garten und musste lächeln. Paul lag mit dem Hund im Arm auf der Bank und beide schnarchten um die Wette. Für einen Moment dachte sie daran, Paul ins Bett zu bringen, doch dann wollte sie die beiden nicht stören. In diesem Moment begann ihr Telefon zu vibrieren. Tom Morgan, ihr Freund und Kollege aus der Zentrale war dran. „Hey, Willkommen, ihr seid also zurück. Habt ihr euch gut erholt? Du hast uns gefehlt, meine Liebe.“ „Ich danke dir. Wir sind erst gut eine Stunde wieder hier. Paul und der Hund schlafen schon. Zwei Wochen wandern im Gebirge haben beide total geschafft. Doch ich denke, die Fernseh- und Computerabstinenz war für Paul schlimmer als die vielen Berge. Und eines steht schon mal fest, das nächste Mal geht es an die See.“ „Tja, so ist eben Urlaub mit der Familie. Glaube mir, ich kann davon ein Lied singen. Wenn es nichts weiter gibt, dann sehen wir uns morgen. Bis dann, bye.“
Hätte sie ihm von ihrem Entschluss erzählen sollen? Doch er würde es noch früh genug erfahren. Kathy legte auf und beschloss den Unfall zu „googeln“. Sie wusste nicht warum, aber irgendetwas daran zog sie unmerklich an. Schnell fand sie den Vorgang. Danach war am Freitag letzter Woche, kurz
Kathy saß seit Stunden an ihrem kleinen Tisch im Garten. Sie genoss es, in Ruhe eine Zigarette zu rauchen und ihren geliebten schwarzen Kaffee zu schlürfen. So mancher Fall wurde hier schon durch Nachdenken und den einen oder anderen guten Whiskey gelöst. Oder sie ließ einfach nur ihre Gedanken schweifen.
Das Ergebnis ihrer Überlegungen der letzten Stunden lag nun in Form von zwei Briefen vor ihr. Einer gerichtet an den Innenminister Lewitt McLower und der andere an Chief Simon, ihrem einzigen Vorgesetzten im Polizeiapparat. In beiden befand sich ihre Bitte um teilweise Entlassung als Special Superintendent für besondere Fälle, versehen mit besonderen Vollmachten. Ihr Kollege und Freund Tom Morgan nannte das immer scherzhaft „den Gesetz-Freibrief“. So, als wäre sie eine Art weiblicher James Bond. Und genau den wollte sie jetzt in Rente schicken. Und als Grund hatte sie ihre neue und noch junge Beziehung zu ihrem Jungen genannt. Denn Paul lebte erst seit gut einem Jahr bei ihr. Seit dem Moment, als seine Mutter, ermordet von einer Irren, in ihren Armen gestorben war. Damals hatte sie Ann versprochen, sich um ihn zu kümmern.
Sie hatte die letzten zwei Wochen Urlaub mit Paul dazu genutzt, um die Prioritäten in ihrem Leben neu zu ordnen. Dabei befand sie sich mit Mitte vierzig auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.
Sie hatte tolle Kollegen, bekam die spannendsten Fälle, verdiente gutes Geld und konnte sich ihre Arbeitszeit frei einteilen. Niemand redete ihr rein, abgesehen vom Innenminister. Und doch, seitdem sie vor gut einem Jahr Mutter eines pubertierenden Teenagers geworden war, erwischte sie sich immer öfter dabei, mehr Zeit für den Jungen zu suchen, ja zu wollen. Und genau das, wollte sie jetzt auch von ihren Vorgesetzten einfordern. Nach der Ermordung von Pauls Mutter, hatte sie geschworen, sich um den Jungen zu kümmern. Doch wie konnte sie das, wenn sie Tag und Nacht einige der schlimmsten und „durchgeknalltesten“ Verbrecher Schottlands jagte? Wenn sie immer auf der Hut sein musste, sich nicht im Fadenkreuz eines Serienmörders zu befinden und deshalb mit einer Weste zu schlafen und einen schussbereiten Revolver unter dem Kopfkissen zu haben. So lange sie allein war, O.k., da war ihr das egal. Doch jetzt? Doch was wäre die Alternative? Ein Schreibtischjob, irgendwo im Polizeiapparat, mit geregelter Arbeitszeit und überschaubarem Gefahrenpotential? Oder wie die anderen Superintendenten, die als Abteilungsleiter die Arbeit lediglich weiter delegierten? Oder sie jagte in Zukunft nur noch Fahrraddiebe und kleine Ganoven. Bei dem Gedanken lief ihr ein Schauer über den Rücken. Denn das war es nicht, warum sie damals zur Polizei gegangen war.
Schon als junge Polizeianwärterin wollte sie genau das werden, was sie jetzt erreicht hatte. Ein Top-Bulle mit fast unbegrenzten Vollmachten. Genau fünfundzwanzig Jahre hatte sie dafür gebraucht.
Und doch musste sie jetzt einiges in ihrem Leben ändern, denn der Junge durfte nicht noch mal solch ein Trauma erleben. Das würde er nicht verkraften. Und sie auch nicht.
Vielleicht sollte sie sich eine Auszeit gönnen und eine gewisse Zeit lang etwas „kleinere Brötchen“ backen? Das wäre doch eine Alternative? Oder sich zur Verkehrsüberwachung versetzen lassen? An der Stelle musste sie selber lachen. Egal wie auch immer, sie würde die Briefe weiterleiten und dann mit Chief Simon reden. Er musste ihr helfen. Nur keine Verkehrsüberwachung!
Am frühen Morgen fuhr Kathy zunächst Paul in die Schule, was er sichtlich genoss, denn es kam nicht mehr so oft vor. Nur das mit dem Abschiedskuss vor seinen Freunden musste er ihr noch abgewöhnen. Danach traf sie gegen neun in der Polizeizentrale von Edinburgh ein. Vor dem Eingang begegnete sie Inspektor Bernett, der gedankenverloren und in Eile das Haus verließ. „Hey Berry!“, rief Kathy. Doch Lesly war in Gedanken versunken und schien sie nicht zu hören. Sie mochte den freundlichen kleinen Mann, der sein ganzes Leben das Archiv in der Zentrale verwaltet hatte. „Wer weiß, welche Laus ihm heute über die Leber gelaufen war.“ Langsam schlenderte sie in den zweiten Stock. Sie wollte als Erstes mit Tom reden und ihm ihren Entschluss mitteilen. Kaum angekommen, traf sie auf den Chief. „Ausgerechnet der“, dachte sie sich. „Hallo Kathy! Sie sehen einfach blendend aus. Richtig erholt. Wie geht es dem Jungen? Äh, Tom war doch der Name, oder?“ „Paul, Sir. Paul.“ „Genau, Paul. Ich freue mich, dass ich es bin, der Sie überraschen darf.“ „Sie wollen mich überraschen? Ich denke, ich habe da eine größere Überraschung für Sie, Sir.“ „Ja, ja aber jetzt kommen Sie, meine Liebe.“ Damit umarmte er Kathy an der Schulter, etwas, das er vorher noch nie gemacht hatte und drängte sie zu dem Büro, das sich an das ihres Kollegen anschloss. „Hier, sehen Sie mal, ihr Name.“ Und tatsächlich, an der Tür stand Superintendent Kathy McGore. „Das mit dem >Special< lassen wir lieber. Und hier“, damit öffnete er die Tür, „ist ab sofort Ihr Reich. Na, was sagen Sie?“ Kathy wusste zunächst gar nicht, was sie sagen sollte. An einem Schreibtisch saß Liz Taylor mit leuchtenden Augen und einem viel zu kurzen knallroten Kleid. Wie ein abgerichteter Terrier, der sich auf sein Herrchen freut, dachte sie im Stillen.
Kathy hatte die Kollegin bei der Arbeit an dem letzten Serienmörder-Fall kennengelernt. Eine ehemalige Mitschülerin hatte versucht, ihre halbe Schulklasse zu töten. Dabei war sie nur um Haaresbreite einer Kugel entgangen. „Hallo, Miss McGore!“, rief Liz etwas künstlich, sprang auf und kam freudestrahlend auf sie zu. „Herzlich willkommen, Mam. Ich habe von meiner Versetzung zu Ihnen erst heute Morgen erfahren. Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie sehr ich mich freue. Kaffee oder lieber Tee, Mam?“, säuselte sie mit honigsüßer Stimme. Chief Simons stand immer noch breit lächelnd hinter ihr. „Und hier, das ist Ihr Büro.“ Damit öffnete er den großen Nebenraum und Kathy starrte in ein Meer voller Rosen. Der ganze Raum war mit einer großflächigen Rosentapete beklebt. Kathy hasste Rosen. Die Büromöbel, alle im Stil der 70er Jahre, müssen aus dem Fundus des Hauses hierher geschafft worden sein. Kathy schluckte, denn sie befand sich eindeutig in der Deko-Hölle. „Ich lasse Sie dann mal allein. Ach so, es wäre schön, wenn Sie nachher mal bei mir vorbeischauen könnten.“ Liz stand mit leuchtenden Augen hinter ihr. „Und Mam, gefällt es Ihnen? Noch ein paar Pflanzen und Sie werden begeistert sein.“ Endlich fand Kathy ihre Stimme wieder. „Miss Taylor. Drei Dinge für den Anfang: Erstens, wo ist mein Aschenbecher? Zweitens, sagen Sie noch mal Mam zu mir, haben Sie Ihre Rückversetzung schneller auf dem Tisch als Sie denken können und drittens, ich will, dass dieses grausame Blumenmuster verschwindet. Haben wir uns da verstanden?“ Liz war sprachlos, aber nur für einen kurzen Moment. „Übertapezieren oder streichen?“ „Wie Sie das machen, ist mir völlig egal. Nur bitte schnell. Wenn Sie mich suchen, ich bin bei Tom und dann beim Chief.“ Schon fast aus der Tür, kam sie noch mal zurück. „Bitte Liz, warten Sie noch mit der Umgestaltung. Es kann sein, dass unsere Zusammenarbeit schneller endet, als sie begonnen hat.“
Damit verließ sie das Zimmer und ließ eine völlig konsternierte Sekretärin zurück. „Was sollte denn das jetzt wieder heißen?“
Kathy stürmte in das Büro von Superintendent Tom Morgan, ihrem Partner, Kollegen und Freund seit vielen Jahren. Er war der Einzige, dem sie hier blind vertraute.
Der saß gerade beim Studium einiger Fallakten und war hocherfreut, seine Kollegin endlich wieder zu sehen. „He, ich grüße dich, meine Liebe. Na, wie geht es? Gut erholt? Wie geht es dem Jungen?“
Kathy grinste etwas gequält und steckte sich eine Zigarette an. „Habe ich dir das da nebenan zu verdanken?“ Tom musste lachen. „Du stehst nicht auf Rosen, hab ich recht? Der alte McTheller, von der Internen, ist letzte Woche in den Ruhestand gegangen. Apropos, Lesley Bernett ist auch verabschiedet worden.“ „Lesley? Der das Archiv verwaltet hat?“ „Genau. Nach 45 Jahren Dienstzeit hat er seine Pension redlich verdient.“ „Den habe ich gerade vor der Zentrale getroffen. Ich fand ihn immer nett.“ „Jeder mochte ihn.“ „Und was das Büro betrifft, fand ich es eine prima Idee, es für dich zu reservieren. Und da ich denke, dass du wegen Paul etwas ruhiger treten willst, fand ich, dass es auch für dich an der Zeit wäre, ein eigenes Büro zu haben. Eine Art Schlupfloch. Du wirst sehen, in ein paar Tagen hast du dich daran gewöhnt. Und die Taylor ist nicht die schlechteste, zumal sie mit meiner Betty gut kann.“
„Du ahnst nicht, wie recht du hast.“ „Wie meinst du das?“ „Nun, ich habe tatsächlich vor, etwas ruhiger zu treten.“ „Was soll das heißen? Du willst doch nicht etwa aufhören?“ „Nein, nein, das nicht. Aber ich denke daran, nicht mehr als Special-Bulle zu arbeiten. Ich muss mich mehr um Paul kümmern. Und ich möchte mich auch mehr um ihn kümmern.“ „Weiß das schon der Alte?“ „Nein, ich wollte zuerst mit dir reden.“ „Also, meine Unterstützung hast du. Aber, wie stellst du dir das praktisch vor?“ „Nun, ich werde mehr unspektakuläre Fälle übernehmen. Einbrüche, Diebstähle, Selbstmorde oder so etwas.“ „Na, da wird sich der Alte aber freuen, wenn sein bestes Pferd im Stall, entschuldige, aber das bist du nun mal, ab sofort kriminelle Idioten jagt.“ Kathy musste lachen. „Hör auf, du weißt, wie ich das meine.“ „Du hast ja recht. Als wir damals Billy, unseren ersten Sohn, bekamen, stand auch ich vor der Wahl: Familie oder Karriere“. „Aber du hast es doch geschafft, mein Lieber.“ „Mehr oder weniger. Wir haben uns arrangiert. Na, ich drücke dir jedenfalls die Daumen.“ „Ich danke dir. Woran arbeitest du zur Zeit?“ „Nichts Aufregendes. Ein paar Einbrüche und ein Selbstmord. Du wirst es nicht glauben, aber der Kerl ist von einer Eisenbahnbrücke gesprungen. Und dabei stand er schon auf den Gleisen. Hat ihm jedenfalls nicht gut getan.“ „Wie, haben wir keinen kleinen Mord?“ „Nun, es ist Sommerzeit. Da machen selbst die Ganoven Urlaub.“ „Ich werde dann mal zum Alten gehen und ihm die frohe Botschaft überbringen. Wir sehen uns nachher.“ „Bei dir oder bei mir?“ „Solange bei mir die Rosen blühen, bei dir!“ Damit küsste Kathy Tom kurz auf die Wange und verließ dessen Büro.“
Fast an der Tür, rief sie Tom nochmal zurück. „Du machst das Richtige! Lass dich nicht einschüchtern.“ „Du weist, mit wem du redest?“ Beide mussten lachen.
Im Vorzimmer des Chiefs herrschte Karen, und die war peinlich darauf bedacht, dass niemand ihren Chef mit Banalitäten belästigt. Nur bei Kathy war sie sich nie ganz sicher. Sie wusste, dass sie auf Grund ihres Sonderstatus auch Sondervollmachten besaß. Und so lächelten sich die Damen nur kurz an. Es war ein sehr verkrampftes Lächeln. „Und, einen schönen Urlaub gehabt? Sie sehen gut aus.“ „Ich danke ihnen, Karen. Ich würde dann gerne…“ „Einen Moment noch, Miss.“
„Miss McGore wäre jetzt da, Sir!“, flötete sie in die Wechselsprechanlage. „Soll reinkommen.“ Mit ihrem Stift deutete sie auf die Tür. „Sie können jetzt rein.“ „Ich danke ihnen, meine Liebe.“ „Immer wieder gern Miss McGore.“ Damit verschwand Kathy im Zimmer des Chiefs.
„Und, was sagen Sie zu Ihrem neuen Büro?“ „Ich bin begeistert, Sir.“ „Mit etwas Farbe und ein paar Grünpflanzen…“ „Danke Sir, ich werde es mir schon gemütlich machen.“ „Kommen wir gleich zur Arbeit.“
„Verzeihen Sie bitte, aber ich habe für mich eine Entscheidung getroffen, was meine weitere Arbeit hier betrifft. Bitte lesen Sie, Sir.“ Der Chief erstarrte, denn er mochte keine Mitteilungen, die so begannen. Kathy schob ihm ihr Veränderungsgesuch über den Tisch.
Er öffnete das Schreiben und studierte es aufmerksam. Ein tiefes Seufzen machte Kathy klar, dass er damit wohl nicht gerechnet hatte. Schließlich legte er den Brief zur Seite und sah Kathy eine Weile an. Sein Blick war ernst und doch irgendwie unendlich traurig. Dann stand er auf, steckte seine Hände in die Taschen und ging langsam zu der großen Fensterfront in seinem Büro. „Sie wollen also aufhören? Ich kann das nicht akzeptieren. Hören Sie! Noch nicht.“ „Aber Sir, ich will doch nicht aufhören, nur etwas kürzer treten. Ich habe mir das lange und gründlich überlegt. Ich will mir später nicht vorwerfen müssen, den Jungen vernachlässigt zu haben.“ Der Chief stand immer noch am Fenster und starrte über die Altstadt von Edinburgh. Kathy hatte angenommen, dass der Alte herumbrüllen würde. Doch im Gegenteil, er war jetzt ganz ruhig. „Wissen Sie, Kathy, als Ihre Freundin ermordet wurde und Sie sich entschlossen den Jungen aufzunehmen, war mir schon klar, dass irgendwann der Tag kommen würde, da ich meine beste Polizistin verlieren werde.“ „Aber Sir, Sie verlieren mich doch nicht. Ich will mich nur mehr um den Jungen kümmern können.“
„Bitte, halten Sie den Mund und hören mir einfach mal zu. Wissen Sie, ich bin auch Vater. Und auch wenn Sie es nicht glauben, meine Frau und ich haben oft überlegt, ob ich aufhöre, mich versetzen lasse oder weiter mache? Doch dann haben wir uns dazu entschlossen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und uns der Aufgabe zu stellen. Heute haben wir drei wunderbare Kinder und ich bin ich stolzer Opa von zwei bezaubernden Enkeln. Und ich will nichts davon missen. Wissen Sie, was Ihnen fehlt?“ „Mehr Zeit?“ „Nein, ein Mann. Glauben Sie mir, zu zweit ist alles leichter. Und auch wenn Sie es mir nicht glauben, ich bin gar nicht so ein harter Hund wie alle meinen. Nur, ich habe einen riesigen Apparat zu leiten. Und ich bin verantwortlich für fast sechstausend Polizisten. Und Sie sind eine davon Eine der besten. Und ich will Sie nicht verlieren. Passen Sie auf, ich mache Ihnen ein Angebot. Wir machen einen Deal, wenn Sie so wollen. Sie erhalten in den nächsten, sagen wir zwölf Monaten, ausschließlich Bagatellfälle. Ich nehme Sie sozusagen aus der Frontlinie. Damit haben Sie dann mehr Zeit für den Jungen. Und Sie laden mich in genau einem Jahr zu Ihrer Hochzeit ein, als Trauzeuge. Einverstanden?“ Kathy musste lächeln. „Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis, Sir.
Und ich werde mich bemühen, was den Mann betrifft.“ „Das kann doch nicht so schwer sein. Sie sind doch eine attraktive Frau. Ihre Sondervollmachten legen wir so lange auf Eis. Haben Sie schon mit jemanden über Ihren Entschluss gesprochen?“ „Nur mit Tom.“ „Das habe ich mir dachte. Aber das kläre ich. Hören Sie, meine Liebe, dieses Gespräch hier bleibt unter uns, o.k.?“ Kathy nickte. „O.k., Sir!“ „Sie haben hier nicht nur Freunde, leider.“ „Ich weiß, Sir.“ Oberst Simon faltete das Schreiben von Kathy sorgfältig zusammen und legte es in seinem Tresor.
„So, meine Liebe. Zur Zeit ist nicht viel los. Ich hätte hier eine Einbruchserie, einen LKW-Diebstahl und einen netten Selbstmord in Welles. Was wollen Sie übernehmen? Der Selbstmord ist im Übrigen schon fast abgeschlossen.“
„Geben Sie den Einbruch und den Diebstahl an Fines von der Spezialabteilung für Raub und ich werde mich um den Selbstmord kümmern.“ O.k., hier ist die Akte.“ „Sagen Sie, Sir, ich habe da etwas von einem Rummel-Unfall in Perth gehört?“ „Richtig. Sehr tragische Sache. Zwei 16jährige Mädchen sind dabei tödlich verunglückt. Ist bereits zu den Akten gelegt worden. Hat im Übrigen ihr junger Kollege Frank Jones bearbeitet. Erinnern Sie sich noch an ihn? Mit dem hatten Sie doch bei dem Raub der Kronjuwelen zu tun?“ „Guter Mann, Sir. O.k., ich mache mich dann an die Arbeit. Ich denke, Sie haben in spätestens zwei Tagen meinen Bericht auf Ihrem Tisch.“ Dabei deute sie auf die Fall-Akte in ihrer Hand. „Ich habe ja jetzt ein Büro und eine Sekretärin, Sir. Bis dann.“ Damit wollte sie gerade sein Büro verlassen. „Äh, Kathy, lassen Sie sich ruhig Zeit. Denken Sie an unseren Deal.“ „Alles klar, Sir. Äh, beinahe hätte ich es vergessen. Ich habe ein Duplikat dieses Schreibens an den Innenminister geschickt. Sorry.“ „Auch das noch. Gehen Sie jetzt. Ich werde das schon irgendwie klären.“ „Danke, Sir!“, rief Kathy und verschwand. Eine Stunde später rief der Innenminister bei Chief Simon an und fragte nach, was es wohl zu bedeuten hätte, dass seine Vorzeigepolizistin das Handtuch schmeißt…
Der Oberst log, dass sich die Balken bogen. Bis er den Innenminister endlich davon überzeugt hatte, dass das Ganze auf einem bedauerlichen Irrtum beruhte. Kaum hatte er aufgelegt genehmigte er sich einen großen Whiskey. Den hatte er sich jetzt redlich verdient.
Kathy lächelte und verschwand in Richtung ihres neuen Büros.
„Machen Sie mir bitte einen Kaffee und dann kommen Sie zu mir rüber.“ Kathy warf ihre Lederjacke auf einen der Stühle, setzte sich hinter den monströsen Schreibtisch. „Das Ding kommt als erstes raus“, dachte sie sich und rief ihre Mutter an.
„Hallo Mam! Du wirst nicht glauben, wo ich gerade sitze. In meinem eigenen Büro, hinter meinem eigenen Schreibtisch. Genau, deine Tochter hat es geschafft. Bin jetzt Bulle mit Büro, Klasse was? Aber was anderes. Ich würde mich freuen, wenn wir heute zusammen essen könnten. Nein, es ist nichts passiert. Alles ist gut. Ja, auch Paul geht es gut. Aber, ich habe eine Entscheidung getroffen. Und darüber möchte ich mit euch reden. Ach so, und dann habe ich den dienstlichen Befehl erhalten, mir endlich einen Mann zu suchen.“ Absolute Stille herrschte in der Leitung. „Mam? Hallo, bist du noch da? Nein, das ist kein Scherz. Ich werde dir das heute Abend erklären. Also, um acht bei uns zum Essen? Wir gehen vorher noch zum Training. Eishockey. Ja natürlich mit Paul. Bis dann, ich hab dich lieb.“
Nach dem Telefonat mit ihrer Mutter fühlte sie sich irgendwie erleichtert. Sie zündete sich eine ihrer stinkenden Zigaretten an und blies den Rauch genüsslich in die Luft. Dann vertiefte sie sich in die schmale Akte. So würden sie jetzt also aussehen. Ihre Fälle.
Danach fand am gestrigen Tag eine 69jährie Mutter ihren Sohn (48) tot in seinem Haus. Name des Toten: Mike Lenox. Das Ganze passierte in Welles, einer kleinen Gemeinde am Stadtrand von Edinburgh. Beide waren, wie an jedem Sonntag, zum Mittagessen verabredet. Doch als er nicht kam, ging die Mutter nachsehen und fand ihn tot auf dem Dachboden. Erhängt an einem Balken. Ein umgestoßener Hocker und ein Abschiedsbrief untermauerten die Selbstmordtheorie.
Der Mann war seit Jahren arbeitslos und gehörte dem Trinker-Milieu an. Er galt bei allen als aggressiver Sonderling, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Kurzum, das tragische Ende eines verpfuschten Lebens. „Hier gibt’s nicht viel zu ermitteln“, dachte sie sich. „Ja, solche Fälle sagten ihr zu. Schnelle Lösungen bei minimalem Aufwand. „Ist der Kaffee fertig?“
In diesem Moment betrat Liz das Büro. Sie deckte den Tisch für zwei und hatte sogar, woher auch immer, einen Aschenbecher aufgetrieben. Kathy kostete den Kaffee und lächelte entspannt.
„Mit dem Kaffee, meine Liebe, werden wir noch gute Freunde. Folgendes, ich möchte, dass, wenn wir unter uns sind, Sie Kathy zu mir sagen. Ansonsten Miss McGore. Und wenn es Sie nicht stört, werde ich Sie mit Liz oder Miss Taylor ansprechen. Je nachdem, wie ich drauf bin. Sie werden meinen Kalender und meine Unterlagen führen und mir ein wenig den Rücken freihalten. Was das bedeutet, werden sie schon noch merken. Meine Arbeitsweise ist ein bisschen anders, wie die meiner Kollegen. Auch das werden sie noch merken.
Und jetzt bestellen Sie mir diesen Sergant Blower und Police Constable King zu 15.00 Uhr, in mein Büro. Die sollen alles mitbringen, was den Fall Lenox betrifft. Ach so, und ich benötige dringend den Bericht des Arztes. Ich denke mal, dass er mit der Obduktion inzwischen fertig ist. Und jetzt hätte ich gern einen Wagen nach Welles.“ Liz strahlte. „Unser erster gemeinsamer Fall“, murmelte sie vor sich hin. „Ein Selbstmord in Welles, falls es überhaupt ein Fall ist.“ Man merkte Kathy deutlich an, dass dieser Fall nicht ihr volles Interesse besaß. „Und das mit den Rosen behalten Sie bitte im Auge.“ „Alles klar, Kathy.“ „Na sehen Sie, geht doch.“ In diesem Moment meldete der Wachhabende, dass der bestellte Wagen vor dem Gebäude auf sie wartet. „Ich fahre jetzt. Wenn was ist, Sie erreichen mich auf dem Handy. Die Nummer ist bekannt?“ „Aber natürlich Mam, äh Miss Super, äh Kathy.“ „O.k., ich haue dann ab.“ „Ach Kathy, es macht mir nichts aus, täglich länger für Sie zu arbeiten.“ „Gut zu wissen, Liz. Aber ich denke, das müssen Sie nicht. Aber trotzdem, danke.“ Damit verschwand sie aus dem Büro, kam aber kurz darauf noch mal zurück. „Ach so, herzlich willkommen und auf eine gute Zusammenarbeit. Sie werden sehen, das klappt schon mit uns.“ Damit verschwand sie nun endgültig. Liz strahlte. „Ich muss sofort mit Betty reden“, dachte sie sich und rief bei ihrer Freundin im Nebenzimmer an. Es dauerte nicht lange und die beiden Sekretärinnen saßen gemütlich in Kathys Büro schnatterten wie die Enten.
Draußen warf sich Kathy in den Fond des wartenden Wagens und gab dem Fahrer den Zielort: Welles.
Knapp dreißig Minuten später erreichte das Auto die Stadtgrenze. Weite Raps- und Gerstenfelder, unterbrochen von saftigen Wiesen, auf denen dutzende der berühmten Angus-Rinder weideten, wechselten mit tiefgrünen Wäldern und zahllosen Seen. „Hier zu leben, muss wunderbar sein“, dachte sie sich.
„Hier will ich nicht begraben sein. Gott, wie trostlos. Hier kann man sich doch nur erhängen“, murmelte der Fahrer. „Bitte behalten Sie ihre Meinung für sich!“, fuhr ihn Kathy an. „Jawohl, Mam.“ Sie war gerade in melancholischer Stimmung und die wollte sie sich nicht verderben lassen. Vielleicht würde sie auch eines Tages aufs Land ziehen? Und warum dann nicht hierher, nach Welles? Von hier könnte sie sogar täglich in die Zentrale fahren. Andererseits wäre das noch lange hin.
Und der Fahrer hatte irgendwie recht… Jetzt um diese Jahreszeit zeigte sich Schottland von seiner schönsten und angenehmsten Seite. Denn, wenn erst die Herbststürme über das Land fegten, dann konnte es hier schnell ungemütlich werden.
Die Straße nach Welles war gerade neu ausgebaut worden und so erreichten sie knapp fünfzehn Minuten später das kleine Dörfchen.
